Wenn der Winter sich entschlösse, nicht nochmal zurückzukommen – ich wäre ihm nicht böse. So schön er auch war, so sehr wir das Weiße und die Weite auch genossen haben – einen dauerhaften Wechsel zu mehr Farbe und Wärme würde ich nun willkommen heißen.

Es ist still geworden hier.
Die vergangenen zwei Wochen innerlich ein Abbild des Wetters: von frostig bis frühlingshaft alles dabei. Teilweise war’s sogar schon Zeit für die sogenannte Übergangsjacke, bloß ärgerlich, dass es dieses Kleidungsstück nur für die äußere Hülle gibt.

Meine Krapfendiät neigt sich langsam ihrem Ende zu und hat keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Ausreichend Bewegung und unzureichender Schlaf fallen offenbar mehr (bzw. weniger) ins Gewicht als wochenlanger Schmalzgebäckkonsum. Angereichert um ein paar gesundheitliche Beeinträchtigungen und die diesjährige Faschingsmaskerade – ein lumpiges Nervenkostüm -, hätten es vielleicht auch zwei Krapfen pro Tag sein dürfen. Bedauerlich, dass ich das nicht ausprobiert habe.

Der Tod des Vaters der Freundin beschäftigt nicht nur die Freundin sehr, sondern geht auch mir ziemlich nahe. Neben viel Mitfühlen und Mithelfen wohl vor allem deshalb, weil mir die mit diesem arg plötzlichen Abschied verbundenen Ereignisse und Emotionen vorkommen wie eine Vorschau zu einem in Kürze erscheinenden Film, bei dem dann ich in der ersten Reihe sitzen werde.
Dazu passt, dass ich während eines Telefonats mit dem Papa ganz beiläufig erfahre, dass er einen schweren Gichtanfall hatte und sich ein Wochenende lang nicht mehr von der Stelle rühren konnte.
Seit wann hast du Gicht?“ frage ich ihn reichlich verdutzt und er sagt mit derselben tonlosen Stimme, mit der er seit Wochen über nahezu alles spricht: „Ach, das war ja jetzt erst das zweite Mal.
Der von Mr. Parkinson eh schon sehr begrenzte Radius des Papas war vorübergehend auf Null geschrumpft: ein Gang ins Erdgeschoss des Hauses ein vormittagsfüllendes Vorhaben – da bleibt man besser gleich im Bett, was zwar naheliegend erscheint, aber letztlich nicht besser ist.
In Kombination mit der Tatsache, dass die Lebensgefährtin, die für ihr Alter bislang recht agil und aktiv war, auf einmal heftige Probleme mit Rücken und Hüfte hat, ist die Lage nicht wirklich rosig. Im Gegenteil: wenn das so weitergeht, bricht die Versorgung dort bald zusammen.

Als diese Vorstellung sich in mir zu einem opulenten, düsteren Wandgemälde verdichten will, ergreife ich sofort die Flucht nach oben. Was ich nicht wegschwimmen kann, das muss ich weglaufen, und damit’s vom Ergebnis her halbwegs dasselbe ist, muss es dabei möglichst bergauf gehen, wahrscheinlich, damit in Kopf und Körper dieser ganz besondere Rhythmus entsteht, der den vollgelaufenen Empfindungstank auf diese so wohltuende Weise klärt und leert.
Die Strecke erfordert zudem Einiges an Konzentration und Klamottenaktion: Frühlingsmilde auf der zum Berg führenden Forststraße (hochgekrempelte Fleecejacke, und sogar das noch viel zu warm), auf dem schattigen Weg durchs Hirschbachtal dann Anorak-Mütze-Handschuhe, kurz drauf die Grödeln über die Sohlen gezogen (dicke, spiegelglatte Eisschicht auf dem steilen Pfad), oben aus dem Bergwald tretend dann alles wieder ausgezogen (geschlossene Schneedecke, wolkenloser Himmel, Sonne satt), auf der pandemieleeren Hüttenterrasse sitzend schließlich noch Stiefel abgelegt, Hosenbeine abmontiert und ins T-Shirt geschlüpft (Sonnencreme vergessen, Gesicht nun passend zur Mützenfarbe).

