Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.

Die Liebe in den Zeiten der Coronakrise.

(Ganz neue) Szenen einer Ehe.
München, im März 2020, ein relativ gewöhnlicher Dienstagmorgen.
Der Gatte kehrt vom morgendlichen Ausritt mit dem kleinen Jagdhund zurück, dreht sich auf dem Absatz wieder um und ruft voller Tatkraft treppabwärts sprintend, er begäbe sich nun direkt ins nahegelegene Jagdrevier, um dort gleich in der Früh sein Glück zu versuchen (seit Wiedereinzug in unserer Wohnung fehlen uns ja ein paar essentielle Utensilien im Haushalt, wir berichteten hier).

Eine halbe Stunde später sperrt er die Wohnungstür wieder auf und ich höre den Erfolg seines Jagdausflugs schon vom Arbeitszimmer aus auf dem Parkett aufschlagen, springe hoch, laufe ihm durch den langen Flur entgegen, sehe die Beute auf dem Boden liegen – und falle ihm freudig um den Hals.

Der Held des Tages aus der Münchner Ludwigsvorstadt und sein Riss.

Auch die Liebe verändert ihr Antlitz in den Zeiten der Coronakrise:
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Mann küsse, weil er mir Klopapier nachhause bringt!
Und das erste Mal, dass in unserem Haushalt zwei Packungen von dem weißen Gold, wie es die Leute hier im Viertel bereits nennen, vorrätig sind.

Sollten Sie keinen so beherzten Gatten im Haus haben, der frühmorgens zur Jagd geht oder es bei Ihnen aus anderen Gründen zu einem Toilettenpapier-Engpass kommen – ich kann Ihnen nun gern mit einem Röllchen aushelfen!

Im Hechtsprung.

Als Bruce Willis, wie ich meinen Lieblingsbademeister zu nennen pflege, erfährt, dass ich heute nicht nur als Kraulquappe, sondern vor allem als Wasserschaden- und Baustellen-Flüchtling hergekommen bin, hat er sofort Mitleid und schenkt mir einen Saunaeintritt ohne Zeitlimit. Ich verbringe also spontan den Großteil des Tages im Schwimmbad und der Sauna, beides relativ coronaleer.

Durchs Kneippbecken der Sauna-Außenanlagen watend rufe ich am frühen Nachmittag Lolek zurück, der schon 2x angerufen hatte, während ich meine 40 Bahnen zog. Es geht um die neue Leitung, die er legt, damit wir künftig im Bad nicht nur eine Lichtquelle haben. Er fragt, ich entscheide. Immer schnell, praxisnah und zielführend, diese Unterredungen mit ihm. Wunderbar.

Später schickt er noch eine Whatsapp, um die Ankunft eines Paketes zu melden. Inklusive Foto von dem Karton (der winzig ist), um sich den Scherz erlauben zu können, dass das vermutlich nicht die neue Duschtrennwand sei (die bestellt ist und diese Woche eintreffen muss, wovon ich Lolek in Kenntnis gesetzt hatte, da er das riesige Trumm ja annehmen muss, wenn ich nicht daheim bin). Ich antworte nur mit einem Smiley (und verkneife mir die Anmerkung, dass er mit seiner Annahme völlig richtig liegt und sich in dem kleinen Päckchen mein neuer Sport-BH verbirgt).

Nach 10 Stunden Schuften immer noch zu Scherzen aufgelegt, der Lolek. Mögen sein Karma und seine Robustheit tief in den Estrich des neuen Badezimmers einsickern! Darauf stoße ich nach einem langen Tag im Schwimmbad gerade mit mir selbst an, mit Blick aufs Sportbecken im „Hechtsprung“ sitzend, wie die dem Bad angegliederte Kneipe heißt, und warte auf mein Nudelgericht.

Derweil am Tegernsee der Gatte seine allererste alleinige Bergtour mit dem Dackelfräulein unternommen hat. Wurde ja auch mal Zeit, nach acht Jahren. Nebenbei beschert ihm das ungewohnt intensive Zusammensein mit seinem alten Schwiegervater auch andere, neue Erfahrungen wie beispielsweise das überraschende Erkennen genetischer (oder ansozialisierter) Kausalitäten mancher, bislang noch nie begriffener Verhaltensweisen seiner Angetrauten (also mir).

Hat er sich jahrelang gewundert, dass oft schon Stunden vor dem eigentlichen Beginn des Kochens alle Zutaten fein säuberlich geputzt, geschnippelt und auf Schälchen verteilt in der Küche oder im Kühlschrank bereitstehen und ihrer Verarbeitung harren – und nun sieht er endlich mal, wo’s herkommt, diese Pedanterie de la cuisine! Und gleich ist klar, dass ich da schlicht nix dafür kann, sondern das halt schon mit der Vatermilch aufgenommen habe, diese planvolle Alltagsorganisation.

Es scheint jedenfalls gut zu laufen, dort im Ausweichquartier am Fuße des Wallbergs. Sehr schön. Alles in allem lässt sich die Zeit der Bauarbeiten offensichtlich reibungslos an und allmählich keimt Hoffnung in mir auf, dass das feuchte, laute erste Quartal 2020 zumindest glatt noch ein trockenes, generalsaniertes und glänzendes Ende finden könnte.

Jetzt trink ich mein Feierabendbier aus, steig in die U-Bahn und guck mir daheim mal Loleks Tagwerk an.

Was vom Fasching übrig blieb.

…und das Zamperl schnappte sich den Zinken und feierte übermütig das Ende der Faschingszeit (und hoffentlich auch des seltsamen Winters)!

Diese Gabe, sich an ganz kleinen Dingen ganz groß zu freuen, ist etwas, das ich an meinem Hund ganz besonders liebe.

Eh ein toller Tag heute. Seit 8:15 Uhr erfreue ich mich an der Abwesenheit ein paar großer Dinge: die Corroventen wurden abgebaut, nach 25 Tagen.

