Gehört Gelaufen Gelesen Genossen Gereist Gespürt Gestaunt Geträumt

Und jedes Aug‘ ist staunend hingekehrt.

Seit der Heimkehr eine Nacht kürzer als die andere, wilde Träume zudem.
Was war das für eine paradiesische Ruhe dort im Pongau!
Nur Wasserrauschen und Vogelgezwitscher – keine französischen Blagen im Stockwerk drüber, deren Weckergedudel um 6:35 Uhr zum Schulgang mahnt (nachdem man zuvor wochenlang stets montags um 5 vor 7 aus den Kissen hochfuhr, weil die Zugehfrau der Familie derart über die Böden hobelte, als wolle sie das eben erst neu verlegte Parkett in Rekordzeit auf den Zustand des vorigen Holzbodens zurechtschrammen), keine ständigirgendwasfeiernden Nachbarn unter einem und auch kein pandemiemüder Plebs, der sich vor der Haustür bis nachts um 2 Uhr die Kante gibt und die schöne Allee mit seinem Resthirn ruiniert.

Die Großstadt mit Gastein zu vergleichen ist freilich unfair, selbst wenn in den derzeit schlaflosen Nächten die Natursehnsucht dominiert und die durchs Fenster hineinströmende Bergluft fehlt, so ist’s bei Tageslicht betrachtet schon auch wieder eine Wonne, beispielsweise mit dem hübsch Bewimperten und den beiden Hundemädels durch die Isarauen zu spazieren, in den späten Abendstunden durchs große, beleuchtete Freibadbecken zu pflügen, den vertrauten Olympiaturm hinter dem Schwimmbad hervorleuchten zu sehen und endlich wieder eine vernünftige Breze auf dem Frühstücksteller vorzufinden.

Dennoch schwingt nach wie vor eine Prise Abschiedsschmerz mit, wenn ich zurückdenke an Gastein, an diesen magischen Ort, vielleicht steckt mir auch immer noch die Trainingstour des letzten Urlaubstages in den Beinen, die Muskel mosern ja manchmal tagelang nach solch ungewohnten Höhenflügen und der Stubnerkogel war in Relation zu den hiesigen Verhältnissen schon ordentlich hoch.

Mitten in der Urlaubswoche dann noch ein ganz anderer, unerwarteter Pulspeitscher, der überhaupt nichts mit Gastein zu tun hatte: ein Münchner Bekannter schickt eine Mail, darin die frohen Botschaft, dass der Live-Auftritt eines Musikers, den ich schon letzten Sommer einzufädeln versuchte (und der, wie so vieles, vom Virus vereitelt wurde), nun stattfinden kann (so Delta nicht dazwischenfunkt) und das auch noch zu meinem Wunschtermin (meine Güte: besser könnte ein neues Lebensjahr gar nicht beginnen, aber ich will mich lieber noch nicht zu früh freuen auf dieses erste Konzert seit anderthalb Jahren).

Ansonsten nehme ich den Alltag wieder in Betrieb, werkle so vor mich hin, fiesel mich in die Schreibarbeiten hinein, lese Grillparzer, wühle mich durch die letzten Schnipsel des Gasteiner Audio-Guides (einer App namens „Hearonymus„, österreichischer IT-Humor) schaue in „Der Pass“ die Szenen nochmal an, die dort gedreht wurden und finde den Ofczarek trotz Arroganz und Arschlochattitüde nach wie vor ganz prima, lande wieder bei der ranzigen Kneipenszene und labe mich am nicht minder ranzigen Wienerisch.

Ja, diese Sprache, die fährt mir rein, mitten ins Mark und ins Herz, das war schon immer so, und manchmal frag ich mich, ob’s wohl auch wen gibt, dem’s beispielsweise mit dem Schwäbischen ebenso ergeht, also dem das Herz aufgeht und dessen Blick sich verklärt, wenn er jemanden „´s Leba isch koi Schleckhafa“ sagen hört, schließlich heißt’s ja immer, die Geschmäcker seien verschieden.

Aber zurück zur österreichischen Lyrik, zum Grillparzer Franz, mit zweitem Vornamen Seraphicus, womit ihm das Brennen bereits in die Geburtsurkunde geschrieben war.
Der Wiener Dramatiker brannte nämlich ebenfalls für Gastein, verarbeitete seinerzeit den Abschiedsschmerz von den kühlen Kaskaden des Wasserfalls weitaus poetischer als ich das vermag, was ihm zahlreiche neue Follower und Likes bescherte, und das, obwohl er seine Zeilen nicht einmal mit entsprechendem Bildmaterial illustrieren konnte und rein auf die Kopfkino-Künste seiner Leserschaft vertrauen musste.

