Das einzige größte Glück des heutigen Tages besteht darin, frühmorgens noch eine der letzten Sitzplatzreservierungen ergattert zu haben für meine Heimreise, die eigentlich schon gestern hätte stattfinden sollen, aber gestern war ja, wie Sie aus den Nachrichten oder dem Blick aus dem Fenster oder durch eigene Verwehungserlebnisse wissen dürften, in Sachen Bahnreisen im Norden der Republik so gut wie nichts möglich.

So schenkte mir der Sturm einen weiteren Tag in der Hansestadt, einen Tag mit von waagrecht dagegenpeitschendem Regen mehrfach durchnässten Hosenbeinen und ausgiebiger Trocknungszeit für die triefenden Beinkleider in der Hamburger Kunsthalle, passenderweise bei FUTURA, einer Ausstellung über die Zeit, die ich gestern zweifellos hatte.

Da ich gerade nicht in der Stimmung bin, Ihnen ausführlicher davon zu berichten – Sie werden sicher gleich verstehen, weshalb – , belasse ich es bei ein paar bebilderten Impressionen (der Hans-Arp-Stern gehört da eigentlich nicht hinein, aber er gefiel mir so gut, dass ich ihn dazugebe).

Diese Zeilen verfasse ich nämlich nur, weil meine Kopfhörer vorhin den Geist aufgegeben haben, ich mich also nicht mehr in Musik oder Podcasts flüchten kann, jegliche Lektüre bei diesem Lärm undenkbar ist und ich mich irgendwie wegbeamen muss aus meiner Umgebung.

Der ICE, der wegen der Sturmschäden nicht direkt von Hamburg nach Hannover fahren kann und deshalb einen Umweg über Bremen macht, wo er noch ein paar Reisende aufsammelt, ist seit Hannover gesteckt voll.
Kurz vor Göttingen ertönt die Durchsage eines beängstigend heiteren Schaffners, man möge nun bitte zusammenrücken, da in Göttingen „noch etwas mehr Personen als erwartet“ zusteigen würden.

Ich persönlich erwarte eigentlich niemanden mehr, meine Erwartungen sind bereits seit Hannover mehr als überfüllt, aber das sieht die Bahn offenbar anders, und man staunt ja eh, dass es Menschen gibt, die sich an einem Tag wie diesem ohne Sitzplatzreservierung in einen ICE trauen, der aus Norden kommt und in dem recht überschaubaren Zeitfenster zwischen dem Ende von Sturmtief Ylenia und dem Anfang von Orkan Zeynep gen Süden fährt.

Stattdessen: mutige Menschen en masse – ich hingegen wäre um ein Haar noch länger in der Hansestadt geblieben, wenn das nicht zwangsläufig bedeutet hätte, dass der Gatte durch meine sich ungeplant ausdehnende Abwesenheit beruflich in Bedrängnis geraten wäre und ich in Ermangelung frischer Kleidung fortan in den wenigen Klamotten (1 Jogginghose, 1 Ersatzpullover, etwas Herrenunterwäsche), die er noch in seinem Hamburger Appartement deponiert hat, hätte herumlaufen müssen, was in einem Kiez, in dem es Blumen gibt, die nach dem Hauptgesöff dieses Viertels benannt sind, womöglich zu clochardmäßig rübergekommen wäre.

Die Dame, die mir gegenüber sitzt, hat sich, genau wie ich, bereits bei der Einfahrt in den Hannoveraner Bahnhof hinter einer zweiten FFP2-Maske verschanzt, weil uns der Trubel auf dem dortigen Bahnsteig doch ein klein wenig unheimlich war und zu befürchten stand, dass es diese Armee aus Beinen, Anoraks, Kinderwägen und Rollkoffern auf unseren Zug abgesehen haben könnte, was sich dann nach Anhalten des ICE auch bewahrheitete. Ab und zu lächeln wir uns nun verzweifelt zu, sofern ich ihren Augenausdruck mangels Sauerstoffzufuhr noch korrekt zu interpretieren imstande bin.
Überhaupt sind solche Situationen nur mit einem gerüttelt Maß an Galgenhumor sowie der Einstellung zu ertragen, dass Abenteuer dieser Art ein spontanes und kostenloses Flexibilitätstraining sind, das einem, wenn man erstmal ein gewisses Alter und eine noch gewissere Starrheit in den eigenen Strukturen erreicht hat, ja ab und an nicht schaden kann.

Eine tapfere Zugbegleiterin mit übel zerlaufener Wimperntusche, die sich vampirartig durch ihr Gesicht zieht und gottseidank irgendwann hinter der Maske verschwindet, windet sich durch die Waggons, sagt alle zwei Meter „Entschuldigung, ich muss nachsehen, ob es hier allen gut geht!“ und erträgt stoisch den Spott und das Schweigen, mit dem ihre Visite quittiert wird. Der gutgelaunte Schaffner schnattert im halbstündigen Takt wahlweise tröstende (der volle Zug!) oder ermahnende (das volle Züge liebende Virus!) Worte oder weitere Verspätungsmeldungen (aktuell 86 Minuten!) ins Mikrofon, garniert diese stets mit einem kleinen Gag und macht dem Reisevolk live vor, wie man darüber gackern könnte, wenn man noch Luft oder Lust dazu hätte, hinter seiner seiner Doppelmaske ein Lachen zu versuchen.

