Soundtrack meines Lebens (1): Keep pushin‘ till it’s understood.

Es kommt so gut wie nie vor, dass ich an einem Tag gleich 3x mit dem Papa telefoniere. Heute hat es sich so ergeben.

Nach einer nervenaufreibenden morgendlichen Arbeitseinheit – Beratungstelefonat mit dem Mieterverein zwecks erster aufscheinender Probleme mit der im Juni anstehenden Übergabe der alten Wohnung (die damenbärtige Vermieterin mit Großgrundbesitzerattitüde meint, uns vorschreiben zu können, wer hier die Renovierung durchführt – und auch wie), zwei Telefonaten mit dem Kreisverwaltungsreferat (eine Parklizenz erhalten Sie in München nur, wenn Sie bereits umgemeldet sind, Ummelden können Sie sich aber erst ab Einzug, d.h. Sie müssen im neuen Viertel mindestens 3 Wochen lang Parkscheine kaufen und das geht dann durchaus ins Geld) sowie einer langen Auseinandersetzung mit der Spedition, die den neuen Kühlschrank nach vorheriger Absprache zu liefern versprach (was aber nicht der Fall war, so dass ich mich samstags von einem grantigen Südländer am Telefon beschimpfen lassen durfte, wieso ich nicht die Tür öffnen würde, er stünde da mit einem Kühlschrank) – nach dieser nervenaufreibenden Arbeitseinheit also, die in dieser oder ähnlicher Form momentan zu meinem täglichen Brot gehört (vor allem jetzt, wo es nur noch 4 Werktage bis zum Umzug sind), wollte ich mir eine kleine, erfreuliche Pause gönnen und rief den Papa an.

Der fliegt morgen nach Norwegen und reist per Hurtigruten an der Küste entlang, was er schon immer mal tun wollte und nicht mehr lange wird tun können, da der Parkinson ihm das Reisen mehr und mehr erschwert. Etwas geknickt meinte er heute, dass er bei etlichen Landgängen wohl kaum noch weiter käme als bis zur Eisdiele im Hafen, aber so sei das eben nun.
Ich wünschte ihm eine gute Reise, er mir einen guten Umzug – und wie immer versprach er, sich 1x von unterwegs zu melden (und ich bat um eine Postkarte aus Bodø oder Bergen oder Trondheim, wir haben so unsere Rituale).

Eine gute Stunde später, ich saß gerade über dem Online-Banking-Portal und überprüfte mit weit aufgerissenen Augen die aktuellen Abbuchungen – allein bei der Zeile mit der heute fälligen Kaution für das neue Zuhause stockt einem schier der Atem! – entdeckte ich zu meiner Überraschung zwischen all den Beträgen mit vorangestelltem Minus doch auch glatt einen einzigen (!) mit einem Plus davor. Verwendungszweck: „Zuschuss zum Umzug (hoffentlich der letzte für längere Zeit!)“.

Der Papa war das. Dieser Obolus kam unerwartet, schließlich hatte er sich vor genau einem Jahr bereits recht spendabel gezeigt in Sachen Umzugsunterstützung und erst neulich auch noch einen Großteil der Operation vom Dackelfräulein übernommen. Wir reden nie über Geld, der Papa und ich, oder dass ich was brauchen könnte oder würde, er überweist das einfach so, dabei ist er selbst alles andere als Krösus oder ein wohlhabender Rentner.

Ich wählte also ein zweites Mal seine Nummer. Mit einem brummelnden „Was gibt’s denn noch?“ hob er ab, schwer schnaufend vom Gang zum Telefon. „Ich packe doch gerade meine Koffer und muss immer die Treppe runterlaufen zum Telefon!“ beschwerte er sich. Ich bedankte mich für seinen Zuschuss, war in recht gerührter Stimmung, er aber eher nicht, was ich daran merkte, dass er meinen Dank mit einem nüchternen „Seit 2 Jahren bin ich ja den Unterhalt an deine Mutter los, da kann ich dir schon ab und an was geben. Aber das ist jetzt hoffentlich euer letzter Umzug, bevor ich ins Gras beiße.“ quittierte.

Das klingt makaber, aber er meint es nicht so. Gewissermaßen ist das ein Teil seiner rheinischen Frohnatur, die bislang gottseidank nur ansatzweise dem Parkinson zum Opfer fiel. Dennoch weiß man nicht so recht, was man auf einen solchen Satz entgegnen soll. Ich versuche es mit einem unbeholfenen munter-optimistischen „Na, so schnell wirst du ja nicht ins Gras beißen!“ (und beiße mir danach heimlich ein wenig auf den Lippen herum, denn: Weiß man’s?!? Oft ist mein diesbezügliches Gefühl ja gar kein so zuversichtliches!).

Anschließend geht das wackere Werkeln in die nächste Runde.
Diese Woche gibt es für jeden Tag eine Liste, was zu tun ist und was nicht vergessen werden darf. Anders haut das nicht hin, wenn man mehr oder weniger alleiniger „Umzugsmanager“ ist und als solcher zwei ehrgeizige Ziele verfolgt: 1. Auf dem letztjährigen Pokal eine zweite Zeile eingraviert zu bekommen (da ist nämlich noch Platz!) und 2. bis zum Geburtstag mit allem (außer Antworten auf Vorhangstoff-Fragen) fertig zu sein.

Sie wollen diese 2-Monats-Liste nicht sehen, glauben Sie mir (und ich veröffentliche sie auch nicht).
Die neue Wohnung ist prima, aber weist diverse Baufälligkeiten auf bzw. erfordert an einigen Ecken kleinere oder größere Anpassungen und Umbauten, damit man überhaupt erstmal Auspacken oder gar Wohnen kann. Ein prima Handwerker ist zwar schon gefunden, der sich in den nächsten Wochen all dieser Dinge annehmen wird, auch der Projektplan ist zeitlich und organisatorisch bereits fixiert, trotzdem wartet da eine ganze Menge Arbeit.

