Gefreut Geplant Geträumt

Himmel der Bayern (98): Zugsp(r)itztour – der Prolog.

Seit einigen Tagen befinde ich mich in einer Verfassung zunehmender Zerplantheit.

Das habe ich Ihnen bewusst vorenthalten, und zwar nicht aus Gründen, dieser dämlichen, pseudogeheimnistuerischen Phrase, sondern aus guten Gründen, von denen Sie gleich lesen werden, womit dann auch der Schleier des Geheimnisvollen nicht gelüftet werden muss, weil er gar nicht erst verhängt wurde.

Konkret heißt das:

Bei der ersten Tasse Morgenkaffee ins Online-Buchungsportal des DAV gucken, die Belegung der Knorrhütte checken (und wenn wieder ein Bett frei ist an einem Tag, der für die Tour in Frage käme, sofort zuschlagen, resp. reservieren), zusätzlich auch die Belegung der Reintalangerhütte checken (diese Idee kam erst spät hinzu: wenn die Knorrhütte dicht ist, ginge die Tour ja auch mit Übernachtung anderswo, dann zwar nicht in der gewünschten Streckenaufteilung, aber man kann ja nicht alles haben und Hauptsache, man hat überhaupt irgendwas eine Schlafstatt).

Listen schreiben, welche Nacht man nun wo reserviert hat (Doppelbuchungen zunächst ignorieren, später wieder stornieren, aber erst, wenn sich abzeichnet, dass es der gebuchte Tag ganz sicher nicht werden wird, bis dahin alle Optionen offenhalten), trotz der Listen kommt man allmählich durcheinander, also neue Listen anlegen, die das verhindern oder wenigstens so tun als ob.

Täglich mindestens dreimal auf drei verschiedenen Wetterseiten die Prognosen für die drei relevanten Orte checken (Garmisch, Knorrhütte, Zugspitze). Eine Art Quersumme (oder kleinsten gemeinsamen Nenner) aus den verschiedenen Temperaturdaten, Sonnenstunden-pro-Tag, Schneefallgrenzen-in-Zentimetern und Regenwahrscheinlichkeitsprozenten errechnen (und das Ergebnis dreimal am Tag unmittelbar dem Gatten mitteilen, der sich daraufhin jedesmal die Haare rauft, weil er nicht dreimal am Tag seine beruflichen Termine für die nächsten drei Tage auf Basis dieser schrägen Kennzahl ändern oder ganz absagen kann, nur um sicherzustellen, dass er an Tag 2 meiner Tour, auf welches Datum auch immer dieser Tag dann schließlich fallen wird, zusammen mit dem Dackelfräulein oben auf dem Gipfelplateau stehen wird, um mir dort eine frische Breze in mein wahrscheinlich verschwitztes, aber unwahrscheinlich glückliches Antlitz zu drücken).

Dann irgendwann auch noch die Eingebung haben, a) den unkalkulierbaren Zykluszirkus und b) den vermutlich bevorstehenden Bahnstreik in die gesamte Planung mit einzubeziehen, weil beides könnte einem spontan ja auch noch einen Strich durch die Rechnung machen (nebenbei die Frage wegschieben, ob man das alles eigentlich wirklich machen will oder einen einfach eine tiefe, perverse Sehnsucht treibt, sich im Planungsdschungel so zu verlaufen, dass man sich irgendwann an einer Höhenliane Höhenlinie selbst stranguliert?).

Sich dazu zwingen, jeden Abend zu entscheiden, ob es nun sinnvoll ist, morgen oder übermorgen oder in drei Tagen die Tour anzutreten, und wenn nicht, spätabends die entsprechenden Hüttennächte stornieren.
Nachts teilweise wachliegen und Hirnroulette spielen, Wetten aufs Wetter abschließen (diese Woche isses & wird’s zwar ganz gut, aber wird die nächste nicht unter Umständen noch besser oder womöglich erst die übernächste?), nichts gewonnen, nichts verloren, nichts festgelegt, alles bleibt offen (das befreit und beengt zugleich, ein Beschluss muss her, nur wann und wie? und ist es dann auch der richtige? gibt’s den überhaupt? nein, wir werden es erst im Nachhinein wissen! so ist das, und zumindest das weiß man doch oder wusste es mal!).
Am nächsten Morgen wieder ins DAV-Buchungsportal schauen und neue Nächte suchen und buchen und staunen, dass die Wetterstationen sich schon wieder geirrt haben und heute für morgen was anderes sagen als gestern, also kann das Planspiel getrost (oder jenseits davon) von vorne beginnen.


Das hat – und zwar bereits nach einer Woche! – nicht nur was Zwanghaftes, sondern das wird auch zunehmend zur Belastung – für mich, für mein Umfeld, für den Alltag, für andere Dinge, die gedacht, getan oder geplant werden wollen.

Zeit wurde es daher, allerhöchste sogar, endlich eine Entscheidung zu treffen.

Heute Abend den Rucksack gepackt – morgen Früg gehe ich los – übermorgen Mittag werde ich oben sein.

