Wo der Lindwurm tobt.

Sofern Sie zu den Vernünftigen gehören, die sich gerade nicht an den letzten Ladenöffnungsminuten laben, haben Sie ja vielleicht ein wenig Zeit und Muße für ein kleines Filmchen, das Ihnen anschaulicher als jedes Gerede oder Geschreibe meinen Gemütszustand nahebringen wird (bitte drehen Sie für einen möglichst authentischen Eindruck zuvor die Lautstärke an Ihrem PC/Laptop/mobilen Endgerät voll auf):

Nun soll dieser Helikopter-Höllenkrach aber nicht nur eine schnöde Metapher für mein etwas aus den Fugen geratenes inneres Gleichgewicht sein, nein, nein! Sondern aktuell vermag auch nichts unsere häusliche Situation in dieser ohnehin schon an Besinnlichkeit kaum zu überbietenden Vorweihnachtswoche trefflicher zu beschreiben als so eine Bell UH-1 während der Startphase.

Gestern Morgen, ich war noch im Nachtgewand, läutet Lolek bei uns. Vertraut wie wir ja nach diesem intensiven gemeinsamen Jahr längst miteinander sind, öffne ich ihm selbstverständlich trotz dieses Outfits die Tür.
Heute werden ganze Tag sehr laut“ , krächzt er nach einem schnellen Morgensalut (= riesiger Werkzeugkoffer knallt auf Treppenhaussteinboden) unter seinem Schirmmützchen hervor. Ich lächle müde und entgegne ihm mild: „Aber Lolek – es war doch schon die letzten beiden Wochen fast jeden Tag sehr laut!„. Mein Lieblings-Pole senkt den Blick und meint: „Aber heute sehr, sehr laut – mussen fräsen Estrich. Hoffen, fertig in drei Tage.
Ich nicke, weil mir keine andere Reaktion einfällt, wir wünschen uns jeweils einen guten Start in die Woche, ich schließe die Tür und schlurfe in die Küche zurück. Mein Morgenhorizont reicht gerade mal bis zum Toaster und unter „Estrich fräsen“ kann ich mir spontan und um diese Tageszeit noch nichts Konkretes vorstellen.

Keine fünf Minuten später ändert sich das schlagartig. Lolek und Bolek werfen die Höllenmaschinen in der Wohnung über uns an, die Wände unserer Wohnung vibrieren, wir fürchten um die schweren, gerahmten Bilder und plärren uns zu, ob und wie wir das nun ganztags aushalten sollen (geschweige denn bei dem Lärm arbeiten), das Fräulein kreucht verschreckt durch den Flur und guckt uns hilfesuchend an.
Man hätte es ahnen sollen: Spricht der Pole von einem Arbeitstag, ist damit schließlich keine poplige Nine-to-five-Schicht gemeint, sondern ein Einsatz, der sich mühe- und pausenlos von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends hinziehen kann, wenn zwischendurch nicht die Zementsäcke oder die Sobieskis zur Neige gehen. Analog verhält es sich offenbar mit der Ankündigung, es würde „sehr, sehr laut“ werden.

Dem Gatten, dem an diesem Vormittag noch ein Zoom-Meeting und eine Vorlesung bevorstehen, platzt der Kragen und er ruft umgehend und mitten aus dem Hubschrauberlärm den Vermieter an.
Es ist ja in Zeiten von Homeoffice und Lockdown-light schon ärgerlich genug, dass eine mehrwöchige Renovierung mit keiner Silbe vorher bekanntgegeben wird, aber diese Beschallung schlägt dem Fass nun endgültig den Boden aus und die Aussicht auf mindestens drei solcher Hubschraubertage in Folge bringt den Kreislauf binnen Sekunden vermietertelefonattauglich in Schwung.
Ja, das ist blöd, aber da müssen wir halt jetzt durch“ , lautet die Devise des Hauseigentümers – dabei ist der Punkt doch der, wer von uns ganz praktisch betrachtet eigentlich da durch muss und ob dieses Da-durch-Müssen nicht (s)einen Preis hat und wenn ja, wer den zu bezahlen hat.

Nach einigem Hin und Her und etlichen, in und bei brüllender Lautstärke absolvierten Telefonaten, ziehen wir mit Sack und Pack (Laptops, Netzkabeln & Co., Verpflegung bis zum Abend, Hundekörbchen & dazugehörigem Hund etc.) in ein fußläufig entferntes Hotel, das seine Zimmer tagsüber an heimatlose Homeoffiziere vermietet. 30€ pro Zimmer, 10€ für den Hund, gratis Kaffee, Wasser und WLAN.
Kann man nicht meckern, im Gegenteil: ist durchaus ein toller Tipp für all die, denen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, sei es renovierungsbedingt oder weil einem der eigene, energiegeladene Nachwuchs oder die klavierklimpernde, kurzarbeitende Nachbarin auf den Keks geht.

Das Hotel um die Ecke kennen wir schon, da wir hier die letzte Nacht vor dem Ende der großen Wasserschadensanierung zugebracht hatten. Hello again!
Zur Begrüßung gibt’s einen Formularberg (zur Dokumentation, dass sie auch ja nicht zu touristischen Zwecken vermieten), es folgen zwei nebeneinander liegende Zimmer (damit es sich auch ja anfühlt wie zuhause und man den Partner z.B. bei technischen Problemen wie gewohnt fluchen hören kann), zwei nicht auf Anhieb funktionierende Türkärtchen und zwei aus der guten Togobohne frisch aufgebrühte Heißgetränke – und schon geht’s auf in den Tag!

Geschmeidiger könnte eine neue Woche kaum starten!, denke ich ganz kurz bei Betreten meines in erheiterndem Dunkelgrau gestrichenen Zimmers, aber es bleibt gottseidank keine Zeit für weiteres verdrießliches Vertiefen in dieses Zwischenfazit, weil ich schon wieder meinen Rucksack umpacken und mich auf den Weg machen muss. Zum Tierarzt.
Ein Termin, den ich ursprünglich deshalb vereinbart hatte, um mir zu der beim Dackelfräulein diagnostizierten Umfangsvermehrung eine Zweitmeinung einzuholen. Dann aber bekam der Termin am dritten Advenstssonntag eine neue Dimension, als wir feststellten, dass der Umfang der Umfangsvermehrung sich binnen einer Woche spürbar vermehrt hatte – und, was uns einen noch viel größeren Schreck einjagte, auch noch Gesellschaft bekommen hatte von einer zweiten, zwar kleinen, aber ebenfalls merklichen Umfangsvermehrung in der Nähe der ersten (Advent kommt ja bekanntlich von advenire).

Quer durch die Stadt also zu der Praxis, das Fräulein gar nicht begeistert, als es kapiert, wohin die Reise geht und meine Wenigkeit (ein Begriff, den ich selten als passender empfand, u.a. aufgrund der Entdeckung, dass trotz enger geschnalltem Gürtel die Jeans wirklich arg locker sitzt) ebenfalls gar nicht begeistert, als ich kapiere, dass meine Einschätzung erneut korrekt war.
Mit zwei kleinen Tumoren und einer großen Beratung verlassen wir beide reichlich bedrückt die Tierärztin, draußen im Park drückt es die restlichen Tränen, die ich mir im Behandlungszimmer verkniffen hatte, auch noch hinaus und die Stimmung sinkt trotz ein paar erster wärmender Sonnenstrahlen seit Tagen unter den Gefrierpunkt.
Auf dem Nachhauseweg, der nun nicht mehr nachhause, sondern zum Hotel führt, schicke ich dem Gatten eine Nachricht, dass ich vor Hunger sterbe, was den ersten guten Moment dieses Tages zur Folge hat – bei Ankunft im Hotel erwartet mich eine köstliche Pizza, die genau so ist, wie ich Pizza liebe: dicker, krosser, mit ein paar leicht angekokelten und aufgeplatzten Blasen versehener Rand, wenig Belag, schön warm und in verzehrfreundliche, ordentliche Achtel vorgeschnitten.

Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl im neuen Homeoffice des Gatten ziehe ich nach nebenan um, telefoniere in Sachen Mammatumoren mit der Freundin und falle anschließend auf dem Hotelbett in ein Kurzkoma.
Bis Anfang Januar brauche ich Klarheit, wie viel wir da nun operieren lassen werden. Von vier Optionen, die mir die Veterinärin erläutert hat, scheidet für uns lediglich eine ganz klar aus. Das Kopfzerbrechen, das die übrigen drei noch bescheren werden, dürfte die Energie, die noch via Weihnachtsgebäck einverleibt werden wird, deutlich übersteigen.
Ich habe eh noch nie verstanden, wie Menschen in Kummerphasen zunehmen können, mir schnürt es da von jeher den Magen zu.