Als ich gegen Mittag aus unserer Tiefgarage fahren möchte, die wirklich ein sadistisches Schmankerl des hiesigen Architekten war, da sie einem zumindest bei vollbeparkter Garage ein diffiziles, minutenlanges Gekurbel um Säulen, Wände und andere Stoßfänger abverlangt, streikt der seit Monaten lädierte Ellenbogen endgültig. Heulen könnte ich vor Schmerzen!

Schon letzte Woche rief ich nach einer ähnlichen Situation verzweifelt beim behandelnden Orthopäden an, der in seiner Praxis ja immerhin ein Schild hängen hat, dass man in Notfällen anrufen und einen kurzfristigen Termin vereinbaren solle, aber nach Auskunft der unfreundlichen Tresentussi wäre das „frühestens Mitte Juni“ möglich gewesen, woraufhin ich pampig sagte, den Notfall wolle ich mal sehen, der in der Lage sei, sechs Wochen auf einen „kurzfristigen Termin“ zu warten, und dann verärgert das Gespräch beendete (und meine Ibuprofenkur um eine weitere Woche verlängerte, bis ich sie wegen Ganzkörperausschlags, die sog. „Ibu-Masern“, und Magenschmerzen dann doch abbrechen musste).

Den Tränen nahe googelte ich in der Tiefgarage nach der Nummer der orthopädischen Praxis. Ein Anrufbeantworter informierte mich, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten anriefe, um 14 Uhr könne ich wieder jemanden erreichen. Es war 13:45 Uhr.
Kurzerhand beschloss ich, einfach hinzufahren und mich notfalls an den Empfangstresen zu ketten und so lange um eine Spritze zu winseln, bis sie mich wohl oder übel drannehmen würden. Gleichwohl war mir klar, dass das bei der bärbeißigen Tresentussi verdammt schwierig werden würde.

Auf der Fahrt zur Praxis musste ich an einen Satz denken, den mir der Papa mit auf den (Lebens-)Weg gegeben hatte und an den er mich bis zum Erwachsenwerden (wann auch immer dieser Zustand „erreicht“ war oder sein würde) stetig erinnerte: „Wenn du etwas willst, das dir wichtig ist, dann musst du das auch ausstrahlen, und dafür musst du dir die passende innere Haltung zulegen, damit man die auch deutlich spüren kann.“

Vier Kilometer Autofahrt sind nicht viel, um sich, wenn man Schmerzen hat und auch sonst eher gestresst ist, diese Haltung zuzulegen, selbst wenn man extrem dringend seine Pein loswerden will. Glücklicherweise bekam ich vom Schicksal noch 5 zusätzliche Minuten auf den Stufen vor der Praxistür für diese innere Präparierung geschenkt, da die Tresentussi erst Punkt 14 Uhr um die Ecke bog und grantig die Tür aufschloss.
Alles an mir, sogar der kaum noch bewegliche rechte Arm, strahlte beim Betreten der Praxis aus, dass ich jetzt sofort eine Spritze will. Ich gab mir einen Ruck und begann den Dialog so charmant ich konnte. Trug ausgesucht höflich und zugleich bestimmt mein Anliegen vor, wurde aber sofort unterbrochen und mit „Haben Sie einen Termin?“ angebellt.
Nein, den habe ich nicht, aber es ist ein Notfall, die Diagnose ist seit Monaten dieselbe, und in 1 Woche ziehe ich um und das werde ich definitiv nur packen, wenn ich jetzt eine Spritze in den Ellenbogen bekomme.

Erwartungsgemäß rührte das den Praxis-Cerberus überhaupt nicht und ich wurde erneut in muffigem Tonfall belehrt, dass es die nächsten freien Termine erst ab Mitte Juni gäbe. Nun entspann sich eine heftige Diskussion, in der ich an dem einen oder anderen Punkt zu gern mal mit der Faust auf den Tresen gehauen hätte, wenn mein Arm das nur zugelassen hätte. Es blieb aussichtslos, der Tresen-Terminator stellte sich stur.

Ich betete mir innerlich nochmal den Satz des Papas vor, holte ein letztes Mal tief Luft und sagte „Hören Sie mir jetzt mal gut zu: Ich verlasse diese Praxis erst nach einer Spritze, im Wartezimmer sitzt gerade noch niemand, die Spritze dauert keine 2 Minuten und Sie fragen nun bitte Ihren Chef, ob er bereit ist, mir diese zu verpassen.“ Und das Ganze vorgetragen mit Oberterminator-Miene und einer Stimme so fest wie der Würgegriff einer Python!

Die Tresentussi ließ mich augenblicklich im Wartezimmer Platz nehmen. 3 Minuten später holte mich dort mein Orthopäde ab, war sehr freundlich und zugewandt, wie immer, ich mag diesen Arzt (der erste Orthopäde, von dem ich das behaupten kann). Er tastete meinen Ellenbogen ab, ich schrie mehrfach auf, wir besprachen noch kurz die Dosierung und die Ingredienzien der Spritze – und, zack!, setzte er auch schon die Nadel an meinen Arm. Ich biss die Zähne zusammen – zeitlebens war ich Spritzenphobiker! – dachte fest an den Umzug und an die Wirkung, die in spätestens 48 Stunden einsetzen würde.
Der Arzt begleitete mich anschließend noch hinaus und bevor wir uns verabschiedeten, drehte er sich um und rief dem Tresenterminator zu, dass Frau Kraulquappe in Notfällen zu ihm vorzulassen sei, da sie Stammpatientin ist.

30 Minuten nach Ankunft in der Praxis verließ ich diese wieder.
Gespritzt und zugenäht – was für ein Akt, was für ein Kampf! Im Auto heulte ich erstmal (vor Erleichterung und wegen überstandener Spritze) und fuhr dann weiter zum Einkaufen. Auf dem Supermarktparkplatz angekommen, blieb ich noch im Auto sitzen, nahm spontan das Handy und rief zum dritten Mal den Papa an.