Ein Segen.

Oh, what a night.

Schon der Support-Act schrammelt ein „No surrender“, aber später kommt’s dann wirklich knüppeldick: der Sänger der „13 Crowes“, den man vor Konzertbeginn an der Bar traf und zaghaft um „an encore“ vom Bruce gebeten hatte, beschenkt einen erst mit „Racing in the steeet“ (als Song Nr.7, „for the Jersey girl in the front row“) und haut zum Schluss noch solo ein „The River“ raus (und mir dadurch beinahe ein Tränchen).

Boah!

Thank you so much, Cammy 🤗

Von allerhand Strukturen.

Guten Abend aus der Corroventenhölle und vorweg gleich mal eine kleine, gute Nachricht: Seit heute Morgen um 8:11 Uhr pusten und dröhnen hier nicht mehr vier Trocknungsgeräte, sondern nur noch drei.
Das ist immer noch blöd und belastend genug, aber wir wollen jede – wirklich jede! – Verbesserung sehen und würdigen, uns an jedem Strohhalm hochziehen, den man uns in unser Aquarium steckt!

Der Serienbeauftragte hat dankenswerterweise dafür gesorgt, dass die in der Wohnung zu verbringenden Abende der letzten Tage einfach komplett und ganz wunderbar zugeofczarekt waren („ofczareken“, Verb, ugs.: „sich an Filmen überfressen, in denen Nicholas Ofczarek möglichst in der Hauptrolle zu sehen ist und wenn nicht, zumindest dialektal, akustisch oder wampenmäßig präsent ist, was in jedem Fall besser ist als gar kein Ofczarek“), auch das eine wohltuende Ablenkung von der Baustelle direkt vor unserer Wohnzimmertür.
Immerhin ja noch zwei unversehrte Räume hier herinnen, in denen man die DVD oder die CD so laut stellen kann, dass man das Brummen aus dem Rest der Wohnung nicht hören muss (dennoch langsam eine Tendenz zu Kopfweh und Ohrensausen, wenn man länger als 4 Std hier verweilt, um endlich mal wieder dieses Hasswort zu verwenden).

Ebenfalls wunderbar ist, dass sich jeden zweiten Tag oder Abend ein anderer Freund oder eine andere Freundin erbarmt aufschwingt, mich auszuführen und zum Essen einzuladen (und das Fräulein gleich mit).
Letzten Donnerstag ein köstliches Thai Curry mit B. hier ums Eck, am gestrigen Montag mit dem Physiker auf ein Risotto ins Westend, heute mit D. im ehemaligen Heimatviertel tolle Spinatknödel gefuttert – gute Nahrung hält einen ja innerlich zusammen in solchen Phasen, in denen äußerlich alles irgendwie auseinanderfällt, und überdies ist es ja auch schön, mal wieder ein paar neue Lokalitäten kennenzulernen und viele Stunden mit Menschen zu verbringen, die man gern hat.

Passend dazu purzelt heute noch ein tröstendes und Mut zusprechendes Kärtchen von A. aus dem fernen B. durch den Briefkastenschlitz…

…für das ich hiermit ganz herzlich danke!
Der Spruch auf der Kartenvorderseite hinten ergänzt um die Fußnote, dass damit selbstverständlich auch anderer Kuchen gemeint sei – und Weißbier ebenso).
Sehr gerührt hat mich das, weil ich mich nicht nur verstanden, sondern auch erkannt fühlte, was ja ohnehin eng miteinander verknüpft ist, denn nur was man wirklich erkennt, vermag man auch wirklich zu verstehen.

All das ist mir ein großer Anker in diesen Wochen. Sie müssen nämlich wissen, dass meine innere Strukur eine ist, die von Verhau, Schäden, zu vielen Provisorien und Baustellen im eigenen Zuhause unverhältnismäßig stark erschüttert wird. Andere Menschen sind da viel cooler, rationaler und gelassener, sagen „Mei, sowas passiert halt“ oder „Wird schon wieder“, was ja auch alles stimmt.
Aber für mich ist das nichts Rationales, sondern mir geht’s da brutal ans Eingemachte: schon Umzüge, bei denen ja immer irgendwas schief- oder kaputtgeht, sind ein Alptraum für mich (all das Gewusel, all das Durcheinander), und wenn meine Abstellkammer zusammenbricht, ist das, als hätte mir jemand die Milz rausgerissen, und wenn – wie nun der Fall – die halbe Wohnung von einem Wasserschaden heimgesucht wird, kommt das folglich einem ziemlich umfassenden Ausweiden gleich, und zwar am lebendem Objekt.
Nur ein Brand oder Erdbeben träfe mich noch krasser (oder ein Einbruch mit Totalverwüstung oder eine Sturmflut).

Das kommt – und das ist jetzt keine faule Ausrede! – aus frühester Kindheit und dass ich damals ohne meine Struktur in meinem kleinen Zimmerchen wohl eingegangen wäre. Der kleine Raum war meine Burg, meine Festung, mein Halt, dort spielte ich, dort schrieb ich, dort bastelte und musizierte ich, dort fand ich Ruhe und Muße. Draußen vor der Zimmertür tobte einfach zu oft das Chaos oder der Wahnsinn, ich zog mich also zurück, schloss die Tür und befand mich in meinem kleinen, geschützten Ausschnitt der Welt, in dem ich den Dingen und Ereignissen eine Struktur geben konnte, die mich gleich mit ordnete oder mich zumindest vor dem Auseinanderfallen bewahrte, was freilich nur so lange währte, so lange die Mutter meinen kleinen Ausschnitt der Welt unversehrt ließ, ihn also nicht betrat oder zertrat (vielleicht berichtet ja eine der Matrjoschkas noch von dem Tag, an dem ich es wagte, mich einzusperren oder auch von dem Tag, an dem die Mutter sich einsperrte, ich bin noch unschlüssig, welcher der beiden mitteilbarer wäre).