Was ich auch nicht verstehe und mir seit Monaten immer mal wieder Kopfzerbrechen beschert: Wie kann das eigentlich sein, dass Asien manch einem Deutschen (oder Europäer?) nur dann als Inspirationsquelle taugt, wenn es drum geht, sich ein bisschen Zen-Zauber in den eigenen Garten zu holen, selbstgetuschte Haikus über den Futon zu hängen, Reizdärme in der TCM-Klinik behandeln zu lassen oder daheim auf dem Kapokkissen kauernd das blockierte Wurzelchakra im Dufte der räucherstäbchenbestückten Buddhafiguren wegzuatmen?
Wenn das doch so anregend, beglückend und heilsam ist, wieso dann nicht auch mal nach Asien schauen, wie sie dort mit so einer Pandemie umgehen? Und sich da was abschauen?! Da mault keiner herum, was die Maskentragerei angeht (oder wähnt sich deshalb gar dem Erstickungstode nahe), die sitzen bereits wieder in Großgruppen gemeinsam im Kino und Lokalen (dazu hier ein Lektüre-Tipp).

Und sonst so?
Nicht allzu viel, reicht ja auch so schon.
Der Papa zerbricht sich den Kopf übers Weihnachtsessen und seine Lebensgefährtin weint dem Schäufele nach, das es sonst immer gab, mit uns aber nicht geben wird. Wie früher (fast schon vergessen) ist Weihnachten die Zeit der familiären Kontroversen.
Die Jugendliebe wurde tagelang mit Sauerstoff versorgt, hat das Wiener Spital zwischenzeitlich wieder verlassen, hängt nun daheim in den Seilen und hofft auf baldige Rekonvaleszenz. Mit dem in Aussicht gestellten Erbe wird es also gottseidank nichts.
Der hübsch Bewimperte hat edlen Loden bestellt und möchte unseren Hundedamen was auf den Leib schneidern, im Gegenzug werde ich ihm meinen Fugenhai vorführen, d.h. wir begeben uns wohl an den Feiertagen mal zusammen in Klausur und werkeln ein bisschen.
Der Gatte ist nach nur einem Tag Hotel-Homeoffice aufgrund diverser technischer Imponderabilien, auf die näher einzugehen ich mir und Ihnen erspare, heute Morgen nach Frankfurt gereist, um dort seine letzten Dienstgeschäfte und Vorlesungen für dieses Jahr ohne Störung und in einer mehr oder weniger menschenleeren Universität zu erledigen. Das Bahnticket werden wir, wie alle anderen Sonderausgaben dieser Helikopterwoche, dem Vermieter zur Erstattung weiterreichen.
Vor den beiden Friseurläden in der belebten Lindwurmstraße, in der auch das Homeoffice-Hotel liegt, sind ganztags lange Schlangen zu verzeichnen. Dutzende Männer stehen an, um sich das Haupthaar ein letztes Mal in diesem vertrackten Jahr stutzen zu lassen. Und sie stehen eng beisammen, ratschend und rauchend.

Mein Handy klingelt.
Lolek ruft an und teilt mit, dass für heute Ruhe an der Fräsfront ist und wann morgen Früh der Hubschrauber wieder starten wird.
Das kleine Hündchen und ich spazieren durch die dunkle Lindwurmstraße heimwärts. Von irgendwoher dringt Gehupe und Geschrei in meine Ohren. Als wir uns unserem Wohnhaus nähern, erklärt sich dessen Ursache: Auf der Theresienwiese findet unter Mordsgetöse eine Demo statt.
Es gibt keine Katastrophe, weil es keine Krankheit gibt. Die Krankenhäuser sind genauso belegt wie jeden Herbst und Winter. Wir lassen uns nicht verarschen. Dieser Lockdown ist ein Verbrechen an den Menschen und der Menschheit. Wir lassen uns nicht in Ketten legen.
Ein Großaufgebot der Polizei umkreist das Spektakel und wird die Versammlung in Kürze auflösen, da die meisten ohne Abstand und Maske unterwegs sind.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen guten Abend und mir, in sofortigen, tiefsten Winterschlaf zu fallen, nichts mehr zu hören und zu sehen, und erst dann wieder aufzuwachen, wenn das Dackelchen tumor- und die Theresienwiese dummheitsfrei ist.

Staubl_auszeit Nr. 2.

Keine allzu lustige Woche liegt hinter uns.

Die Psocoptera unverändert aktiv und der Vermieter zunehmend der Ansicht, dass nicht die Staublaus, sondern der Mieter der eigentliche Lästling ist, und folglich natürlich alles andere als begeistert von meinem Hinweis, dass das Pendant zum Mangel und einer dadurch negativ beeinträchtigten Wohnungsnutzung die Mietminderung ist. Da winkt noch mindestens eine weitere Runde Spaß!

Und als man zermürbt und deprimiert mal alles liegen und stehen ließ, und für einen Nachmittag in die Berge floh, wurde das Dackelfräulein dort von drei großen Hunden angefallen, ein Erlebnis, wie wir es in acht Jahren Hundehalterdasein noch nicht hatten, die Situation eskalierte ziemlich, und ich bin vier Tage danach noch immer nicht ganz drüber weg (obwohl niemand zu Schaden kam, aber viel hat nicht gefehlt).

Dann hat noch weiteres Inventar den Geist aufgegeben, so dass der nächste Termin mit Lolek ein umfangreicherer werden wird als gedacht, denn so ein neuer Spülkasten ist ja nicht in 5 Minuten ausgetauscht und eine Dichtung im Zulaufrohr auch nicht. Werden also der Kammerjäger und Lolek parallel eine Weile in der Wohnung werkeln – hurra.

„Habt ihr sie noch alle? Bei dieser Hitze haben wir keinen Bock auf Spielen!“

Daher direkt nach dem sonntäglichen Dackeldamentreffen mit den Hausfreunden meine Siebensachen ins Auto gepackt und in die nächste Staubl_auszeit aufgebrochen. Gerade noch rechtzeitig das Weite gesucht, bevor der Vermieter aufkreuzte, um zwei große Luftentfeuchter vorbeizubringen, die zwar nicht so laut sind wie einst die Corroventen, aber trotzdem nichts, was ich jetzt hören möchte. Der Gatte hat die Dinger sogleich aufgestellt und flüchtet morgen erstmal nach Frankfurt.

Nichts wie weg!

Tegernseer Tal erreicht!

Ankunft im Garten des Staubl_auszeit-Quartiers.

Staubl_auszeit Nr. 2 ist nun auch preiswerter als Staubl_auszeit Nr. 1, weil beim Papa Kost und Logis ja frei sind (dafür entstehen ggf. Nebenkosten nervlicher Natur durch die Anwesenheit der Lebensgefährtin), Dusche/Spülkasten etc. funktionieren hier auch und an Viecherln hab ich bislang nur eine einsame Motte entdeckt, die sich zu uns ins Dachstudio verirrt hatte und auf ihrem Weg zur Nachttischlampe sofort vom Wachhund konfisziert wurde.

Alles prima also und so können wir hoffentlich zwei Tage durchschnaufen, bevor es wieder heimwärts und dort den Psocoptera und anderen Unbilden an den Kragen geht.

Intradomalfauna oder: Mit IPM gegen die Psocoptera.

Liebe Leserinnen und Leser,

na, verstehen Sie etwa nur Bahnhof, wenn Sie die Beitragsüberschrift so lesen?
Wenn ja, dann möchte ich Sie ganz herzlich einladen: Tauchen Sie mit mir nicht nur virtuell in die wiedereröffneten Schwimmbecken ein, sondern auch in ganz neue Sphären!

In diesem Blog ist ja – wie Sie natürlich längst bemerkt haben – doch eine gewisse thematische Vielfalt geboten: von den Abenteuern des schönsten Münchner Dackelfräuleins, über Touren durch die schönste bayrische Bergwelt, Langzeitstudien zu bernsteinfarbenen Biersorten, wortreiche Berichte über Wasserfreuden aller Art (indoor & outdoor), Baustellen aller Größenordnungen (inside & outside), Beziehungen zu menschlichen und tierischen Gefährten, Szenen einer Ehe mit einem Wissenschaftler, Entstehung von polnisch-deutschen Freundschaften, Episoden düster-russischer Matrjoschkaerinnerungen und parkinsongeplagter Papaerlebnisse bis hin zu zahlreichen Ausflugstipps zwischen Garmisch und Gotland – die bunten Alltagsbeobachtungen und abwechslungsreichen Exkursionen in die Tiefen der Brucologie nicht zu vergessen.

Trotz der diversen Herausforderungen in Zeiten von Corona und des Lebens an sich wollen wir nicht nachlassen und Sie auch weiterhin mit einem breiten Spektrum an Themen versorgen.

