Der Wunschzettel.

Einfach mal durch die rosarote Brille geschaut.

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Gestern Abend kam der Physiker zu Besuch.
Ab und an lade ich ihn zu mir ein und bekoche ihn, um mich dafür zu revanchieren, dass er mich sonst immer einlädt.
Er isst gern italienisch und trinkt gern reichlich Weißwein, auf Desserts legt er keinen Wert und auf Espresso hat er zu verzichten gelernt, da wir hier keine Siebträger-Espressomaschine haben und zu den wenigen Menschen mittleren Alters und Einkommens gehören, die tatsächlich noch mit einer normalen Kaffeemaschine weit unter 500€ zufrieden sind.

Beim Befüllen der Cannelloni, einer der Küchentätigkeiten mit angenehm meditativem Charakter, ist stets Zeit, die Gedanken einfach mal schweifen zu lassen, während die Finger gleichermaßen routiniert wie vorsichtig die Spinat-Ricotta-Masse in die Röllchen stopfen (nein, ich nehme dafür keinen Löffel, es geht viel besser mit den bloßen Fingern, die selbstverständlich vorher und zwischendrin gewaschen werden).

13 Nudelröllchen-Füll-Prozeduren führten gestern zu 13 Gedanken, konkret: zu einem Füllhorn von 13 Wünschen. Auslöser dafür war das auf der Cannelloni-Schachtel aufgedruckte Haltbarkeitsdatum, auf das mein Blick fiel, als ich sie öffnete.

Was wird bis dahin sein? – fragte ich mich.
Was wünsch‘ mir von diesem Jahr? Und von diesem Leben? Und überhaupt?

Aber fangen wir einfach mal klein an.

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  1. Einen München-Olymipa-1972-Waldi als Stofftier.
    Im Zwergteckelmaß (nicht kleiner bitte) und lieber den mit dem groben Stoffbezug als den plüschigen.
    Man legte mir im Juli ’72 einen in die Wiege, 17 Jahre später rückte ihn die Mutter nicht raus, als ich sie verließ, vor 3 Jahren ist mein Waldi dann, sofern es ihn da überhaupt noch gab, zusammen mit 3.000kg undurchdringbarem, unsortierbarem Messie-Wohnungsinhalt in der Schrottpresse gelandet.
    Wie mir kürzlich klar wurde, ist das eine Wunde, die in diesem Leben noch geheilt werden muss und zwar nicht erst auf dem Totenbett.
    (Und: Nein, ich möchte als Alternative nicht den Holzdackel von Bojesen und auch keinen Wackeldackel für die Hutablage im Auto. Ich wünsch‘ mir den echten Waldi zurück!)
  2. Mehr Mut.
    Auf nix Spezielles bezogen, sondern so insgesamt.
  3. Eine Tretbootfahrt auf dem Starnberger See. Wahlweise auf dem Ammersee.
    Für mindestens 2 Stunden, möglichst in einem roten Tretboot, wenn’s geht hinten mit Rutsche (so wie das auf der Startseite dieses Blogs), gern mit Sonnendach/-schirmchen, so dass das Fräulein geschützter mitfahren kann. An sich finde ich Ruderboote schöner, aber ich bin jetzt aus dem Alter raus, in dem man die blauen Flecken, die man sich zuzieht, wenn man nach dem Schwimmen über den harten Holzrand ins Boot zurückklettert, noch locker verschmerzen könnte, sofern man mit dem ruinierten Ellenbogen überhaupt noch fähig wäre, sich aus eigener Kraft über den Bootsrand hochzuhieven.
  4. Einen Reiseführer zu Gotland in englischer Sprache.
    Halbwegs aktuell, nix Gehobenes (Kunstreiseführer o.ä.), im rucksacktauglichen Format.
  5. Einmal noch beim Brandauer in einer der vordersten Reihen sitzen.
    In einer Lesung, denn mit dem Theater war’s das jetzt wohl. So wie damals im Porsche-Salon oder in der Nürnberger Oper. Thema der Lesung ist völlig egal. Gedichte von Brecht, Faust-Szenen, Bowie – meinetwegen liest er auch das Altausseer Telefonbuch vor. Hauptsache, diese Stimme.
  6. Dass der russische Zupfkuchen im „Isarfräulein“ nicht ständig ausverkauft ist, wenn ich dort gegen 15 Uhr aufkreuze. Alternativ tät’s auch der normale Käsekuchen, aber dann bitte endlich ohne diese ekligen Dosenmandarinen.
  7. Einen Schlafsack fürs Dackelfräulein.
    Innen kuschlig, außen robust. In adäquatem Wursthundformat. Keine Püppchenfarben, keine affigen Pfötchen- oder Sternchenmuster. Waschbar bei 40°C. Leicht, gut zusammenrollbar und gern mit Hülle, so dass einem die Schmutzbrösel der Nacht dann nicht im Rucksack herumpurzeln.
  8. Ein Rezept für einen Hefeteig, das (s)ich einfach und unkompliziert auf Anhieb zu einem erfolgreichen Hefeteig umsetzen lässt.
    Ich bin eine gute Köchin, aber keine geübte Kuchenbäckerin. Ich liebe Zwetschgendatschi, aber der Teig wird bei mir stets brettähnlich, weil die depperte Hefe einfach nicht… oder der blöde Ofen…
    Egal – helfen Sie mir!
  9. Nochmal im Cabrio durchs hochsommerliche Oberland fahren, einen ganzen Tag lang.
    Das erste und letzte Mal ist nun 20 Jahre her und ich fand das damals – Umwelt hin oder her – tatsächlich großartig. Muss kein nobler Schlitten sein, aber bitte auch kein Smart Roadster oder Ford Streetka. Inklusive Sylvensteinbrücke, Eisdielen-Stopp in Lenggries (3 Kugeln: Zitrone, Pistazie, Straciatella), Füßekühlen oder Baden im Walchensee (je nach Wassertemperatur) und krönendem Abschluss-Weißbier z.B. im Biergarten von Kloster Reutberg oder auf Gut Kaltenbrunn.
  10. Jemanden, der mir zeigt, wie man Make-up so aufträgt, dass das Ergebnis nicht aussieht wie ein wächsernes Puppengesicht aus Madame Tussauds Kabinett.
    Ich bin nun exakt 46 Jahre und 8 Monate alt und habe keinerlei Erfahrung mit dem Zeugs, bin seit einigen Tagen aber der Ansicht, dass es nun gelegentlich ratsam wäre, sowas zu verwenden. Nach langwieriger Beratung (wegen Spezialhaut und diverser Allergien – ich erspar‘ Ihnen die Details) bereits ein Produkt erworben und mich 1x dran versucht und sofort alles wieder abgewaschen und dann mit gruselig rot gerubbeltem Gesicht das Haus verlassen. Nicht gut.
  11. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie vom Wettersteinmassiv.
    Hochglanz, Querformat, mindestens 120x40cm, lieber größer. Bitte nicht den Tiroler Part des Gebirges, sondern den in Bayern liegenden. Ohne pseudo-dramatische Effekte und ohne störende Menschen drauf, die Gipfel keinesfalls in zu viele Wolken gehüllt. Gern auch bereits gerahmt, dezenter, schmaler Alurahmen (matt), hinten mit vernüftiger Aufhängung versehen.
  12. Eine Liste mit allen Hallen- und Freibädern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, den Niederlanden, Schweden, Dänemark, Finnland, Island und auf den Färöer Inseln, die über ein solides 50m-Becken verfügen. Mit Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Hinweisen zu Parkmöglichkeiten. Bitte keine Ozon- oder Meerwasserbäder, kein FKK-Kram, keine Familien- oder Spaßbäder.
  13. Einen Verleger für mein erstes Buch.
    Männlich, grau-meliert, bebrillt (Kunststoff, nicht Metall), lässig gekleidet, klug, zuverlässig, humorvoll, tierlieb, sonore Stimme, natürliche Ausstrahlung, gern Bayer oder Österreicher (ein Norddeutscher oder ein Rheinländer ginge auch), großzügig, lebenserfahren, kein Angeber, keine Labertasche, kein Macho, gute Tischmanieren, mindestens 50, gern älter, Figur unerheblich, beruflich gesettelt, gut vernetzt und mit den richtigen Kontakten an der Hand sowie mit aufrichtigem Interesse an einer intensiven (für ihn) und lukrativen (für mich) Zusammenarbeit.

