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Himmel der Bayern (102): Auf der Flucht – mit und ohne Sherlock Holmes.

Letzte Woche bittet der Papa um meinen Besuch. Frisch geboostert (eine Vokabel, die mir noch immer kurz am Gaumen kleben bleibt, wenn ich sie ausspreche) hat er das dringende Bedürfnis, „noch einmal auswärts Essen zu gehen, bevor alles wieder zu ist“ .
Längst ist er Dauerpessimist in Sachen Pandemie, und auch sonst zerbröselt seine Zuversicht in eine lebenswerte Zukunft zusehends.

Seiner Bitte komme ich gern nach, auch, weil mir das ein wenig die Wartezeit auf die Laborergebnisse, die aus den diversen Lebenssäften des Fräuleins gewonnen werden, verkürzt.
Und weil es momentan wirklich wohltuend ist, der Großstadt tageweise den Rücken zu kehren. Die Sirenen der Rettungswägen schallen zwar auch anderswo durch die Straßen, gleichwohl ist es in der Darkness on the edge of town und noch weiter draußen in Summe doch um Einiges ruhiger.

Bei Ankunft im Tegernseer Tal ist es so eisig und düster, dass ich trotz ungeeigneten Schuhwerks – ich sah mich am See entlangspazieren, da der Wetterbericht verkündet hatte, die Sonne würde gegen Mittag die Nebelfelder auflösen – spontan beschließe, so lange und flott bergauf zu gehen, bis es mir wärmer und weiter oben vielleicht doch noch etwas heller würde.

Was es dann auch wird: ab einer Höhe von 1.000m begegnen wir zwar nicht der Sonne, dafür dem ersten Schnee, und der ist, wenngleich vieles sich ziemlich verändert hat im vergangenen Jahr, nach wie vor weiß.
Flugs gehen wir intensiv auf Tuchfühlung mit dem Schnee, weil das Schuhwerk wie gesagt gänzlich ungeeignet ist für winterliche Wanderungen. Das Dackelchen ist dank seiner natürlichen Spikes (eine Vokabel, die mir früher, vor Corona, unbefangener über die Lippen kam) sowie der neuen und – wie ich unterwegs bemerken muss – jagdtauglichen Joppe immer eine Nasenlänge oder Fuchsfährte voraus.

Wie sie da so im bemoosten Bergwald steht und all den Spuren nachschnuppert, die wir Menschen nicht wahrnehmen, erinnert sie mich ein bisschen an Sherlock Holmes. Der Mantel des smarten Briten saß gewiss besser, wobei er auch nicht so eine kompliziert zu bemantelnde Figur wie Pippa gehabt haben dürfte.
Alle Dackel ihrer Länge sind offenbar deutlich dicker als sie, also müssen wir entweder mit einem Schlabberlook vorlieb nehmen, in dem sie schlecht laufen kann oder eine Größe kleiner wählen, die dann zwar schön körpernah sitzt und rund um die Brust gut wärmt, aber hinten stets zu kurz ist.
Es gibt gravierendere Probleme auf diesem Planeten, dennoch ist es schwer zu ertragen, wenn das Zamperl beispielsweise schon während einer winzigen Wartezeit an der Ampel zitternd und fiepsend neben einem steht.
Demnächst wird sie 10 Jahre alt, da ist das völlig normal, dass sie schneller friert als früher, überhaupt ist man ja auf einmal mit lauter neuen Gegebenheiten konfrontiert, wenn der Hund älter wird, und wieder beginnt ein Lernprozess, eine Umstellung, ein Überdenken von Gewohntem und Gewohnheiten.

Letzten Mittwoch am Tegernsee sind wir die einzigen Gäste, die bei dieser Witterung zur Alm hochgelaufen sind, drinnen erwarten uns ein knisterndes Feuerchen, ein Hollertee und ein Kuchen, die Wirtin schenkt uns eine kleine Lodendecke, auf der das Fräulein trocknen und ruhen kann, im Hintergrund dudeln die Scorpions aus dem Hütten-CD-Player:
I lose control because of you, babe, I lose control when you look at me like this, naja, falls Sie auch einen Hund haben, wissen Sie eh, wie das manchmal ist, da rutscht einem glatt mal ein Stückerl von der Kuchengabel – nur gut, dass die Kleine so schlank ist.

