Gegrübelt Gehört Gelesen Geplant Gespürt

Radikale Reduktion der Optionen.

Aus der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung legt mir der Gatte der häusliche Pressespiegelbeauftragte einen doppelseitigen Artikel über den Bergwanderboom auf den Frühstückstisch, der der Frage nachgeht, was der Mensch dort eigentlich (ver)sucht und (ver)findet (oder verwindet?).
Mittendrin, zwischen allerlei Erwartbarem, ein Gedanke, der es für mich auf den Punkt bringt: eine Bergtour reduziert die permanente Entscheidungsüberforderung, verkleinert den Radius der Möglichkeiten, aus denen wir nicht nur wählen können, sondern meinen, auch wählen zu müssen.

Im Café ums Eck nachmittags eine überraschende Begegnung mit dem Nachbarn. Eigentlich wollte ich dort in Ruhe sitzen und vor mich hinschauen, um für eine Weile dem schwülwarmen Trubel der Großstadt zu entrinnen, um einen klaren Gedanken zu fassen, wohin ich das Dackelfräulein bei dieser Witterung wohl führen könnte, ohne dass einen von uns der Hitzschlag träfe – und um mir mit etwas Süßem die bittere Wartezeit auf den Anruf des Papas zu verkürzen, der seit gestern in der Klinik ist, um sich mittels diverser Titankonstruktionen das Knie so herrichten zu lassen, dass es ihn und Mr. Parkinson, seinen ständigen Begleiter, hoffentlich ein wenig stabiler durch die noch verbleibenden Jahre tragen möge.

Der Nachbar lädt mich zu einer neuen Eissorte ein, die ich aufgrund jahrzehntelanger (und bewährter) Festgefahrenheit niemals probiert hätte, wir kommen auf den Berg-Artikel zu sprechen und landen über ein paar Zwischenetappen schließlich bei Alain Ehrenbergs Erschöpftem Selbst und irgendwie schließt sich im weiteren Verlauf der Unterredung innerlich ein Kreis, etwas in mir klärt sich oder sortiert sich wenigstens vorübergehend so, dass es mir weniger wirr durch die Hirnwindungen schwirrt.
Einer der unschätzbar großen Vorteile des Lebens in der Stadt sind genau solche kleinen, unerwarteten Begegnungen, die parallel zum überwiegend erfreulichen Eingebettetsein in angenehme Anonymität jederzeit möglich sind.

Am Abend dann der erleichternde Anruf aus dem Krankenhaus, zwar in postnarkotisch-benebeltem Tonfall und noch ohne inhaltlichen Operationsbericht, anschließend ein Telefonmarathon mit der Freundin aus Berlin (gleichermaßen intensiv resonierend wie räsonierend), auch hier wieder ein Eintauchen in die oben skizzierte Thematik, als wär’s der rote Faden durch diesen Hochsommertag gewesen und vielleicht war er’s auch.

In der Praxis steht vor dem Genusszustand, der durch die radikale Reduzierung der Optionen entsteht, allerdings genau dessen Gegenteil: Welche Tour, welcher Weg hinauf, welcher hinab, mit einer Übernachtung oder mit zwei Nächten, wie stabil sind Knie und Witterung…?
Man starrt auf Wetter- und Wanderkarten, spürt in sich hinein und heraus kommt eine stets neue Paarung der Möglichkeiten, die Entscheidung wird verschoben, und später, im Supermarkt, muss man plötzlich lachen, als man entdeckt, dass selbst der Espresso mit sich uneins zu sein scheint, was er tun (oder leisten) soll (oder kann), A oder B?

Ich empfinde eine klare Neigung oder sagen wir besser: Entsprechung zu/mit „Schlaflos am See“ und wieder daheim angekommen, gelingt es in einem Akt radikaler Kurzentschlossenheit (vielleicht auch: Kurzschlusses) tatsächlich, eine der beiden vorreservierten Hüttennächte zu stornieren.

Am vorletzten Tag des vorletzten Lebensjahres vor der Vollendung des halben Jahrhunderts werde ich nun, wenn sich denn nichts mehr dazwischenzwängt, auf dem mittleren der drei möglichen Wege den Laliderer Wänden entgegenlaufen, während der Falke über mir durch die Lüfte kreist, ganz fokussiert auf seine für diesen Moment gewählte, einzige Option, genau wie ich, und wenn es sich ausgeht (und keinem von uns beiden die Puste ausgeht), so begegnen wir uns vielleicht, hoch droben, auf dem Steinfalk.

7 Kommentare zu “Radikale Reduktion der Optionen.

  1. frau frogg

    Wunderbar und gute Reise dann – und eine wunderschöne Geburtstagsfeier. Mich haben diese Jahre um das halbe Jahrhundert immer glücklich und dankbar gemacht, für alles, was ich erlebt, gekostet, genossen und überstanden habe. Das mit der Einschränkung der Auswahl finde ich als These im Zusammenhang mit einer Bergwanderung überhaupt nicht glaubwürdig – es sein dann, man befindet sich auf dem Mont Blanc und muss einfach irgendwie wieder runter. Aber auf den meisten anderen Wegen tun sich doch immer wieder reichlich Optionen auf.

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  2. „Einer der unschätzbar großen Vorteile des Lebens in der Stadt sind genau solche kleinen, unerwarteten Begegnungen, die parallel zum überwiegend erfreulichen Eingebettetsein in angenehme Anonymität jederzeit möglich sind.“ So ist es!
    Feiere schön in Deinen Geburtstag hinein und grüß die Dackeline!

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    • Danke, für alles & dir eine gute Zeit im Blauen Land, denn wenn ich mich nicht irre, steht das nun wieder an.

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      • Herzlichen Glückwunsch!

        Ja, das Blaue Land steht wieder an und ich hoffe, dass Welpi ein paar Touren wird mitmachen können.
        Ich bin schon ganz malade vor lauter Sehnsucht nach den Bergen.

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      • Jetzt check ich das erst – dank deines Kommentars: durch meine missverständliche Formulierung mit dem vorletzten Tag haben viele gedacht, ich würde heute altern…
        Ich heb mir deinen Glückwunsch einfach für nächsten Dienstag auf, wenn es soweit ist, ok?
        Vielen lieben Dank – und vielleicht laufen wir uns ja in diesem Jahr rund um den See oder das Moor über den Weg.
        Alles Gute für Welpi, was für ein schwieriger Start ins Hundeleben!

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  3. Am vorletzten Tag des vorletzten Lebensjahres vor der Vollendung des halben Jahrhunderts…
    Mal nachdenken – um 6.20 – heute ist also das morgen von gestern, ergo der letzte Tag. Klingt so, als wirst du morgen 49. Oder so. Du forderst enorm, für die Uhrzeit 🙂

    Liebe Grüße & alles Gute für deinen Papa!

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