Solbaka. Das ist Ukrainisch und bedeutet Hund.
Just als ich diese Vokabel bei einer meiner Abendschichten in der Notunterkunft kennenlerne, fällt mir tillbaka ein, das schwedische Wort für zurück.

Die ukrainischen Frauen, mit denen ich spreche (korrekter: via Google-Translator oder mit ein paar Englisch-/Deutsch-Fetzen oder mit Händen und Füßen zu kommunizieren versuche) wollen nur eines: baldmöglichst zurück.
In ihre Heimat, zu ihren Männern, in ihre wie-schlimm-auch-immer zerstörten Städte oder Dörfer.
Sie kleben vor ihren Smartphones, ihre Hündchen auf dem Schoß, ihre Kinder neben sich, und versuchen auf diese Weise, jedes Fitzelchen Heimat festzuhalten. Das wichtigste Utensil ist das Smartphone, das verschmierte LCD-Display ist das Fenster zur eigentlichen Welt, denn der Blick aus dem Fenster der Notunterkunft zeigt nichts als fremde Umgebung.

Die Lehrerin aus Charkiw hat ihren 21-jährigen Sohn verloren und schluckt nachts in der Turnhalle eine Dosis Schlaftabletten, die sie für eine Überdosis hält, was aber folgt ist ein erneutes Erwachen – nicht aus dem Alptraum, sondern nach wie vor mittendrin.
Sie spricht gut Deutsch und zeigt mir Fotos von ihrem Sohn. Ein junger Bursche zu Beginn seines Studiums, in einer Universitätsstadt, die völlig zerbombt ist. Sie weint in das flauschige Fell ihres Yorkshire Terriers.

Ukrainerinnen scheinen kleine Hunde, die ich meist etwas despektierlich als Handtaschenhunde bezeichnete, besonders zu mögen.
Ebenso mögen sie viel Make-up und künstliche Fingernägel. Und gekochtes Fleisch. Und schwarzen Tee.

Ohne dass ich mir das vorgenommen hätte, bin ich in der Notunterkunft zur Hundehelferin avanciert.
Man findet mich hauptsächlich in dem Raum im Erdgeschoss, der für Geflüchtete mit Haustieren vorgesehen ist. Oder hinter dem Tresen der Essensausgabe. Ab und zu sortiere ich auch Kleiderspenden oder Schlafsäcke, die aus der Reinigung kommen und am späteren Abend wieder neu verteilt werden müssen. Oder ich sorge für Ordnung im Lagerraum für Hygieneartikel. Oder helfe beim Ausfüllen von Formularen, die zwar durchgehend mit Übersetzungen versehen sind, aber deutsche Formulare sind nun mal deutsche Formulare und daher auch auf Deutsch alles andere als selbsterklärend.

Über mich selbst sagt mir das lediglich etwas, das ich bereits wusste: ich kann Hund, ich kann Küche, ich kann Ordnung und Verwaltungskrempel.
Ansonsten fühle ich mich überwiegend hilflos angesichts des Elends und der Hoffnungslosigkeit, die mir aus den Gesichtern und Geschichten entgegenspringt.

Eine Frau namens Kateryna, die mit ihren zwei Vierbeinern im Haustierzimmer eingezogen ist, fragt mich, ob ich ihr helfen könne, die Hunde zu duschen. Sie hat fast eine Woche Flucht hinter sich und nur diesen einen Wunsch: dass die völlig verfilzten und verdreckten Tierchen wieder chystyy, also sauber sind, dass die Schmauchspuren aus ihren Fellen getilgt werden, sie die beiden neben sich betten kann und sie endlich nicht mehr stinken.