Dummerweise hat sich dieses Verhaltensmuster im Laufe meines Lebens von einem kleinen Zimmer auf eine ganze Wohnung ausgeweitet und hat selbst vor Ferienwohnungen und Hotelzimmern nicht Halt gemacht: wo auch immer ich mich länger als ein oder zwei Tage aufhalte, muss ich herumräumen, bis sich der Raum nach „Zuhause“ und nach „Struktur“ anfühlt, sonst komm ich dort nicht an oder kann mich dort nicht aufhalten oder muss – wenn es sich gar nicht umstrukturieren lässt oder per se gegen jedes ästhetische Empfinden verstößt – sogar abreisen.
Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich wirklich Freude am (Ver)Reisen empfinden konnte und nicht ständig insgeheim dachte, dass ich mich zuhause ja eigentlich viel wohler fühlen würde als in der relativen Unbehaustheit, in der ich mich nun dort in der Fremde befand.
Aus dem Koffer leben, im Zelt hausen, wochenlange Rucksackreisen oder mit mehr als nur mir in einem Camper unterwegs – undenkbar für mich, bis heute, weil ein einziges gruseliges Baustellengefühl wäre das und ein elendes Dauerprovisorium, dem ich nicht den geringsten Genuss abringen könnte.

Seien Sie aber bitte gänzlich unbesorgt, falls ich mal zu Ihnen zu Besuch käme und über Nacht bliebe: ich bin als Gast äußerst pflegeleicht, schmutze nicht, helfe jederzeit in Ihrem Haushalt mit und benötige nicht mehr als ein Handtuch ohne Weichspülergestank, eine saubere, nicht zu weiche Schlafstatt und neben dieser ein Nachttischlämpchen, das auf halbwegs staubfreiem Untergrund steht und ein Leuchtmittel zwischen 2700 und 3000 Kelvin enthält, meine bescheidenen Frühstückswünsche teile ich gern mit einem Vorlauf von ein paar Tagen mit, damit Ihnen der Einkauf keinerlei Umstände beschert, Sie vor allem nicht zu viel besorgen, wo ich doch nur wenig brauche, und sowieso bliebe ich keinesfalls länger als ein bis drei Nächte.

So. Nun nochmal 9 Tage mit den verbliebenen Corroventen und sofern Atlacoya, die holde Göttin der Trockenheit, uns gnädig gestimmt sein sollte, sind dann alle Wände gelbgrünbraun und durchgetrocknet und harren dem kühlenden Nass der frischen, weißen (und rauchgraublauen) Isolier- und Wandfarbe, die Lolek in absehbarer Zeit auf sie draufpinseln wird, auf dass sie wieder erstahlen in vertrautem Glanze.

Wenn alles gut geht, haben wir nach dem Abbau der Corroventen und vor dem Beginn der großen Badzerstörung sogar 3 (in Worten: d-r-e-i ) Tage vollkommene Ruhe hier daheim, die wir schon im Verlauf des dritten Tages wieder werden eintauschen müssen gegen die Dauerbeschallung durch die Lebensgefährtin des Papas, das ist das große Manko am Tegernseer Ausweichquartier, aber vermutlich immer noch erträglicher als täglich 10 Stunden Fliesenabschlaggeräusche und Gestaube von Lolek und seiner Mannschaft.

Ab morgen teste ich erstmal das Ausweichquartier zum Ausweichquartier, denn die Lebenserfahrung lehrt: Du sollst immer einen Plan B haben!

Auf Hochtouren.

Nach einer geruhsamen Zeit voller Rudelglück, Seriengenuss und Feiertagsfaulenzen läuft das neue Jahr mittlerweile auf Hochtouren.

Der dank des Wasserschadens beschlossene Badumbau ist seit ein paar Tagen im Detail besprochen, die Terminvorschläge harren nun Loleks Überprüfung und Zustimmung, bald drauf geht’s dann zum Fliesen- und Wannenkauf. Das Fachvokabular sitzt jedenfalls schon und bescherte anerkennendes Nicken.

Gesundheitlich geht es größtenteils aufwärts oder zumindest nicht weiter abwärts, man weiß zwischenzeitlich, mit 47,5 Lenzen, dass Glück tatsächlich auch in der Abwesenheit von Unglück bestehen kann.
Auch. Nicht nur.

Vor einem Jahr war tiefster Winter hier, auf der Wiesn bauten sie Schneeskulpturen aller Art. Wir frästen uns durch die weißen Massen hinüber zur Schwanthalerhöhe, um den Film zur 150-Jahr-Feier des DAV anzugucken – und zwei Stunden später war die Spur vom Hinweg bereits nicht mehr zu sehen.
Im Januar 2020 wird an der Isar in kurzen Höschen gejoggt. So sieht man im diesjährigen Winter ganz andere Skulpturen, denn hie und da hoppeln einige Festtagspfunde mit, immerhin ein körperlicher Kampf, der mir seit einigen Jahren meistens erspart bleibt.
Erste Übermütige werfen die Hüllen komplett ab oder den Grill an, die Kioske am Flussufer stellen die Eistafeln raus, an den Stehtischen im Freien leuchtet jedes zweite Glas grellorange und die Hunde testen zaghaft die Wassertemperatur.

Der Friseurwechsel hat weiterhin Bestand. Die zweite Schur ebenso zufriedenstellend wie die erste, nur ohne die schnarchende Bully-Dame anbei, die leider zwischenzeitlich einem Hirntumor erlag. Die Art und Weise, wie der neue Coiffeur mir davon erzählt (plus das anschließende Einlegen einer Live-CD von den frühen Stones), hat zur Folge, dass wir zum Du übergehen. Eh fast derselbe Jahrgang.
Auch Pippa hat den Friseur gewechselt, da die gute S. nun geheiratet hat und in neue Wirkungskreise abtaucht (eigener Salon, aber diesmal Fingernägel oder sowas). Ihre Nachfolgerin wurde allein deshalb kritisch beäugt, weil sie das Begrüßungsritual (Vor dem Rasierer kommt die Wurst!) noch nicht kannte.
Man merkt, dass man älter wird, denn das Ausmaß, in dem einen solche Veränderungen auf einmal beschäftigen, verhält sich in etwa proportional zum Wachstum der grauen Haare.