Während ich das schreibe, rotzt mir die kleine Vanessa, die zusammen mit ihrer noch kleineren Schwester seit Hannover auf den Sitz neben mir gestapelt wurde, wenn sie nicht gerade die lustigen Bilder in ihrem Meerjungfrauenbuch ankreischt, in regelmäßigen Abständen auf den rechten Ärmel meines heute Morgen noch einzigen tragbaren Oberteiles.
Die Mutter der beiden sitzt mit dem Rest der munteren Brut zwei Reihen dahinter und kramt ununterbrochen Unmengen an Tupperdosen aus ihrer Reisetasche, quetscht sich ab und zu durch den Gang, auf dem eigentlich gar kein Durchkommen ist vor lauter monströsen Schalenkoffern und herumstehenden Fahrgästen, bis zu Vanessa und ihrer Schwester, die Schätzelchen zu heißen scheint, vor und parkt eine oder mehrere der schmierigen Futterboxen auf dem Tisch, auf dem auch mein Laptop bis vor kurzem stand, bis es ihm dort zu mayonaisig und nudelig wurde – seither steht es auf meinem Schoß, was freilich eine suboptimale Schreibposition nach sich zieht, aber irgendetwas muss man ja wie gesagt tun, um sich von den Mitreisenden, der Mayonaise und den Meerjungfrauen abzulenken.

(Julian, Mausi, Theo, Lena, Felix, Selma und Anton sind hier in Wagen 3 übrigens die Spitzenreiter unter den Schrazennamen. Der Mopsmischling, den irgendwer verloren oder absichtlich von der Leine gelassen hat, hat ein Herzerl mit „Hugo“ drauf um den Hals hängen und man darf gespannt sein, an welchem der Passagierbeine oder Gepäckstücke er demnächst sein aufgeregtes Beinchen heben wird.)

Noch zwei Stunden bis München. Halleluja.
Aber ein 1a WLAN heute im ICE – der Corona-Test für morgen Früh lässt sich völlig problemlos buchen, bleibt nur noch zu hoffen, dass Zeynep in der Nacht das Testzelt nicht davonweht.

Ich wünsche Ihnen nun noch etwas Ruhe vor dem Sturm, ein schönes Wochenende und vor allem, dass Sie jetzt bereits dort sind, wo Sie dieses verbringen möchten.

PS: Schätzelchen hat Nudelsalat ins Meerjungfrauenbuch gekleckert, wodurch ihr echter Vorname zum Vorschein kam. Die Kleine heißt „Marie, du Doofkuh“, zumindest wenn man ihrer Schwester Glauben schenken möchte.

10 Kommentare zu “Flexibilitätstraining.

  1. Oh je, da wünsche ich Dir weiterhin viel Flexibilität, strapazierfähige Nerven und gutes Durchhaltevermögen!
    Da freut man sich vermutlich um so mehr wieder auf Zuhause. Toi, toi, toi und noch gutes Heimkommen!

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  2. Aus genau diesen Gründen buche ich niemals einen Sitzplatz mit Tisch. Ihnen dennoch ein angenehmes Wochenende!

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    • Aus genau diesen Gründen hätte ich auch zu gern einen anderen Platz gebucht, wenn es denn noch einen gegeben hätte – es standen lediglich wenige Einzelplätze in Abteilen (Mittelplatz!) oder an Vierern-mit-Tisch zur Verfügung…
      Ihnen auch ein ruhiges Wochenende und herzliche Grüße aus München!

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  3. Danke für diese plastische Schilderung – oder sollte man das unter „Zuggeständnisse“ einsortieren? – also etwas, das man in der Not macht, weil einem nichts anderes übrig bleibt, um die Lage etwas zu erleichtern … 😉
    Komm gut nach Hause …

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    • Zuggeständnisse – das gefällt mir, das hätte glatt das Zeug zur Serie!
      Aber gottseidank reise ich nicht so oft in stürmischen Zeiten.
      (Habe 2 Tage gebraucht, um mich von dieser Tortour zu erholen!)
      Liebe Grüße in die Ortenau 💙

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  4. Und ich wollt Dich grade anschreiben, ob Du immer noch dort droben hockst…
    Dann euch ein schönes Wochenende und orkanige Grüße zur Nacht. 🥴

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    • Sind wir mal gespannt, wie es diese Woche läuft: nun muss der Gatte nochmal da hoch und die Orkane geben sich ja grad die Klinke in die Hand…
      Hat sich die Lage bei euch etwas beruhigt? Stehen die Insektenhotels und Vogelhäuschen noch?
      Liebe Grüße ❤️

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      • Ja… die Lage hat sich langsam beruhigt. Unseren Bäumen, die teilweise mit den letzten Stürmen nicht zurechtkamen, scheinen Orkane nicht das Mindeste auszumachen (wobei natürlich der große Ahorn aktuell natürlich nicht belaubt ist). Dahingehend alles gut. Kleinere Schäden gab es bei der psychischen Gesundheit (kaum Schlaf), am Baumhausdach und einer Vogelnisthöhle. Ansonsten nur jede Menge trockener Ästchen, Zweige und Zapfen, die nun zu beseitigen sind.
        Eine schöne Woche wünsch ich. 😘

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  5. Pingback: Як вас звати? – Наташа. – Kraulquappe

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