Bergab hätten wir beide, die Hundemadame und ich, auch mantellos nicht gefroren, denn als ein Reh unseren Weg kreuzt, wird uns sehr schnell sehr warm, ich möchte diese Sporteinheit aber nicht näher schildern, nicht dass wieder irgendein Gschaftler sich zu Schimpfereien aufschwingt, nun, da die Gemüter sich allgemein sowieso arg schnell erhitzen (nur so viel: dem Reh ist natürlich nichts widerfahren, es querte einfach nur in einiger Distanz unseren Weg, wir mussten dem seinen halt ein Weilchen folgen, bis wir uns darüber einig wurden, dass das nichts als sinnloser Kräfteverschleiß ist).

Zum Thema „erhitzte Gemüter“ ein Lesetipp: großartiger Artikel von Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung, der auf hervorragende und zugleich niederschmetternde Weise die Beweggründe eines sehr speziellen Impfskeptiker-Grüppchens erklärt.
Es geht um die Oberachtsamen, die überaufmerksam in sich Hineinspürenden, die stets mit und in sich selbst Verschraubten. Die, die ihrem Bauchgefühl vertrauen und folgen möchten (weil wenn der Bauch was fühlt, egal was, dann muss das auch ernst genommen werden) und die das auch ohne Rücksicht auf Mahnrufe der Wissenschaft oder die Wahrung der Unversehrtheit ihrer Mitmenschen tun.
Matzigs Ausführungen erklären mir ansatzweise auch die Freundin, die ich derzeit nicht mehr treffe und die für ihre Entscheidung gegen die Impfung, deren Hintergründe sie mir nicht erläutern wollte, jüngst auch noch um Respekt und Achtung bat, mit dem Argument, sie würde schließlich beides – Respekt und Achtung – den Menschen, die sich für die Injektion entscheiden, ebenfalls entgegenbringen.
Der Artikel erklärt mir die Freundin zwar, exkulpiert sie aber nicht.
Und so bleiben wir wohl entzweit bis zum Ende dieser Akut-Phase der Pandemie, und einmal mehr ist es der Seuche gelungen, auch jene Nischen neongrell auszuleuchten, um die man im pandemiefreien Leben respektvoll und achtsam (oder einfach ohne je einen kritischen Gedanken daran zu verschwenden) einen Bogen gemacht hatte oder die schlicht keine Rolle spielten, weil ihnen im gemeinsamen Freundschaftskosmos bestenfalls der Status der Besenkammer zukam – nun sind sie plötzlich zum Foyer avanciert und keiner kommt mehr dran vorbei oder ungesehen da durch.

Je älter ich werde, desto eher gelingt es mir, zumindest bei langjährigen Freundschaften, die Uneinigkeit ab einem gewissen Punkt der Nichtmehrdiskutierbarkeit so stehenzulassen und abzuwarten, ob nicht eines Tages auch wieder andere Zeiten kommen.

Bisweilen kommen diese „anderen Zeiten“ ja schneller daher als man denkt, siehe vierte Welle.
Kurz vor dem Wochenende überlegen Freundin A. aus B. und ich, ob wir an unserem Anfang Oktober angedachten Treffen für Mitte November festhalten können sollen wollen. Weil wir uns in diesem Jahr erst einmal gesehen haben, wagen wir es trotz vierter Welle, recherchieren, welches Lokal die geschützteste Atmosphäre bietet, testen uns vorher und nachher, gehen vor Ort vermummt spazieren und ansonsten allen Menschen aus dem Weg. Allzu viel ist eh nicht los im novembrig vernieselten Würzburg und für mich ist es sogar ein Aufenthalt in einer Region mit nur halb so hoher Inzidenz wie daheim in München.