Der nette Nachbar lädt einen zum Geburtstagsbrunch ein. Das muss heißen, wir bewegen uns wohl defintiv Richtung freundschaftliche Verbandelung.
Alle verstehen sich bestens: sowohl sein Gatte mit meinem, als auch die Hundedame der beiden mit unserer Pippa (wir berichteten hier und hier). Das ist nicht nur in sozialer, nachbarschaftlicher, tierischer und zwischenmenschlicher Hinsicht recht erfreulich, sondern diese Entwicklung passt auch ideal zum demnächst drohenden sanitären Totalausfall in unserer Wohnung: zumindest ich werde dann dort unten ganz unbekümmert um tägliche Nutzung der Dusche ersuchen, notfalls vielleicht auch um Asyl, sollte es bei uns oben gar zu unwohnlich und staubig werden (Lolek kündigte eine Abdichtung des Flurs an, bei der wir nur noch durch einzelne, abgeklebte Schlitze in unsere Zimmer schlüpfen können, das klingt irgendwie ungemütlich).
Bei der brunchenden Gästeschar erwartungsgemäß ein deutlicher Männerüberschuss. Neben mir sitzt der Ex vom Nachbarn, ein sehr sportlicher, hübsch bewimperter Kerl, er sitzt da in Begleitung seiner Mischlingshündin mit nicht ganz so hübschem Unterbiss.
Wir verstehen uns auf Anhieb, stellen etliche gemeinsame Interessen fest, vor allem in alpinistischer Hinsicht, weshalb wir nach dem zweistündigen Gespräch die Telefonnummern austauschen, um die überaus erquickliche Unterhaltung in Kürze bei einem Hundespaziergang fortzusetzen und über eine Tourplanung nachzudenken.
Sonst habe ich dort mit niemandem länger geredet, was mal wieder die These untermauert, dass in diesem Leben aus mir kein Gruppenmensch mehr wird (ein Brunch-Fan im übrigen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema).
Schon immer lauter Einzelfreundschaften, bestenfalls mal eine Paarfreundschaft.

Freund P. schickt aus Sylt eine Wien-Atrappe voller Zuckerzeug, fast zeitgleich trifft ein Care-Paket von Freundin H. aus der Schweiz ein, das mit holländischem Hagel gefüllt ist.
Man meint es also gut mit mir und ist um Aufpäppelung bemüht. Ich danke den beiden ganz herzlich für all die Kalorien, verhänge hiermit aber bis zum Spätherbst einen Süßwarensendestopp.
Einen Dackelschlafsack könnten wir jedoch nach wie vor brauchen. Auch neue Ohrringe fände ich mal wieder fein. Oder einen Massagegutschein, bitte nicht unter 40 Minuten. Aber mit Schokokram ist jetzt erstmal finito, ok?

Die berufsbedingte Pendelei hat diese Woche wieder begonnen und somit auch die Strohwitwen- und Alleinererziehenden-Tage (und -Wochen).
Während der fleißige Gatte heute Abend unter den Linden der Hauptstadt weilt und dort über philosophische Treppen zum Hörsaal hinaufsteigt, um über den Körper zu referieren, bereiten das Dackelfräulein und ich andere körperliche Aufstiege vor.
Morgen geht’s ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet, Material sammeln für eine kleine Winterreportage.

 

Mitten im Rucksackpacken piest das Handy. Eine Whatsapp aus Berlin. Der Gatte schickt kurz vor Vortragsbeginn ein Foto von etwas, das aussieht, wie ein in eine Serviette eingepacktes Nutellaglas. Wenig später ein zweites Piepsen. Eine Mail aus Berlin. Frau Tontöppe schickt ein Foto von jemandem, der aussieht wie der Gatte. Aha!

Trotz meines Feierabendweißbiers, das ich schon intus habe, schlussfolgere ich messerscharf zweierlei: 1.) Frau Tontöppe hat sich in die Uni zur Ringvorlesung begeben und 2.) bei dem eingepackten Etwas könnte es sich mit ein bisschen Glück nicht um ein Nutellaglas, sondern um Quittengelee-Nachschub aus dem Tontöppeschen Garten handeln.
Na sowas! Haben die beiden sich jetzt glatt zuerst kennengelernt (wohingegen ich Frau Tontöppe ja noch nicht live zu Gesichte bekam).

Herzliche Abendgrüße nach Berlin & natürlich auch an die übrige Leserschaft zwischen Zürich und Sylt!

Und mit wilden Sprüngen hirschen wir nun dem neuen Jahr entgegen.


Well, we made a promise we swore we’d always remember
No retreat, baby, no surrender!
Like soldiers in the winter’s night
With a vow to defend
No retreat, baby, no surrender!

Tacktacktack.

Die Menschheit räumt die Supermärkte leer als stünde der Ausbruch einer mehrwöchigen Katastrophe bevor, die man nur mit entsprechender Bevorratung (und selbst dann nur vielleicht) überleben kann. Da sind wir mit der recht überschaubaren Bestückung eines Kühlschranks für lediglich drei Tage und unseren Zwei-Personen-Haushalt plus Hund vergleichsweise gut dran, meine Taschen sind auch so schon schwer genug, die Schlepperei und das Aufsuchen von vier Läden reicht mir bereits vollauf.