Um ihm zu sagen, wie dankbar ich ihm bin für diesen Satz aus seinem väterlichen Survival-Baukasten und wie gut es war, dass er mir den so früh und so nachhaltig eingeimpft hat, und wie traurig es zugleich ist, dass ich schon so oft ich von dieser Empfehlung Gebrauch machen musste.

Danach hörte ich mir noch Springsteens Badlands an, ein Song aus dem musikalischen Fundus, den ich den Soundtrack meines Lebens zu nennen pflege.
Und als ich die für heute entscheidende Strophe mitgesungen hatte, in der es heißt: „keep pushin‘ till it’s understood and these badlands start treating us good“, da hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen und konnte den Wagen verlassen, mich nochmal schütteln und frisch gespritzt den Supermarkt betreten.

*****

Freuen Sie sich schon heute auf den demnächst in der Rubrik „Keep pushin‘ till it’s unterstood“ erscheinenden Beitrag „Kafka on the phone“, den Sie sich gerne als Anleitung für die Beauftragung des Umzugs Ihres Telefon-, Internet- und TV-Anschlusses ausdrucken dürfen, falls Sie zu den armen Schweinen gehören, die einen Vertrag mit Vodafone abgeschlossen haben, an den Sie (mit Ihrem versehrten oder unversehrten Ellenbogen, das macht hier kaum einen Unterschied!) für 24 bittere Monate gefesselt sind.

Bis dahin grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.

Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz).

„Wir haben heute Mittag einen Besichtigungstermin“, sagt der Gatte und hält mir das Exposé der Sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung unter die Nase.
„Aha“, sage ich, lese mir die Eckdaten durch, werfe mein Laptop an und guglmäpse die Lage. Leider ist vorab keine Zeit mehr für die sonst übliche Kurzvisite zur genaueren Vorab-Überprüfung. Dachgeschosswohnungen sind eigentlich nicht unser Favorit, abgesehen davon, dass einem dort niemand auf dem Kopf herumtanzt (außer Vermieter und Hausverwaltung).
Aber man muss flexibler werden, wenn man bereits in Monat 6 der Wohnungssuche angelangt ist und die Chancen ein klein wenig erhöhen möchte, dieses Projekt vielleicht doch noch bis zum Jahresende abzuschließen.

Die Wohnung liegt in einem netten Viertel und hat einen Grundriss, mit dem man was anfangen kann und der einem nicht abverlangt, die Hälfte aller Möbel auszutauschen. Der nächste Grünstreifen ist 80 Meter entfernt, die Infrastruktur passt und der Mietpreis bewegt sich noch unterhalb der Wuchergrenze.
Sonnig, charmant, ruhig und gepflegt – prima, denke ich, das sind ja genau jene Attribute, die einen bei einer Partnerbörsenannonce auch sofort aufmerken ließen. Klingt nach was Langfristigem, Attraktivem und Solidem.

„Alles klar“, rufe ich also nach meinen schnellen Recherchen dem Gatten zu, „dann lass uns da mal hinfahren!“.
Pelle mich in mein Wohnungsbesichtigungsoutfit, kämme mir nochmal fix durchs Haar, poliere kurz über die Lederstiefel und stelle meinen Schwimmbadrucksack in die Diele.
Denn es hat sich sehr bewährt, direkt nach solchen Terminen ein Stündchen rekreative Reinwaschung und befreiende Bewegung anzuschließen. Quasi das beschwerte Besichtigungsgemüt durch die Schwerelosigkeit im Wasser etwas ausbalancieren. Kann ich nur empfehlen!

Mieter in München: Ein einziges Witzleben.

Vor dem Haus Nummer 9 schleicht schon ein anderes Paar herum. Dass es sich um Mitbewerber handelt, ist unschwer am Outfit sowie am nach oben – zum Dachgeschoss – gerichteten Blick zu erkennen (kurzer Check: jünger, schwangerer, duldsamer, also ist ein gelassenes „Hallo“ angesagt).

Im Treppenhaus stinkt es nach erkaltetem Zigarettenrauch, ein uncharmanter Aufzug befördert uns ins 4.OG, wo uns Frau Huber durch den leukoplastfarbenenen Hausflur bereits mit zur Begrüßung ausgestrecktem Arm entgegeneilt.
Frau Huber ist die Maklerin: Erkältet, ahnungslos, aufgebklebte Billigfingernägel, emsig plappernd. Als sie bzgl. der vom Vermieter angestrebten Mietdauer den Satz „Der Eigentümer wünscht sich daher nachhaltige Mieter“ raushaut, frage ich charmant nach, wo denn die Komposttonnen stünden. „Im sonnigen Innenhof“, entgegnet Frau Huber und verweist darauf, dass wir den nachher natürlich auch noch besichtigen würden.

Der Gatte möchte wissen, wer denn der Eigentümer sei und wie es in puncto Eigenbedarf aussähe. Erst letzte Woche kam eine Wohnung u.a. deshalb nicht in Frage, weil der Wohnungsbesitzer drei studierende Töchter hatte, die vielleicht demnächst aus dem Ausland zurückkehren und dann sicher gern in Daddys Schwabinger Wohnung einziehen möchten, so dass Daddy dann leider sofort seine Mieter vor die Tür setzen müsste (immerhin wurde dieser kleine Haken offen angesprochen).
Heute ist in dieser Hinsicht wohl nichts zu befürchten, Frau Huber beschreibt den Eigentümer als „steinreich“ und im Süden von München in einem großen Haus wohnend. Außerdem hätte er mehrere Wohnungen in München zur Kapitalanlage, da könnten wir uns also entspannen, der würde nie Eigenbedarf anmelden.

Die Dachgeschosswohnung verfügt über etliche „Schreinereinbauten“ in diversen Nischen und Ecken. Sideboards, Besenschrank, Regale, ein Kleiderschrank. Dafür möchte der Vermieter eine stolze Ablöse haben sowie „einen Mieter, der die schönen Einbauten zu schätzen weiß“. Das Glump ist 20 Jahre alt. Ebenso das Parkett. Und die Einbauküche. Und die Plastiktürklinken.
Hieß es in der Annonce nicht „gepflegt“?!?