Die kleine Stadt in Mainfranken markiert nicht nur die ungefähre Mitte zwischen meinem Wohnort und dem der Freundin, sondern auch eine Schwelle auf meinem holprigen Lebenspfad. Die Jahre in Würzburg waren einerseits wegweisend (eine Art Generalprobe fürs Erwachsenwerden), andererseits ein Moratorium (eine Art Schonraum, weit genug weg von der Mutter und endlich eine Chance zur Entfaltung).

Auf der Hinreise ist der gebuchte Zug angenehm leer, auf der Rückfahrt fällt er hingegen komplett aus, was saublöd ist, da die Reisenden eine alternative Zugverbindung wählen müssen und die aus einem ICE besteht, der bereits gut gefüllt in Würzburg einfährt.
Ich setze die FFP2-Maske während der Fahrt keine Sekunde ab, angesichts durch den Waggon wankender Mitreisenden in schmuddeligen Sweatshirts mit aufgedruckten Spätpubertät-Slogans wie „Meine 3G-Regeln: gezapft – gesoffen – gekotzt“ ist das sicher kein Fehler (und während Deppen wie der vermutlich auch während der Bahnfahrt weiterzechen, allein schon, um ihre morsche Maske unterm Kinn tragen zu können, trocknet mir fast die Kehle aus), gottseidank ist Würzburg nur noch 130 Minuten von München entfernt.
Als ich seinerzeit dort studierte, waren es drei Stunden, aber analog zur Fahrtdauer ist auch mein Studentenzeit-Ich von 1997 ff. in meiner Erinnerung zu einer Melange aus unvollständig erzählten Storys wie „Die rote Zora erkundet die Welt, raucht, kneipt, studiert leidlich und schneidet sich nach ein paar Semestern die unleidigen langen Haare ab“ und „Fünf Freunde feiern die Filosophische Fakultät“ geschrumpft, was sicher ganz und gar nicht den Tatsachen entspricht (schade ist das, was so alles verblasst und wie sich der Blick zurück – offenbar selbst auf erfreuliche Episoden der eigenen Existenz – mit der Zeit verengt, dabei dachte ich immer, das Älterwerden brächte eher Weit- statt Kurzsichtigkeit mit sich).

Im Seuchenwinter 2.0 ist die Zora von damals jedenfalls längst nicht mehr rot (und auch die Blondie-Epoche ist Geschichte), sondern leicht graugesträhnt und nach 1 Bier und 1 Viertel Volkacher Kirchberg leicht angeschickert, der Freundin geht’s ähnlich, und so landen wir um kurz nach 22 Uhr (Corona-Closing-Time in Bavaria), einer Uhrzeit, zu der als Studentin die Nacht grad erst begann, getestet, gesättigt und gezähneputzt im gemeinsamen Hotelbett, trinken im Pyjama noch einen Absacker, wieder einen Weißen, auch wenn uns die Domina aus dem Hotelgetränkeautomaten sehr verlockend zuzwinkerte, aber die roten Weine vertrag ich nunmal nicht, schicken unseren beiden daheim die Hunde hütenden Männern glucksend und gackernd etliche Funfotos, von denen ich Ihnen eigentlich keines, und wenn, dann wirklich nur dieses eine hier zeigen darf, wenngleich mit der freundlichen Bitte um Nichtkommentierung.

Wir sind sonst freilich ganz anders und haben nur kurzfristig vergessen, wie – in Zeiten wie diesen möge man uns das nachsehen.
Von den knapp 23 Stunden verbringen wir lediglich 7 schweigend, da selig schlafend, entsprechend fertig sind wir, als wir uns sonntags am Bahnhof voneinander verabschieden, leider wieder einmal auf unbestimmte Zeit.

Zuhause angekommen überschlägt sich das Dackelchen vor Wiedersehensfreude, der Gatte indes braucht Trost nach einem familiären Telefonat, das ein Fass, das ohnehin längst übervoll war, überraschend zum Überlaufen brachte. Ein langer Sofawolldeckenabend zu dritt, Familie geht schon auch harmonisch.