Die Weihnachtspost fällt heuer ebenfalls übersichtlich aus. Heute purzelt nur ein einziges Kuvert durch den Briefkastenschlitz in den Flur, das müssen die Karten für eine Veranstaltung sein, die ich vorgestern bestellt habe.
Wundere mich beim Öffnen kurz über die Geschenkverpackung, die ich mir selbst eigentlich nicht dazubestellt hatte, zumindest nicht wissentlich.
Klappe das Mäppchen auf und finde drinnen nicht meine Tickets vor, sondern einen Gutschein, den ich mir definitiv nicht bestellt habe, da ich mir üblicherweise selbst keine Überraschungen beschere, denn dafür sorgt ja das Leben mit all seinen Zu- und Unfällen – da braucht man gar nix ordern, das kommt ganz von allein daher.

In all den Papieren, die in dem Geschenkumschlag stecken, muss man lange und gründlich suchen, bis man im Kleingedruckten schließlich einen Hinweis auf den noblen Gutscheinschenker findet und ohne Brille fände man ihn überhaupt nicht.

Ja sowas (ja is‘ denn heut schon Weihnachten?!?): M. spendiert 50 Öcken für meine zukünftige musikalische Erbauung und bezeichnet diese wunderbare Gabe als Dankeschön für die Bloglektüre, die er so sehr schätzen würde.
Wow, das gab’s ja noch nie, dass das Bloggen mal konkret was abwirft, also was Materielles, meine ich – ein ganz neues Gefühl!

Wenn das Schule machen würde, so denke ich einige Stunden später, als ich meine Bahnen im vorweihnachtlich leeren Schwimmbad ziehe und genüsslich Zeit habe für solche Gedankenspielchen, wenn also von den knapp 300 Followern meines Blogs auch bloß all diejenigen, die wirklich regelmäßig meine Ergüsse liken oder sogar lesen, sagen wir mal: so etwa 30 bis 40 Leserinnen und Leser, wenn die sich dazu entschließen würden, mir zu Weihnachten einen solchen Gutschein zuzusenden, und meinetwegen sogar den Betrag des heutigen Gutscheins halbieren würden, ja dann könnte ich glatt die gesamte Europatour 2020 von Mr. Springsteen begleiten und Sie könnten sicher sein: ich würde Sie zuschütten mit Konzertberichten voll lodernder Leidenschaft und lyrischer Luftsprünge, womöglich bedeutete das dann wiederum mehr traffic und mehr follower, und folglich zum nächsten Weihnachtsfeste noch mehr Gutscheine, und das brächte die Aussicht mit sich, Mr. Springsteen bis zu seinem Renteneintritt überall hin folgen zu können, was nun nicht die schlechteste Aussicht wäre, wenn ich ehrlich bin.

Aber Schluss damit – Weihnachten ist ja nicht das Fest der Gier und des Kalküls, sondern der Liebe. Und Freundschaft ist auch eine Erscheinungsform der Liebe, also danke ich M. für den Konzertgutschein, für die kontinuierliche und treue Lektüre meines Blogs und für unsere Verbundenheit über die Jahrzehnte, denn es war schließlich ein langer Weg von Richard Marx bis hierher, über 30 Jahre sind vergangen, seit wir uns so blutjung und blauäugig in Lenggries über den Weg liefen, mittlerweile betrachte ich ja solche Wegstrecken und die Tatsache, dass man sich unterwegs nie verloren hat, schon als Wert an sich.

Ach ja, falls Sie sich über den Beitragstitel wundern: das ist Schwedisch, denn nur so geht er als phonetische Analogie des vorigen Beitragstitels durch.

Nun wünsche ich Ihnen und Euch allen einen guten Rutsch in die Weihnachtstage, und ganz gleich ob Sie die nun im Großrudel oder auch allein im Körbchen verbringen, Hauptsache, Jingle bells!

(c) Dorthe Landschulz (unbedingte Empfehlung: „Ein Tag, ein Tier“)

Hier bellt noch niemand, sondern wir sammeln uns alle ein wenig, denn es stehen die Rauhnächte bevor, der Berg ruft, die dritte Matrjoschka scharrt schon mit den Hufen, Besuch aus der Hauptstadt naht und die Geburtstagsparty fürs Dackelfräulein will vorbereitet werden.

Auf bald,
Ihre/Eure Kraulquappe.

Was sonst noch so war (oder ist oder sein wird).

Der heutige Dienstag beginnt ungeahnt fröhlich: mit Lachtränen am Frühstückstisch. Mein Privater Pressespiegel, den ich seit Jahren abonniert habe und dessen morgendliche Präsenz neben meinem Schokostreuseltoast ich nicht mehr missen möchte, hat heute wieder ein paar besondere Schmankerl für mich vorgesehen, unter anderem einen Artikel von Max Scharnigg über das antiquierte Katalogwesen. Er lag ganz oben auf dem Stapel der sorgsam vom häuslichen Pressebeauftragten aus der Süddeutschen Zeitung herausgetrennten und gefalteten Seiten, auf denen jeweils mit buntem Leuchtstift der von mir zu lesende Artikel markiert ist, damit ich nicht aus Versehen meine wertvolle Lebenszeit mit nutzloser Lektüre vergeude. Aus allen Ressorts erhalte ich so stets das nach meinen individuellen Maßstäben Wichtigste (bzw. das nach denen des häuslichen Pressebeauftragten als solches Erachtete) – und das verzehrfertig portioniert. Besser geht es nicht, vor allem morgens.

