Gehört Gesehen Gesorgt Gespürt

Vom Handlesen.

Kurzer Ausritt auf die Galaun, den kleinen Vorhügel der Tegernseer Baumgartenschneid. Trocken hinauf, triefnass hinab, gottseidank Reserveklamotten im Kofferraum, denn so derangiert und eingesaut kann man als eine der beiden Kontaktpersonen, die der Herr Vater benannt hat, nicht in der Klinik antanzen.

Das Landkreisspital begrüßt einen mit Flughafenatmosphäre, überall Sicherheitspersonal und helfende Hände, die einen durch den umfangreichen Registrierungsprozess geleiten, Dokumente kontrollieren, Fieber messen, QR-Codes einscannen, neue ausdrucken, einem schlussendlich ein Bändchen wie zum Einlass in einen Club (oder, der Erinnerung schon fast entschwunden: ins Stadion, für ein Live-Konzert) ums Handgelenk tackern und den fetten Aufkleber mit der Aufschrift „Besucher – Station 11“ auf den Oberarm pappen.
Halleluja! Eine ganze Stunde darf ich nun den Papa besuchen!

Der OP-Bericht liest sich gruselig, was das Handwerkliche angeht, ansonsten scheint alles gut gegangen zu sein. Die Titanummantelungen und der Schlitten sind wie geplant drin, man glaubt’s als Laie ja kaum, was so alles machbar ist und funktionieren soll.

Wir sprechen über die Schwestern, über die täglichen Unwetter, über Fußball und über ein paar persönliche Dinge.
Seine Stimme klingt belegt, die Motorik ist stark verlangsamt, die Mimik gelegentlich seltsam fremd – wahrscheinlich die Unmengen an Schmerzmitteln, die er einnehmen muss.
Als er sich die Bettdecke ein wenig zurechtzupfen möchte, fällt mein Blick auf seine Hände. Über Jahrzehnte meines Lebens waren das große, kräftige, zupackende Männerhände, vielleicht beinahe das, was man sich unter Pranken vorstellt. Während der letzten Jahre hatten sie einen Prozess durchlaufen, der sie verändert hat, die Parkinsonmedikamente haben auch dort ihre Spuren eingraviert. Es waren unbeholfene Hände geworden, Hände, denen die Tatkraft abhanden gekommen war, Hände, die müde wirkten und oft nicht mehr taten, was sie sollten. Oft sahen sie angeschwollen aus, manchmal waren sie stellenweise dunkelrot angelaufen und die Handrücken wiesen von Jahr zu Jahr mehr Pigmentflecken auf.

Heute, als sie mühsam die Krankenhausbettdecke zu richten suchten, sah ich diese Hände wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte: alt, knittrig, schwach und – was ganz und gar untypisch ist für die Physiognomie des Papas: fast zart und zerbrechlich.
Eine Wahrnehmung, die mir wie ein Stromschlag durch den Körper fuhr, ich stand sofort auf, um die Balkontür zu öffnen, was völlig unnötig war in dem Moment und zugleich absolut unabdingbar. Denn ich musste aufstehen, irgendetwas tun, mich bewegen, die ins Zimmer hineinströmende Luft spüren, irgendwo anders hinsehen können als zu diesen zittrigknittrigen Protagonisten auf dem Plumeau.

Durch den strömenden Regen fahre ich später heimwärts.
Die Zufallswiedergabe der Speicherkarte serviert einen Song von Cohen. „I’d like to try to read your palm“ singt er da in Zeile zwei und sofort tauchen diese Hände wieder vor meinem inneren Auge auf, ein Bild wie ein Vorbote der Vergänglichkeit, beim Refrain fällt mir wie immer der Freund ein, der viel zu früh gestorben ist, ein paar Strophen weiter kommt der Vers, der mich von jeher aus den Angeln gehoben hat: „you held on to me like I was a crucifix as we went kneeling through the dark“ , und schließlich, kurz vor dem elegischen Ende, folgt der inhaltliche Bogen zum heutigen Bergsprint: „and just when I climbed this whole mountainside to wash my eyelids in the rain“ .

Und auf einmal weiß ich nicht mehr, ob es der so heftig auf die Windschutzscheibe prasselnde Regen ist oder der wie wild werkelnde Scheibenwischer oder mein eigener verzweifeltverwässerter Lidschlag, der mir schier die Sicht raubt.

9 Kommentare zu “Vom Handlesen.

  1. Gute Wünsche Dir und Deinem Vater mit allen Beteiligten!

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  2. Das erlebe ich derzeit ähnlich, seit Jahren schon.
    Verfall, Endlichkeit, aber auch, wie zäh Leben sein kann.

    L.G.

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  3. Das freut mich, dass die OP gut verlaufen ist. Gute Genesungswünsche für deinen Papa! Diese Momente kenne ich auch von meinen Eltern. Letztens habe ich sie mal zufällig vom Auto aus gesehen und hätte sie kaum erkannt – so hilflos und verloren und beinahe fremd wirkten sie und gleichzeitig spürte ich so viel Mitgefühl und Zuneigung. Ganz liebe Grüße! Andrea

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    • Vielen Dank, liebe Andrea, für deine Worte, und die Eltern-Situation, die du schilderst, kann ich mir nur zu gut vorstellen, sowas hatte ich vor Jahren auch mal, als ich meinen Papa an einem Bahnhof abholte, da stand er und ich musste zweimal gucken, bis ich ihn erkannte… Ob das auf uns auch noch zukommt? Beim nächsten Treffen an der Balsamine dann mit roter Schleife an der Leine oder mit Sombrero auf dem Kopf? Oder mit beidem? Ja, wer weiß!
      Herzliche Grüße zurück!

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  4. So eine Stahleinlage sieht doch gewöhnungsbedürftig aus…., kein Wunder knittert alles.

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  5. Ja, es ist schwierig, wenn die Eltern alt werden.

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  6. frau frogg

    Sehr berührende Geschichte mit den Händen. Wünsche Dir und dem Herrn Papa von Herzen alles Gute!

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  7. Pingback: Von der Psyche. – Kraulquappe

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