Gedacht Gehört Gelesen Gespürt

Kleines Traktat über Neheh, Djet und Ungatz.

Heutige Frühstückslektüre: ein sehr lesenswerter Artikel von Marlene Knobloch in der Süddeutschen Zeitung.
Es geht darin um den zweiten Matschwinter mit Corona, in dem wir gerade mittendrin stecken, und um die lineare Struktur der christlich-jüdischen Heilsgeschichte, die unser aller Denken dahingehend beeinflusst hat, dass wir meinen, Zeit sei etwas linear Fortschreitendes und die Ereignisse in ihr würden ebenfalls dieser Struktur folgen.
Seit das Virus aufgetaucht ist, warten wir ja auf sein Verschwinden, seit Beginn der Pandemie sind wir gedanklich auf ihr Ende ausgerichtet, ganz gleich ob das nun in einem von Politikern ausgerufenen Freedom Day, einer irgendwann erfolgten Durchseuchung der Bevölkerung oder dem Erreichen einer Impfquote von über 90% bestehen würde. Hauptsache Ende.

Diese Denk-/Betrachtungsweise ist – so die Autorin des Artikels – dem Umgang mit einer Pandemie allerdings gar nicht angemessen, viel mehr würde es sich empfehlen, zyklisch zu denken.
Also nicht ständig aufs Ende zu schielen, sondern den zirkulierenden Charakter des Virus ebenso ernst zu nehmen wie seinen Hang zur Wiederkehr.

Den alten Ägyptern wäre das wohl leichter gefallen, weil sie Zeit nicht als Dreiheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auffassten, sondern als Zweiheit von Neheh und Djet. Darunter verstanden sie nicht auseinander hervorgehende Phasen (wie sie dem linearen Konzept von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugrunde liegen), sondern Aspekte, die gemeinsam die Zeit in ihrer Gesamtheit bezeichneten.
Gemeint sind jene Aspekte, die sich auf zeitliche Vorgänge oder Zustände beziehen, die abgeschlossen (was unter Djet gefasst wird) oder unabgeschlossen (was seine Entsprechung in Neheh findet) sein können.

Neheh meint das Unabgeschlossene, das Werden, das Vergehen und die Wiederkehr.
Was Corona angeht, sollten wir lieber zyklisch denken als linear. Mehr Neheh also (nicht zu verwechseln mit: mehr Nähe) und weniger Deadline-Gefasel (ohnehin sind zu viele Angliszismen unbedingt zu vermeiden).
Womöglich ersparte einem das dann auch das (ebenfalls zyklisch wiederkehrende) Schockiert- oder Genervtsein, wenn statt des Freedom-Days mal wieder eine neue Mutation um die Ecke gebogen kommt.

Eine altägyptisch angehauchte Grundhaltung der Seuche gegenüber dürfte zwar immer noch anstrengend, herausfordernd oder gar frustrierend sein (wie so vieles andere ja auch, was zyklisch wieder und wieder daherkommt: man denke da nur an die Steuererklärung, die Zeckensaison, den Betriebsausflug, die Zahnreinigung, die Menstruation, das Oktoberfest oder die Weihnachtsfeiertage), zugleich wäre es eine Haltung, die einen von der (in dem Fall ziemlich unguten, weil uns immer wieder enttäuschenden) Fixierung aufs Ende befreien könnte.
Irgendwann wird das Virus endemisch und weniger gefährlich werden, doch selbst, wenn es das mal geworden ist, wird es seinen zyklischen Charakter beibehalten – auch die Influenzaviren schauen schließlich Jahr für Jahr wieder vorbei. So ticken sie nun mal, die Viren.

Auf den ersten Blick, so mögen Sie vielleicht beim Lesen dieser Zeilen verärgert denken, hat der eingangs zitierte und von mir ein wenig weitergedachte Artikel ja nicht das Geringste mit dem Heiligen Abend zu tun, in dem wir gerade ebenso mittendrin stecken wie im zweiten Matschwinter mit Corona.
Bei genauerem Hinsehen erschien er mir jedoch ausgesprochen passend für das diesjährige Weihnachtsfest, das dem letztjährigen durchaus ähnelt hinsichtlich seuchenbedingter Einschränkungen und der daraus resultierenden Frage, wer mit wem feiern darf oder will oder muss – auch darin zeigt sich etwas zutiefst Zyklisches.

Nun, bei aller Hinwendung zum Neheh, zum viralen Tatbestand der Wiederkehr und zu einer vorübergehenden, versuchsweisen Abkehr vom vertrauten linearen Denken, wollen wir auch das andere Gesicht der Zeit, den Aspekt des Djet nicht ganz vergessen.
Denn eines Tages ist alles mal abgeschlossen, aus, vorbei und verschwunden.
Und übrig bleibt nur Ungatz.

