Geflucht Gelitten Geplant Geschrieben Gestaunt Getäuscht Gewerkelt

Zwei Haufen, zwei Tausender, zwei Nüsse oder: Ein vorläufiges Schlusswort für 2022.

Anfang Dezember.

Der Tag, an dem ich beim Morgengassi mit dem Dackelfräulein den Anzugträger ohne Kacktüte aber mit Riesenköter unflätig anrede, weil er seinen Riesenköter einen Riesenhaufen auf den schmalen Wiesenstreifen vor unserem Haus setzen lässt ohne sich drum zu scheren und einfach weitergeht (und der mir dann – ohne seine weißen Wichtigtuer-Freisprech-Ohrhenkel rauszunehmen und seinem frühmorgendlichen Wichtigtuer-Gesprächspartner genervt ein „Du, wart mal kurz, da macht mich grad eine Frau blöd an!“ zuraunend – schulterzuckend signalisiert, dass er leider in der einen Hand die Leine hält und in der anderen seinen To-Go-Becher, ja, was soll er da machen, wenn der Hund kackt und er nun mal weder eine Tüte noch eine Hand frei hat? -„Stellen Sie sich nicht so an!“ ruft er mir schließlich noch von der anderen Straßenseite aus zu und eilt dann munter telefonierend weiter), jener Tag also beginnt schon ziemlich beschissen.

Aber es gibt immer noch eine Steigerung zu einem liegengelassenen Hundehaufen, nämlich zwei liegengelassene Hundehaufen.
Nummer 2 ist der, in den ich wenige Meter nach der Begegnung mit dem Businesskasper trete, als ich – nur Hundehalter kennen diesen ganz besonderen Zynismus des Zamperlzeus – mich gerade bücke, um das Häufchen des Fräuleins mit einer Tüte aufzuheben. In einem Grasbüschel versuche ich mir notdürftig die Fremdnotdurft von der Schuhsohle zu schaben, da schießt mir von schräg hinten eine Frage in die Seite: „Haste mal 2 Euro?“
Immer noch schuhdrehend wende ich mich der Stimme zu, die die Frage gestellt hat. Das die Stimme umgebende Erscheinungsbild bewahrt mich davor, mit einer Gegenfrage, was die dämliche Duzerei soll, zu reagieren. Ich verneine also ruhig, und dies sogar wahrheitsgemäß, denn zur morgendlichen Hunderunde nehme ich niemals mein Portemonnaie mit. Daraufhin faucht die Frau mich an, dass man in diesem Land genug Geld für Fressen und Klamotten hätte, nicht aber für sie, und zischt noch ein „…sogar für Klamotten für die Köter!“ hinterher und deutet dabei schnaubend auf das bemantelte Dackelfräulein, das mich irritiert anguckt ob des ganzen Geplärrs an diesem Morgen. Ich stampfe mit dem rechten Fuß auf, und das nicht nur, damit durch den Stoß vielleicht noch etwas von den Hundehaufenrückständen aus meinem Schuhprofil fiele, anschließend gehe ich wortlos weiter, zum Mülleimer.

Auf dem Rückweg noch eine erfreuliche Begegnung. Pollock, der fesche Dackelrüde aus der Nachbarstraße, kommt uns schwanzwedelnd entgegen, seine Besitzerin mag ich auch, wir sind uns lange nicht mehr begegnet. In dem typischen Dreisatzdialog, weil wenn zwei Hunde Dackel in unterschiedliche Richtungen an den Leinen ziehen, hat man sich als Leinenhalter recht bald zu entscheiden, was man eher in Kauf nehmen möchte: eine Armverlängerung oder eine Gesprächsverkürzung (meist entscheidet man sich für zweiteres, außer man ist mit einen Chihuahua oder anderen Handtaschenhündchen unterwegs), erfahre ich dann leider, dass Pollock am nächsten Tag nach Berlin übersiedelt, natürlich zusammen mit Herrchen und Frauchen. Schade, ich mochte die drei, spontan wüsste ich mindestens zwei andere Hund-Mensch-Haushalte aus der näheren Umgebung, deren Wegzug Pippa und ich sehr begrüßen würden.

Leider gehen so häufig die Falschen.

*****

Mitte Dezember.

