Song des Tages (66).

Auf dem morgendlichen Weg zum Einkaufen laufe ich direkt über den ersten Appell des heutigen Weltfrauentages…

…der mir zwar farblich sehr zusagt, nicht aber in seiner Wortwahl und Metaphorik. Außerdem, liebe Freunde bzw. FreundInnen von der LINKEN, reimt sich das doch nicht mal vernüftig, da war ja schon der Pumuckl, dieses entzückend geschlechtsneutrale Geistwesen meiner Kindertage, wesentlich begabter!

Wie wär’s stattdessen mit „Krapfen statt Zapfen!“ ?

Oder mit „Schatten statt Latten!“ bzw. (wem das zu anzüglich ist) „Beine statt Leine!“ ?

In einem meiner Lieblingsmitträllerliedchen heißt es:

So smile for a while and let’s be jolly
Love shouldn’t be so melancholy
Come along and share the good times while we can!

… – and we can!

In diesem Sinne: Let’s swing! (natürlich nicht nur den Putzlappen)
Mit emanzipierten Grüßen aus der Küche (!) –
herzlichst, Ihre Frau Kraulquappe.

Wortwechsel zum Wochenende.

Die neuen Laufschuhe in dezentem Petrol (um ein Haar hätte ich sie, in einem Anflug von Frühlingssonnenübermut, in Knallorange bestellt) sind so gut gefedert und so herrlich unausgelatscht, dass ich noch eine Extrarunde drehe vor lauter Begeisterung über dieses viel leichtere und bessere Sprintgefühl.
Zugleich kam mir ihr Eintreffen (genau genommen: bereits der Online-Kauf) vor, als hätte ich damit die Verlängerung des Schwimmshutdowns für mindestens ein weiteres Quartal besiegelt. Das ist albern und irrational, aber bei Weitem nicht der einzige Seelensektor, in den sich mittlerweile ein paar Verschiebungen (um nicht zu sagen: Verrückungen) eingeschlichen haben.
Nach vier Monaten ohne jede Bewegung im Wasser (vom Räkeln in der Badewanne abgesehen) hat sich dort, wo sich seit Jahrzehnten (m)eine Nixenflosse befand, ein anderes Körperteil formiert, für das ich noch keinen Namen habe und das sich immer noch nicht so ganz zu mir gehörig und fremd anfühlt.
Zu diesem Mutationsprozess passen die nächtlichen Gelenkschmerzen, die mir seit Monaten regelmäßig den Schlaf rauben, eigentlich recht gut. Einziger Trost: dieses Ziehen und Stechen in allen Gelenken ist ein reiner Ruheschmerz (was für ein äußerst seltsames Kompositum: Ruheschmerz), d.h. tagsüber bzw. in Aktion tut mir nichts weh, aber die Lösung kann ja wohl kaum darin bestehen, dass ich mich 24 Stunden am Stück dauerbewege und den Nachtschlaf an den Nagel hänge.

Internet, Fachliteratur und der gesunde Menschenverstand ordnen die Beschwerden nur in sehr geringem Maß der seuchenbedingten Schwimmbadschließung zu, sondern vielmehr den Wechseljahren. Ein Begriff, den ich übrigens als pure Zumutung empfinde und ich erläutere Ihnen gern, weshalb.
Über dreißig Jahre allmonatlich von einer zeitlich viel kleiner klingenden Einheit, nämlich den Tagen (oder, auch das klingt noch überschaubar: der Monatsblutung) terrorisiert-traktiert-traumatisiert, da seit TeenagerTagen (sic!) mit einer Krankheit namens Endometriose umgehend, die immer noch kaum bekannt ist oder zu oft tabuisiert wird, – zusammengerechnet dürfte ich so um die 1000 Tage innerhalb der Tage mit übelsten Schmerzen zugebracht haben, die dank zweier Operationen in manchen Monaten nur 36 Stunden statt (vor den OPs) 72 Stunden anhielten, und nun, da diese periodische Plage endlich mal abflaut, wird medizinisch und sprachlich noch eine Schippe draufgelegt und statt Tagen (oder dem Monatswasweißichwas) ist für das nun Bevorstehende diesmal gleich von Jahren (!) die Rede.
Nein, echt nicht, das mach‘ ich nicht mit (genauso wie ich mich seit jeher konsequent von den Fellnasen, diesem verbalverhätschelnden Vierbeinersynonym, fernhalte, die einem etwas vorgaukeln, das der realen Erscheinung gar nicht entspricht), ich lasse mir nicht schon zu Beginn dieses Fruchtbarkeitsfinales (lustig: aus Versehen tippte ich zunächst Furchtbarkeitsfinale und erwog, das einfach so stehenzulassen) suggerieren, dass einen die diversen Begleiterscheinungen dieser großartigen neuen Phase im Frauenleben ja nicht unentwegt piesacken, sondern eher stunden- oder tage-/nächteweise, also keinesfalls 365 Tage im Jahr und das womöglich auch noch jahrelang.
Die Kurzform Wechsel geht schon gleich gar nicht, das hat was von Geldgeschäft oder Tauschhandel, und Klimakterium ist mir rein etymologisch auch nicht sympathischer, ich werde wohl noch weiterschauen müssen, ob mir was Passendes einfällt oder vielleicht lasse ich diese Phase auch einfach namenlos vorüberziehen, denn in Sachen Gynäkologie hab ich jedes normale Pensum an Drüberredenwollen und Michdamitbefassenmüssen eh schon weit überschritten.

Wo wir gerade bei Frauenangelegenheiten sind: Beim Frühstück einen selten dämlichen Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL über Frauen um die 50 (so auch dessen Überschrift) gelesen, den mir der Gatte (in seinem Nebenjob als häuslicher Pressespiegelbeauftragter) auf meinen Lektürestapel gelegt hat, um anschließend mit mir gemeinsam über diesen Blödsinn lästern zu können, allein der Untertitel („Die beste Zeit unseres Lebens ist jetzt“) und das damit verbundene Glücklicherdennje-Geseiere vergällt einem fast den samtigsüssen Geschmack der Marillenmarmelade auf dem Ersttoast. Ich verlinke diesen Beitrag hier nicht, weil er online (gottseidank) nur dem erlauchten Abonenntenkreis zugedacht ist und Sie somit nur die ersten paar Zeilen lesen könnten (wobei das auch genügen würde).

Bevor ich mir nun, einigermaßen ausgedampft vom ausgiebigen Parklauf, die Badewanne einlassen werde, möchte ich noch die in einer der kurzen Schlafphasen zwischen den unruhigen Ruheschmerzepisoden der vergangenen Nacht geträumte Begebenheit notieren.
Ich war von meinem Arzt zu einer Vernissage eingeladen (real werde ich nie zu Vernissagen eingeladen) und fuhr in einem roten VW Käfer (herrlich!) zu der in der Einladung genannten Adresse. Es handelte sich um ein großes, weißes Haus in terrassierter Bauweise, schöne Hanglage mit grandiosem Weitblick über eine vom Hochsommer verdörrte Landschaft, die mich an die Steppe rund um Albuquerque erinnerte (zu viel „Breaking Bad“ geglotzt, wenn diese Szenerie nun schon in Träumen präsent ist). Augenblicklich fand ich mich zu schlecht gekleidet (weiße Sommerbluse mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeans mit Loch am Knie, alte Ledersandalen), um ein solch nobles Grundstück betreten zu dürfen, gab mir dann aber einen Ruck und läutete.
Dr. T. holte mich am Gartentor ab, hieß mich willkommen und über etliche steile Treppen stiegen wir hangaufwärts in Richtung Haus. Ich war etwas eingeschüchtert von der überaus gepflegten Gartenanlage (üppige Palmen, blühende Kakteen, Zitronenbäume…!), sagte nichts und staunte stumm vor mich hin. Kurz bevor wir die Hauptterasse erreichten, wo sich wohl auch der Hauseingang befand, blieb er stehen, zeigte auf ein etwas abseits liegendes Areal seines Gartens und meinte: „Da hinten wäre etwas für Sie, wollen Sie mal gucken gehen?“. Ich nickte, ging alleine weiter, bog auf dem gekiesten Weg um eine Ecke und entdeckte etwas Blaues, das durch die Bepflanzung hindurchschimmerte. Vielleicht ein Pool?
Näherkommend sah ich: es waren drei riesige Schwimmbecken, blitzsauber, nagelneu und türkisblau gekachelt. Sie waren, genau wie das Haus, terassenartig angelegt und miteinander durch Rutschen verbunden (geschwungene, bunte Rutschen, wie in diesen Familienspaßbädern). In allen drei Pools glänzte die Oberfläche ruhig und glatt im Sonnenlicht, gänzlich unberührt lag das wunderbare Wasser vor mir, um die Becken herum keine Menschenseele weit und breit, und ich tat dann etwas, das ich im echten Leben so nicht tun würde, zumindest nicht auf einem mir fremden Privatgrundstück und in relativer Nähe um die Anwesenheit anderer Menschen wissend, die mich vielleicht sehen könnten: ich warf meine Klamotten ab und sprang splitternackt in den obersten der drei Pools, kraulte wie eine Irre hin und her, ließ mich von der Rutsche in den zweiten Pool befördern, die Nahtstücke der einzelnen Rutschenteile taten mir höllisch am Steißbein weh, zudem verschluckte ich beim Rutschen eine Menge Wasser, das nicht nach Chlor, sondern nach Bitter Lemon schmeckte, vielleicht sogar nach Wodka Lemon, dem Lieblingsgesöff meiner Jugendjahre, ich landete hustend und prustend in dem unteren Becken und wollte dort in Rückenlage weiterschwimmen, eher: weitertoben, drehte mich im Wasser liegend um, den Blick gen Himmel gewandt, der auf einmal nicht mehr strahlend blau war, sondern grau und wolkenverhangen, und nach wenigen Schwimmzügen prasselte mir Regen ins Gesicht, harte, spitze Tropfen, kurz noch der Gedanke „Verdammt, mit pitschnassen Klamotten kann ich mich nachher nicht auf der Vernissage blicken lassen…“ und dann sah ich den silbrigen Blitz, der so aussah wie ein Kind ihn malen würde (zickzackzickzack und unten eine Pfeilspitze dran) vom Himmel hinunterzucken, mitten in meine Brust hinein. Das tat nicht weh, das war auch nicht schlimm, nur ein bisschen unheimlich, im Grunde aber kurz und schmerzlos.
Mein Aufwachen mündete direkt in den Ruheschmerz, mein Nachspüren (dem Geträumten und dem Gelenkstechen in den Hüften) mündete ins Morgengrauen.

