Geärgert Gedacht Gefragt Gelaufen Gestaunt Gewerkelt Gewohnt Gewundert

Früchte der Gier und des Knockouts.

Freitagsfahrt ans Ostufer des Sees.

Genau drei Wochen nach dem Sturz auf die Steinplatte (und, gerade zu biblisch in der Metaphorik: in den Dornenbusch) stehe ich erstmals wieder am Tatort, also an der kleinen, harmlosen Uferböschung, gucke aufs Wasser hinaus und denke über eine Neuinterpretation des Wortes Gedenkstein nach.
Das Fräulein hält mit mir an der Unfallstelle inne und ich bilde mir ein, sie verharrt besonders eng an meiner Seite, um sicherzustellen, dass mir nichts passiert.
Was man nicht alles in das Hundeverhalten hineindeutet, je länger man zusammenlebt! Ob es dem Tier wohl umgekehrt genauso geht?

Die Gassirunde verläuft sturzfrei, zurück am Parkplatz jedoch ein bestürzendes Vorkommnis.
Eine Starnberger Tussi parkt in der Reihe hinter mir und entsteigt ihrem blitzblanken SUV. Sportoutfit vom Feinsten, Sohle des Nobellaufschuhs farblich mit dem Armband der Fitnessuhr und dem Haargummi perfekt harmonierend.
Mit federndem Schritt geht sie keineswegs sofort zum Laufen, sondern diretissima zum Kacktütenspender, den die Gemeinde freundlicherweise am Beginn des Weges aufgestellt hat und der für den bevorstehenden Wochenendausflügleransturm frisch bestückt wurde.
Bleibt stehen, guckt sich etwas verhuscht um, greift dann nach den roten Plastikbeuteln und rupft einen Packen von ca. 30 Stück aus dem Spender. Guckt nochmal – links-rechts-vor-zurück – und schnappt sich flink einen weiteren Großvorrat an Tüten.
Die Diebin bemerkt mich nicht, weil ich schon im Auto sitze und der Motor noch nicht läuft. Als sie tatsächlich ein drittes Mal zulangt und nun den gesamten Rest an Gassisackerln entnimmt, mit dem erbeuteten Vorrat für die nächsten ca. 150 Haufen ihres Hundes (ich tippe auf: Golden Retriever, Weimaraner oder Labrador) zurück zu ihrem SUV eilt, um den Tütenstapel dort zu deponieren, lasse ich fix den Motor an, lege den Rückwärtsgang ein, setze schwungvoll zurück und bremse neben der Tussi, die sogleich etwas ertappt aus der Wäsche guckt, öffne das Fenster und rufe: „Solche Klamotten, so einen Schlitten – und dann alle Kotbeutel klauen… , ja schämen Sie sich eigentlich nicht?„.
Sie starrt mich verdattert an, in einer Hand ihren BMW-Schlüssel, in der anderen die roten Tüten, ich warte noch kurz, spüre aber, wie ihr Schweigen in meinem Sprachzentrum diverse Unflätigkeiten zu provozieren beginnt, das muss ja nicht sein (und passiert mir eh zu oft), ich schalte also in den ersten Gang und fahre lieber sofort weg.

Unterwegs fallen mir die Businesskasper ein, die früher, als man (vor allem: als ich) noch auf Dienstreise ging bzw. flog, im Wartebereich vor dem Gate, teils verstohlen und teils gänzlich unverhohlen, sich etliche dieser kleinen, eingeschweißten, mit Wurst oder Käse belegten Lufthansa-Semmelchen grapschten und sie in ihre Anzugtaschen gleiten ließen, viel mehr, als sie je auf dem Flug von München nach Düsseldorf würden essen können.
Und ich erinnere mich an den Urlaub im Vinschgau, wo wir im Hotelrestaurant jeden Morgen ein Paar in unserem Alter dabei beobachteten, wie die beiden nach dem Frühstück hemmungslos und äußerst routiniert Obst, Gebäck und belegte Brote einsackten, um anschließend ihre 2.000€ teuren Mountainbikes zu besteigen und erst zum Abendbuffet – selbstverständlich ordentlich ausgehungert – wieder ins Hotel zurückzukehren.
So wird aus einer vom Gastgeber moderat kalkulierten Halbpension schnell eine Vollpension-de-luxe (weshalb sich in den Hotels auch mehr und mehr diese Dreiviertelpension durchsetzt, die man manchmal sogar buchen muss) und dem schnäppchengeilen Zeitgenossen bleiben wieder ein paar Groschen übrig, mit denen sich, wenn das jahrelang konsequent so betrieben wurde, bestimmt ein weiterer Billigflug zu irgendeiner All-inclusive-Destination bezahlen lässt, wo wieder ein schönes Grapschgedeck wartet.

