Ich könnte Ihnen jetzt ausführlich vom letzten Wochenende erzählen, vom Ausflug ins Blaue Land, vom zweiten Besuch der Freiluft-Foto-Galerie und der besten Käsesahnetorte, die ich je aß.
Oder auch vom Friseurbesuch des Fräuleins, dem lang ersehnten Wiedersehen mit dem hübsch Bewimperten nach etlichen Urlaubswochen.
Oder von Szenen an der Schwimmbadkasse, die – würde die Lage an der C-Front momentan nicht wieder von Tag zu Tag ernster – kabarettreif vom fast per Faustschlag eingeforderten Recht auf die Pflege eines intakten Immunsystems erzählten („Sie lassen mich jetzt sofort ohne Test hier rein, schließlich trägt Schwimmen dazu bei, dass mein Immunsystem gegen dieses Corona funktioniert!“ ). Oder gar vom Reifenwechselsamstag im Autohaus, zu dem mich tags zuvor ein gewisser Rudi Reifenwechsel via SMS einlud.
Oder von einer amüsanten, aber alles andere als emanzipierten Rückgabe dreier LED-Glühbirnen im Baumarkt, die eigentlich vom Umtausch ausgeschlossen sind, außer man hantiert mit einer kleinen Notlüge („Mein Mann hat mich geschimpft, weil ich die falschen gekauft habe…“ ), denn die Wahrheit hätte einem eh keiner der Baumarktschergen aus der Elektroabteilung geglaubt, und schon gar nicht aus dem Mund einer Frau.

So kurzweilig diese Anekdötchen und so sehenswert das zugehörige Bildmaterial vielleicht auch wären, mir ist heute mehr danach zumute, den Alltagsmorast nach Ablagerungen und anderen Unbilden zu durchkämmen und mich so schreibenderweise zu „entschlacken“ (dieses Verb, so diffus und fragwürdig es in seiner Bedeutung auch ist, in mir weckt es stets Erinnerungen an den Sandstrand von Rantum, aber das ist eine andere Geschichte).

*****

Keine zehn Tage nach Abgabe der Steuererklärung schickt das Finanzamt aus Langeweile als Dankeschön fürs überpüntkliche Einreichen einen mehrseitigen Fragebogen zurück, dessen bloße Lektüre mir schon Kopfschmerzen bereitet.
Zum allerersten Mal in meinem Leben spüre ich: das pack ich nicht allein und das wär auch gar nicht klug, das im Alleingang zu probieren. Es gibt ja so Fragestellungen, die zwischen den Zeilen bereits erahnen lassen, dass ihre Beantwortung wohlüberlegt sein will. Also muss ich zum allerersten Mal in meinem Leben nach einem Steuerberater suchen, der mir hilft.

Dem Dackelfräulein sei Dank fällt mir die nette Dame ein, die wir gelegentlich beim Morgengassi treffen und die so sehr auf die kleine Hundedame abfährt (und umgekehrt), dass sie sich bei jeder Begegnung ungeachtet ihrer Nylonstrumpfhose und ihres Kostüms sofort aufs Trottoir wirft, um Pippa zu herzen. Nach drei Jahren Morgenplausch wissen wir: sie ist Steuerberaterin und hat ihre Kanzlei praktischerweise zwei Häuser weiter.
Ich schicke ihr eine freundlich-verzweifelte Mail („Liebe Frau S., wir kennen einander nicht namentlich: ich bin das Frauchen von Pippa…“ ), schildere darin mein Anliegen und hoffe, dass sie bald antwortet und noch rechtzeitig vor der vom Finanzamt gesetzten Frist für die Rücksendung des lästigen Fragebogens Zeit für mich hat.
Sie antwortet sofort und hat gottseidank ein paar Tage später einen Termin frei. Und obwohl ich ohne das Fräulein in der Kanzlei aufkreuze, berät sie mich ganz hervorragend, nimmt sich umgehend der Angelegenheit an, erbittet weitere Unterlagen zur Aufbereitung einer geschickten Argumentation, ruft tags drauf die Finanzbeamtin an und schickt dem Telefonat noch ein das Besprochene zementierendes Schreiben hinterher.
Binnen 24 Stunden haben wir mehrfach Kontakt miteinander und dann ist alles, weshalb ich drei Nächte lang unrund schlief und von aus heiterem Himmel umstürzenden Baugerüsten und in Seen ertrinkenden Hunden träumte, zumindest für 2020 und die Vorjahre erstmal erledigt.