Schwimmen bezeichnet ja das Nicht-Untergehen eines Körpers in einer Flüssigkeit. So steige ich nun in das Schaumbad, schließe die Augen und könnte mir einbilden, ich würde schwimmen. Phantasiereisen dieser Art waren noch nie mein Ding, ich habe wenig Talent zum Tagträumen, erfreulicherweise gibt es immer noch und immer wieder Tage, deren Erleben selbst traumhaft genug ist.

Die Bildergalerie der Woche widme ich M. (aka der hübsch Bewimperte) und danke ganz herzlich für 1x Bergausflug und 1x Spaziergang samt Streuselkuchen & Shopping mit unseren beiden Mädels in unser beider Lieblingsgegend.

Himmel der Bayern (92): Eine etwa vierstündige Rast erhält die Kräfte ungemein.

Vorgestern, am Tegernsee. Zwischen Einkäufen, Küchenarbeiten, Abendessen und einem thematischen Potpourri, das von Treppenlifteinbau über Pflegestufenbeantragung bis hin zu Seniorenresidenzwartelisten reichte (die Stimmung des Papas dabei erstaunlich gelassen, ja vielleicht beinahe froh, dass ich das alles ganz direkt anspreche, nicht drumherum rede und mir Notizen mache, was wann und vor allem von wem zu tun sei), wackelt der Papa zum Sekretär, um aus der obersten Schublade ein zerfleddertes kleines Büchlein hervorzuholen. Trägt es zum Esstisch, legt es mir mit seiner leicht zitternden rechten Hand hin und sagt: „Guck mal, ich miste ja immer noch aus, und bei dem hier dachte ich an dich und ob du das vielleicht haben magst.
Seine Stimme spricht keine Fragezeichen mehr, auch keine Ausrufezeichen, sie hebt und senkt sich nur noch selten, ihre Amplitude ist ebenso in sich zusammengeschrumpft wie der gesamte stattliche und starke Mensch, der er früher mal war. Ich blicke auf den abgewetzten, kastanienbraunen Ledereinband, drauf steht in Goldlettern: „Meyers Reisebücher. DEUTSCHE ALPEN. Erster Teil.“
Die Ursprünge und Grundlagen meiner Bergliebe habe ich ja dem Papa zu verdanken, so wie die Dackel- und Heimatliebe wohl auch, also ergreift mich sogleich große Rührung als ich die mufflige Kladde aus dem Jahre 1886 aufklappe und das Vorwort zu lesen beginne: „Leicht Gepäck ist eine der Vorbedingungen für eine angenehme Reise, besonders im Gebirge.“ – so lautet der erste Satz. Wie wahr!, denke ich, und: Wie sehr das doch auch jenseits des Gebirges zutrifft.

Später am Abend, wir alle sind etwas erschöpft vom mentalen und verbalen Herumwuchten schweren Gepäcks, konkret: vom Um- und Einkreisen der vorletzten Dinge und dem schließlich vorsichtig geäußerten Beschluss, dass eine Übersiedelung vom Haus in eine Seniorenresidenz (der Begriff Altenheim kommt keinem über die Lippen, Pflegeeinrichtung schon gar nicht) sinnvollerweise in nicht mehr allzu ferner Zukunft anstünde („so lange wir das noch selbst entscheiden können“ sagt die Lebensgefährtin, der Papa hingegen fasst es unter „so lange ich meinen letzten Koffer noch alleine packen kann“ zusammen), sitzen still und müde in den Sesseln, jeder mit seinem lauen Getränkerest und seinen ungeäußerten Gedanken beschäftigt, schlage ich das Alpen-Büchlein erneut auf.
In dem einleitenden Kapitel „Einige Wander-Regeln“ findet sich unter anderem die wunderbare Weisung: „Das Gehen in der Mittagswärme ist unangenehm, eine etwa vierstündige Rast (11-3 Uhr) erhält die Kräfte ungemein.“ .

Am darauffolgenden Tage probieren wir das gleich mal aus – und rasten während der Mittagswärme. Gelingt uns auf Anhieb. Sehr gut sogar.
Ich lasse mich auf einer Bank am See nieder, deren Standort ich in Zeiten wie diesen lieber nicht verraten möchte, das Fräulein schnorchelt im Flachwasser herum und ruht nach dem Bade im sonnigen Strandkies (kaum zu glauben: grad mal zwei Monate nach Weihnachten und der Hund nimmt schon ein erstes Frühlingsbad!).
Dank des Krapfens genügt auch eine anderhalbstündige Rast, um die Kräfte zu erhalten bzw. wiederherzustellen (außerdem hat man ja auch noch was anderes zu tun), den Durstlöschhinweis aus Meyers Reisebuch beherzige ich wohlweislich nicht („Wer empfindlich beim Kaltwassertrinken ist, vermische das Wasser im Lederbecher mit etwas Kognak aus der Feldflasche.“ ), denn so in der prallen Sonne sitzend würde das die eben erst erhaltene Kraft womöglich wieder gefährden, außerdem besitze ich keine Feldflasche, sondern nur so ein neumodisches Aludings (wenngleich solides Schweizer Fabrikat).

Der frisch vererbte Schmöker geleitet mich quer durchs bayrische Hochland, ausführlicher widme ich mich dem Isarthale, der Region Tegernsee-Schliersee sowie der Gegend, in der ich gerade raste.
Ich erfahre, dass das Schloss, an dem ich just vorbeispazierte, damals keine ferienfreizeitwütigen Protestantenfamilien beherbergte, sondern dem Grafen Ferdinand von Rambaldi gehörte, der dort residierte, wann immer es seine Amtsgeschäfte als königlicher Regierungsrat in München zuließen. Absurderweise besaß der Herr Graf nur einen Steinwurf vom seinem Schloss entfernt noch ein Sommerhaus (auch jenes nicht gerade winzig und ebenfalls mit herrlichem Seeblick), um sich, wie es heißt, „dem turbulenten Treiben der Schloßanlage entziehen zu können“ .
Wie beneidenswert, wenn man binnen weniger Minuten von einer Ruheoase zur nächsten schlendern kann!
Man selbst ist ja heutzutage schon heilfroh, wenn man an dem fast gänzlich von Privatbesitztümern zugepflasterten Ufer irgendwo ein Loch in einem Zaun entdeckt, hindurchzuschlüpfen wagt, um dann klammheimlich kostbare 90 Minuten vor einem verspinnwebten Bootshaus zu verbringen. Freilich geht das eh nur, weil Februar ist und es außer ein paar Hunden noch niemanden ins Wasser drängt.

Vor mir der See, hinter mir das Bootshaus, mit einer beachtlichen Bevorratung an Poolnudeln und anderem Schwimmzubehör, linkerhand eine blau leuchtende Badeinsel, zu meiner Rechten der einladende Holzsteg, mit kleiner Stiege hinab ins schmerzlich vermisste Element.
Ich lege das Buch beiseite und google zum ichweißnichtwievielten Male nach Neoprenanzügen. Wie immer überfordert mich das nach wenigen Minuten und beschert mir dasselbe Gefühl, das mich früher stets in Kaufhäusern (Sie erinnern sich? – diese mehrstöckigen Konsumtempel, die Sie einst aufsuchten, wenn Sie das Haus verließen, um mal etwas anderes als nur Lebensmittel oder Klopapier zu besorgen…) befiel: ein Zuviel an Angebot sowie ein Zuwenig an Kenntnis oder Wollen radierte schon nach kurzer Verweildauer jede Kauflust in mir schlagartig aus – ich will dann gar nichts mehr (außer raus aus dem Laden und sofort meine Ruhe).