Auch das ein Grund, weshalb ich in Hotels stets froh war, wenn die Möglichkeit bestand, sich ein abends zuvor auf einer Karte ausgewähltes Frühstück aufs Zimmer servieren zu lassen, auch das Ankreuzen und Ausfüllen der Freitextzeilen auf diesen meist doppelseitigen Kärtchen mit Loch oben drin, die man bis 23 Uhr außen an die Zimmertür hängen konnte und die dort nächtens zuverlässig von der Hausdame abgeholt wurden, mochte ich sehr.
Wobei der Hauptvorteil des Zimmerfrühstücks freilich der ist, dass man noch länger unfrisiert und im Schlafgewand herumlümmeln kann und nicht schon frühmorgens andere Hotelgäste sehen und hören muss.

Ohnehin sehe ich den wenigsten Menschen gern beim Essen zu. Schlingen und Schmatzen mitansehen zu müssen, ist mir ähnlich zuwider wie der Anblick von barbarischer Bröselei und animalisch anmutendem Belecken der Bartzone (falls vorhanden). Mit übermäßiger Seziererei und Trödelei konfrontiert zu werden, die zumeist die Lauwerdung oder Verkrustung des auf dem Teller Befindlichen zur Folge hat (was dem Esser selbst das Essen dann häufig vergällt, so dass er einen Teil zurückgehen lässt), kann ich ebenfalls schwer ertragen.


Besuche ich mit Menschen ein Lokal (besser wohl Präteritum: besuchte), von denen ich bereits weiß, dass sie eine dieser Essgewohnheiten pflegen, reserviere ich grundsätzlich einen Ecktisch, so dass ich zwangloser an dem Verzehrvorgang vorbeischauen kann als wenn mir die- oder derjenige direkt gegenübersäße.

Obacht vor voreiligen Schlüssen: Wenn Sie das jetzt lesen und schon mal speisenderweise an einem Restaurantecktisch mit mir saßen, so muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass wir dort saßen, weil es mich gegraust hätte, Ihnen beim Essen zuzusehen!
Ich sitze generell gern an Ecktischen, wegen der größeren Blickfreiheit und auch, weil das für uns Hundehalter meist die geeigneteren Plätze sind, zumindest wenn man einen Hund hat, dem in neun Jahren noch nicht abzugewöhnen war, keinen Ton von sich zu geben, sobald ein Artgenosse das Lokal betritt.

*****

Reifenwechselsamstag im Autohaus.

In der Dreiviertelstunde, in der dem Auto seine Sommerschuhe angezogen werden, spaziere ich zum nahegelegenen Pflanzenmarkt. Ein paar Küchenkräuter wären schön, die Polenta schmeckt mit frischem Rosmarin besser als mit getrocknetem. FFP2-Maske drüber und hinein. Am Eingang fängt mich eine der vier Türsteherinnen ab und fragt, was ich zu kaufen gedenke. „Einen Topf Rosmarin“ , antworte ich und erfahre: den darf ich nur nach Vorlage eines negativen Schnelltests kaufen. „Wenn Sie Tierfutter brauchen, dürfen Sie auch nur mit Maske hinein, für alles andere benötigen wir das negative Testergebnis.
Es ist einer dieser Kopfschüttelmomente in Sachen Seuchenbekämpfung, dennoch muss man sich hüten, wegen solcher Situationen aufs gesamte Maßnahmenmanagement zu schimpfen.

Gartencenter und Baumarkt haben auf ihrem riesigen, gemeinsamen Parkplatz ein Schnelltestzelt errichtet, ungefähr dort, wo früher der Imbisswagen mit den unerträglich billigen Grillhendl stand – dass der verschwunden ist, begrüße ich sehr.
Ungefähr 15 Personen stehen hinter den jeweils alle 1,5m auf den Asphalt aufgemalten roten Wartelinien, um ihren Bau- oder Pflanzenmarktpassierschein zu beantragen, das Ergebnis bekommt man 15 Minuten später aufs Smartphone geschickt – ergibt also eine Gesamtwartezeit von mindestens 30 Minuten. Für einen Topf Rosmarin, den es auch in manchen Supermärkten geben dürfte, ist mir das deutlich zu lang.