Heute: Die Intradomalfauna.

Ich habe das Wort heute Morgen zum ersten Mal gelesen und dank leidlich vorhandener Lateinkenntnisse und seiner Verortung auf einer Internetseite, die sich mit Schädlingsbefall befasst, auch augenblicklich verstanden.
Mit Intradomalfauna sind all jene häuslichen Mitbewohner gemeint, zu denen man in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis steht, mit denen man die Wohnung ungern sowie unfreiwillig teilt und deren Vorhandensein mittelfristig inakzeptabel ist, erst recht, wenn man seinen Wohnraum nicht für ’n Appel und ’n Ei oder für umme überlassen bekommt, sondern für ein allmonatliches kleines Vermögen.

Weil sich Intradomalfauna gleich viel weniger ekelhaft anhört als Schabe, Silberfisch, Speckkäfer oder Staublaus, habe ich diesen neu entdeckten Begriff sofort in meinen aktiven Wortschatz integriert.
Wie Sie ja wissen (und wenn nicht: wir berichteten hier), hatte sich im Nachgang der Wasserschadensanierungs- und Badrenovierungs-Ära unsere Intradomalfauna ein klein wenig verändert.

Mitte Mai nämlich zog die Staublaus bei uns ein und lebt mittlerweile (Stichwort: Familiennachzug) in einer Mehrgenerationen-Population in unserem neuen Badezimmer (ausschließlich an einer Wand) und im angrenzenden WC (auch dort vorwiegend auf der dem Bad zugewandten Seite).

Staubläuse (lat.: Psocoptera) gehören zoologisch gesehen zur Ordnung der hemimetabolen Insekten mit weltweit über 4.000 Arten [Anm. d. Red.: krass, oder?]. Ihr 1–7 mm großer, verschieden gefärbter, weichhäutiger Körper gliedert sich in einen großen, halbkugeligen Kopf, einen Brustabschnitt und einen sackförmigen Hinterleib. Der Kopf trägt seitlich liegende, bei vielen Arten nur schwach entwickelte Komplexaugen [Anm. d. Red.: auch ein schöner, neuer Begriff – „Komplexaugen“] sowie fadenförmige, aus bis zu 50 Gliedern bestehende Fühler [Anm. d. Red.: Pfui Deifi & gut, dass die eigene Sehkraft schon etwas nachgelassen hat]. Der Brustabschnitt trägt außer den 3 Paar Beinen 4 einfach geäderte, verschieden gefärbte Flügel, die während des Flugs zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt [Anm. d. Red.: „zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt“ – lassen Sie sich diese wunderbare Formulierung auf der Zunge zergehen und assoziieren Sie nach Herzenslust, einfach so, als Phantasiereise!] und in der Ruhe dachförmig über den Hinterleib gelegt werden können [Anm. d. Red.: in meinen Augen ist das pure Poesie].
Häufig (besonders bei Weibchen) sind die Flügel reduziert; auch voll geflügelte Arten bewegen sich hauptsächlich laufend fort [Anm. d. Red.: und zwar ziemlich flott, beinahe flotter als Sie mit dem Lappen hinterherkommen]. An der Unterseite des 9. (Männchen) bzw. 8. (Weibchen) Hinterleibsegments liegen die Geschlechtsöffnungen. Der Kopulation geht eine Art Balz voraus [Anm. d. Red.: hier sind offenbar nahezu alle Lebenwesen ähnlich gepolt]. Die Weibchen kitten die 20–100 Eier auf die Unterlage [Anm. d. Red.: also unseren neuen Waschtisch]; das Gelege wird oft noch mit einem Gespinst versehen [Anm. d. Red.: Gespenster haben wir noch keine gesehen]. Die sich hemimetabol entwickelnden Larven ähneln in Aussehen und Lebensweise den Imagines [Anm. d. Red.: alles klar!].
Die Staubläuse ernähren sich vor allem von Algen, Pilzen und Flechten; sie bevorzugen daher feuchte Lebensräume [Anm. d. Red.: Zefixnochamal, Scheißwasserschaden und überhaupt reicht’s jetzt langsam mit dem ganzen Gschiss da herin!].

Im Sinne der konsequenten Umsetzung unserer bloginternen Sprachhygienemaßnahmen wird hier ab sofort nur noch von Psocoptera die Rede sein, wenn ich konkreter über unsere Intradomalfauna berichte. Gewöhnen Sie sich also bitte gleich auch an diesen Begriff (und sollten Sie es je selbst damit zu tun bekommen, was ich Ihnen keinesfalls wünsche, könnten Sie mit dem Vokabular immerhin sofort Eindruck schinden bei Ihrem Hausverwalter/Vermieter, da kommen Sie nämlich gleich viel kompetenter rüber als wenn Sie nur ein angewidertes „Wir haben seit der Sanierung Staubläuse in der Bude!“ vom Stapel lassen).

Im Laufe der letzten Wochen habe ich nicht nur unseren Vermieter über den Zuzug der Psocoptera informiert, wie man das ja als braver Mieter bei jeglicher Art von Untervermietung der Mietsache zu tun hat, sondern auch eine neue Tätigkeit in meinen Alltag integriert: ich rücke den Psocoptera nun täglich 2-3x zu Leibe, damit sich auf der Waschtischplatte und den beiden betroffenen Wänden keine größeren Versammlungen bilden können, sondern nur ein paar Kumpels mit ihren Kumpels beisammen sitzen oder gemeinsam herumkrabbeln.

Zum ersten Kaffeehaferl bereitete ich mich heute Früh auf den Termin mit dem Mitarbeiter der Firma Schaden365 vor und las mich ein wenig in die Genealogie der Psocoptera ein. Man muss ja entsprechend stotterfrei und im Fachjargon argumentieren können, sonst nehmen einen diese Professionisten ja nicht ernst.

Etliche Feuchtigkeitsmessungen – denn die Psocoptera siedeln sich ja ausschließlich in feuchten Materialien und Baustoffen an – wurden durchgeführt, nicht nur an den „befallenen“ Stellen, sondern auch an benachbarten Wänden und angrenzenden Decken.
Das Ergebnis? Der Fachmann war ratlos. Alles ist trocken!
Wo also kommen sie her, die Viecherl, und wovon ernähren sie sich?

Er fertigte sodann mehrere Beweisfotos von den umhereilenden Psocoptera an, bestaunte ausgiebig meine neueste Versuchsanordnung (luftdicht abgeklebte Dreifachsteckdose an neu verfliester Wand über dem Waschtisch, weil ich genau hier die Keimzelle des Grauens vermute, und siehe da: hinter der Folie lungern mittlerweile Dutzende erstickte Psocoptera herum) und war ganz aus dem Häuschen als er die kleinen grauen Leichen mit Taschenlampe und Lupe genauer in Augenschein nahm.

Mit dem Versprechen, seinen Bericht noch heute dem Vermieter zukommen zu lassen, verabschiedete er sich schließlich.

Weil ich keinem Handwerker außer Lolek traue, schrieb ich unserem Vermieter nach dem Termin auch selbst noch einen Bericht. Ein paar Stunden später traf erfreulicherweise bereits eine Reaktion ein: Unser Einverständnis vorausgesetzt würde er umgehend die Firma Biebl & Söhne beauftragen, sich der Angelegenheit anzunehmen.

Der Firmenname suggeriert zwar ein gewisses Gottvertrauen, dennoch googelte ich den Betrieb. Und schon wieder betrat ich eine neue Welt: die der Schädlingsbekämpfung (hieß das nicht früher mal Kammerjäger?).

Leckomio, uns steht also in Kürze der Besuch eines IPM-Beauftragten bevor!
Und Integrated Pest Management – das klingt irgendwie gar nicht mehr nach Kindergeburtstag oder Begutachtung der Psocoptera im Scheine einer kleinen Halogen-Stabtaschenlampe. Aber immerhin bewegt sich das Tun der Bieblsöhne offenbar noch im Rahmen der gültigen Gesetze und der GHP, was auch immer dieses Akronym bedeutet.

Neue Lieblingsbegriffe nach Lektüre der Startseite von Biebl & Söhne: Verbergungsräume und Monitoringstation.

