Eine fast perfekte Stadt.

Einen kleinen Abzug gibt’s für das viele Grau. Nur gut, dass wir die Elbmetropole auch schon bei Sonnenschein und Springsteen erlebt haben.
Aber mitten im November hätte man’s wirklich weitaus garstiger erwischen können, also sind wir mal froh und dankbar, dass es uns nicht eingeschifft oder tiefgefroren hat dort oben im Norden der Republik.

Stellenweise sehr mondän (ein Glück, dass wenigstens das Fräulein in halbwegs edle Tuche gehüllt durch die Chausseen charwenzeln konnte und so die Blicke der Einheimischen auf sich bzw. von meinen lausigen Lowas zog), teils auch mordsteuer (und als Münchner ist man wahrlich dran gewöhnt, was zwei Schluck lauwarmer Kaffee so kosten können, aber mei, Hauptsache, es ist ein Herzerl in die Crema gekratzt), nun gut, man hätte vielleicht auch anderswo als am Elbstrand bei Blankenese oder in den Alleen von Eppendorf spazieren und cappuccinieren können (wobei wir das eine wie das andere schon erklären können, denn das Fräulein ist nunmal buddelsüchtig und eine Kraulquappe muss irgendwo Kraulen können).

Diese Architektur, diese Straßenzüge, diese Aufgeräumtheit, diese Strahlkraft, diese Weite, das Wasser, die Museen, die Parks – so viel Wohlstand, so viel Ästhetik, so viel Großzügigkeit und Inspiration.

Und so hundefreundlich ist sie, diese schöne Stadt!
Nirgends grimmiges Gegucke, wenn das Dackelfräulein leinenlos durch Laub und Sand hobelte, keinerlei Zwischenfälle mit anderen Hunden oder deren Haltern, und unzählige „Hundeauslaufzonen“, die diesen Namen wirklich verdienen (die Stadt Wien beispielsweise, so sehr ich sie auch liebe, hätte einen Brandbrief mit Beispielfotos zur Hamburger Hundepolitik verdient, damit’s dort amal kapiern, was a Hunderl braucht und dass ihre umzäunten Drecksplatzerl für die armen Zamperl dort gar ned leiwand sind). Es geht höflich und diskret zu im Hunde(halter)milieu, man lässt einander in Ruhe, achtet auf seine vierbeinigen Begleiter, wahrscheinlich entspricht das generell dem hanseatischen Temperament.

Auch dem Virus begegnet man hier mit etwas mehr Diskretion als in München, ordentliche Konzepte und Kontrolle der nötigen Nachweise, wo immer wir hinkommen.
(Besonders beeindruckend: das Badeschlappensystem in der Sauna des Holthusenbades. Nur so viele Gäste pro Schwitzkammer wie es davor Abstellschalen für die Schlappen gibt, und wer keine dabeihat, der muss sich beim Saunameister eine laminierte Latschenatrappe holen – einfach & genial, und niemand muss mehr mit zusammengekniffenen Augen oder beschlagener Brille Nackerte im Nebel des Dampfbads zählen.)
Dass der Tschentscher so früh mit 2G begonnen hat, zahlt sich derzeit noch aus und man kann dem Hamburger Klinikpersonal nur wünschen, dass ihnen die bayerischen Zustände weiterhin erspart bleiben.
Die Nachrichten toppen jedenfalls täglich noch das Grau des Himmels, es ist ein Grau_s, man möchte sich die Decke über den Kopf ziehen und bis mindestens Ende März in einen tiefen Winterschlaf fallen (und zwischendrin höchstens mal kurz zwecks Drittimpfung geweckt werden).

59 Kilometer gelaufen, 5 Cafés und 2 Museen besucht, 2 Schwimmbäder beschwommen, 1 Kinofilm genossen, 1 Schifffahrt gemacht, 3 Abendmahle im Appartement des Gatten eingenommen, 2 auswärts, und 1 norddeutsches Weißbier getrunken, das hier Weizenbier heißt und sogar ganz passabel geschmeckt hat.

Die Bäderstunden wären eine eigene Story wert, denn seit Jahren beobachte ich das ja schon, dass man die Mentalität der Einheimischen in Umkleidekabinen, Saunen und Schwimmbecken hervorragend kennenlernen kann und so war’s diesbezüglich auch in der Elbmetropole wieder recht aufschlussreich, zumal ich dort, anders als beispielsweise in Skandinavien, vollständig verstehen konnte, was so gesprochen wird.

