Gegrübelt Gelaufen Genossen Geplant Geschwommen Gesorgt Gestaunt Gewerkelt

Himmel der Bayern (95): Oh mei oh Mai.

Seit dem „Oplatscht is“ vor einer Woche 4x beim Schwimmen gewesen, bei für diesen Mai üblichen „frühlingshaften“ 11 Grad und meist bedecktem Himmel, trotzdem zeichnen sich schon erste Umrisse des vertrauten Wasserratten-Tattoos ab und auch die grundlegend stabilere Gemütslage von vor dem Bäder-Lockdown ist endlich zurückgekehrt.

Wie sehr einem manches fehlt, fällt ja oft erst dann auf, wenn es mal überhaupt nicht mehr greifbar ist. Ich jedenfalls bin mit Schwimmbad ein anderer Mensch als ohne.

Ich stelle fest, dass mir sogar der schwarze Streifen am Beckenboden gefehlt hat, das treue T, das mich Bahn für Bahn beg_leitet (und das die Nichtschwimmer so monoton oder gar trostlos finden, wie man hört), sofern ich nicht gerade in Rückenlage unterwegs bin.
Ein Traum, dass all das wieder möglich ist!

Die Schnelltests sind lästig, aber – wenn man mal die passende Teststation für sich gefunden hat, an der einem gut geschulte Mitarbeiter das Stäbchen nicht bis an die Unterseite des Scheitels in die Nase hineinrammen – für den anschließenden Wassergenuss nehme ich das gern in Kauf, außerdem ist mir durchaus wohl dabei, mit lauter 3G-Genossen Umkleide, Dusche und Becken zu teilen.

Der Lieblingsbademeister erzählt grauenhaufte Geschichten von manchen Badbesuchern: gefälschte Tests/ungültige Tests/irgendwelche Selbsttestergebnisse werden ihm unter die Nase gehalten, jeder zweite hat nicht alle für den Einlass notwendigen Papiere oder Ausweise parat und nicht selten wird er auch noch angepöbelt, wenn er diesen Personen dann erläutert, welche Formalitäten erforderlich sind oder ihnen den Zutritt verwehrt.
Bei meinem Zweitbesuch gibt mir die Kassiererin auf Zuruf des Bademeisters 50% Nachlass auf den Eintritt, weil ich an dem Vormittag der erste (!) Gast bin, der in der Lage war, alle Dokumente vorzulegen – und das sogar in der richtigen Reihenfolge. Das kommt mir an jenem Sonntag sehr gelegen, weil ich morgens auf eine andere Teststation als die übliche ausweichen musste und das ein wirklich mieses Erlebnis war (Stichwort ‚Scheitel‚).

*****

Mit einem gänzlich anderen (und besseren) Körpergefühl wage ich diese Woche eine erste Tour mit dem nach wie vor verschleimbeutelten Knie. Immerhin hat sich der Schnee allmählich auf Höhenlagen über 1.500m verkrümelt und der Wetterbericht verkündet voller Gnade einen halben Tag Trockenheit.

Kraulquappe goes Kochelsee.

Das Fräulein macht seine Sache gut, ich k(r)euche und fleuche so gut ich kann hinterher, dabei sind es bloß 10 Kilometer und nicht mal 400 Höhenmeter.

Die Ausblicke sind erhebend, der See einfach wunderbar, die Kühe friedlich und freundlich, der Proviant so lecker, und überhaupt ist an dem Nachmittag alles wonnemonatsgemäß.

*****

Zwei Tage drauf wiederholen wir das Ganze ein Tal weiter, der hübsch Bewimperte und sein Hundemädchen sind diesmal mit von der Partie.

Nach dem kleinen Aufstieg liegen wir zu viert auf einer saftig grünen Almwiese in der Sonne, essen & trinken, reden und halten uns vor Lachen die Bäuche über eine technische Neuerung in WhatsApp, die wir da heroben mehrfach ausprobieren und die wirklich so saukomisch ist, dass wir uns kaum einkriegen.
Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so albern und ausgelassen war.

*****

Leider hält diese Heiterkeit nicht lange vor, denn abends verheddern der Papa und ich uns in einem niederschmetternden Gespräch, dabei ist das letzte noch gar nicht so lange her.

Wir hatten vereinbart, dass ich das Wochenende bei ihm verbringe, da die Lebensgefährtin die Enkel in Spanien besucht, weil sie – vollständig geimpft – nun endlich wieder dorthin reisen kann und auch gleich eine ganze Woche dort bleibt. Eine ganze Woche, das schafft der Papa hinsichtlich seiner Versorgung nicht mehr alleine, so dass ich anbiete, zum Einkaufen, Kochen und Erledigen etlicher anderer Arbeiten vorbeizukommen.

Mit im Gepäck habe ich das sorgsam vorbereitete Thema „Beantragen eines Pflegegrads“, das längst überfällig ist, aber aufgrund anderer Miseren und Termine von Mal zu Mal vertagt werden musste. Keine meiner Gesprächsstrategien fruchtet, der Papa sträubt sich gegen alles, hört bald gar nicht mehr richtig zu, verstrickt sich in Widersprüche („Reisen kann ich nicht mehr, das ist alles viel zu beschwerlich!“ vs. „Ich komme noch wunderbar alleine mit allen zuhause anfallenden Dingen zurecht!“), merkt das aber nicht mehr, will seine Situation nicht sehen, seine Schwächen erst recht nicht. Spielt alles herunter, macht zynische Witze, schnaubt mich an und beharrt drauf, weiterhin keinen Plan für das haben zu wollen, was auf ihn zukommen wird, und folglich auch keinerlei Vorkehrungen dafür zu treffen.