So knöpfe ich mir abermals Meyers Reisebuch vor, streife durch die Kapitel über Garmisch und Mittenwald (staune, dass das Karwendel früher Karwändel hieß und dass der Oberbayer als ein Menschenschlag geschildert wird, der sich „durch Biedersinn und Ehrlichkeit“ sowie „durch kernhaftes Wesen, Kraft, Humor und Phantasie“ ausgezeichnet haben soll) und bleibe schließlich bei „Ratschläge für bergsteigende Damen“ hängen, die ich Ihnen hier keinesfalls vorenthalten möchte:

Das Haupterfordernis für bergsteigenden Damen ist zunächst ein fester Bergschuh (…). Beim Maßnehmen dieser Schuhe ist darauf zu achten, daß beide mit starken Strümpfen bekleidete Füße fest auf der Erde stehen und nicht, wie meistens der Fall, frei in der Luft hängen. Man trete die Schuhe zu Hause ein und lasse sie erst im Gebirge nageln.
Besonderes Gewicht ist darauf zu legen, daß der Körper als erste Bekleidung nur Wolle erhält. Von dunklem, nicht zu schwerem Wollstoff angefertigte weite Beinkleider und darüber ohne Jupons das Kleid von dunklem Wollstoff, welches derart einzurichten ist (durch Aufknöpfen), daß es (bei Touren) entsprechend kurz oder lang gemacht werden kann. Der Stoff zum Kleid muss ein dauerhafter englischer Wollstoff sein.

(…) Ein warmes Plaid ist unerläßlich bei der Rast auf dem Gipfel, auch ein kleines Tuch für den Hals ist sehr erwünscht, wildlederne Handschuhe sind vortrefflich. Als Kopfbedeckung für in unbewaldetes Gebirge führende Touren diene ein starker Strohhut, der innen warm gefüttert ist, und dessen nach unten gehende Ränder das Gesicht schützen. Ein blauer Schleier ist unerlässlich.

Und 135 Jahre später ist das Einzige, was davon noch geblieben ist, der robuste Stiefel und bei der Oberbekleidung (heute Funktionswäsche oder Baselayer genannt) ein Merinoanteil von bestenfalls 70%.
Tja. The Times They Are A-Changin‘ .

Es ist das vollkommen Zweckfreie und ganz und gar Gegenwartsferne dieser Lektüre, das mir in der Seele so gut tut bei dieser Mittagsrast am Tag nach dem Ausflug in die geriatrischen Gefilde.

Mit Spaziergang, An- und Abfahrt habe ich es dann übrigens doch noch auf die empfohlenen vier Stunden gebracht, wenn man „Rast“ mal in einem weiteren Sinne fassen möchte: nämlich als „Absenz von Alltag“ .

Kurt knurrt.

Sie erinnern sich bestimmt: Kurt Kister ist mein erklärter Favorit unter den hiesigen Journalisten, ich erfreue mich jede Woche mindestens an seiner Kolumne, meist noch an einem weiteren Artikel.

Hier und heute zwei Kisters für Sie, wie sie kistriger nicht sein könnten.
Ersterer ist schon von letzter Woche und wurde daher bereits vom sehr geschätzten Bonner Blognachbarn zitiert, ich erlaube mir, ihn hier in Gänze hineinzukopieren. Kister spricht mir darin absolut aus der Seele, was das Sterben und unseren sprachlichen Umgang damit angeht.
Ich möchte ganz unbedingt eines Tages auch gestorben sein dürfen und keinesfalls verstorben sein. Und erst recht nicht verschieden! Und geschieden natürlich auch nicht, das hatte ich schon mal und das war eher doof (das Procedere, nicht das Ergebnis).

Meine Lieblingspassage im Erstkister ist der einleitende Absatz, dicht gefolgt von dem Halbsatz über Günter Grass. Und dass Lucy Jordan erwähnt wird, ist auch super. Wir könnten vermutlich eh gut zusammen Musik hören, der Kurt und ich (sogar Springsteen).

Aber lesen Sie selbst:

16. Februar 2021
Sehr geehrte Frau Kraulquappe,
es war eine dieser Nachrichten, die man mit doppeltem Erschrecken hört: Chick Corea ist tot. „Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Nein, dass so häufig verbalbürokratisch von „versterben“ gesprochen wird, hat nichts mit Corona zu tun, sondern eher damit, dass immer mehr Menschen, auch solche, die keine IT-Gebrauchsanweisungen schreiben, über einzelne Wörter und Sätze, die in der richtigen Art zusammengefügt, die Verständlichkeit und im allerbesten Falle die Schönheit unserer Sprache ausmachen, nicht mehr nachdenken. Gestorbene auch als Verstorbene zu bezeichnen, ist das eine. „Versterben“ aber ist, wie ich früher in der Volksschule gelernt habe, kein schönes Tu-Wort, auch wenn in Grimms Wörterbuch darauf verwiesen wird, dass schon Goethe die Zeilen schrieb: „Ein junger Mann, ich weiß nicht wie, verstarb an der Hypochondrie.“ Sie wissen ja, quod licet Jovi, non licet bovi.

Ludwig Anzengruber, ein hierzulande und heute nicht mehr sehr rezipierter österreichischer Schriftsteller und Stückerl-Schreiber, machte sich jedenfalls Gedanken darüber, welche Beziehung „versterben“ zu „sterben“ respektive „tot“ hat, indem er schrieb, „wenn einer verstorben (gestorben) ist, da ist er wohl ganz und gar verstorben (tot)“. „Verstorben“, heißt es in dem Wörterbuch der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, bezeichne „bisweilen den Augenblick des Abscheidens, manchmal aber auch die abgeschlossene Handlung“. Sterben ist da wohl die Handlung, also das Tun, „verstorben“ ist der Zustand, nachdem die Handlung vollendet wurde. Sterben, um verstorben zu sein – was für eine vielfältige Sprache, was für ein schönes Deutsch, das man nicht immer sprechen oder schreiben muss, aber mit dessen Kenntnis man auch keine 29-schrittigen Prozessanleitungen zur Neuanmeldung des Diensttelefons verschicken würde.

Ich blättere hin und wieder im sehr umfangreichen Grimm, dem Wörterbuch, von dem zwischen 1854 und 1961 sechzehn Bände erschienen sind. Zwar schreibe ich „blättern“, obwohl ich das fast ausschließlich online tue, auch wenn das Blättern online eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Die Geschichte der Wörter ist eben auch die Geschichte der Menschen – oder vielleicht ist es auch umgekehrt. Der verstorbene Günter Grass, der 2015 starb und seitdem tot ist, brachte 2010 als eines seiner letzten Bücher „Grimms Wörter“ heraus. Grass sollten Wörterliebende nicht vergessen, obwohl er auch manches krude Zeug geschrieben hat. Nehmen Sie einfach sein „Grimms Wörter“ in den nächsten Urlaub mit, den es wieder geben wird, ganz bestimmt, trotz Mutationen und Mutanten. Den Grass gibt es als Taschenbuch für ein paar Mark fuffzich (ja, liebe Schlussredaktion, ich weiß, dass man jetzt in Euro zahlt).

Nun bin ich sehr von dem abgewichen, worüber ich eigentlich schreiben wollte, auch wenn eine Funktion dieser Kolumne darin besteht, grundsätzlich von dem abzuweichen, was man eigentlich schreiben will. Variety is the spice of life, sagte der englische Dichter William Cowper, was ungefähr heißt, dass Vielfalt, also auch Abweichung, das Leben interessant macht. Also: Eigentlich wollte ich schreiben, warum mich der Tod von Chick Corea doppelt erschreckt hat.

Chick Corea habe ich bewusst zum ersten Mal in den Siebzigerjahren wahrgenommen, als er 1976 seine Doppel-LP „My Spanish Heart“ herausbrachte. Zwar hörte ich damals eher das, was man bei Spotify heute ProgRock nennt, hatte aber keine Vorurteile gegenüber Jazz oder seinen Verwandten. Je älter ich wurde, desto mehr hörte ich auch Jazz. Corea war in seinen vielen verschiedenen Musikphasen immer einer meiner Begleiter; als ich mir es leisten konnte, besuchte ich auch das eine oder andere Konzert. Leider habe ich nie seine fantastische Band Return to Forever live gehört, aber ihn selber doch in diversen Formationen gehört und gesehen. Ich hatte und habe seine Musik auf Platten, auf Kassetten, auf CDs, auf diversen Pods, und seit geraumer Zeit fließt sie auch aus der Großen Wolke über das Telefon in den Verstärker. Chick Corea war immer da – so wie Thelonious Monk, Keith Jarrett oder, andere Baustelle, Leonard Cohen. Tja.

Das ist der eine Grund für das Erschrecken:  Ein wichtiger, vielleicht genialer, großartiger Musiker ist tot.(SZ Plus) Der andere Grund: Er, oder zumindest seine Musik, hat jahrzehntelang zu meinem Leben gehört. Das ist jetzt zwar nicht vorbei, aber so wie für manche Klassikhörer mit dem Tod von Mariss Jansons oder Enoch zu Guttenberg etwas zerbrochen ist, höre ich jetzt Light as a feather über Scherben, die man nicht sieht, aber spürt. Und die Melancholie wegen Coreas Tod ist natürlich auch Melancholie über das, was man selbst alles verloren hat im Leben oder verloren zu haben glaubt, oder was zumindest unwiederbringlich vorbei ist.