Der Backenzahn tobt wieder. Ist es die Kälte? Oder die fortschreitende Entzündung? Das neue Jahr wird jedenfalls bald mit einer Wurzelspitzenresektion aufwarten, sobald der Gatte runderneuert von der Reha zurückgekehrt, die alte, defekte Spüle aus-, die neue eingebaut und die Steuererklärung 2021 abgegeben sein wird.

Für Letzteres hätte ich zwar Fristverlängerung bis zum 31.08.2023, aber wenn ich die ausreize, kann ich mir im Sommer die Kugel geben, weil das hieße, zwei Steuererklärungen auf einmal machen zu müssen. So viele Fenster, die dann geputzt werden wollten, um erfolgreich gegen zwei solche Alltagsmonster anzuprokrastinieren, hat unsere Wohnung nicht, und der Keller könnte auch nicht dafür herhalten, denn den kann ich erst von den dort lagernden Leichen befreien ausmisten, wenn die Bakerzyste in meiner Kniekehle (Bakerman bakte also nicht nur bread, sondern auch kugelige Klumpen mit Füllung für Kniekehlen) nicht mehr gar so ziept.

Die Reihenfolge, die aktuell geplant ist, lautet: über Weihnachten die Steuererklärung erledigen (wurde nix draus), in den Raunächten verschwindet dann wie von Zauberhand die Zyste (könnte noch was werden), kurz nach Neujahr den Gatten zur Reha fahren (wird wahrscheinlich was werden), Mitte Januar dann der Spüleneinbau mit Lolek (wird werden). Bis dahin ist gottseidank wieder Krapfenzeit, Lolek liebt dieselbe Krapfensorte wie ich, was unserer Zusammenarbeit wie immer zuträglich sein wird. Zur Belohnung in Monatsmitte ein Brandauer-Abend, gemeinsam mit dem hübsch Bewimperten, wahrscheinlich der letzte dieser Art, es heißt also Abschiednehmen von dieser großen Stimme.
Wenn ich ehrlich bin, wage ich’s kaum mehr, solche Planungen kundzutun, weil kaum hab‘ ich’s ausgesprochen, kommt eh alles anders.

Und so isses auch diesmal – einzig auf die spontanen Sperenzchen des Schicksals ist in diesem Jahr absolut Verlass.

*****

Ende Dezember.

Nach einem langen Tag beim Papa mit etlichen Erledigungen, ganz sicher der letzte für dieses Jahr, komme ich spätabends (mit einem Hauch Befreiungsgefühl in der Brust) in die Wohnung zurück und im Flur liegt ein Brief von den Städtischen Friedhöfen München. Beim Öffnen des Kuverts kurz die naiv-optimistische Aufwallung: Vier Tage vor Weihnachten stellen die einem bestimmt nix Unerfreuliches zu!

Drin ist: ein dreieinhalbseitiges Schreiben, eng bedruckt mit Behördenblabla und Paragraphenpalaver. Es ist – nach bloß viermonatiger Bearbeitungszeit – die Reaktion auf meinen Widerspruch gegen den Gebührenbescheid über knapp 1.600€ für die Kühlung des Onkels. Widerspruch hatte ich eingelegt, weil ich mich nur für die Anzahl an Kühltagen als zuständig betrachte, die ab dem Tag meiner Kenntnis von dem Onkeltod angefallen sind, und das sind nur 8 Tage statt der von den Städtischen Friedhöfen in Rechnung gestellten 22 Tage, in pecuniam ausgedrückt bedeutet das immerhin einen Unterschied von 850€.

Nach Lektüre der dreieinhalb Seiten weiß ich: mein Widerspruch wurde aus zig Gründen abgelehnt, von denen kein einziger auf meine Argumentation wirklich Bezug nimmt. Auf der letzten Seite – der Lesende erwartet hier eigentlich nur noch den Amtsservus und die Rechtsbehelfsbelehrung – weist man mich etwas pampig darauf hin, dass in der Angelegenheit ja noch (bislang nie und nirgendwo erwähnte) Transportkosten fällig würden, für die mir alsbald ein weiterer Gebührenbescheid zuginge. Weil von 467€ die Rede ist, kann es sich wohl nicht um die Transportkosten für das vorliegende Weihnachtsbrieflein handeln, vermutlich haben sie seinerzeit den Leichnam in Goldfolie gewickelt und im Bentley zur Kühlhalle gefahren, was weiß ich.