Da der Holzboden in allen Räumen gleichermaßen ramponiert ist, wage ich die Nachfrage, ob die Böden denn noch renoviert würden. „Oh nein“, meint Frau Huber, „dafür ist leider keine Zeit mehr, denn die Wohnung muss zum 1. April vermietet sein.“
Völlig klar, wo kämen wir denn da hin, wenn ein steinreicher Typ so einen Mietausfall hinnähme, nur um seinen nachhaltigen Mietern für eine ordentliche Miete auch einen ordentlichen Boden zu bieten?

An der Tür zur Duschkabine fehlt der Griff, die angeschimmelten Silikonfugen lenken aber perfekt von derlei Kleinkram ab, außerdem brummt die Lüftung im Bad sowieso so laut, dass man hier nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.

Neue Serie in der Münchner tz: „Vom Aussterben bedrohte Arten“.

Während Frau Huber drinnen weiterquakt und das schwangere Paar andächtig lauscht, treten wir hinaus auf das „Highlight“ der sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung: die Dachterrasse.
„Südseitige Dachterrasse zum ruhigen, idyllischen Innnhof gelegen“, hieß es in der Anzeige. Wir lehnen uns an das rostige Geländer und spähen nach unten. Der idyllische Innhof ist eine betonierte Ödnis mit vergitterten Durchgängen zu den umgebenden Häuserblocks in klosteinmint und ausgekotztapricot (im farblichen Wechsel).

Durch die Gitterstäbe würden vermutlich auch der Straßenlärm und das Rattern der Züge in die Ruhe des Innenhofs dringen. Nicht so heute, denn an dem einzigen Stück Erdreich im Hof macht sich geräuschvoll ein kleiner Bagger zu schaffen. Wahrscheinlich der Beginn der Aushubarbeiten für den überfälligen Mieter-Komposter im Herzen der Idylle. Als Soundtrack zu all diesen Eindrücken fällt mir spontan der „Folsom Prison Blues“ ein.

I hear the train a comin‘
It’s rollin‘ ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine
Since, I don’t know when
I’m stuck in Folsom Prison

Ich richte meinen Blick wieder nach oben. Lasse ihn über die Hausdächer schweifen und denke über den steinreichen Vermieter dieses charmanten Gesamtpakets nach. Hinter den Ziegeldächern des diagonal gegenüberliegenden Hauses guckt die Spitze des Mercedes-Benz-Turms hervor, der Stern des Kapitalismus‘ sich unaufhörlich auf dessen Dach drehend, Runde um Runde, 24h lang, nachts sogar beleuchtet.

Auf dem Weg zum Schwimmbad suche ich in der Musiksammlung nach diesem vor Ironie triefenden Prolog „I’d like to do a song of great social and political importance. It goes like this!“ und trällere anschließend in einer Stimmung, die irgendwo zwischen apathisch-abgestumpft und aggressiv-aufgedreht liegt, ein bisschen mit:

I’m counting on you lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round.
Oh lord won’t you buy me a flat in the town.

Mercedes Benz München an der Donnersberger Brücke.

Einen Glauben müsste man haben, dann wäre das mit der Hoffnung vielleicht auch manchmal leichter.

Mrs. Joplin fuhr übrigens keinen Benz, sondern einen Porsche, der aber weder für nachhaltiges Glück, noch ein langes Leben sorgen konnte.

Frohes Wohnen und ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Geschüsselt, nicht geniert.

Gestern im Moloch „Mietwohnungsmarkt“ einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Mittäglicher Besichtigungstermin in einem der bevorzugten Viertel, eigentlich den Fotos nach die Traumwohnung. Vom Balkon hätte man fast ins geliebte Schwimmbecken gucken können. Hundehaltung erlaubt (!), rund um die Wohnanlage Grünstreifen en masse fürs Dackelfräulein, sogar ein Stellplatz fürs Gefährt, zunächst netter Kontakt zu den Vermietern per Mail.

Dezenter Hinweis einen Tag vor Besichtigung, dass aus unerfindlichen Gründen das Parkett etwas geschüsselt habe („geschüsselt“?, nie gehört! – wir googeln das erstmal, aha: „geschüsselt“ kann man also ganz wörtlich nehmen!), vielleicht die Kälte oder so, oder das viele Lüften während der Badrenovierung, man müsse da nun nach einer „gemeinsamen Lösung“ suchen.

Die sah dann vor Ort, als sich beim Anblick des durchgehend geschüsselten Holzbodens unsere Zehennägel vor Schreck beinahe ebenfalls zu schüsseln begannen, so aus, dass der kleinkarierte, näselnde Schwabe allen Ernstes vorschlug, der Mieter dürfe sich ein Parkett ganz nach eigenem Geschmack aussuchen und das dann in Eigenregie verlegen lassen. Natürlich auf eigene Kosten („desch koschd au ned mehr als 6.000€!“). Und vorher müsse halt der geschüsselte Boden entfernt werden, sind ja nur schlappe 80m². Natürlich auch auf eigene Kosten.

Mietbeginn müsse dennoch zum 1. März (gestern war der 25. Februar!) sein, man könne sich jetzt unmöglich noch weitere Monate Leerstand leisten (gerade sei der Umzug ins eigene Haus erfolgt). In 4 Tagen sicher eine etwas sportliche Leistung, aber wenn man gleich morgen loslegte, ja durchaus zu schaffen (er habe da einen Bekannten an der Hand…, wenn man wolle, stelle er den Kontakt her…).
Dafür sei die Kaltmiete ja auch absolut fair (einen Kotau dafür: sie lag nur 250€ über dem nach gültigem Mietspiegel ermittelten Preis für diese Lage und Ausstattung, anderswo liegt sie schon mal 400€ drüber).