Ach ja, die Geschichte von dem im Jenischpark gefundenen Handschuh, die muss ich Ihnen noch erzählen, bevor der ICE in einer Stunde in München einrollt.
Ein schwarzer Damenhandschuh war es, den ich, als ich mich auf dem Spazierweg zufällig wegen eines Geräusches umdrehte, auf dem Boden liegen sah und einsteckte, weil ich ihn für meinen hielt, den ich just ein paar Sekunden zuvor, eben auf jenem Weg entlanggehend, wohl verloren haben würde, als ich ein Taschentuch aus der Manteltasche fischte. Um dann, nach ein paar weiteren Metern und bei einem erneuten Griff in die Manteltasche festzustellen, dass es sich zwar exakt um dieselbe Marke und Farbe handelte, es aber gar nicht mein Handschuh sein konnte. Denn nach dem Griff in die Manteltasche hielt ich plötzlich drei Handschuhe in Händen: zwei für die rechte Hand und einen für die linke.
Na sowas, ich hatte also gar keinen Handschuh verloren und war nur rein zufällig über ein Exemplar wie den meinen gestolpert!
Ich lief zurück zum Fundort, deponierte den fremden Handschuh am Wegesrand, falls seine Besitzerin ihn suchen käme und spazierte weiter.
Eine gute Stunde später, zwischenzeitlich war ein kühler Wind aufgekommen, beschloss ich, nun meine Handschuhe anzuziehen, greife in die Manteltasche und finde dort zu meinem Erstaunen nur noch einen Handschuh vor.
Und ob Sie’s nun glauben oder nicht: verloren gegangen – und ich verliere wirklich selten etwas – war mir ausgerechnet der rechte Handschuh. Hätte ich also den gefundenen, identischen Handschuh einfach behalten, hätte ich wieder ein komplettes Paar gehabt und nicht den gesamten Heimweg lang rechtshändig frieren müssen.
Ja ist das zu fassen? Mir gelang es für den Rest des Tages jedenfalls nicht mehr, über diese Schicksalsabsurdität Koinzidenz hinwegzukommen.
Zwischenzeitlich habe ich mich einigermaßen gefangen und tröste mich mit dem Gedanken, dass es wahrscheinlich einen großen Kreislauf an schwarzen Damenhandschuhen gibt, die überall auf der Welt kursieren und sich irgendwann & irgendwo paarweise wieder neu zusammenfinden werden.
Meinen nun nutzlosen, vereinsamten linken Handschuh habe ich daher beim letzten Spaziergang vor unserer Abreise im Park an der Außenalster diesem Kreislauf anvertraut.

Mit einem Ausschnitt aus einem hamburghimmeltypischen Gemälde von Gerhard Richter entlasse ich Sie einstweilen in die Novembernacht und reiche weitere (Kunst-)Impressionen bei Gelegenheit vermutlich noch nach.

15 Kommentare zu “121 h in HH.

  1. Das mit den Handschuhen erinnert mich – warum auch immer – an Hans im Glück. Zwar wurde hier nichts getauscht, aber am Ende ziehen Sie befreit von aller Handschuhlast weiter, während der ewige Kreislauf der schwarzen Damenhandschuhe genährt und am Leben gehalten wurde.

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    • 😇🤗
      „So will ich es auch sehen!“(sagte sie, dabei graute ihr insgeheim davor, nachher mit klammen Händen ihr Dackelchen und ihr Köfferchen von der U-Bahn-Station durch die Eiseskälte heimwärts zu ziehen)

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  2. Das (architektonisch) schöne Schwimmbad erinnert mich ein wenig an das Bad, in dem mein Schul-Schwimmunterricht stattfand: das Hubertusbad in Berlin-Lichtenberg. Leider ist das jetzt kein Schwimmbad mehr…
    Ansonsten: sehr schöne Fotos, liebe Natascha. Ein feiner Kurztrip, den Pippa offensichtlich auch genossen hat.
    Du warst nicht zufällig im Störtebeker-Restaurant der Elphi?
    Liebe Grüße.

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    • Danke für deine Worte, liebe Birgit.
      Musste kurz überlegen, wer oder was Elphi ist (bin noch etwas zermatscht von der langen Zugfahrt), dann fiel der Groschen aber. Nein, im Störtebeker-Restaurant waren wir nicht – das hättest Du mir vorher sagen müssen, dass ich dort mit Sicherheit die Bernsteinweiße antreffen würde 😉
      Nächstes Mal dann!

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      • Hab ich nicht dran gedacht… 😒aber ja: Du wirst ja nochmal fahren, und dann machst Du dort einfach mal ein Biertasting mit tollem Ausblick.
        Wir waren in der Elbphilharmonie zum Konzert der „Grandbrothers“ vor gut zwei Jahren mit einem Bierchen vorm Konzert.
        Hab einen schönen Abend.

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  3. Na, da warst Du ja ganz auf ‚meiner‘ Ecke und in ‚meinem‘ Schwimmbad. Liebe Grüße, Susanne

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  4. Hach. Hamburg. Zu Mauerzeiten sowas wie ein Sehnsuchts-Ort, weil wir Sendebereich des NDR waren. Was muss es daaaaa für Plattenläden geben! Und jeden Samstag ins Ohnsorg-Theater!
    Hamburg, das war Otto Waalkes, Lindenberch, Ocko, Lonzo, Berry, Chris und Timpe (oder so ähnlich)
    kiev Stingl und Achim Reichel!