Und ich will auch gar nichts mehr wissen, will mich nicht schon wieder wehren und anstrengen müssen, will nichts mehr verstehen müssen, was sowieso unverständlich bleibt, will mich nicht mehr fühlen wie der Josef K. vom Franz K., doch nach 1.400€ Bestattungskosten jetzt nochmal 2.000€ für diesen in jeder Hinsicht verschiedenen Verwandten zu blechen, dem ich irgendwann vor über vier Jahrzehnten mal für eine Viertelstunde begegnet bin, das will ich auch nicht (vom Können ganz zu schweigen).

*****

Parallel zu diesen Widrigkeiten die weise Entscheidung, es hier im Blog bei der staaden Zeit zu belassen (ach du meine Güte – der Duden schreibt stad!?!), derweil hätten Sie, wenn Sie’s denn gewusst hätten, gelegentlich bei Frau Graugans von mir lesen können, die mir während der Adventszeit unter ihren daunigen Gänseschwingen wärmenden Unterschlupf gewährte und mich auf ihrem winterlichen Weiher ein bisschen herumschnattern ließ.
Dort habe ich in Wort oder Bild ein wenig über das Wasser, die Felsen, die Freundschaft, die Heimat, die Musik, die Treue, den Verrat und den Verlust gemutmaßt – stöbern Sie, sofern Sie das jetzt noch nachlesen mögen, bitte unbedingt auch in den Mutmaßungen meiner beiden Mitschnatterinnen, vielleicht finden Sie ja zwischen den Jahren mal ein ruhiges Stündchen dazu.

*****

Gestern Nachmittag eine kleine, verregnete Laufrunde im nahegelegenen Park. Niemand unterwegs außer ein paar vereinzelten Kopffreikriegwollern, Familienfeierflüchtlingen, Hundebesitzern, Eichhörnchen und Krähen.

Am Wegesrand sitzt einer der hübschen Rabenvögel und hackt mit dem Schnabel auf einer Walnuss herum. Eine Runde später ist die Nuss immer noch nicht geknackt. Als ich das dritte Mal an der arbeitenden Krähe vorbeikomme, stoppe ich, gehe langsam auf sie zu, ohne sie zu erschrecken und mache einen sachten Ausfallschritt Richtung Walnuss. Erwartungsgemäß flattert der Vogel auf und flüchtet auf einen der Bäume. Mit dem festen Profil meines Laufschuhes genügt ein gezielter Tritt – und die Nuss bricht auseinander.

Eine Runde weiter: die essbaren Kerne sind verschwunden. Noch eine Runde weiter: die Krähe sitzt wieder am Wegesrand. In ihrem Schnabel hält sie eine neue Walnuss. Ich bleibe stehen. Von schräg unten schaut mich ihr kluges, glänzendes Auge an, dann senkt sie den Kopf, holt ein bisschen Schwung und schubst die Nuss auf den Kiesweg. Sie kullert direkt vor meine Füße, ich hebe den Fuß an, walte meines Amtes und setze meinen Lauf fort.

Es hätte mich beglückt, diese erfolgreiche Zusammenarbeit noch für weitere Runden fortzusetzen (ein wunderbares Gefühl, so wort- und reibungslos kommunizieren zu können, noch dazu mit so unmittelbar positivem Ergebnis der Kommunikation), doch leider gibt es keine dritte Walnuss mehr (drei Nüsse waren es ja nur im Märchen, das hier aber, das ist das echte Leben).

*****

Genug gewartet, gehen wir weiter.

16 Kommentare zu “Zwei Haufen, zwei Tausender, zwei Nüsse oder: Ein vorläufiges Schlusswort für 2022.

  1. Mir gefällt insbesondere die Geschichte mit der Krähe und den Nüssen …
    Gute Wünsche für zwischen den Jahren!

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  2. Wie schön, das mit der Krähe 🤗
    Herzliche Grüße vom Lu

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  3. Wenn Du trotz aller Widrigkeiten ganz sacht Deine Worte wieder findest, ist das ein vielversprechender Anfang für 2023, denke ich mir.

