Gelaufen Gelitten Genossen Geplant Gespürt Gestaunt Getan

Himmel der Bayern (99a): Zugsp(r)itztour – der Textkörper.

8:27 Uhr: Abmarsch am Olympiastadion Garmisch. Ist so gar nicht meine Zeit. Die eine solche Abmarschzeit erfordende Aufstehzeit daheim in München erst recht nicht.
8:42 Uhr: Auf dem Weg zur Partnachklamm, deren Umgehung freilich längst eingeplant war, ein irritierendes Schild. Mein Umgehungsweg ist heute wegen dringender Felssprengungsarbeiten gesperrt. Die empfohlene Umgehung umgeht also auch meine geplante Umgehung und beschert mir einen ungeplanten Umweg von einer guten halben Stunde und 200 zusätzlichen Höhenmetern. Ich esse erstmal eine Banane und befrage Captain Google zu der Sache mit der Sprengung. Scheint sich nicht um einen Scherz zu handeln.
9:18 Uhr: Ich passiere die Partnachalm. Danach passiert erstmal nicht mehr viel außer Schildern, Schildern und abermals Schildern, jedes auf irgendeine Unpassierbarkeit hinweisend oder den arglosen Wanderer vor irgendwas warnend.
9:28 Uhr: Mitten in der ersten Trinkpause reißt mich ein Megaknall aus meiner Morgendösigkeit. Wenigstens haben sie einen tatsächlich nicht verarscht mit dem Hinweis auf die morgendliche Felssprengung – die Detonation klang erschreckend echt.
10:03 Uhr: Alle Umgehungen sind umgangen. Hallo Partnach, da bist du ja endlich! Ein Trupp Bauarbeiter grüßt zurück und hat Antwort auf die entscheidende Frage: Ja, die Arbeiten sind beendet, ja, der weitere Weg Richtung Reintal ist geräumt und gefahrlos begehbar.
10:08 Uhr: Der Bayernhimmel hat urplötzlich eine Farbstörung, aus Himmelblau wurde hinter einer Weggabelung Wolkengrau. Stand in keinem meiner drei Wetterberichte.
10:09 Uhr: Es tröpfelt leicht.
10:11 Uhr: Es regnet leicht. Die Sonnencreme rinnt mir in die Augen. Ich habe keine Lust, die Regenjacke aus dem Rucksack herauszufummeln und gehe gesenkten Hauptes weiter.
10:25 Uhr: Die Farbstörung ist vorbei, der Defekt im Panorama vollständig behoben. Ich sprühe eine neue Schicht Nobite auf meine nackten Beine.
10:31 Uhr: Wegen des gesenkten Hauptes ein Schild übersehen. Was soll’s, auf weitere 10 Minuten Umweg kommt es nicht an.
10:45 Uhr: Der erste Bergsteiger begegnet mir. Nach zweieinviertel Stunden beruhigt mich das sogar ein wenig, denn angeblich ist das hier ja ein vielbegangener Weg. Er heißt Brad, sieht aber nicht so aus, und kommt aus Kanada. Ich dachte, die hätten da selbst ein paar Berge rumstehen und könnten bei sich daheim rumwandern. Brad sagt, er möchte heute noch auf die Zugspitze und auch so sieht er eigentlich nicht aus. In der nächsten halben Stunde überholen wir einander ein paarmal im Wechsel, dann muss ich ihn leider abhängen, weil mir das Englischsprechenmüssen während des Gehens auf den Senkel geht.
11:05 Uhr: Bin an der Bockhütte. Ich liege gut in der Zeit, auch wenn ich mich eher laufend durch diese bewege. Ein paar Mountainbiker hocken hier beim Frühschoppen herum, Grund genug, die erste Jause noch aufzuschieben, außerdem war das um Viertel vor 9 ja eine große Banane. Oh je – der Wirt kommt zum Wanderweg und wirbt höchstpersönlich um Kundschaft. Im Gespräch erfahre ich, dass heute etliche Gäste ausbleiben werden, weil wegen der Sprengungen zwei weitere Wege, die die Durstigen aus anderen Richtungen hierher geführt hätten, ganztags gesperrt sind. Blöd fürs Geschäft. Fein für mich.
11:22 Uhr: Mountainbikerunfall bzw. -zusammenprall direkt auf meinem Weg. Einem Wegstück, das wohlgemerkt für Mountainbiker gesperrt ist. Da die beiden gekenterten Kraftpakete in ihren hässlichen Neonklamotten bei Bewusstsein sind und munter mit farblich passendem Tape-Zeug hantieren, gehe ich grußlos weiter.
11:52 Uhr: Jausenpause. Endlich. Das Reintal und der tosende Wildbach sind wundervoll, der Weg allerdings zieht sich hin wie Kaugummi. Der Rücken tut weh, das linke Schultergelenk ebenfalls. Da darf man sich jetzt definitiv mal in die Zeit legen und den schönen Augenblick zum Verweilen einladen, es muss einem ja nicht zwangsläufig so ergehen wie dem Herrn Faust, selbst wenn da in Sachen Weltschmerz eine gewisse Seelenverwandtschaft besteht.