Im Oktober 1993 zum Beispiel war ich bei einem Konzert von Chick Corea in Virginia vor den Toren Washingtons. Es war mir ziemlich egal, dass man sich damals in Deutschland gerade darüber aufregte, dass Corea Scientologe war, auch wenn ich nicht verstehen kann und konnte, wie sich halbwegs vernünftige oder gar halbwegs geniale Menschen einer so obskurantistischen Religion mit totalitären Zügen anschließen können. Andererseits sind die meisten Religionen … aber diese Abweichung hebe ich mir für eine andere Kolumne auf. Jedenfalls war es ein großartiger, warmer Herbstabend, und als ich nach dem Konzert nach Washington zurückfuhr, wollte ich nirgends anders sein als dort und nichts anderes erlebt haben als das, was ich gerade erlebt hatte. Dieses Gefühl stellt sich mit zunehmendem Alter seltener ein, und deswegen macht auch der Tod von Chick Corea doppelt traurig.

Es gibt diesen Song von Marianne Faithfull, den ich gerne zitiere, in dem es über die depressive Titelheldin Lucy Jordan heißt, sie habe mit 37 erkannt, dass sie niemals in einem Cabrio durch das sommerwarme Paris fahren würde. Was soll man sagen: Ich war damals 36, hatte ein Cabrio und fuhr nach Washington, das Pianospiel von Chick Corea im Ohr.

Und heute? Draußen hat es fünf Grad minus, es schneit leicht, und man sitzt am Computer, um melancholisches Zeug zu schreiben, weil Chick Corea gestorben ist. Man kann nirgends hingehen, es hat nichts offen, und das meiste, was real ist, ist auch irgendwie künstlich. Der Kerl auf dem Bildschirm, mit dem man dienstliche Absprachen treffen muss, sieht so aus, als befände er sich auf der „emotionalen Tonskala“ – der Begriff stammt aus dem Scientologen-Gedöns – ungefähr bei „covert hostility“, also versteckter Feindschaft. Selten war es so sehr Zeit, dass es endlich wieder Sommer wird.

Kurt Kister
Kolumne mit dem Titel: „Gestorben um tot zu sein“. Von Kurt Kister, 16.02.2020.

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Der zweite Artikel, in dem Kurt kräftig knurrt, erschien gestern Abend.
Der Gatte leitete ihn mir umgehend nach Veröffentlichung weiter (ich saß ja am Tegernsee, war tief in das Tauchbecken der Seniorenthemen gesprungen und hatte folglich keine Zeit und keinen Kopf für Zeitungslektüre) und dieser Text war wirklich eine erfreuliche Ergänzung zu den ungefähr 5-6 Messenger-Nachrichten von Freunden und Freundinnen (ich kann das mit dem * noch nicht), die mich gestern über den Tag verteilt auf den neu erschienenen Podcast von Bruce Springsteen & Barack Obama hinwiesen, mit dem die beiden Chiefs nun die Menschheit (oder auch nur sich selbst) beglücken wollen.

Verstehen Sie das bitte nicht falsch: ich möchte unbedingt auch weiterhin auf jeden Pups aufmerksam gemacht werden, der durch die Lüfte von Colts Neck, jenem Kaff im Monmouth County im US-Bundesstaat New Jersey, in dem der Boss seinen Ruhestand auf dieser kleinen Ranch verbringt, weht. Unbedingt!
Aber wie das eben mit Pupsen (Püpsen?- wie lautet der korrekte Plural dieser Winde?) so ist: nicht alle ziehen sie angenehm geruchs- oder geräuschlos vorüber, manchmal poltern oder stinken sie auch ganz erheblich. Und dieser hier, der mieft nach Selbstbeweihräucherung, nach einem saturierten Sermon zweier (weitgehend) Zufriedener, die sich zum nachmittäglichen Genuss eines edlen Eisteegesöffs aus zirbenkugelverschlossenen Karaffen auch noch ein Stück Rebellionsküchlein genehmigen wollen, das sie – jeder für sich und doch irgendwie gemeinsam – verzehren und zuvor entsprechend (age-appropriate) gründlich zerkauen. (Nebenbei: Obama hat übrigens fast den gleichen Thermostrinkbecher (travel mug) wie ich.)
Das einzig (nachhaltig) Erfreuliche daran: er (der Pups bzw. der Podcast) lieferte Kister die Munition für einen weiteren wunderbaren Kommentar, hier der Link zum Artikel.

Meine Lieblingsstellen: die mit der Harman-Kardon-Anlage im BMW und natürlich der Schlussteil mit Alois & Susi.

[Werde nachhher mal im Keller nach diesen Kassetten stöbern gehen. H. und ich nahmen in den 1980er-Jahren bergeweise solche Unterredungen auf, ich hab die selbstverständlich alle aufgehoben und archiviert, und da H. nächste Woche Geburtstag hat, bestünde noch eine reelle Chance, dass ich unsere Werke bis dahin digitalisiere und der Freundin als Podcast zukommen lasse.
Sollte mir das technisch nicht so fix gelingen, kann ich ja immer noch eine Glaskaraffe mit Zirbenkugel schenken
.]

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Über Erinnerung und Innenarchitektur. Zum 12. Januar 2021.

Ein Scharlatan ist sie, die Erinnerung.
Aus dem Erlebten schnitzt sie sich nachgerade das heraus, was sie behalten möchte oder kann. Heftet sodann jenes willkürlich Herausgeschnitzte als lose (oder wahllos?) aneinandergereihte, biographische Bilder (mit oder ohne Erläuterungstext) an die schier unendlich große Pinnwand unserer Lebenssouvenire.
Von dort gucken sie uns an, all diese arrangierten Andenken. Oder lassen sich von uns angucken.
Etliche lächeln uns freundlich zu, manche zwinkern auffordernd, ein paar strahlen vor Glück und springen uns regelrecht an mit ihrem übermütigem „Mensch, weißt du noch…?“-Gehabe.
Andere hingegen glotzen mahnend oder anklagend oder grausam von ihrem Pinnwandplatz aus herüber, manche blinzeln müde durch einen Tränenschleier hindurch und es ist kaum möglich, länger Blickkontakt mit ihnen zu halten.

Im Laufe der Jahre gewöhnen wir uns an diese Sammlung, leben mit ihr zusammen, ungefähr so, wie man mit einem Möbelstück zusammenlebt, das man liebgewonnen hat, weil es einem gefällt oder weil es seinen Zweck so treu erfüllt oder weil es einfach bloß zu teuer oder zu sperrig ist, um in einer Aufwallung spontanen Unbehagens oder Überdrusses hinausgeworfen zu werden.
Wir kultivieren sie jedenfalls auf die eine oder andere Weise, ordnen die Bilder vielleicht mal neu und anders oder hängen die gesamte Pinnwand an einen lichteren oder finstereren Ort – aber es wird kaum einen geben, der ihre Existenz und Aufrichtigkeit ernsthaft in Frage stellen würde.
Sie ist da, sie begleitet uns, und sie beeinflusst uns, mal mehr, mal weniger.

Zu selten fragen wir uns, ob das Memorierte damals wirklich genau so war, wie wir es uns (in welcher Gemütsverfassung auch immer) irgendwann einmal zurechtgeschnitzt haben, sondern wir pappen ein „So war das damals!“ drauf und heften es zu all den anderen Postkarten aus der Vergangenheit, die wir uns selbst geschrieben haben, um unsere Lebensreise und deren Stationen zu dokumentieren.
Ein Akt der Selbstvergewisserung quasi, denn es muss doch möglich sein, das gelebte Lebens in der Rückschau als etwas wahrzunehmen – ein Etwas, das sich auch irgendwie als irgendwas fassen lässt (damit es nicht dem Vergessen anheimfiele und damit vermeintlich zur Bedeutungslosigkeit verkäme).

In der Erinnerung richtet man sich die Räume der Vergangenheit so ein, wie man sie bewohnen möchte.
Manche werden zu wahren Prunkzimmern ausstaffiert, die von protzigen Kronleuchtern bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, denn erstrahlen soll es, das alte, edle Mobiliar, und uns vorgaukeln, wie toll sie doch gewesen sei, diese Zeit damals. Dabei war die Episode, auf die sich die opulente Inszenierung bezieht, eine recht gewöhnliche, unspektakuläre Lebensphase.
Egal – betreten wir einen so gestalteten Erinnerungsraum, hauen wir uns dort zufrieden in den samtenen Fauteuil, entledigen uns mit einer lässigen Wippbewegung der Pantoffeln und lassen mal alle Fünfe gerade sein.
[Wenn ich das so schreibe, fällt mir sofort ein ehemaliger Freund ein, einer der besten Anekdotenerzähler, die ich je kannte: jeder auch noch so banalen Lebensphase verlieh er durch sein Erzählen mindestens einen Hauch von Glamour, Skurillität oder Sensation, ein Highlight jagte das nächste, ja, man konnte leicht neidisch werden auf diese Vita, die so völlig unbesudelt zu sein schien von glanzloser Gewöhnlichkeit und temporärer Tristesse, und er erzählte seine Glitzerstories über die Jahre so oft und mit so viel Inbrunst, dass er sich nicht nur dauerverliebte in seine Biographie, sondern auch in sich selbst, den Protagonisten all dieser grandiosen Geschichten.]
Anderes hingegen, das klein, zart und schön war, landet zu Unrecht auf dem Speicher, wird von schnödem Spinnweb befallen und allenfalls ein Umzug oder eine Generalsanierung könnten es diesem traurigen Schicksal entreißen, weil man es nur dann nochmal anfassen und drüberpusten würde und plötzlich der Anmut gewahr würde, die viel zu lang unter all dem Staub begraben lag.
Der Großteil unserer erinnerten Vergangenheit verteilt sich aber kreuz und quer durch die alltäglichen Räume unserer Behausung: sickert hier ein in Dielen, klebt dort hinter Spiegeln, schlummert in Schubladen, hängt an Haken oder ruht in Regalen, das eine wird ein bisserl hindrapiert, das andere eher versteckt, und das meiste ist einfach nur zufällig da, wo es eben gerade ist.
Und ein paar unserer Erinnerungen werden schließlich zu hässlichen Kellerkammern, in denen nichts als Moder und Mief wohnt. Orte, an denen es einen schon als Kind gegraust und gegruselt hat und denen auch die Taschenlampe in der Hand des Erwachsenen oder Jahre später die Sitzungen beim Therapeuten nie ganz und gar ihren Schrecken nehmen konnten.