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    • Es war dann doch kein so vielversprechender Anfang, aber nach 10 Tagen wollen wir das neue Jahr noch nicht in Grund und Boden motzen. Ich höre großartige Musik und lese grandiose Texte und darf jeden Morgen in Quittengelee beißen, das ist viel wert.
      Liebe Grüße zur Nacht!

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      • Der Berliner würde sagen: „Dit wird schon!“. Ich sag das jetzt einfach mal in alter Verbundenheit auch und füge hinzu, dass Quittengelee nichts anderes als flüssiges Glück ist. 😘

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  4. Ich wünsche Ihnen, Pippa und dem Gatten alles Gute!

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  5. liebe natascha, die klugheit der krähe: das berührt mich sehr, ein ganz besonderes erlebnis!
    auf alles andere, hundehaufen, tausender etc. möge der schnee des schweigens fallen in einem so extra orbitanten ausmaß, dass diese unsäglichkeiten auf nimmerwiederkehr verschwinden!

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Pega,
      deine Worte in wessen auch immer Gehörgang! Ist das grammatikalisch korrekt so? Egal, du verstehst schon.
      Verspätet wünsch ich dir einen guten Start ins neue Jahr, das erste, das in der neuen Heimat beginnt, die sehr schön aussieht (dank dir für die Fotos!).
      Herzlich,
      N.

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  6. Trotz der vielen Unerfreulichkeiten:
    Schön, von dir zu lesen!
    Und Danke für die Rabengeschichte mit Walnüssen 😍

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  7. Den Anzugaffen hätte man mit den Hinterlassenschaften seines Köters bewerfen sollen. Aber sich dafür die Hände schmutzig machen?
    Kommen Sie gut und ohne weitere Imponderabilien ins neue Jahr!
    Ihr C.

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  8. Liebe Kraulquappe,
    dieses „Montags-Jahr“ läßt nicht nach, auch kurz vor Schluß kommen weitere versteckte Mängel zutage und nichtmal zu Weihnachten gibt es Ruhe – aber sehen wir’s positiv: Nach all dem Mist in 2022 ist hoffentlich nichts mehr über an Unerfreulichem für’s kommende Jahr … laß dieses Schrottjahr hinter Dir, dreh‘ ihm den Rücken und schau in die Zukunft! Und wenn die sonst nichts bringen mag, dann immerhin eine Springsteen-Tournee mit einem Heimspiel …
    Ein lieber Gruß,
    Spike

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    • Lieber Spike,
      wie du den neuesten Auslassungen entnommen haben wirst, verfügt auch das neue Jahr über Montage, aber so langsam hab ich mich freigehustet und kann wieder ein bisserl Schrott beiseite räumen. Deine Musik hilft sehr dabei!
      Ganz liebe Grüße.

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  9. Auf die Sache mit den prokrastinationshalber zu putzenden Fenstern mein Tipp: sehen Sie sich umzugshalber nach einem Gewächshaus um, am besten im botanischen Garten. Viiieeele Fenster!!
    Heißt Lolek wirklich so und nicht vielleicht irgendwie zwischen Zbigniew und Adam?
    Hoffentlich überschneiden sich die Zeiten der WsR und der Krapfen nicht, es wäre ja schade ums Gebäck.
    Aber nicht zu lange warten mit den Zähnen, sonst womöglich 1. Zahn weg und 2. Trigeminusneuralgie — und dagegen sind alle Zysten, egal wo, ein Zipperlein. Mit einem tobenden Trigeminus ist nicht zu spaßen. Erfahrungswerte liegen vor.
    Dennoch, bzw deswegen wünsche ich ein gesundes und rechtshelfsbelehrungs- wie kackhaufenreduziertes neues Jahr!

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    • Vor lauter Husten kam ich zu nichts, daher erst jetzt eine Reaktion.
      Lolek heißt nicht wirklich so, existiert aber tatsächlich und Krapfenliebhaber ist er auch.
      Das mit der Trigeminusneuralgie ist ein hilfreicher Hinweis, vielen Dank dafür. Ich möchte lieber nichts Genaueres dazu wissen, bevor der Gatte nicht aus der Reha zurück ist und ich den OP-Termin vereinbaren kann.
      Herzliche Grüße!

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