Akademiker, Astra und Attila.

Beim Blättern durch die ZEIT bleibt mein Blick kurz an einer Überschrift hängen, in der es heißt, dass die Hausärzte hierzulande angeblich fast nur noch Akademiker mit AstraZeneca impfen.
Was will uns das nun wieder sagen?
Vielleicht, dass nur die intellektuell einigermaßen hochfrisierten Hirne in diesem Land der Lage sind, das extrem geringe Risiko, sich als Impfnebenwirkung von Astra eine Sinusvenenthrombose zuzuziehen, realistisch einzuordnen vermögen und sich daher vor Ort in der Hausarztpraxis als einzige Patientengruppe mit der Verabreichung dieses Impfstoffs einverstanden zeigen?
Oder soll das bedeuten, dass die eher schlicht strukturierten Gemüter sich von dem guten alten Sprichwort „Per aspera ad astra“ ins Bockshorn bzw. aus der Hausarztpraxis jagen lassen (um ja nicht vorzeitig in den Himmel aufzufahren), das sie zwar aufgrund ihres Mittelschulabschlusses nie in dessen tiefer, philosophischer Bedeutung durchdrungen, sondern lediglich behalten haben, dass dieses Zitat aufs Konto des alten Dramatikers und Pessimisten Seneca (der Heini, der auch „Das Leben ist kurz“ oder so ähnlich, verfasste) geht, der seit der Rechtschreibreform ja unter Zeneca firmiert, womit die finsteren Zusammenhänge hinreichend enttarnt wären, bis auf den, wie man den bösen Bill Gates noch in dieses Konstrukt hineinpfriemeln könnte, was aber vielleicht gar nicht so schwer ist, nur ich komm‘ da jetzt nicht so schnell drauf, weil Akademikerin…
Habe den ZEIT-Artikel übrigens nicht gelesen, mein morgendlicher Pegel an pandemiebezogenen Wasserstandsmeldungen war zu dem Zeitpunkt bereits erreicht, die nächste Dosis gibt’s erst wieder nach dem Abendessen.

Gegen 11 Uhr klingelt das Handy und ein Hermes-Fahrer schreit mich an, dass er in einer halben Stunde mit dem Geschirrspüler hier aufschlagen würde.
„Wo sollen abstellen?“, brüllt er hinterher. „Na, in meiner Küche!“, brülle ich zurück, ich habe das Gerät ja „mit Montage“ bestellt. „Ich nix Montage!“ plärrt er und legt auf.

Ich spüre unmittelbar nach dem Ende dieses Gesprächs, wie sich die aktuelle Tageslaune deutlich früher als erwartet von der Leine losreißt und ihrem Höhepunkt entgegensprintet. Diverse Fragen, die nun aufpoppen wollen, verdränge ich erfolgreich und nutze die verbleibenden 28 Minuten, um den Online-Händler zu erreichen, wo ich die Spülmaschine bestellt habe. Nach fünf Minuten in der Warteschleife, die nicht für mich, sondern „Für Elise“ programmiert wurden, beende ich das Warten, schreibe eine wütende Mail an den Kundenservice und lege mir anschließend ein paar einfache, kurze deutsche Sätze für den Spediteur zurecht. Das f***ing Akademikerproblem scheint mich durch diesen Tag begleiten zu wollen.
Allein meinem viel zu niedrigen Blutdruck tut so ein Vormittag ausgesprochen gut.

Um 11:45 Uhr läutet es an der Tür. Der Ich-nix-Montage-Typ steht unten im Treppenhaus und brüllt „Welche Stock?“. Ein Attila-Hildmann-Verschnitt (nur kleiner und dicker) wuchtet wenig später die neue, bereits von der Umverpackung befreite BOSCH aus dem Aufzug und zerrt sie unsanft Richtung Haustür. Als er sich mir zuwendet, bemerke ich, dass Attila keine Maske trägt.
Unser etwas hitziger Dialog beginnt beiderseits grußlos, er eröffnet mit den Worten „Sie haben beschwert bei Chef“, aufgrund der stimmlichen Modulation ist leider völlig unklar, ob er das als Vorwurf oder Frage meint, so dass ich erst gar nicht darauf eingehe und stattdessen ein „Würden Sie bitte eine Maske aufsetzen“ entgegne.
Das passt Attila gar nicht, weil er dafür umständlich in seiner Hose herumkramen muss und ihm während des Kramens auch noch die Kippen aus der Gesäßtasche kullern, so dass er sich unnötigerweise schon vor der Montage bücken muss, was auch ich lieber vermieden hätte, da sich hierbei nämlich die ausgeleierte Hose über sein Hinterteil abwärts schiebt und es steht, wie bereits erwähnt, eben kein Typ à la Arjen Robben vor der Tür, sondern ein Stammesbruder Hildmanns.
Kürzen wir die Sache ab: Attila bekommt noch Verstärkung, die ebenfalls erstmal maskenlos erscheint, die beiden trampeln dann mit der neuen BOSCH in die Küche und widmen sich unter großem Gestöhne der Installation, die nicht allzu geschmeidig gelingt, da ich ihnen erst erläutern muss, wo man den Wasserzulauf abdreht und kurz danach gefragt werde, ob ich einen Schraubenzieher hätte.

Diese beiden Kleinigkeit haben zur Folge, dass ich nach dem zehnminütigen Besuch von Attila und seinem Adlatus die gesamte Installation unter Zuhilfenahme eines YouTube-Videos sowie der mitgelieferten Bedienungsanleitung selbst nochmal gründlichst überprüfe, natürlich nicht ohne zuvor den Unterschrank, die Maschine, meinen Schraubenzieher und alle Griffe/Hähne/Schläuche desinfiziert zu haben, weil Attila sich, um sich ein lästiges zweites Mal zu bücken zu können, an allen möglichen und unmöglichen Flächen festhalten musste und dabei asthmatisch in seine recht angegriffen aussehende Maske keuchte.

Das Altgerät wollen sie zunächst auch nicht mitnehmen, erst als ich androhe, noch in ihrem Beisein erneut den Chef zu kontaktieren (ohne mit dem je Kontakt gehabt zu haben, da ich auf meine Wutmail noch keinerlei Reaktion erhalten hatte), zeigen sie sich kooperativer und schleppen mit grimmigen Gesichtern die auf dem Balkon deponierte und über Nacht hübsch eingeschneite alte Spülmaschine aus der Wohnung.

Mittlerweile läuft testweise das erste Kurzprogramm der neuen BOSCH und ich muss sagen: ihr sanftes Schnurren wirkt irgendwie beruhigend nach all dem Trubel. Ich lausche ihr ein Weilchen, lege dann aber Chuck Ragan in den CD-Player (einem wie dem hätte man lieber beim Spülmaschineneinbau zugesehen, nur so schauen sie halt bloß in der Phantasie aus, diese Monteure), drehe den Lautstärkeregler auf, wische zu „Nothing left to prove“ die letzten Reste dieses unfassbar kundenfreundlichen und coronakonformen Tageshighlights vom Küchenboden und spüre dabei ganz langsam etwas Freude in mir aufsteigen – auf eine Zukunft mit blitzsauberem und funkelndem Geschirr.