Ich stelle mir das in etwa so vor: Unser Bad und WC wird recht bald nach dem Erstbesuch des IPM-Beauftragten mit zig Überwachungskameras ausgestattet, zuvor hat man natürlich, um die winzigen Sichtgeräte überhaupt einbringen zu können, die Silikon- und Epoxidzementfugen an mehreren Stellen aufgebohrt, um hinter die Kulissen gucken zu können, quasi in den Brutkasten und die Geheimgänge der Psocoptera, im Fachjargon Verbergungsräume genannt. Der Biebl & Söhne-Mitarbeiter installiert uns auf einem Leih-Tablet ein System, mit dem wir uns jederzeit in eine beliebige der knapp 100 Kameras einwählen können, um das Geschehen live zu beobachten, zusätzlich stehen uns diverse Statistik- und Analyse-Tools zur Verfügung, mit denen wir die Lebensgewohnheiten unserer Psocoptera en detail kennenlernen können: Wann stehen sie auf, wann putzen sie sich die Zähne, wann beginnen sie ihr Tagwerk, wann machen sie Mittagspause und Feierabend, welches Familienmitglied ist fürs Müllruntertragen zuständig und welches für die Umsatzsteuervoranmeldung, machen sie auch Urlaub, schlafen sie getrennt oder im Rudel, welchen Hobbys gehen sie in ihrer Freizeit nach, gibt es religiöse Praktiken, glauben sie an die Demokratie oder daran, das Bill Gates demnächst ihren schönen, freien Psocoptera-Staat auflösen und sie alle zu Impfungen verpflichten wird, die ihre zarten Körper verseuchen werden?

Bleiben Sie also dran & freuen Sie sich schon heute auf die nächste Folge von „Psocoptera privatissime“, denn dann geht es richtig zur Sache!
Um die Wartezeit sinnvoll zu überbrücken, empfehle ich Ihnen das Bilderbuch auf der Homepage von Biebl & Söhne – ein ganz entzückendes Album, das dem interessierten Kunden dort völlig unentgeltlich präsentiert wird.

Einen erfreulichen Dienstagabend und eine ebensolche weitere Woche wünscht Ihnen –
Ihre Kraulquappe.

Possierlichkeiten in Paarbeziehungen oder: Die Staublaus.

Nach acht Wochen des coronabedingten (relativen) Kaserniertseins in Stadt und Wohnung war es diese Woche soweit: der Gatte durfte musste nach der längsten Pendelpause, die es in unserer Beziehung je gab, nun doch mal wieder an seinen Dienstort reisen. Die Universität Frankfurt hat zwar immer noch geschlossen bzw. praktiziert aktuell ein Online-Semester, es standen aber ein paar Termine an, die der Gatte nur vor Ort wahrnehmen wollte konnte.

Und sagen wir es mal so: Obwohl unsere Langzeitbeziehung überwiegend unter dem Label „Ein Tag ist schöner als der andere“ läuft, ist es nach acht Wochen am Stück dann doch nicht ganz so dramatisch, wenn die Wohnungstür auch mal wieder ins Schloss fällt und der Kontakt zum Lieblingsmenschen für vier Tage nur via Telefon und Email möglich ist.

Gestern stand nun des Gatten Rückkehr an. Die Wochenendeinkäufe waren gerade erledigt und die Spuren von vier Tagen Strohwitwenleben beseitigt, da fiel mir in der Küche – konkret: beim Rühren des Gugelhupfteigs – ein, dass es vielleicht ganz geschickt wäre, den Gatten noch vor seiner Heimkehr über ein Ereignis zu informieren, das sich während seiner Abwesenheit in der Wohnung zugetragen hatte und das womöglich in die Kategorie „Kleine Störenfriede in einer großen Liebe“ fallen könnte, da es einem Themenbereich entstammt, bei dem in der Vergangenheit nie nicht immer Einigkeit herrschte und die Wahrnehmungen signifikant ein wenig voneinander abwichen.

Die Rede ist von sich anbahnenden Defekten/Schäden/Katastrophen im gemeinsamen Zuhause. In unserer Dyade bin grundsätzlich meist ich diejenige, die derlei zuerst sieht/hört/riecht/ahnt, den Gatten folglich darauf aufmerksam macht bzw. danach befragt, ob er „es“ denn auch sähe/höre/röche/ahne.
Und Sie ahnen schon, was jetzt kommt, nicht wahr? Genau!
Solche Situationen gehen in 100 99% aller Fälle zu meinen Ungunsten aus, d.h. ich muss mich der Übertreibung und/oder der Hypersensibilität bezichtigen lassen und anschließend zusehen, wie ich alleine mit meiner angeblichen „Paranoia“ zurechtkomme.
Was dann immer meist so endet, dass eines Tages der Hausmeister, Lolek oder ein anderer Helfer zu Besuch kommt (fairerweise muss ich sagen, dass dann, wenn diese Besuche anstehen, auch der Herr Gemahl bereits etwas sieht/hört/riecht/ahnt, wenn auch nicht immer dasselbe wie ich, aber das sind zu dem Zeitpunkt dann vernachlässigbare Differenzen, deren Ausführung hier nicht weiter lohnt).

Ein Beispiel: Kurz nach der langwierigen Badrenovierung und Wasserschadensanierung nahm ich in dem ans Bad angrenzenden Schlafzimmer in einer Ecke des Raumes plötzlich einen minimal modrigen Geruch wahr, und zwar exakt dort, wo einst wochenlang eine der Heizplatten zur Trocknung der Wände aufgestellt worden war. Die Ecke war längst von der Wasserschadenfirma als getrocknet bezeichnet und von Lolek frisch gestrichen worden. Oben an der Decke meinte ich zudem, wieder einen neuen (oder alten?) Fleck durch das frische Weiß durchscheinen zu sehen. „Einbildung!“, sagte der Gatte, er sähe und röche dort rein gar nichts, ich sähe wohl Gespenster.
Genauso verhielt es sich übrigens mit der ans Bad angrenzenden Toilette: auch dort sah ich zwei Wochen nach Abschluss der Badrenovierung erste verdächtige Flecken an der frisch gestrichenen Wand. Was für „Gespenster“ daraus wurden, darüber berichteten wir hier und hier.

Mit diesem Erfahrungsschatz im Nacken setzte ich mich, nachdem der Gugelhupf in den Ofen bugsiert war, an den Schreibtisch und schrieb dem Gatten fix eine Mail. Wir sind beide keine Mit-dem-Handy-in-der-Öffentlichkeit-Telefonierer und da ich ihn im ICE auf dem Heimweg wusste (und zudem davon ausging, dass er in seine Arbeit vertieft sein würde), wählte ich diese diskrete Form der Mitteilung, um ihn auf seine Ankunft daheim einzustimmen.

Der Einfachheit halber kopiere ich Ihnen den entscheidenden Part der Mail in diesen Blogbeitrag hinein, da mich die Verwendung der indirekten Rede über längere Strecke dann doch etwas anstrengt:

„(…) Im Bad gibt es übrigens eine neue, unschöne Entdeckung. Ich habe das jetzt erstmal ein paar Tage beobachtet, bevor ich es dir sage, denn sonst wärst du mir vermutlich gleich wieder ins Gesicht gesprungen. Aber nun halte ich meine These/Diagnose für relativ gesichert und daher für mitteilbar: Wir haben Staubläuse im Bad. Das ist keine klassische Lausart, sondern ein kleines, an sich harmloses, aber in seinem Wohnverhalten dann doch irgendwie lästiges Tierchen. Wie ich jetzt auf „diesen Schmarrn“ komme? Ganz einfach!
Das, was ich neulich für deine unachtsam verstreuten Rasurkrümel hielt (du erinnerst dich bestimmt an meine Nachfrage, ob dir der Barthaarschneider ausgekommen sei), hatte ich ja bereits weggewischt. Am Tag drauf waren die kleinen, grauen Pünktchen aber wieder da. Nun gut, dachte ich, ist ja auch viel Bart, der da gut gepflegt wurde, beim Lüften könnte sich da schon nochmal was verteilt haben. Also wieder weggeputzt. Am nächsten Tag – und da warst du dann schon außer Haus und konntest als (erneuter) Verursacher definitiv nicht mehr im Frage kommen: schon wieder graue Brösel. Ich war irritiert, guckte, wo die überall rumliegen (ausschließlich auf dem nagelneuen, blitzblanken, weißen Waschtisch) und stellte plötzlich fest, dass die sich ja bewegen! Da dachte sogar ich kurz, ich würde halluzinieren. Aber letztlich ging es mir wie einst Galileo: sie bewegten sich tatsächlich!
Wieder den Lappen genommen, wieder alles entfernt. Dabei die Entdeckung, dass die größte Horde der kleinen Genossen in deinem Zahnputzbecher saß. Alles ausgewischt, mit kochendem Wasser ausgespült usw. Am nächsten Morgen dann die nächsten Tierchen. Dann hat es mir gereicht und ich habe recherchiert, was das sein könnte. Am Fenster sitzen die nämlich nie, immer nur auf dem Waschtisch, also kommen sie eher nicht von draußen rein, sondern leben bereits irgendwo in unserem neuen Bad. Im Spiegelschrank waren sie gottseidank nicht anzutreffen, allerdings vereinzelt an den Fliesen, die an den Waschtisch grenzen.
Die Recherche ergab dann: Es handelt sich um Staubläuse. Diese Spezies tritt in Räumen auf, die feucht sind, v.a. aber in Räumen, in denen es Schimmelbildung gab oder gibt oder in denen versteckte Feuchtigkeit vorhanden ist. Staubläuse sind ein häufiges Phänomen in Neubauten, die noch nicht durchgetrocknet sind, und ein nicht seltenes Phänomen in renovierten Räumen, in denen sich nach Verputzungen oder Verfliesungen o.ä. Bauarbeiten noch Staunässe verbergen könnte. Staubläuse sind an sich ungefährlich (und haben seltsamerweise weder was mit Staub noch mit Laus am Hut), können aber bei Menschen, die zu Allergien neigen, diese verstärken oder neue auslösen, erfreulicherweise aber nur, wenn sie in Massen auftreten (die Population in unserem Bad würde ich trotz all meiner „paranoiden Neigungen“ noch nicht als Masse bezeichnen). Chemie hilft gegen die Tierchen nur kurzfristig; wird die Ursache nicht beseitigt, kommen sie immer wieder. Sie ernähren sich überwiegend von Schimmelsporen und Flechten.
Das war eine unangenehme Erkenntnis, zumal sie auf denselben Tag fiel wie die Erkenntnis, dass leider an allen Türrahmen durch das Malerkrepp, das Lolek & Co. dort angebracht hatten, beim Abziehen der Klebebänder Lackflächen abgesprungen sind, so dass der alte vergilbte Lack nun wieder durchscheint.

