Der fast durchweg deprimierende März endet mit einem erfreulichen Ereignis. Erstmals seit Pandemiebeginn darf der Geburtstag des Gatten ohne lockdownige To-go-Törtchen, die bei einer Umrundung der Osterseen auf Bänken sitzend verzehrt werden, stattfinden und Unternehmungen können nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt werden.
Frühlingswanderung an dem einen See (neue Tour aus der Serie „Vergessene Berge“ , die schon längst mal allesamt in ein Büchlein gepackt gehörten), Verwöhnprogramm für den Herrn im Jod-Schwefel-Bad (um endlich den Gutschein vom letztjährigen Geburtstag einzulösen), erstes Eis des Jahres (Pistazie!), Sonnenspaziergang am anderen See mit abschließender Einkehr in das dortige Lieblingslokal (Bierbichler!).
Wirklich ein Bilderbuchtag, ganz bewusst aber ohne Bilder von mir, weil ich auf jegliches fotografische Andenken an meine März-Metamorphose (von der rosafarbenen Ranunkel hin zur blutigroten Furunkel) gut und gerne verzichten kann.

Ebenfalls verzichten werde ich auf die angedachten Feierlichkeiten zur Vollendung meines halben Jahrhunderts. Zugegebenermaßen kommt dieser Rückzieher nicht ganz freiwillig, sondern kriegsbedingt: das Häuschen, das ich anlässlich dieses Jubiläums reserviert hatte, wird für die nächsten Monate als Bleibe für Geflüchtete benötigt – da trete ich natürlich gerne zurück mit meinem kleinen Partyvorhaben, für dessen detailliertere Ausgestaltung ich bislang ohnehin weder eine zündende Idee noch eine zünftige Gästeschar vorzuweisen hatte. Eine ansprechende Alternative, die sowohl praktikabel als auch finanzierbar wäre, fällt mir nicht ein, außerdem bin ich längst zu spät dran für ausgefeilte Ausweichpläne und -quartiere, daher lassen wir das Ganze nun ins Wasser fallen, wo ich mich ja grundsätzlich gut aufgehoben fühle.

In besonderer Feierlaune bin ich derzeit eh nicht und falls sich das wider Erwarten noch ändert, steht einer spontanen Sause in kleinem Rahmen ja nichts entgegen.
Auch die Frage nach der Gestaltung eines Einladungskärtchens, heute besser bekannt als Save-the-date-Mail, die ich als bekennende Aversionistin anglizismenverseuchter Ausdrucksweise freilich niemals versandt hätte, stellt sich somit nicht mehr. Allerdings erwäge ich noch, die Safe-your-money– oder Safe-some-energy-Mail zu erfinden, was mir derzeit auch angemessener erschiene, wenngleich der erstgenannten Variante ein Quäntchen Eigennutz innewohnen würde, denn schon seit Jahren wünsche ich mir nichts sehnlicher, als mir – bei aller Liebe zum (positiv) Überraschtwerden – zum Geburtstag mal etwas Konkretes wünschen zu dürfen, was ja gleichermaßen für Schenkende wie Beschenkte eine erhebliche Entlastung bedeuten kann.

Unnötiger Zierrat, überquellende Fressalienkörbe, unpassende Bücher und überteuerte Gutscheine für irgendein Bringtehnix-Beauty-Brimborium könnten auf diese Weise vermieden werden und in Sachen Überraschung genügt höchstwahrscheinlich schon der ausgiebige Rätselspaß, den ich bis Mitte Juli gehabt haben dürfte, weil der Gatte sich vor einigen Wochen dazu hinreißen ließ, eine nebulöse Andeutung zu machen, dank derer ich mir nun die Hirnwindungen wunddenken kann (aktueller Stand meiner Wunschträume Mutmaßungen: er aktiviert einen beruflich entstandenen Kontakt und schickt mich in fachmännischer Begleitung auf den Watzmann).

Sollte sich diese verwegene Vermutung als Volltreffer erweisen, bliebe zu hoffen, dass sich die Bemühungen des Dermatologen bis dahin nachhaltig als wirksam erwiesen haben werden, wonach es momentan noch nicht aussieht. Angesichts größerer Grauen in der Welt möchte ich das Gejammer über meinen momentanen Alltag zwischen Anti- und Probiotikum jedoch einigermaßen begrenzen. Es wird sich wohl in Bälde herausstellen, ob die wochenlange Tortur Prozedur zu irgendetwas nütze war außer der für meinen Geschmack arg frühen Bekanntschaft mit einem Ding namens (ich musste den Begriff erstmal googeln:) Tabletten-Dispenser, damit man die Einnahme des ganzen Zeugs, das einem der Medikus so verschreibt, überhaupt fehlerfrei auf die Reihe kriegt.