Per aspera ad astra. Durch das Elend zum Glanze.
So ist das wohl, da hatte der gute Zeneca schon recht.

Well silence took me fierce and blindly
And shadows became one
I found the floor with the broken boards
And the grist for the mill gone

With nothing left but a chord to stretch
And a word to get on by
Sometimes you reach for the bottle before the sky
Yeah, well we all rise to fall in time

Auferstanden oder: Notate zur Osternacht.

Der wegen der Megaprellung am Knie verschobene Geburtstagsausflug des Gatten führt uns erst dienstags an die Osterseen, was wir ohnehin für geschickter halten, als dort am Wochenende aufzukreuzen. In dieser Annahme (sowie in unserem schon vor Corona praktizierten Konzept, beliebte Ausflugsziele samstags und sonntags zu meiden) fühlen wir uns direkt beim Eintreffen auf dem Parkplatz doppelt und dreifach bestärkt. Auf der weitläufigen Runde verläuft es sich zwar gottseidank ziemlich, die meisten gehen eh nicht die kompletten 10 Kilometer. Mein verunfalltes Knie plädiert für ein eher gemächliches Tempo, das Fräulein begrüßt das ebenfalls, weil so mehr Zeit und Gelegenheit für Pferdeäpfeldegustationen und Pfotenabkühlungen bleibt. So vergeht ein halber Tag mit Wandern, Schauen, Rasten, Essen und Trinken, sonnensatt kehren wir in die Stadt zurück, in der am frühen Abend das Leben tobt, als gäbe es kein Corona oder kein Morgen.

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Tags drauf bekommt das Fräulein ihre jährliche Impfung, die Tierärztin tastet zuvor nochmal den gesamten Dackelunterboden ab, an dem Ende letzten Jahres plötzlich zwei Knötchen zu spüren (und auch zu sehen) waren, und findet – genau wie wir – nichts mehr.
Schon klar, dass damit das Thema Mammatumoren leider nicht für alle Zeiten vom Tisch ist, aber diese Erfahrung, dass sich etwas, bei dem zwei Tierärzte mit ernster Miene den Verdacht auf ein Karzinom in den Raum stellten, schlussendlich als das seltene Phänomen einer Milchverkapselung entpuppt, lässt einen einfach nur aufatmen.
Dass man das durchgestanden hat: das Abwarten, das Bangen, das Hoffen darauf, dass das Ganze doch noch eine positive Wendung nehmen würde… Meine Güte, so ein Glück!

Der Tegernsee erscheint mir nach diesem Termin gleich noch glitzernder als sonst, die Zitronentarte, die ich mir auf Gut Kaltenbrunn gönne, weil das teure Parkticket dort zu 100% auf den Verzehr einer Togo-Köstlichkeit angerechnet wird (mia verschenkn nix!), schmeckt nach Frühling und nach Leichtigkeit, obwohl sie sicher ordentlich Kalorien hat. Wurscht!

Die Freude über den Gesundheitszustand des kleinen Hundes tunkt den gesamten Tag in zitronengelb, lindgrün und azurblau, die 50er-Sonnencreme im noch von der letzten Bergtour ramponierten Gesicht duftet bereits verheißungsvoll nach Sommer, der freilich noch auf sich warten lassen wird, denn auf den Bergen am südlichen Seeufer fahren sie schließlich noch auf Skiern bis ins Tal hinab.

Pippa plantscht vergnügt im See, verbuddelt ihren Ball im Sand, ich fotografiere sie, den See, den Gutshof und schicke die Bilder der Schweizer Freundin, die vor langer Zeit, als mein petrolfarbenes Kleid mit dem Paisleymuster noch halbwegs modern war, hier am Vorabend ihrer Hochzeit herumpolterte, wenn ich mich recht erinnere, denn ich kam erst am Tag drauf zum Standesamt nach Wiessee.

Eine ähnliche Erleichterung beschert mir eine Neuigkeit, die der Papa mir mitteilt: er hat seinen Impftermin erhalten. Und freut sich, dass ich gleich vorbeikomme, damit wir gemeinsam darauf anstoßen können. Es ist der erste Nachmittag in diesem Jahr, den wir auf der Terrasse verbringen können, mit Shorts, Sonnenschirm und Sorbet.

Und es ist auch der erste Abend in diesem Jahr, an dem der Papa wieder Lust hat, selbst ein tolles Essen zu kochen. Wir machen das allererste gemeinsame Selfie unseres Lebens, müde lächelt er in die Linse, ich recke mein blaugrünschillerndes Bein ins Bild, die Dackelnase zwängt sich auch noch mit hinein und vor uns lachen uns die Pappardelle (sic!) mit Garnelen in Estragonsauce entgegen.

Als ich mich am späten Mittwochabend vom Tegernsee auf dem Heimweg mache, bin ich vergleichsweise selig.
Vergleichsweise, weil Besuche beim Papa seit Langem nicht mehr gänzlich seligmachend sind, sei es, weil die Lebensgefährtin das verhindert oder weil Mr. Parkinson neue Zuckungen zeigt, die mich – so wie diesmal – ziemlich erschrecken. Drauf angesprochen guckt mich der Papa groß an, will selbst rein gar nichts von der Veränderung bemerkt haben und das erschreckt mich gleich noch mehr.
Abgesehen von diesen Eindrücken ist der Mittwoch ein Spitzentag gewesen.

Bei einem noch Beinahe-Vollmond fahre ich also selig durchs nächtliche Oberland gen München, bleibe auf der Musik-Speicherkarte fast 40 km lang bei Suzi Quatro hängen, offen gestanden sogar bei Suzi Quatro und Chris Norman (Wherever you go, whatever you do / You know these reckless thoughts of mine are following you / I’m falling for you, whatever you do / ‚Cause baby you’ve shown me so many things that I never knew / Whatever it takes, baby, I’ll do it for you).
An Tagen wie diesen ist das Lenor in meinen Ohren, das darf auch mal sein, denke ich, üblicherweise habe ich musikalisch und auch sonst ja eher nicht viel mit Weichspüler am Hut.