Auf dem Rückweg zum Autohaus komme ich an einem Fitnesscenter vorbei und staune: auch hier ein Zeltdach, aber keines, unter dem Schnelltests stattfinden, sondern Freiluft-Gewichtestemmen.
Ein Schild vor dem Areal weist auf die Trainingsregeln hin: 1. Maske tragen, 2. negativen Schnelltest <24h vorlegen, 3. Abstand halten, 4. Klappe halten, 5. Hanteln etc. vorher & nahher desinfizieren, 6. max. Trainingsdauer 30 Minuten, 7. McFIT dankt Ihnen für Ihr Verständnis & wünscht viel Spaß beim Training. O tempora, o kokolores!

*****

Sonntagslauf im Park.

Ja, Sie lesen richtig. Es wird wieder gelaufen. Geschmeidig ist anders, aber eine kleine Runde ist bereits schmerzfrei möglich. Die Dehnübungen hingegen müssen noch pausieren oder werden nur linksbeinig praktiziert.
Sofort ein ganz anderes Lebensgefühl, wenn wieder anderer Sport als Spargelschälen, Staubsaugen und Spazierengehen möglich ist!

Obwohl ich ja ganz und gar nicht zur Alles-hat-einen-tieferen-Sinn-Fraktion gehöre, muss ich zugeben, dass die Zwangsruhigstellung ein paar Früchte getragen hat, deren Saat bzw. Ernte ohne kaputtes Knie sicher erst deutlich später erfolgt wäre:
Die Steuererklärung so früh begonnen wie selten zuvor.
Ein längeres Manuskript treibt früher als gedacht erste Blüten.
Die Fenster geputzt, die Ablagekörbe neben dem Schreibtisch geleert, der Kleiderschrank ausgemistet.
Der Stapel mit den Artikeln, die mir der häusliche Pressespiegelbeauftragte mehrmals die Woche zuteilt, ist kein Stapel mehr.
Und sogar in Bloghausen hat es einen gründlichen Frühjahrsputz gegeben, obwohl momentan ja noch eher Winter als Frühling herrscht.

Haben Sie das überhaupt bemerkt, dass hier Modernisierung, Verschlankung und sogar ein Outsourcing stattgefunden haben? Nein?!?
Na dann gucken Sie doch mal in den neuen Menüpunkt „Zurückschwimmen“ rein oder werfen Sie einen Blick auf den aktualisierten Header.
Die Rückenansicht der ehemals blonden Nixe auf der roten Rutsche wurde durch ein braves Beckenrandbild ersetzt. Die Badende ist natürlich dieselbe geblieben, nur dass man sie jetzt frontal sieht und das sogar in einem ihrer glücklichsten Momente 2020 (Juli war es, erstes Schwimmen nach dem ersten Shutdown der Svhwummbäder), was wegen der Schwimmbrillenzerknautschungszone rund um die Augen vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennbar ist.
Eine ähnliche Heiterkeit wird beim ersten Wassergang nach oder noch während des zweiten, aktuell schon doppelt so lang dauernden Shutdowns, wohl fotografisch nicht festgehalten werden können, weil das künftige Ganzkörperkondom ja kaum Sichtschlitze freilässt.

Heute Nachmittag testweise nochmal in die komplette Montur hineingepfriemelt, um da etwas Übung zu bekommen und sich an das Equipement zu gewöhnen.
Könnte nämlich durchaus sein, dass auch in der Post-Pandemie-Ära öfter im Neopren geschwommen werden muss (brennt wie Chlorwasser in den Augen, so eine Meldung).

Wo zum Teufel liegt dieses Meisenheim in Rheinland-Pfalz? Und wohnt da zufällig eine/r von Ihnen und vermietet eine beheizte Gartenlaube an Badeurlauber? Vielleicht eine Marktlücke, das Virus erschließt ja hie und da auch ungeahnt neue Geschäftsfelder.

Jetzt Badewanne, dann Gemüsegratin mit Polenta plus Wochenabschlussbier. Überlesen Sie bitte nicht das L im letzten Wort, andernfalls entstünde ein völlig verkehrter Eindruck.

Ihnen auch noch einen schönen restlichen Tag des Denkmals bzw. in Jahr 2 der Pandemie: Tag des Gedenk_mals.

*****

11 Kommentare zu “Früchte der Gier und des Knockouts.

  1. Ich erinnere mich an Berufsanfängerinnenzeiten im Europa-Service einer teuren Automarke, die ich nicht nennen will. Eine Kunde musste zweimal anrufen (im Inland) und beklagte sich, weil wir ihm die Telefonkosten nicht erstatten wollten. Ich musste ein bisschen mit ihm diskutieren. Hinterher spöttelte ein älterer Kollege: Hättest Du mal Deine Telefongroschen gespart, könntest Du Dir auch so ein tolles Auto leisten.