Mehr und mehr spielt sich sowas wie ein Lockdownlebensrhythmus ein.
Zwischen Homeoffice und Haushalt immer wieder Ausflüge in die Berge, an Seeufer und ins Münchner Umland einflicken, abwechselnd alleine sowie in Begleitung des Gatten, der Freundin oder des hübsch Bewimperten, Letzterem neuerdings auch sonntags begegnend (ein handverlesenes Grüppchen kommt nun via Zoom zu einer vom Freund angeleiteten Yogastunde zusammen), regelmäßig Telefonate oder Textnachrichten mit all denen, die man nicht treffen kann – das näht die von der Seuche zerschnittenen Sphären wenigstens vorübergehend wieder (scheinbar) zusammen.
Durch das ständige Selbstkochen und Nirgends-mehr-Einkehren einiges an Geld gespart, auch die neue Friseurschere hat schon fast einen Hunderter wettgemacht. Das Fräulein und der Gatte können sich sehen lassen, zumindest so lange ich noch was sehe, denn an meinem Kopf hat sich bislang keiner ausgetobt, dort schaut’s aus wie ein Experiment namens „In drei Monaten vom Pixie-Cut zur Dixie-Hut“ , das kann jetzt nur noch ein Fachmann beheben.
Wobei ich nicht zu denen gehöre, die meinen, ein Friseurbesuch bedeute ein Stück Freiheit oder hätte was mit Würde zu tun.

Die Tasche für den heutigen Tag ist gepackt, das Fräulein sitzt startklar daneben. Machen wir uns also auf den Weg an den Tegernsee, während der einstündigen Autofahrt bleibt noch Zeit, sich weiter den Kopf zu zerbrechen über das, was dort zu tun, zu fragen und zu sagen ist.
Das Hirn will emsig Listen anfertigen (man muss was tun!), das Herz klopft an, um vor zu viel Aktionismus zu warnen (man kann das jetzt nicht alles planen!).

Eine Gemengelage, die dazu führen könnte, hastig eine Hypothek auf ein Haus aufzunehmen, das längst im Abriss begriffen ist.

7 Kommentare zu “Time of transition.

  1. Hier habe ich es auch satt. An meinen See kann ich nur mehr in den Wochentagen spazieren gehen. Ab Freitag nachmittag bis Sonntag spät abends ist hier der Teufel los. Sie kommen mit Autos parken auf den Gehwegen, sie kommen mit den Fahrrädern und heizen auf den Gehwegen, sie kommen zu Fuß mit Kind und Kegel. Na ja jedenfalls wieder viele mit Doppelkinderwagen, Hund, Freundin mit Einfachkinderwagen. Die Jogger pusten ab 6.00 Uhr morgens durch die Menge. Kamikaze-Radler haben es besonders eilig durch die Menge zu preschen. Die Angler sehen ein kleines angetautes Wasserloch und schmeissen vom Ufer weit ausholend ihre Angeln aus. Vom Gehbier und Gehcaffe, Gehpizza ganz zu schweigen – die Überlassenschaften bleiben einen Meter um die Papierkörbe liegen zur Freude der Raben. Also verstecken und vielleicht ein Buch lesen.

    Gefällt 2 Personen

    • Ja, man musste (und muss es noch) sich ziemlich umstellen. Ich fahre auch nur noch wochentags irgendwo hinaus, und selbst dann kann es mancherorts unerwartet voll werden, man muss erfinderisch werden und ausweichen.
      In der Stadt bzw. in den Parks/Isarauen ist es bei gutem Wetter mittlerweile kontinuierlich proppenvoll. Die Müllberge von all dem Togo-Krempel sehe ich sogar vom Fenster aus, da haben nicht mal die größeren Mülleimer geholfen, die die Stadt schon letzten Sommer aufgestellt hat: 3 Pizzakartons doof gefaltet – und schon ist das Ding voll und die Nachfolgenden schmeißen ihren Kram daneben….
      Verstecken & Buch lesen ist für mich dennoch keine Alternative zur frischen Luft und Bewegung.

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  2. deine fotos erfreuen alle mein herz, aber das oberste gefällt mir grandios gut! danke!

    und das kopfzerbrechen, oh, das kann ich nachvollziehen, und i wünsche dir einfach mal ganzganz viel kraft …

    vielliebe grüße aus dem s-bahn-bereich richtung münchnerstadt sendet:
    pega

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    • Das oberste ist auch mein Lieblingsfoto!
      Was das Familiäre angeht: da kommt sicher noch einiges daher, gestern haben wir tatsächlich eine erste Liste gemacht und ich bin recht froh, dass die beiden nun manches angehen wollen, so lange sie noch alle Entscheidungen in Ruhe selbst treffen können.
      Herzlich gen G’zell grüßt
      Natascha

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  3. Es tut mir leid, dass es deinem Vater schlechter geht. Da wachsen Sorgen, auch bei bester Medizin, als welche ich deine Gänge verstehe.
    Kraftwuensche zu dir hin.
    Herzlichst, Ulli

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