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Bitte sprechen Sie sich nach Möglichkeit untereinander ab.
Machen Sie sich aber keinen Kopf, falls das unpraktikabel oder unmöglich sein sollte: die Doppel- oder gar Dreifach-Erfüllung wäre bei allen Wünschen außer dem Dackelschlafsack wirklich überhaupt kein Problem für mich.

Die ideale Bierbankfigur.

Im Schwimmbad liegen seit letzter Woche die ersten Hartgesottenen in Badehose und Bikini draußen auf den Stadiontreppen. Auch das Entenpärchen ist wieder zurück und zieht seine Runden durchs Warm-Freibad, bevorzugt quer zur Schwimmrichtung und die üblichen Grantler regen sich drüber auf.

Alle Zeichen stehen also auf Frühling!

Und auch die Mountainbikesaison scheint bereits begonnen zu haben…

…und selbst wenn man auf 1.400m das Gerät dann elend durch den sulzigen Schnee schieben muss – wurscht! Frühling is‘!

Wir trainieren ebenfalls für die Bikinifigur: Kraxeln durch Lawinenfelder, sinken hie und da mal ein, aber im Großen und Ganzen geht’s recht gut.

Das Wetter ein Traum, die Fernsicht exzellent.

Die ideale Bierbankfigur haben wir jedenfalls schon mal…

… denk‘ ich mir so, als wir da oben in der Sonne sitzen, beim sehr verspäteten Weißwurstfrühstück und Sonnetanken, bevor’s die 700Hm nun wieder talwärts geht.

Wochenende (poop-bag-free).

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Auf dem Weg zur U-Bahn greife ich in meine linke Jackentasche, um mich zu vergewissern, dass ich das Zugticket auch wirklich eingesteckt habe. Ich spüre die zusammengefaltete Fahrkarte und bin beruhigt. Und ich spüre ebenfalls: ein Gefühl von Freiheit. Nicht etwa wegen der bevorstehenden Bahnfahrt oder der kleinen Reise an sich, sondern wegen des Fehlens der Hundekotbeutel und den 5-10 Hundekeksen in eben jener linken Jackentasche.

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Als ich mich daheim vom Gatten und dem Dackelfräulein verabschiede und in meine Jacke schlüpfe, denke ich: Das gönnst du dir jetzt mal – aus dem Haus gehen ohne irgendeinen dieser Hundehalterappendizes. Ohne Leckerlis und ohne diese grünen, ökologisch abbaubaren poop-bags in der Jacke. Ohne Bällchen, Pfotenhandtuch und Leine im Rucksack. 30 Stunden ohne all das.

Glauben Sie’s mir: Wenn man das fast acht Monate lang nicht mehr hatte, dann hat das was.

Zugleich eine heimliche Vorfreude darauf, dass dort, wo man hinfährt, auch ein Hund sein wird. Sogar einer, der einen Plüschdackel als Lieblingsspielzeug hat. Also schnell noch ein Würstchen aus der Vorratskammer geholt und ins Reisegepäck gesteckt.

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„Wir erreichen nun die Frankenmetropole Nürnberg“, verkündet die das „r“ so fränggisch rollende Lautsprecherstimme.

Ich unterbreche meine Lektüre, schaue aus dem Zugfenster und mein Blick fällt als Erstes auf das InterCity Hotel, das hinter dem Bahnhof liegt und das vor langer Zeit mal Treffpunkt war für ein Umsteigen vom Auto des ersten Ehegatten (ein Franke, ich war noch sehr jung und flexibel damals!) ins Auto vom Papa.

Wir kamen aus Würzburg, der Papa war auf Dienstreise in Nürnberg. Der Erstehemann in spe fuhr dann weiter nach Erlangen zu seinen Eltern und ich mit dem Papa nach München. Es war die recht spät stattfindende Erstbegegnung zwischen Martin und meinem Vater, der damals – nachhaltig traumatisiert von einem Wochenende mit K., dem nach Kümmelduschgel riechenden Medizinstudenten aus Wien, den ich als die große Liebe präsentiert und gleich für mehrere Tage nach München eingeladen hatte – strikt verfügt hatte, den „nächsten Aspiranten“ erst dann kennenlernen zu wollen, „wenn der sich mal mindestens ein Quartal gehalten und bewährt“ hätte. Das war mit Martin der Fall, denn nach 4 Monaten hatten wir schon eine gemeinsame Wohnung mit Weinbergblick oberhalb von Würzburg bezogen und sogar tagelang zusammen eine Schrankwand aufgebaut.

Wir hielten auf dem Parkplatz des InterCity Hotels Nürnberg, der Papa stand dort bereits neben seinem Auto und erwartete uns. Mit einem fröhlichen „Grüß dich, Michael!“ streckte er dem Franken seine Hand entgegen. Ich war amüsiert und korrigierte ihn, der künftige Erstehemann tat so als würde er lächeln, der Papa lächelte ebenfalls, aber authentisch, klopfte M. auf die Schulter und meinte, immerhin habe ja der Anfangsbuchstabe gestimmt.

Der Franke rächte sich später damit, dass er seinen Schwiegervater nie Lurchi nannte, wie der Papa aber von allen genannt wird, mit denen er etwas privater oder familiärer zu tun hat. Er sprach ihn bis zu unserer Scheidung mit dem Vornamen an, der in seinem Ausweis steht und auf den er in etwa so gut hört wie das Dackelfräulein auf „Pfui!“ oder „Aus!“.