Dem Gatten gebührt wirklich ein Orden dafür, dass er seine Nebentätigkeit als häuslicher Pressebeauftragter schon seit Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit ausübt (genauso wie seinen Job als Serienbeauftragter, der besonders dann, wenn eine Serie von Feiertagen ansteht, gewissenhafteste Planung voraussetzt, um Pannen wie z.B. jene, dass einem plötzlich am 25.12. gegen 20:37 Uhr der Stoff ausgehen könnte und man womöglich hinaus ins Kino müsste – oder überhaupt irgendwie hinaus in die Welt des weihnachtsfeiernden Volkes -, unbedingt zu vermeiden) und mir dadurch das Hantieren mit der für meinen Geschmack einfach viel zu großen, unhandlichen Gesamtzeitung konsequent erspart (und bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Hinweis auf digitale Abos: eine Zeitung ist und bleibt etwas, das ich auch mal anfassen können möchte und das keine teuren Reparaturen verursachen darf, wenn es mir in die Badewanne fällt).
Da der Private Pressespiegel meist im Laufe von ein paar Tagen entsteht, da er ja von Hand gesammelt und erstellt wird (der Begriff handverlesen erschließt sich einem hier ganz neu, fällt mir gerade auf) – je nachdem eben, wie der Gatte neben seinem universitären Hauptjob halt grad die Zeit findet für diese nebenberuflichen Sperenzchen – erspart er mir sogar die Druckerschwärze an den Fingern, da die Seiten bis dahin oft schon gut abgehangen sind.
Sehr angenehm, so ein Pressespiegel, ich kann es Ihnen nur empfehlen, falls Sie auch zu denen gehören, die sich nicht gern beim Umblättern von diesen monströsen Tageszeitungen die Butter vom Brot nehmen lassen.

Zurück zu dem Katalog-Artikel von Scharnigg. Toll geschrieben zum einen, zum anderen eine herrliche Erinnerung an uralte Zeiten, in denen ich mir abendelang mit H., als es noch nett und entspannt war mit ihm, aus dem Manufactum-Katalog vorlas und wir aus dem Gegackere und den Begeisterungsstürmen ob dieser Sprache gar nicht mehr herauskamen.
H. war übrigens der schwäbische Theologe und Psychologe, mit dem ich seinerzeit einen nicht mal einjährigen Beziehungsversuch praktizierte, der dann aber an Hs Eifersuchtswahn scheiterte (Bsp.: Ich, mit nassen Haaren, auf dem Rad sitzend, vom Schwimmen heimkehrend und ihn freundlich grüßend – er, mit trockener Miene, vor meiner Haustür wartend und mich sofort anmeckernd, wen ich denn im Schwimmbad getroffen hätte, da ich ja so glücklich aussähe – und wehe, es entfuhr einem dann auch noch ein Lachen), was insgesamt gut so war, denn auf lange Sicht hätte mich dieser Dialekt sowieso zu sehr strapaziert.

Auch Gemütslage und daraus resultierende Handlungsaussetzer bei der Lektüre des Sport-Schuster-Katalogs fasst Scharnigg grandios zusammen (dasselbe gälte auch für den Globetrotter-Katalog, mein erklärter Liebling unter den etablierten Outdoor-Œuvres). Mit den anderen drei Katalogen habe ich persönlich kaum Erfahrung, dennoch habe ich mehrfach geschmunzelt beim Lesen.

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Stirnrunzeln und Kopfschütteln löste hingegen dieser Tage die bahnbrechende Erkenntnis aus, dass ich meine ersten drei Lebensjahre ja im Glockenbachviertel verbracht habe. Es war daheim immer nur die Rede von „Auenstraße“, die Eltern haben nie das Viertel dazu genannt.
Hätte man in 47 Lebensjahren durchaus schon ein klein wenig eher herausfinden können. Es verhielt sich hiermit aber wohl wie mit Liedern, die man in frühester Kindheit gelernt hat: manche Worte, Sätze, Refrains hat man nie so recht verstanden, sie in ihrer Bedeutungsentleertheit aber auch nie hinterfragt, und erst Jahrzehnte später fiel’s einem wie Schuppen von den Augen, dass der See gar nicht stahlig herumlag, sondern dass es schlicht und einfach still und starr liegt der See hieß. Holla!

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Bei frühlingshaften Temperaturen geht’s morgen endlich mal wieder an den See, der putzmunter und ohne jede Eisscholle drauf im Föhnsturm vor sich hinwogen wird.
Das Fräulein und ich wollen den Papa besuchen, ein paar Dinge für ihn regeln, gemeinsam ein vorgezogenes Weihnachtsessen verdrücken, auch wenn die für morgen angekündigten 17 Grad am Alpenrand dem Wallberg das dünne Schneekapperl, das er schon trug, schnell wieder abziehen werden und dort dann nicht viel an Weihnachten oder Winter erinnern wird.
Mir aber eh wurscht, da ich ja mit diesem Fest nicht viel am Hut habe (und ehrlich gesagt auch nicht mal einen Hut besitze).

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Apropos Redewendungen: ein netter Österreicher, mit dem ich gelegentlich Mails tausche, schreibt mir neulich „Wünsche Dir baldige Besserung mit Deiner Backe“ und ich stutze und frage mich, was er damit wohl meinen könnte. Zahnprobleme hab ich ja nun keine. Und auch kein Furunkel am Allerwertesten.

Scrolle dann in der Mail weiter runter, bis zu meiner letzten Mail, um zu gucken: hab ich mich da vielleicht irgendwo vertippt? Nein, hab ich nicht, ich schrieb ihm dort lediglich, ich hätte grad „gesundheitliche Probleme an der Backe“.
Das lässt in der Tat zwei Lesarten zu – und es erheitert mich wirklich sehr, welche der beiden er gewählt hat.

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Nicht minder erheiterte mich die vom Postillon vor einigen Tagen veröffentlichte Liste der 25 häufigsten Google-Suchanfragen der Deutschen in 2019. Tatsächlich konnte ich nach zweifachem Genuss dieser Aufzählung lange nicht einschlafen, vor lauter Gekicher. Es gibt wahrliche schlimmere Ursachen für Schlaflosigkeit, sagte ich mir, und las die Liste gleich noch ein drittes Mal.
Falls Sie auch mal nicht einschlafen können, nehmen Sie doch einfach an einem kleinen Gewinnspiel teil: Finden Sie meine drei Favoriten in dieser Liste und Sie gewinnen eine selbstgebrannte Mandel oder Musik-CD, ganz nach Gusto (oder meinetwegen auch ganz nach Gustl).