Wenn du also wieder da bist, würde ich dich bitten, dir das Staublausphänomen mal anzusehen und es dann mit zu beobachten. Mir geht es jetzt erstmal drum, rauszufinden, wo die Viecher verstärkt sitzen und wie viele es sind. Wir werden zudem ab sofort die Lüftungsweise etwas umstellen und in den nächsten Tagen die Heizung im Bad volle Pulle laufen lassen, das wird auf einschlägigen Seiten (es gibt übrigens allen Ernstes die Seite: www.staublaus.de !) empfohlen. Oberstes Ziel ist, den Raum so trocken und warm wie möglich zu halten, denn Staubläuse hassen Wärme. Ich hoffe, es ist damit in Griff zu bekommen (weil es sich vielleicht und hoffentlich nur um Restfeuchte von den Bauarbeiten handelt), denn wenn nicht, dann heißt das, dass der Wasserschaden nicht komplett behoben war und hinter den neuen Fliesen noch Feuchtigkeit steckt – und dann gute Nacht!
Das mit dem abgeplatzten Lack werde ich Lolek sagen, ich hab nämlich keine Lust, das so zu belassen oder selbst nachzupinseln, weil das nicht so einfach ist mit dem Türlack an solchen Kanten. Nächste Woche kommt Lolek ja eh mehrfach zu uns, sofern er bis dahin mit seiner Baustelle in Mühldorf fertig ist, und verputzt das Loch in der WC-Wand, behebt die Undichtigkeit an der einen Silkonfuge und streicht das WC, da muss er halt dann auch noch mit dem Lack an den Türrahmen nacharbeiten.
Ich vermute übrigens, das Ganze ist eine Strafe Gottes oder aber Bill Gates steckt dahinter. Lass uns, wenn es ganz arg kommt, doch ggf. über ein Auswandern nach Nordkorea nachdenken, wo einen der Staat weniger verarscht und manipuliert. Vielleicht wird dort auch besser gebaut und renoviert. (…)“

Nur bei robustem Nervenkostüm oder allgemeiner Wurschtigkeit rate ich zur Vergrößerung dieses Beweisfotos.

Der Gugelhupf war längst fertig, als ich eine Antwort auf meine Mitteilung erhielt.

„Liebste Natascha,
habe eben erst deine Mail gelesen, weil ich in ein Gutachten vertieft war. Die letzten Minuten vor Einlaufen des ICEs in den Münchner Hbf habe ich nun aber natürlich damit verbracht, mich auf die Ankunft in unserem kontaminierten Heim vorzubereiten, indem ich mir nach Lektüre deiner Mail ein äußerst hilfreiches Video zur Einstimmung ansah (siehe unten).
Bis gleich, ich bringe Brezen mit! Dein R.“

Nie wird man als Frau und/oder Hausvorstand mit seinen Sorgen und Nöten ernst genommen!

Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, persönliche Erfahrungen mit Staubläusen und/oder Langzeitbeziehungen haben, dürfen Sie gern aus dem Nähkästchen plaudern, vielleicht haben Sie den einen oder anderen brauchbaren Tipp?!
Und ansonsten freue ich mich über jedweden Zuspruch (verbitte mir hingegen Kritik, Augenbrauenhochziehen, Spott und die Zusendung von weiteren Horrorvideos zur geschilderten Thematik) und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Bleiben Sie staublausfrei!

Herzblut.

September 2019. Gotland. Viel Zeit, Sonne und Ruhe. Erinnerungen an eine wunderbare Reise mit meiner kleinen Gefährtin.

Na endlich!
Auftrag erledigt. Die vermutlich letzte der Reisereportagen pünktlich abgegeben. Wieder ein Kapitel, einen Lebensabschnitt abgeschlossen, zumindest fühlt sich’s so an. Vielleicht auch nur, weil’s eine so schwere Geburt war? Es wird sich rausstellen.

Dabei immer der Gedanke: Wenn das dein letztes Werk aus der Sparte ist, dann muss es besondere Würde haben. Werk? Würde? Oh Gott, was für eine Anmaßung und Übertreibung (oder Ausflucht, um den eigenen Perfektionismus von der Leine zu lassen?). Kein Wunder, dass es sich auf diese Weise beschwerlich gebar!

Alles Schall und Rauch, speziell jetzt, weil derzeit ja sowieso niemand ernsthaft Reisepläne schmiedet. Wohin auch? Und erst recht nicht nach Schweden, oder doch?

Mancher Bestandteil des erforderlichen Vokabulars mittlerweile nah am Brechreiz (Idylle, Urlaubsglück, Erkunden, Einladen, Verweilen, Genießen – bäh! – manchmal juckt’s mich glatt, eine monströse Seele in so einen Text hineinbaumeln zu lassen, wobei die Ironie womöglich nicht mal auffiele, weil das absurde Baumelnlassen derselben in den vermeintlich „schönsten Wochen des Jahres“ ja tatsächlich eine so große Hoffnung, ein Lichtblick von so vielen ist, denen ihr trister Alltag und das tägliche Einerlei so vergällt ist, dass sie einzig die Flucht daraus heiß ersehnen und ansonsten längst zu träumen und zu gestalten aufgehört haben).
Die meisten Worte und Sätze werden dem, was man einst fühlte, sah und erlebte eh nicht mehr gerecht, und daher geht’s bestenfalls als Annäherung durch, das, was da letztlich niedergeschrieben steht, aber der Redakteur ist zufrieden, sehr sogar, und die paar Leser werden es schon auch sein.

Und ich? Was bin ich?
Leer. Ausgewrungen. Ausgezuzelt (wie man hier sagt). Blankgeschrieben. Wortwund.

Und doch: es hat auch was gehabt, dieses Sich-Durchquälen durch Strukturfetzen und Erinnerungsmosaike und dieses Wortefinden und -winden, bis sie sich wundgescheuert haben, um einen Platz zu finden, an den sie gehören oder an dem sie sich zumindest gut anhören.

Da steckt ja Herzblut drin!, so äußert sich jemand dann anschließend über den eigenen Text. Aha!, denke ich, und erwäge für einen Moment, mich zu freuen, aber es bleibt zu fraglich, welcher Art das Blut ist, das da drinsteckt, denn vieles, was ich hätte schreiben wollen oder können, blieb unbeschreiblich oder für die Zielgruppe so gänzlich ungeeignet, also kann es gut sein, dass es nichts als nur schnödes Fingerkuppenblut vom vielen Tippen und Am-Kopf-Kratzen war, und dass das Herz bestenfalls organimmanent blutete, weil es eben nicht ungehindert und frei nach außen fließen durfte, dieses wunderbare Herzblut.

(An dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an Blog- und Bruce-Kollegin Anna aus Göteborg, die mir ein paarmal mit wertvollem schwedischen Input behilflich war beim Schreiben!)

Zwischen Drive-in und Tough-out.

Ein kleines, coronafreies Quiz: Welche Story vermuten Sie hinter diesem Foto?

Keine Idee? Na, vielleicht hilft Ihnen das hier weiter:

Groschen gefallen? Yep, richtig!