Worin das „Gemeinsame“ dieser Lösung bestand, wurde nicht verraten. Dafür verriet man uns beim Streifzug durch die Wohnung an der einen oder anderen Stelle noch die bis dahin nirgends erwähnten Ablösesummen für uralte Schränke oder Regale in potthässlichem 80er-Jahre-Design („desch is Massivholz, desch häld no a Ewigkoit!“).
Wir kamen recht gut an bei dem Vermieterpaar, hatten beste Chancen, den Zuschlag für die Wohnung zu bekommen.

Nach dem Termin schlich ich deprimiert um die Ecke zum Schwimmbad, sprang bei minus 8 Grad Außentemperatur ins geliebte Becken, schwamm mir den Frust aus den Knochen, ließ mir den eisigen Wind um Nase und Schultern wehen, und schrieb danach eine vernichtende Email an den kleinkarierten, näselnden Schwaben. Dass wir natürlich wüssten, dass es Gang und Gäbe sei, aus der Wohnungsknappheit ungeniert Kapital zu schlagen, und dass das mit Sicherheit leider auch in seinem geschüsselten Fall von Erfolg gekrönt sein würde, er sich aber andere Deppen als uns suchen müsse, denen er zum 1. März seine renovierungsbedürftige Bude zum schwäbischen Schnäppchenpreis andrehen könne.

Manchmal überkommen mich Mordgelüste und Amokphantasien (das schrieb ich ihm nicht, ich hab mich schließlich im Griff).
Das Schlimmste sind die Ohnmachtsgefühle und diese immer wieder entstehende und wenig später sich zerschlagende Hoffnung.

Am Abend liegen wir wie erschlagen auf der Couch, stöbern in den diversen Wohnungsportalen, schütteln die Köpfe und schütten uns die Gläser voll.
Zwei brauchbare Angebote finden wir noch, von denen eines bei näherer Betrachtung sofort unter den Couchtisch fällt, da Absätze wie diese an Tagen wie diesen nichts als ein inneres Messerwetzen auslösen:

Zum Besichtigungstermin bringen Sie bitte Folgendes mit:
– gültiger Personalausweis / Reisepass
– Bonitätsauskunft der Schufa
– Gehaltsnachweise der letzten drei Monate
(alternativ Steuererklärung bzw. Bestätigung durch Wirtschaftsprüfer / Steuerberater bei selbständiger Tätigkeit)

– Schriftlicher Nachweis der Mietschuldenfreiheit vom letzten Vermieter
– Mieterzeugnisse vom Vorvermieter bzw. bisheriger Mietvertrag und Kontaktdaten vom Vorvermieter.

[Habt ihr jetzt vollends den A…. offen: „Mieterzeugnis“?!? Und wo bleibt das Gegenstück, das „Vermieterzeugnis“? Wo kann man endlich Noten vergeben für die Kategorien „Ausbeutung & Abzocke“, „Schamlosigkeit & Schurkerei“, „Gier & Geiz“?]

Irgendwann schlägt der Gatte, müde am Rotwein nippend, vor, doch mal „völlig verrückt“ über das ganze Thema nachzudenken:
Auswandern nach Bodø (er hatte da doch mal einen universitären Kontakt)?
Raus aufs Land (neulich sah ich ein Inserat eines herrlichen Hauses am Schliersee, zum Preis einer Zweizimmerwohnung in München)?
Drastisch verkleinern (Möbel verkaufen, das Wohnzimmer abschaffen, Abende mit Gästen kriegt man auch am Küchentisch rum)?

Wir surfen weiter suchend durchs Netz, vom Nordkap bis zum Alpennordkamm, vom Haus am See übers Appartment in der Au und Schwabinger Hochhäuser bis hin zur Hütte in den Bergen.

Meinen Sonntag beende ich mit diesem Bild:

48m² Wohnfläche, 1.600m² Dackelfläche, 800€ warm.

Kann man dann auch entspannt Teilzeit arbeiten, ist ja nix mehr groß zu finanzieren.
Urlaube und Ausflüge überflüssig, den Berg vor der Nase habend und das Karwendel einen Katzensprung entfernt.
Ich von dort aus direkt hoch zur Hütte für den Saisonjob, der Gatte 1x wöchentlich zur BOB für den Einsatz in Frankfurt.
Klamotten braucht man eh nicht mehr viele, ist auch kein Platz da, um die aufzuhängen (außer draußen).
Stattdessen: Gartenhausbau erwägen. Oder gleich ein Austragshäusl für die Teckelzucht.
Wohnzimmerfrage kann man ebenso abhaken wie den ganzen Schwachsinn mit offenen Küchen und modernen Belüftungssystemen.
Kino etc. haben wir sowieso reduziert seit wir den Hund haben und ein DVD-Player nimmt nicht viel Platz weg.
Die Süddeutsche kann man auch online lesen. Der Paketbote hat endlich Platz zum Parken und stört niemanden sonst.
Grünstreifensuche entfällt ebenfalls, eher sucht man nach der Teerstraße für die Fahrt ins Dorf, zum Einkaufen.
Aber das ginge auch mit dem Bollerwagen.
Zeit hat man dann ja ebenfalls, und der Dackel würde sich gut machen vorn drin im Wagerl, so als bayerische Galionsfigur.

Um 21 Uhr verkrümle ich mich ins Bett, absolviere so mühelos wie selten einen zehnstündigen Erholungsschlaf.
Träume von planen Ahornholzböden in überteuerten Wohnungen, wackligen Baumhäusern in dichten Wäldern und windigen Tipis am tosenden Wildbach.

Neue Woche, neues Glück.

Selbiges wünscht Euch
Die Kraulquappe.

Seelenlos.

Liebe Abendzeitung,

heute bist du zu weit gegangen und ich habe gelinde gesagt die Schnauze ziemlich voll. Und zwar nicht mit Kinderklamotten, weil ich irgendeinen Schraz im Herzogpark in den Popo gezwickt hätte, was ich nie tun würde, weil ich mich nicht auf Spielplätzen herumtreibe (allein des Gekreisches wegen, ich höre das schließlich 10x lauter als ihr Menschen).

