Gelaufen Gelegen Geplant Gereist Gewohnt

Badgastein – die „Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen“-Version.

Schon beim ersten Besuch in Badgastein war klar, dass es nicht der letzte gewesen sein würde: Sackgassenurlaubsglück mit super Luft und spitzenmäßiger Bergwelt drumherum, die Unterkunft ein Paradies für Fräulein Pippa (jeder Hundebesitzer wird wissen, dass es zuvorderst darauf ankommt, dass es der vierbeinigen Begleitung vor Ort taugt), dazu Salzburger Scharmeure, die die Gäste dezent umgarnen, allen voran der Hotelchef höchstselbst, der einem schon zur Begrüßung mitteilt, dass „der Wunschtisch“ im Restaurant selbstverständlich wieder für uns reserviert wurde (einziger Tisch sowohl mit perfektem Panorama als auch noch perfekterer Nische fürs Dackelkörbchen: nicht in der Laufschneise des Kellners, nicht mit Blickrichtung zur Küche und dennoch nah dran am Geschehen im Gastraum).

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Tag 1 – Ankunft in Badgastein, Zimmerschlüssel entgegennehmen, Gepäck aufs Zimmer schleppen ohne sich den Rücken zu verreißen, ab auf den Gasteiner Höhenweg, dort gemütliches Dahintraben, unterwegs noch gemülichere Kucheneinkehr, auf demselben Wanderweg wieder zurück, Auspacken und Einrichten in der skurrilen Kurvilla, köstliches Abendessen, ein bisschen auf dem Klavier klimpern (was eine eigene Geschichte wert wäre: wo dieses Klavier steht, nämlich in der hauseigenen Kirche, ein Sound ist das dort, wie in der Sonntagsmesse), früh ins Bett.
Das Upgrade vom Hochparterre (wo wir im Juni logierten) aufs 2. OG hat sich gelohnt, man blickt nun über die Dächer der Nachbargebäude hinweg, tief ins Gasteinertal hinein, außerdem hört man das Gelaber der anderen Gäste, wenn sie vor dem Haus herumstehen und sich über ihre Urlaubs- oder Lebensbanalitäten austauschen, nicht mehr – und die Sicht auf den Stubnerkogel ist auch besser.
Zum zweiten Mal an einen Ort zu reisen hat zudem den unschätzbaren Vorteil: man muss sich nicht mehr orientieren, man steigt aus und ist da (freilich, das ist immer der Fall, wenn man wo aussteigt, aber ich bin sicher, Sie wissen, wie ich das meine), das ist natürlich nur an Orten von Vorteil, die man inniglich mochte und mit denen man noch nicht fertig ist, beides ist hier für mich der Fall.
(Im Geiste plane ich bereits Aufenthalt Nr. 3: alles, was diesmal nicht reinpasst – man will sich ja auch nicht hetzen oder überfordern mit zu vielen Eindrücken zu kurzer Zeit, das ist ja das Phänomen so etlicher Reisen: dass man schneller unterwegs ist als man mit dem Verarbeiten des Gesehenen/Erlebten hinterherkommt! – landet gedanklich auf einer Liste und darf bis zum nächsten Mal warten, was sich, wenn man sich eh vorgenommen hat, nochmal wiederzukommen, total entspannt und weder nach „Ich hab was verpasst“ oder irgendsoeinem Must-See-Quark anfühlt).