Lolek is back!
Also eigentlich war er nie so richtig weg, nur mal kurz für den Sonntag, seinen einzigen freien Tag in der Woche.
Der Spaß ist doch noch nicht zu Ende. Und es gibt auch immer noch irgendwo eine Bäckerei, die Krapfen verkauft.
Damit halte ich Lolek bei Laune. Und mich ebenfalls.

Momentan betreiben wir Nachbesserungen und Feinschliff.
Letzteren gottseidank ohne Feinstaub, nach zwei Tagen Durchputzen täte ich sehr ungern wieder ganz von vorn anfangen.
Ich lerne jetzt die Welt der FI-Schalter und Ihrer Fehlermeldungen kennen, eine sehr erdende Beschäftigung, wenn auch teils eine düstere, weil dem Bade halt das Lichte fehlt.

Außer Lolek geht mittlerweile auch Dimitros täglich bei uns ein und aus. Dimitros ist Elektriker und ein Spezl von Lolek. Im Unterschied zu Lolek mag er keine Krapfen und schenkt dem Dackelfräulein kaum Beachtung. Dafür trägt er Handschuhe und eine Atemschutzmaske, rollt das „r“ und sagt ein recht deutsch klingendes „tschüss“ (mir gefällt Loleks polnischdeutsches „tschuss“ viel besser, denn das passt klanglich auch mehr zu dem, was hier so abgeht).

Der Wiedereinbau der Kammerregale ist ein Kapitel für sich. Oder zwei. Interessiert aber en detail eh keine Sau außer den unmittelbar Betroffenen.
Nur so viel: Heute hat er jedenfalls nicht wie geplant stattgefunden, dieser Kammerregalwiedereinbau, weil die polnische Interpretation meiner Maßgabe „Die Kammer muss bis in das letzte Eckchen absolut baugleich bleiben“ eine andere war als die von mir intendierte.

Da ist jetzt ein Aufputz-Kabelkanal, der ein einem Eckchen 15mm Platz beansprucht, auf einer Länge von 80cm, und somit muss der gute Herr Wurm von der Wasserschadenfirma, der das Regal ausgebaut hat, am Montag nochmal wiederkommen, um die Regalbretter und Seitenwände zurechtzusägen und dann einbauen zu können.
Genau das wollte ich vermeiden.

Einen größeren Schock erleide ich aber nicht, als Herr Wurm aus der Kammer herausruft, hier passe etwas nicht, denn ich war instinktiv längst davon ausgegangen, dass das nicht reibungslos klappen würde und zwar schon, bevor die Kammer demontiert wurde.
Überhaupt trügt mich mein Gefühl in Handwerksdingen selten, leider hilft mir diese Gabe praktisch herzlich wenig, sondern verdirbt bloß den Nachtschlaf und den Teint.

Lolek entschuldigt sich tausendfach, dass er Bolek nicht besser beaufsichtigt hat, als jener in der Kammer werkelte und eine Leitung aus dem Sicherungskasten rauszupfte und ins Bad rüberlegte, und schenkt uns als Entschädigung das neu eingebaute WC (das der Vermieter nicht übernehmen wollte, weil das alte zwar völlig verranzt und verkalkt war, aber eben noch funktionstüchtig und als Münchner Vermieter muss man da schon aufpassen, dass einem die Mieter nicht übermütig werden vor lauter neuen Kacheln und Badewannen).
Drauf gschissn also, im wahrsten Wortsinne – das ist ein fairer Deal,. Ich hätte Lolek auch für ein halbes Abflussrohr diese Panne verziehen, aber ich nehm auch ein ganzes Klosett.

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Vor unserer Haustür hat gestern der Drive-in für Rachenabstriche eröffnet.
Zu Füßen der Patrona Bavariae nun ein paar Zelte, etliche Schilder und eine lange Schlange Autos. Wartezeit aktuell: drei Stunden, eher mehr. Die Polizei regelt die Zufahrt und den Warteschlangenkoller.

Drumherum schaut’s aus, als würden sie ein größeres Areal schon mal vorsorglich für einen spontanen Lazarett-Bau präparieren. Platz wäre ja auch genug vorhanden, hier auf der Wiesn. Das Frühlingsfest ist abgesagt, genau wie das Oldtimertreffen. Und bis zur fünften Jahreszeit, und ob die stattfinden wird oder nicht, denkt derzeit eh noch niemand.

Ich gönne mir eine kurze Pause fern der Baustelle Wohnung mit Frischluft und Sonne. Auf jeder Bank sitzt brav nur 1 Mensch, den Kopf zumeist gesenkt, wg. Smartphonegucken, Sonnenbrille vergessen oder allgemeinem Trübsinn.
Erstaunlich viele Kinder springen hier noch herum, Klein- und Großfamilientreffen finden statt, die schiefhängenden Haussegen schon gut hörbar. Lagerkollergesichter, Verschwörungstheoriegeräderte und durchschnittlich Angsthabende. Dazu noch Sporttreibende, Allesignorierende, Schulfreigestellte und emsige Radkuriere.

Die Ausgangssperre rückt mit jedem Gruppenkaffeekränzchen und -pläuschchen und Kinderhordenkreischen näher.
Auf meinem linken Knie landet ein Marienkäfer, dem das alles wurscht sein kann. „Du genießt deine Käferfreiheit“, sage ich zu ihm, „und wir haben das Dackelfräulein, das uns den dreimaligen täglichen Ausgang sichern wird, wir haben es doch noch ganz gut erwischt, oder?“

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Mehr möchte ich für heute nicht sagen zur coronaren Lage in der Isarmetropole, aufgrund eigener Psychohygienemaßnahmen und um mir eine gewisse Sorte von Nicht-Diskussionen heute vom Leib zu halten, mit der ich in den letzten Tagen konfrontiert war.
Denn kaum spitzt sich die Coronakrise zu, meldeten sich erste Kritiker sich zu Wort, weil ihnen irgendetwas in einem meiner coronaren Beiträge, derer es ja noch gar nicht viele gab, nicht behagte. Drei Meldungen waren es, um genau zu sein, dem einen missfiel ein Satz, dem anderen ein Foto, dem dritten ein Kommentar eines anderen Lesers.

Ich diskutiere gern, ich erkläre auf Nachfrage auch gern meine Haltung, ebenso gern kläre ich Missverständnisse auf oder vermittle zur Not sogar mal unter den Kommentatoren. Am liebsten auch gleich hier, an Ort und Stelle, wo sich ja die Quelle befindet, an der sich der Unmut entzündete und die Diskussion dazu auch am besten stattfinden sollte, aber meinetwegen auch auf anderen Kanälen, falls dem Leser oder der Leserin irgendwas aufstößt, das er/sie zwar unbedingt loswerden möchte, nur eben lieber nicht öffentlich.

Was mir aber aufstößt, sind kritische Kommentare mit (prinzipiell begrüßenswerten) Hintergrunderläuterungen, die nur vordergründig zur Diskussion einzuladen scheinen, weil sie so persönlich verpackt oder wortreich oder beides daherkommen, weshalb ich selbstverständlich gleich dazu Stellung nehme und ebenfalls meine Hinter- und Beweggründe erläutere – und dann kommt dazu aber nix mehr zurück oder nur ein schmales, schales Sätzlein, dass es ja sooo wichtig nun auch wieder nicht sei.
Eine Art Zurückrudern, als habe man es ja nur mal sagen wollen (aber lieber nix dazu hören wollen), also eher ein Abwürgen der Debatte, die ja kaum begonnen hat.

Das ist in meinem Augen nichts weiter als ein fruchtloser Austausch, um nicht zu sagen: ein nutzloser Schlagabtausch, keinesfalls aber eine echte Auseinandersetzung mit sachlichem Argumentieren, keine konstruktive Diskussion, die ja neben dem Loswerden der eigenen Kritik ebenso beinhalten sollte, auch den anderen anzuhören und auf ihn einzugehen, zumal der sich ja die Mühe machte, sich mit der Leserkritik ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wenn es sich so verhält, möge man doch bitte am Stammtisch meckern, wo eh keiner dem anderen zuhört oder wirklich antwortet, oder möge man in Zeiten wie diesen, in denen die Stammtische geschlossen haben, einfach in sein Tagebuch hineinmotzen, denn von dort kommt kein Echo, und was dort steht, erzeugt auch keine Widerworte und stellt keine unbequemen Nachfragen, die einem dann abverlangen würden, sich womöglich tiefergehender (oder konkreter) mit dem eigenen Spontangepolter zu befassen.