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Wenig später dümpelt der ICE an dem Würzburger Vorort vorbei, in dem einst die beiden Erstsittiche mit bester Aussicht auf den Main zur letzten Ruhe gebettet wurden und ich mir bei einem Sturz von der Schwalbe den Knöchel blutig schürfte, weil ich mit der rechten Hand noch unverändert am Gasdrehgriff hing und das Vehikel mich deshalb in munteren Kreisen über den Asphalt schleifte.

Was für eine braungraue Trostlosigkeit und architektonische Ödnis diesen fränkischen Käffern doch anhaftet.

Am Würzburger Bahnhof bleibt der Zug länger als geplant stehen, um auf Reisende aus einem anderen ICE zu warten.

Rechterhand vom Bahnhof in den Hügeln das Schloss Steinburg, dahinter ein paar Tannen, und ein Stück hinter dem kleinen Wäldchen vielleicht immer noch der Bungalow von Dr. Almuth S., meinem Erstversuch, die Sache mit der Mutter mal aufzuarbeiten.

Sehr beige und cremefarben war das dort, alles in dem Haus mehr Flokati als Psychiater, und ich dann auch schnell wieder weg, als mir diese makeupzugekleisterte Trulla in edler Kamelhaarjoppe in der zweiten Sitzung einreden wollte, dass ich womöglich auch ein Vater-Thema hätte und vorschlug, die vereinbarte Stundenzahl von 20 auf 50 zu erhöhen. Ein Jahr unsinniges Psychogestochere in diesem cremefarbenen Alptraum? Nein danke!

Habe dann den Job im Weinkeller angenommen, dort begonnen, rote Gauloises zu rauchen, erstmals den Kontakt zur Mutter ganz abgebrochen und schließlich noch das Studienfach gewechselt.

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Auch so eine späte Erkenntnis: dass man ja auch all das, was man gar nicht zu Ende studiert hat, im Lebenslauf unter „Studium der xy“ auflisten kann (und wohl sogar darf), so liest sich das ja gleich viel besser-länger-klüger.

Hab ich erst letztes Jahr geschnallt, dass andere das so machen und so eine erkleckliche Geistes-Vita zu Papier bringen und damit sogar auf dem Markt auftreten.

Ein echter Wettbewerbsnachteil, dass ich da immer bloß eine bescheidene Zeile stehen hatte, weil ich nur die für relevant hielt. Mittlerweile zwar auch schon wurscht, aber sollte ich je wieder einen CV zusammenbasteln müssen, stünden an der Stelle nun mindestens sieben Zeilen und dem potenziellen Arbeitgeber hoffentlich vor Staunen ob meiner breit gefächerten Interessen und umfassenden Bildungseifers der Mund offen.

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Bevor ich mich nun noch an den nächsten Haltestellen der Erinnerung – Fulda und Kassel – abarbeite, was diesen sonnigen Samstag unnötig mit wirklichem Seelenschmutz überzöge (v.a. die Erinnerung an drei Tage Fulda im Dezember 2013), greife ich nochmal in die kacktütenfreie linke Jackentasche, fummle ein paar Münzen heraus, hole mir im Bordbistro einen Kaffee to go & to verschütt in the shaky train, höre ein bisserl Musik und stimme mich mal auf die große Geburtstagssause ein, die in gut zwei Stunden im Park von Schloss Richmond beginnt.

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Auch Ihnen ein schönes Wochenende, mit guten Gedanken und ebensolcher Gesellschaft & herzliche Grüße an meine beiden Lieben daheim!

Nebenbei.

Rottach-Egern, im Winter 2015.

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„Jetzt besitz‘ ich nur noch ein Paar Schuhe, das keinen Klettverschluss hat“, sagt der Papa nebenbei.
So wie man nebenbei sagt „Ich geh mal schnell Hände waschen“ oder „Nimmst du bitte nachher den Müll mit runter“ und schon spricht er weiter über seine Pläne zu Korfu und der Schiffsreise, die er ins Auge gefasst hat, weil Reisen, bei denen man sich irgendwie aus eigener Kraft vorwärts bewegen müsste, so ganz nebenbei ein Ding der Unmöglichkeit geworden sind.
Kaum zu glauben, wie schnell das doch gegangen ist, denke ich, die gemeinsame Reise nach Helsinki ist noch keine vier Jahre her und vor drei Jahren hütete er noch relativ munter ein ganzes Wochenende das Dackelfräulein, auch das ist mittlerweile undenkbar geworden, heute bereitet es ihm schon Mühe, sich zu ihr hinunterzubücken.

Als wir schon längst nicht mehr über Korfu reden, sondern über unser nächstes Wiedersehen, erfahre ich nebenbei, dass er Autofahrten vom Tegernsee nach München seit einiger Zeit vermeidet, wegen der schwächeren Sehkraft und den stärkeren Wassereinlagerungen in seinem „Gaspedalfuß“. Er lässt die Lebensgefährtin fahren oder steigt in die BOB oder – und dies vermutlich der häufigste der Fälle – er bleibt zuhause.

Den Polt hätte er vor ein paar Tagen mit „Braucht’s des?“ in Tölz gesehen, erzählt er, und das sei so gut gewesen, und ob ich noch wüsste, wie wir den zusammen im Florianstadl unterhalb vom Kloster Andechs gesehen hätten, damals vor soundsoviel Jahren, er hat’s vergessen und ich weiß auch nur noch, dass, aber nicht mehr, wann. Und ganz nebenbei merkt er an, jetzt hätte er den wohl zum letzten Mal gesehen.
Die Erwähnung dieser letzten Male ist eh seit geraumer Zeit eine seiner Spezialitäten und mit seinem rheinischen Humor heißt es dann trocken: „letzter Matratzenkauf vor Pflegeheim“, „letzte Saison Theater-Abo fürs Resi“, „letztes Auto vor dem Rollator“, „letztes neues Glassortiment vor der Schnabeltasse“.

Eine Weile spielte und lachte ich da noch mit, heute ertappte ich mich dabei, wie ich dem vermeintlich „letzten Polt“ entgegenhielt, dass er den doch bestimmt nochmal sehen würde.
Schon seltsam: so lange ich noch der Ansicht war, dass es sich ganz sicher noch nicht um die letzten Male handeln würde – wie bei Matratze, Theater-Abo, Auto und Gläsern – widersprach ich ihm nicht.
Und nun, da ich denke, er könne recht haben und den Polt tatsächlich zum letzten Mal gesehen haben, behaupte ich auf einmal das Gegenteil.
Was soll das denn? Werde ich ihm in ein paar Jahren womöglich erzählen, der Nikolaus hätte ihm die Schokolade mitgebracht oder das Christkind hätte ihm ein Päckchen geschickt?
Beginnt mit sich anpirschendem Ernst der Lage (um nicht zu sagen: Todernst) nun die Verstellung, das Theaterspielen, das So-tun-als-ob? Hilft das irgendwas oder irgendwem oder sollte man das nicht tunlichst bleibenlassen?

