Gegrübelt Gehört Gekauft Gelitten Geschenkt Geschrieben Geschwommen Gesehen Gespürt

Von Abenden im Ausweichquartier oder: Genoppte Träume werden wahr.

Das neue Jahr beginnt mit omi_nösen Schmerzen an der Kniescheibe und einer Erschöpfung, die genau wie das Patellapieken keinem Einzelereignis zuzuordnen ist.

Ich fühle mich momentan müde und uralt. Und das ist keine Übertreibung, denn schon als Kind empfand ich mich stets als älter und dadurch leider oft als recht weit entfernt von den meisten meiner Altersgenossen, die ihr „Alter“ auch ganz altersgemäß viel mehr zu genießen wussten als ich.

Ein fast permanentes Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum Großteil der Gleichaltrigen begleitete mich bis weit nach meiner Studentenzeit, erst mit dem Älterwerden nivellierte sich diese Empfindung ein wenig und so allmählich nähere ich mich dem Lebensalter an, das schon lange Zeit in mir haust.

Mit Zahlen hat das nur am Rande zu tun, denn es geht dabei nicht um 20-30-40-50-60-70 usw., sondern um ein empfundenes Alter, einen zahlenlosen Zustand auf der Lebensskala, deren Maßeinteilung eher aus biographisch bedingten Skalierstrichen (oder -stichen?) besteht als aus irgendwelchen numerischen Ziffern.

Neben dem eben beschriebenen Befinden nistet sich gerade eine gewisse Bedrücktheit ein, immerhin die kann ich hinsichtlich ihrer Provenienz einigermaßen ein- und zuordnen.
Erfahrungsgemäß ist es in solchen Phasen nicht hilfreich, sich innerlich ständig angestrengt zu durchpflügen, da die Furchen des Fatums dadurch häufig nicht weniger tief, sondern nur verworrener werden.
Ich praktiziere dann gern eine Art psychischen Tapetenwechsel und ziehe quasi temporär aus mir selbst aus, so gut mein Tagwerk, meine Verpflichtungen und meine Mitmenschen das halt erlauben.

Dann wohne ich für ein Weilchen neben mir, was ich als ausgesprochen wohltuenden Abstand erlebe (um den reichlich überstrapazierten Begriff der Auszeit mal nicht zu bemühen), ziehe mich ausgiebig von mir und meist auch von anderen zurück, und irgendwann, wenn Zeit und Seelchen reif dafür sind und mir das Hauptquartier wieder halbwegs bewohnbar erscheint, linse ich mal vorsichtig durch den Briefkastenschlitz hinein in die ehemals gute oder zumindest vertraute Stube, und sollte die Luft in der Egozentrale dann tatsächlich wieder rein sein, sperre ich auf, trete wieder ein in mich und lebe dort weiter, weil ich ja schließlich auch genau da hingehöre, und nicht nach nebenan, ins Ausweichlager.

Ein kleiner Kraftakt ist das allemal, aber der deutlich größere wäre, permanent in mir zu verharren und dort herumzukreiseln bis mir womöglich schwindlig wird.

*****

In meiner Klausur höre ich mich durch die CDs, die L. mir zur Weihnachten geschickt hat, heule ein bisschen zu Beth Hart und noch ein bisschen mehr zu Patti Smith, erzähle aber niemandem davon, weil ich schließlich im Augenblick mit niemandem viel zu tun haben will und kann.

Grabe alte CDs aus, entdecke darauf weiteres tränentaugliches Material, auch ein kurzes Gedicht von Kästner, das ich dem Papa zu seinem 70. auf einen Silberling brannte, fällt mir nach etlichen Jahren erstmals wieder in die Finger, ich hatte es völlig vergessen (was erschreckend gut zum Inhalt des kleinen Poems passt, in dem es um die Erinnerung geht).

Und als ich den Kästner so höre, kommt mir sein Zyklus zu den 13 Monaten in den Sinn, ich suche ihn mir aus dem Bücherregal heraus, lese den Januar und bin begeistert von manchen Formulierungen (und bekomme überdies große Lust auf Krapfen, und darauf, Greifvögeln beim Kreisen im Himmel zuzusehen):

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

[Erich Kästner, „Der Januar„, aus dem Gedichtzyklus „Die 13 Monate„.]

