Gelaufen Gelegen Gelitten Genossen Geplant Gereist Gespürt Gestaunt Getäuscht

Pretty Prättigau (2): Die Tribute von Pany.

Wachgemuht probiere ich vorsichtig, mich von meiner Schlafstatt zu erheben. Allein der Versuch, mich in die Seitenlage zu begeben, treibt mir die Tränen in die Augen, an ein Aufsetzen mit Hilfe der Arme ist ebenfalls nicht zu denken.

Das Dackelfräulein schmiegt sich um meinen Hals und tröstet mich nach allen Regeln der Hundekunst, ich erwäge, den hübsch Bewimperten im Nebenzimmer anzurufen und ihn zu bitten, er möge mich von der Matratze hochhieven.
Es ist erst kurz nach 7 Uhr, das ist definitiv nicht die Aufstehzeit des Freundes, also bleibe ich liegen. Um halb Acht robbe ich auf dem Rücken zur Bettkante vor und lasse die Beine vorsichtig zum Boden hinabgleiten. Zehn Minuten später stehe ich tatsächlich einigermaßen aufrecht im Zimmer. Alles tut weh.

Das Frühstück besteht aus Quittengeleebrot, Instantkaffee und Ibuprofen, alles in gekrümmter Sitzposition eingenommen, das Morgengassi im Maiensäss ist hingegen eine extrem rückenfreundliche Angelegenheit: Tür auf, in den Türrahmen lehnen, Hund raus, 1 meditatives Pipi mit Drusenfluhblick, 1 schnelles Häufchen am Wegesrand – die einzige Herausforderung für mich besteht darin, mir den Kackplatz zu merken, um später die Hinterlassenschaften eintüten zu können bzw., da ich mich ja nicht bücken kann, den Freund zu bitten, das zu erledigen (ich rechne hoch, wie viele Hundehäufchen in den nächsten Tagen wohl anfallen werden und hoffe, dass sich die Anzahl für den Freund noch im Rahmen des Zumutbaren bewegt).

Da der hübsch Bewimperte im Zweitjob Yogalehrer ist, werden mir vormittags erstmal die Beine langgezogen und ein paar Übungen aufs Auge gedrückt, alles unter strenger Anleitung und Aufsicht, versteht sich.
Den Hundedamen gefällt diese Bodenturnstunde – es muss sich um ein eigens für sie konzipiertes Spiel handeln! – und so fliegen mir beim Dehnen und Strecken nicht nur die über Nacht neu hinzugekommenen Mäuseköttel um die Ohren, sondern auch die angespeichelten Stofftierchen unserer beiden Vierbeiner.
Ein Urlaubstagesbeginn wie im Bilderbuch.

Gegen 11 Uhr bin ich sowohl vollständig frisiert und ibuprofiniert als auch überaus motiviert und inspiriert von dem Vorschlag des Freundes, es mal mit einem kleinen Spaziergang zu versuchen, weil etwas Bewegung den Verspannungen doch bestimmt gut tun wird, außerdem sind wir ja nicht zum Bodenturnen zwischen Mäusekötteln hergefahren.

Er hält mir eine Routenplanung aus seiner Touren-App unter die Nase, ich lese dort irgendwas von „10 Kilometern“, kommentiere „Das ist hin und zurück, oder?“ , was er porridgeschmatzend bejaht und so stiefeln wir schließlich gegen halb 12 los.

Unser Ziel ist St. Antönien, dieses hübsche Bergdorf, auf das wir im vergangenen Jahr vom Gipfel des Chrüz aus verzückt hinabblickten und beschlossen, dass wir dort unbedingt beim nächsten Mal hinwandern wollen.
Das Chrüz lassen wir heute selbstverständlich aus, denn der Rücken soll ja nur gelockert, nicht aber strapaziert werden.

Nach zwei Stunden Marschieren und etlichen Höhenmetern bergauf und -ab taucht hinter einer Kuppe endlich St. Antönien auf und mir schwant, was mir schon unterwegs bei jeder zweiten Weggabelung schwante: die Kilometerangabe bezog sich doch auf die einfache Strecke.
Da hatte sich zwischen Porridge und Planungstool wohl irgendwie ein kleines Missverständnis eingeschlichen, aber mei, es lief sich ja unerwartet gut, sehr gut sogar, der lädierte Lendenwirbelsektor muckte nicht akut auf und der Dauerschmerz hielt sich in Grenzen, zudem die atembetäubende oder auch -beraubende Natur rundum und ein Wahnsinnswetter wie man’s echt wochenlang nicht mehr gehabt hatte – dann ist’s eben kein kleiner Spaziergang, sondern ein mittlerer Marsch, macht ja nix!

