Gegrübelt Gelaufen Geschrieben Geschwommen Gewerkelt Gewohnt Gewundert

Graue Zeiten oder: Christian überrascht niemanden mehr.

Zu Erstkaffee und Quittengeleebrot frühmorgens eine Mail von der Freundefindeplattform Stayfriends (von der ich mich längst, nämlich seit dem Klassentreffen, zu dem ich dann doch nicht hinging, abgemeldet wähnte) mit dem Betreff: „Christian überrascht Sie auf einem Klassenfoto!
Neben besagtem Klassenfoto aus dem Jahr 1990, in dem ich noch ziemlich in Christian verliebt gewesen sein dürfte (die Entliebung vollzog sich, soweit ich mich erinnere, kurz vor dem Abitur im Folgejahr) enthält sie die Aufforderung, mich mal wieder bei Christian zu melden und ihn zu fragen, wie’s ihm geht und was er so macht.
Leider ist das nicht mehr möglich, da Christian vor knapp zwei Jahren arg früh und sehr plötzlich gestorben ist. Sein Account bei Stayfriends lebt offenbar noch weiter und verschickt munter Mails.
[Ob mich wohl dieser Blog überleben wird? Werde ich hier eines Tages noch eigenständig die Schotten dichtmachen? Oder wird irgendein Nachfahre oder eine Systemroutine auf irgendeinem Server einst meinen Socialmediamüll entsorgen?]

Es ist Herbst. Üblicherweise ist jetzt Erntezeit, auch im übertragenen Sinne. Welche Früchte hat das Jahr abgeworfen, ist die Ernte eine ertragreiche gewesen, kann sie eingelagert werden, wird sie den Winter überdauern?
Mir fehlen Antworten, vielleicht auch nur Worte, um sie auszudrücken. Ein Schleier der Stille umhüllt mich, Reden strengt mich momentan oft an, aber Schweigen fühlt sich bisweilen auch nicht richtig an.
Hie und da gäbe es ja durchaus Anlass, sich auseinanderzusetzen, kritischer hinzusehen, genauer nachzufragen – ich hingegen ertappe mich häufig beim Ausweichen, habe derzeit keine Lust mehr, mich in Diskussionen zu begeben verschleißen, deren Ausgang ich schon vor deren Anfang als wenig ertragreich (oder erträglich?) einschätze.
Gemeinsame Nenner sind bei manchen Themen ohnehin längst utopisch geworden, ich möchte gar nicht erst einsteigen in das Getöse über 2G, 3G (oder das bayerische 3G+), ohnehin hängt mir dieses wohlstandsverwahrloste Verbalgehacke im Coronakontext zum Hals heraus. Viel lieber möchte ich stillschweigend im Kreise distanzierter Durchgeimpfter die heißen Dämpfe der ersten Saunaaufgüsse seit langer Zeit inhalieren.

Ich bin müde. Möglicherweise ist auch nur mein Körper müde und der Kopf hätte noch ein paar Kapazitäten frei. Beizeiten werde ich dieser Frage nachgehen.
Überhaupt: das Gehen. Bin ich je in einem Jahr so viel gegangen wie in diesem? Warum war das so und wohin hat es mich geführt?
Nun (passend zur Übergangszeit) das Gefühl: ich habe mich übergangen. All die Kilometer, vor allem die steilen und schweißtreibenden, stecken mir in den Knochen, haben sich im Körper an- oder abgelagert. Wie Wegelagerer haben sie mich überfallen und ausgeraubt.

Die Berghütten schließen, eine nach der anderen, manche dieser Saisonschlussmeldungen treibt mir beinahe die Tränen in die Augen, weil sie mir so endgültig vorkommt. Eine Rührung, die ich zwar für völlig übertrieben halte, momentan aber nicht zu verhindern imstande bin.
Noch zwei, drei Wochen, dann wird aus dem Prosit der Hüttenterrassengemütlichkeit wieder der Thermoskannentoast der Ungemütlichkeit (pandemiebedingt haben wir uns da ja im vergangenen Winter so Einiges schöngeredet oder -getrunken) geworden sein. An Schnee, Grödel, Handschuhe und Tee aus Thermoskannen mag ich derzeit noch nicht denken, dass man seit ein paar Tagen beim Morgengassi bemützt hinausgehen muss, ist fürs Erste Umstellung genug.