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Zurück zur Gesundheit und dem, was da so an der Backe haftet. Ziemlich hartnäckig pappt es da. Aber man muss auch kleine Erfolge wertschätzen sowie das Drumrum dieser kleinen Erfolge. Der Osteopath hat einige Schmerzpunkte weggezaubert, ich check‘ es zwar nicht, wie der das macht, aber er macht’s. Sogar zum Freundschaftspreis, weil man kennt einander nun seit 15 Jahren, 10 davon als Privatpatient, da ist man quasi für magerere Jahre schon ein wenig in Vorleistung gegangen. Der Ellenbogen nun um Welten beweglicher, die Schulter tageweise schmerzfrei, der Nachtschlaf auch besser.

Und weil sich’s so ergab – er ist nämlich wirklich ein sehr netter Mensch, dieser Osteopath – bot er an, sich das Fräulein auch mal anzusehen. Umsonst, weil er ja keine spezielle Ausbildung für Tierbehandlung hätte.

Die Sitzung hat mich extrem angerührt: diese großen Therapeutenhände auf dem kleinen Hundekörper, und so erstaunlich, wie schnell sie ganz ruhig wurde und still hielt und ihn, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, einfach machen ließ. Beruhigendes Ergebnis zudem, dass der Knubbel rechts neben der HWS, den ich seit längerem beim Kraulen spüre, eine muskuläre Sache ist – mir fällt ein Stein vom Herzen.

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Wenn aber momentan ein Stein vom Herzen fällt, kippt das Schicksal sogleich ein paar Brocken nach. Der Obdachlose aus der Unterführung hier in der Nähe ist nur zwei Wochen nach seinem Hund gestorben.
Mir bleibt die Spucke weg und wird noch kälter als mir eh schon ist, als ich’s erfahre.

„Bubi, du darfst mir nicht erfrieren!“, das sagte er noch vor rund einem Monat zu seinem alten Hund. Ich hörte es, weil ich durch die Unterführung joggte und meinem Walkman just der Saft ausgegangen war (genau wie mir, nachdem ich Zeuge dieser Szene geworden war).

Brachte ihm später eine Decke für seinen Bubi. Hat aber nichts mehr geholfen, der Hund starb trotzdem wenige Tage später. Und neulich, wieder durch die Unterführung zum Park laufend, sehe ich die alte Decke bei einem anderen Obdachlosen und frage spontan nach, wo denn der ursprüngliche Besitzer der Decke sei. „Is‘ tot“, sagt der Unterführungskollege, rollt sich in die Decke ein und dreht sich zur Seite.
Da gefriert einem echt das Blut in den Adern und der heimische Wasserschaden wirkt auf einmal reichlich banal.

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Dennoch möchte ich Ihnen den Status quo zu diesem kleinen, heimischen Desaster nicht vorenthalten, zumal mir klar ist, dass manch eine/r von Ihnen mich sonst eh per Mail oder fernmündlich um Auskunft ersuchen würde. Weil das ja schon ein arg hässlicher und fieser Fleck war, der sich da in unserer Kammer ausbreitete und die Regalreihen eine nach der anderen zu okkupieren drohte. Da würde ich auch nachfragen, wenn ich wüsste, ein Freund oder eine Freundin hätte einen solchen Fiesling mitten in der Wohnung sitzen.

Sage und schreibe 13 Tage nach meiner Schadensmeldung klingelte hier – natürlich zur absoluten Lieblingszeit (vor 8 Uhr morgens) – ein Mitarbeiter einer Firma mit dem verheißungsvollen, aber verlogenen Namen „Schaden365“. Verlogen, weil mindestens 13 Tage gehören hier ja abgezogen und man weiß nicht, wie’s anderen ergeht.

Ein freundlicher Mann in – mit noch schlafverklebten Augen betrachtet – Glen-Hansard-Optik, nur jünger und mit schlechter sitzenden Hosen, betritt schwer bewaffnet die Wohnung. Das Dackelfräulein begrüßt ihn aufs Herzlichste, denn sie weiß: Handwerker kommen grundsätzlich nur hier vorbei, um mit ihr zu spielen (und man muss sagen: manchmal ist das ja tatsächlich das einzig positive Ergebnis solcher Besuche). Sie bringen immer große Boxen mit, in denen viele Spielsachen drin sind, die sich toll von einer Dackelschnauze stibitzen lassen und wunderbar über den Parkettboden gekickt werden können. Außerdem gehen sie kurz nach Ankunft auf die Knie, um auch auf Augenhöhe mit ihr spielen zu können, nachdem sie sich zuvor intensiv die Ohren und den Bart säubern ließen. Pippa liebt Handwerker, Heizungsableser und Hausmeister, bislang beruhte das auch meist auf Gegenseitigkeit.

Der nette Herr von „Schaden365- minus-mindestens-13“ hat Spielsachen dabei, die auch ich noch nie gesehen habe. Eine Wärmebildkamera beispielsweise. Damit kann man den Verlauf der Rohre hinter der verschimmelten Wand nachvollziehen, wenn man Wasser hindurchschickt, und auch noch einiges andere wie heimliche Nebenpfade, die das Wasser sich gesucht hat, aufspüren. Klasse Sache!

Nach anderthalb Stunden ist die undichte Stelle hinter der Wannenarmatur gefunden und abgedichtet, in der Kammer der Putz oberflächlich, aber fürs Erste gründlich genug abgeschlagen und alles stinkt nach Chlorbleiche. Wir haben außerdem ein paar neue Begriffe aus der Wunderwelt der Wasserschäden gelernt und die Empfehlung erhalten, dass der gesamten Wand zwischen Bad und Kammer im Frühjahr, wenn das Bad erneuert wird, ein Neuaufbau gut täte. Na, das wird ein Spaß!