    So ungefähr schwärmten wir.

    Und dann kam ich nach HH, in den 90ern und Nullern; auf Tages-Trips; mal aus dienstlichen Gründen mal privat – und Hamburg kam mir KALT vor. Und ich meine nicht das Wetter.
    Ich fremdle generell mit diesen Großstädten, die einem immer so mondäään angepriesen werden und doch so sehr aus „Neuköllns“ bestehen, oder „Marxlohs“ oder „Grünaus“…

    Aber Hamburg? Das ist noch eine Spur kälter als kalt.

    Selbst Konny Reimann wollte auswandern!

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    • Manchmal frage ich mich wirklich, warum Du meinen Blog eigentlich immer noch liest, wo Du doch an ziemlich vielem, über das ich schreibe, was auszusetzen hast. Und vor allem frage ich mich, was ich auf derlei Geschmacksgemotze noch entgegnen soll. „Jedem das Seine“?
      „Geschmäcker sind nunmal verschieden“? Erwartest Du überhaupt eine Resonanz oder wolltest Du einfach nur Dein Gestänker über „mondääne“ Großstädte, die Du zum Davonlaufen findest, loswerden?
      Du findest Hamburg kälter als kalt – ich finde solche Kommentare von Dir miesepetriger als miesepetrig.
      Das ist kein zugewandter Austausch, das ist einfach nur ein negatives „Was ich dazu mal loswerden wollte“ – so empfinde ich das.
      München ist doof, Berge sind doof, Dackelmäntel sind doof, Springsteen ist doof, Hamburg ist doof…
      Mannomann, Bludgeon!

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      • Huch. Ich seh die Bloggerei bisher einfach als Gedankenaustausch. Habe bei dir doch auch allerhand positives hinterlasssen. Über STS, über Bad Gastein und all die sonstigen Links.
        Berge sind doof? Nö. Das kann nich von mir sein.
        München kenn ich gar nicht. (Meine Großstadtabneigung rührt von anderen Stadt- Beispielen her.)
        Wenn dir meine Hamburg Einlassung soviel Unbehagen bereitet, dann lösch sie halt. Und diesen Kommentar gleich mit.

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      • Ich sehe die Kommentare (!) in den Blogs durchaus auch als Gelegenheit zum Gedankenaustausch.
        Aber: Mir geht es mit deinen Kommentaren gelegentlich so (wirklich keinesfalls immer!), dass ich darin den „Austausch“ nicht so recht zu erkennen vermag, sondern das auf mich wie ein miesepetriges Genörgel und polterndes Dagegenhalten wirkt.
        So empfand ich das damals schon (ist ja Jahre her), als du mit einer Vehemenz, die mir unangenehm war und die ich auch unangemessen fand, ein Springsteen-Konzert in Leipzig in Grund und Boden meckern musstest, nur weil du einen blöden Platz hattest und dort die Akustik mies war. Über die Jahre hat sich das dann noch ein paarmal wiederholt und du weißt ja auch, dass ich manchmal tatsächlich keine Lust hatte, deinen Kommentar freizuschalten und dir dann auch per Mail rückgemeldet habe, wieso.
        Diesmal hab ich mich halt fürs Veröffentlichen entschieden.

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      • Ich hatte deinen HH-Post geliked, also muss ich ihn ja irgendwie für interessant befunden haben, und habe ich meine Meinung zur Stadt halt darunter gesetzt. Das ist in meinen Augen KEIN Angriff auf deine Person oder deinen Post.

        „Was ich dazu mal loswerden wollte…“ Yau! Warum denn nicht?

        Der eine sieht es halt so und der andere so. Fertig. Aufregen muss das nicht.

        Bin ich ein Misantrop? Yo, schon. „Bludgeon“ lässt sich nun mal nicht mit „Dauerjubler“ übersetzen.

        Wie gesagt: Wenn es dir so böse aufstößt, dann lösch es halt.

        Zu Springsteen haben wir damals per mail wohl alle Argumente ausgetauscht. DAS Fass müssen wir nicht nochmal aufmachen.

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      • Wir reden aneinander vorbei, Bludgeon. Ich fühlte mich nicht „als Person“ angegriffen und auf Likes gebe ich sowieso nicht allzu viel.
        Es ging mir um das, was wir (du / ich) jeweils unter „Austausch“ verstehen – und das ist eben durchaus unterschiedlich (vor allem im Stil).
        Dass mir deine Kommentare „böse aufstoßen“ wäre ebenfalls weit übertrieben.
        So wie du für dich ein „Was ich dazu mal loswerden wollte…“ reklamierst, wollte ich jetzt mal loswerden, wie diese Sorte Kommentar von dir bei mir ankam. Zumal es ja mein Blog ist, auf dem dieser „Austausch“ stattfand.
        Belassen wir’s einfach dabei, es ist alles Wesentliche gesagt und einig werden wir uns da eh nicht.
        Und gram bin ich dir jetzt auch nicht.

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