Zwischen Lodenmantel und Laubhaufen oder: Das Landleben.

Seit 36 Stunden spiele ich Hausbesitzer.
Mit dem (Zwischen-)Fazit, dass es zwar großartig ist, mal ganz allein in diesem Haus zu wohnen (der morgendliche Blick aus dem Dachstudio auf den verschneiten Wallberg kommt mir gleich noch schöner vor, wenn ich weiß, dass mich im Erdgeschoss keine Dauerbeschallung erwartet) – ertappe mich sogar bei dem Gedanken, was ich hier alles verändern könnte, wenn ich die Hütte erben würde (unnütze Fantasterein, da die Immobilie ja nicht dem Papa gehört) – dass ich summa summarum aber einen miserablen Hausbesitzer abgäbe.

Ständig diese Lauferei, weil irgendeine Utensilie im Dachgeschoss liegt, man selbst aber gerade im Keller steht und genau dieses Trumm jetzt braucht, man ist dauernd am Überlegen und Herumschleppen (oder legt sich das Zeug, das hoch/runter muss für den nächsten Gang an den Treppenabsatz, hätte ich das täglich, so würde mir das wohl einen erheblichen Teil meiner Energie rauben, die ich doch lieber am Berg oder im Wasser auslebe als in einem Haus), oder die alltägliche Instandhaltung, die vier Wohnebenen halt so mit sich bringen (dabei ist das hier noch nicht mal ein großes Haus), und dann: der Garten (und auch der ist nicht mal allzu groß).

Als ich den thermalbadenden Papa in Italien anrufe und frage, ob ich, wenn ich denn schon hier reisidiere, damit daheim in München der Badewannenlack trocknen kann, irgendwas erledigen könne (neben dem Einkauf von ein paar Vorräten, damit die beiden Heimkehrer in ihrer Quarantäne was zu Essen haben), erwähnt er den Ahornbaum im Garten bzw. das Laub, dessen er sich entledigt hat. „Du könntest das Laub ein bisschen zusammenrechen und zur Hecke hin schieben“ , meint er, und ich sage fröhlich und pflichtbewusst: „Ja, mach ich doch gern!“ . Ich mache es auch, allerdings schon nach den ersten 60 Minuten nicht mehr gern, sondern mit zunehmendem Ziehen im unteren Rücken, und nach 75 Minuten – zwischenzeitlich ist es dunkel geworden – dann so ungern, dass ich den Laubhaufen erstmal neben dem Sandkastenhäuschen liegen lasse und ihm eine gute Nacht wünsche.

Nur das Draußensein bei dieser Tätigkeit, das gefällt mir sehr, und auch den Geruch der Blätter und das Vogelgezwitscher mag ich. Der Laubhaufen kommt mir riesig vor, dabei ist der Ahorn noch nicht mal komplett nackt und ich noch nicht mal komplett fertig mit dem Zusammenrechen – meine Güte, was für Blättermengen man da zu bewältigen hat wegen eines einzigen Baumes.
Bevor ich morgen Abend abreise, werde ich mein Rechenwerk noch vollenden, denn frustrierenderweise hat der Baum über Nacht schon wieder für ordentlich Nachschub gesorgt und bis morgen liegt sicher erneut die ganze Wiese voller Laub.

Was mir am Haushaben aber ausnehmend gut gefällt: keine antiautoritär erzogenen und tagsüber körperlich nicht ausgelasteten Nachbarskinder trampeln einem täglich morgens ab 6:45 Uhr auf dem Kopf herum oder nerven einen ein verregnetes Wochenende lang ununterbrochen mit ihrem Geplärre und Gepolter (fairerweise muss ich dazu sagen: auch die Eltern dieser Kinder nerven – sie hat ein Lachen, das so unecht und schrill ist, dass ich mich immer frage, ob das nicht im Hals oder in den Bronchien weh tut, so zu lachen, er ist überarbeiteter und permanent müde dreinblickender Pneumologe, wahrscheinlich flüchtet er sich wegen des Lachens seiner Frau in die Praxis und schiebt dort freiwillig Corona-Sonderschichten, wenigstens packt er ab und zu seine zwei Racker und geht mit ihnen zum Radfahren, die Mutter scheint eher die inhäusige Beschäftigung oder das Laissez-faire zu bevorzugen).