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Nebenbei habe ich die neuen Treter heute erstmals ausgeführt.
Zusammen mit Fräulein Hund, auf obigem Foto als Prinzessin Eisbart zu sehen, eine kleine, vertraute Tour bergauf. Leider kommen wir nicht bis zur Hütte.
Verlaufen (ich! – der Hund hätt‘ an der richtigen Stelle nach rechts gewollt!), da die Spur eingeschneit war und wir treudoof einem Schneeschuhgeher hinterher sind, der dann aber umkehrte, weil sein Trampelpfad nirgendwo hinführte, was er auch nur daran merkte, dass ihm zwei andere Wanderer entgegenkamen, die ebenfalls zur Umkehr gezwungen waren.

Also zu viert wieder ein Stück hinab und dann an eben jener Stelle der Hundenase gefolgt, die den Weg ja sofort gewusst hätte (wie auch immer das geht im tiefsten Tiefschnee und ohne, dass da Spuren ersichtlich waren – weiß sie’s tatsächlich noch vom letzten Sommer, wo wir mehrfach dort hinaufstiegen?), leider dann nach zehn Minuten schon wieder Ende Gelände, diesmal wegen eines Lawinenabgangs (naiv wie ich bin vermute ich sowas ja nicht auf 1.200m Höhe), der beeindruckend aussah.

Gut, dass man eine Banane (schwesterlich mit dem Wanderdackel geteilt) und ein Stück Lindt-extracremig dabeihatte, denn sonst wär’s happig geworden, weil wir ja fest mit der Hütteneinkehr gerechnet hatten und das ist dann schon blöd, wenn man den Dachfirst der Hütte zwar fast schon durch die obersten, lichten Tannen schimmern sieht, aber halt nicht hinaufkommt, zumindest nicht auf dem Weg, den man sich in den Kopf gesetzt hatte.

Trotzdem schön, der kleine Ausflug, denn die neuen Stiefel sind dicht und warm, und ihr Profil tatsächlich so „aggressiv – da hat der nette Verkäufer nicht geflunkert -, dass man nicht mal Grödel brauchte, zumindest nicht auf den Wegstücken mit glatter Schneedecke, an denen man mal nicht alle paar Meter mindestens knietief einbrach.

Schätzungsweise sind das meine vorvorletzten Bergstiefel dieser Güteklasse, wenn die neuen so lang halten, wie es die alten taten und ich noch in derselben Häufigkeit damit unterwegs sein werde.
Mein Berliner Freund M. meinte neulich mal nebenbei, als wir abends zusammensaßen und es auch grad um „letzte Male“ ging (konkret: werden wir Bruce nochmal sehen oder war’s das schon?), er hätte sich ziemlich erschreckt bei der Feststellung, dass er nur noch 4-5 Fußball-WMs miterleben würde – das sei ja nun an einer Hand abzuzählen und das habe ihn sehr beklemmt.

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Ach, Papa.

Und die grauen Strähnen auf dem Kopf von Prinzessin Eisbart werden mehr und mehr. Meine eigenen, nebenbei bemerkt, ebenso.
Was tun, wenn die, die so wichtig sind, sich eines Tages vor einem vom Acker machen werden?

Auf der Heimfahrt dann den Dylan gehört und danach den Ambros und daheim dann noch das hier gefunden.

Und das hier.

Di soll’s geb’n, solang’s die Welt gibt,
und die Welt soll’s immer geb’n,
ohne Angst und ohne Dummheit,
ohne Hochmut sollst Du leb’n.
Zu de Wunder und zur Seligkeit
is‘ dann bloß a Katzensprung,
und wann du wüist,
bleibst immer jung.
Du sollst wachsen bis in‘ Himmel,
wo du bist, soll Himmel sein,
du sollst Wahrheit reden, Wahrheit tun,
du sollst verzeih’n.

Wann’st Vertraun hast in di selber,
dann brauchst ka Versicherung
und wann du wüist
bleibst immer jung.
Du sollst nie aufhörn zum Lernen,
arbeit‘ mit der Phantasie,
wann’st dei Glück gerecht behandelst,
dann verlaßt’s di nie.
Und du sollst vor Liebe brennen,
und vor Begeisterung,
weil dann bleibst
für immer jung.

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Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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Song des Tages (29).

Ich kann diesen Ort nicht ausstehen.
Scheinheilig liegt das Radiologicum an der Münchner Freiheit, aber von Freiheit ist nichts spürbar dort, es ist ein Ort der Enge, der Beklemmung, der Sterilität und der Technik. Es thront im 5. OG über den Dächern Schwabings, im gläsernen Aufzug schwebt man hinauf, trockene Lippen, kreislaufschwach, klamm an Händen und Füßen. Immer im Januar. Und immer ist alles grau: der Himmel, die Fassaden, die Stimmung. Heute auch ich: graue Stiefel, graue Jeans, grauer Mantel, graue Handschuhe. Nur der Schal ist türkis und die Überweisung hellgelb und der U-Bahnhof eigentlich auch ganz farbenfroh.

Der Befund dann allerdings der Beste seit Jahren, so dass der Radiologe nach kurzem Grübeln meint, man könne künftig glatt nur alle zwei Jahre kommen, was einen nach 16 Jahren schon sehr zu hören freut.
Erleichtert verlasse ich die Praxis, gehe zum Aufzug, eine kleine Frau steht dort und wartet. Wir steigen gemeinsam in den Glaskubus ein, ich meine, ich hätte sie schluchzen hören, bin mir aber nicht sicher. Als ich die „EG“-Taste drücke, sehe ich ihr Gesicht. Sie weint. Wie eine Comicfigur weint sie: die Tränen spritzen regelrecht links und rechts aus ihren Augenwinkeln heraus. Ihre Arme hängen wie leblos links und rechts neben ihrem recht rundlichen, in einen gesteppten Daunenparka gezwängten Körper herunter. Sie ist schätzungsweise so alt wie ich.
Ich fummle ein Päckchen Taschentücher aus meiner Manteltasche heraus, halte sie ihr hin und sage „Nehmen Sie doch eines!“.
„Jetzt habe ich Krebs…“, entgegnet sie, greift nach den Taschentüchern und fährt nach kurzem Naseputzen fort: „…und mein Freund hat sich zu Silvester aus dem Staub gemacht. Jetzt bin ich allein, jetzt bin ich nichts als allein.“.

Was ich ganz spontan antworten möchte, wage ich nicht zu sagen (zu banal und zu unpassend womöglich), also sage ich gar nichts und greife stattdessen mit beiden Armen um die schluchzende Daunenkugel herum und halte sie fest bis der Aufzug fünf Etagen später „Bing“ macht, weil er das Erdgeschoss erreicht hat, und dann nochmal „Bing, bing“, weil seine Tür sich öffnet und er die beiden Frauen gemeinsam in die Kälte und das Grau entlässt, wo sich ihre Wege alsbald trennen.

