Geflucht Gegrübelt Gelaufen Geplant Gesorgt Gestaunt Getan Getäuscht Gewartet Gewerkelt

Von der Bekanntschaft mit dem bayerischen Bestattungsgesetz und beflügelnden Bergnächten.

Die Perseiden rauschen durch den Nachthimmel.
Lichtverschmutzung gibt es da heroben auf fast 2.000 Metern Höhe nicht, das Funkeln am Firmament ist das Einzige, das die Umgebung erleuchtet. Kassiopeia kuckt halbiert hinter einer Wolkendunstdecke hervor, das Pfeifen des Windes vermischt sich mit dem Gebimmel einer schläfrigen Schafherde, die sich in die Mulde der steilen, steinernen Flanke unterhalb der Hütte geduckt hat.

Ich muss an das Phänomen des Semi-Hemisphären-Schlafes der Vögel denken, von dem A. mir neulich erzählt hat: halb wachend, halb schlafend, und das die ganze Nacht lang, ständig im Wechsel. Wahnsinn, was Tiere so fertigbringen.
Sowieso möchte ich im nächsten Leben, so ich denn gezwungen wäre, eine zweite Runde hier auf Erden zu drehen, ein Vogel sein, am liebsten eine Wanderfalkenfrau oder eine Steinadlerin (sollte ich an der See statt in den Bergen wiedergeboren werden: dann eben eine Weißkopfseeadlerin).
Mein Schlafverhalten müsste für diese Reinkarnation nur noch recht geringe Anpassungsleistungen vollbringen, sogar auf einem Bein kann ich schon ganz gut stehen, wenn die Umstände es verlangen.

Im Geäst meines Biographiebaumes sitze ich auf einem dürren Ast und spähe hinab in den Lebensfluss. Lasches Plätschern (die Trockenheit!), viel Treibholz (die Unwetter!), dazwischen zahlreiche Fischkadaver (der Umweltschmutz!). Wird der Ast mich noch tragen, bis die ersten Herbststürme durch meinen Baum fegen? Oder schüttle ich vorher mein Federkleid, spreize meine Flügel und fliege auf und davon? Und wohin flöge ich wohl?

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Der runde Geburtstag, eine gefühlte Ewigkeit ist das her, dabei sind’s kaum fünf Wochen. Es war einer der wenigen Tage in diesem Sommer, die sich auch so anfühlten: sommerlich, rund, leicht.
Ein Kindheitstrauma geheilt (Waldi, den die Mutter einst ohne zu fragen an Fremde verscherbelte, ist endlich wieder da), das Crowdfunding fand großen Anklang (ich hoffe, allen Sponsoren gebührend gedankt zu haben), und auch jenseits des Mammons viele passende Präsente (corrigenda: Noppenbadekappen sind nun bis zu meinem 70. ausreichend und in allen Farben und Formationen vorhanden, und mit bedackelten Briefkarten könnte der heimische Flur lückenlos tapeziert werden), die Bootsfahrt war ebenfalls lustig (erste Elektrobootsfahrt seit Kindheitstagen) und das Tortenstück erfreulich groß (damit man nicht „vom Stangerl fällt“ , wie man hier so sagt).

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Doch das Stangerl, es bleibt dürr und wacklig, und bisweilen ist es gar nicht so einfach, nicht hinunter zu fallen.

Der Gatte hat zwar keine Orthese mehr am operierten Haxn, dafür plötzlich einen tauben Fuß. Kann nicht sein! – sagt der Orthopäde. Neuropathie! – sagt der Neurologe. Reha! – sage ich.
Er selbst sagt gar nicht mehr viel, es kann einem ja auch die Sprache verschlagen, was dieser Mai-Unfall an Einschränkungen nach sich zog und noch weiterhin ziehen wird.
Eine gebrochene Zehe, freilich am gesunden Fuß, rundet seit Neuestem das Potpourri der Pein ab.