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Das habe ich Ihnen, glaube ich, noch gar nicht berichtet, oder? Im Zuge des Wasserschadens und des Begehungstermins letzte Woche hier vor Ort, habe ich unserem Vermieter die Zusage für ein komplett neues Badezimmer aus den Rippen geleiert. Das war eigentlich so ein Fernziel von mir, für 2021 oder 2022, man muss ja die Wünsche an diese Münchner Vermieter sehr wohldosiert platzieren und bloß nicht zu viele oder zu kostspielige auf einmal, aber jetzt bot es sich an, das vorzuziehen, denn so schnell kommt so eine Gelegenheit nicht wieder, dass der Vermieter höchstselbst die vergilbten Silikonfugen am Wannenrand und die fragwürdigen Fugen im gesamten Fliesenspiegel mal zu Gesichte bekommt und ich mich live sowohl sehr glaubhaft als spießige Hausfrau als auch als bemitleidenswerte Allergikerin präsentieren kann.

„Schauen Sie, wir halten Ihre Wohnung wirklich sehr gut in Schuss und haben hier auch schon viel investiert, das sehen Sie ja, da wäre es doch schön, wenn ich nicht dauernd niesen müsste und mir endlich mal keine Sorgen mehr machen bräuchte, wo vielleicht als nächstes der Schimmel durchbricht…“ – bei diesem (inhaltlich weit übertriebenem) Satz den Vermieter wie beiläufig ins ordentlich gewienerte Bad geführt, so dass ihm der Kontrast zwischen der schon seit weit vor Einzug vorhandenen Baufälligkeit dieser Nasszelle und meinem redlichen Bemühen, das Beste daraus zu machen, zwangsläufig auffällt, ja: auffallen muss, und als ich zum nächsten, die Notwendigkeit eines neuen Badezimmers untermauernden Argument ausholen möchte, unterbricht er mich bereits und meint „Ja dann wird das jetzt einfach mal gemacht. Und zwar gleich im Februar oder März. Was hätten Sie denn gern alles erneuert? Fliesen? Wanne? Der Boden, geht der noch?“
Nein, natürlich geht auch der Boden nicht mehr bzw. der vorhande wird dann nicht mehr zu den Fliesen passen, die wir uns vorstellen. Alles muss raus. Wenn schon, denn schon.

In die große Vorfreude auf eine nahende Badzukunft ohne Ekelsilikon und Schimmelsporen mischt sich allerdings auch bald blanker Realismus.
Zu präsent sind sie noch, die Wochen der Umzüge und der Handwerkeleien aus den Jahren 2017 und 2018, zu präsent ist auch noch die Erinnerung daran, dass Renovierungen jeder Art immer auch Baustellen jenseits der eigentlichen Baustelle mit sich bringen, neben all den anderen möglichen Seiteneffekten, dem Dreck, dem Terminchaos und dem unvermeidbaren Verhau hier herinnen.

Im Hinterkopf formiert sich daher schon seit Tagen ein Fluchtszenario: Wenn man das Ganze so richtig gut vorbereiten würde, sich da selbst organisatorisch reinhängen würde, anstatt das alles dem Vermieter zu überlassen, dann wäre es ja eventuell denkbar, dass man nach ein paar Tagen, in denen man Lolek & Bolek (treue Leser erinnern sich vielleicht noch an die beiden und tatsächlich besteht nun die Aussicht auf ein „Lolek&Bolek 2.0“, ja wer hätte das gedacht?, aber die können halt alles, von der Türschwellenschreinerei über Lackierungen und Anstriche bis hin zum Fliesenlegen) hier eingewiesen und ihnen ein bisschen auf die Finger geschaut hat, vielleicht die restliche Zeit allein werkeln lässt, sich währenddessen anderswo einquartiert, wo man auch Duschen und Baden kann – und erst dann wiederkehrt, wenn hier alles erledigt und alles wieder gut ist.

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Dass alles gut sein möge, diese Sehnsucht wohnt ja nicht nur still und leise in jedem Einzelnen von uns, sondern auch unüberhörbar in urbanen Treppenhäusern. Die Nachbarin, im Grunde eine ganz Nette und Unkomplizierte, ist auf dem besten Wege, sich den Status nett und unkompliziert, den sie bislang bei mir genoss, nachhaltig zu ruinieren. Seit einiger Zeit schleudert sie mir bei unseren Zufallsbegegnungen im Treppenhaus jedesmal ein mit Hast rausgeprustetes „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ entgegen. Bislang habe ich das mit einem sozialverträglichen „Ja“ quittiert, wohl wissend, dass ein „Nein“ ja nicht das wäre, was die nette, unkomplizierte Nachbarin zu hören beabsichtigt.

Diese nachbarschaftliche Anpassungsleistung meinerseits war jedoch ein großer Fehler, denn jetzt hat sie ihre unselige Floskelfrage zu einem noch zeitsparenderen „Na, alles super?“ umgemodelt und sich damit nun das längst fällige „Nö!“ von mir eingehandelt.
Woraufhin wir dann ins Gespräch kamen, was eigentlich auch nicht in meiner Absicht lag, da ich es vorziehe, Treppenhausbegegnungen kurz, nett und unkompliziert zu halten und mich nicht in längere oder gar persönlichere Unterredungen verwickeln zu lassen.

Womöglich ist mein Wunsch, es bei einem freundlichen „Hallo“ samt Blickkontakt zu belassen auch nichts wesentlich Anderes als das ehemalige „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ der Nachbarin. Hätte sie es nur dabei belassen!

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Für heute belasse ich es bei diesen Einblicken und Ausblicken, sende Ihnen herzliche Grüße, verbunden mit dem Wunsch, dass bei Ihnen alles gut oder sogar super sein möge – und sollte das nicht rundum der Fall sein, so wie bei mir ja auch, dann wünsch‘ ich Ihnen, dass Sie’s auch nicht zu bitter oder zu ernst nehmen, erst recht nicht in dieser für viele ja eh schon recht anstrengenden Vorweihnachtswoche.