Dass du deine Leser auf dem Titelblatt mit dieser Frage ankläffst, finde ich nicht nur reißerisch, sondern unnötig tendenziös und journalistisch unseriös. Du berufst dich auf irgendeine Tiertrainerin, die auf die Wiese gehustet hat, 30% seien unerzogen. Aha. 30% von was? Der Hunde, die sie trainiert hat? Oder kennt die tatsächlich jeden einzelnen Hund in der Stadt? Ich kenne die Frau jedenfalls nicht!

Die sogenannten Vorfälle, die du erwähnst, sind Einzelfälle (und man kann sich drüber streiten, ob bei 35.000 Hunden in der Stadt 100 Vorfälle pro Jahr viel sind…), und grundsätzlich sind wir Hunde an solchen Vorfällen unschuldig – einzig der Besitzer steht hier in der Verantwortung.
Wenn du dieses Fass also schon aufmachen willst, um das Thema zu diskutieren, dann frag gefälligst korrekt: „Wie nervig sind Münchens Hundehalter?“ Meinetwegen kommst du dann zu dem Schluss, dass 30% aller Münchner Hundehalter unerzogen sind. Da kann man drüber diskutieren, und zwar am besten zusammen mit ein paar kompetenten Tiertrainern und Psychiatern.
Aber die Leute so plump und pauschal gegen uns Hunde aufzuhetzen, da setzt du echt am falschen Ende der Leine an (und im schlimmsten Fall bestärkst du damit noch Hundehasser in ihrem Tun).

Dass das aber leider deine schäbige Intention war, verrät auch das Bild, das du neben deine Schlagzeile gesetzt hast.
Ja um Himmels Willen! Wo hast du denn die arme kleine Töle ausgegraben?
Hauptsache, gefletschte Zähne, was? Als wäre das ein üblicher Hundegesichtsausdruck!

Du hättest ja wenigstens den Anstand besitzen können, nicht auch noch die dentalen Probleme der zerzausten Promenadenmischung bloßzustellen – so ein Unterbiss geht wirklich niemanden etwas an. Geschmacklos ist das!
(Immerhin schießt du dir mit der Bildwahl selbst ins Knie, denn du nennst dich ja „Abendzeitung – Das Gesicht dieser Stadt“.)

Grantig guckte ich zum Zeitungskasten neben dir und kann der tz nur zustimmen:

Wenn manches hier so weitergeht, verliert diese Stadt wirklich noch ihre Seele.
Gerade am Welt-Nudel-Tag hätte es wirklich Wichtigeres gegeben, worüber sich die Boulevardpresse hätte auslassen können.

Besorgte Grüße schickt dir
Deine Pippa.

 

Dran.

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Seit Sonntag starke Schwankungen bei der Heizung und dem Warmwasser.
Heute Morgen ging dann gar nichts mehr, also kalte Katzenwäsche und mit noch kälteren Füßen am Schreibtisch gesessen und versucht zu arbeiten.

Unsere reizende Hausverwaltung, bei deren Angestellten eine innerhalb einer Firma selten hohe Dummschwätzer-, Idioten- und Verweigererquote erzielt wird, ist von rund 10 Mietern im Haus seit 8 Uhr behelligt worden.

Gegen 10:45 Uhr dann der trostspendende Rückruf: Man sei mit Hochdruck an der Sache „dran“. (Mit Hochdruck sind die angeblich auch schon seit April 2016 an den gemeldeten Mängeln hier in unserer Wohnung „dran“. Passiert ist bislang gar nichts.)

Aber (und es gibt immer ein „aber“, egal, um was es geht): Der Installateur hätte schon gesagt, die Pumpe wäre erst im Dezember überprüft worden, also daran könne es kaum liegen, vermutlich seien die Stadtwerke schuld und bis man dort mal jemanden erreichen würde, das könne dauern.
Und schließlich: „Ja schaun’S, in unserer Wohnanlage in der Bajuwarenstraße, da warten die Mieter seit 1 Woche auf Warmwasser, nicht erst seit heute Morgen.“.

Achso, na, wenn das so ist, bin ich natürlich sofort still und friere, niese und miefe demütig weiter. Das dauernde Niesen geht eh nichts aufs Konto einer nahenden Erkältung, sondern kommt vom Haselflug. Da darf man nix vermischen und muss fair bleiben.

Hilfsangebote wie warme Wannenbäder am Abend oder Duschasyl am Morgen – bevorzugt im Münchner Westen – werden dennoch gerne unter kraulquappe@web.de entgegen genommen. Herzlichen Dank!

Die Kraulquappe.

Morgenstund‘ hat… (Ein Gruß nach Frankfurt.)

Lieber Gatte,

noch gestern Abend teilten wir telefonisch unseren Kummer über den schlechten Start in den Dienstag, den wir viel zu früh, viel zu laut und viel zu milchlos erdulden mussten. Und was erwartet mich dann am heutigen Mittwochmorgen? Na, ahnst du schon, was jetzt kommt?

Um 5:20 Uhr, also zu besten Hausmeisterkratzzeit werde ich von Würgegeräuschen geweckt. Unserer Dackelmadame war übel, sie verließ das Bett und hinterließ zwei Gallepfützen. Ich sprang auf, tappte halb blind in die Küche, holte die Küchenrolle und den Lappen, und beseitigte die Bescherung. Wohl wissend, dass unser Hund nie mehr als 2x hintereinander erbricht, stiegen wir wieder ins Bett und da es ansonsten herrlich ruhig war, konnte ich binnen 20 Minuten wieder einschlafen.

Aber nur eine schlappe Stunde später riss mich dann erneut ein alarmierender Ton aus dem schönsten Morgentiefschlaf. Ein schrilles Piepen ertönte! Pippa und ich rissen zeitgleich den Kopf hoch. Dein Wecker!!! Da du ihn gestern dank des Hausmeisters nicht benötigt hattest, hast du ihn einfach samt einprogrammierter Weckzeit zurück- und auch eingeschaltet gelassen.

Wecker, für immer zum Schweigen gebracht.