Das Dackelfräulein hat einen Knubbel am Bauch, der wegen ihres Beckenkammbruchs und Traumas erstmal ausgeblendet werden musste. Je nach Tagesverfassung nenne ich ihn Knubbel oder Knoten oder Tumor, heute ist eher ein Knubbeltag.
Zwischenzeitlich trägt mein Training die ersehnten Früchte und des Fräuleins Muskulatur ist einigermaßen wiederauferstanden, der gröbste Schock auskuriert, so dass wahrscheinlich demnächst operiert werden kann, einen Termin gibt’s auch schon.
Weit weg ist das noch, nur beim Kraulen des Hundebäuchleins rückt es mir manchmal bedrohlich nahe.

Der Papa hat nach langem Kampf (mit seiner Tochter, nicht mit seiner Versicherung) endlich einen dem zehnjährigen Jubiläum seiner Parkinsonerkrankung angemessenen Pflegegrad beantragt und diesen sofort bewilligt bekommen.
Die konkreten Auswirkungen jener Errungenschaft kann ich derzeit nur sporadisch mitverfolgen, da es nach einigen Jahren des Burgfriedens mal wieder etwas nachhaltiger zwischen der Lebensgefährtin des Papas und mir gescheppert hat, was sich aber wohl eines nicht allzu fernen Tages beruhigen wird.
Nicht, weil wir uns aussprechen werden, denn es ist alles ausgesprochen, was man besprechen kann, doch es gibt Dinge, die man nicht be- oder gar wegsprechen kann wie eine Warze (this is for you, K.), sondern es wird sich beruhigen, weil es sich der verbleibenden Jahre des Papas zuliebe irgendwann beruhigen muss.
Gewichtigere Aufgaben als unnütze Überwindungsversuche der Kluft zwischen der Weltsicht der Lebensgefährtin und mir stehen an.

*****

Hochzeitstag.
Um ein Haar hätte die Heiterkeit, mit der der diesjährige 20. Juli aufgrund der kleinen Aufmerksamkeit, die ich dem Gatten anlässlich dieses Jubeltages neben sein Frühstücksgedeck gestellt hatte, begann, in einem weiteren Ausflug zum See ihre fröhliche Fortsetzung erfahren, doch dann plumpste eine Postsendung in den Flur, die die Tagesplanung postwendend torpedierte.

Die Städtischen Friedhöfe teilten mir mit, dass a) Onkel W. vor zwei Wochen verstorben sei und dass b) ich ihren Nachforschungen zufolge die einzige Angehörige und damit zugleich die Bestattungspflichtige sei.
Selbstverständlich bräuchte ich das nicht zwingend selbst erledigen, es könne alternativ auch eine „Bestattung von Amts wegen“ beauftragt werden, und würde ich bis zum 20. Juli nichts von mir hören lassen, müsste diese ohnehin veranlasst werden, weil es nämlich auch für die Kühlung eines Verstorbenen Fristen gäbe, die einzuhalten sind.

Viele Jahrzehnte nach der gemütlichgymnasialen Beschäftigung mit diversen Erzählungen und Parabeln Kafkas, erschloss sich mir erstmals der volle Bedeutungshorizont des Adjektivs kafkaesk: eine Frist just an jenem Tag mitgeteilt zu bekommen, an dem sie zugleich auch abläuft – skurrile Sache. Genauso skurril wie die Tatsache, auf einmal für den verblichenen Bruder der bereits verblichenen Mutter zuständig zu sein, mit dem diese seit ihrer Jugend so gut wie keinen Kontakt mehr gehabt hatte und den ich irgendwann in früher Kindheit mal für maximal eine halbe Stunde gesehen hatte.
Aber das steht tatsächlich so im Bayerischen Bestattungsgesetz, der Juristenfreund bestätigt es mir: Verwandte zweiten Grades sind die Grabbeauftragten. Ist zwar nur noch in Bayern so, doch diese regionale Ungerechtigkeit zu bejammern hilft halt auch nix.