Ich organisiere ein altes Handtuch und ein Babyshampoo, dann tragen wir die zwei Hündchen hinunter zu den Sanitärräumen. Einzig die Behindertendusche kommt für diese Aktion in Frage, weil nur dort ein frei beweglicher Duschschlauch vorhanden ist.
Wir ziehen unsere Hosen aus, Kateryna und ich, steigen in die Duschkabine, die eine hält den Hund fest, die andere shampooniert ihn ein und braust den kleinen Körper so lange ab, bis kein Schaum mehr sichtbar und das ablaufende Wasser wieder ganz klar ist.
So klar wie unser Zusammenwirken in dieser halben Stunde im Duschraum. Eine gemeinsame Sprache ist bei derlei Tun unwichtig: Ungeduld, Strenge, Trost und Zuwendung (was man halt so empfindet oder braucht für die Generalreinigung von zwei Hunden) sind international verständlich, zumindest für Hunde.

Zusammen lachen wir darüber, wie die beiden porentief reinen Puschelchen hernach durch den Sanitärraum flitzen und sich auf den Fliesen zu wälzen versuchen, ein sinnloses Unterfangen freilich, und dennoch wirken sie sichtlich befreit.
Auf einmal bricht Kateryna in Tränen aus und ich stehe stumm mit dem nassen Handtuch in der Hand daneben und verspüre einen Kloß im Hals.

Am späten Abend, wenn ich in die Wohnung zurückkomme, bin ich einfach nur froh, einen Lichtschalter betätigen zu können, der verlässlich dafür sorgt, dass es hell wird und danach in eine ruhige, großzügige Wohnung einzutreten, in der ich mich in einem aufgeräumten, schönen Zimmer auf ein Sofa fallen lassen kann, das ich nicht mit Fremden teilen muss.

*****

Mein Schreiben droht zu versiegen. Manchmal fehlen mir nur die Worte, meist aber fehlt mir der Impetus. So wird das nichts mit dem Buch.
Überhaupt: So vieles wird auf diese Weise nichts werden.
Wie ein Fisch ohne Wasser fühle ich mich manchmal in meiner Schreiblosigkeit – ich laufe auf Grund, ich zucke unruhig (während ich strande).

Dreimal Schwimmen pro Woche verhindert, dass ich vertrockne. Ich spule die Bahnen nur so ab, der schwarze Balken auf dem Boden des Schwimmbeckens ist mein „I’ll walk the line„, mein Atem der Dreivierteltakt dazu.
Wasser ist Leben, mich im Wasser zu bewegen verbindet mich mit dem Leben.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich mir einen Bikini gekauft.
Natürlich nicht so ein Teenie-Ding mit Schnürchen und Ösen, sondern einen soliden Schwimm-Bikini.
Das ist mein letzter Bikini“ , sage ich zum Gatten. So wie ich das Haarefärben längst schon eingestellt habe, glaubte ich auch, die Bikini-Ära beendet zu haben.
Der hübsch Bewimperte, ein Experte in Sachen Mode, versichert mir aber, ich könne das auf jeden Fall noch tragen. Na dann.

Das Wassergefühl in dem neuen Teil ist ganz wunderbar. Ich fühle mich schneller und leichter und geschmeidiger, obwohl ich meine zwei Kilometer in derselben Zeit zurücklege wie im Badeanzug (aber was ist schon Zeit im Vergleich zu Gefühl?).
Vielleicht wird bis Pfingsten aus dem Osterei auf meinem Rücken der Heilige Geist geworden sein.

*****

Das Dackelfräulein war läufig wie nie zuvor und bescherte uns statt zwei bis drei Tagen eine ganze Woche penetrantester Paarungswilligkeit.

Also nicht mehr nur ein Alter/Aussehen/Abstammung/Ausbildung-egal, sondern diesmal sind auch noch Geschlecht und Gattung unerheblich: alles, was auf 100 Meter Entfernung mit etwas Willen und Phantasie als Hund durchgehen könnte, wird zum Objekt brennender Begierde, selbst wenn sich’s bei näherer Betrachtung nur als ein abgestellter Rucksack entpuppt.

Für unseren Alltag hat das bedeutet: eine Woche lang jeden Tag eine Spazierroute wählen, auf der möglichst keine Rüden oder Rucksäcke anzutreffen sind.
Geht schon, wir kennen uns ja gottseidank gut aus im Umland.