Die Sonne brennt vom Himmel, den Hunden setzt das geteerte Sträßchen, das in den Ort führt, zu und wir alle haben Hunger und Durst.
Der anvisierte Berggasthof auf halber Höhe zwischen Wanderwegende und Dorfanfang hat zwar geöffnet, doch begrüßt uns auf der bepoolten Terrasse eine Tafel, auf der mit Kreide „Bin kurz unterwegs“ steht. Da wir nun schon lang unterwegs sind, warten wir nicht, sondern wandern weiter talwärts, im Ort unten hat’s ja noch drei Gasthäuser.
Das erste hat zu, das zweite einen Zettel am Zaun („Heute ausnahmsweise Ruhetag“), im dritten empfängt uns ein sympathisches Murmeltier-Logo und eine noch sympathischere Bedienung mit Speisekarte in der Hand. Hurra!

Das Risotto schmeckt vorzüglich, die selbstgebraute Limonade ebenso, die Mädels liegen gefüttert und gewässert Popo an Popo unterm Tisch und pennen.
Wir ordern nach dem Reisgericht noch je eine Kugel Eis, ich nehme Hagebutte, was mir bislang nie als Eissorte unterkam, der Freund wählt die Geschmacksrichtung Arvenholz.
Ja, Sie lesen richtig, der Schweizer versteht es, aus seinen Qualitätshölzern sogar Eiskreationen zu zaubern, die zumindest von Touristen mit Wonne verspeist werden (nächstes Jahr probieren wir die Sorten Löwenzahn und Kuhglocke, versprochen).

Nach zwei Stunden Rasten, Reinhauen und Reden – der Gastgarten ist wirklich wunderbar und die Aussicht auf die Madrisa ein Traum! – darf man uns getrost als Tagträumer bezeichnen: noch kein Gedanke wurde an den Rückweg verschwendet, vor lauter Hier und Jetzt haben wir gar nicht mitbekommen, dass es ja schon nach 16 Uhr ist.

Wir diskutieren, jeder mit seiner App hantierend und mittels einer ausgeklappten Wanderkarte auf dem Tisch, die zwei bis drei möglichen Optionen für den Heimweg.
10 Kilometer auf demselben Weg zurück scheidet recht bald aus, man müsste ein Stück trampen, um den Hunden die heiße Asphaltstraße zu ersparen und es wäre ein zu großer Zufall, wenn jemand exakt dort hinaufführe, wo unser Wanderweg beginnt.
Den gesamten Weg per Postbus zurücklegen würde wegen mehrerer Umstiege über drei Stunden dauern und kommt daher auch nicht in Frage.
So einigen wir uns bald auf eine Kombination aus einer kurzen Busfahrt und einem weiteren kleinen Spaziergang, wechseln im Lokal noch schnell einen 20 Euro-Schein in Schweizer Franken, nicht dass die Busfahrt am adäquaten Zahlungsmittel scheitert, und besteigen um 16:43 Uhr den Postbus, der uns in 15 ruckelnden Minuten von St. Antönien nach Pany bringt.

In Pany, das der Deutsche natürlich spontan wie Panik ausspricht, nur ohne K am Ende, was aber auch schon wurscht wäre, weil fälscher als falsch geht ja nicht, lassen wir uns von der Touren-App leiten.
Es ist 17 Uhr, in anderthalb Stunden wollen wir zuhause sein und die Strecke wirkt einigermaßen harmlos, aber 7 Kilometer sind’s halt doch.
Dass die App uns diesmal so richtig ver_app_elt, dämmert uns erst eine Stunde später, als wir uns immer noch auf den Almwiesenpfaden oberhalb von Pany serpentinenartig nach oben schrauben und erneut in die App gucken: ja, das ist der richtige Weg, wir (=der blaue GPS-Punkt, der sich synchron mit uns bewegt) haben aber kaum ein Viertel der Strecke (=die rote Linie, die von Pany zu uns nachhause führt) bewältigt. Huch!

Just in diesem Frust holpert ein Jeep an uns vorbei, der hübsch Bewimperte hält sofort den Daumen raus – und siehe da: ein paar Meter weiter bremst der Geländewagen tatsächlich auf dem staubigen Forstweg noch ab und hält.
Drin sitzt ein Chuck-Ragan-Typ in Skandinavier-Optik, der Schweizerdeutsch spricht und uns verschmitzt fragt, wo wir denn hin wollen – man hätte es schlimmer erwischen können.
Wir zeigen ihm unser Ziel auf dem Kartenausschnitt im Display des Smartphones, er zieht schmunzelnd die Augenbrauen hoch, räumt seine Sachen vom Beifahrersitz und der Rückbank und lässt uns einsteigen.
Fräulein Pippa hat die letzte Touren-App-Guckpause genutzt, um sich in Fuchspipi zu wälzen, was sich nun etwas (sagen wir mal:) ungut auf die Raumluft im Jeep auswirkt, vor allem, weil ich direkt neben Chuck sitze und das Dackelfräulein wegen des heftigen Holperns auf den Schoss nehmen und festhalten muss.
Ich entschuldige mich für das wenig dezente Dackeldeodorant und verstehe seine Entgegnung darauf nicht, lediglich, dass er auf dem Weg zu seiner Schafherde ist, kann ich seiner Antwort entnehmen.