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But there’s things that’ll knock you down
You don’t even see coming
And send you crawling like a baby back home
You’re gonna find out that day sugar

When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you ain’t nothing but alone

I knew some day your runnin‘ would be through
And you’d think back on me and you
And your love would be strong
You’d forget all about the bad and think only of all the laughs that we had
And you’d wanna come home

Now it ain’t hard feelings or nothin‘ sugar
That ain’t what’s got me singing this song
It’s just nobody knows honey where love goes
But when it goes it’s gone gone

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Im Spätsommer 2014, auf meiner Reise durch Südschweden und Gotland, hörte ich viel Musik. Lange Autofahrten sind ja wie gemacht dafür und zu fast jeder meiner Stationen erinnere ich noch das Lied, das ich zur Ankunft oder bei der Abreise hörte.

Fünf Songs kristallisierten sich im Laufe dieser Wochen als die hartnäckigsten, besten und stimmigsten Begleiter heraus. Zu jedem einzelnen notierte ich mir damals, weshalb ich das so empfand.

When you’re alone, B. Springsteen. Lifetime really does have a tendency of sliding away faster than we can control. We have to learn to take life in its pleasures as it comes – and above all: spend time with people that make your life brighter, deeper, more complete and even more worth living. That’s what I realized while listening to this song. (Ronehamn, Kapten Grogg, am 3. Sept. 2014).“

Meine Güte, wie ich dieses Lied damals liebte und jede seiner Strophen mich so erfüllte, beglückte, befreite.
Ewig nicht mehr dran gedacht, ewig nicht mehr gehört.

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Westwärts oder: Feels like Finsdorf.

Eine Fahrt in eine Richtung, die noch nie die meine war.
Graue Landschaften und trostlose Dörfer huschen draußen vor dem verschmierten Zugfenster vorbei. Immerhin, der ICE ist pünktlich und ich habe ein Abteil für mich.
Die Reise ist zu kurz, um in mir irgendwo anzukommen, daher bleibt sie einfach eine Fahrt von A nach B.

Am Zielort erblicke ich für einen winzigen Moment mein Spiegelbild im Fenster der Zugtür, die sich gleich öffnen wird, und denke: Oh je! Krank irgendwie, arg blass und hohlwangig.
Der, den ich für einen Freund hielt und den ich vielleicht eines Tages – die Zeit und die Akteure werden’s zeigen – wieder dafür halten werde, holt mich am Bahnsteig ab.
Um ein Haar verfehlen wir einander: er guckt in die falsche Richtung und ich erkenne ihn erst auf den zweiten Blick. Auch er gerade alles andere als das, was man das blühende Leben nennt.

Eine ganze Menge steckt in den beiden Terminen, die uns an diesem Tag bevorstehen: Meine Zeit, seine Hoffnung.
Ich fühle mich wie eine Anwältin auf dem Weg zur entscheidenden Verhandlung. Mein ebenfalls angespannter Mandant fährt uns beide zum Amtsgericht. Was freilich nicht der Fall ist, da ich keine Juristin bin und er nicht mein Mandant.
Vielmehr reisen wir in eine Sphäre, die jener der Capitol-Filiale in Finsdorf ähnelt, was jetzt nur die Stromberg-Fans verstehen werden, was aber auch wurscht ist. Irgendeine schwäbische Gemeinde halt, mit schwätzende Sachbearbeiter und häuslebauende Filialleiter (nein, ich habe die Deklination nicht verhunzt, sondern der dortige Dialekt hat sie verschluckt), die Mischd sagen zu Dingen, die nix taugen und ein geknödeltes Adeee zum Abschied.

Es läuft den Umständen entsprechend gut.
Das Meiste, das ich derart akribisch plane und vorbereite, läuft gut, wenn mir nicht andere oder eben irgendwelche Umstände in die Quere kommen und mich in meinem Tun behindern. Rein energetisch und strukturell betrachtet war ich noch nie ein Fan von Teamarbeit in größerem Umfang, aber das ist ein anderes Thema.

Am Nachmittag stolpere ich mit hämmernden Kopfschmerzen aus dem zweiten Termin heraus.
Fertig. Geschafft. In jeder Hinsicht.
Von allen Wettern begleitet kutschiert der Mandant uns wieder über die wie eh und je vollgestopfte A8 zurück zum Ausgangsort. Halb verhungert steuern wir dort das nächstbeste Lokal an, zufälligerweise von Interieur und Speisekarte her eine halbwegs gelungene Hommage an meine Heimatstadt. Nur Breze können sie hier weder im Singular noch im Plural korrekt schreiben, geschweige denn aussprechen.

Langsam entspannt sich die Situation.
Zusammen gießen wir ein bayerisches Bier über diesen Tag. Für das Ertränken des in den Wochen zuvor Geschehenen bräuchte man ein kleines oder mittleres Fass, aber man muss ja noch heimkommen und von Nachhaltigkeit wäre diese pennälerhafte Maßnahme ja auch nicht gekrönt.
Ein Gespräch, ja, das wär’s wohl, aber dazu müssten mal beide zeitgleich in der Verfassung sein und mindestens einer den Anstoß geben.

Meine Sohlen sind durchgelaufen.
Dies nicht nur als Metapher für den Status quo, sondern auch ganz real. Der nasskalte Schlonz, der auf dem Asphalt liegt, kriecht mir auf dem Weg zum Bahnhof unangenehm in die Stiefel, in die Waden, die Beine hinauf und von dort weiter bis ins Herz.
Mir klappern die Zähne, ich fühle mich untergewichtig, beinahe wie in Auflösung begriffen, und als wir uns an Gleis 2 verabschieden, bin ich tatsächlich nur noch ein dünner, wackliger Strich, der sich in der beschlagenen Scheibe eines Schaukastens spiegelt, in dem der Wagenstandanzeiger hängt.

Warum fühlt man sich eigentlich so gut wie nie richtig gewichtig ausgewogen, sondern entweder schwer wie Blei oder wie ein Blatt im Wind?, frage ich mich, als ich mich in dem schmuddligen Intercity auf irgendeinen freien Platz setze.

Draußen hebt der, der mich gerade verabschiedet hat, die Hand und winkt. Ich winke zurück.
Wir lächeln uns etwas schief zu, was gut passt zu all den schrägen Umständen und überhaupt diesem ganzen Tag.
Dann geht er. Nach ein paar Schritten dreht er sich nochmal um.
Das hat er von mir!, schießt es mir durch den Kopf, denn als ich ihn kennenlernte, war er kein Umdreher, sondern einer, der einfach ging.

Und in dem Moment kann ich doch noch einmal unschief lächeln, was er aber nicht mehr sehen kann.

Mein erstes Mal oder: Der Shitstorm.