Kein Amerikaner hat das je besser erklärt als der große Harry Dean Stanton (an dieser Stelle danke ich der lieben Graugans fürs Erinnern an diesen wunderbaren Film und für die große Verbundenheit in diesen Sphären):

Halten wir uns daher nicht nur am heutigen Weihnachtsabend an das, was jetzt in und um uns ist, und an die, die heute bei uns sind oder uns etwas von sich gesandt haben, das nun vor uns liegt – sei es ein Ton, ein Text oder ein Bild.
Und lächeln wir!

In diesem Sinne (und noch in manch anderem, den näher auszuführen mir die fortgeschrittene Stunde und der auf der Couch wartende Serienbeauftragte nebst Fräulein verbieten) wünsche (!) ich Ihnen und Ihren Lieben frohe Feiertage und sende Ihnen zu Ihrem zweiten oder dritten Wasser-/Tee-/Bier-/Wein-/Schnapsglas noch ein paar Impressionen aus unserem nicht nur strikt kontakt-, sondern auch absolut weihnachtsgedönsreduzierten Haushalt.
Sollte für jeden Geschmack oder jede Verirrung desselben was dabei sein.

Ihre Kraulquappe.

16 Kommentare zu “Kleines Traktat über Neheh, Djet und Ungatz.

  1. Wie recht Sie nur haben mit der Betrachtung der Zeit und Corona.

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  2. (ich nehme den zweiten schneemann … vorerst …)

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  3. Lächel …
    danke Natascha, für diese Betrachtung zur Zeit sowie Deine Beiträge über das ganze Jahr.
    Schöne Wünsche und Grüße
    Bernd

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  4. Danke für diesen interessanten Exkurs und – frohe Weihnachten 👋

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  5. Unglaublich dieser Text, so dicht und gut, da ist Dir ein Meisterwerk gelungen … und dann auch noch meine Lieblingsstelle im Lieblingsfilm mit dem Lieblingsschauspieler und dieses Lächeln … ich muß mich festhalten, sonst heb ich ab! Vielen Dank, liebe Natascha für dieses Gustostückerl! Liebe Grüße … wir bleiben in sphärischer Verbindung!
    Gretl

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Gretl,
      auch ich hob fast ab, so sehr hat mich dein Kommentar gefreut! Wobei ich die konkrete Erinnerung an „Lucky“ dieser Tage ja dir zu verdanken hatte.
      Die spährische Verbindung funktioniert übrigens weiterhin exzellent: gestern (oder vorgestern) hast du einen Cohen-Clip verlinkt – und das exakt an dem Abend, an dem mich einer seiner Songs in einer Episode der Serie, die wir grad gucken, wegfegte…
      Schöne Rauhnächte (und -tage) wünsch‘ ich dir noch, auf bald und liebe Grüße,
      Natascha

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  6. Ja ein Lächeln ein smile für dieses Traktat. Der Ägyptischen Betrachtung bin ich auch zugeneigt.
    Alles gute vom Kormoran – übrigens, hier am neuem Wohnort habe ich schon Gänsegeier gesehen

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  7. Liebe N., ich komme erst heute dazu, mich für diese Betrachtungen zu bedanken. Ihr Verweis auf eine zyklische Betrachtungsweise statt das Ende herbeizusehnen hat mir sehr geholfen, meine derzeitige „Corona-Depression“ etwas besser zu ertragen. Auch die Weihnachtstage in dieselbe Kategorie einzuordnen wie die Zeckensaison ließ mich lächeln.
    Ich hoffe, Sie haben Weihnachten gut überstanden und wünsche Ihnen eine angenehme Woche „zwischen den Jahren“.
    Herzlichst, Ihr C.

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    • Lieber C.,
      das freut mich außerordentlich! Bemerkenswerterweise habe ich just in dem Augenblick, in dem Sie mir Ihren Kommentar sandten, an Sie gedacht bzw. an eine Formulierung aus Ihrer heutigen Wochenchronik, über die ich schon mehrfach schmunzeln musste, wann immer sie mir wieder einfällt (es war die „Studenten stehen auf“-Sache, solche Kleinigkeiten – oder sollte man sagen: Spitzfindigkeiten? – gefallen mir grundsätzlich sehr).
      Ihr Weihnachtsfest klang angenehm, hier war es ebenso, wenngleich ohne Erker und Kronleuchter, dafür aber mit Bavariastatue gegenüber statt Industriegebiet.
      Sehr satt und zufrieden starten wir heute in die letzte Woche dieses viralen Weihnachtszyklus‘, selbiges wünsche ich Ihnen auch!
      Auf bald und herzliche Grüße zurück
      Ihre N.
      PS: Dass das Unertl Ihr Favorit war, beschert uns neben Kloster Andechs noch einen weiteren Ort, den wir aufzusuchen haben. Wird Ihnen zusagen.
      Und falls nicht, trinken Sie halt 2 Unertl, dann ist es überall schön.

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