Gelaufen Gelesen Gelitten Gereist Gesehen Gesorgt Gespürt

Nit einitappn. (Nach langer Zeit mal wieder ein kleiner Versuch über die Liebe)

Das ist nicht einfach nur ein Hund, das ist ein kleines Denkmal, denke ich letzte Woche, als das Fräulein und ich vor dem Besuch beim Papa den Hausberg von Rottach-Egern hinauflaufen und miteinander ein paar so sonnengetränkte und schneereiche Glücksmomente erleben, dass ich Ihnen deren Schilderung vorenthalten muss, weil Sie sich sonst womöglich fragen würden, ob ich noch ganz bei Trost bin.

Und in der Tat war ich an jenem Tag untröstlich, natürlich nicht wegen der Stunden im Schnee, sondern wegen des Papas bzw. der im Zusammensein mit ihm immer wieder (oder immer öfter) aufblitzenden Endlichkeit, um die ich zwar rein rational weiß (und ihren Sinn gelegentlich sogar zu erkennen imstande bin), an der ich emotional aber noch regelmäßig verunfalle.
Der Vater, der er mal war, ist schon fast ganz verschwunden hinter dem alten, kraftlosen und kranken Mann, der er nun ist, und obwohl das ein schleichender Prozess war, ergreift mich manchmal eine abgrundtiefe Fassungslosigkeit über den Lauf des Lebens, seines Lebens (und des meinen gleich mit).

Dieser Tage könnte wohl Gelegenheit sein, näher darüber zu berichten, spätestens, wenn ich vor diesem einen Gebäude stehe, auf das wir letzte Woche zu sprechen kamen (und von dessen Aussichtsplattform, über die wir ebenfalls sprachen, wir uns direkt in die thematische Düsternis der letzten Lebensetappe stürzten), werde ich an seine Worte denken und vielleicht schreibe ich sie dann hier nieder.
Man hat ja nicht viele lebenslange Lieben, so dass man über die wenigen, die einem zuteil wurden, durchaus berichten oder ihnen gar ein Denkmal setzen darf, wie ich finde.

Auch die Süddeutsche Zeitung widmet der Berichterstattung über die Liebe ein ganzes Heft, wie jedes Jahr zum Tag des Heiligen Valentins, dessen Leben übrigens reichlich unromantisch endete, nämlich durch kaiserlich angeordnete Enthauptung (und das der Überlieferung nach ausgerechnet an einem 14. Februar, es ist dies also vielmehr der Tag der Kopflosigkeit, was dann ja gewissermaßen auch wieder passt).
Diverse Autoren des SZ-Magazins durchstöberten diesmal Liedgut aus aller Welt nach subjektiv oder situativ als stimmig empfundener Liebeslyrik und stellten ihre Fundstücke in loser Reihenfolge und mit ein paar persönlichen Anmerkungen angereichert dem geneigten Leser vor, darunter Perlen der Poesie wie diese Zeilen, die irgendein begnadeter Barde dereinst in unserem schönen Nachbarland aus seiner Zipflkappn zauberte:

Vor lauter Verzückung über die Vokabel „Aussigrasn“ (diese Alpenvölker und ihre Metaphorik!) las ich in der letzten Strophe zunächst „Sofablasn“, erst eine spätere Zweitdurchsicht mit der neuen, hilfreichen Handemade-in-Austria-Brille auf der Nasn brachte dann wieder Zucht und Ordnung in den Schlussakkord der kleinen Herzenshymne.

In ziemliche Unordnung geriet mein Herz indes am Vorabend des Valentinstages. Gleich mehrfach wurde ich in den Abendstunden von Tränen überfraut (mein Beitrag zum Gendern: nicht das Geflenne, sondern das verweiblichte Verb).

Der heimische Serienbeauftragte hatte – damit wir das blöde Sky-Probe-Abo, das wir nie haben wollten, aber wegen „Der Pass“ haben mussten, nun auch richtig ausreizen – in den Weiten des Streamingsumpfes eine sogenannte Mini-Serie ausfindig gemacht, deren zweite Hälfte wir uns am gestrigen Abend genehmigten.
„Olive Kitteridge“ hieß das kleine Filmkunstwerk (liebe Graugans aus BGL: das ist ganz sicher auch was für Dich!).
Gleich dreimal konnte ich mich dabei der Zähren nicht erwähren erwehren, und auch heute gehen mir noch manche der Szenen durch den Kopf und ich muss mir ein bisschen auf der Unterlippe herumbeißen, damit ich nicht mitten im Großraumwagen des gottseidank recht leeren ICEs erneut losweine.
Sollten auch Sie in der misslichen Lage sein, ein solches Sky-Probe-Abo an der Backe zu haben (und überdies noch ein Päckchen Taschentücher übrig haben), sei Ihnen dieser Vierteiler wärmstens empfohlen (vielleicht nicht gerade heute, zum Valentinstag, sofern der Ihnen als Hort der Harmonie ein Anliegen ist).

