check out / lock out / freeze out. (1)

Sonntagmorgen in den Sarntaler Alpen. Zapfige 4 Grad, scheußlicher Dauerregen. Vom Schlern sieht man überhaupt nichts mehr. Das Rittner Horn, auf dem man tags zuvor noch mit dünnem Jäckchen in der Sonne herumsprang, ist bereits dick eingeschneit.

D. und ich packen unsere Koffer. Das liebestolle Fräulein beäugt uns dabei kritisch und wimmert ein bisschen vor sich hin, so wie schon die halbe Nacht lang. Unten in der urigen Hofküche, mit einem Interieur, als wäre die Zeit im vorigen Jahrhundert einfach stehengeblieben, bezahlen wir die bescheidene Zeche, die uns die Bäuerin für den viertägigen Aufenthalt berechnet. Aus dem Küchenradio erschallt derweil die Sonntagsmesse, live aus dem Brixener Dom. Hier heroben hat man halt nicht viel mehr außer dem Glauben, dem Acker, den Obstbäumen und ein paar Milchkühen, die noch übriggeblieben sind von der einst stattlichen Herde. Zum Abschied schenkt die Bäuerin jeder von uns ein Glas selbstgemachte Marmelade, wir schenken ihr ein Trinkgeld und zwei Mitbringsel aus München. Es ist einer dieser Abschiede, bei denen man sogar ein „Gott beschütze euch!“ trotz der sonst atheistischen Grundhaltung problemlos annehmen könnte.

Fröstelnd steigen wir ins Auto, vor allem das Dackelfräulein bibbert herzergreifend und will sich gar nicht auf ihrer Wolldecke ablegen. Langsam und vorsichtig kurven wir die engen, nebligen Bergsträßchen hinunter ins Eisacktal. Nach wenigen Minuten ist das Auto warm und unsere verregnete Kleidung trocknet bereits, der Sitzheizung sei Dank (und mir ebenfalls, weil ich die beim neuen Auto diesmal auch für die Rückbank geordert habe, denn die Hundedame friert seit letztem Winter doch merklich schneller und das muss ja nicht sein). Die verzärtelten Städterinnen reisen nun also mit wohligwarmem Gesäß heimwärts.

Zwischenstopp in Franzensfeste, für einen anderthalbstündigen Museumsbesuch. Länger kann man das Fräulein (trotz vorheriger Sitzbeheizung) bei den Außentemperaturen nicht guten Gewissens im Auto lassen.

Die Sonderausstellung trägt den Titel „Lockout“ und ich bin auch mit einem Tag Abstand zu diesem Erlebnis nicht in der Lage, Ihnen zu sagen, was mich mehr beeindruckt hat: die Exponate oder die Atmosphäre und Architektur des Gebäudes, in dem sie präsentiert wurden.

Selten eine solche Kongruenz zwischen Ausstellungthema und Museumsräumlichkeiten gesehen und gespürt.

Und auch das Wetter hätte passender nicht sein können – ein Blick durch die vergitterten Fenster in den düsteren Festungsinnenhof oder auf die schneebedeckten Berghänge rund um Franzensfeste ergänzt das Lockout-Feeling geradezu perfekt.

Das ganze Gelände ein Eldorado für Fotografen, zu denen ich mich zwar nicht im Entferntesten zähle, und dennoch hab ich mich schwarz geärgert, dass die gute Sony-Kamera daheim in München lag (es war eben wirklich ein sehr spontaner und überstürzter Aufbruch am vergangenen Mittwoch, neben dem Fotoapparat vermisste ich noch: die Zeckenzange, eine lange Unterhose und mein Schweizer Taschenmesser).

Sollten Sie noch irgendwie die Gelegenheit finden, sich diesen Lockout vor Ausstellungsende am 8. November (bzw. den nächsten Reisewarnungen oder weiter ansteigenden Infektionszahlen in Italien etc.) anzusehen, ergreifen Sie sie! So präsent das Virus in den Kunstwerken auch ist – die Ansteckungsgefahr beim Museumsbesuch dürfte ausgesprochen gering sein: riesige Räume, gut belüftet, vorgegebene Laufrichtung, begrenzte Besucherzahl – und die Italiener sind ohnehin recht vorbildlich, was das Einhalten der Hygieneregeln angeht. Ich hab’s ja sonst nicht so mit den Italienern – zu laut & zu schnell (das Sprechen), zu breit & zu opulent (die Aussprache) -, aber hier taugen sie durchaus mal zum Vorbild.

Mein Tipp: Warm anziehen, am Tag vorher keinen Alcatraz-Streifen angucken, bei psychischen Beschwerden lieber einen sonnigen Tag für die Fahrt nach Franzensfeste wählen und ruhig mehr als anderthalb Stunden Zeit für die Ausstellung mitbringen (ergo: den Hund besser daheim lassen).

Von Franzensfeste fahren wir anschließend weiter über den Brenner (1 Grad, leichter Schneefall, gottseidank wenig Verkehr), durchs Inntal (die Tuxer Alpen zur Rechten, das Karwendel zur Linken, alles im oberen Drittel weiß bepudert) und via Achensee (nochmals Gassigehen mit dem Fräulein) heim nach München, wo der out-of-Rosenheim gut erholte Gatte uns schon freudig erwartet.

Beinahe eine Reise durch drei Jahreszeiten, diese vier Tage. Schön war’s!

(Der Übersichtlichkeit/Wirkung halber teile ich das Bildmaterial in drei Häppchen auf – bleiben Sie also dran, wenn Sie’s interessiert, morgen geht’s weiter.)

3 Gedanken zu „check out / lock out / freeze out. (1)

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