Und was auch fein ist an einem Haus: der private Zugang zur Tiefgarage durch den eigenen Keller. Ein Traum! Niemanden treffen zu müssen, den man nicht treffen wil, wenn man los will, kein unnötiger Austausch von Floskeln in Treppenhäusern, keine Höflichkeitsantworten auf dämliche Verlegenheitsfragen wie „Naaaa, alles gut bei euch?“ (und probieren Sie das bloß nicht aus, wie Ihre Nachbarn Sie angucken, wenn Sie mal antworten: „Neiiiiiiin, alles scheiße bei uns!“ , auch wenn die Tatsache, diesen Satz gesagt zu haben, Sie für den Rest des Tages mit einer Heiterkeitsschicht gegen alles, was da an Nachbarschaftskram noch kommen mag, imprägniert).
Ich mag das Diskrete, das Unaufdringliche, für mich liegt eindeutig mehr Höflichkeit darin, sich einfach nur freundlich grüßen zu dürfen/können, aber nichts weiter reden zu müssen, wenn man das gerade nicht kann/möchte.

Hätte ich ein Haus, so müsste es daher ein freistehendes sein, mit so viel Abstandswiese bis zum nächsten Gebäude, dass man nie über Laub, Grillgestank, Gartenpartys, Trampolinquietschen, Andreas-Gabalier-Songs, Hundegebell oder Kinderkreischen streiten müsste.
Gern auch gleich mit einem Waldstück oder Hügel als Diskretionswall dazwischen. Außerdem ein Haus mit freiem Blick auf unverbaute Natur, beispieslweise auf die Berge oder weite Felder oder auf einen See.
Das vereinfacht das ganze Thema enorm: von sowas kann man in Oberbayern in aller Ruhe weiterhin träumen und braucht nicht wertvolle Lebenszeit damit verplempern, sich über Eigenheimfinanzierung den Kopf zu zerbrechen (dasselbe gilt für den Wohnungskauf in all den Regionen, in denen wir gerne wohnen würden). Auch das durchaus ein Aspekt von Freiheit!
Seit Beginn der Pandemie explodieren hier die Immobilienpreise auch in den ländlichen Gegenden noch mehr als zuvor – wer kann, kauft sich ein Distanzrefugium inklusive Gartenglück und Virenvakuum.

Der gestrige Dienstag beginnt recht bewölkt und eiskalt…

Blick vom Esstisch auf den Ringberg.

…und nach einem Arbeitsvormittag am Laptop fliegen das Fräulein und ich ins Kreuther Tal aus. Wenn es von Gmund bis Rottach wolkenverhangen ist, hat sich die Sonne manchmal nur nicht hinter dem Hirschberg hervorgetraut, es lohnt sich also meist, der Weißach ein Stück gen Süden zu folgen und dort auf besseres Wetter zu hoffen.

Auf dem Weg nach Kreuth, mit Blick auf auf den verschneiten Blaubergkamm.

Eine Hoffnung, die sich erst im Laufe unserer kleinen Wanderung erfüllen wird.

Was dann auch nichts mehr hilft, denn bis dahin mussten wir zusehen, dass es uns durch Bewegung einigermaßen warm wird oder uns vom Kachelofen in der Schwarztennalm wärmen lassen.

Das Dackelfräulein ist nicht gut beieinander. Irgendwas ist anders, ihr Gangbild wirkt unrund, ihre Stimmung ebenso, nach über acht Jahren Zusammenleben sieht man’s dem Tier ja schon am Blick an, wenn irgendwas nicht stimmt, sogar wenn das Tier einen Dackelblick hat, mit dem es einen nicht selten auch gehörig hinters Licht führt.
In der Almhütte angekommen, setze ich sie samt ihrer Matte neben mir auf die Bank und denke über ihr verändertes Verhalten nach. Magen-Darm? Post-Läufigkeits-Erschöpfung? Schneematsch?

Leergefegter Parkplatz bei Kreuth-Klamm.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz fällt dann endlich der Groschen. In der ersten Viertelstunde läuft sie haklig vor mir her, teilweise mit leicht gekrümmtem Rücken. Als ich kurz stehenbleibe, um mir ein Taschentuch aus meinem Rucksack zu holen, sehe ich, wie sie abwechselnd die Vorderpfoten hebt und zittert.
Das ist völlig neu, um diese Jahreszeit und in so einer Situation. Gefroren hat sie bislang, wenn es richtig winterlich war, unter null Grad hatte und wir lange in der Kälte unterwegs waren.