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In einem Artikel der ZEIT wird am Gründonnerstagmorgen behauptet, dass sich ein Großteil der Bevölkerung „härtere Maßnahmen zur Eindämmung der dritten Welle“ wünschen würde. Der Gatte merkt kaffeetrinkend an, dass es sinnvoller wäre, dieser angeblich so große Teil der Bevölkerung würde sich nicht mit dem Wünschen begnügen, sondern sich einfach entsprechend verhalten. Warum auf Politiker warten, wenn doch jeder imstande ist, selbst etwas dazu beizutragen, um dem Virus die Verbreitung zu erschweren: keine Einkaufstrips zu Hauptgeschäftszeiten, keine Ausflüge in überlaufene Gegenden, keine ständig wechselnden Kontakte, keine Kaffeekränzchen in geschlossenen Räumen, keine zurechtgeschnitzten Ausreden mehr (hierzu empfehle ich wärmstens diesen Artikel aus dem Tagesspiegel).
Aber lassen wir das, zumindest hier in Bloghausen, die Gemüter sind ja schon erhitzt genug und ich will wahrlich keine Diskussion anzetteln.

Pünktlich zum Osterfeste zieht München, das schon am Mittwoch „die 100er-Inzidenz gerissen hat“ nach dem heutigen „Puffertag“ nun die „Notbremse“, wieder solche Vokabeln aus dem sich fortwährend füllenden Pott des Pandemiepalavers: die Querdenker-Demo findet trotzdem statt, heute sogar gleich zweifach, die Museen und viele Geschäfte schließen wieder, Hellabrunn hat die Ostereier für morgen umsonst gekauft, die Feiernden müssen zwischen 22 Uhr und 5 Uhr die Parkbänke geräumt haben und was Friseursalons und Gartencentern droht oder nicht droht, habe ich bislang noch nicht mitbekommen,allmählich verliert man den Überblick.

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So richten wir den Blick immer mehr aufs Naheliegende (oder bestenfalls mal auf die Bergkette am Horizont), jedes weitere In-die-Ferne-Schweifen verkneifen wir uns.
Als der hübsch Bewimperte und ich mit unseren beiden Hundedamen die allwöchentliche Gassirunde absolvieren, beißt mich, während wir kuchenessend an einem kleinen, versteckten See irgendwo im schönen Togoland sitzen und über Gott und die Welt das Leben und die Liebe sprechen, eine Ameise in den Nacken, sofern diese Krabbeltiere beißen (ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass sie einem eher so eine Art Säure auf die Haut spritzen, auf die Menschen wie ich hernach hochgradig allergisch reagieren und dann zwei Wochen lang mit einer juckenden Quaddel herumlaufen, die noch mehr juckt, je mehr man dran rumkratzt).

Abends gucke ich mir den Tatort der Ameisenattacke nochmal mit Hilfe des aufklappbaren Badezimmerschrankspiegels an und mache bei der Gelegenheit eine entsetzliche Entdeckung: auf meinem Rücken ist zum ersten Mal seit wahrscheinlich 20 Jahren keinerlei Badeanzugkreuz mehr vorhanden. Nicht mal mehr ein Hauch der zwei schmalen Streifen, die die Träger stets hinterlassen, ist zu sehen, geschweige denn der leicht gebräunte, ganzjährig sichtbare Kreis im Übergang vom Brust- zum Lendenwirbelbereich.
Eine einzige, gleichmäßig trostlose und bleiche Fläche starrt mich an, keine Spuren der Schwimmerbiographie mehr, nirgends.

Auch die demnächst beginnende Ära des Kraulens im Ganzkörperkondom wird daran logischerweise nichts ändern, es dürfte also Juli oder August werden, bis meiner Rückseite wieder das vertraute Muster eingraviert ist. Und wenn sich mein Ganzjahresfreibad im Herbst immer noch im Lockdown befinden sollte, wird das vertraute Ornament bis Weihnachten schon wieder verschwunden sein.

Der Starnberger See misst heute 9,8 Grad, noch 2 Grad mehr und ich wage es. Leider soll es nach Ostern schneien, was mein Vorhaben erneut verzögern wird.
Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das Knie alsbald wieder schnee- und bergtauglich ist, ein erster Testlauf im dank des Puffertages leergefegten Park war diesbezüglich einigermaßen vielversprechend.

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(c) M.M. [Wir danken für das wunderbare Osternest & wünschen ertragreiche Eiersuche!]

Another day in Togoland.

Man kann garstigere Plätzchen für ein Zitronentartestückchen erwischen: vor mir der Tegernsee, am Horizont die noch schneebedeckten Blauberge, im Schatten unter der Bank das frisch geimpfte Fräulein und in mir ein freudvoller Herzschlag wegen allerhand guter Nachrichten, die ich Ihnen zu gern mitteilen würde, wenn mir die Sonne nicht so krass aufs Display krachte (hole das bald nach, wenn’s wieder schattiger ist).

Jedenfalls fühlt sich’s fast an, als wäre der Frühling hereingebrochen über Togoland.

Besondere Grüße möchte ich von diesem Ort aus ins schweizerische Küsnacht senden, die liebe H. weiß dann schon.

Himmel der Bayern (93): Travelling with Tom.

The sun comes up, it was blue and gold…

Frühlingswetter in München, Schneeberge in Garmisch – wir sind dann mal weg!

Wortwechsel zum Wochenende.

Die neuen Laufschuhe in dezentem Petrol (um ein Haar hätte ich sie, in einem Anflug von Frühlingssonnenübermut, in Knallorange bestellt) sind so gut gefedert und so herrlich unausgelatscht, dass ich noch eine Extrarunde drehe vor lauter Begeisterung über dieses viel leichtere und bessere Sprintgefühl.
Zugleich kam mir ihr Eintreffen (genau genommen: bereits der Online-Kauf) vor, als hätte ich damit die Verlängerung des Schwimmshutdowns für mindestens ein weiteres Quartal besiegelt. Das ist albern und irrational, aber bei Weitem nicht der einzige Seelensektor, in den sich mittlerweile ein paar Verschiebungen (um nicht zu sagen: Verrückungen) eingeschlichen haben.
Nach vier Monaten ohne jede Bewegung im Wasser (vom Räkeln in der Badewanne abgesehen) hat sich dort, wo sich seit Jahrzehnten (m)eine Nixenflosse befand, ein anderes Körperteil formiert, für das ich noch keinen Namen habe und das sich immer noch nicht so ganz zu mir gehörig und fremd anfühlt.
Zu diesem Mutationsprozess passen die nächtlichen Gelenkschmerzen, die mir seit Monaten regelmäßig den Schlaf rauben, eigentlich recht gut. Einziger Trost: dieses Ziehen und Stechen in allen Gelenken ist ein reiner Ruheschmerz (was für ein äußerst seltsames Kompositum: Ruheschmerz), d.h. tagsüber bzw. in Aktion tut mir nichts weh, aber die Lösung kann ja wohl kaum darin bestehen, dass ich mich 24 Stunden am Stück dauerbewege und den Nachtschlaf an den Nagel hänge.