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Heute denke ich an den 12. Januar vor fünf Jahren, der Tag, an dem N. starb, und zugleich erinnere ich mich an den 12. Januar vor einem Jahr, als ich zu Gast auf einer Geburtstagsfeier war und neben M. zu sitzen kam, eine Begebenheit, die zur Geburtsstunde einer neuen Freundschaft wurde.
Es ist das erste Mal, dass ich nun zwei Erinnerungen an diesen 12. Januar habe, ab jetzt wird das immer so sein, und wer weiß, vielleicht kommt irgendwann noch eine dritte hinzu.

Während N. nach seinem nächtlichen Lauf heute vor fünf Jahren für immer in den Schnee sank, machten M. und ich uns heute vor einem Jahr bei Sonnenschein auf, fortan als Freunde durch die Welt zu wandern.
Gut, zwischen diesen beiden bedeutsamen Ereignissen im Reich der Freundschaft lagen 4 intensive Lebensjahre, 2 aufreibende Umzüge, 1 gottseidank schnell bemerkter Jobirrtum und allerhand andere Schicksalsschmankerl – so gesehen wäre es ziemlich albern, jetzt zu behaupten, dass sich immer dann eine Tür öffnen würde, wenn eine andere sich schließt, ein Sinnspruch, an den sich ja bereitwillig geklammert wird, wenn man erstmal aus dem Garten Eden vertrieben und von den unvermeidbaren Unbilden des Lebens schon ein wenig zerschunden im Vorgarten der Verzweiflung angekommen ist und um einen herum nirgends ein tieferer Sinn aus dem kargen Erdreich zu sprießen scheint.
Eben jener im Schnee gestorbene Freund war es passenderweise auch, der seinem maturierenden Sohne einst auf die Frage, ob das Leben denn irgendeinen Sinn habe, die ebenso ernüchternde wie ehrliche Antwort gab, dass der Sinn des Lebens im Leben selbst bestünde, was den Filius erst wie besessen ins Pianospiel, dann nach Passau und schließlich in eine psychiatrische Klinik flüchten ließ (was der Vater größtenteils nicht mehr mitbekam und sich wahrscheinlich auch nicht auf dieselbe Weise zugetragen hätte, wenn er noch weiter unter den Lebenden geblieben wäre).

Ständig öffnen oder schließen sich alle möglichen Türen (manchmal bekommt man’s leider erst zeitversetzt oder gar nicht mit), und auch hier spielt einem die Erinnerung nicht selten einen Streich, was die nachträgliche Bewertung angeht.
Fünf Jahre nach dem Tod von N. sortiere ich also heute jene Ecke auf meiner Lebenssouvenirpinnwand, die mit Bildern aus der Zeit, in der wir einander kannten, bestückt ist, plötzlich neu (um nicht zu sagen: ich miste dort gründlich aus). Fünf Jahre hat es gedauert, um zu erkennen, dass da manche Erinnerung in einem vergoldeten Rahmen hing, obwohl ein schlichter Cliprahmen angemessener gewesen wäre. Und dass das eine oder andere Bild arg schief hing, fiel mir, die ich ansonsten sehr genau bin in solchen Dingen, ebenfalls jahrelang nicht auf.
Ist es das Los mancher zu früh aus dem Leben Geschiedenen, dass sie durch ihren so unerwarteten Tod die Nachwelt zu Verklärung und Vergoldung anstiften? Oder war hier abermals der Adjutant der Erinnerung, dieser munter herumstümpernde Innenarchitekt am Werk?

Wie dem auch sei – eigentlich wollte ich anlässlich des heutigen (nun in doppelter Hinsicht) Jahrestages ja nur festhalten, dass ich ein kleines Verdutztsein darüber verspüre, dass es exakt dieses Datum ist, an dem der eine Freund ging und der andere in mein Leben trat, wobei Letzterer binnen eines Jahres ein engerer Freund wurde als Ersterer in einem ganzen Jahrzehnt.

Und ich wollte sagen: Danke, lieber M., für dieses vergangene Jahr, das so reich war an Freude, Ausflügen, Perspektiven, Erlebnissen, Gesprächen, Entdeckungen, Verbundenheit und Kuchenstücken!

Himmel der Bayern (90): Flughunde und Blumenmädchen.

Frisch eingezuckert liegt uns das Lieblingstal zu Füßen, über uns strahlt der weiß-blaue Himmel – und so sagen wir „Servus, 2020!“

Nach zwei Monaten Lockdown kneift die Hose allmählich wieder. Nicht etwa wegen Virusfrustvöllerei, sondern weil das Laufen die Schwimmfigur zerstört hat. Aber was soll man anderes tun in diesen Zeiten, als sich einen halbwegs erträglichen Ersatzsport zu suchen, und wahrlich gibt es momentan größere Probleme als Beinkleider, die sich etwas straffer als üblich über die Oberschenkel spannen.

Das Jahr 2020, über das ich persönlich nicht klagen möchte, weil allerorten schon genug geklagt wurde (ja, bisweilen auch hier) und weil es für mich durchaus viele schöne Wochen und Augenblicke hatte, ist in ein paar Stunden vorüber. Viele sind froh darüber, manchen graut es vor dem kommenden Jahr, mir hingegen entlockt der Jahreswechsel heuer keine besonderen Emotionen.
In den letzten Wochen fließen die Worte nicht wie gewohnt, weshalb ich mich dagegen entschieden habe, ein längeres Schlusswort zum Seuchenjahr Nr. 1 zu verfassen. Schließlich begleitet uns das alles sowieso noch in 2021, zudem dominiert derzeit das Gefühl, dass alles schon zigfach gesagt wurde und man die Wortsuppe momentan nicht mehr durchzurühren braucht, nur um ihr hernach eine Kelle voll Wiedergekäutem abzuschöpfen.
Und all das Erfreuliche, das war und ist, nochmal aufzuwärmen, reizt mich gerade ebenso wenig, außerdem haben Sie das ja eh während der vergangenen 12 Monate eifrig hier mitgelesen und Anteil daran genommen, wofür ich Ihnen an dieser Stelle herzlich danken möchte.

Die vergangenen Tage bestanden aus aktiv wie passiv genossener Musik, aus guten und gesunden Mahlzeiten, aus ausgiebigen Märschen durchs verschneite Oberland und aus Muskelkater im Oberkörper. Letzteres ging weder aufs Konto des Laufsports noch der Bergtouren, sondern verdankt sich einigen Verrenkungen an einem Hightech-Gerät namens „Mammomat Inspiration“ – ein Ding, das in etwa so viel mit Inspiration zu tun hat wie die „WC-Ente“ mit einem Teich.

Ich bin ein Freund positiver Bilanzen und so bin ich 2020 nicht für das gram, was nicht möglich war, sondern nehme erfreut zur Kenntnis, was so alles drin war in diesem Jahr – trotz Corona.
56x Schwimmen ist für ein Pandemiejahr ja so übel nicht und mit 44 Bergbesteigungen bin ich sogar äußerst zufrieden. Dass es 80 Läufe geworden sind, naja, Schwamm drüber – aber bevor das in 2021 so weitergeht, kaufe ich mir wohl doch noch einen Neoprenanzug oder imitiere Schwimmbewegungen mit einem Theraband, das ich an der Türklinke befestige.

Vorsätze fürs kommende Jahr? So gut wie keine!
Höchstens: Der viele Feldsalat soll bleiben. Der fiese Knoten vom Dackelfräulein soll abhauen, die Querdenker vor unserer Haustür bitte ebenso.
Und ich möchte „La Paloma“ auf dem Akkordeon spielen können, gern auch „Lili Marleen“. (Falls der Papa mal in einem Pflegeheim landet, werde ich an seinem Bett sitzen und ihm beides vorspielen und er wird sich freuen und an früher erinnern, und ich werde glücklich sein, dass wir ein Stück gemeinsamer Geschichte bis zu dieser Bettkante hinüberretten konnten.)

Der heutige Tag begann mit einem Bild, das vor meinem inneren Auge entstand, als ich eine nicht ganz kurze Sprachnachricht des hübsch Bewimperten auf meinem Handy abhörte. Es begleitete mich durch den gesamten Tag, dieses Bild, und ich habe es nun stimmungsmäßig zu meiner inneren Kompassnadel für 2021 auserkoren: der Freund erwähnte in einem Kontext, den zu erläutern hier jetzt viel zu weit führen würde, dass er mich, wenn er denn jemals noch heiraten würde, gern als sein Blumenmädchen an seiner Seite hätte.
Sofort sah ich mich in einem lindgrünen, flatternden Kleidchen, und mit einem Weidenkorb voller Rosenblätter in der Armbeuge, einen gekiesten Weg entlanghüpfen und fröhlich all das zarte Bunt in den Sommerhimmel werfen. Diese Allegorie gefällt mir, weil ich auf den ersten (und offen gestanden auch auf den zweiten) Blick herzlich wenig mit dem gemein habe, was ich mir unter Blumenmädchen vorstelle, es mir aber genau deshalb erstrebenswert erscheint, mich, was Leichtigkeit und Frohsinn angeht, ein Stück weit davon leiten zu lassen.

