Gedacht Geschrieben Gespürt

Matrjoschka (7).

Das letzte Wort hat die große, erwachsene Matrjoschka.

Erinnern Sie sich noch?
Vor zwei Jahren, um genau zu sein: im November 2019, als die Welt noch in vertrauter, alter Unordnung (= „Normalität“) war, begann ich hier im Blog mit einer kleinen, nicht allzu heiteren Serie namens „Matrjoschka“ .
Einem Siebenteiler, den ich ursprünglich binnen eines halben Jahres abzuschließen gedachte, weil das Thema der Serie – die Mutter (russ.: Matrjoschka) – eines ist, über das ich nur schreiben kann, wenn es draußen nicht grünt und blüht und die Abende zum Hinausgehen einladen.
Doch dann kamen der Wasserschaden und in seinem Schlepptau gleich ein paar weitere Störenfriede daher: die Corroventen, die Badsanierung, die Pannen bei der Badsanierung, die Psocopteraplage und die Pandemie.

Viel Kraft und Zeit gingen ins Land, etliches von dem, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte, blieb auf der Strecke, anderes kam daher und erforderte viel Einsatz.
Von den aufgezählten Scheußlichkeiten sind bis auf die Seuche alle längst ausgestanden, und dennoch bin ich Ihnen (und vor allem mir) den siebten und letzten Part dieser Serie schuldig geblieben.

Der Hauptgrund dafür lag darin, dass ich unschlüssig war, wie das mit der Matrjoschka denn überhaupt enden sollte. Mit einem großen Showdown? Mit einem posthum gerauchten Friedenspfeifchen? Mit einer weiteren Episode aus dem Kinosaal meiner Kindheit oder gar mit einem reflektierten Resümee der erwachsenen Tochter? Oder mit nichts dergleichen?

Ein paarmal versuchte ich mich im Coronawinter 2020/21 an dem Finale.
Doch die Worte wollten nicht so recht, und ich wohl auch nicht.

Ich ließ das Thema ruhen, kümmerte mich nicht weiter darum.
Bis es plötzlich von ganz anderer Seite wieder auf mich zukam, als die geschätzte Graugans mich vor einiger Zeit anschrieb und fragte, ob ich mich an Ihren diesjährigen „Mutmaßungen“ beteiligen wolle.
Das Thema heuer: die Mutter.

Um Himmels Willen!, war mein erster Gedanke.
Über die Mutter zu mutmaßen (und das auch noch mit einem „Abgabetermin“), würde mir ein Maß an Mut abverlangen, das mich zunächst zaudern ließ: schaffe ich das, will ich das, soll ich mir das antun? Allerdings würden Nebel, Kälte und Düsternis genau jetzt perfekt passen, um mich noch einmal schreibend der Mutter zu nähern…

Ich sagte der Graugans zu.

Und der Schreibprozess stockte erneut. Mir war, als würde ich mit dem Niederschreiben eines Schlusses nicht einfach nur ein Ende erzählen, sondern ein Siegel draufkleben auf dieses Buch der Verletzungen, und als müsse allein der Lack, aus dem dieses Siegel sein sollte, besonders sorgsam ausgewählt werden.

Die gestern im Graugans-Blog veröffentlichte Geschichte (siehe auch unten in diesem Beitrag) betrachte ich daher als Lack_mustext: die siebte Matrjoschka hat sich und ihre Stimme erhoben, hat versucht, die Erzählungen ihrer Vorgängerinnen zu ergänzen und diese Sammlung zu versiegeln.

Eines Tages werde ich wissen, ob es dabei bleiben soll.
Ob das wirklich der Schlusspunkt war.
Oder ob ich meine Matrjoschka wieder auseinandernehmen muss, um sie nochmal neu und anders zusammenzusetzen.

*****

24T. – Mutmaßungen über meine Mutter, Tag 5: Kraulquappe.

Vor drei Jahren brach ich mir in Südtirol, am Fuße der Drei Zinnen, den kleinen Finger der rechten Hand.
Es tat zunächst kaum weh, weshalb ich den Finger erst Monate später, als er mir arg schief vorkam, von einem Arzt begutachten ließ, der mir dann nur noch dazu raten konnte, den krummen Finger einfach krumm zu lassen, sofern er nicht dauerhaft schmerzen würde oder in seiner Beweglichkeit erheblich eingeschränkt wäre.

Beides schien mir nicht zuzutreffen und so lebe ich seither mit einem kleinen Finger, der mich nicht weiter beeinträchtigt, ein bisschen hexenhaft verbogen ist und damit gut zu meiner Nase passt.