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    • Tja, wie schon ein altes Sprichwort sagte:
      „Der Taler ist für diejenigen reserviert, die auch den Wert des Pfennigs zu schätzen wissen.“
      Werde daher wahrscheinlich bis an mein Lebensende bloß Skoda fahren (immerhin einen, der den Brillant im Namen der Lackfarbe führt).

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    • Ähnlich ging es mir mit einer schon alten Dame. Vor gut 20 Jahren meine Bettnachbarin im Krankenhaus. Ich hatte noch kein eigenes Telefon und bat sie ihres für ein, zwei Ortsgespräche benutzen zu dürfen. Als sie dann endlich ihr ständig eingeklagtes Einzelzimmer (Privatpatientin, wie ich damals auch) bekam, hat sie die paar Groschen für das Ortsgespräch von mir, verlangt. Weil ich noch nicht so sicher auf den Beinen war, musste mein Mann ihr das Kleingeld nachtragen. Die Frau war dazu Eigenheimbesitzerin in Schwabing, was ich nur wusste weil sie mir ihre halbe Lebensgeschichte in den ein, zwei Tagen Zwangszusammensein erzählt hat.

      In Hotels nehme ich auch fast immer etwas vom Frühstücksbuffet mit aufs Zimmer. Immer auf einem Teller mit einer Serviette drüber. Einfach deshalb, weil ich kaum was frühstücke und erst, wenn es nichts mehr gibt, Hunger habe. Da ich den meisten Hotels Stammgast bin, stört das auch niemanden. Die guten Hotels servieren immer aufs Zimmer, wenn man das will. Aber ich bin gern unter Leuten. Wie schön wäre es, mal wieder Gast zu sein.

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  2. Ja, Dein neues Outfit im Blog fällt gleich auf – Glückwunsch!

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  3. Unflätigkeiten – oh wie ich das kenne, gerade in so einem beschriebenen Kontext.
    Grüße & einen friedlichen Montag!

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  4. O wie ich diese Art von Menschen wie die geschilderte SUV-Ziege verabscheue… Wenn man solche Leute auf ihr Fehlverhalten aufmerksam macht, fühlt man sich anschließend keineswegs besser, jedenfalls geht mir das so. Eine Lösung weiß ich leider nicht.

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    • Ich hab ja schon diese übermotorisierten Allradpanzer dick, die enge Wohnstraßen oder Wanderparkplätze verstopfen. Aber BMW steht halt schließlich auch für „Bin maßlos wichtig“. Zudem, wenn es – so wie an dem Freitag – einer in „Vantablack“ ist (nur noch zu toppen durch „Imperialblau“).

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  5. Zur Kacktüten-Episode: Ich hätte – falls möglich – so ausgeparkt, daß ich quer hinter (oder vor?) dem SUV stehe, die Scheibe runtergelassen und mir einfach demonstrativ vor Augen der „Dame“ die Autonummer aufgeschrieben … keine Worte, nur stummes Kopfschütteln … vielleicht noch ein klein wenig warten, bis die Scheibe wieder zu ist … losfahren und die Frau grübeln lassen, was ich wohl mit den gesammelten Daten anfangen werde …
    … und im Zweifel sie einfach motzen lassen und ignorieren, während ich das tue … 😉

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    • Da sind wir uns ähnlicher als du’s aufgrund meines Blogbeitrags erahnen konntest (weil ich dieses kleine Detail bei der Berichterstattung unterschlagen habe): kurz vor dem Wegfahren hab ich noch mein Handy gezückt und – einfach, um der „Dame“ noch einen abschließenden Schreck einzujagen – so getan, als würde ich ihr Kennzeichen fotografieren. Was ich aber gar nicht tat, da ich es a) eilig hatte, vom Tatort wegzukommen, bevor ich noch mehr Text produziert hätte und b) das Entsperren des Handys und das Aktivieren der Kamera-App einfach zu lang gedauert hätte (v.a. Ersteres, ein dämliches Rumgewische und Getippe…).

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      • Gut gemacht: Gib ihr zu denken …!
        Tja, mein Handy kann nur SMSen und Teflonieren … Knipsen Fehlanzeige … aber die Langsamkeit des Schreibvorgangs wäre Folter genug für sie … 😉

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