(Und sollten Sie demnächst mal eine Frage zu Garmisch und der Zugspitze haben, ganz egal, ob zu Anreiseoptionen, Parkplätzen, Webcams, Sturmschäden, Wanderwegen, Höhenmetern, Klettersteigen, Routenvarianten, Einkehrmöglichkeiten, Hüttenübernachtungen, Buchungstricks, Coronabestimmungen, Seilbahnfahrpläben, Ticketreservierungen, Ermäßigungen, Hundemitnahme oder Gipfelgastronomie – scheuen Sie sich bitte nicht, mich zu kontaktieren.)

*****

Die drei Fragen, die ich zu diesem Vorhaben am häufigsten gestellt bekomme, lauten:

Wieso machst du das?
Warum willst du alleine gehen?
Weshalb ist diese Tour denn jetzt so wichtig für dich?

Der Einfachheit halber nun hier, an leicht zugänglicher und gut nachlesbarer Stelle, die drei Antworten:

  • Weil ich meine heimatliche Lauflandkarte schon seit fast zwei Jahrzehnten um genau diese Route im Wettersteingebirge ergänzen möchte: da gibt’s noch etliche Täler, Flussläufe, Gebirgszüge und Wegstrecken, die zusammenhangslos im ansonsten gut bewanderten Werdenfelser Land herumstehen, mir fehlen die Übergänge, die innere Topographie (Topografik?) ist stellenweise löchrig, da kann ich noch so lange auf die Wanderkarten starren, denn erst, wenn ich diese Lücken selbsr durchlaufen habe, werden sie sich schließen und es wird ein Ganzes draus.
  • Weil ich bei manchen Unternehmungen einfach meine Ruhe brauche und ja schon mehr als genug mit mir zu tun habe, niemanden mit meinen vielfältigen Befindlichkeiten behelligen möchte und auch selbst nicht mit Fremdzuständen (Ächz-Ohgottistdassteil-Hunger-Rucksacksoschwer-Wassollderganzescheißnur-Aua-Pipipause-Scheißschuhdrückt-Sonnebrennt-Durst-Wieweitdennnoch-Mussmaldasshirtwechseln-Scheißgeröllfelder-Guckmalhier/Guckmaldort-Zuwenigzutrinkendabei-Habdiesonnenbrilledaheimvergessen-Könnenwirnichtlangsamerweitergehen-Keuchhechelschwitz-Scheißbremsen-MankanndochnocheinePausemehrmachen-OhgottjetztwirdsjanochsteilerMansiehtdieblödehütteimmernochnicht-IchkannjetztfeibaldnichtmehrWarjaeinetolleideediesetour) konfrontiert werden will.
  • Weil ich nicht jünger-gesünder-belastbarer werde und weil der Papa vor über 40 Jahren, wir waren damals gerade zu Besuch in Garmisch, um die dortige Jugendherberge zwecks Generalsanierung zu begutachten, mir die diversen Gipfel, die man von der Terrasse des Hauses aus sehen konnte, namentlich erläuterte und erklärt hatte, die Zugspitze sei der allerhöchste Berg, den wir hier in Deutschland hätten, und später, wenn ich mal groß sei, solle ich da hinaufgehen, das wäre doch was, auch er hätte das noch fest vor (wozu es nicht kam, denn immer kam ihm irgendwas dazwischen oder es fehlte an den passenden Voraussetzungen und so vergingen die Jahre und dann kam auch schon die Rente, der Parkinson und mit ihm die Zeit der großen Nie-Wieders und Nie-Mehrs und da hab ich mir geschworen, dass mir das nicht passiert und ich vor der Rente, was bei mir schwer zu definieren sein wird, weil ohne feste Anstellung auch kein Rentnerritterschlag, also am besten schon vor der 50, weil das einfacher zu definieren ist als das andere, da hinaufgehe).

*****

Aus meinem antiquarischen Alpenlexikon.

*****

„Je mehr man sich ihr nähert, desto mehr scheint sie sich hinter ihre Trabanten zurückzuziehen. In Garmisch-Partenkirchen erblickt man nur von einigen Punkten aus ihren Gipfel, aber das Höllental, das sich tief in den grandiosen Felswall des Wettersteins einschneidet, zieht mit magischer Gewalt den Blick auf sich, der unwillkürlich immer wieder die im Hintergrunde thronende Königin der bayerischen Alpen sucht.

Der erste alpine Wunsch Aller, die der Weg in ihren Bannkreis führt, ist es denn auch, ihren Gipfel, (…) zu betreten. Die Zugspitze ist deshalb einer der besuchtesten und populärsten Berge der gesamten Alpen.

[Es schaudert einen, wenn man das liest, erst recht zu Hurra-wir-können-wieder-reisen-mitten-in-der-Pandemie-Zeiten, und ich mache mich auf großes Gipfelgrausen gefasst, nur gut, dass der Weg das Ziel ist, sofern’s überhaupt um Ziele geht bei all dem.]