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Just in dem Moment als die Mail mit der frohen Kunde aus der Steuerkanzlei nebenan eintrifft, bellt das Fräulein wie wild los: Die Post wurde durch den Briefkastenschlitz in den Wohnungsflur geworfen – auchh nach dreieinhalb Jahren in diesem Haus noch immer ein Hundegrund für ungeheuren Unmut.
Der Vermieter unseres Hauses, der mich seit der Wasserschaden- und Staublaus-Ära ähnlich gern hat wie ich ihn, hat ein Rundschreiben an alle Hausbewohner verfasst und sich darin tatsächlich meiner Beschwerde von letzter Woche angeschlossen und seinem Ärger gleich noch deutlicher Ausdruck verliehen als ich.
Der Tenor: Wer es künftig wagen sollte, die Kartonagen einer kompletten Küche, die er sich liefern ließ, in Originalgröße in die gemeinschaftliche Altpapiertonne zu bugsieren, wird hingerichtet. Oder so ähnlich.
Jedenfalls so, dass es nun auch der letzte Nach-mir-die-Sintflut-Egoist im Haus kapieren müsste, dass Müll dieser Menge und Größenordnung auf dem Wertstoffhof zu entsorgen ist, wenngleich das den gewohnten hohen Bequemlichkeitsfaktor gewisser Ich-lass-mir-alles-liefern-Nachbarn bestimmt recht unbequem nach unten korrigieren dürfte (und deshalb vermutlich eh nicht beherzigt wird).

Nebenbei bemerkt: kaum verlassen diese tumben Pragmatiker so ein Mehrparteienmietshaus und beziehen nach Jahren des Sparens (auch der Spritkosten, weil sie eben aus Prinzip nicht zum nur 5 Minuten entfernten Wertstoffhof fahren) ihr Fertig-Eigenheim am Stadtrand, wissen sie auf einmal sehr genau, was in die Mülltonnen gehört oder nicht, denn dann müssen sie für die Entsorgung ihres Unrats ja erstmals selbst blechen.
Ja, so tickt es manchmal, das Menschlein: erst wenn es ans eigene Geldbörsel oder Hab & Gut geht, setzt auch das eigene (Mit-)Denken ein (und wehe, des Nachbars Ahorn entlaubt sich unerlaubt in den eigenen Garten, der mit eigener Hände Kraft geharkt wurde, dann wird der Zeigefinger aber sofort erhoben und die Stimme ebenfalls).

****

Recht ähnlich verhält es sich offenbar mit der Impfbereitschaft: erst wenn unmittelbar die eigene Welt oder irgendeine der darin vorkommenden Wichtigkeitssphären tangiert ist, sich beispielsweise die geliebte Gasthaustür per 2G gänzlich zu verschließen droht, rafft sich manch einer doch noch auf und lässt sich die Immunisierungsspritze geben – derzeit zu beobachten bei unseren österreichischen Nachbarn.
Tu felix Austria, tu hast es vorgemacht (und wahrlich machst tu politisch sonst eher wenig vor, was der Nachahmung lohnte) – und siehe da, es funktioniert!

Wir in Bayern sind allmählich leider ein bisserl knapp dran für eine schnelle und durchschlagende Wirkung von 2G oder anderen Verschärfungen, die Infektionszahlen steigen und steigen, die Krankenhausampel steht ebenso auf Rot wie die Gesichter des Klinikpersonals.
Der Landkreis, in dem der noch nicht drittgeimpfte Papa lebt, ist momentan einer der bayerischen Infektions-Hotspots, das große Landkreiskrankenhaus ist „ausgebucht“ und kann die Versorgung/Aufnahme von Notfällen nicht mehr garantieren.
Wohl dem, der seinen Sturz auf der Kellertreppe, seinen Fingerverlust nach dem herbstlichem Heckenschnitt oder seinen Schlaganfall schon hinter sich hat oder sich derlei bis zum Frühjahr konsequent verkneift.
Und: 90 Prozent der Covid-19-Hospitalisierten in Bayern (und bundesweit schaut es ähnlich aus) sind ungeimpft. Was sagt uns das?
Und was denkt man da als ein nach wie vor „aus persönlichen Gründen“ Ungeimpfter, orientiert man sich selbst dann noch lieber an irgendeinem Geraune als an den Tatsachen?