Dass Sie mich nicht missverstehen: ich will in keiner Weise klagen. Absolut nicht!
So kurz der Sommer auch war, meine Saison war lang genug. Alles, was ich mir wünschte, hat geklappt, oder sagen wir besser: zumindest der alpine Part meines Wunschzettels ist rundum in Erfüllung gegangen.
Ja, bis zur Erfüllung bin ich gegangen – und sogar noch ein Stück darüber hinaus.
Ich könnte glatt sagen: mein Akku ist/war randvoll oder ich habe reichlich aufgetankt und dass es nun eben auch mal an der Zeit ist, runterzufahren oder abzuschalten, allein mein Widerwille gegen diesen enervierenden Energiejargon verschließt mir die Lippen.
Denn (auch) durch Sprache zimmern wir uns das Zuhause, in dem wir leben – und ich möchte wahrlich nicht in einer Tankstelle oder einem Maschinenraum hausen.
Belassen wir es daher bei der Formulierung: eigentlich wäre nun Erntezeit, doch mich fröstelt es und meine klammen Finger suchen noch nach dem Schlüssel zu dem mit Erlebnissen und Eindrücken reich gefüllten Speichern dieses Sommers.

Apropos Sprache. Die aktuelle Top 3 meiner Würgeworte:
1. Kraftort (jede/r Reisereportage/Ausflugs“geheim“tipp terrorisiert einen mittlerweile damit, wehe all denen, die keinen solchen Ort haben oder finden, ihr bleibt jämmerliche Schwächlinge!).
2. Boostern (der Papa neulich, etwas irritiert: „Meinen die damit die Auffrischungsimpfung oder ist das schon wieder irgendwas Neues?“).
3. Verstörend (jeder noch so windige Furz wird medial zu einer Verstörung aufgebläht, lediglich DAS ist wirklich verstörend).

Reichlich verstört verwundert gucke ich dieser Tage im Drogeriemarkt auf das Warenband. Vor mir hat ein junger Mann etwa zwanzig Tetrapacks mit der Aufschrift „Babywasser“ aufgetürmt. Himmel, was es nicht alles gibt!
Für einen Moment bin ich versucht, zu googeln, was um alles in der Welt das sein soll, wähle dann aber Verdrängung und Unwissenheit – ich muss mich ja wirklich nicht mit allen Varianten von Wasser auskennen.

Das Wasser in meinem Ganzjahresfreibad befindet sich bereits seit vier Wochen im Wintermodus. Es ist nun deutlich wärmer, der Eintritt ins Bad entsprechend teurer, die Umkleiden wieder leerer.
Der hübsch Bewimperte hat zu meiner großen Freude das Schwimmen für sich (wieder)entdeckt, ab und zu springen wir jetzt gemeinsam ins Becken. An manchen Abenden ist es schon so kalt, dass das Flutlicht über dem Stadion die aus dem Wasser aufsteigenden Dampfschwaden großartige grauweiße Gebilde in den Nachthimmel malen lässt.