*****

Einen ganzen Abend lang verlaufe ich mich im Internet, recherchiere alles Mögliche und Unmögliche, und damit mir irgendetwas bleibt von diesem irrlichternden Lauf, bestelle ich mir spätnachts vom Weihnachtsgeld des Papas für knapp 100€ eine Schwarzweiß-Fotografie, nach der ich mich schon lange sehne und die glücklicherweise genau jetzt reduziert zu haben ist.

Sie zeigt die Rückenansicht einer Frau bis knapp unter der Schulterpartie. Die Frau trägt einen Badeanzug, von dem man nur die Träger sieht sowie eine Badekappe. Aus ein paar nassen Haarsträhnen, die im Nacken unter ihrer Haube hervorlugen, rinnen Tropfen herab.

Sie werden nun vielleicht denken: Wenig verwunderlich, dass die Frau Kraulquappe sich ein Bild aus der Sphäre der Schwimmerei zulegt!
Das ist es aber gar nicht, was mich an der Fotografie so anspricht. Sondern es liegt an der Badekappe, dass ich dieses Bild haben möchte. Eine dieser 70er-Jahre-Kappen, Sie wissen schon, diese rundum mit Noppen versehenen Vollgummidinger.

Als frühreife Wasserratte hatte ich mit 5 Jahren auch mal so eine, in Bayernhimmel-Weißblau. Ich liebte diese Kappe. Und ich liebte es noch mehr, vor und nach dem Schwimmen die kleinen, luftgefüllten Ellipsen zwischen Zeigefinger und Daumen zu nehmen und sie so lange zusammenzudrücken, bis die Wabe platzte.

Eines sonnigen Tages, wir befanden uns auf der Liegewiese des Oberammergauer Wellenbades, die Mutter hatte gerade ihr türkisfarbenes Riesenfrotteetuch ausgebreitet und der Papa blies ein Schwimmtier auf, eine Gans war es, glaube ich, aber das tut nichts zur Sache, es ließ sich jedenfalls wie ein sommerlich schöner und familiär halbwegs harmonischer Freibadbesuch an, saß ich auf dem Frotteetuch und zerquetschte mal wieder genüßlich ein paar Badekappenwaben.

Die Mutter vernahm wohl eines der klitzekleinen Platzgeräusche, sah mit ihrem allzeit kritischen Was-tut-das-Kind-denn-da-schon-wieder-Blick zu mir hinüber und begriff ziemlich schnell, dass das Kind damit beschäftigt war, die Luftnoppen seiner weißblauen Bademütze zu zerstören.
Sie wies mich harsch zurecht, ich erinnere mich nicht an den Wortlaut, bloß an die Atmosphäre und den schneidenden Tonfall der Mutter, befahl mir, sofort damit aufzuhören und riss mir unmittelbar nach diesem Appell die Gummikappe aus den Händen, um sie gründlich zu inspizieren.

Als sie bemerkt hatte, wie viele der Waben bereits ein Schicksal als luftleeres Labberfetzchen ereilt hatte, war sie fassungslos, wahrscheinlich nicht nur über die destruktive Energie ihrer kleinen Tochter, sondern auch darüber, dass sie, der üblicherweise keine der Verfehlungen des Kindes entging, erst so spät davon Notiz genommen hatte.
Kurzerhand verpasste sie mir deshalb noch eine kräftige Ohrfeige, konfiszierte die in ihren Augen kaputte und somit unbenutzbare Badekappe und ließ sie auf Nimmerwiedersehen in ihrer großen Leinentasche verschwinden.

Später, als der Gong über die Wiese schallte, um den nächsten Wellengang anzukündigen, lieh mir der Papa heimlich seine dünne, für meinen Kinderkopf viel zu große Nylonbademütze, damit ich in die Wellen springen konnte und wenigstens nicht aller Vergnügungen an diesem schönen Sommernachmittag beraubt wäre.
Er stand am Beckenrand, sah mir dabei zu, wie ich mich im Wasser austobte und hob ein paarmal seine Hand, um mir zuzuwinken.