Bevor es nun gleich gebratene Maultaschen an oder mit (um die 2020 am meisten verwendete Präpositionskonstruktion hier endlich auch mal unterzubringen) Feldsalat (!) gibt und später, vermutlich so zwischen Episode 2 und 3 von Staffel 4 der aktuellen Suchtserie, noch eine kleine Pannacotta mit Himbeermark, wollte ich es nicht versäumt haben, Ihnen allen einen guten und gesunden Sprung ins neue Jahr zu wünschen…

…mit sanfter Landung, versteht sich!

Das Leben, ein Tanz & wir pfeifen dazu. Zum 28. Dezember 2020.

Meiner kleinen, treuen, klugen und tapferen Begleiterin zum 9. Geburtstag:
Mögest Du noch lange mit mir durchs Leben tanzen, und ich mit Dir!

Aus der Steiermark kommt das Geburtstagslied…

…und aus der Münchner Küche der Videoclip dazu.

Manchmal ist das Leben ein Eiertanz und das einzig vernehmbare Pfeifen jenes, das aus dem letzten Loch ertönt, so dachte ich in den vergangenen Wochen des Öfteren.
Wir wollen diese Gedanken nun so gut es geht abschütteln und mit Zuversicht und Mut das neue (Lebens-)Jahr beginnen.

Bergwieseln, allein.

Nach einer vergleichsweise längeren Bergpause – wider besseren Wissens zwar, aber bei allem, was war und ist, hab ich die Kurve einfach nicht gekiegt (oder es waren die falschen Gelegenheiten, wie z.B. am Wochenende, als B. eine Tour vorschlug, die ich aber wegen des zu erwartenden Andrangs ausschlug, weshalb es kurz knirschte zwischen uns, so wie es in diesen Zeiten ja mit manchen schnell mal kurz knirscht, weil die geltenden Regeln oder Empfehlungen unterschiedlichste und individuellste Deutungen und Dehnungen erfahren) – nach einer längeren Bergpause also, es mögen glatt gute drei Wochen gewesen sein, gab ich mir heute Morgen einen Ruck, packte das dazugehörige Säcklein und fuhr hinaus.

Ausnahmsweise mal ganz allein, ab und zu muss das sein, ohne Bezug und Begleitung, auch wenn es sich fremd und fast ein bisschen falsch anfühlte, nicht wenigstens das Dackelfräulein an meiner Seite zu haben (in der Jackentasche aber trotzdem ein Gassisackerl mit dabei und im Rucksack später auch noch ein Würstchen gefunden).

Früher genoss man das Leben ja in vollen Zügen, heutzutage ist man heilfroh, wenn selbige leer sind. Da wagt man sogar an Ort und Stelle das temporäre Ablegen der Maske, um die stadtbeste Breze zu verzehren.

Wo gestern noch eine Völkerwanderung unterwegs war, weil Sonntag war und die Wettervorhersage vier Sonnenstunden versprach, war heute keine Socke unterwegs.

Nur 2,5 Menschen auf der 12 Kilometer langen Strecke getroffen, in knapp 3 Stunden von Hausham am Schliersee über die Gindelalmschneid und die Neureuth runter nach Tegernsee am Tegernsee gewieselt, 20 Minuten Pause verteilt auf 2x zehn Minuten, man möchte ja nicht festfrieren da heroben im Schnee, alles in allem eine ordentliche Gehzeit für die 620 Höhenmeter hinauf und wieder hinab, dazu dieses beglückende Gefühl, dass man wenigstens das (noch) kann und wie viel Freude das macht.

Was in meinen Beinen an Kraft und Ausdauer steckt, das könnte mein Herz sich doch mal an Mut und Zuversicht zulegen.

So ungefähr formuliere ich beim Abstieg in der Abendsonne meinen diesjährigen Weihnachtswunsch.

Wo der Lindwurm tobt.

Sofern Sie zu den Vernünftigen gehören, die sich gerade nicht an den letzten Ladenöffnungsminuten laben, haben Sie ja vielleicht ein wenig Zeit und Muße für ein kleines Filmchen, das Ihnen anschaulicher als jedes Gerede oder Geschreibe meinen Gemütszustand nahebringen wird (bitte drehen Sie für einen möglichst authentischen Eindruck zuvor die Lautstärke an Ihrem PC/Laptop/mobilen Endgerät voll auf):

Nun soll dieser Helikopter-Höllenkrach aber nicht nur eine schnöde Metapher für mein etwas aus den Fugen geratenes inneres Gleichgewicht sein, nein, nein! Sondern aktuell vermag auch nichts unsere häusliche Situation in dieser ohnehin schon an Besinnlichkeit kaum zu überbietenden Vorweihnachtswoche trefflicher zu beschreiben als so eine Bell UH-1 während der Startphase.

Gestern Morgen, ich war noch im Nachtgewand, läutet Lolek bei uns. Vertraut wie wir ja nach diesem intensiven gemeinsamen Jahr längst miteinander sind, öffne ich ihm selbstverständlich trotz dieses Outfits die Tür.
Heute werden ganze Tag sehr laut“ , krächzt er nach einem schnellen Morgensalut (= riesiger Werkzeugkoffer knallt auf Treppenhaussteinboden) unter seinem Schirmmützchen hervor. Ich lächle müde und entgegne ihm mild: „Aber Lolek – es war doch schon die letzten beiden Wochen fast jeden Tag sehr laut!„. Mein Lieblings-Pole senkt den Blick und meint: „Aber heute sehr, sehr laut – mussen fräsen Estrich. Hoffen, fertig in drei Tage.
Ich nicke, weil mir keine andere Reaktion einfällt, wir wünschen uns jeweils einen guten Start in die Woche, ich schließe die Tür und schlurfe in die Küche zurück. Mein Morgenhorizont reicht gerade mal bis zum Toaster und unter „Estrich fräsen“ kann ich mir spontan und um diese Tageszeit noch nichts Konkretes vorstellen.

Keine fünf Minuten später ändert sich das schlagartig. Lolek und Bolek werfen die Höllenmaschinen in der Wohnung über uns an, die Wände unserer Wohnung vibrieren, wir fürchten um die schweren, gerahmten Bilder und plärren uns zu, ob und wie wir das nun ganztags aushalten sollen (geschweige denn bei dem Lärm arbeiten), das Fräulein kreucht verschreckt durch den Flur und guckt uns hilfesuchend an.
Man hätte es ahnen sollen: Spricht der Pole von einem Arbeitstag, ist damit schließlich keine poplige Nine-to-five-Schicht gemeint, sondern ein Einsatz, der sich mühe- und pausenlos von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends hinziehen kann, wenn zwischendurch nicht die Zementsäcke oder die Sobieskis zur Neige gehen. Analog verhält es sich offenbar mit der Ankündigung, es würde „sehr, sehr laut“ werden.

Dem Gatten, dem an diesem Vormittag noch ein Zoom-Meeting und eine Vorlesung bevorstehen, platzt der Kragen und er ruft umgehend und mitten aus dem Hubschrauberlärm den Vermieter an.
Es ist ja in Zeiten von Homeoffice und Lockdown-light schon ärgerlich genug, dass eine mehrwöchige Renovierung mit keiner Silbe vorher bekanntgegeben wird, aber diese Beschallung schlägt dem Fass nun endgültig den Boden aus und die Aussicht auf mindestens drei solcher Hubschraubertage in Folge bringt den Kreislauf binnen Sekunden vermietertelefonattauglich in Schwung.
Ja, das ist blöd, aber da müssen wir halt jetzt durch“ , lautet die Devise des Hauseigentümers – dabei ist der Punkt doch der, wer von uns ganz praktisch betrachtet eigentlich da durch muss und ob dieses Da-durch-Müssen nicht (s)einen Preis hat und wenn ja, wer den zu bezahlen hat.

Nach einigem Hin und Her und etlichen, in und bei brüllender Lautstärke absolvierten Telefonaten, ziehen wir mit Sack und Pack (Laptops, Netzkabeln & Co., Verpflegung bis zum Abend, Hundekörbchen & dazugehörigem Hund etc.) in ein fußläufig entferntes Hotel, das seine Zimmer tagsüber an heimatlose Homeoffiziere vermietet. 30€ pro Zimmer, 10€ für den Hund, gratis Kaffee, Wasser und WLAN.
Kann man nicht meckern, im Gegenteil: ist durchaus ein toller Tipp für all die, denen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, sei es renovierungsbedingt oder weil einem der eigene, energiegeladene Nachwuchs oder die klavierklimpernde, kurzarbeitende Nachbarin auf den Keks geht.