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Tag 2 – Aus einem bemerkenswerten Traum in den Tag hineinkatapultiert worden: Ich habe die Prüfung zum Deutschen Sportabzeichen abgelegt und werde zur Abholung meiner Goldmedaille (ich mag Träume, in denen ich für ein paar Minuten irgendwas Heldenhaftes oder für meine Verhältnisse Außerordentliches vollbracht habe) zu einer Adresse einbestellt, die der für mein Stadtviertel zuständige Ort für die Ausgabe solcher Ehrenurkunden und Goldmedaillen zu sein scheint, treffe dort ein – es handelt sich um eine kleine Galerie: nobles Haus, beeindruckendes Portal, mit Säulen und so – klingle an der Tür und mein Arzt, Dr. T., öffnet mir die Tür, ich falle vor Erstaunen fast die Stufen rückwärts runter, fange mich dann aber doch und frage ihn verdutzt, was er denn hier wolle und ob er etwa auch das Deutsche Sportabzeichen gemacht hätte, was er verneint, kurz drauf erfahre ich, dass er die Funktion des Goldmedaillenverleihers als Ehrenamt ausübt und ihm das gut gefiele, weil er dabei so viele glückliche Gesichter sähe. Der Traum ist völlig unerheblich für diesen Urlaubsbericht, ich hatte grad einfach nur Lust, ihn hier zu notieren, auf dass er mir nicht verlorenginge und vielleicht auch Dr. T. erreiche, der hier bisweilen mitliest.
Erstes Frühstück, herrlich blauer Himmel, die Touren-App läuft schon morgens auf Hochtouren, ich kurz drauf auch, nämlich hinauf zum Graukogel bzw. zu dessen Bergstation. Fast tausend Höhenmeter hochgehirscht, ich sag’s Ihnen: seit ich auf der Zugspitze war, kommen mir die meisten Unternehmungen in den Bergen vor wie ein Spaziergang, naja, schön wär’s, streichen Sie diesen Angebersatz bitte gleich wieder oder fügen Sie wenigstens ein bisserl Restrückenschmerz und ein knarzendes Knie ein, trotzdem erstmals und nach Längerem der Versuch, die ganze Strecke auch wieder hinunter zu laufen und nicht nur hinauf, was gottseidank klappt, auch wenn der Oberschenkelmuskel einen fetten Kater davonträgt (und mit den Feliden hab ich’s ja nicht so). Auf halbem Bergab-Weg ein gut terminiertes und fröhliches Wiedersehen mit dem Gatten und dem Fräulein, die es vernünftigerweise ruhiger angehen lassen. Eine Mangobisquitschnitte vom Feinsten, und das auf einer eher unspektakulären Alm – so gern man ja den Österreicher auch mit Spott überzieht: Kuchen und Mehlspeisen, das kann er.
Auch anderes, klar. Schauen Sie sich beispielsweise das hier mal an – klasse, oder?

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Tag 3 – Morgens ziemlich matt überm Semmerl gehangen (siehe Unternehmung des Vortags), Faulenzen bietet sich jetzt an, zumindest so lange, bis der Hund ausgeführt werden muss. Wir planen eine moderate Spazierrunde ohne allzu große Steigungen und ziehen gut ausstaffiert und mit Regenklamotten im Rucksack los, denn der Wetterbericht verheißt leider nichts Gutes: „Mit dem Donnerstag haben wir das Schlimmste in Sachen Feuchtigkeit schon mal überstanden, der Freitag wird trockener und am Samstag dominiert unter Erwärmung wieder die Sonne“, so die Prognosenprosa des gemeinen Gasteiner Wetterfroschs (das lässt einen doch besonders gespannt auf den Samstag blicken!).
Das Schlimmste in Sachen Feuchtigkeit gestaltet sich an jenem Donnerstag erfreulich unschlimm, lediglich zweimal leichter Nieselregen auf der zweistündigen Wanderung zum Marillenpalatschinken, bei der mir ärgerlicherweise schon zum zweiten Mal in meinem Zusammenleben mit meiner schönen Sony-Alpha deren Objektivkäppchen abhanden kommt (das erste Mal auf Gotlands Nachbarinsel Farö, zwei Stunden den ganzen Schieferstrand abgesucht, auf den die Nachmittagssonne ihre Schatten so fies warf, dass es aussah, als wäre das ganze Gelände übersät mit Objektivkappen).
Abends in der Bibliothek der Villa herumgelümmelt und ein paar Gedanken zu Papier zu bringen versucht, bis Zorro (Pinschermischling) und sein Herrchen (Wiener Würstchen) auftauchen und mich in ein längeres Gespräch verwickeln. Erstaunt stelle ich fest, was ich bereits beim ersten Aufenthalt hier bemerkte: es ist dies das allererste Hotel, in dem ich mich gelegentlich und sogar gern (und sogar ausgiebiger) mit anderen Hotelgästen unterhalte. Werde ich alt? Oder schrullig? Oder am Ende zum Menschenfreund?

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Tag 4 – Wir starten (dank Sauna und Palatschinken vom Vortag) top regeneriert in den neuen Urlaubstag, der vor allem für den Gatten ein Highlight wird: endlich kann er seinen aufgrund der Pandemie mehrfach verschobenen Geburtstagsgutschein einlösen.
Schon bald nach dem Frühstück bricht er auf, um den Vormittag inmitten eines Rudels fremder Frauen zu verbringen. Nach dem üblichen Kennenlerngeplänkel in solchen Seminaren erwählt er sich die Schönste unter den Anwesenden, Maya heißt sie, zur Gefährtin, die beiden kommen sich sehr flink näher, so dass er deutlich später als vereinbart zum Hotel zurückkehrt, mit einem Strahlen in den Augen, wie ich es lange nicht mehr sah. Für den Rest des Tages darf ich mir die knapp 100 Fotos, die er von seiner neuen Freundin mitgebracht hat, ansehen und knapp 100x muss ich fairerweise sagen: Ja, ich verstehe diese Schockverliebtheit, absolut.
Mein Tag hingegen weit weniger seligmachend: das Objektivkäppchen, nach dem ich den elenden Berghang durchforste, bleibt verschollen, ich bastle mir aus einem Brillenputztuch und einem Haargummi eine wenig zufriedenstellende, provisorische Lösung.