Am Ostersonntag ein bisschen Goldhasensuche zur Ablenkung, doch plötzlich prescht Meister Lampe in echt quer über den Weg und das Fräulein saust hinterher – danach ist wenigstens Ruhe im Karton, zumindest für ein paar Stunden.
(Nein, nichts und niemand ist zu Schaden gekommen und erst recht nicht zur Strecke gebracht worden.)

Eines schönen Morgens werden die Artgenossen dann wieder auf gewohnte Ungustl-Art angegrummelt und der hormonelle Spuk ist vorüber.

Unabhängig von all dem Hormonzirkus beobachten wir: das Fräulein biegt nun manchmal – auf ihrem allabendlichen Gang in die Küche, wo sie gegen 21 Uhr ihren Anti-Magenübersäuerungs-Snack entgegenzunehmen pflegt – versehentlich schon ein Zimmer zu früh links ab.
Auch das mutet an wie ein kleiner Spuk, nur ahnt man: es ist keiner.
Ab und an wird sowas jetzt mal passieren, so wie im Dackelalltag seit Monaten auch ein erhöhtes Ruhebedürfnis zu verzeichnen ist.
Wir passen wirklich hervorragend zusammen, wir zwei.

*****

Vor der Haustür werden Impf- und Testzelt ab- und das Frühlingsfest aufgebaut. Wir werten das als eindeutige Vorzeichen, dass die Stadt München sich dafür entscheidet, dass die Wiesn heuer stattfinden muss kann wird, was immerhin unsere Urlaubsplanung enorm vereinfacht.

Die Pandemie scheint vorerst passé zu sein. Auch die städtischen Theater sind seit Kurzem wieder gut gefüllt.
Endlich!“ möchte man sagen, doch zugleich ist es noch arg ungewohnt, sich stundenlang mit so vielen Menschen in Innenräumen zu tummeln.
Wir wagen es, wählen ein Corona-Stück und hoffen das Beste.

Die Protagonistin in „Unter Menschen“ gefällt mir. All der sinnlosen Projekte und wohlstandsgelangweilten Gespräche, die ihre Berliner Existenz prägen, überdrüssig, darf ich ihrem Versuch einer Übersiedelung aufs Land, um dort alles, was in der Stadt nervte und aushöhlte, durch etwas Gartenzaunplauderei und Gemüsebeetidylle wettzumachen oder gar zu heilen, nicht nur beiwohnen, sondern auch beim Scheitern zusehen.
Es ist dort keinesfalls besser, beschaulicher oder beglückender, bloß anders aufreibend und anstrengend.

Ohnehin nimmt man sich ja überall hin mit, für Umzüge gilt das gleichermaßen wie für Reisen (ebenso für Berufs- und Beziehungswechsel).
Ab einem gewissen Alter ist man einfach nirgendwo mehr sicher vor sich. Entscheidend ist dann weniger, wie das Drumherum ausschaut, sondern wie es um das Innendrin bestellt ist.

*****

Die Zufallswiedergabe im Auto beschert mir in den letzten Tagen wiederholt „World outside your window“ (was in dieser Häufung eigentlich kein Zufall mehr sein kann, auch wenn der Verstand sagt: es ist einer) und ich denke an den österreichischen Freund, der seine Sonnenbrillenmarke nicht auszusprechen wusste (so wie die Österreicher ja auch nicht bye-bye sagen können oder It’s cold outside) und wundere mich, wieso ich mir damals vor zehn Jahren, für meine Reise nach East Rutherford, einen zitronengelben Koffer zugelegt habe, wo doch Gelb nie eine meiner Lieblingsfarben war.

Everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my ray-bans
Weren’t quite so

I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know I laugh when winter shows her hand

Well, that picture framed the saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m going now please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

Tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free

*****

Drei Dinge, die mich derzeit überaus froh stimmen:

1.) Am Wörthsee wurde bereits die Tretbootsaison eröffnet.