Nun, da sie demnächst 9 Jahre alt wird, hat sich etwas verändert. Ein schleichender Prozess war bzw. ist das. Genau wie die Sache mit den eigenen Falten und grauen Haaren und all den anderen kleinen Zipperlein: man bemerkt es nicht sofort, sondern es dauert, bis man das als etwas registriert, das jetzt da ist und das auch dableibt.
Pippa saust schon länger nicht mehr gar so agil los, sobald sie aus dem Auto aussteigt, nach wie vor ist sie eine gute und ausdauernde Geherin, aber wenn sie erst einmal ins Frieren geraten ist, bedarf es einiger Zusatzbewegung, bis sie wieder warm wird, womit sie sich dann aber auf eine Weise auspowert, die ihr – je nach Witterung und Temperatur – nicht mehr bekommt. Der Gatte mag es nicht, wenn ich sage „Das ist das Alter!“ , aber was soll man denn sonst sagen? Es ist das Alter!

Und so bin ich tief betroffen, dass ich wohl schon ein paarmal diesen kleinen, tapferen Hund zu lang durch die Kälte gescheucht haben könnte, in dieser Saison und vielleicht auch schon in der letzten. Die Sitzheizung auf der Rückbank war genau die richtige Entscheidung, nur sollte die auch nicht dazu dienen, das durchfrorene Fräulein nun regelmäßig nach Spazierrunden aufzutauen, sondern wir brauchen eine Lösung fürs Unterwegssein in der Kälte, weshalb ich gleich auf der Heimfahrt noch bei einem Geschäft für Tierbedarf (ich meide das Wort „Hundeboutique“) anhalte und mich eine halbe Stunde zu wärmeisolierenden, wasserabweisenden Hundemänteln beraten lasse. Leider sitzt Pippa spotzdreckig im Auto und kann die Schutzkleidung nicht gleich anprobieren, ich lasse drei Teile zurücklegen für den heutigen Mittwochvormittag. Vielleicht wird es ein Stück aus Loden, ist mir wurscht, ob da jetzt irgendwer den Kopf schüttelt und spottet – ich möchte keinen Plastikschrott kaufen, sondern was Vernünftiges, das meine kleine Hundedame für den Rest ihres Lebens warmhält.

Sollten wir fündig werden, geht’s danach gleich hoch auf die Baumgartenschneid. Wenn nichts Passendes dabei ist, schlurfen wir an der Seepromenade entlang und setzen uns ein bisschen ins Café.
So lange man noch in Cafés gehen kann, wobei mir mein Schwimmbad deutlich mehr fehlen wird, man kann ja nun leider schon aus Erfahrung sprechen.

Umso wichtiger, dieser Mantelkauf, denn es wird in jeder Hinsicht ein langer, kalter Winter.

10 Gedanken zu „Zwischen Lodenmantel und Laubhaufen oder: Das Landleben.

  1. Ach, die Pippa!!! Ja, sie laufen ohne Murren einfach immer weiter, bis man es dann sieht. Ich habe ja nun auch einen halben Dackel, unfassbar süß auch meine Emma! Und da diese Hundebeine deutlich kürzer sind, als die gewohnten, bekommt sie auch was Warmes für den Winter. Der Unterboden darf ruhig etwas Schutz erfahren 🙂 Der Lodenmantel ist gewiss mächtig hübsch und passt ins Umland, wird aber doch nass, oder? Wenn der Bauch dann durch den Schnee….. Deshalb gibt es hier einen Pullover für trockene Tage und was mit Kunststoff bei Nässe.
    Ich freue mich ja an altem Baumbestand in meinem Garten, unter anderem eine ca 300 Jahre alte Eiche, die leider an der Strasse steht. So bin ich jeden Tag am Fegen und in diesem Jahr beglückt mich der Baum mit einer nie so erlebten Flut an Eicheln.
    Gegen das Laub habe ich nun all meinen Grundsätzen zum Trotz einen Laubsauger-Puster gekauft. Der häxelt die Blätter auf ein geringeres Volumen zusammen, mit dem ich wahrscheinlich besser fertig werde. Haus mit Garten muss man mögen!
    Liebe Güße nach Minga!