Braver Dackel? Unerzogene Bestie? Streuner auf Hetzjagd? In den falschen Händen? Oder in gar keinen, da ja sichtbar ohne Leine unterwegs?

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Vor ein paar Tagen war ich mitten in der Stadt in dichtem Schneetreiben mit dem Dackelfräulein spazieren.
Die Isarauen waren bis auf etliche Hundebesitzer und ein paar hartnäckige Jogger wie leergefegt. Ich entdecke unter einer Isarbrücke ein neues Graffiti, zu dem mir sofort ein Song einfällt: Three little birds. Wenig später entdeckt das munter durch den Schnee sausende Dackelfräulein ein Brotstück, für das sich zeitgleich auch eine Krähe interessiert. Ich schieße ein Foto. Die Krähe ist schneller. Dann fällt ihr das Brotstück aus dem Schnabel und Pippa will es sich schnappen. Wieder hüpft die Krähe zu ihr. Ich schieße wieder ein Foto. So geht das kurz hin und her. Als die Krähe heftig kräht, guckt mein Hund sie an und geht einen Schritt auf sie zu. Die Krähe setzt zum Wegfliegen an, das Dackelfräulein läuft ihr drei Meter hinterher. Ich schieße ein drittes Foto. Pippa dreht wieder um und will zu dem Brotstück zurück, das sie bedeutend mehr interessiert als jede Krähe. Derweil landet die Krähe wieder und linst zu ihr hinüber. Ich untersage dem Fräulein, das Brotstück zu fressen. Wir gehen weiter.

Später sitze ich im Café und stelle ich vier Fotos in meinen Blog: das Graffiti von den drei Vögeln sowie die drei Fotos vom Dackelfräulein und der Krähe. Dazu den Song, der mir ohrwurmartig während des Spaziergangs durch den Kopf ging.

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Zwei Tage später pöbelt mich ein Blogger an (nachzulesen in den Kommentaren zu diesem Beitrag): In der Momentaufnahme von Pippa und der auffliegenden Krähe sieht er einen Hund, der in einem Naturschutzgebiet auf der Hetzjagd war und dessen Besitzerin das als lustiges Spiel betrachtet und die ihrem Hund jederzeit gestatten würde, Wildtiere aufzuscheuchen, weil ihr nämlich Tier- und Naturschutz schnuppe sind.
Zugleich ist dieser Blogger sogar in der Lage, aus Fotos ein Bellen herauszuhören – manche Menschen haben erstaunliche Gaben!

Er fragt nun nicht etwa nach, wie die Situation eigentlich war: Befand sich der Hund in einem Gebiet, in dem Freilauf gestattet ist? Handelte es sich um ein Naturschutzgebiet? Ist der Hund überhaupt einer, der jagt? Hat die Besitzerin ihren Hund gut erzogen, so dass er abrufbar ist? Kam durch diesen Hund schon jemals irgendein Tierchen oder Menschlein zu Schaden?
Nein, er fragt gar nichts, sondern er weiß durch das bloße Betrachten eines einzigen Fotos Bescheid, was hier Sache war, und er weiß noch viel besser, wie die Sache zu bewerten ist und fällt deshalb sogleich sein Urteil: Es handelt sich um ein grobes Fehlverhalten eines „Dümmlings“ (=Hundebesitzer).

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Obwohl der Kommentar sprachlich wie inhaltlich ziemlich ungehobelt daherkommt, schalte ich ihn dennoch frei und nehme ausführlich Stellung zu dem Anwurf.
Erkläre dem Pöbler die konkrete Situation, stelle klar, wie wir unseren Hund erzogen haben, erläutere, dass sie keinen Wildtieren oder Vögeln hinterherjagt und wir sie auch niemals dazu animieren würden. Wir achten die Natur, wir lieben nicht nur unseren Hund, sondern alle Tiere, verhalten uns daher draußen angemessen achtsam und vorsichtig, in Naturschutzgebieten halten wir uns an die Regeln und meiden sie – unterwegs mit Hund – am besten ganz.

Das alles interessiert diesen Blogger aber gar nicht, er geht deshalb auch mit keiner Silbe darauf ein, sondern haut den nächsten pauschalen und oberlehrerhaften Kommentar raus, schert weiterhin alle Hunde und Hundebesitzer über einen Kamm, fordert eine grundsätzliche Anleinpflicht für alle Hunde (und zwar überall) und bezichtigt mich der Uneinsichtigkeit, Unbelehrbarkeit und Blödheit.

Ich beende die Diskussion, da man mit Rechthabern und Prinzipienreitern ja nicht diskutieren kann. Wenn man schon zu Beginn der Debatte spürt, dass einer eh nur seine eigene Sicht loswerden will, keinen Dialog führen kann, nicht genauer hinzusehen, zuzuhören oder zu differenzieren bereit ist und auch nur in einer Dimension denken kann, ist der Weg zum Fundamentalismus nicht mehr weit.

Am nächsten Morgen poltert der allwissende Leinenzwang-Vertreter in seinem Blog nochmal ordentlich los, verdreht die Situation erneut und stellt die Sache wieder so dar, als hätten wir im Naturschutzgebiet mutwillig Jagd auf Vögel gemacht und würden das auch grundsätzlich tun, weil wir depperte Rüpel sind. Hundehalter eben. Die sind nämlich größtenteils unfähige, uneinsichtige Idioten, im Grunde gehören die ebenso an die kurze Leine wie alle Hunde.
So dargestellt bekommt er natürlich eine Menge Zuspruch statt einen Maulkorb, der einer solchen Verleumdung angemessener wäre.

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Einer der großen Vorzüge Münchens ist, dass die Stadt ihren Zamperln in sehr vielen Gebieten Freilauf zugesteht und man kann nur hoffen, dass das so bleibt und einem nicht ein paar Deppen, die ja unter Hundebesitzern nicht mehr oder weniger vertreten sind als in allen anderen Personengruppen auch, diese Freiheit eines Tages beschneiden.
Nach meiner nunmehr siebenjährigen Erfahrung funktioniert dieses „Leben und leben lassen“-Prinzip hier auch relativ gut.
Die Idee, einen Hundeführerschein verpflichtend einzuführen, finde ich dennoch hervorragend.
Je besser der einzelne Mensch Hund erzogen und artgerecht ausgelastet ist und sozialisiert wird, desto weniger Konfliktpotential gibt es unter Hunden, die draußen aufeinandertreffen – dasselbe gilt für Begegnungen zwischen Nicht-Hundehaltern und Hunden.
Je mehr der einzelne Hundehalter über die rassespezifischen Bedürfnisse und Veranlagungen seines Hundes weiß und damit umzugehen lernt, desto besser für Mensch und Tier. Generell würde mehr Wissen – und wo dies noch fehlt: ein aufklärender Dialog, der respektvoll geführt wird – allen Beteiligten nicht schaden.