Die geschundene Haut häutet sich indes ordnungsgemäß und haut doch immerzu neue Überraschungen heraus, es umgibt mich gewissermaßen der Haut_gout einer Geisterbahnfahrt, nie weiß man, was einen erwartet, wenn man um die nächste Ecke biegt, die Skala reicht von Schütteln-vor-Schreck bis Oh-je-schon-wieder.

Derhaut fühle ich mich also, immer noch.
Der Rückzug dauert an, das Vergraben tut weiterhin nicht nur not, sondern gut. Als trüge ich einem Urteilsspruch Rechnung, dabei wurde ich nie zur Verhandlung geladen.

Nächtens träume ich, sofern ich überhaupt mal länger als ein paar Stunden am Stück in Morpheus‘ Armen ruhe, von Lymphknotenkrebs oder einer landesweiten Schwimmbadschließung für drei Jahre, beides erschreckt mich nachhaltig, obgleich ich den Traumwelten keine übermäßige Bedeutung beizumessen bemüht bin.

Ich beschließe, einen Termin beim Hausarzt zu vereinbaren, um das seltsame Symptompotpourri realiter abklären zu lassen und erhöhe meine Bahnenzieherei von zweimal pro Woche auf dreimal, auch wenn sich das Letztgenannte streng genommen recht wenig mit Habecks Ermahnung zum Energiesparen verträgt – vielleicht hoffentlich kann ich diese epikureische Egonummer durch den Verzicht auf so manche Autofahrt und den allabendlichen Griff zur Wolldecke statt ans Thermostat der Heizung wieder wettmachen (trügerische Tendenzen einer moralischen Kontoführung, ich frage mich: wie wird der Saldo ermittelt, und vor allem wann?).

Das Mithelfen in der Notunterkunft für Geflüchtete erfährt eine Zwangspause, schließlich ist die Haut ja der Spiegel der Seele (was stark simplifiziert sowie verkürzt gedacht ist, um das aufzudröseln, müsste ich allerdings weiter ausholen, wonach mir jetzt nicht ist, also vertagen wir das, wie so vieles andere auch), und – Resilienzfähigkeit hin oder her – das dort Erlebte kann einen seelisch schon ziemlich erschüttern, und auch vom stundenlangen Schnaufen im Maskenmikroklima rät der Arzt zumindest für die Zeit des Bakterienbeschusses mit Cefurax 500 dringend ab.
Morgen versuche ich es wieder, zunächst mit einer verkürzten Abendschicht. Der Krieg geht in die siebte Woche, die Berufsschule um die Ecke stellt zum zweiten Mal ihre drei Turnhallen zur Verfügung und einzig mit Nachrichtengucken komme ich irgendwie nicht über die Runden.
Gestern Abend wird erstmals die Heimatstadt meines Großvaters in den Nachrichten erwähnt: Poltawa. Noch steht der Reporter dort vor unzerbombten Häuserzeilen und deutet auf dunkle Rauchschwaden am Horizont, Richtung Charkiw.

Es ist, als hätten manche Unbilden des Lebens und vor allem der Weltlage die Pausetaste gedrückt, nur ab und zu gelingt es mir, eigeninitiativ auf <Play> zu drücken und für ein paar Töne ab- oder in andere Sphären einzutauchen.
Ein Bekannter, derer ich ja bekanntermaßen wenige habe, weil ich mich auf diese Kontaktkategorie nicht verstehe, weist mich auf den kurzfristig anberaumten Auftritt einer kleinen, feinen Band hin, deren Bekanntschaft ich im ersten Pandemiesommer machen durfte: Son Of The Velvet Rat.

Ein schöner Abend mit angenehmen Menschen, in Wohnzimmeratmosphäre und – nicht zu vergessen: mit völlig unerwartetem Hinterzimmerglück. Ein Kicker steht dort, aufgrund des Schummerlichts traue ich mich trotz meiner miserablen Optik, mit den Bandmitgliedern zwei Spiele zu absolvieren.
Für die Dauer einiger Torschüsse (was für eine Freude: es geht noch!) und über weite Strecken der musikalischen Darbietung („tonight I’m gonna give in to the clatter of the crickets and the gentle sting of desire„) treten subjektive wie objektive Leidensszenarien doch glatt mal in den Hintergrund und ich bin dankbar für diese kurze Pause von allem da drinnen und da draußen.

Als ich zu fortgeschrittener Stunde hinaustrete in den Großstadtregen habe ich einen gehörigen Ohrwurm, der meine Gehörgänge erst Tage später wieder verlässt.

Und sonst?

Ungefähr so (in aller Kürze und Unvollständigkeit, dafür wenigstens mit Untertitelung):

6 Kommentare zu “Derhaut.

  1. Wunderschön wieder etwas von Dir und Familie zu lesen. tom

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  2. „bekennende Aversionistin anglizismenverseuchter Ausdrucksweise“ – Sie wissen sicher, wie sehr mir das gefällt. Haben Sie ein nices weekend beziehungsweise schönes Wochenende!

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  3. heimatorte … heimattorte … eins wie das andere gut! 👍🥰

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