So kann man sich seiner Familie auch ins Gedächtnis rufen, schon klar. Wir haben intensiv an dich, unseren Ernährer, gedacht, sogar kurz erwogen, anzurufen und einen Satz wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ in den Hörer zu trällern!
Nächstes Mal machen wir das, versprochen.
Der Morgen begann also schneefalllos (und daher auch hausmeisterlos), aber keineswegs einfallslos.

Immerhin war wieder Milch im Kühlschrank. Es sind die kleinen Dinge, an denen man sich freuen soll.

Einer adäquaten Entschuldigung harrend grüßt dich
Deine müde Familie.

Sound of Silence oder: Game over (not yet).

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Leider bin ich der klassische Fall für gelungene, lebenslange Markenbindung. Leider hat das manchmal weit weniger mit erfülltem Qualitätsanspruch zu tun als ich mir einreden möchte. Sondern vielmehr mit Gewohnheit und Veränderungsresistenz.

Ich bin in einem MieleWamslerSiemens-Haushalt aufgewachsen. Jedes größere Elektrogerät trug einen dieser Markennamen, die in den 1970er Jahren noch für solide Qualität made in Germany standen. Der Prozess der Markenbindung – so behaupten Forscher – setzt bereits im Alter von 3 Jahren ein. Da ist schon was dran, zumindest in meinem Fall. Das erste Wort, das ich mit knapp 4 Jahren lesen und schreiben konnte, war SIEMENS.

Daran war nicht nur unser technisches Equipment schuld. Wir wohnten nicht weit entfernt von den im Münchner Süden angesiedelten Siemenswerken, so dass überall in der Gegend die weißen Autos mit dem damals noch dunkelblauen Schriftzug herumfuhren und als Kind der 70er Jahre guckte man bei Autofahrten ja noch keine DVDs auf an der Rückseite der elterlichen Sitze montierten Tablets, sondern aus dem Fenster.

Spielte ich auf dem Küchenboden, war ich umgeben von WAMSLER und SIEMENS, im Flur konzipierte ich meine riesigen Playmobil-Landschaften so, dass noch Schneisen für die Einsatzfahrten des MIELE-Staubsaugers frei blieben und in der Badewanne planschte ich mit meinem aufziehbaren Wal herum (der Wasser speien konnte!), während die MIELE-Waschmaschine vor sich hin blubberte und trommelte.

Fast 20 Jahre später war mein erster eigener Kühlschrank von SIEMENS und mein erster Staubsauger von MIELE. Andere Studenten jobbten, um die Welt zu bereisen oder sich Auslandssemester zu finanzieren, ich steckte das Geld in mein kleines Würzburger Apartment, Musik, Bücher, gutes Essen, französische Zigaretten und Sprit für den Ford Fiesta. Nur eine vernünftige Waschmaschine war nicht mehr drin, da ärgerte ich mich jahrelang mit einem Billig-Glump von Neckermann herum.

Je erwachsener ich wurde, desto mehr emanzipierte ich mich von dem Markenuniversum meiner Eltern. Nur der MIELE-Staubsauger ist mir immer geblieben. Der erste hielt 12 Jahre, der zweite 10 Jahre. Ich mag die Bauweise, ich mag das integrierte Zubehörfach, ich mag die Haptik und am meisten mag ich, dass sich an dem Teil seit meiner Kindheit nichts Wesentliches verändert hat. Hatte man sich einmal an die Bedienung gewöhnt und war mit all den durchdachten Funktionen vertraut, konnte man 10 Jahre blind vor sich hin saugen und sich auch beim nächsten Staubsauger darauf verlassen, nicht groß umlernen zu müssen.  Außerdem sahen die Dinger nie aus wie R2-D2, präsentierten sich niemals in abgespacten Joggingschuhfarben und bekamen durch all die Jahrzehnte auch nie alberne Modellbezeichnungen wie „Vampyr“ oder „Dirt Devil“ verpasst.

Erst bei meinem dritten MIELE-Staubsauger, den ich im Winter 2013 anschaffte, hatten sich die Anglizismen eingeschlichen und ich musste zwischen drei Produktlinien wählen – Classic, Eco oder Power –  innerhalb derer es etliche Untertypen gab, je nach Reinigungserfordernissen und Größe des Geldbeutels. In treuem Glauben, auch der dritte MIELE meines Lebens würde wieder eine Dekade lang an meiner Seite gegen den Schmutz und Staub des Alltags kämpfen, gab ich ein kleines Vermögen für den neuen Hausgehilfen in Obsidianschwarz aus.

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Heute ist er, nach nur 3 Jahren, verreckt.

Unsere Dackelmadame hat ihn als Erste kommen hören, seinen frühen Tod. Vor einigen Wochen begann sie urplötzlich die Flucht zu ergreifen, wenn der MIELE EcoSilence ihr zu nahe kam (zuvor konnte man ihr quasi die Knochenbrösel vor der Nase wegsaugen und sie zuckte nicht mit der Wimper). Ich hatte schon wieder die Hormone im Verdacht, aber eine Weile später vernahm ich es auch: ein neuartiges Röcheln, beim Ausschalten gar ein Heulen und Husten. Eine Untersuchung ergab: Saugschlauch in Ordnung, nichts verstopft, es war der Motor. Keiner hier im Haus kann und will einen Staubsaugermotor zerlegen. Auf einen vorübergehenden Infekt hoffend, wartete ich ab und beobachtete meinen Alltagshelfer mit steter Sorge. Sein Geröchel und Gekeuche nahm zu.

Am heutigen zweiten Advent hat er nun seinen letzten Atemzug getan – gar nicht im EcoSilence-Stil, sondern ziemlich laut und ungehobelt. Wenigstens erst im letzten Zimmer und am Ende des Wohnungsputzes. Aber es gibt nichts schönzureden: Ich bin maßlos enttäuscht. Er war ein MIELE und es waren nur 3 Jahre – das erschüttert das hausfräuliche Segment meines Weltbildes erheblich!