Internet, Fachliteratur und der gesunde Menschenverstand ordnen die Beschwerden nur in sehr geringem Maß der seuchenbedingten Schwimmbadschließung zu, sondern vielmehr den Wechseljahren. Ein Begriff, den ich übrigens als pure Zumutung empfinde und ich erläutere Ihnen gern, weshalb.
Über dreißig Jahre allmonatlich von einer zeitlich viel kleiner klingenden Einheit, nämlich den Tagen (oder, auch das klingt noch überschaubar: der Monatsblutung) terrorisiert-traktiert-traumatisiert, da seit TeenagerTagen (sic!) mit einer Krankheit namens Endometriose umgehend, die immer noch kaum bekannt ist oder zu oft tabuisiert wird, – zusammengerechnet dürfte ich so um die 1000 Tage innerhalb der Tage mit übelsten Schmerzen zugebracht haben, die dank zweier Operationen in manchen Monaten nur 36 Stunden statt (vor den OPs) 72 Stunden anhielten, und nun, da diese periodische Plage endlich mal abflaut, wird medizinisch und sprachlich noch eine Schippe draufgelegt und statt Tagen (oder dem Monatswasweißichwas) ist für das nun Bevorstehende diesmal gleich von Jahren (!) die Rede.
Nein, echt nicht, das mach‘ ich nicht mit (genauso wie ich mich seit jeher konsequent von den Fellnasen, diesem verbalverhätschelnden Vierbeinersynonym, fernhalte, die einem etwas vorgaukeln, das der realen Erscheinung gar nicht entspricht), ich lasse mir nicht schon zu Beginn dieses Fruchtbarkeitsfinales (lustig: aus Versehen tippte ich zunächst Furchtbarkeitsfinale und erwog, das einfach so stehenzulassen) suggerieren, dass einen die diversen Begleiterscheinungen dieser großartigen neuen Phase im Frauenleben ja nicht unentwegt piesacken, sondern eher stunden- oder tage-/nächteweise, also keinesfalls 365 Tage im Jahr und das womöglich auch noch jahrelang.
Die Kurzform Wechsel geht schon gleich gar nicht, das hat was von Geldgeschäft oder Tauschhandel, und Klimakterium ist mir rein etymologisch auch nicht sympathischer, ich werde wohl noch weiterschauen müssen, ob mir was Passendes einfällt oder vielleicht lasse ich diese Phase auch einfach namenlos vorüberziehen, denn in Sachen Gynäkologie hab ich jedes normale Pensum an Drüberredenwollen und Michdamitbefassenmüssen eh schon weit überschritten.

Wo wir gerade bei Frauenangelegenheiten sind: Beim Frühstück einen selten dämlichen Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL über Frauen um die 50 (so auch dessen Überschrift) gelesen, den mir der Gatte (in seinem Nebenjob als häuslicher Pressespiegelbeauftragter) auf meinen Lektürestapel gelegt hat, um anschließend mit mir gemeinsam über diesen Blödsinn lästern zu können, allein der Untertitel („Die beste Zeit unseres Lebens ist jetzt“) und das damit verbundene Glücklicherdennje-Geseiere vergällt einem fast den samtigsüssen Geschmack der Marillenmarmelade auf dem Ersttoast. Ich verlinke diesen Beitrag hier nicht, weil er online (gottseidank) nur dem erlauchten Abonenntenkreis zugedacht ist und Sie somit nur die ersten paar Zeilen lesen könnten (wobei das auch genügen würde).

Bevor ich mir nun, einigermaßen ausgedampft vom ausgiebigen Parklauf, die Badewanne einlassen werde, möchte ich noch die in einer der kurzen Schlafphasen zwischen den unruhigen Ruheschmerzepisoden der vergangenen Nacht geträumte Begebenheit notieren.
Ich war von meinem Arzt zu einer Vernissage eingeladen (real werde ich nie zu Vernissagen eingeladen) und fuhr in einem roten VW Käfer (herrlich!) zu der in der Einladung genannten Adresse. Es handelte sich um ein großes, weißes Haus in terrassierter Bauweise, schöne Hanglage mit grandiosem Weitblick über eine vom Hochsommer verdörrte Landschaft, die mich an die Steppe rund um Albuquerque erinnerte (zu viel „Breaking Bad“ geglotzt, wenn diese Szenerie nun schon in Träumen präsent ist). Augenblicklich fand ich mich zu schlecht gekleidet (weiße Sommerbluse mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeans mit Loch am Knie, alte Ledersandalen), um ein solch nobles Grundstück betreten zu dürfen, gab mir dann aber einen Ruck und läutete.
Dr. T. holte mich am Gartentor ab, hieß mich willkommen und über etliche steile Treppen stiegen wir hangaufwärts in Richtung Haus. Ich war etwas eingeschüchtert von der überaus gepflegten Gartenanlage (üppige Palmen, blühende Kakteen, Zitronenbäume…!), sagte nichts und staunte stumm vor mich hin. Kurz bevor wir die Hauptterasse erreichten, wo sich wohl auch der Hauseingang befand, blieb er stehen, zeigte auf ein etwas abseits liegendes Areal seines Gartens und meinte: „Da hinten wäre etwas für Sie, wollen Sie mal gucken gehen?“. Ich nickte, ging alleine weiter, bog auf dem gekiesten Weg um eine Ecke und entdeckte etwas Blaues, das durch die Bepflanzung hindurchschimmerte. Vielleicht ein Pool?
Näherkommend sah ich: es waren drei riesige Schwimmbecken, blitzsauber, nagelneu und türkisblau gekachelt. Sie waren, genau wie das Haus, terassenartig angelegt und miteinander durch Rutschen verbunden (geschwungene, bunte Rutschen, wie in diesen Familienspaßbädern). In allen drei Pools glänzte die Oberfläche ruhig und glatt im Sonnenlicht, gänzlich unberührt lag das wunderbare Wasser vor mir, um die Becken herum keine Menschenseele weit und breit, und ich tat dann etwas, das ich im echten Leben so nicht tun würde, zumindest nicht auf einem mir fremden Privatgrundstück und in relativer Nähe um die Anwesenheit anderer Menschen wissend, die mich vielleicht sehen könnten: ich warf meine Klamotten ab und sprang splitternackt in den obersten der drei Pools, kraulte wie eine Irre hin und her, ließ mich von der Rutsche in den zweiten Pool befördern, die Nahtstücke der einzelnen Rutschenteile taten mir höllisch am Steißbein weh, zudem verschluckte ich beim Rutschen eine Menge Wasser, das nicht nach Chlor, sondern nach Bitter Lemon schmeckte, vielleicht sogar nach Wodka Lemon, dem Lieblingsgesöff meiner Jugendjahre, ich landete hustend und prustend in dem unteren Becken und wollte dort in Rückenlage weiterschwimmen, eher: weitertoben, drehte mich im Wasser liegend um, den Blick gen Himmel gewandt, der auf einmal nicht mehr strahlend blau war, sondern grau und wolkenverhangen, und nach wenigen Schwimmzügen prasselte mir Regen ins Gesicht, harte, spitze Tropfen, kurz noch der Gedanke „Verdammt, mit pitschnassen Klamotten kann ich mich nachher nicht auf der Vernissage blicken lassen…“ und dann sah ich den silbrigen Blitz, der so aussah wie ein Kind ihn malen würde (zickzackzickzack und unten eine Pfeilspitze dran) vom Himmel hinunterzucken, mitten in meine Brust hinein. Das tat nicht weh, das war auch nicht schlimm, nur ein bisschen unheimlich, im Grunde aber kurz und schmerzlos.
Mein Aufwachen mündete direkt in den Ruheschmerz, mein Nachspüren (dem Geträumten und dem Gelenkstechen in den Hüften) mündete ins Morgengrauen.