Ich überwinde mich und schreibe eine Mail an eine noch ungeimpfte Freundin, erläutere erneut meine Sichtweise und spreche erstmals klar aus, was ich denke und empfinde angesichts der momentanen Situation.
Es fühlt sich schwer an, besser gesagt: trennend und traurig, wenn da plötzlich Worte wie „unsolidarisch“ stehen, aber halbherziges Toleranzgetue würde sich noch schräger anfühlen.
Wir werden das jetzt wohl bis zum Ende der Pandemie irgendwie ertragen müssen, dass die eine so handelt und die andere anders – jedoch schaffe ich das nun nicht mehr aus/in nächster Nähe, sondern nur durch das, was uns die Seuche eh ständig auferlegt: Abstand und Vorsicht.

Ein paar Stunden nachdem die Mail an die Freundin abgeschickt ist, das Fräulein und ich sind gerade auf unserer nachmittäglichen Runde, trifft die allwöchentliche Kolumne von Kurt Kister in meinem elektronischen Postfach ein. Sie trägt in dieser Woche die Überschrift „Liberalität und meine Grenzen“.
Ich beginne zu lesen und halte bei einer Passage inne, die mich völlig verdattert aufs Display starren lässt – nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Wortlaut her ist sie meinem Mailtext verblüffend ähnlich:

„(…) Die Seuche jedenfalls ist immer noch da. Sie ist die Hydra mit den stets nachwachsenden Köpfen. Leider gibt es in Deutschland ein paar Zehnmillionen Menschen, die entweder daran glauben, dass weder die Hydra noch ihre Köpfe existieren, oder deren Existenz, und vor allem deren Abschlagung, für grundgesetzwidrig halten. Ich bin ein großer Freund des liberalen Denkens, was nicht unbedingt heißt, dass ich auch die nächsten zehn Jahre 200 auf der Autobahn fahren muss. (Mit der Annexion des Begriffs „liberal“ durch die Lindner-FDP geht es mir ungefähr so wie im Falle der versuchten Beschlagnahmung des Begriffs „links“ durch die Linkspartei oder gar durch Saskia Kühnert.)
Aber ich bemerke, dass meine Liberalität an Grenzen stößt, wenn jemand argumentiert, seine Freiheit werde dadurch eingeschränkt, dass er sich gegen die Seuche impfen lasse.
Jenseits aller medizinischen, virologischen, gesundheits- und
sozialpolitischen Argumente für die Impfung wallt in einem der Zorn auf, wenn man hört, dass die meisten schwerkranken Covid-Patienten in den Hospitälern mittlerweile Ungeimpfte sind. Zorn, weil die, freundlich gesagt, höchst subjektive Wahrnehmung, Impfen sei gefährlicher als Nichtimpfen und eine Form der Freiheitsberaubung, die Freiheit anderer Menschen beeinträchtigt und deren Gesundheit, ja deren Leben gefährdet. In diesem Sinne ist für mich diese Form der grundsätzlichen Ablehnung einer Covid-Impfung asoziales Verhalten, weil der Impfunwillige seine Interpretation des von ihm empfundenen Freiheitsrechts über das Wohl der anderen, letztlich über das soziale Leben in der Gesellschaft stellt.

Das meine ich, anders als manches in dieser Kolumne, genauso ernst, wie ich es geschrieben habe. (…)“
[Zitat aus der Kolumne „Deutscher Alltag“ vom 10. November 2021]

Gibt’s das? Seit wann schreibt Herr Kister denn bei mir ab statt umgekehrt? Liest der heimlich meine privaten Mails mit? Werden wir Abonnentenschafe am Ende hinterrücks ausgespäht von den Mainstreammedienmachern?

Manchmal geht es wirklich nicht mehr mit rechten Dingen zu auf diesem Planeten, sage ich kopfschüttelnd zu dem vor mir dahinwackelnden kleinen Hund, dessen Schatten, den die novemberliche Nachmittagssonne auf den Feldweg zeichnet, mindestens nach Alpaka, wenn nicht gar nach Elchkuh aussieht (und freilich des kleinen Hundes wahre Größe zeigt).
Apropos Schatten. Das Höhlengleichnis von Platon sollte man auch mal wieder lesen. Dann ließe sich so ein Blogbeitrag gehaltvoller und vor allem noch kisterhafter beschließen.

Kommen Sie trotzdem gut durch die restliche Woche und verzagen Sie nicht.