Ich bekam nie wieder eine Bademütze mit solch lustigen Luftwaben, die man so herrlich zerdrücken konnte. Ihre langweilige Nachfolgerin war eine glatte Gummihaube in einem bedeutungslosen Blauton, in der keinerlei Luft und Leben wohnte, stattdessen hatte sie einen Riemen am Kinn, der mit einem Druckknopf befestigt werden musste, wenn er nicht lose umherbaumeln und einen dadurch beim Schwimmen stören sollte.

Die Strafmaßnahmen der Mutter bargen häufig einen solchen nicht auf Anhieb erkennbaren Drangsalierungsaspekt. Das ungezogene Kind wusste sich indes bald zu helfen und schnitt eines schönes Sommertages – schnippschnapp, ritschratsch – das blöde Band einfach ab und warf es weg.
Wie das ausging oder geahndet wurde, erinnere ich nicht mehr. Es ist auch unerheblich, weil mir die Kappe vollkommen egal war und sich ohnehin bald darauf die Ära der Badehauben ihrem Ende zuneigte.

Heutzutage sind Bademützen, so sie denn überhaupt noch getragen werden, aus Silikon und schnüren einem den Kopf derart ein, dass man spätestens nach 1.000 Metern Bahnenziehen Schädelweh davon bekommt.
Ich besitze so eine Silikonkappe lediglich für Notfälle, d.h. für Besuche im Winterfreibad, an denen es unter Null Grad hat (draußen, nicht im Wasser, versteht sich) und man unbekappt Gefahr liefe bzw. schwömme, nach dem Schwimmen mit Eiszapfen statt tropfender Kurzhaarfrisur aus dem Becken zu klettern.

Als ich die Fotografie von der Frau in Noppenbadekappe zum ersten Mal sah, spürte ich augenblicklich wieder diesen kindlichen Schmerz über den viel zu frühen Verlust einer großen Leidenschaft.
Zu teuer für eine präjuvenile Reminiszenz!, dachte ich damals, verkniff mir den Kauf und schlug mir das Bild aus dem Kopf.

Zu Weihnachten überweist mir der Papa einen Betrag, der den Rahmen unserer Wir-schenken-uns-nichts-Vereinbarung ziemlich sprengt. Als ich mich telefonisch dafür bedanke und nachfrage, was denn in ihn gefahren sei, mir diesmal ein paar Hunderter zu schenken, antwortet er trocken: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“
Und ergänzt mit seiner Krächzstimme, ich solle mir davon einfach etwas gönnen, ich würde doch sicher irgendwas brauchen können oder mir wünschen, er jedenfalls brauche nichts mehr.

Und ich brauche nach solchen Sätzen schlagartig auch überhaupt nichts mehr, stattdessen geht mir in einem Zustand wunschlosen Unglücks tagelang diese Redewendung mit dem letzten Hemd ohne Taschen nicht mehr aus dem Kopf.

Ein paar Tage später, beim ersten Schwimmen in 2022, das Becken ist erwartungsgemäß gut besucht von guten Vorsätzen aller Arthrose- und Breitengrade, sehe ich eine füllige Dame in altmodischer Schwimmbekleidung ungelenk ins Wasser steigen. Am Beckenrand zupft sie sich die Träger ihres gepolsterten Badeanzugs zurecht und zieht sich eine Bademütze über ihre schlecht gefärbte Mahagonihaarpracht.
Es ist eine Wabenbadekappe! Zwar eine in vergilbtem Weiß, vom Schnitt her aber genau so eine, wie ich sie 1977 besessen hatte.

Beim Kraulen fällt mir dann die Fotografie wieder ein. Am Abend darauf muss ich eine ganze Weile googeln, bis ich sie in den Untiefen des Netzes wiederfinde.
Aber ich finde sie und immer noch ist die Badekappe der Frau auf dem Foto unversehrt und immer noch rinnen ein paar Tropfen ihren Nacken herunter.
Ohne lange nachzudenken klicke ich nun auf Kaufen, danach auf Bezahlen – und bin selig.