Schwimmen bezeichnet ja das Nicht-Untergehen eines Körpers in einer Flüssigkeit. So steige ich nun in das Schaumbad, schließe die Augen und könnte mir einbilden, ich würde schwimmen. Phantasiereisen dieser Art waren noch nie mein Ding, ich habe wenig Talent zum Tagträumen, erfreulicherweise gibt es immer noch und immer wieder Tage, deren Erleben selbst traumhaft genug ist.

Die Bildergalerie der Woche widme ich M. (aka der hübsch Bewimperte) und danke ganz herzlich für 1x Bergausflug und 1x Spaziergang samt Streuselkuchen & Shopping mit unseren beiden Mädels in unser beider Lieblingsgegend.

Kleines Daumenkino oder: So eine Art Wochenrückblick.

Die Tage am Tegernsee waren nicht ganz unanstrengend.
Zum einen wegen der Tiefschneestapferei bergauf- und abwärts, über die wir natürlich nicht ernsthaft jammern wollen, weil das herrliche Wetter und das Tagestouristenverbot, das ja nun schon wieder aufgehoben wurde, einmalige, ach was sag ich: geradezu paradiesische Rahmenbedingungen für diese Ausflüge schufen.

Allein auf weiter Flur, das Fräulein putzmunter auf der Piste, problemlos stundenlang ohne Mantel, ich meist ohne Mütze/Handschuhe/Jacke hinterher, Mittagsrast in der Sonne, mit Krapfen und Knackwürstchen, bei einem der Abstiege kamen uns bereits die ersten Einheimischen in kurzen Hosen und Hemden entgegengehikt, ein Hauch von Frühlingsgefühlen umflatterte einen im gleißenden Glitzerlicht der Spätnachmittagssonne, den restlichen Abend flatterten dann allerdings die Beine von dem Surfen im sulzigen Schnee.

Zum anderen war’s anstrengend aufgrund der pandemie- und parkinsonbedingten Lage des Papas und der Lebensgefährtin.
Gelinde gesagt spitzen sich die diversen Schwierigkeiten, die freilich schon in der alten Normalität vorhanden waren, dort aber noch nicht gar so ins Gewicht fielen, im (Zusammen-)Leben der beiden allmählich zu. Der Papa nimmt nur noch die nötigsten Therapien wahr (das Angebot wurde wg. Corona eingeschränkt) und hat darüberhinaus irgendwie die Motivation verloren, sich ernsthaft für eine Verbesserung seiner Situation zu engagieren („Die Treppengeherei hier im Haus strengt mich schon genug an!“ ) und sieht als Betriebswirt auch nach dem Ende des Coronawinters noch so viel Düsternis und Kahlschlag nahen, dass er sich einem gewissen Grundpessimismus anheimgibt („Das wird da draußen in der Welt eh alles nix mehr!“ ). Die Lebensgefährtin muss alle Besorgungen des Alltags alleine bewältigen, weil der Papa seinen Radius recht konsequent auf die paar Meter zwischen Sofa, Küche und Esstisch beschränkt. Ihre Canastarunde, ihre Tennisstunden und das wöchentliche Freitags-Damenkaffeekränzchen – nichts davon findet mehr statt. Die Enkel kommen aus Sicherheitsgründen auch nicht mehr vorbei. Freunde sowieso nicht.
Nur ich, ab und zu, und das fällt für die Lebensgefährtin nicht gerade unter die Rubrik „Highlights“, soweit hat es noch nicht mal der wochenlange Lockdown gebracht (unser Verhältnis wird in diesem Leben nicht mehr über das einer befriedeten Koexistenz hinausgehen, in etwa vergleichbar mit der von Katz‘ & Hund, die nicht von kleinauf aneinander gewöhnt wurden, sondern zwangsweise lernen mussten, gelegentlich auf demselben Hof zu leben und in den Zeiten solcher Zusammentreffen Zank und Zwist aus Gründen der Ressourcenschonung so gut es geht zu vermeiden).
Da der Input der Außenwelt nicht mehr aus Begegnungen/Reisen/Kultur besteht, sondern Post und Nachrichten das Einzige sind, was derzeit noch von draußen hineindringt zu den beiden, gibt es während meines Besuchs neben der nicht endenwollenden Pandemie und der gottseidank beendeten Präsidentschaft Trumps nicht allzu viele Gesprächsthemen. „Es passiert ja nichts mehr bei uns“ , klagen beide, alles fühle sich an wie in diesem Film mit dem Murmeltier, ein Tag gleiche dem anderen.
Leider haben die beiden sich – womöglich um das Alltagseinerlei zu durchbrechen? – angewöhnt, sinnlose Streitereien über Kleinkram zu führen, kleinlichste Klärungen von Schuldfragen werden auf einmal ganz groß ausgefochten und selbst das Ergebnis dieser Fehden ist genauso wie der Murmeltiertag: beliebig, austauschbar, ermüdend.
Für den Papa ist es sichtlich schön, dass das Dackelfräulein und ich für ein paar Tage im Haus sind, das beschert seinem Tag eine andere Struktur und bringt neue Aufgaben mit sich („Hast du einen Wunsch, was du essen möchtest?“). Jeder Handgriff in der Küche geht quälend langsam vonstatten, helfen lassen will er sich nicht (nicht aus falschem Ehrgeiz heraus, sondern weil er es – genau wie ich – hasst, wenn ihm jemand in der Küche reinredet oder reinpfuscht, unter Teamplayern wird das Mithelfen genannt und ist stets gut gemeinter Terror), sein Bemühen um die Mahlzeiten rührt mich, vermischt sich aber spürbar mit einer schweren Sorge: Wie lange schafft er das noch? Und wenn er’s mal nicht mehr schafft – was ist dann?