Was Sie hier in diesem Blog lesen, liebe Leserinnen und Leser, und zwar ganz egal, ob es um Corona, Leben, Tod, Mütter, Väter, Dackel, Nachbarn, Handwerker, Biersorten, Berggipfel, Liebe, Leiden, musikalische und hygienische Vorlieben und Abneigungen, Krapfen von Kustermann oder Krümelschubladen von Toastern geht, ist meine Sicht auf eben diesen meinen Ausschnitt der Welt, den ich im Augenblick des Schreibens (und je nach Lust und Laune) näher oder ferner betrachten möchte oder zu betrachten vermag.

Sie sind jederzeit eingeladen, sich dazu zu äußern: ablehnend, zustimmend, herumalbernd, mitweinend, nachfragend, hinterfragend, interessiert, animiert, argumentierend, ergänzend, erläuternd, flossenklopfend, schwanzwedelnd und sogar bellend, wenn es nicht in Dauergekläffe ausartet, denn dann, so meine ich, passen wir wohl einfach nicht zusammen, so vom Kommunikationsverhalten, Stil und Anspruch her.

Das wäre dann wie Hund und Katz, die auch nicht dieselbe Sprache sprechen, und die man zwar mit Mühe und Beharrlichkeit aneinander gewöhnen kann, aber solche Bemühungen, die würde ich mir gern für das Leben jenseits meines Blogs aufheben, und selbst dort nur für die Situationen, in denen derlei Anstrengungen oder Anpassungsleistungen zwingend erforderlich sind.

Wie beispielsweise das Telefonat mit dem Hersteller der in den verkehrten Maßen gelieferten Duschtrennwand, das ich jetzt noch führen muss.
Einer dieser Menschen, denen es immerzu gelingt, auf eine Email alles Mögliche und Unmögliche zu antworten, aber zu der einzigen Frage, die darin enthalten war, hartnäckig schweigen.

Ein einziges Kommunikationstrainingslager, diese Monate nach dem Wasserschaden.

Zumindest in der Hinsicht bin auch ich bereits nah am Lagerkoller.

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München, Theresienwiese, heute. Zoomen Sie’s groß, dann sehen Sie die Drive-in-Schlange. Lassen Sie’s ungezoomt, dann sehen Sie einfach schönen bayrisch-blauen Himmel.

About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

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G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

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Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

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Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

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Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

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Marode oder: Ein Plädoyer für die Ruhe.

Ein kurzer, kräftiger Atemstoß von Sturmtief Yulia genügte, um eine der morschen Garagentüren dieser Tage endgültig aus ihrer Verankerung in der nicht minder morschen Wand zu reißen.

Jetzt muss man zu zweit sein, wenn man das Auto in die Garage oder aus ihr heraus fahren möchte. Einer bewegt die Karre, der andere hält die Tür fest. Der Hausmeister ist im Fasching verschollen und kümmert sich danach um eine Lösung, wahrscheinlich wird’s ein Provisorium, das bis zum Frühsommer irgendwie halten wird. Denn ab Mai möchte der Vermieter die Garagen im Hinterhof, eine baufälliger als die andere, sanieren lassen, was auch immer das heißt (wenn Münchner Vermieter von „Sanierung“ sprechen, bedeutet das manchmal kaum mehr als einen neuen Anstrich, der die vorhandenen Risse kaschieren soll, so dass man getrost noch ein paar Jahre warten kann, bis die Mauer endgültig zerbröselt).

Manchmal kann ich all das Marode, all das Provisorische, die Notlösungen und das Sanierungsstückwerk, das so ein Durchschnittsaltbau bietet, nicht mehr sehen. Was nicht heißen soll, dass ich mich wieder in den Neubau am Stadtrand zurücksehe, wirklich nicht. Es soll eigentlich nur heißen, dass ich es toll fände, wenn man für seinen saftigen Mietzins einfach mal etwas bekäme, das rundum intakt ist. Eine Utopie in dieser Stadt, ich weiß, und daher stelle ich das unnütze Mietergejammere auch gleich wieder ein.

Was ich auch nicht mehr sehen kann, ist das zu häufige Grau und Geniesel draußen vor dem Fenster. Die Gemütslage ist derzeit nur durch regelmäßigen (!) Sonnenschein und möglichst täglichen (!) Hagebuttenkrapfenkonsum stabilisierbar und beides scheint Mangelware zu sein.

Kaum je mehr als zwei sonnige Tage am Stück, und bei Kustermann, der Münchner Traditionskonditorei hier ums Eck, die wirklich den mit Abstand besten, luftigsten, unfettigsten Hagebuttenkrapfen der Stadt täglich dutzendfach und liebevoll per Hand formt und in ihren Vitrinen zum Verkauf drapiert, ist jeden zweiten Tag bereits vor (!) 12 Uhr das gesamte (!) Krapfensortiment ausverkauft.

Dankenswerterweise saust der Gatte heute extra vor 9 Uhr aus dem Haus, um an der Krapfenmangelfront verlässlich Abhilfe zu schaffen, denn morgen (Aschermittwoch!) ist ja das köstliche Gekrapfe leider schon wieder vorbei und die in Kürze in den Bäckereien Einzug haltenden Osterbackwaren sind bis auf den klassischen Hefezopf (ohne klebrige Rosinen und anderes Beiwerk) allesamt nicht so mein Ding.

Oder man greift zur dritten, verlässlich stimmungsfestigenden Maßnahme: 2.000 Meter durchs Lieblingsbad pflügen. Aber selbst das wird einem bisweilen vergällt. Grad noch schön und friedlich die 40 Bahnen gezogen und wie neugeboren dem Wasser entstiegen, wird man schon wieder ungut beschallt.

In der Dusche plärren zwei mitduschende Frauen in meinem Alter einander Banalitäten zu („Nein, zu dem Shampoo gibt’s leider keinen Conditioner“ / „Ich hatte von gestern noch Quinoasalat übrig, den hab ich mir für nach dem Schwimmen gleich mitgenommen“). In dem gekachelten Raum hallt ja alles dreimal so laut wie draußen oder in der Umkleide, aber nein, man muss überall labern und auch die Umwelt an dem Gelabere teilhaben lassen. Noch dazu erzeugen ja bereits die Duschen einen nicht unerheblichen Dauerlärmpegel.

Ich gebe mir einen Ruck (und Mühe, nicht zu gucken wie ein Kojote kurz vor dem Erlegen seiner Beute), bitte die beiden höflich um etwas mehr Ruhe, werde dann aber angepöbelt: Ja man müsse hier in der Dusche doch lauter sprechen, weil man sich ja sonst bei dem lauten Geplätschere nicht verstünde. Themaverfehlung!, denke ich, gebe den Kampf um Ruhe aber sofort auf, verzichte spontan auf die Haarwäsche und suche das Weite bzw. die Umkleide auf.

Momentan muss ich jeden nicht zwingend nötigen sozialen Aufruhr und Kraftakt meiden, um Energie zu sparen für den Kontakt mit der Firma, die den Wasserschaden saniert und mit anderen Unbilden, die im Kontext der heimischen Misere daherkommen.

[Und die Erfahrung sagt: da kommen schon noch welche daher, wenn es nächste Woche am Montag mit all den Handwerkereien erstmal so richtig losgeht für mehr als zwei Wochen. Leider ist ja Lolek nicht für alles zuständig, schade auch, denn mit dem läuft es weiterhin wie am Schnürchen – wir schicken uns mittlerweile sogar kleine, selbstgedrehte Videos von Duschtüren mit Hebe-Senk-Mechanismus in Aktion. Alles Zubehör ist nun bestellt-besprochen-bereitgestellt, auch ein großer Vorrat an Vinzenz-Murr-Gutscheinen ist schon besorgt, den wir Lolek zu Beginn der Bauphase überreichen werden, damit er für sich und Bolek täglich eine Krakauer kaufen kann. Das wird ihn sicher ebenso freuen wie die Tatsache, dass ich ihm zwei tolle, haargenaue Skizzen zum neuen Badezimmer angefertigt habe („Was kommt wo hin“) und ihm schon am Nachmittag von Tag 1 den Hausschlüssel anvertrauen werde, um ihm hier nicht weiter auf den Wecker zu gehen…]

Auch in der Umkleide ist nicht das zu finden, was ich mir unter Ruhe vorstelle. Einen Gang weiter kreischen vier aufgekratzte Teenager herum, weil der einen das iPhone auf den gefliesten Boden gefallen ist und das Display nun ein Spinnennetzmuster hat (wie konnte ich nur vergessen, dass dieser Tage ja schulfrei ist?).
Neben meinem Spind sitzt eine ältere Frau auf der Bank und ölt sich mit schmatzenden Glitschgeräuschen und unter permanentem Stöhnen eine gruselige, 30 cm lange, blutrote, halbverkrustete Narbe auf ihrem Schienbein ein. Vor dem Spiegel verrenkt sich eine Amazone, um sich ihre Achselhöhlen zu rasieren und daneben verteilt ein Mauerblümchen die Ladung einer ganzen (FCKW-)Haarspraydose auf ihrer Frisur, die durch die betonartige Fixierung kein bisschen schöner wird, im Gegenteil.