Ich stelle es Ihnen natürlich frei, ob Sie nun ein wenig durch die beigefügten Bildergalerien blättern oder sich lieber lyrisch einlullen lassen möchten – oder aber das eine mit dem anderen ergänzen, weil Freitagabend ist und Sie eh grad ein bisserl abschalten wollen von Ihrer Arbeitswoche oder anderen Unbilden des Alltags.

In jedem Fall kann ich Ihnen, sofern Sie keine Austria-Aversionen plagen, Sie stattdessen aber an fiesem Rheuma oder unstillbarer Bergliebe leiden, diesen wunderbaren kleinen Ort wärmstens für einen Besuch empfehlen.

Die Trennungsstunde schlägt, und ich muß scheiden;
So leb denn wohl, mein freundliches Gastein!
Du Trösterin so mancher bittern Leiden;
Auch meine Leiden lulltest du mir ein
.

Was Gott mir gab, worum sie mich beneiden,
Und was der Quell doch ist von meiner Pein,
Der Qualen Grund, von wenigen ermessen,
Du ließest michs auf kurze Zeit vergessen.

Denn wie der Baum, auf den der Blitz gefallen,
Mit einemmale strahlend sich verklärt
– Rings hörst du der Verwundrung Ruf erschallen,
Und jedes Aug‘ ist staunend hingekehrt; –
Indes in dieser Flammen glühndem Wallen
Des Stammes Mark und Leben sich verzehrt;
Der, wie die Lohe steigt vom glühnden Herde,
Um desto tiefer niedersinkt zur Erde.

Und wie die Perlen, die die Schönheit schmücken,
Des Wasserreiches wasserhelle Zier,
Den Finder, nicht die Geberin beglücken,
Das freudenlose stille Muscheltier;
Denn Krankheit nur und langer Schmerz entdrücken
Das heißgesuchte, traur’ge Kleinod ihr.
Und was euch so entzückt mit seinen Strahlen,
Es ward erzeugt in Todesnot und Qualen.

Und wie der Wasserfall, des lautes Wogen
Die Gegend füllt mit Nebel und Getos;
Auf seinem Busen ruht der Regenbogen,
Und Diamanten schütteln rings sich los;
Er wäre gern im stillen Tal gezogen
Gleich seinen Brüdern in der Wiesen Schoß.
Die Klippen, die sich ihm entgegensetzen,
Verschönen ihn, indem sie ihn verletzen.

Der Dichter so; wenn auch vom Glück getragen,
Umjubelt von des Beifalls lautem Schall,
Er ist der welke Baum, vom Blitz geschlagen,
Das arme Muscheltier, der Wasserfall.
Was ihr für Lieder haltet, es sind Klagen,
Gesprochen in ein freudenloses All;
Und Flammen, Perlen, Schmuck, die euch umschweben,
Gelöste Teile sinds von seinem Leben.

[Franz Grillparzer: „Abschied von Gastein“, entstanden 1818, erschienen 1872]

2 Kommentare zu “Und jedes Aug‘ ist staunend hingekehrt.

  1. Ich hab mich ein wenig gewundert über die große zeitliche Distanz zwischen Entstehung und Veröffentlichung des Grillparzer-Gedichts: War das sowas wie ein Outtake, das nicht zum aktuellen „Gedichtalbum“ paßte?
    Aber dann wurde mir der Gedankengang klar: Der werte Herr Grillparzer wollte die Exklusivität von Bad Gastein bewahren, dort weiter seine Ruhe haben, und befürchtete, daß bei Veröffentlichung dieses Werkes bald Hinz und Kunz dort Linderung ihrer Wehwehchen und Zipperlein suchen würden … daher die Entscheidung, das Werk erst posthum zu veröffentlichen … 😉

    Gefällt 1 Person

    • Lustig, beim Notieren der Daten dachte ich: Ob sich da wohl irgendwer dieselbe Frage stellt wie ich? Und siehe da…
      Ja, manches behält man(n) besser für sich, diese ewige Teilerei von allem braucht Grenzen, deshalb halte ich auch nichts von Büchern wie „Die schönsten XXX rund um München“ oder „Geheimtipps für XXX“.
      Liebe Grüße und dir einen guten Wochenbeginn!

      Gefällt mir

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