2.) Aller Voraussicht nach werden mir weder Omikron noch der Krieg meine Pressereisepläne in den Pongau zunichte machen.

3.) Auch ich habe nun wieder ein neues privates Projekt, ein nachhaltiges noch dazu: in der Osterzeit beschloss ich, mein 22 Jahre altes Tourenrad auferstehen zu lassen, es sei noch gut in Schuss, meinte der Experte, dem ich es vorführte, also wird das jetzt in Eigen- und Fremdarbeit rundum hergerichtet und bekommt zwei Radtaschen und einen gut gefederten Anhänger fürs Fräulein.

Es wird Zeit für neue altersgerechte andere Abenteuer.

10 Kommentare zu “Solbaka oder: The world outside your window.

  1. Danke, Respekt und Kompliment!

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  2. Danke für die interessanten Einblicke in das, was in einer Notunterkunft so abgeht. Und für die schönen Fotos von Hund und Starnberger See. Und überhaupt für Deine gut geschriebenen Texte. Als Leser(in) merkt man nix von einer Schreibkrise – außer vielleicht der geringeren Anzahl an Beiträgen 😉

    Gefällt 1 Person

  3. Einen zitronengelben Koffer hatte ich auch mal… Das lässt mich jetzt in Erinnerungen eintauchen – tut ganz gut, die Jetztrealität für ein paar Augenblicke auszublenden…
    Das Dackelfräulein ist wie immer bezaubernd. 🙂

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  4. In dem Alter zeigt sich das Fräulein noch interessiert an Herren, Hasen und Rucksäcken? Respekt.

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    • Im Unterschied zu menschlichen Weibern widerfährt Hündinnen kein Fruchtbarkeitsfinale, die plagen sich damit also bis zum bitteren Ende herum.
      Ihre Respektsbekundung richte ich dem Fräulein freilich gern aus!

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  5. Ich verneige mich wegen Ihres Einsatzes für Flüchtlinge. Bei mir ist es noch nicht so weit, aber es wird kommen. Die Freundin ist in Kiew wieder.

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  6. Liebe Natascha,
    weiterhin meinen größten Respekt für Dein Engagement in der Flüchtlingsunterkunft. Ich wünsch‘ Dir dafür das gesunde Maß an Hornhaut auf dem Herzen, das – leider – unbedingt notwendig ist, um sowas ohne Schaden für die Seele dauerhaft zu leisten, ganz egal ob stundenweise oder Vollzeit. Eine gute Freundin von mir hat eine Ukrainerin mit ihren 5- und 11-jährigen Söhnen aufgenommen und macht sich nun große Sorgen, weil sie unbedingt zurück will zu ihrem Mann in einem Vorort von Kiew … da entstehen Bindungen über denen von vornherein dieses furchtbare Damoklesschwert des Krieges hängt …
    Danke auch für die wie immer wunderbar geschriebenen Schilderungen aus dem Drunter und Drüber des sonstigen Alltags – wobei ich Dir da gleich noch das gesunde Maß an Hornhaut auf den Trommelfellen wünsche, wenn das Frühlingsfest vor der Haustür losgeht …
    Liebe Grüße aus der heute mal wieder sonnigen Ortenau …
    Spike
    p.s.: Ich hoffe es ist kein Problem, wenn ich nächste Woche mit einem Rucksack anreise? 😉

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    • Lieber Spike,
      nach dem letzten Einsatz in der Notunterkunft musste ich ehrlich gesagt erstmal ein bisschen Hornhaut nachwachsen lassen, jetzt geht es wieder… Mit den zahlreichen Respektsbekundungen hier und anderswo hadere ich ein wenig – das wäre vielleicht mal ein Thema für einen gemeinsamen Abend nebst Hopfengetränk, zu dem wir ja in Kürze die Gelegenheit haben.
      Ich freu mich auf dein Erscheinen hier in München, mit oder ohne Rucksack, und sende einstweilen liebe Grüße in die Ortenau!
      Natascha

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