Ich lese den Brief dreimal durch, gerate jedesmal in größere Wallung, packe dann unsere Rucksäcke, die für den Hochzeitstagsausflug schon abmarschbereit im Flur standen, wieder aus, rufe dem Gatten zu, er solle mir bitte eine Breze besorgen, am besten gleich zwei, und das bitte möglichst bald, weil sich Brezen nunmal als Erste-Hilfe-Maßnahme sehr bewährt haben, greife zum Telefon und wähle die Nummer der Sachbearbeiterin, die das Schreiben verfasst hat.
Es wird das erste von einem guten Dutzend atemraubender Amtsgespräche sein, die ich in den folgenden drei Wochen führen darf.

Der Onkel, so sagt man mir, könne nicht noch länger in der Kühlung liegen, man würde mir aber die Frist, die eigentlich heute abliefe, freundlicherweise um ein paar Tage verlängern, sollte ich die Bestattung selbst in die Hand nehmen wollen, andernfalls könne das aber auch die Stadt München für mich übernehmen, was dann allerdings ein gesetzlich vorgeschriebenes Standardbestattungspaket umfassen würde, die Kosten hierfür beliefen sich auf ca. 5.000 bis 7.000€, die Rechnung ginge mir dann beizeiten zu, da ich als einzige Angehörige und Alleinerbin auch kostenübernahmepflichtig sei.
Was man nicht alles plötzlich sein kann oder ist bei dieser Todestombola.

Selbstverständlich habe ich geschimpft (Frechheit, das mit der Frist!), was das Zeug hielt und telefonierend zwei Seiten mit niederschmetternden Notizen vollgekritzelt, damit mir ja keines dieser unglaublichen Details durch die Lappen ginge. Und natürlich habe ich nach diesem und auch nach all den anderen Telefonaten stets den Juristenfreund konsultiert, bis wirklich alles, was diesen absurden Fall betraf, von vorn bis hinten geklärt war.

Drei Stunden nach dem Plumps der Postsendung auf den Parkettboden war der Discount-Bestatter beauftragt, denn „selbst in die Hand nehmen“ heißt im Sterbekontext ja nicht „Spatenkauf und Grube ausheben“, sondern Beauftragung-Vollmacht-Überführung-Kremierung-Beisetzung.
Im bescheidensten Basisprogramm muss man dafür 1.400€ berappen, die mehrwöchige Kühlung schlägt nochmal mit derselben Summe zu Buche. Den diesjährigen Urlaub haben wir ja gottseidank bereits im Mai storniert, als das verunfallte Dackelfräulein in die Tierklinik musste, was recht kostspielig war – an der Front lässt sich also nix mehr reinsparen. Aber kommt Rechnung, kommt Rat. Oder der Papa: er braucht dieses Pflegeversicherungsgeld eh noch nicht, sagt er.

Onkel W. hatte, wie ich erfuhr, einen gesetzlichen Betreuer, dessen Telefonnummer ich der Friedhofsamtsachbearbeiterin abringen konnte. Dort hoffte ich, Weiteres in Erfahrung zu bringen, z.B. eine Auskunft darüber zu erhalten, wie es um die Vermögensverhältnisse des Onkels bestellt wäre. Leider ist der Betreuer, dessen Mailbox zwei winzige Zeitfenster seiner wöchentlichen Erreichbarkeit nennt, mehr als zwei Wochen lang ansolut unerreichbar.
Der Papa mutmaßt derweil, dass da bestimmt nichts zu holen sei, im Gegenteil, er würde sich nicht wundern, wenn es nur Schulden zu erben gäbe. Parallel dazu verrinnt langsam aber sicher die sechswöchige Frist zur Erbausschlagung, gerechnet wird die ab dem Zeitpunkt der Kenntnisnahme, was nicht etwa der 20. Juli war, an dem ich vom Ableben des Onkels erfuhr, sondern das Datum auf dem Friedhofsamt-Brief (passenderweise mein Geburtstag) plus 2 Tage fiktive Postlaufzeit, egal, wann der Brief tatsächlich den Empfänger, also mich, erreichte. 15. Juli, tickticktick, so tropfen die Tage dahin, nis Ende August ist’s nicht mehr weit.