Tags drauf ein Wochenstart zum In-die-Tonne-Treten.
Ein keifendes Weib in der Schlange vor der Corona-Test-Station, die Brüllende regt sich drüber auf, dass sie jetzt einen Sch…-Test braucht, um in dieser Sch…-Stadt U-Bahn fahren zu dürfen, die anderen in der Schlange regen sich mehr oder minder laut drüber auf, dass die Ungeimpfte ohne Mundschutz herumplärrt. Weiter geht’s auf dem Postamt mit sozial ähnlich deprimierenden Erlebnissen, daheim im Briefkasten wartet derweil schon ein Rundschreiben vom hochbetagten Hauseigentümer an alle Mieter, dass die Legionellen wieder zurück sind in unserem Trinkwasser, und das, obwohl er vor einem Jahr für ein Heidengeld die Warmwasserversorgungsanlage erneuert habe. Natürlich folgen keine weiteren Angaben zum konkreten Meßwert (was auch deshalb bedauerlich ist, weil die Einheit für den Legionellenbefall die herrliche Abkürzung KbE trägt, die für koloniebildende Einheiten steht, ein Begriff, der meine Phantasie wirklich sehr befeuert), mit sowas halten sich die Vermieter gern bedeckt, man will dem zum Motzen neigenden Mietervolk ja nicht proaktiv Tür und Tor (bzw. Wasserhahn und Leitung) öffnen, soll also erstmal einer nachfragen, und wer wird das schon tun, wo momentan weitaus Brisanteres durch Innenräume schwebt als so ein paar sporenbildende Bakterien, die läppische Lungenprobleme auslösen oder vorhandene verschlimmern können.
Die Kommunikation an der Vermieterfront verspricht auch in Zukunft keine erquicklichere zu werden, wenn dessen Filius die Besitztümer geerbt und deren Verwaltung übernommen haben wird. Noch sitzt der Herr Sohn lässig im luxussanierten Dachgeschoss eines der väterlichen Mietshäuser und postet auf Facebook (im wahrsten Wortsinne:) von oben herab Filmchen zu den Ausspekuliert!-Demos vor seiner Haustür, die er mit locker-lustigen Anmerkungen wie „Standesgemäß aus dem Penthouse die Demo unten am Gärtnerplatz beobachten“ versieht, während seine Smartphone-Kamera im Slow-Motion-Modus durch die anthrazitfarbene SieMatic-Designerküche schwenkt, in der ein edel in Cremeweiß gewandeter Gwyneth-Paltrow-Verschnitt gerade die Fläschchen für die nächste Erbengeneration erwärmt.
Aber wozu sich über ungelegte Eier weiter den Kopf zerbrechen, die Gegenwart zerbricht einem den beileibe schon genug, manchmal so sehr, dass es schmerzt.

Für Abhilfe sorgt (noch!) ein abendlicher Sprung ins Schwimmbad, bei minus 1 Grad zugegebenermaßen eine kleine Überwindung, aber wenn man erstmal drin ist im warmen Wasser, ist es phantastisch und wenn ich anschließend wieder hinausgehe in die Winternacht, bin ich das Schädeldröhnen los und auch sonst halbwegs ballastbefreit.

Beinahe im selben Maße wie ich seit Wochen todmüde bin, kraule ich nächtens durch das Becken als ginge es um mein Leben.
Außer mir noch zwei, drei andere, die genau wie ich jeden Zug zelebrieren als könnte es der letzte sein.

Meine Lieblingsfotografie aus der Ausstellung von Jack Davison / Hamburg, PHOXXI (temporäres Haus der Fotografie).

1 Kommentar zu “Himmel der Bayern (102): Auf der Flucht – mit und ohne Sherlock Holmes.

  1. Irgendwie isses ein zweifelhafter Trost, dass die Menschen im Süden mindestens so bescheuert sein können wie in der Mitte. Vom Südosten mal ganz zu schweigen. Aber eine leider erwartbar „normale“ Reaktion der Gesellschaft auf eine unheimliche Seuche, die mit dem Stand der Erkenntnis Hase und Igel spielt.

    Was Gutes am Ende:
    Ich mag nebelige Wälder.
    Und so Hunde wie eurer.
    So.

    Liebe Grüße!

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