Respekt vor der Intimsphäre anderer Menschen und/oder Hemmungen (gar Scham?!), was die Präsentation der eigenen Intimverrichtungen angeht, verkommen im öffentlichen Raum mehr und mehr zu Fremdworten und zu verblassten Phänomenen aus einer anderen, leider fernen und ziemlich vergangenen Zeit. Einer, in der die Menschen noch nicht dauerdämlich, laut und indiskret vor sich hinlabernd mit diesen weißen Pfriemeln im Ohr durch die Stadt stolperten (oder, wie eine Nachbarin: sogar durchs Treppenhaus des Mietshauses) und in der nach den allwöchentlichen Unwettern und Stürmen die Bürgersteige noch nicht zuhagelt waren von diesen blödsinnigen Vehikeln für „die letzte Meile“, die seit letztem Sommer den bis dahin angenehm geringen Unratsfaktor in dieser schönen Stadt verzehnfacht haben.

[Woran man merkt, dass man selbst marode älter wird? Unter anderem daran, dass einen neue Trends und Moden seltener begeistern und die Alltagstoleranz ungefähr im selben Maße abnimmt, in dem die Alltagsdünnhäutigkeit zunimmt. Ich tippe diese Zeilen übrigens in einem der Lieblingscafés sitzend, zwei Tische weiter zwei italienische Pärchen, die so laut sind, dass man von der schönen Musik, die hier üblicherweise läuft, nicht mehr das Geringste hört. Auch deshalb sind mir Skandinavier die angenehmeren Zeitgenossen.)

Verzehnfacht haben wird sich auch unser Stromverbrauch für den Monat Februar. Die Corroventen pusten nach wie vor 24/7 vor sich hin, Ende der Woche werden die Dinger endlich abgeholt. Dank des Geräuschpegels in unserer Wohnung geht uns allerdings die sechsstündige Faschingsparty der Familie unter uns weniger auf den Keks als sie es täte, wenn wir hier ohne Trocknungsgeräte wohnen würden. Eigentlich muss die Bausubstanz dieses Hauses doch eine recht robuste sein: dass das 4. OG und das 1. OG, wo die jeweils zwei kinderreichsten Mitbewohner leben, noch nicht eingestürzt ist bei den vielen Feiern und Familienbesuchen, grenzt an ein Wunder.

Was hingegen an eine Zumutung grenzt: dass in Staffel 2 von „Big little lies“ ausgerechnet Meryl Streep , die ich früher mal so gern mochte, frappierend an die Mutter erinnert. Dasselbe Geschau, wenn man Kritik an ihr übt, derselbe Opferblick, wenn man sich von ihr abwendet, dasselbe Lächeln und derselbe Zuckertonfall, wenn sie einem gleich die nächste Gemeinheit reinreiben wird. Ich schlafe unruhig nach allen drei Serienabenden, was aber wurscht ist, da ich sonst (halt aus anderen Gründen) bestimmt ähnlich unruhig geschlafen hätte.

Zum Beispiel, weil seit zehn Tagen die linke Niere schmerzt, sogar in Ruheposition. Ich bin ja kein Freund von diesen pseudopsychologischen Pathogenesen, dennoch passt das grad hervorragend zusammen: diese Redewendung „etwas geht einem an die Nieren“ und eben genau dieser Schmerz. Also setze ich darauf, dass die Niere sich auch wieder beruhigt, wenn ich mich erstmal im Tegernseer Exil befinden und hier die Bauarbeiten im Gange sein werden (und ein Ende dieser Unbehaustheit absehbar wird).
Wenn sie dort weiterhin piekt, die Niere, kann ich’s für die Dauer des Exils ja auch noch auf die Lebensgefährtin des Papas schieben oder auf den Schwimmbadentzug (zumindest was das 50m-Becken angeht).
Sicherheitshalber habe ich mir dennoch eine nephrologische Praxis am Tegernsee rausgesucht, die Gegend dort ist ja gesegnet mit einer hohen Arztpraxendichte, und gegebenenfalls möchte man ja schnell handeln können.
Spätestens, wenn Lolek mir den Hausschlüssel zurückgibt und die Wohnung wieder ein Ort ist, an dem man gerne wohnt, wird die Niere jeden Schmerz eingestellt haben.

Und bis dahin müsste auch das Dackelfräulein wieder in eine normale mentale und körperliche Spur zurückgefunden haben. Seit zwei Wochen brütet Madame permanent in einem Filzkorb, in dem wir unsere zwei Sofadecken aufbewahren, ihre Nachkommen aus, und vor wenigen Tagen wurde (während einer unserer kurzen Abwesenheiten) der Schaumstoff ihrer Liegeunterlage zu 10.000 Flöckchen zerrupft, mit denen das Nest für den Nachwuchs ausgepolstert werden sollte, damit es die Welpenschar auch gemütlich hat.

Praktischerweise musste ich eh in den Baumarkt, um für Lolek die rauchblaue Farbe anmischen zu lassen (nett: das freundliche Männeken an der Farbenmischstation erinnert sich an einen, „Ist ja erst anderthalb Jahre her!“ sagt er und stellt den Farbkübel fröhlich in die Rüttelmaschine), mit der die Diele zu streichen ist, also dort gleich noch neue Schaumstoffplatten besorgt und zuschneiden lassen.

Und als Konsequenz dieser sonst nie auftretenden Zerstörungswut kommt die Hundedame nun einfach überallhin mit. Natürlich nicht mit mir zum heutigen Konzertabend, dafür darf sie aber nachher den Gatten in die lauschige Lokalität begleiten, wo dieser zum Fußballgucken in größtmöglicher Ruhe hinzugehen pflegt.

Die vier Italiener haben das Café soeben verlassen, man hört die Musik wieder. Ein Aufatmen ist das! Der Cafébesitzer nickt mir zu und dreht die Lautstärke hoch. Manchmal liegen die gesamte Ruhe und das ganze Glück des Universums in einem richtig laut gehörten „You Angel You“.

Was mich auch glücklich machen würde: eine Ruhebank unter den alten Linden an der Theresienwiese mit einem eigens für mich und dieses Mußeplätzchen angefertigten Messingschildchen (ich bastle gedanklich schon seit Jahren an der ultimativen Inschrift, wenn ich bei Regen durch den Englischen Garten oder die Isarauen spaziere).

Für diese Woche reicht’s.

An Tag 5 mit den Corroventen schon morgens Augenjucken und einen trockenen Hals.

Die Morgenlektüre hebt kurzfristig die Stimmung:

Danke, liebe Süddeutsche Zeitung, eine Doppelseite von DEM zu Kaffee und Quittengeleebrot – das muss ein gutes Omen sein!

Vormittags dann der Gutachtertermin, der Vermieter und eine Tante von der Allianz tapern eine Stunde lang durch alle betroffenen Räume. Viele Ohhhs und Herrjes und allseits Gegrübel darüber, was nun am besten wann & wo zuerst & wie. Badumbau vorziehen? Hätte Lolek überhaupt Zeit dafür? Wie lang wird die Trocknung dauern? Wer saniert die Wände? Wie lang zieht sich das alles hin? Wie soll man mitten in diesem Verhau wohnen? Fragen über Fragen.

Um viele Details wird man sich selbst kümmern dürfen, ja müssen. Das alles war jetzt überhaupt nicht dran, ganz anderes war geplant. Aber noch 5 Tage mit den Corroventen und ich werde eh vergessen haben, was das war. Und dann ist ja erst Halbzeit in Sachen Trocknung.

Draußen Traumwetter, drinnen Chaos. Am Montag meldet sich der Vermieter mit einem Vorschlag zu meinem ihm bereits gestern überreichten Erwartungskatalog, in dem Schlagworte wie „Gesundheitliche Beeinträchtigungen“, „Unbewohnbarkeit der halben Wohnung“ und „Mietminderung“ u.v.m. enthalten sind.

Betrachten wir es nun irgendwie als eine Kombination von „Augen zu und durch!“ und einer Art Winterschlaf: Wenn die letzte Fliese klebt und der letzte Pinselstrich über die gelbverfleckten Wände gezogen wurde, steh ich wieder auf und stürze mich in den Sommer.

[Sagte sie, setzte die Schwimmbrille auf, schlüpfte in die Flossen, schloss die Augen, holte Luft, sprang und vergrub sich auf unbestimmte Zeit ins Wasser.]

Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!