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Der Hund ist ein Bewegungstier.
Allen Hunden pauschal den Freilauf zu verbieten, sie immer und überall an der (kurzen) Leine zu führen, widerspricht einem der Grundbedürfnisse, die ein Hund hat. Wer seinem Hund nicht genug Bewegung ermöglichen kann, wer nicht die Zeit, Mühe und Geduld aufbringen möchte oder kann, um mit seinem Hund in Gebieten, in denen das erlaubt ist, einen verantwortungsvollen Freilauf zu praktizieren oder zu trainieren, der sollte sich vielleicht besser gar keinen Hund zulegen.
Die großen Jagdhunde (besonders modern hier in der Stadt: der Weimaraner), die von manchen Menschen wie edle Statussymbole an schicke Kinderwägen angebunden täglich nur eine Runde durch den Englischen Garten geschleift werden, sind ebenso zu bedauern wie die sogenannten „Handtaschenhunde“, die oft nur deshalb zu ängstlichen Kläffern werden, weil sie mehr in der Handtasche oder auf dem Schoß sitzen müssen als sich bewegen und mit Artgenossen oder ihren Menschen toben zu dürfen.

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Probleme kann es im öffentlichen Raum immer dort geben, wo einem Rücksichtslosigkeit, Aggression, Gewalt, Ignoranz oder Dummheit über den Weg laufen. Und das ist ja beileibe nicht nur auf Gassirouten begrenzt, sondern kann einem überall begegnen.

Wenn mich 1x nachts ein Mann auf der Straße angegriffen hat, kann ich das als schrecklichen Einzelfall betrachten oder unreflektiert und pauschal auf alle Männer übertragen und sie fortan als potentielle Täter betrachten.
Wenn ich 1x mitten auf dem Gehweg in einen Hundehaufen getreten bin, kann ich das als sehr ärgerlichen Einzelfall betrachten oder ab sofort allen Hundebesitzern unterstellen, dass sie die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner rücksichtslos liegen lassen.

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Mein erster kleiner Shitstorm…
Wie sich das anfühlt? Nicht gut!

Weil es sich nie gut anfühlt, es mit Menschen zu tun zu bekommen, die so schnell und unhinterfragt urteilen, zudem noch pauschale und harte Urteile fällen, andere auf Basis ihrer nicht überprüften Unterstellungen verurteilen und die sofort „wissen“, wie etwas gewesen ist, obwohl sie selbst nicht mal dabei waren.

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, schrieb mir jener Blogger.
– „Nein, zu nahe getreten trifft es auch nicht. Sondern plump und blindlings drübergetrampelt.“

Wie schön, dass es in der Blogosphäre mit nur einem einzigen Klick möglich ist, jemandem nachhaltig aus dem Weg zu gehen.

Von einem sonnigen Spaziergang an der südlichen Isar grüßt Euch (mit wohlerzogenem, frei laufendem und vergnügten Dackelfräulein an meiner Seite) –
Die Kraulquappe.

Kängurumutter im Tiefschnee oder: Wozu ein bewegtes 2018 gut war.

2018 ist nun vorbei und fertig archiviert. „Zahltag“ ist ja immer der 31.12., jener Tag, an dem man sich als Hundebesitzer irgendwohin verkriecht, wo Ruhe herrscht und einem keine 500 Öcken pro Nase (oder mehr) für irgendeinen zwei- bis dreitägigen Jahreswechselvollfressverwöhnpensionbespaßungszinnober abgeknöpft werden.

Nicht einfach, da was zu finden für nur eine Nacht, vor allem wenn man erst kurz vor Weihnachten zu suchen beginnt.

In der niederbayerischen Einöde zwischen Deggendorf, Plattling und Isarmündung bot uns ein Gutshof noch einen bezahlbaren Unterschlupf für die anstehende Hundehorrornacht. Das Landgut ist wohl sonst eine Location für Hochzeiten, aber bei 4 Grad und Pissregen am Silvestertag kaum frequentiert. Also auch keine Rüden weit und breit. Stattdessen Matsch und Grau so weit das Auge reicht – und es reichte kaum bis Deggendorf hinüber und die dahinter beginnenden Hügel des Bayerischen Waldes konnte man auch nur mit viel Fantasie aus den Formationen der Regenwolken imaginieren.

Das große Doppelzimmer in jagdlicher Optik gestaltet und mit ebensolchem Interieur versehen, was dem kleinen Jagdhundfräulein freilich bestens zu Gesichte stand, aber auch meinem verregneten Gemüt taten die Wände in hoffnungsfrohem Grün (ein mittleres Dunkelgrün, so dass es auch nicht zu aufdringlich und heiterkeitsheischend daherkam) recht gut.

Zahltag also. In der niederbayerischen Einöde ein bisserl Bilanzieren (= alten Kalender durchblättern, neuen Kalender beginnen, maßvoll Reflektieren, keine Vorsätze notieren, wohl aber ein paar Nachsätze zu diesem doch insgesamt sehr speziellen Jahr, das sich nun bucklig seinem Ende zuneigte), an den Kachelofen gelehnt, im Teeglas rührend und mit dem Herrn Jesu im Gnack, wie sich das auf dem Land so gehört. Aus den Lautsprechern der Bibliothek ertönt „Sempre, sempre“, wird alsbald von Austropop abgelöst, und weil wenig später Costa Cordalis die Stimme erheben will, wird schließlich alles von einem Fausthieb des Gatten erlöst (dieses Satzende fügt sich auf einem Gutshof, der lange ein Jagdsitz war, gefälliger in den Text als: „Wir ersuchten die Bedienung höflichst, das unsägliche Radio abzuschalten.“).

2018.
92x geschwommen, 35x Berge erklommen, 41x gelaufen im Wald/Park, 204x große Spazierrunden mit dem Dackelfräulein absolviert, insgesamt 1972 km per pedes (im Wasser: ca. 150 km) fortbewegt.
Nicht, dass ich das wirklich so exakt errechnen könnte, aber als beim groben Überschlagen der Wegstrecken 1.970 km rauskamen, hab‘ ich einfach noch 2 dazugegeben, um bei meinem Geburtsjahr zu landen.

Ist das jetzt viel oder wenig?
Keine Ahnung. Es hat mir jedenfalls gut getan.

Und am dritten Tag des neuen Jahres offenbarte sich mir dann auch, wozu all der Sport, all die Bewegung, all die gelaufenen, hinauf- und hinabgestiegenen Kilometer gut waren. Wozu der wohltrainierte Arm- und Beinschlag beim Kraulen in Wahrheit dienen sollte. Worauf das alles abzielte und hinauslief.

Auf einen Einsatz als Kängurumutter im Tiefschnee.

Denn wenn Sie da nicht einigermaßen im Training sind, keine Kraft in Armen und Beinen haben oder zu wenig Übung oder Kondition im Berggelände – dann können Sie das knicken. Dann versagen Sie nämlich als Kängurumutter im Tiefschnee kläglich!