(…) Die gut versicherten Steiganlagen verlocken allerdings manchen Unberufenen die Besteigung führerlos zu wagen und es ist bei der Unerfahrenheit und schlechten Ausrüstung vieler Touristen geradezu ein Wunder, dass sich nicht mehr Unglücksfälle ereignen.

[Amen.]

(…) Auch die Herren Meteorologen können davon erzählen, wie oft sie solche leichtsinnige Touristen, die den Aufstieg durch das Höllental genommen hatten und das letzte Stück wegen des steilen Schnees nicht mehr bewältigen konnten, heraufgeseilt haben. Die exponierte Lage der Zugspitze verursacht häufig sehr rasche Wetterstürze mit starkem Schneefall, die in einigen Minuten die Besteigungsverhältnisse außerordentlich erschweren können. Weniger Geübte tun deshalb gut, die Besteigung nur auf Route 7 und dann auch nur bei gutem Wetter und wenn der Grat schneefrei ist, zu unternehmen; in allen anderen Fällen ist die Mitnahme eines Führers dringendst zu empfehlen.

[Wir haben alles bedacht, an alles gedacht und fühlen uns immerhin in der Hinsicht als Geübter.]

Die Aussicht ist eine der großartigsten und umfassendsten der Ostalpen; an der Grenze zwischen Hochalpen und dem Vorland gelegen, fesseln die Kontraste der wildzackigen Kalkalpen, hinter denen sich die firnschimmernde Kette der Zentralalpen aufbaut, mit den grünen Kuppen der Verberge, die sich zur unabsehbaren Ebene senken.

Das Panorama erstreckt sich vom Tödi bis zum Ankogel, von der Bernina bis zum bayerischen Wald; aus der Tiefe lugt der Spiegel des Eibsees, der Höllentalferner und darüber hinaus der reichbesiedelte Talkessel von Garmisch-Partenkirchen. Das Wettersteingebirge selbst ist nur unvollkommen zu übersehen, und es ist deshalb als Gruppenaussichtsberg der zentral gelegene Hochblassen und auch die Dreitorspitze vorzuziehen (…).“

[Es steht zu befürchten, dass das keine der Gruppen gelesen hat, mit denen ich übermorgen die Aussicht von der Zugspitze werde teilen müssen.]

(Quelle: http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Zugspitze)

*****

Fragen Sie ruhig – ich kann das alles erklären! (Zum Beispiel ist fast ein Drittel des Volumens seuchenbedingt.)

*****

10 Kommentare zu “Himmel der Bayern (98): Zugsp(r)itztour – der Prolog.

  1. Ich wünsche Dir ganz viel Glück dabei und Freude und gutes Wetter. 💕

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    • Danke, liebe Birgit, bislang ist es spannend, nach der ersten Viertelstunde die erste Überraschung, die mir 200 Höhenmeter und 30 Minuten mehr Freude beschert, aber ich sag’s ja immer: in den Bergen isses wie im Leben, ein Auf und ein Ab und oft anders als erwartet.
      Ich grüße aus der ersten Trinkpause und kurz vor Empfangsende!

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  2. Dieses Hadern und diese Unentschlossenheit kenne ich auch, gerade bei Projekten, die man besonders lange ersehnt, die dann ja auch irgendwie perfekt werden sollen. Ich wünsche dir einen guten Weg und bin sehr gespannt, was du erlebst und erzählst! Liebe Grüße von Andrea

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    • Liebe Andrea,
      grad hab ich intensiv an dich gedacht, ich lief am Wegweiser zur Kaiserschmarrnalm vorbei (leider am frühen Morgen keine Zeit für so viel Fett, das Gepäck ist eh schon schwer genug), das war ein unvergesslicher Tag mit dir und euch!
      Ganz liebe Grüße von mir und hier 💛

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  3. Fremdzustände – ich schmeiß mich weg 😀
    Ich liebe deine Sprache!!
    L.G. & gutes Gelingen.

    Gefällt 2 Personen

  4. Ich ziehe ja auch am liebsten allein los, weil sich mir zum einen der Sinn mancher Touren, die man unbedingt gegangen sein muss, nicht erschließt, zum anderen weil ich nun einmal eine geborene Flachländerin bin und mit Leuten, die seit ihrem dritten Lebensjahr auf Bergen herumkraxeln, nicht mithalten kann. Aber nix für ungut, jede wie sie mag und kann.

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    • So ganz erschließt sich mir der Sinn deiner ersten Kommentarhälfte zwar nicht (was hat das eine mit dem anderen zu tun, fragte ich mich), aber dem „Nix für ungut“-Part schließe ich mich gern an – ganz genau: jede/r, wie er/sie kann/mag.

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      • Ich habe einen Horror vor diesen überlaufenen Wegen. Lieber weniger spektakulär, aber ruhiger. Und wenn ich mit anderen wandere, kommt garantiert einer, der genau so eine Tour gehen will wie ich sie nicht mag.

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  5. Na – toitoitoi. Mir wär das nüschd. Fällt mir nur das Video von Rammsteins „Ohne dich“ dazu ein. Abschreckend. Und „Nordwand“ der Film.

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