Das Hotel um die Ecke kennen wir schon, da wir hier die letzte Nacht vor dem Ende der großen Wasserschadensanierung zugebracht hatten. Hello again!
Zur Begrüßung gibt’s einen Formularberg (zur Dokumentation, dass sie auch ja nicht zu touristischen Zwecken vermieten), es folgen zwei nebeneinander liegende Zimmer (damit es sich auch ja anfühlt wie zuhause und man den Partner z.B. bei technischen Problemen wie gewohnt fluchen hören kann), zwei nicht auf Anhieb funktionierende Türkärtchen und zwei aus der guten Togobohne frisch aufgebrühte Heißgetränke – und schon geht’s auf in den Tag!

Geschmeidiger könnte eine neue Woche kaum starten!, denke ich ganz kurz bei Betreten meines in erheiterndem Dunkelgrau gestrichenen Zimmers, aber es bleibt gottseidank keine Zeit für weiteres verdrießliches Vertiefen in dieses Zwischenfazit, weil ich schon wieder meinen Rucksack umpacken und mich auf den Weg machen muss. Zum Tierarzt.
Ein Termin, den ich ursprünglich deshalb vereinbart hatte, um mir zu der beim Dackelfräulein diagnostizierten Umfangsvermehrung eine Zweitmeinung einzuholen. Dann aber bekam der Termin am dritten Advenstssonntag eine neue Dimension, als wir feststellten, dass der Umfang der Umfangsvermehrung sich binnen einer Woche spürbar vermehrt hatte – und, was uns einen noch viel größeren Schreck einjagte, auch noch Gesellschaft bekommen hatte von einer zweiten, zwar kleinen, aber ebenfalls merklichen Umfangsvermehrung in der Nähe der ersten (Advent kommt ja bekanntlich von advenire).

Quer durch die Stadt also zu der Praxis, das Fräulein gar nicht begeistert, als es kapiert, wohin die Reise geht und meine Wenigkeit (ein Begriff, den ich selten als passender empfand, u.a. aufgrund der Entdeckung, dass trotz enger geschnalltem Gürtel die Jeans wirklich arg locker sitzt) ebenfalls gar nicht begeistert, als ich kapiere, dass meine Einschätzung erneut korrekt war.
Mit zwei kleinen Tumoren und einer großen Beratung verlassen wir beide reichlich bedrückt die Tierärztin, draußen im Park drückt es die restlichen Tränen, die ich mir im Behandlungszimmer verkniffen hatte, auch noch hinaus und die Stimmung sinkt trotz ein paar erster wärmender Sonnenstrahlen seit Tagen unter den Gefrierpunkt.
Auf dem Nachhauseweg, der nun nicht mehr nachhause, sondern zum Hotel führt, schicke ich dem Gatten eine Nachricht, dass ich vor Hunger sterbe, was den ersten guten Moment dieses Tages zur Folge hat – bei Ankunft im Hotel erwartet mich eine köstliche Pizza, die genau so ist, wie ich Pizza liebe: dicker, krosser, mit ein paar leicht angekokelten und aufgeplatzten Blasen versehener Rand, wenig Belag, schön warm und in verzehrfreundliche, ordentliche Achtel vorgeschnitten.

Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl im neuen Homeoffice des Gatten ziehe ich nach nebenan um, telefoniere in Sachen Mammatumoren mit der Freundin und falle anschließend auf dem Hotelbett in ein Kurzkoma.
Bis Anfang Januar brauche ich Klarheit, wie viel wir da nun operieren lassen werden. Von vier Optionen, die mir die Veterinärin erläutert hat, scheidet für uns lediglich eine ganz klar aus. Das Kopfzerbrechen, das die übrigen drei noch bescheren werden, dürfte die Energie, die noch via Weihnachtsgebäck einverleibt werden wird, deutlich übersteigen.
Ich habe eh noch nie verstanden, wie Menschen in Kummerphasen zunehmen können, mir schnürt es da von jeher den Magen zu.

Was ich auch nicht verstehe und mir seit Monaten immer mal wieder Kopfzerbrechen beschert: Wie kann das eigentlich sein, dass Asien manch einem Deutschen (oder Europäer?) nur dann als Inspirationsquelle taugt, wenn es drum geht, sich ein bisschen Zen-Zauber in den eigenen Garten zu holen, selbstgetuschte Haikus über den Futon zu hängen, Reizdärme in der TCM-Klinik behandeln zu lassen oder daheim auf dem Kapokkissen kauernd das blockierte Wurzelchakra im Dufte der räucherstäbchenbestückten Buddhafiguren wegzuatmen?
Wenn das doch so anregend, beglückend und heilsam ist, wieso dann nicht auch mal nach Asien schauen, wie sie dort mit so einer Pandemie umgehen? Und sich da was abschauen?! Da mault keiner herum, was die Maskentragerei angeht (oder wähnt sich deshalb gar dem Erstickungstode nahe), die sitzen bereits wieder in Großgruppen gemeinsam im Kino und Lokalen (dazu hier ein Lektüre-Tipp).

Und sonst so?
Nicht allzu viel, reicht ja auch so schon.
Der Papa zerbricht sich den Kopf übers Weihnachtsessen und seine Lebensgefährtin weint dem Schäufele nach, das es sonst immer gab, mit uns aber nicht geben wird. Wie früher (fast schon vergessen) ist Weihnachten die Zeit der familiären Kontroversen.
Die Jugendliebe wurde tagelang mit Sauerstoff versorgt, hat das Wiener Spital zwischenzeitlich wieder verlassen, hängt nun daheim in den Seilen und hofft auf baldige Rekonvaleszenz. Mit dem in Aussicht gestellten Erbe wird es also gottseidank nichts.
Der hübsch Bewimperte hat edlen Loden bestellt und möchte unseren Hundedamen was auf den Leib schneidern, im Gegenzug werde ich ihm meinen Fugenhai vorführen, d.h. wir begeben uns wohl an den Feiertagen mal zusammen in Klausur und werkeln ein bisschen.
Der Gatte ist nach nur einem Tag Hotel-Homeoffice aufgrund diverser technischer Imponderabilien, auf die näher einzugehen ich mir und Ihnen erspare, heute Morgen nach Frankfurt gereist, um dort seine letzten Dienstgeschäfte und Vorlesungen für dieses Jahr ohne Störung und in einer mehr oder weniger menschenleeren Universität zu erledigen. Das Bahnticket werden wir, wie alle anderen Sonderausgaben dieser Helikopterwoche, dem Vermieter zur Erstattung weiterreichen.
Vor den beiden Friseurläden in der belebten Lindwurmstraße, in der auch das Homeoffice-Hotel liegt, sind ganztags lange Schlangen zu verzeichnen. Dutzende Männer stehen an, um sich das Haupthaar ein letztes Mal in diesem vertrackten Jahr stutzen zu lassen. Und sie stehen eng beisammen, ratschend und rauchend.

Mein Handy klingelt.
Lolek ruft an und teilt mit, dass für heute Ruhe an der Fräsfront ist und wann morgen Früh der Hubschrauber wieder starten wird.
Das kleine Hündchen und ich spazieren durch die dunkle Lindwurmstraße heimwärts. Von irgendwoher dringt Gehupe und Geschrei in meine Ohren. Als wir uns unserem Wohnhaus nähern, erklärt sich dessen Ursache: Auf der Theresienwiese findet unter Mordsgetöse eine Demo statt.
Es gibt keine Katastrophe, weil es keine Krankheit gibt. Die Krankenhäuser sind genauso belegt wie jeden Herbst und Winter. Wir lassen uns nicht verarschen. Dieser Lockdown ist ein Verbrechen an den Menschen und der Menschheit. Wir lassen uns nicht in Ketten legen.
Ein Großaufgebot der Polizei umkreist das Spektakel und wird die Versammlung in Kürze auflösen, da die meisten ohne Abstand und Maske unterwegs sind.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen guten Abend und mir, in sofortigen, tiefsten Winterschlaf zu fallen, nichts mehr zu hören und zu sehen, und erst dann wieder aufzuwachen, wenn das Dackelchen tumor- und die Theresienwiese dummheitsfrei ist.

Song des Tages (63).

Stabiler Stimmungseinbruch mit zeitweisen Zwischenhochs.
So in etwa ließen sich die anderthalb Wochen seit dem letzten längeren Eintrag hier zusammenfassen.

Die Pandemie hat nach neunmonatiger Tragzeit nicht nur einen zweiten Lockdown geboren, sondern auch zu etlichen Zerwürfnissen geführt. Menschen, die einem nahe waren, sind plötzlich fern (und umgekehrt), die einen glauben dies, die anderen das, manche nehmen die Maßnahmen ernst, andere handhaben es eher locker, allzu genau kann man es oft schon gar nicht mehr einschätzen, weil man sich ja seltener oder gar nicht mehr sieht (und Telefonate oder Emails sind auf Dauer nicht dasselbe wie echte Begegnungen).

Ein Teil dieser Differenzen lässt sich nicht mehr mit diesem Mix aus Milde und Leichtigkeit ignorieren, den ich mir als Studentin in den Neunzigern gestattete, als mein damaliger bester Freund sich um ein Stipendium bei der Adenauer-Stiftung beworben und sich politisch entsprechend positioniert hatte, ansonsten aber noch ganz der war, als den ich ihn kennengelernt hatte. Da stichelte man manchmal herum, diskutierte sich die Ohren heiß oder umschiffte elegant ein paar heiklere Themen (oder rettete sich auf das Terrain des Humors), wandte sich aber überwiegend dem zu, was miteinander gut ging und schön war: Konzerte, Theater, Literatur, Kneipenbesuche, Spaziergänge, Weinfeste, Spieleabende mit Freunden.