12:00 Uhr: Die Sonne scheint, die Partnach plätschert, die Semmel schmeckt. Bombastische Bergwelt. Affige Alliterationsattitüde.
12:03 Uhr: Erste und hoffentlich einzige Planungspanne: viel zu wenig Taschentücher dabei. Dafür viel zu viele Cashews, zur Not kann man sich die ja vielleicht als Tropfstopf in die Nasenlöcher stecken. Sicherheitshalber hebe ich trotzdem mal das der Semmel als Serviette beigefügte Küchenkrepptücherl auf. Ein Blick in die App mit den Tourplänen hilft über diesen kleinen Hygieneschock hinweg, denn auf der Karte sieht es so aus, als hätte ich glatt schon zwei Drittel der heutigen Tagesetappe geschafft. Da ich mich und meine Bewegungen nicht tracke, weil mich das noch mehr terrorisieren würde als mein innerer Schweinehund, bin ich unterwegs auf Armbanduhr und Schätzungen angewiesen, was ich aber sehr schätze und wobei ich mich auch nur selten verschätze.
12:15 Uhr: Weiter geht’s. Nicht, dass einen der Kanadier wieder einholt.
12:40 Uhr: Die linke Schulter tut nun sauweh und knackt komisch. Ich denke an K., die die Einzige ist, der ich vor Aufbruch anvertraut habe, dass ich frühmorgens auf etliche Körperzonen drei Schichten Schutzmaterial auftrug: erst eine Lage Voltarengel, dann eine Schicht Sonnencreme, finale Fixierung des Ganzen mit Nobite.
12:57 Uhr: Wie eine Fata Morgana taucht die Reintalangerhütte in den unendlichen Weiten des Uferkieses auf. Mein schweiß- und sonnencremegetrübter Blick glaubt, die vertrauten, hellblauen Himmel-der-Bayern-Schirme von Hacker Pschorr zu erkennen
13:07 Uhr: Heureka! Hier gibt’s meine drittliebste Weißbiersorte! Ist zwar noch gar nicht die Uhrzeit für Getränke mit einer Umdrehungszahl >0, aber mei, der Schulter wird’s bestimmt gut tun.
13:09 Uhr: Nach nur einem Schluck muss man auch schon wieder aufstehen – der Trottel am Tresen hat mir ein Helles eingeschenkt.
13:13 Uhr: Nun passt alles. Der Zitronenkuchen war leider schon aus, stattdessen gibt’s Cashews, nach Nuss- oder Schokokuchen war mir nämlich nicht.
13:38 Uhr: Der Kanadier lässt sich auf einen der freien Stühle an meinem Tisch plumpsen, stellt sich mir erneut als Brad vor und sieht immer noch kein bisschen so aus. Dafür sitzt einen Tisch weiter einer, der beim Shirtwechsel an Arjen Robben erinnert, allerdings nur in der Sekunde, in der das Shirt seinen Kopf komplett umhüllt. Vielleicht ist auch bloß mein Wahrnehmungsapparar umhüllt vom Hacker Pschorr. Wurscht. Die Aussichten hier sind prima.
13:51 Uhr: Ich verschiebe meine Abmarschzeit von 14 Uhr auf 14:20 Uhr, nachdem die Robbenkopie am Nebentisch seinem Begleiter wortreich erläutert hat, dass es nur noch zwei Stunden hinauf zur Knorrhütte wären. Auf den Schildern sind zwar 2,5 Std angegeben, aber da ich trotz diverser Umwege die bisher angegebenen Gehzeiten deutlich unterschritten habe, ist es völlig egal, ob ich noch 1, 2, 3 oder 4 Stunden bis da oben brauche.
14:06 Uhr: Die linke Schulter ist im Himmel der Bayern angekommen und schweigt nun selig.
14:09 Uhr: Brad verabschiedet sich und meint, er würde die letzte Seilbahn vom Zugspitzgipfel ins Tal noch erwischen. Ich meine das nicht, wünsche ihm dennoch artig Good luck!
14:20 Uhr: Auf geht’s. Zuvor noch die Lekis ausgepackt, denn jetzt wird’s richtig steil.
15:15 Uhr: Brad kommt mir in reichlich ramponierter Verfassung entgegen, er hat gemerkt, dass es doch noch 1.200 Höhenmeter bis zum Zugspitzgipfel wären und er das, weil er ja schon 1.400 Höhenmeter und 15 Kilometer hinter sich hat, wohl doch nicht mehr packen wird. Er will es nun in viereinhalb Stunden zurück nach Garmisch schaffen. Na dann. Ich wünsche nichts mehr, presse ein gekeuchtes Bye raus und schnaufe weiter bergauf. Die App zeigt eine Reisehöhe von 1.870m an, also noch knapp 200 Hm bis zur Hütte.