Richtig rührselig wird es schließlich in zwei Momenten.
Der eine: als ich mir abends das Akkordeon schnappe und meine bisherigen La-Paloma-Versuche zum Besten gebe – da hat er Tränen in den Augen und lobt mich (beides eine absolute Ausnahmeerscheinung). Wir besprechen, welches Repertoire ich mir noch aneignen könnte, damit es dereinst im Pflegeheim genug zu singen gibt. Lili Marleen wünscht er sich sehr, ebenso Hey Jude und Wir lagen vor Madagaskar, und ich bestelle mir sofort die Noten.
Der andere: die Telekom schreibt ihm, dass sein Uralt-Handy ab dem Zeitpunkt der Abschaltung des 3G-Netzes nicht mehr funktionieren wird und offeriert einen neuen Vertrag samt neuem Gerät, natürlich ein Smartphone, was er aber für seine letzten Lebensjahre unbedingt vermeiden wollte. Mit zittriger Hand reicht er mir das Schreiben und fragt, was er denn nun tun solle und gesteht mir im selben Atemzug, er habe noch so einen blöden Brief bekommen, nämlich von seiner Bank, die ihn darauf einstimmt, dass er die fürs Online-Banking benötigte TAN künftig von einer App generieren lassen müsse („…und App, das heißt doch dann auch wieder Smartphone, oder?“ ).

Beide sind wir noch immer recht ungeübt in diesem Rollentausch, obwohl der sich an manchen Punkten eh längst vollzogen hat, der Startschuss dazu fiel ja schon vor fünfeinhalb Jahren auf unserer letzten gemeinsamen Reise, nämlich am Abreisemorgen in dem kleinen, hektischen Hotel mitten in Helsinki, in dem sie nur Finnisch, Schwedisch, Russisch oder Englisch sprachen, was den Papa sichtlich überforderte, so dass er zum allerersten Mal die Abwicklung des Auscheckens und das Ordern des Taxis, das uns zum Flughafen bringen sollte, mir überließ, und ich fast ins Stottern geriet, als ich mit der Rezeptionistin sprach und ihn währenddessen mit etwas verlorenem Blick neben unseren Koffern in der Lobby sitzen sah, er, der mir bis zu diesem Augenblick jahrzehntelang das Gefühl gegeben hatte, immerzu alles im Griff zu haben und geregelt zu bekommen – und nun war plötzlich ich an der Reihe…

Zurück zur vergangenen Woche.
Die letzten beiden Stunden meines Besuchs am Tegernsse verbringe ich also damit, den Herrn Vater zu beruhigen, dass der Wechsel von seinem Nokia 3310 auf ein Smartphone nicht den Weltuntergang einläuten wird, sondern er auch mit „so einem Scheißgerät“ weiterhin ganz normal würde telefonieren können, ohne Verwendung „fürchterlicher Apps“ , denn die bräuchte er nur für ein paar wenige andere Dinge. Er guckte grantig, hörte mir aber geduldig zu, fuhr nebenbei mit dem Zeigefinger seiner nicht-parkinson-betroffenen Hand unaufhörlich und Rille für Rille des vor ihm liegenden Tischsets ab und nickte ab und zu stumm. Schwer zu sagen, ob er das Tun seines eigenen Fingers abnickte oder meinen Vortrag über die Vorzüge eines Smartphones, ich tippe eher auf Ersteres.
Bevor ich mich ins Auto setze, um nachhause zu fahren, verspreche ich ihm, mich daheim in München bald um die Vertragsänderung zu kümmern.
Mal langsam!“ , interveniert er, das müsse man doch jetzt nicht überstürzen, das liefe einem ja nicht davon und da wolle er schon noch ein Weilchen selbst den Daumen drauf haben.
Und damit beschloss er das Thema.

Apropos Daumen. Hat irgendwer von Ihnen in den Wintermonaten vielleicht auch diese Probleme mit einreißenden Fingerkuppen? Und verwendet zur heilenden und schützenden Abdichtung solche Spezialpflaster (konkret: Compeed für Fingerkuppen)? Kriegen Sie das hin? Klappt das bei Ihnen?
Ich plage mich seit zwei Wochen mit deren Anwendung herum und wäre äußerst dankbar für jedweden Tipp zum zügigen, korrekten und vor allem zerstörungsfreien Anbringen jener Heilmittel auf kaputte Daumenkuppen.

Bis vor einigen Jahren nannte ich diese allwinterliche Daumenkuppendauerverletzung noch meinen „Langlaufdaumen“ , weil das Phänomen damals nur auftrat, wenn ich nach ein paar Stunden in der Loipe meine trotz dieses strapaziösen Sports immer noch dauereiskalten Finger aus den etwas zu starren und nicht optimal sitzenden Handschuhen entließ.
Manchmal blutete die Daumenkuppe sogar schon im Handschuh und wenn es besonders blöd lief, verklebte die Wunde noch während des Sports mit dem Stoff und das Abziehen des Handschuhs war dann ziemlich schmerzhaft.
Der Riss im Daumen wuchs während der Wintermonate nie so richtig zu, weil immer wieder ein neuer Langlaufausflug dazwischen kam und das Ganze damit wieder von vorne begann. Auch neue Handschuhe schufen keine Abhilfe, herkömmliche Pflaster sowieso nicht und diese Superdinger von Compeed gab es damals noch nicht.
Mittlerweile betreibe ich keinen Langlauf mehr (neben Gassigehen, Bergtouren und Joggingrunden habe ich definitiv keine Lust auf eine weitere Bewegungsvariante, die per pedes ausgeübt wird), nur der Langlaufdaumen, der ist mir geblieben bzw. kehrt zuverlässig Winter für Winter zurück.
Dafür gibt es zwischenzeitlich eine immense Erweiterung der Pflaster-Palette von Compeed, die ich zunächst zur Anwendung am zerschundenen Wanderstiefelfuß kennen- und schätzen lernte (simple Anwendung, tolle Wirkung), dann für lästigen Lippenherpes (schon nicht mehr ganz so simple Anwendung, falls es aber gelingt: gute Wirkung) und nun auch gern meinem winterwunden Däumchen angedeihen lassen würde, wenn ich denn in der Lage wäre, das blöde Teil so anzubringen, dass es dort haften bliebe und wirkte.

Und wo wir gerade bei den Gebrechen sind: Nach langer Suche habe ich ein Online-Yoga-Portal gefunden, das mich weder zu sehr mit spirituellem Beiwerk belastet noch in eine Community hineinzwängt, sondern mir einfach und für wenig Geld ermöglicht, meinen schwimmbadschließungsbedingten Schulter- und Nackenbeschwerden entgegenzuwirken und generell ein wenig an der ohnehin längst verlorengegangenen Geschmeidigkeit zu arbeiten.
Ja, ich formuliere das bewusst so: zu arbeiten. Denn Spaß ist das (noch) nicht, wenn man in mancher Haltung statt fünf Atemzügen nur zwei schafft oder bereits mit dem Erreichen der Haltung wie ein Mehlsack, der Schlagseite bekommen hat, auf seiner Matte umkippt, und dabei noch dazu von den Homeoffizieren im Haus gegenüber beobachtet werden könnte.
Nicht alles wird ja während so eines Lockdowns reduzierter oder distanzierter, im Gegenteil: manches enthemmt und entgrenzt sich geradezu schamlos, sind ja schließlich alle daheim und haben Fenster (und wer arbeitet oder trainiert schon bei heruntergelassener Jalousie oder zugezogenen Vorhängen).
Jedenfalls ist der Onlinekurs recht erträglich, vor allem sprachlich gefällt er mir, weil etliche der Lehrer, die einen schinden, Österreicher sind. Da klingt manches gleich viel charmanter und selbst wenn mal ein „Ommmm“ gebrummt wird, schwingt da viel mehr Gutturales mit, als es ein hochdeutsch sprechender Yogi je zustande bekäme.