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    • Den Gruß nach Minga nehmen wir dankend auch am Tegernsee entgegen und grüßen herzlich zurück, aktuell frisch ummantelt auf dem Weg in die Höhe, weitere Antwort folgt dann, wenn die Baumgartenschneid überschritten und der Berggasthof erreicht wurde! 🍃🍂🍁🐕🍁🍂🍃

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    • Da bin ich nochmal.
      Zum Mantelthema: Wir haben das heute sehr zufriedenstellend gelöst. Für trockene, mittelkalte Tage (wie heute) haben wir einen Pullover aus Wollle erstanden (der Loden war definitiv zu teuer und bot keinen Unterbodenschutz), für nasse oder sehr kalte Tage ist nun eine Maßanfertigung in Auftrag gegeben (bin gespannt).
      Zum Gartenthema: An sich mag ich körperliche Arbeiten ja gern, erst recht, wenn sie draußen stattfinden, dennoch wäre mir persönlich der Aktionsradius wohl auf Dauervzu klein, und in meinem Alter (und bei meiner Expeditionslust) würde die viele Arbeit in Haus und Garten halt bedeuten, dass ich auf manche Ourdoorbetätigung, zumindest im bisher gewohnten Umfang, verzichten müsste.
      Liebe Grüße nach Osnabrück, auch an deine zwei Herzchen ❤❤🐕🐕

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    • Check!
      Spaß beiseite: damit bin ich tatsächlich ganz spontan völlig fine & d’accord.
      Grüße Sie in der Badewanne liegend, bei Ausübung meines neuen Hobbys „Satzbildung unter Verwendung von mindestens 1 Wort aus der Liste des Grauens während im Hintergrund die Pressekonferenz der Regierung läuft“.)

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  2. Entschuldige, liebe Natascha, dass ich erst jetzt kommentiere: ich musste noch (Ahorn-)Laub harken. 😄
    Nee… Natürlich nicht. Das machen wir erst am Wochenende, wenn nach knapp zwei Wochen herrlichstem Baum-Gelbbehang der Laubregen ein Ende hat. Noch zwei Tage augenschönster Gelbteppich nun also noch… Indian Summer in Deutschland! Danach haben meine Igelfreunde was vom Laubhaufen, im Frühjahr meine Regenwürmerfreunde im Hochbeet ihre Freude mit dem Gammelhaufen, ich dann wieder an den haufenweisen Tomaten… eine einzige Freude ist so ein einziger Ahornbaum.
    Du verstehst nun sicher das nachbarliche Erbsenhirn und auch, warum ich nicht extra sporteln muss? 😉
    Zum Thema Haus mit unverbautem Weit- und Schönblick geb ich Dir 100% Recht.
    Ich hoffe, Pippa erhält sowohl modische als auch funktionale Outdoorbekleidung. Ein zauberhaftes Dackelfräulein von Welt sollte schließlich nicht nur mit Langstreckenläufen auf kurzen Beinen und ihrem Dackelblick punkten.
    Gute-Nacht-Grüße… Birgit

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    • Guten Morgen, liebe Birgit,
      die Schönheit eines solchen Ahorns (und auch die eines Gartens) zog ich nie in Zweifel, nur ist meine Freude am Blätterzusammenrechen trotz schönsten Indian-Summer-Feelings halt eher gering. Es ist das zu kleine Gehege, in dem ich mich bei der Gartenarbeit aufhalten muss, ich mag einfach Platz und Weite und hätte aber nach regelmäßiger Gartenarbeit wohl niemals mehr die Kraft, noch groß auszuschwärmen.
      Im Grunde gilt das, wie mir gestern bewusst wurde, in meinem Fall auch fürs Wohnen: langfristig mag ich lieber eine kleinere Hütte haben, die mir wenig Arbeit beschert und mir genug Zeit lässt für Ausflüge (sowie genug Energie für Sportarten, die mir mehr liegen als Laubklauben).
      Deine Erbsenhirn-Nachbarin verstehe ich dennoch nicht, denn die hat doch selbst einen Garten und Laub, das zu Boden fällt, wie kann man sich da aufregen, wenn ein Nachbarsblatt hinübersegelt?
      Super übrigens, dass du den Igeln Behausung bietest, ich las da jüngst einen langen Artikel drüber und war schockiert, wie den armen Tieren durch moderne Technik oder übertriebene Aufräumerei die Lebensgrundlage entzogen wird. Aber als Allergikerin hasse ich diese Laubpuster eh.
      Liebe Grüße aus Rottach
      Natascha

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      • Das weiß ich doch, liebe Natascha.
        Für solche persönlichen lebenswichtigen Einschätzungen sind solche Haus-Kurzverantwortlichkeiten super, finde ich. Auf diese Art sind wir auch mal zu unserer Entscheidung gekommen.
        Du brauchst die natürliche Weite und entsprechende Bewegung definitiv. Sie ist dir ja quasi in die Wiege gelegt worden. 😘

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