18 Kommentare zu “Von allerlei Schlagschatten.

  1. Unglaublich ist der letzte Schatten von Pippa: ein galoppierendes Wildpferd meine ich da zu erkennen 😆
    HG vom Lu

    Gefällt 4 Personen

  2. bitte die Leserschaft wissen lassen, ob der Brief etwas bewirkt hat. Ich habe auch noch solche Freunde 😢

    Gefällt 2 Personen

  3. … ich ahnte schon immer, dass Herr Kister ein heimlicher Verehrer Ihrer herausragenden Art und Weise, etwas mit „verschriftlichten Worten“ auf den Punkt zu bringen, ist, na ja, nur so eine Ahnung, ein Gedanke … HG aus MiZ

    Gefällt 1 Person

  4. Herr Kister hat bei mir in dieser Woche ähnliche Gedanken ausgelöst wie bei Ihnen.
    Eine angenehme Restwoche!
    C.

    Gefällt 1 Person

    • Normalerweise würde ich da entgegnen, dass mich das freut, aber lieber wäre mir derzeit, es gäbe erfreulichere Anlässe für unseren gedanklichen Gleichklang.
      Herzliche Grüße,
      Ihre N.

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  5. Peter Teuschel

    So eine Synchronizität ist mir auch mal begegnet:

    https://schraeglage.blog/publizistische-synchronizitaet-von-granataepfeln-und-wassermelonen/

    Wenn schon die üblichen Verschwörungstheorien Blödsinn sind, bastle ich mir eben selbst eine, hab ich mir damals gedacht.

    Gefällt 1 Person

    • Ei der Daus, das kommt also im Dunstkreis dieser süddeutschen Zeitung häufiger vor?!
      Ich hatte ja vor Jahren schon mal den Verdacht, dass Mister Kister bei mir abkupfert: auffallend war damals, dass er in derselben Woche denselben Springsteen-Song zitierte wie ich (werde Ihnen gerne bei unserem Wiedersehen das Ergebnis meiner theoretischen Basteleien vorstellen).
      Vielen Dank auch für den Link zu Ihrem Blogbeitrag, die beiden Schlusssätze sind umwerfend: „Fast wie Synchronschwimmen.
      Zwei Artikel-Herzen im Dreivierteltakt.“
      Die könnten glatt von mir stammen 😉

      Gefällt 1 Person

    • PS: Oder wir sprechen über Amnesie: ich sah gerade, dass ich Ihren Blogbeitrag damals sogar kommentiert habe, erinnerte mich aber nicht mehr im Geringsten daran, was ich vor noch nicht mal 7 Jahren über Granatäpfel zu sagen vermochte. Immerhin weiß ich noch, wie ich damals hieß: Rosalita, wie in Springsteens Song.

      Gefällt 2 Personen

  6. Über das Ahornlaub kann man unterschiedlicher Ansicht sein, wenn man Eigentümer oder Nachbar ist…😄😘
    Du wusstest bestimmt, dass ich das kommentiere? 🥳

    Gefällt 1 Person

  7. frau frogg

    Ähnliche Situation an der C-Front hier mit Arbeitskollegin. Sie muss sich inzwischen zweimal die Woche testen lassen, wegen Zertifikatspflicht im Büro, da bin ich wenigstens einigermassen sicher, dass sie mich nicht ansteckt, wenn sie es dann einfängt.Der Dialog geht mittlerweile so: Sie: Labert, dass die Zertifikatspflicht im Büro sie stresst, und wie gefährlich die Impfung sei. Ich: „Hör bitte auf damit, wir müssen nicht drüber diskutieren, wir reden im Kreis. Es ist halt so: Du lebst in Deinem Universum, ich in meinem.“ Sie: „Und die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.“ Ich: „Nein, sie liegt nicht in der Mitte. Wie gesagt: Du lebst in Deiner Realität, ich in meiner, und wir lassen die Realitäten jetzt mal respektvoll nebeneinander stehen.“ Ich habe kapituliert, aber ich will nicht mit ihr brechen, sie hat mir oft geholfen, als mir immer so schwindlig war.

    Gefällt 1 Person

    • Innerhalb eines Büros ist das ja noch brisanter als im rein privaten Bereich. Meine Güte, was für Wellen das schlägt… – und wie einen das zwischenmenschlich fordert, teils auch überfordert (so geht es mir zumindest).
      Liebe Grüße in die Schweiz!

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