Sonst ist alles murmeltiermäßig.
Die Konturen dieser Winterwochen verschwimmen allmählich. Ich schreibe wieder, auf einmal fließt es wieder, erfreulich ist das. Zwei Begegnungen pro Woche, 1x mit dem hübsch Bewimperten, 1x mit D., wie gehabt. Drei- bis viermal Sport oder sowas in der Art. Einmal wöchentlich ein Wannenschaumbad, bevorzugt nach dem Wochenendlauf im Park. Natur und Berge so oft es die Verpflichtungen erlauben. An fünf von sieben Abenden wird eine Dreiviertelstunde auf dem Akkordeon geübt. An ebenso vielen Abenden trifft sich das gesamte Rudel gegen 20:30 Uhr auf der Couch zum Serie-Gucken, mittlerweile sind wir in einem Alter, in dem man nach 8-10 Jahren dieselbe Serie glatt ein zweites Mal ansehen kann und sich genauso gruselt wie beim ersten Mal. Die Krapfensucht hat ihren Zenit noch nicht überschritten, obwohl ich ihr nun in Woche 2 nahezu täglich fröne, dummerweise ist die Konditorei Kustermann fußläufig nur drei Minuten von unserem Home & Office entfernt und macht die besten Hagebuttenkrapfen der Stadt (unfettig, schön groß, sehr luftig, mit nicht zu süßer, eher dunkler Hagebuttenmarmelade befüllt, die – wichtig! – nirgends raustrieft, wenn man den ersten Bissen nimmt und vor allem: die leckeren Dinger sind – so gehört sich das! – ausschließlich mit Puderzucker bestäubt, und zwar nicht zu dick – mit diesen lackierten Trümmern, womöglich noch mit Farbe im Lack, können Sie mich jagen, mit den diversen Füllungsvarianten erst recht).

München versinkt seit gestern im Schnee. In den Isarauen und auf der Schneeresienwiese wird Langlauf gemacht, die homeschoolingmüden Kinder aus dem Viertel rodeln neben der Bavaria den Hang hinunter. Die Zamperln dieser schönen Stadt kriegen sich nicht mehr ein vor Freude an der weißen Pracht, das Dackelfräulein gräbt unter der Schneedecke einen großen Ast hervor und rastet anschließend aus wie zu Welpentagen.

Hund haben (24).

München. Ludwigsvorstadt, 22:30 Uhr.
Lockdown, Ausgangssperre seit 21 Uhr.

Tagsüber fast pausenloser Schneefall. Der Hausmeister hat das Räumen aufgegeben.
Die ganze Straße versunken in watteweiße Stille.
Keine Menschenseele, kein Streifenwagen, nichts.

Nur bergeweise unberührter Pulverschnee.

Was für ein Glück, in diesen Zeiten einen Hund zu haben!

Über Erinnerung und Innenarchitektur. Zum 12. Januar 2021.

Ein Scharlatan ist sie, die Erinnerung.
Aus dem Erlebten schnitzt sie sich nachgerade das heraus, was sie behalten möchte oder kann. Heftet sodann jenes willkürlich Herausgeschnitzte als lose (oder wahllos?) aneinandergereihte, biographische Bilder (mit oder ohne Erläuterungstext) an die schier unendlich große Pinnwand unserer Lebenssouvenire.
Von dort gucken sie uns an, all diese arrangierten Andenken. Oder lassen sich von uns angucken.
Etliche lächeln uns freundlich zu, manche zwinkern auffordernd, ein paar strahlen vor Glück und springen uns regelrecht an mit ihrem übermütigem „Mensch, weißt du noch…?“-Gehabe.
Andere hingegen glotzen mahnend oder anklagend oder grausam von ihrem Pinnwandplatz aus herüber, manche blinzeln müde durch einen Tränenschleier hindurch und es ist kaum möglich, länger Blickkontakt mit ihnen zu halten.

Im Laufe der Jahre gewöhnen wir uns an diese Sammlung, leben mit ihr zusammen, ungefähr so, wie man mit einem Möbelstück zusammenlebt, das man liebgewonnen hat, weil es einem gefällt oder weil es seinen Zweck so treu erfüllt oder weil es einfach bloß zu teuer oder zu sperrig ist, um in einer Aufwallung spontanen Unbehagens oder Überdrusses hinausgeworfen zu werden.
Wir kultivieren sie jedenfalls auf die eine oder andere Weise, ordnen die Bilder vielleicht mal neu und anders oder hängen die gesamte Pinnwand an einen lichteren oder finstereren Ort – aber es wird kaum einen geben, der ihre Existenz und Aufrichtigkeit ernsthaft in Frage stellen würde.
Sie ist da, sie begleitet uns, und sie beeinflusst uns, mal mehr, mal weniger.

Zu selten fragen wir uns, ob das Memorierte damals wirklich genau so war, wie wir es uns (in welcher Gemütsverfassung auch immer) irgendwann einmal zurechtgeschnitzt haben, sondern wir pappen ein „So war das damals!“ drauf und heften es zu all den anderen Postkarten aus der Vergangenheit, die wir uns selbst geschrieben haben, um unsere Lebensreise und deren Stationen zu dokumentieren.
Ein Akt der Selbstvergewisserung quasi, denn es muss doch möglich sein, das gelebte Lebens in der Rückschau als etwas wahrzunehmen – ein Etwas, das sich auch irgendwie als irgendwas fassen lässt (damit es nicht dem Vergessen anheimfiele und damit vermeintlich zur Bedeutungslosigkeit verkäme).