Mitten in der aufwühlenden letzten Episode der Kurzserie, das Dackelfräulein war schon ein Weilchen unter unserer Sofadecke abgängig, vernahmen wir ein leises Wimmern aus dem Flur.
Der Gatte erhob sich sofort, um nachzusehen, was des kläglichen Klanges Ursache sei – dass es aus der Hundekehle kam, war klar, aber ob nun das Stofftier die geliebte Akka unter ein Regal geraten war oder Madame von einem Hüngerchen heimgesucht oder einem Druckgefühl in der Blase geplagt wurde, musste eben eruiert werden.
Pippa war jedoch an keinem der üblichen Plätze aufzufinden, der Gatte verharrte irritiert in der Diele und wartete auf das nächste Winselgeräusch, um es räumlich exakter zuordnen zu können. Alsbald ertönte ein weiteres Jammern, und siehe bzw. höre da: es kam aus dem stockdunklen Schlafzimmer.
Der Gatte schaltete das Licht an, ging hinein und suchte unsere Hundedame.
Fand sie schließlich und rief sofort nach mir: das hätte es in zehn Jahren noch nicht gegeben und ich müsse mir das ansehen. Und ich kam und sah es mir an. Ganz hinten, in einer Zimmerecke, kauerte das Tierchen mit Leidensmine und -pose auf dem Boden und bewachte mit tiefer Besorgnis und fünfhundert Fragenzeichen im Dackelblick die beiden dort deponierten Gepäckstücke für meine heutige Reise.
(Überflüssig, zu erwähnen, dass sich die Tränenschleuse sofort wieder öffnete.)

Momente der Liebe, in denen man seine Zugfahrtkarte sofort zu zerreißen bereit wäre, wenn das denn möglich wäre in diesen digitalen Zeiten, in denen so ein Fahrschein nur noch aus einem augenverwirrenden Schwarz-Weiß-Quadrat in der DB-App besteht.
Überhaupt hat einen diese teils arg technologisch durchgestylte Lebensweise ja längst manch leiblicher und/oder lustvoller Leidensäußerungen beraubt (Telefonhörer können schon seit Äonen nicht mehr wutschnaubend auf die Gabel geknallt werden, beim automobilen Hupanfall muss man aufpassen, nicht versehentlich den Airbag zu aktivieren und die Schublade, in die man den Dolch, mit dem man […] , schmeißen möchte, schließt garantiert im Soft-Close-Geräuschlos-Tumirnix-Modus) – vor Jahren schrieb ich einmal darüber (und wollte das eigentlich nochmal ergänzen).

Schweren Herzens habe ich mich dennoch frühmorgens aus dem Haus geschlichen und zum Bahnhof begeben.
Man muss ja noch ein bisschen autark bleiben, trotz aller Liebe – oder gerade deswegen. Früher fiel mir das leichter, ich werde wohl allmählich alt.

Wahrscheinlich ist sie wirklich zart wia a Soafnblasn, die Liebe.
Tappn’S oiso ned eini und ham’S an guadn Dog – selbst wenn der mal nicht mit dem Schwanz wedelt.

10 Kommentare zu “Nit einitappn. (Nach langer Zeit mal wieder ein kleiner Versuch über die Liebe)

  1. Achje.
    Ich weiß nicht, ob ich hätte fahren können, tränentaschentuchverweichlicht wie ich bin. 😥

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  2. Ach, kenn ich gut … versteh ich … feuchte Augen krieg …

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  3. aussigrasn – das ist grandios!
    (also: das wort als solches …)

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  4. Welch schöne Ausführungen. Ihren Kummer mit dem Vater kann ich gut nachvollziehen, mit meinem erlebte ich vor Jahren ähnliches. Gleichwohl ist es Ihnen mal wieder gelungen, meine Mundwinkel mehrfach zu heben, nicht nur beim „Soft-Close-Geräuschlos-Tumirnix-Modus“.
    Herzliche Grüße
    Ihr C

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  5. Gute Wünsche für alle Beteiligten!

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  6. Ganz vergessen zu fragen habe ich über derlei Mitgefühl, was Du Bergpflanzerl so hoch oben im Norden treibst (wenn Kiel das tatsächliche Zielgebiet ist, was ich nicht glauben kann) … dann sieh mal zu, dass Du schnell vor den kommenden Wettern wieder dahoim bei Deiner Hundedame bist, sonst bleibst Du womöglich auf der Strecke liegen. 🥴

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    • Das Bergpflanzerl hat sich, du wirst es zwischenzeitlich eh dem heutigen Blogbeitrag entnommen haben, in die Hamburger Rothenbaumchaussee verpflanzt, wobei es auch nichts gegen Kiel gehabt hätte, da hat es nämlich 2016 mal ein paar schöne Tage verbracht, ganz ohne nächtlichen Kühlschrankterror und sogar bei Sonnenschein, und überhaupt mag es den hohen Norden sehr, auch wenn es mit dem Herzen auf ewig an der Heimat festhängen wird.
      Ob der Orkan der Heimreise einen Strich durch die Rechnung machen wird, sehen wir dann mal, ich will es nicht hoffen (sah heute zwei Dackelfrolleins und hatte sofort heftigst Heimweh).
      Liebe Grüße aus dem Holthusenbad, aktuell noch ohne Zweibeule auf dem Haupt 💙

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