Heuer, im Herbsturlaub in Badgastein, setzte ich mich in einem abgelegenen Raum des Hotels, in dem wir wohnten, an ein altes, ausgeleiertes Klavier. Jahrelang hatte ich kein Klavier mehr angerührt, weil aber die Tür zu dem Raum schallisoliert war, riskierte ich es und versuchte mich an einem Bach-Präludium, zu dem mir die Noten noch einigermaßen im Gedächtnis waren.

Beim Spielen fiel mir plötzlich auf, dass der kleine Finger meiner rechten Hand nicht in die Höhe schnellte, so wie er es früher immer bei bestimmten Tonabfolgen getan hatte.
Das nach dem Bruch schief zusammengewachsene und nun verknorpelte Gelenk verhinderte offenbar, dass er nach oben ausscheren konnte.
In dem Moment, als ich das bemerkte, unterbrach ich mein Klavierspiel und musste an die Mutter denken. Und dass sie jetzt vielleicht endlich zufrieden wäre mit mir.

*****

Als ich die Mutter zum letzten Mal in einer Verfassung traf, in der wir beide noch gesund, gesprächsfähig und gewillt waren, es mal wieder miteinander zu probieren, hatte ich sie auf ihr Drängen hin erstmals zu mir nachhause eingeladen.
Wir hatten einander etliche Jahre nicht mehr gesehen und es kostete mich einige Überwindung, ihr Zutritt zu meiner Wohnung zu gewähren, da ich lange dafür gebraucht hatte, mir – nicht nur äußerlich – einen eigenen Raum zu schaffen.

Es war ein eisiger Winterabend, an dem sie mich besuchte. Sie betrat meine Wohnung, legte ihren Mantel ab, sah sich flüchtig um, äußerte ihr Befremden darüber, wie ich mich eingerichtet hatte und kam dann zu mir in die Küche, wo ich damit beschäftigt war, uns ein Abendessen zuzubereiten. Sie guckte auf den Herd, an dem ich stand, trat neben mich, riss mir kopfschüttelnd den Schneebesen aus der Hand, schlug damit schnell durch die Sauce und sagte: „Ja kannst du das denn immer noch nicht? Du musst das ganz locker machen, schau, so geht das: aus dem Handgelenk heraus, ganz locker, das habe ich dir doch schon so oft gezeigt!“.

Zehn Jahre Distanz lösten sich in nur zehn Sekunden Saucenrühren auf: nichts hatte sich daran geändert, dass nur sie allein wusste, wie es geht und ebenso wusste, dass ich es – was für ein Jammer! – immer noch nicht kapiert hatte.
Kaum, dass ihr Besuch überhaupt begonnen hatte, stand dessen Fazit auch schon fest: Wie gut, dass sie gekommen war.

Nach einem von der üblichen schwer verdaulichen Unterhaltung begleiteten Essen, an dem der Mutter so gut wie nichts schmeckte außer „ihrer“ Sauce, wollte sie sich unbedingt den Rest meiner Wohnung anschauen.
Als sie in einer Nische das E-Piano entdeckte, verlangte sie, dass ich ihr etwas darauf vorspielen solle. Ich hatte keine Lust dazu, wollte sie nicht hinter mir stehend spüren, während ich auf der Beethovenbank säße und in die Tasten griffe – diese Situation war mir schon als Kind zuwider.
Sie aber insistierte so lange, bis ich schließlich nachgab. Ich öffnete den Deckel des Instruments, schaltete es ein, ließ mich auf der Bank nieder, schlug Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“ auf und begann, das erste Präludium zu spielen.

Hinter mir die Mutter, vom ersten Takt an falsch mitsummend, mir alsbald ein gnädiges „Na, das geht ja noch!“ in den Nacken schleudernd.
Dann begann sie zu kichern. Es war ihr künstliches Kichern, jenes, bei dem man sofort wusste, dass es eigentlich nichts zu lachen gab, sondern ihm ein Vorwurf, Spott oder Kritik folgen würde.
„Mei, das gibt’s ja nicht“, rief sie kichernd, und fuhr fort: „Dein rechter kleiner Finger hüpft ja immer noch in die Höhe, wie früher! Den konntest du noch nie ruhig auf den Tasten lassen, das lernst du wohl nimmer?“.

Abrupt beendete ich mein Vorspiel, sprang auf, knallte den Deckel des Pianos zu und bald darauf auch die Wohnungstür.

Ich hatte die Mutter hinausgeworfen in die kalte Winternacht, und wenn ich es im Rückblick bedenke, waren all unsere Begegnungen – die wenigen, die es überhaupt noch gab, seit ich sie verletzt und verzweifelt im Alter von 17 verlassen hatte – auf die eine oder andere Weise diesem Muster gefolgt.