Es gibt Abschiede, bei denen man sich (anders als bei einer zerbrochenen zwischenmenschlichen Beziehung) keine Wut- oder Trauerphase erlauben kann, sondern sofort für Ersatz sorgen muss. Der des Staubsaugers gehört in diese Kategorie, zumal dann, wenn man mit Hund lebt und sich für die nächste Woche gleich 3x Besuch angesagt hat.
Nicht mal den Kundenservice von MIELE kann man an einem Sonntag beschimpfen, die sind erst montags wieder erreichbar, die wissen schon, warum. Aber was soll’s – die Garantie ist ohnehin abgelaufen und ich war sowieso kurz nach dem Ableben des EcoSilence wild entschlossen, mit dieser Marke für den Rest meines Lebens Schluss zu machen. Aus, Ende, Finito. So wenig Qualität für so viel Geld, das lass‘ ich mir nicht nochmal bieten.

Also verbrachte ich den gesamten Abend vor 6 parallel geöffneten Browserfenstern: 3 Testberichtseiten und 3 Versandhändler bzw. Elektrogroßmärkte. Ich wühlte mich durch Kundenrezensionen, studierte Produktdatenblätter, selektierte nach Energieeffizienzklassen, Preisspannen sowie nach allen namhaften Herstellern außer MIELE, guckte mir Dutzende „Bodenstaubsauger mit Beutel“ an – und war nach einiger Zeit völlig frustriert.

SIEMENS kann man nicht kaufen: Die haben alle einen beschissenen Kabelaufrollmechanismus (am Kabel ziehen, dann rollt es sich ein – ja so ein Schmarrn), vielfach von ansonsten zufriedenen Kunden gerügt. ROWENTA und DYSON scheiden wegen der dämlichen (angeblich) ergonomischen Monstergriffe aus, da brech‘ ich mir ja das Handgelenk und den Möbelpinsel kann man zwar aufstecken, aber er passt nicht mehr in schmale Stellen des Regals. BOSCH hat nur miese Energieeffiienzklassen im Angebot oder für den Hund unzumutbare Dezibelwerte oder schlechte Kundenbewertungen. PHILIPS scheidet wegen der geriatrischen Optik seiner gesamten Produktpalette aus. AEG hat nur Bodendüsen zu bieten, mit denen man unter keinen Heizkörper kommt und zudem eine fragil wirkende AeroPro-3in1-Kombidüse als einziges Zubehör, der ich im Alltagseinsatz keine 3 Monate gebe. Ernüchtert forstete ich noch alle Billigmarken durch, mit ebenso ernüchterndem Ergebnis.

Kurz: Es gab trotz schier unendlicher Auswahl keinen einzigen Staubsauger, der über all das verfügte, was die drei MIELEs, die es bisher in meinem Leben gegeben hatte, wie selbstverständlich konnten oder hatten!

Wie die Sache ausging?

Nach drei (oder waren’s gar vier?) Stunden war ich dermaßen zermürbt vom Rumklicken, Lesen, Verwerfen, Suchen und Vergleichen, dass ich den zwar reduzierten, aber dennoch teuren „Compact C2 Excellence EcoLine“ in stinknormalblau bestellte. Er ist von MIELE.
Selbst wenn er wie sein Vorgänger nach nur 3 Jahren den Geist aufgeben und ich mich dann erneut wahnsinnig ärgern sollte, würde ich bis dahin zumindest wieder in aller Ruhe den Wollmäusen in unserer Wohnung den Garaus machen, sofern er so leise ist wie es der obsidianschwarze EcoSilence mal war, bevor seine Lungenentzündung begann.

Ja, verdammt! So schnell können Wut und Enttäuschung beiseite geschoben werden. Derlei Wankelmütigkeit fand ich immer schon zutiefst unsympathisch, das erinnert mich aufs Widerlichste an diese Paare aus der Studentenzeit, die sich wiederholt nach irrsinnigen Dramen lautstark und für immer trennten und wenig später schon wieder ein Herz und eine Seele waren. So war ich nie, so wollte ich nie werden – und nun geht es mir ganz ähnlich.
Angesichts des Angebots da draußen, in der freien Wildbahn der Staubvernichter, kehre ich fast schon reumütig zu meinem MIELE zurück, obwohl er mich so schmählich im Stich gelassen hat…
Wie gesagt: Ich bin ein Paradebeispiel für gelungene Markenbindung.

Wenn das so weitergeht, lade ich in 10 Jahren auch solche Videos in youtube hoch wie dieses hier, das User „Papa:-)E“ voller Inbrunst gedreht und der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat:

Diese Zeilen schreibe ich übrigens an unserem DELL-PC, während im Hintergrund eine mehrere Gigabyte große Datensicherung so vor sich hinrödelt. Da hatte ich ein bisschen Zeit. Die Daten müssen sorgsam auf eine externe Festplatte gepackt werden, da der Rechner seit über einem Jahr massive Probleme hat, denen auch mein versierter IT-Freund S. nicht mehr beikommen konnte, so dass sie mit der Zeit noch massiver wurden und nun parallel zum Siechtum des MIELE EcoSilence ein Ausmaß erreicht hatten, das mich das bevorstehende Ende erahnen ließ (von PCs verstehe ich mehr als von Staubsaugermotoren).
Da es mein erster DELL war und ich hier nicht auf Marken geprägt bin, weil es in meiner Kindheit noch keine PCs gab, war ich relativ flexibel und habe in nur 2 Stunden und noch vor der finalen Operation des Prozessors bereits Ersatz bestellt. Was für ein Wochenende!

Das war’s dann auch mit den Weihnachtsgeschenken bei uns. Hauptsache, wir sitzen an den Feiertagen nicht verstaubt und ohne Internet da. Nun aber wohl ohne das 18 Stunden und 16 Minuten umfassende Audiobook, das zu Nikolaus erscheint (und das ich mir eigentlich vom Gatten wünschen oder selbst schenken wollte) 😦

Gute Nacht & einen störungsfreien Wochenanfang wünscht euch
Die Kraulquappe.