Zunehmend grauweiß wird es auch auf meinem Kopf, auf dem des Dackelfräuleins spielt sich dasselbe ab. Das Alter zeichnet ihr allmählich eine kleine Brille ins Gesicht, bei mir sind es (bislang) ein paar grobe Pinselstriche an den Seiten.
Mein „neuer“ (= bin dort <2 Jahre) Friseur hat zeitgleich mit dem Plastik auch die Farbe aus seinem Salon verbannt, beides sagt mir sehr zu.
Der frühere Friseur, von dem ich mich vor zwei Jahren und nach viel zu vielen Experimenten, auch farbigen, nach langem Ringen endlich getrennt habe (= war dort >10 Jahre), ging mir schon beim ersten grauen Haar, das er an meiner Schläfe entdeckte, mit Bemerkungen wie „Wenn das mal mehr wird, kann man da natürlich was machen!“ auf den Wecker.
Immerzu soll man was machen: gegen dieses / für jenes / um zu (tja, nur wozu eigentlich genau?). Darf man denn auch einfach mal nichts machen und es gut sein lassen (oder meinetwegen auch schlecht oder halt einfach so wie grad es ist)?
Möglicherweise lege ich mir, sollten die Wintermonate zu viel Blässe mit sich bringen, einen pinkfarbenen Lippenstift zu. So ein Lippenstift ist das einzige Schminkutensil, mit dem ich einigermaßen umgehen kann.
Die Vorstellung, dass ich mit etwas Pink auf den Lippen, einer ergrauten Kurzhaarfrisur und meinem graubebrillten Fräulein an der Leine im Novembergrau die Außenalster umrunde, gefällt mir jedenfalls.
Irgendwann im November werden Pippa und ich nach Hamburg reisen. Der Gatte nimmt dort an einem mehrmonatigen Forschungskolleg teil, und damit er nicht ständig nach München heimfahren muss, wollen wir ihn dort mal besuchen. Eine Reise, auf die ich mich sehr freue, weil ich die Stadt an der Elbe immer mochte. Wenn Zeit- und Finanzlage es hergeben, fahren wir bei der Gelegenheit gleich noch in Braunschweig und Berlin vorbei, um die Freundinnen dort zu besuchen (außerdem war das Fräulein noch nie in der Hauptstadt).

Bis dahin – so hab ich’s mir fest verordnet – muss noch eine Geschichte geschrieben, die Arbeit an einem Buch beendet, eine Wand im Wohnzimmer gestrichen und die elende Steuererklärung abgegeben werden.
Jedes Jahr dieselbe Qual mit dem Anfangen dieser wenig erquicklichen Erbsenzählerei. Woche um Woche aufgeschoben, verschoben, weggeschoben.
Einzig positiver Nebeneffekt: die Abneigung gegen diese Art von Arbeit ist so heftig, dass ich ihr jede andere Erledigung vorziehe. Alle Bergschuhe sind entkrustet und eingefettet, alle Fenster geputzt, neue Winterreifen ausgewählt und bestellt, die Fotos der letzten Monate sortiert, Schränke und Schubladen ausgemistet und selbst der Keller ist teilentrümpelt.
Nebenher koche ich wie eine Wilde, sogar ein und vor, auch fürs Fräulein, friere portionsweise Gemüse für sie ein, wühle in Rezepten, was ich als Nächstes kochen und backen könnte, um die fiskale Flucht zu verlängern.
Ausschließlich der bevorstehenden Steuererklärung gelingt es, mich zu so einem Geschäftigkeitsreigen anzustiften.

Letzten Sonntag die letzte Tour für dieses Jahr mit T-Shirt, Shorts und Sonnencreme.
B. und ich sitzen auf einer ruhigen Almwiese, blicken über das Blaue Land, lassen die Sommererlebnisse Revue passieren und essen Walnusskuchen mit Zartbitterschokoglasur.
Als wir uns abends verabschieden, drückt er mir eine große Tüte voller Äpfel in die Hand, die mich erst in große Ratlosigkeit stürzt (ich bin kein Apfelesser) und tags drauf in große Backwut (ich liebe Streuselkuchen).

Es kann nicht schaden, sich rechtzeitig eine kleine Schutzschicht gegen die Kälte und andere Unbilden der grauen Jahreszeit anzufressen.


7 Kommentare zu “Graue Zeiten oder: Christian überrascht niemanden mehr.

  1. Hauptschulblues

    „Es kann nicht schaden, sich rechtzeitig eine kleine Schutzschicht gegen die Kälte und andere Unbilden der grauen Jahreszeit anzufressen.“
    Sie haben recht.

    Gefällt 1 Person

  2. Gute Wünsche für ein paar goldene Oktobertage!

    Gefällt 1 Person

  3. „Denn (auch) durch Sprache zimmern wir uns das Zuhause, in dem wir leben – und ich möchte wahrlich nicht in einer Tankstelle oder einem Maschinenraum hausen.“

    (dem ist nichts hinzuzufügen.)

    Gefällt 1 Person

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