*****

Die Mutter war der einzige Mensch in meinem Leben, den ich mehrmals verlassen und hinausgeworfen habe.
Heute glaube ich, das lag daran, dass es umgekehrt ähnlich war. Denn kaum hatte sie mich hinausgeworfen in die Welt, verließ sie mich auch schon. Nicht physisch, sondern emotional. Die kleine Tochter war der Grund für ihr verhindertes Leben und ihre verpassten Chancen, der Klotz an ihrem Bein, das lästige Bindeglied zwischen ihr und dem Mann, der ihr das Leben versaut hatte und mein Vater ist.
Zweimal unternahm sie einen Fluchtversuch, um ihr Glück anderswo zu suchen. Beide Male kehrte sie zu uns zurück, wurde danach noch unglücklicher und flüchtete sich in einen Kosmos, der weitgehend aus Krankheiten bestand.

Als sie vor knapp sechs Jahren starb und ich ein halbes Jahr nach ihrem Tod den Karton öffnete, der mir nach der Auflösung ihrer Wohnung zugeschickt wurde, fand ich darin als ihren „Nachlass“ hauptsächlich Kalender und Fotos.
Ich saß auf dem Boden, neben mir eine Flasche Wein, und blätterte eine Nacht lang durch ein Dutzend billiger Plastikeinsteckalben. Aus den Bildern blickte mich eine Frau an, die mir fremd war und die sich in Posen warf, die aufgesetzt wirkten, aber wahrscheinlich nötig waren, damit sie sich wenigstens für den Augenblick, in dem die Aufnahme entstand, wie eine andere fühlen konnte. Nämlich als die, die sie dachte sein zu können oder vielleicht sogar gewesen wäre, wenn sie nicht meinen Vater, mich und all ihre Krankheiten am Hals gehabt hätte.

Meine Mutter war ein Flüchtlingskind und blieb es ihr Leben lang.
Sie kam nie irgendwo an, wo sie sich wohl und heimisch fühlte. Sie blieb immer das Kind, für das vor lauter Armut und Existenzängsten niemand Zeit hatte, auch dann, als sie längst im Wohlstand lebte.
Sie war in einem Nachkriegsdrama aufgewachsen, in dem sie eine Statistenrolle zu spielen hatte, die niemand sah und würdigte. Und so wurde sie später selbst zum Drama.

In ihrer Mimik brach fast täglich die ganze Welt zusammen, in ihren Worten ebenso. Alle und alles waren zu grausam und zu ungerecht zu ihr, der Fragilen.
Stummes Drama war ihre Alltagsspezialität, lautes Drama hob sie sich für besondere Anlässe auf.
Die Peripetie war die ewig gleiche: ein Geschehen, das sich rasch zusammengebraut hatte, schlug auf seinem Höhepunkt um und führte geradewegs ins Unglück. Das retardierende Moment, eigentlich fester Bestandteil eines jeden Dramas, übersprang sie stets – was die Dramatik zuspitzte, weil dadurch alles noch schneller auf die Katastrophe zuraste.

Es waren ihr Opfergebaren und ihr Hang zum Drama, die mich meine ganze Kindheit hindurch verfolgten und vor denen ich, sobald ich es wagen konnte, alleine loszulaufen, flüchtete.

Ihr Leben lang starb die Mutter ihrem Ende entgegen, das konsequenterweise ein dramatisches, vor allem aber ein todtrauriges war.
Ihr, der immer Flüchtigen, war es gelungen, dass alle von ihr geflohen waren und sie am Schluss einsam und elend einschlief.

*****

Heute, am 5. Dezember, wäre meine Mutter 77 geworden.
Die Hand mit dem gebrochenen kleinen Finger winkt ihr zu – in der Hoffnung, dass sie nach ihrem Tod die Heimat gefunden haben möge, der sie ihr Leben lang vergeblich nachgejagt hatte.

*****

Sehen Sie’s? Diesen hoffnungsfrohen Augenaufschlag und das rosige Lächeln?

Zum Nachlesen hier nochmal die Geschichten der anderen sechs Matrjoschkas:

Matrjoschka (1).

Matrjoschka (2).

Matrjoschka (3).

Matrjoschka (4).

Matrjoschka (5).

Matrjoschka (6).

*****

11 Kommentare zu “Matrjoschka (7).

  1. Fühl dich gedrückt.
    L.G.

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  2. Ein schöner Text, danke dass ich ihn lesen durfte

    Gefällt 1 Person

  3. Ah, da sind sie wieder die Matroschkas. Ich fand eine in diesem Jahr am Großen Mondsee. Dann erzählen sie wohl von der Mutter. So, so… Herzensgrüße Susanne

    Gefällt 2 Personen

  4. Danke für Deine schwierige Muttergeschichte.

    Gefällt 1 Person

  5. Der hoffnungsfrohe Augenaufschlag gefällt mir sehr gut. Danke für den wunderbaren Text und liebe Grüße, Andrea

    Gefällt 1 Person

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