Und nun?

Nun praktizieren wir Kontaktreduzierung, und das noch dazu in kulturreduzierter Form, d.h. ohne einen Großteil der gewohnten Lokalitäten und Inspirationsquellen. In diesem reduzierten (Er-)Lebensraum (unter dem der eine mehr, der andere weniger leidet) scheiden sich nun die Geister an Corona, und sie tun es heftig, und ich fürchte, es wird noch heftiger werden.
Die Frau eines langjährigen Freundes versinkt immer tiefer im Verschwörungskosmos (und der Freund verzweifelt allmählich), ein anderer Freund teilt polternd mit, er halte von diesem Drosten rein gar nichts (und hüllt sich auf meine Frage nach dem Warum nachhaltig in Schweigen), ein dritter lässt durchblicken, dass er das Buch von Bhakdi quer(! 🙂 !)gelesen habe und da durchaus was dran sein könne (man müsse halt offen sein und nicht immer nur Mainstreammedien… usw. – na, Sie wissen schon).

Im Supermarkt kriegen sich die Leute in die Haare (Gänge zu schmal, Eile zu groß), im Mietshaus verschärft sich das Müllproblem (Tonne zu klein, Amazonkartonmenge zu groß), in der Blognachbarschaft geht das Gekeife los, sobald ein Blogbeitrag klar Position bezieht (Hirn zu klein, Goschn zu groß – was man halt wechselseitig so voneinander behauptet, wenn man intensiver über Corona zu sprechen versucht und die Meinungen diametral auseinander liegen).

Mehr und mehr mache ich die Schotten dicht.
Bin des Diskutierens müde, bin überhaupt ständig müde. Pflege meine beiden Jenseits-des-eigenen-Haushalts-Kontakte, überwiegend im Freien, wenn es denn nicht zu bitterkalt ist da draußen.
Igel mich ein mit dem Gatten und dem Dackelfräulein und meinem neuen Gefährten, dem Akkordeon.

Ein so wunderbares Instrument! Und es liegt genau dort auf, wo ich wohne, am Solarplexus, der einzigen Körperstelle, an der ich das, was man gemeinhin das „Ich“ nennt, am deutlichsten ehesten spüre (andere Ichs wohnen wohl eher im Kopf oder im Bauch, wie man so hört) und ich bin sicher, dass das mit ein Grund war, der mich genau zu diesem Instrument greifen ließ.
Mein erstes Etappenziel – bis Weihnachten das Mietshaus mit „Jingle Bells“ zu beschallen (Süßer die Rächer nie klingen!)- ist bereits in greifbare Nähe gerückt und überhaupt empfinde ich oft reinste, kindliche Freude beim Üben dieser schlichten Lieder, die man rauf und runter spielen muss, um etwas Übung zu bekommen (nur manchmal nörgelt eine innere Stimme herum, schimpft mich einen kläglichen, unsäglichen Anfänger und lästert über meine langsamen Fortschritte).

Arme und Schulterpartie haben sich zwischenzeitlich einigermaßen an das Gewicht der Quetschn gewöhnt.
Dafür seit Neuestem seltsame Nierenschmerzen (so neu, dass es aktuell gut gelingt, noch nicht danach zu googeln, sondern auf plötzliches Verschwinden zu hoffen), übles nächtliches Ziehen in den Gelenken (ein Phänomen, das ich, neben anderem kleinen Körperkram, der Prämenopause zuordne, ein Begriff, der in meiner Wortwelt die unterste Sprosse einer Vokabelleiter markiert, deren letzte Sprossen dann mit Oberlippenfalten oder gar Oberlippenbart beschriftet sein werden), ein zunehmend verspannter Nacken (in Woche 5 ohne den geliebten Schwimmsport kein Wunder, und zu alternativen HWS-Lockerungsmaßnahmen hab ich mich noch nicht aufraffen können bzw. erhoffe hierzu Anleitung durch den hübsch Bewimperten) sowie eine Lippenherpesserie vom Feinsten (die kommt eindeutig vom regelmäßigen, längeren Maske-Tragen, eine Sache, deren Ausgang ich noch nicht weiter zu durchdenken wage, nachdem bislang bereits festzustellen ist: je mehr Maske, desto mehr Herpes, und je mehr Herpes, desto mehr Maske – ziemlich absurd, denn das pustelproduzierende und daher eigentlich negativ konnotierte Objekt erlangt schließlich eine positive Umdeutung insofern, als es das, was es lästigerweise hervorruft zugleich praktischerweise zu verbergen hilft -, bestimmt gibt’s auch schon ein kluges Fremdwort für dieses Paradoxon, leider kenn‘ ich es nicht, sollten Sie es kennen, lassen Sie’s mich unbedingt wissen!).

Im Internet hat der Aerosolrechner längst den Gehaltsrechner abgelöst, an den Rückspiegeln der Autos, in denen früher eklige Duftbäumchen baumelten, flattern nun speckige Mund-Nasen-Schutzmasken im Sichtfeld des Fahrers herum, es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht irgendwann im Hintergrund der überdimensionierte, rot-gelb-orange-pink-violett (je nach Sender) gefärbte 3D-Kugelfisch seine Runden durchs Seuchengeschehen zieht.
Die eigene Tagesplanung orientiert sich an dem, was noch geht und daran, wie es derzeit zu gehen hat und wie es am besten (= am begegnungsfreiesten und sichersten) geht, plus all dem, was gehen muss, egal wie.

Die Fixierung der Corona-Politik auf die Weihnachtsfeiertage geht mir total auf den Senkel (vortrefflich zusammengefasst wurde mein Genervtsein in diesem Essay von Boris Herrmann).
Das mag ein Stück weit an meiner generellen Haltung zu Weihnachten liegen, aber wirklich nur ein Stück weit.
Vor allem habe ich wenig Lust, im Januar dafür zu büßen, dass andere die Festtage damit zugebracht haben, sich im täglichen Wechsel mit bis zu zehn anderen Haushalten zu umgeben (was freilich drinnen und ohne Abstände und Masken stattfinden wird, und dauerndes Lüften ist auch nicht, weil dem Christbaume sonst die Lichter ausgehen, sofern es nicht schnöde Elektrokerzen sind, die ihn zieren). An die zuvor empfohlene, mehrtägige Selbstquarantäne wird sich ohnehin kaum einer halten (können oder wollen, das sei mal dahingestellt), und vorgezogene Ferien befördern diese familiäre Klausur nach meinem Dafürhalten auch eher nicht.

So wird es wohl mit Sicherheit ein langer, unangenehmer Winter werden, an dessen Ende man froh sein kann, wenn ihn unbeschadet überstanden hat.

Um mich der Omnipräsenz des Virus zu entziehen, flüchte ich mich in die Natur, in die Bewegung, in Sprach-, Film- und Musikwelten, in die räumliche, akustische oder gedankliche Nähe zu vertrauten Menschen, in die Weihnachtsgeschenkbasteleien – und unter die Bettdecke.

Dort drücke ich den kleinen, warmen, ruhig atmenden Hund an mich und weine ein bisschen vor mich hin.
Vorgestern haben wir der Dackeldame mal wieder das allseits verhasste Körperpflegeprogramm angedeihen lassen: Augen, Ohren, Zähne, Haut, Fell und, weil sich’s anbietet, das bei der Gelegenheit gleich mit zu erledigen, auch ein kurzes Abtasten des Bauchraums.
Nicht, dass ich en detail wüsste, was ich da abtaste, was ich jedoch haargenau weiß, ist, was ich dort noch nicht ertastet habe, weil ja stets der Vergleich zur vorigen Untersuchung in den Fingerspitzen gespeichert ist (so ein Teckeltorso ist ja überschaubar).
Ein erbsengroßer, harter Knoten an der Milchleiste war da bisher jedenfalls noch nie. Der ist neu und auch der Gatte hat ihn sofort ertasten können (da deutlich größer als eine Staublaus, d.h. auch für ihn ohne Neonlicht, Lupe und viel gutes Zureden mühelos auffindbar).

In mancher Hinsicht bin ich ja durchaus ein zäher Knochen und auch psychisch halbwegs robust, was mir aber sofort den Boden unter den Füßen wegzieht, ist jedwede ernsthaftere Sorge um Pippa.

Drücken Sie uns daher gerne in stummer Anteilnahme die Daumen für Freitag, wenn wir den Knoten in der Tierklinik „abklären“ lassen, wie ich es mal ganz abgeklärt ausdrücken möchte, um mich schon ein wenig für diesen Termin zu präparieren, bei dem es sich nicht geziemt, tränenüberströmt ins Behandlungszimmer zu taumeln, weil ja schließlich ein Arztgespräch zu führen und das Dackelchen während der Untersuchung festzuhalten ist (und das Ergebnis auch nicht zwangsläufig existenzbedrohlich sein muss).

You’re a big girl now, ermahnt mich Sir Bob, während ich im Dunkeln durch den ersten Schnee in unserer Stadt nachhause fahre und mich so verwundbar fühle, und so klein.

With a pain that stops and starts
L
ike a corkscrew to my heart.

Bird on the horizon sitting on the fence
He’s singing his song for me at his own expense
And I’m just like that bird oh oh
Singing just for you
I hope that you can hear
Hear me singing through these tears.

Time is a jet plane it moves so fast
Oh but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change I swear oh oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too.