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Tag 5 – Morgens auf dem Weg zum Aufzug stolpern das Dackelfräulein und ich über einen Hotelgast, der auf einer Yogamatte liegend seine Morgengymnastik macht. Pippa fällt freudig über ihn her, weil ich sie nicht schnell genug anleinen kann, der turnende ältere Herr aus Düsseldorf, bei dem ich mich sogleich entschuldige für das aufdringliche Verhalten meiner Hundedame, winkt gelassen ab: er würde Hunde lieben, selbst in seinem Autokennzeichen hätte er diese Zuneigung verewigt (D-OG …), na dann.
(Und schon wieder ein Gast mehr, mit dem sich, wann immer man einander über den Weg läuft, ein Folgeplausch ergibt.)
Früh los, ohne den Gatten und das Fräulein, weil der Berg ruft erneut, aber es wird warm heute, tatsächlich dominiert – wie zwei Tage zuvor prognostiziert – die Sonne, was für das Fräulein jenseits der Baumgrenze problematisch würde (und weil man hier ja auf 1.000m Höhe losläuft, ist diese Grenze bald erreicht).
Ein traumhaft schöner Tag, ein bisserl störend bloß mein zweites Experiment mit der Trackingfunktion der Touren-App, man schielt dann ja doch an etlichen Wegpunkten aufs Display, und bleibt man mal länger als 30 Sekunden irgendwo stehen (Foto, Trinken, Pipi), plagt einen plötzlich die bescheuerte Frage, ob man jetzt nicht auf „Pausieren“ drücken soll, das wiederum raubt einem Aufmerksamkeit für Anderes, Wichtigeres, Erquickenderes, aber dann zieh ich’s doch durch bis zum Gipfel des Hüttenkogels und ertappe mich schließlich auf fast 2.300m Höhe dabei, mich nicht nur an der Aussicht zu ergötzen, sondern auch an den Daten, die mir die App ausspuckt (und verleihe mir gedanklich eine weitere Goldmedaille).
Wenn man dann noch fotografieren möchte da heroben, kommt man aus dem technischen Gefummel gar nicht mehr heraus – ich erkläre das Experiment also endgültig für beendet, sause hernach frei wie der Wind zur Bergstation des Sessellifts hinab und schwebe meinen täglichen Süßstückchen entgegen: dem Gatten, dem Fräulein und dem Topfenstrudel mit Vanilleeis, die mich allesamt auf der Graukogelalm erwarten.
Wir räkeln uns in der Septembersonne, blinzeln satt und zufrieden in den Gasteiner Himmel und müssen ein bisserl überlegen, welcher Wochentag eigentlich ist.
Urlaub ist, wenn einem das nicht mehr präsent ist und es auch wurscht ist, welcher Tag grad ist.
Heute halt, mehr muss man nicht wissen.

9 Kommentare zu “Badgastein – die „Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen“-Version.

  1. Ich finde ja, es spart 2 Urlaubstage wenn man wiederholt am selben Ort Urlaub macht. Kaum neue Eindrücke, man weiß, wo alles ist, man kennt die Wege – das alles spart gefühlte Zeit.

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  2. Es sind aber auch gar zauberhafte Beine. 🙂

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  3. Herzliche Grüße aus Malaucène in der Provence, ein Ort, wo wir schon oft waren, weil wir ihn wahrlich inniglich mögen, und wo wir nach zwei Jahren Abstinenz endlich wieder sein dürfen. Auch Ihnen, dem Gatten und dem Fräulein weiterhin einen schönen und genussreichen Aufenthalt!
    Ihr C

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    • Schön, dass Sie ebenfalls zur Liga der Wiederkehrer gehören, die Fotos auf Ihrem Blog sind äußerst ansprechend und das Ankunftsprogranm ähnelte dem unsrigen sehr…
      Genussreiche Tage auch Ihnen und dann bis bald in alter (Alltags-)Frische,
      Ihre N.

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  4. Soso, der Gatte war also beim Da-leih-Lama … oder war’s Al Paka, der Vater des organisierten Füße-Vertretens? Dachte mir schon was in der Richtung … ich hoffe doch er hatte ein tierisches Vergnügen mit der Anderen 😉
    Vergnüglichen und genußvollen Resturlaub wünscht
    der Commentatore …

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  5. Früher war doch mehr schwimmen im Bad Gastein.

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