Beim Nachlassgericht lässt sich kein Termin zur Erbausschlagung vereinbaren, weil die einzige Telefonnummer, unter der dies möglich wäre, entweder besetzt ist oder in eine Ansage mündet, in der man von einer Frauenstimme mit mühsamer Dialektunterdrückung darüber belehrt wird, dass man im Falle einer Erbausschlagung bitte bloß nicht einfach vorbeikommen und sich auch nicht schriftlich ans Amtsgericht wenden solle, sondern unter dieser Nummer einen Termin vereinbaren müsse oder man sich, falls die Rufnummer überlastet wäre, an einen Notar wenden könne, der auch nicht viel teurer sei, wobei die Dialektunterdrückerin keine Preise nennt.
Zum Totlachen, der Tonbandext, Gerhardt Polt hätte ein abendfüllendes Kabarettprogramm aus diesen und anderen Begebenheiten gezimmert, ich hingegen stolpere sinnlos schnaubend und am Rande einer Ohnmachtsdepression durch die Tage und Wochen.
Die Kausalitätskette „A geht nicht, weil B nicht klappt, aber mit C braucht man nicht beginnen, bevor A und B nicht erledigt sind, ganz zu schweigen von D, dem man sich erst zuwenden kann, wenn die vorigen Punkte vom Tisch sind“ ist nirgends zu durchbrechen. Zwischendurch erwägen der Juristenfreund und ich innovative rechtliche Schritte, von denen hier lieber nicht die Rede sein soll.

Frau Kraulquappes Kafkaesque war damit aber noch lange nicht vorüber. Denn der Juristenfreund konstatiert, dass es für den bislang nicht zu vereinbarenden Termin beim Nachlassgericht, falls er sich doch noch binnen der Frist vereinbaren ließe, nicht nur hilfreich wäre, vorher in Erfahrung gebracht zu haben, ob irgendein Vermögen vorhanden sei, sondern zu Nachweiszwecken bei diesem Termin auch eine Sterbeurkunde vorgelegt werden sollte. Woher sollen die Rechtspfleger vom Amtsgericht sonst wissen, dass Onkel W. wirklich mit mir verwandt war – oder ich mit ihm?
Der Discount-Bestatter hatte zwar den Auftrag, dieses lebens(!)wichtige Dokument zu beschaffen, kann dies jedoch nur tun, wenn er dem dokumentausstellenden Standesamt (München) die Geburtsurkunde des Verstorbenen vorlegt.

Der einzige Mensch allerdings, der wissen könnte, ob und wenn ja, wo diese Geburtsurkunde sein könnte, ist der gesetzliche Betreuer, der aber, wie schon erwähnt, unerreichbar bleibt. Ohne Geburtsurkunde keine Sterbeurkunde, logisch: weil wer nicht nachweisbar da war, kann auch nicht nachweisbar nimmer da sein.
Das Standesamt bietet für derlei Fälle an, die Geburtsurkunde neu zu beschaffen, was bei der zuständigen Behörde des Geburtsortes zu beantragen ist, und da Onkel W. im Ausland geboren wurde, würde die Beschaffung der Urkunde 4-5 Wochen dauern, plus Zeit (und Geld) für eine beglaubigte Übersetzung der Urkunde, plus anschließende Bearbeitungszeit für die Sterbeurkunde.
Bis Weihnachten wäre die sechswöchige Frist zur Erbausschlagung, von der zwischenzeitlich eh nur noch drei Wochen übrig sind, locker schon dreimal abgelaufen.