Auf einer Lichtung lässt er uns aussteigen und erklärt uns den weiteren Weg: Hier erstmal bergab in die Schlucht, da hinten dann über die Hängebrücke, danach noch ein ganzes Stück bergauf, am See und dem Hochmoor vorbei und von dort hinüber zu dem Plateau, auf dem unsere Hütte thront. Öha!
Es ist dies der Moment, in dem wir begreifen, dass unsere App alle An- und Abstiege auf der Strecke fröhlich miteinander verrechnet hat und die angegebenen 340 Höhenmeter Aufstieg nichts als ein Rechenergebnis sind, mit keinerlei Aussagekraft, was einen da konkret erwartet.

Auch Chuck checkt nun, was das für uns, die wir ja bereits einen kleinen Spaziergang (oder sogar, wenn man die Stunde ab Pany mitrechnet, schon zwei) hinter uns haben, bedeutet.
Er überlegt nicht lange und bietet an, uns noch ein paar Wegkehren weiter hinab zu kutschieren, bis zum letztmöglichen Wendepunkt. Natürlich nehmen wir sein Angebot dankbar an und steigen wieder ein.
Die weitere Fahrt ist sehr abenteuerlich, ich schwanke zwischen Augen fest schließen und Augen weit aufreißen angesichts der Wegbreite (bzw. -schmäle oder -schmalheit?!?) und der rieisgen Schlaglöcher.
Letzteren ist es dann allerdings zu verdanken, dass ich beim zweiten Aussteigen aus dem Jeep meinen Rücken deutlich weniger spüre, womöglich liegt’s aber nur an der empfundenen Alternativangst.
Egal, es ist jetzt eh nicht an der Zeit, über den Rücken oder die Kondition oder gar den Körper im Allgemeinen oder Besonderen nachzudenken, denn vor Einbruch der Dunkelheit wollen wir den Spaziergang ja noch gut gelaunt und unfallfrei beendet haben.

Am Ende des Tages, um diesem Text, der Sie wahrscheinlich aufgrund seiner Länge womöglich schon ein wenig gelangweilt haben dürfte, noch eine Portion Phrasenfett mitzugeben, damit seine Schlusssequenz geschmeidiger durch Ihre Pupillen gleiten möge, waren es 18 Kilometer und ichwillgarnichtwissenwieviele Höhen- oder Tiefenmeter.
Aus Erfahrung weiß ich: man ist spätestens dann lebenslang Freunde geworden, wenn man sich nach solchen Spaziergängen immer noch gern hat (besonders Hängebrücken können mühelos das Zeug haben, zur Hängepartie zu werden) und keiner diese Sympathie unter seinem Schweißband hervorheucheln muss.

Trotz allem sind wir an diesem Tagesende ziemlich am Ende.
Der Boiler hat uns nun lieb und ist warm, wenigstens für die Dauer meines Duschvorgangs, dafür stelle ich mich während der Kaltbrause des Freundes noch an den Herd und bereite uns eine Portion Nudeln (die für den Freund nur unter Pasta firmiert, wozu mir ein Cartoon aus der Süddeutschen einfällt, den ich noch irgendwo haben müsste und den er eines Tages gerahmt geschenkt bekommt) mit Salat zu.

Eine Schneider Weiße und ein paar Stunden später folgt noch ein kleiner nächtlicher Spuk: es klopft nach 22 Uhr zweimal an der Tür, was ein bisserl irritierend ist da heroben, denn außer uns ist ja hier nix und niemand…

Mit diesem Cliffhanger verabschieden wir uns für heute, denn der Herr Niedecken ist in der Stadt und will gehört werden (kaum zu glauben, dass wir diesmal ohne Mütze und Regenkluft aus dem Haus gehen können).

Ihnen auch noch einen schönen Spätsommerabend und bis morgen!

4 Kommentare zu “Pretty Prättigau (2): Die Tribute von Pany.

  1. Hm, der Herr Niedecken soll am Sonntag in Nürnberg seine Dylan-Songs auf Kölsch gesungen haben …

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