Eine der schönen Seiten des Erwachsenseins ist ja, dass man endlich autonom darüber entscheiden kann, welchen Kindheitswunden – denn nicht alle dieser Blessuren sind zu „lebenslänglich“ verurteilt – man eine späte Heilung zuteil werden lässt und manchmal sogar, worin diese bestehen soll.

*****

18 Kommentare zu “Von Abenden im Ausweichquartier oder: Genoppte Träume werden wahr.

  1. Danke für das frühmorgendliche schmunzeln und die Wärme deiner Worte!
    Grüße, Reiner

    Gefällt 2 Personen

  2. Auf einen baldigen „Wiedereinzug“ in Ihre „Egozentrale“ … gerade dieser Abschnitt Ihres Beitrags hat mich sehr nachdenklich gestimmt und animiert mich zum Versuch einer „Nachahmung“ für bestimmte Lebenssituationen, in denen man sich – weitab von Lösungsorientiertheit – „im Kreis dreht“ … und … ich denke, dass Sie dieses warme, „runde“ Gefühl, das einen bei (positiven) Kindheitserinnerungen durchströmt, kennen … es sei Ihnen bei jedem Blick auf Ihr „Genoppte-Badekappe-Bild“ immer wieder vergönnt!

    Gefällt 4 Personen

    • Bin immer noch nicht wieder eingezogen in die Egozentrale, daher auch die verspätete Reaktion auf Ihren Kommentar, werter Herr Grisuat.
      Naja, es gibt durchaus ein paar warme Gefühle, wenn ich meine Kindheit erinnere, sie durchströmen mich allerdings eher selten. Die Nachmittage im Freibad mochte ich, das mit der Mutter war hingegen fast immer schwierig.
      Worauf ich mich bgzl. der Badekappen-Fotografie am meisten freue, ist, dass mir die niemand wegnehmen wird.
      Beste Grüße nach Österreich!

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  3. Wunderbar geschrieben, wie immer …

    Gefällt 3 Personen

  4. danke hierfür, und für dein ‚vondirerzählen’…

    lg wolfgang

    ps: ich mag die Wasserbilder von Kerstin Kuntze sehr…

    Gefällt 3 Personen

  5. das säulenfeld in polling sehe ich (schon so lang will i da hin, nie klappt es, nie reicht die zeit!) … sehe d(ein)en kraftakt.

    bestes wünsch ich dir für 2022!

    Gefällt 1 Person

    • Ja, liebe Pega, da siehst du richtig – und ich kann dir den realen Blick nur empfehlen. Ich werde auf alle Fälle nochmal da hinfahren, das erfasst man beim ersten Mal gar nicht alles.
      Dir auch von Herzen das Beste für die nächste kalendarische Runde!

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      • das glaub ich sofort, dass man da mehrmals hin muss!

        hab (nicht ganz uneigennützig, okeeh, zugegeben) einer freundin, die am zweiten januar geburtstag hatte, einen ausflug mit verköstigung nach wunsch zum pollinger säulenfeld geschenkt. sie hatte noch nie davon gehört, war auf anhieb begeistert! ich hoffe auf helle februartage, mildes vorfrühlingswetter … 😉🤗👍🐱 freu mich schon …

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  6. Wunderbar.
    Ich erinnere mich genau an diese besonderen Badekappen. Es gelang mir nie, meinen langen dicken Zopf darunter unterzubringen und ich ließ ihn dann über den Rücken herunterhängen, was eigentlich verboten war.
    Darum lieh mir meine Mutter manchmal ihre Badekappe, die mit bunten Plastikblüten verziert war.
    Danke schön für die wunderbaren Erinnerungen an langweilige Sommerferientage im Freibad ( ein Hallenbad gab es damals bei uns noch nicht)!
    Liebe Grüße von Rosie

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  7. Anscheinend kann man diese Art Badekappen schon noch bekommen. https://www.ebay.de/itm/111859373163

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den Link. Ich wusste das schon, dass es die Dinger noch gibt, aber nur um Waben platzen zu lassen, würd ich mir dann doch keine zulegen (und das war die eigentliche Wonne an dem Ding!).

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  8. von wem ist denn der comic mit dem kritisch dreinblickenden mond? 🌛

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