Wie also diesen Blindflug gestalten?
Nix tun, Frist verstreichen lassen und damit das Erbe angenommen haben, und sich anschließend erschießen, wenn man ein Vermögen erbt, das aus lauter Verbindlichkeiten besteht?
Oder das Erbe auf gut Glück ablehnen und sich hinterher ebenso die Kugel geben, wenn auf dem Konto des Onkels ein Lottogewinn herumlungert oder – realistischer – zumindest noch so viele Kröten vorhanden gewesen wären, dass davon die Bestattungs- und Kühlkosten hätten bestritten werden können?

Verzweifelt wende ich mich ans Betreuungsgericht, um Einsichtnahme in die Betreuungsakte zu beantragen. Die dortige Sachbearbeiterin weiß noch nichts von dem Sterbefall und ergänzt erstmal die Akte um ein paar Daten.
Was sie aber weiß, ist, dass Akteneinsicht nur schriftlich beantragt werden kann. Bearbeitungszeit: ca. zwei Wochen. Eher länger. Urlaubszeit, eh klar. Dem Antrag sei bitte die Sterbeurkunde beizufügen, „zur Glaubhaftmachung des rechtlichen Interesses“.
Ich habe keine Sterbeurkunde, sage ich betont selbstbewusst.
Und: Ich besitze lediglich dieses eine Schriftstück von den Städtischen Friedhöfen, reicht das?
– Ja, das genügt.
Eine Woche später trifft ein bescheidenes Blatt Papier ein, darauf steht: Bitte machen Sie ihr besonderes rechtliches Interesse an einer Akteneinsicht glaubhaft und reichen Sie entsprechende Dokumente nach.
Ich springe schreiend durch die Küche, wo ich den Betreuungsgerichtsbrief geöffnet hatte. Ich schreie, weil ich vermute: die meinen sicher die Sterbeurkunde! Der Juristenfreund schreit ein bisschen mit und wühlt sich dann ins Betreuungsgesetz hinein.

Nach 428 vergeblichen Versuchen der telefonischen Terminvereinbarung beim Nachlassgericht gebe ich schließlich auf, rufe eine Notarkanzlei an, erschrecke, weil ich sofort einen echten Menschen an der Strippe habe, und mache einen Termin aus. Natürlich so spät wie möglich innerhalb meiner Sechswochenfrist, um mir bis zum letzten Augenblick weiter die Finger wundwählen zu können, denn vielleicht ist dieser Betreuer ja doch noch am Leben, vielleicht sogar im Berufsleben, und eines schönen Tages mal erreichbar.

Der schöne Tag kommt tatsächlich. Völlig unverhofft ruft er mich zurück, ich erschrecke, weil ich damit in diesem Leben nicht mehr gerechnet hatte, und muss mich – ich bin gerade auf dem Weg zum Einkaufen – kurz sammeln, um ihm mitten auf dem Bürgersteig stehend aus dem Stegreif meinen Fragenkatalog vorzutragen (Kann ich Sie später zurückrufen? wage ich nicht zu fragen). Er sei zwar seit heute im Urlaub, meint der Betreuer, aber wir könnten schon kurz über meinen Onkel reden, dessen Belange er fast vier Jahre lang geregelt habe.
Im Plauderton blättert er ein beschädigtes Leben vor mir auf, keine Details, Sie verstehen schon: der Datenschutz, nur Eckpunkte, doch das reicht mir auch. Ich kannte diesen Onkel nicht, und ich möchte ihn auch posthum nicht kennenlernen, der Papa lag jedenfalls richtig mit seiner Vermögensvermutung, und alles Weitere, was ich zu hören bekomme, passt perfekt zu der monetären Misere.