15:38 Uhr: Nochmal 2 Minuten Trinkpause. Blick nach oben. Nichts als Steine. Wo ist bloß die dämliche Hütte?
15:50 Uhr: Die linke Schulter ist wieder aus dem Himmel der Bayern herabgestiegen, um auf Erden wieder ihre Pein zu verbreiten. Wir treffen uns inmitten eines besonders üblen Geröllfeldes wieder. Es gibt gefälligere Begegnungsstätten. Und das rechte Knie hat sie auch noch mitgebracht. Danke auch.
15:59 Uhr: Hinter einer Linksbiegung des steinigen Steigs taucht die Knorrhütte auf.
16:10 Uhr: Mit einem wenig eleganten Schwung wuchte ich meinen Rucksack auf eine Bank am Rande der Hüttenterrasse. Wie immer und überall, wenn ich bei einer Berghütte ankomme, ist das erste menschliche Geräusch, das an mein Ohr dringt, ein schwäbisches Geräusch. Wurscht. Man muss sich jetzt auf Wichtigeres fokussieren: Lagerplatz beziehen, nasse Klamotten ausziehen, einen Teller Nudeln reinziehen.
16:41 Uhr: Es gibt eine Dusche!!! 3 Min für 3€. Eine Duschmünze pro Übernachtungsgast. Super. Irre. Wahnsinn. Haben sie auf der Homepage verschwiegen. Wahrscheinlich freuen sich die Leute (zu denen ich mich da heroben ausnahmsweise auch mal zählen möchte) dann mehr.
17:13 Uhr: Frisch geduscht und neu gewandet richte ich meinen Schlafplatz ein. Der Seuche sei Dank hat man mir in einer Dreierkoje den mittleren Platz zugeteilt, links und rechts neben mir muss die schmale Matratze jeweils frei bleiben. Leider befindet sich die Dreierkoje in einem 24er-Lager, das ich mit ca. 7 Haushalten teile. Das sind ca. 16 Mitschläfer und -*innen. Alle geimpft oder genesen. Geschnarcht wird wahrscheinlich trotzdem. In der Koje über mir logieren die Schwaben, klar, wo sonst.
17:45 Uhr: Zweitbier und Erstnudeln stehen vor mir. Schon wieder Hacker Pschorr, Halleluja, welch Glück. Noch größeres Glück ist, dass fast alle anderen Gäste erst später zum Essen aufkreuzen und es daher herrlich ruhig ist.
18:35 Uhr: Meine Weiße und ich turnen in Trekkingsandalen hinter der Hütte einen kleinen Hang hoch, dort scheint die Abendsonne so schön hin. Und es gibt auch ein Fünkchen Empfang, grandiose Aussicht noch dazu. Schräg hinter meiner bislang noch nicht schmerzenden rechten Schulter ruht die Zugspitze in einem Wolkenbett. Falls ich mich morgen Früh noch bewegen kann, geht’s direkt dorthin.
18:47 Uhr: Ich stoße mit dem Steinmanderl vor mir auf diesen Tag an. Und darauf, dass ich das geschafft habe: fast 19 Kilometer und 1.800 Höhenmeter in 5 Stunden und 50 Minuten.
19:12 Uhr: Es wird kühl, ich geh dann mal hinunter ins Hüttenfunkloch. Von der Terrasse schallt der Peter Cornelius herauf. Frei wie ein Segel im Wind, oder so ähnlich, der Papa hat das geliebt.

(Das Bildmaterial zu diesem Bericht wird nachgeliefert – es muss erst noch gesichtet und sortiert werden. Und das Netz schafft hier eh nur sehr kleine Datenmengen.)

(Nachtrag: Eins ging doch.)

10 Kommentare zu “Himmel der Bayern (99a): Zugsp(r)itztour – der Textkörper.

  1. Dich wird’s freuen, wenn ich Dir sage, dass ich diesen Bericht -fein betont- dem Gatten laut vorlas.
    In Gedanken folgen wir Dir und freuen uns besonders, dass Du gut in der Zeit gehst und liegst. Hacker weiter erfolgreich gegen Schulter und Knie an! Vor allem auf dem Abstieg … 😘

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  2. Da ich zu spät für die erste Etappe dran bin, wünsch ich nun eine ruhige und erholsame Nacht, auf daß Schulter und Knie sich morgen wieder diensttauglich melden und Du bei gutem Wetter vom Gipfel einen grandiosen Ausblick – ohne Schwaben und Kanadier – genießen kannst … 😉

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  3. Bestimmt hast Du ein Diktiergerät dabei für die Minutengenaue Ansage.

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  4. WOW!
    das eine bild ist großartig … bin gespannt …

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