Heut‘ Nacht hat’s dick geschneit im Voralpenland. Das Kreuther Tal, gleich hinterm Tegernsee gelegen, ist ohnehin ein Schneeloch, ein Kälteloch ebenso.
Wir (viel zu spät und viel zu wetteroptimistisch) hinauf Richtung Roß- und Buchstein, unterwegs setzt erneuter Schneefall ein, man muss die Grödel aufziehen, damit man im steileren Gelände nicht abrutscht. Der Gatte, früher zwar mal Gebirgsjäger, aber heutzutage mehr Tagungsjäger, ist an seinem ersten Urlaubstag seit Monaten nicht wirklich begeistert von diesen Strapazen, schlägt sich aber wacker. Am wackersten schlägt sich allerdings das Dackelfräulein: immer drei Schneepfluglängen voraus, trotz der kurzen Beinchen, unterwegs noch ein paar Tannenzapfen unter der Schneedecke ausbuddelnd, um den Zweibeinern mit lustigen Spielangeboten noch zusätzlich einzuheizen, obwohl der Schweiß eh schon rinnt. Ein Bollwerk an Ausdauer, an Lebens- und Bewegungsfreude sowieso. Irgendwann ist die Hütte erreicht, zu dritt sitzen wir auf der Bank, bei Heißgetränken und Kalorien, die uns für den Abstieg präparieren sollen.

Draußen schneit’s mittlerweile wie blöd. Der Zustiegsweg kaum noch zu erkennen. Um noch vor Anbruch der Dunkelheit wieder hinunter zu kommen, muss die Pause in der Hüttenwärme kurz gehalten werden: Umziehen, Essen fassen, was Trinken, Aufwärmen, Durschnaufen, neu Vermummen und Aufbruch.

Dann der fatale Fehler: Wir stehen nach dem Aufbruch ein paar Minuten im Schneesturm vor der Hütte, um die Grödel wieder aufzuziehen (kein Hüttenwirt hat das gerne, wenn man das drinnen tut). Es ist eiskalt, man sieht vor lauter Schneegestöber kaum die Hand vor den Augen. Das Fräulein fiept und fängt an zu zittern, weil sie ja warten muss, bis wir mit dem Schneekettengefummel fertig sind. Als wir endlich losgehen, läuft sie eng neben mir, bibbert erbärmlich und steckt bis zum Hals im Tiefschnee. Kalt loslaufen ist das Dämlichste, was man machen kann. Und so ein Dackel wird nun mal nicht mehr warm, wenn er zu 85% im Schnee versinkt, unsere Chancen stehen weitaus besser, da wir immerhin zu 85% aus der weißen Pracht herausragen. Wir versuchen alles, um sie zu ermuntern, ich renne mit ihr ein Stück, aber sie kommt nicht hinterher. Bleibt stehen, setzt sich sogar hin, guckt mich mit vereistem Bärtchen hilfesuchend an – und dann begreife ich: Sie schafft es nicht, das hatten wir noch nie, aber ihr ist so kalt, dass es einfach nicht geht. Also Rucksack runter, Stöcke rein, Rucksack wieder hoch, Hüftgurt festzurren, dann Jacke auf, Hund rein, Jacke zu, einmal tief Luft holen, höchste Konzentration und nun ohne Stöcke und im Trab bergab, eine Hand unter den Dackelpopo, die andere um das Köpfchen, das schon völlig eingeschneit ist. Die Sicht ist beschissen, der Weg von Schneewehen teils wie weggefegt, es schneit mir zum Kragen rein, ab und zu – so wacklig bergabsurfend – verdreht’s auch das Knie, aber tief in mir drin ist diese Gewissheit spürbar: Ich werde das schaffen. Das flüstere ich mit blaugefrorenen Lippen auch dem Fräulein zu, das erst noch friert wie ein Schneider, aber nach einer Viertelstunde – so gut und sicher eingepackt in seinem Kängurubeutel – doch langsam wieder auftaut und warm wird.

Nach einer halben Stunde schmerzen die Arme, vor allem die Handgelenke, eigentlich auch der Rücken und die Beine, aber eine Pause können wir uns um die Uhrzeit und bei den Wetterverhältnissen nicht erlauben.
Der Gatte holt uns immer mal wieder ein, rubbelt die Eisklümpchen vom Dackelkopf und putzt mir die Nase, denn eine freie Hand hab‘ ich ja nicht.

Nach anderthalb Stunden Dauerlauf erreichen die Kängurumutter und ihr Kleines schließlich und endlich mit erfrorenen Rüsseln, aber ansonsten gut durchwärmt das Auto.
Arme und Beine haben tatsächlich durchgehalten, keine Sehne ist gerissen, kein Muskel gezerrt, kein Finger gebrochen. Und der Hund ist wohlauf, was ja eh das Wichtigste ist.

Es lebe der Sport.
Und es lebe auch die Sitzheizung, die einem die triefnassen Klamotten bis München wieder trocknet.

Ge_danke_n 2018 (11).

Das vorletzte Dankeschön in diesem Jahr gebührt demjenigen, der mich am häufigsten und intensivsten er_tragen darf/muss/kann – und diese Aufgabe seit zwölf Jahren zumeist heldenhaft schultert: dem Gatten.

Als uns die Standesbeamtin einst zum „schönsten Tag unseres Lebens“ beglückwünschte, schworen wir uns, diesen Wunsch auf keinen Fall Realität werden zu lassen – ohnehin hat es an dem Tag in Strömen geregnet.
Stattdessen wählten wir ein anderes Motto: Wir wollten am Ende des gemeinsamen Weges mal sagen können „Ein Tag war schöner als der andere!“, wohl wissend, dass das blanker Unsinn irgendwo zwischen Unvermögen und Utopie ist, zugleich aber eine erfrischende und gute Formel und etwas, woran zu orientieren sich mit einer ordentlichen Portion Humor im Nacken durchaus lohnt.
Und auch eine Art Mantra für Regentage oder andere Misthaufen, die einem das Leben, auch das gemeinsame, so vor die Füße wirft.

Danke für dieses Weihnachtsgeschenk!

Ich danke Dir für Deine Liebe, Dein Da-Sein und Deine Zuverlässigkeit, Deine Klugheit und Deinen Humor, Dein Engagement für Tiere…

…für Dein unvergleichliches Mandarinenmannlachen und Deinen ebenso unvergleichlichen Grant, für Dein Mich-Lassen-Können in den Dingen, die nur für mich wichtig sind, aber nicht für Dich (was ja gar nicht mal so wenige sind 😉 ), für Deinen ganzjährigen Einsatz an der Erwerbsarbeitsfront in Mainhattan, um hier unsere Brotkörbe und Näpfe zu füllen und dafür, dass Du morgen mit mir an den Ort fährst, an dem eines der drei Bücher, die ich vielleicht oder hoffentlich noch schreiben werde, sein Ende finden würde, wenn es denn endlich mal seinen Anfang fände.