Bitte sehen Sie’s mir nach, falls dieser nächtlichen Berichterstattung (ein Begriff, so merk‘ ich grad beim Tippen, der ja verdächtig nah an Bestattung liegt) ein paar deliziöse Details fehlen, obgleich ich problemlos ein Buch schreiben könnte über dieses Widerfahrnis, dabei wollte ich ein ganz anderes Buch schreiben, mir ist leider entfallen, worüber.

Immerhin dürfen Sie mich mittlerweile beglückwünschen, dass ich den mir unbekannten Onkel für knappe 3.000 Öcken (statt des doppelten Betrages, den mir der Von-Amts-wegen-Weg beschert hätte) in Brandenburg beisetzen lassen konnte (absurderweise ruht er nun in der Nähe seiner Schwester, die er ebenso wenig leiden konnte wie sie ihn).
Ein Schnäppchen dieser Größenordnung macht man wahrlich nicht alle Tage.

Noch diese Woche spaziere ich zum Notar und schlage bei einem Fünf-Minuten-Termin für 80€ das Erbe aus (dafür, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, füllen sich die Taschen anderer umso mehr). Und ich trete diesen Spaziergang sogar mit Sterbeurkunde im Gepäck an – wozu Sie mir gleich nochmal gratulieren dürfen. Der Discount-Bestatter hatte einen Sonderantrag auf „Ausstellung einer Sterbeurkunde ohne Vorlage der Geburtsurkunde“ beim Standesamt München gestellt – und vor ein paar Tagen ist dieser überraschend schnell bewilligt worden.

*****

Familie.
Eine Fessel, die bis in ihre letzte Faser fast wie ein Fluch fortwirken kann. Aus den einzelnen Fasern ließe sich auch ein Netz weben, manche erleben das wohl, mir blieb das verwehrt.

Ich bin kein Komma, kein Kolon, keine Klammer – ich bin der Endpunkt zweier Familienfäden, die sich kurzfristig zu einem Knoten verband(elt)en, der Knoten, aus dessen Mitte ich entsprang.
Längst ist er geplatzt, die einzelnen Fäden haben sich einer nach dem anderen aufgelöst, nur ein Rest vom Vater ist noch übrig, einst stabiles Seil, jetzt zitternder Zwirn. Und ich, ich bin auch noch da.

Ich möchte nicht klagen über einen kaputten Sommer oder ein paar persönliche Katastrophen, allein schon deshalb nicht, weil ich es nicht ertrüge, mir das Klagelied selbst nochmal anzuhören. Keine Klage, kein Lied. Überhaupt zu wenig Musik in diesen Wochen.

Wann immer möglich suche ich die Stille. Selten auch mal den Austausch mit einer vertrauten Seele, mit einem gesprächsbereiten Gegenüber, das trotz des eigenen Lebensgestrüpps noch über aufrichtige Aufnahmekapazität und echte Empathie verfügt.
Viele sind’s nicht mehr, die das derzeit können oder wollen, umgekehrt gelingt’s mir wohl leider auch nicht mehr in der früheren Frequenz.

Wir werden sehen, was der Herbst so bringt, selbst magere Jahre werfen ja bisweilen eine Ernte ab, die einen am Jahresende, sofern da nicht Rammstein für 145.000 Leute, die diesen Lindemann gegen Bezahlung nicht nur zu hören, sondern auch noch zu sehen bereit sind, einen Riesenradau vor der Haustür veranstaltet, gemütlich vor dem Heizlüfter hockend oder mit Skiunterwäsche im Fauteuil fläzend in Staunen versetzt, und sei es nur darüber, dass die mediale Prophezeiung eines „Wutwinters“ ebenso wenig eingetroffen ist wie ein angepasster Impfstoff, der den bis dahin entdeckten Virusvarianten größtenteils den Garaus macht.

Im Grunde wünsche ich mir für die nächsten Monate nichts weiter als einen Ruhetag pro Woche, einen fußfühligen Mann, ein tumorfreies Teckeltier, ein paar krisenresistente Freundschaften, ab und zu eine Nacht mit mehr als fünf Stunden Schlaf sowie Friede für das Heimatland meiner nun vollständig verstorbenen Verwandtschaft mütterlicherseits.