Nach anderthalb Stunden belassen wir es dabei, dass alles so unzureichend beschissen bleibt wie es ist und beenden die unselige Unterredung.
Acht ausgesprochen gute Jahre hatten wir nun, im Moment vollzieht sich ein Umbruch, wie und wohin, das vermag ich noch nicht zu sagen.

Während ich den Abwasch mache, bin ich erst wütend, anschließend traurig und beim Gläsertrocknen fasse ich dann den Beschluss, in nächster Zeit etwas seltener hier aufzukreuzen.
Als ich die Rest des Abendessens in den Kühlschrank stellen möchte, muss ich dort Einiges umschichten, um einen freien Platz zu finden und stoße bei der Gelegenheit auf diverse verschimmelte Lebensmittel. Der Obatzde, der in grünweißen Flöckchen munter aus seinem Schälchen herauswuchert und sich schon zur Hälfte das danebenstehende Senfglas einverleibt hat, ist der letzte lebhafte Eindruck an diesem Tag, sonst fühlt sich alles wie erstarrt an.
Die beleuchtete Kapelle oben auf dem Wallberg hüllt sich beim Nachtgassi in dichten Nebel, unten am See hört man die ersten betrunkenen Pfingstferiengäste grölen, der verfettete Terrier der greisen Nachbarin kläfft wie bekloppt auf dem Balkon herum, weil der Papa die Jalousien herunterlässt – und ich will nur noch ins Bett und nichts mehr hören und sehen.

Morgen ein neuer Tag, mit Kühlschranksäuberung und anderen Themen, und ab Mittag hoffentlich ein paar Stunden für mich, weit abseits der Tagestouristen und der vielbewanderten Pfade, irgendwo in den Seitenschluchten des Tales, wo die Welt noch in Ordnung ist.

*****

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist ‚morgen‘ bereits heute, der Kühlschrank gesäubert, die Haus- und Gartenarbeiten erledigt und ich sitze in trauter Zweisamkeit mit dem Dackelfräulein bei bächleinplätschernder Spätnachmittagsruhe auf einer verwaisten Almhüttenveranda, irgendwo in der Südflanke des Sonnbergs, den ich bis heute noch gar nicht kannte, mit Blick Richtung Tirol und zur weißen Spitze des Gufferts.

Über schmale Jägersteige und Trampelpfade sind wir hier hinaufgewandert.
Ein Gelände in den Karten lesen zu können, das hat mir der Papa beigebracht, als er noch derjenige war, der immer und überall wusste, wo es langgeht.

Ich halte den alten Kompass, den er mir damals vor der Alpenüberquerung geschenkt hat, in meiner Hand, drücke ihn fest in meine Faust, und bevor es wehzutun beginnt, lasse ich ihn schließlich los.

11 Kommentare zu “Himmel der Bayern (95): Oh mei oh Mai.

  1. Wasserrattentatoo gefällt mir sehr! Hoffe, dass es das auch im Norden gibt 😀 Übrigens brauchen wir nur nen simplen Test (vorderer Nasenbereich) machen lassen. Und nächste Woche werde ich zum zweiten Mal geimpft, dann hat die Testerei auch bald ein Ende.
    Was die ältere Generation angeht, können wir uns die Hand reichen. Ich hab‘s aufgegeben.

    Gefällt 2 Personen

    • Hier reicht an sich auch der Popelbereichtest, nur verwendet jede Teststation andere Tests und man erfährt das leider nicht vorab…
      Bei mir gottseidank auch nur noch gute 2 Wochen bis zum Zweitstich, allerdings entfällt die Testpflicht fürs Freibad demnächst (München ist seit einigen Tagen deutlich unter der 50er-Inzidenz).
      Wünsche dir morgen ein paar Grad mehr und wieder ganz viel Freude!

      Gefällt 3 Personen

  2. Das Pippabild mit den Wiesenblüten: starhaft!!! HG vom Lu

    Gefällt 1 Person

  3. Das Blumenmädchenbild ist herzallerliebst.
    Zum Papa: Reizbarkeit, Streitlust und Starrsinn ist (so ist es in unsrem Fall) Teil der Krankheit. Das macht es für Euch beide nicht besser.
    Liebe Grüße. Birgit

    Gefällt 1 Person

    • Die physische Erstarrung greift also auch auf die Psyche über? Darüber musst du mir bei Gelegenheit mal mehr erzählen – „euer Fall“ dürfte ja in ähnlichem Alter sein, vielleicht kann ich mir da was angucken, das den Umgang mit diesen Dingen leichter macht…
      Liebe Grüße zur Nacht,
      Natascha

      Gefällt 1 Person

  4. Schwierig für beide Seiten, wenn die Eltern alt werden. Wünsche alles Gute für Euch!

    Gefällt 1 Person

  5. Claudia

    Alpenüberquerung? Das klingt spannend, kann ich darüber hier auch mehr lesen? VG, Claudi

    Gefällt 1 Person

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