Die Dunkelheit da draußen vor meiner winzigen Koje, in der ich die Hüttennacht zubringe, klebt an den Felswänden wie Teer. In der gebirgsfeuchten Nacht glänzt er: wie frisch darübergegossen wirkt all das schöne Schwarz.

Versiegelt, die Furchen im Frontallappen.
Verschwunden, das sonst Sichtbare.
Vergangen, das heute Getane und Gefühlte.
Verheißungsvoll, das morgen Mögliche.

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12 Kommentare zu “Von der Bekanntschaft mit dem bayerischen Bestattungsgesetz und beflügelnden Bergnächten.

  1. Familie, Geld, Netzwerke, gute und nicht so gute, Termine, Fristen.
    Ich fühle mit dir, weil in guten Teilen bekannt.
    Gruß Reiner

    Gefällt 1 Person

  2. Der langsame aber sichtbare Reha-Erfolg der tröpfchenspringenden Pippa ist von Dir einzigartig festgehalten.
    Zum Thema des Verblichenen fällt mir (nach Beinahe-Erkältung wegen meines vor Verwunderung offenstehenden Mundes) nur der wirklich sehr platte Spruch ein:“.. und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: lächle und sei froh..“ usw. Du kennst ihn sicher, und hier trifft er in besonderem Maße zu.
    Freu Dich über jeden Bergtag mit Ausblicken wie diesen…
    Liebe Grüße.

    Gefällt 2 Personen

    • Deine Worte hab ich doch gleich beherzigt, liebe Birgit, und mich mit dem Fräulein in die Berge verkrümelt, wo ich mal wieder lächelte und froh war, sogar ganz ohne Stimme, die zu mir sprach, stattdessen nur Kuhglockengeläut und Sternenhimmel und eine Nacht in der Scheune (der Alpenverein nennt das auch „Hundezimmer“), richtig romantisch war das und falls das Chaos mal Zeit lässt, berichte ich vielleicht drüber.
      Ganz liebe Grüße an dich & die deinen!

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe N.,
    wieder stelle ich fest, dass WordPress meinen Kommentar offensichtlich nicht zugestellt hat, deshalb ein neuer Versuch: Trotz Ihrer derzeitigen Imponderabilien, die nicht abzureißen scheinen, freut es mich sehr, hier wieder von Ihnen zu lesen, insbesondere erfreut hat mich das Wort „Todestombola“.

    Alles Gute und herzliche Grüße
    Ihr C.

    Gefällt 1 Person

    • Lieber C.,
      gerade köpfe ich ein Unertl, um den Notartermin zu begießen und um für den Rest des Tages zu verdrängen, dass kaum zwei Stunden nach diesem Termin die erste Rechnung in dieser leidigen T-Angelegenheit eintrudelte (und höher ausfiel, als gedacht) – die T-Tombola meint es immer noch richtig gut mit mir.
      Ihnen hoffentlich einen etwas befreiteren Feierabend & auf bald in alter Frische (oder frischem Alter – wir werden sehen).
      Herzlich,
      Ihre N.

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  4. liebe natascha, jetzt habe ich alles gelesen! — und von eifrig beipflichtendem nicken bis zu fassungslosem kopfschütteln mit runterfallbedingter kinnladenstarre ging die mimikpalette … zugleich dachte ich im hintergrund an den montag: wie sehr es mich freute und freut, dass du trotz allem aktuellen ungemach dich zur milchstraße aufmachen konntest! ich schicke herzlichste morgengrüße und beste wünsche stadtwärts zu dir❣️🙋🌿🍀

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  5. Pingback: Come on, come on, no one can see you try. – Kraulquappe

  6. Pingback: Song des Tages (79). – Kraulquappe

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