In der Erinnerung richtet man sich die Räume der Vergangenheit so ein, wie man sie bewohnen möchte.
Manche werden zu wahren Prunkzimmern ausstaffiert, die von protzigen Kronleuchtern bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, denn erstrahlen soll es, das alte, edle Mobiliar, und uns vorgaukeln, wie toll sie doch gewesen sei, diese Zeit damals. Dabei war die Episode, auf die sich die opulente Inszenierung bezieht, eine recht gewöhnliche, unspektakuläre Lebensphase.
Egal – betreten wir einen so gestalteten Erinnerungsraum, hauen wir uns dort zufrieden in den samtenen Fauteuil, entledigen uns mit einer lässigen Wippbewegung der Pantoffeln und lassen mal alle Fünfe gerade sein.
[Wenn ich das so schreibe, fällt mir sofort ein ehemaliger Freund ein, einer der besten Anekdotenerzähler, die ich je kannte: jeder auch noch so banalen Lebensphase verlieh er durch sein Erzählen mindestens einen Hauch von Glamour, Skurillität oder Sensation, ein Highlight jagte das nächste, ja, man konnte leicht neidisch werden auf diese Vita, die so völlig unbesudelt zu sein schien von glanzloser Gewöhnlichkeit und temporärer Tristesse, und er erzählte seine Glitzerstories über die Jahre so oft und mit so viel Inbrunst, dass er sich nicht nur dauerverliebte in seine Biographie, sondern auch in sich selbst, den Protagonisten all dieser grandiosen Geschichten.]
Anderes hingegen, das klein, zart und schön war, landet zu Unrecht auf dem Speicher, wird von schnödem Spinnweb befallen und allenfalls ein Umzug oder eine Generalsanierung könnten es diesem traurigen Schicksal entreißen, weil man es nur dann nochmal anfassen und drüberpusten würde und plötzlich der Anmut gewahr würde, die viel zu lang unter all dem Staub begraben lag.
Der Großteil unserer erinnerten Vergangenheit verteilt sich aber kreuz und quer durch die alltäglichen Räume unserer Behausung: sickert hier ein in Dielen, klebt dort hinter Spiegeln, schlummert in Schubladen, hängt an Haken oder ruht in Regalen, das eine wird ein bisserl hindrapiert, das andere eher versteckt, und das meiste ist einfach nur zufällig da, wo es eben gerade ist.
Und ein paar unserer Erinnerungen werden schließlich zu hässlichen Kellerkammern, in denen nichts als Moder und Mief wohnt. Orte, an denen es einen schon als Kind gegraust und gegruselt hat und denen auch die Taschenlampe in der Hand des Erwachsenen oder Jahre später die Sitzungen beim Therapeuten nie ganz und gar ihren Schrecken nehmen konnten.

*****

Heute denke ich an den 12. Januar vor fünf Jahren, der Tag, an dem N. starb, und zugleich erinnere ich mich an den 12. Januar vor einem Jahr, als ich zu Gast auf einer Geburtstagsfeier war und neben M. zu sitzen kam, eine Begebenheit, die zur Geburtsstunde einer neuen Freundschaft wurde.
Es ist das erste Mal, dass ich nun zwei Erinnerungen an diesen 12. Januar habe, ab jetzt wird das immer so sein, und wer weiß, vielleicht kommt irgendwann noch eine dritte hinzu.

Während N. nach seinem nächtlichen Lauf heute vor fünf Jahren für immer in den Schnee sank, machten M. und ich uns heute vor einem Jahr bei Sonnenschein auf, fortan als Freunde durch die Welt zu wandern.
Gut, zwischen diesen beiden bedeutsamen Ereignissen im Reich der Freundschaft lagen 4 intensive Lebensjahre, 2 aufreibende Umzüge, 1 gottseidank schnell bemerkter Jobirrtum und allerhand andere Schicksalsschmankerl – so gesehen wäre es ziemlich albern, jetzt zu behaupten, dass sich immer dann eine Tür öffnen würde, wenn eine andere sich schließt, ein Sinnspruch, an den sich ja bereitwillig geklammert wird, wenn man erstmal aus dem Garten Eden vertrieben und von den unvermeidbaren Unbilden des Lebens schon ein wenig zerschunden im Vorgarten der Verzweiflung angekommen ist und um einen herum nirgends ein tieferer Sinn aus dem kargen Erdreich zu sprießen scheint.
Eben jener im Schnee gestorbene Freund war es passenderweise auch, der seinem maturierenden Sohne einst auf die Frage, ob das Leben denn irgendeinen Sinn habe, die ebenso ernüchternde wie ehrliche Antwort gab, dass der Sinn des Lebens im Leben selbst bestünde, was den Filius erst wie besessen ins Pianospiel, dann nach Passau und schließlich in eine psychiatrische Klinik flüchten ließ (was der Vater größtenteils nicht mehr mitbekam und sich wahrscheinlich auch nicht auf dieselbe Weise zugetragen hätte, wenn er noch weiter unter den Lebenden geblieben wäre).

Ständig öffnen oder schließen sich alle möglichen Türen (manchmal bekommt man’s leider erst zeitversetzt oder gar nicht mit), und auch hier spielt einem die Erinnerung nicht selten einen Streich, was die nachträgliche Bewertung angeht.
Fünf Jahre nach dem Tod von N. sortiere ich also heute jene Ecke auf meiner Lebenssouvenirpinnwand, die mit Bildern aus der Zeit, in der wir einander kannten, bestückt ist, plötzlich neu (um nicht zu sagen: ich miste dort gründlich aus). Fünf Jahre hat es gedauert, um zu erkennen, dass da manche Erinnerung in einem vergoldeten Rahmen hing, obwohl ein schlichter Cliprahmen angemessener gewesen wäre. Und dass das eine oder andere Bild arg schief hing, fiel mir, die ich ansonsten sehr genau bin in solchen Dingen, ebenfalls jahrelang nicht auf.
Ist es das Los mancher zu früh aus dem Leben Geschiedenen, dass sie durch ihren so unerwarteten Tod die Nachwelt zu Verklärung und Vergoldung anstiften? Oder war hier abermals der Adjutant der Erinnerung, dieser munter herumstümpernde Innenarchitekt am Werk?

Wie dem auch sei – eigentlich wollte ich anlässlich des heutigen (nun in doppelter Hinsicht) Jahrestages ja nur festhalten, dass ich ein kleines Verdutztsein darüber verspüre, dass es exakt dieses Datum ist, an dem der eine Freund ging und der andere in mein Leben trat, wobei Letzterer binnen eines Jahres ein engerer Freund wurde als Ersterer in einem ganzen Jahrzehnt.

Und ich wollte sagen: Danke, lieber M., für dieses vergangene Jahr, das so reich war an Freude, Ausflügen, Perspektiven, Erlebnissen, Gesprächen, Entdeckungen, Verbundenheit und Kuchenstücken!

Das Leben, ein Tanz & wir pfeifen dazu. Zum 28. Dezember 2020.

Meiner kleinen, treuen, klugen und tapferen Begleiterin zum 9. Geburtstag:
Mögest Du noch lange mit mir durchs Leben tanzen, und ich mit Dir!

Aus der Steiermark kommt das Geburtstagslied…

…und aus der Münchner Küche der Videoclip dazu.

Manchmal ist das Leben ein Eiertanz und das einzig vernehmbare Pfeifen jenes, das aus dem letzten Loch ertönt, so dachte ich in den vergangenen Wochen des Öfteren.
Wir wollen diese Gedanken nun so gut es geht abschütteln und mit Zuversicht und Mut das neue (Lebens-)Jahr beginnen.

Von Umfangsvermehrung und Heiterkeitsreduzierung.

Immer nach vorne blicken!

Freitagabend vor fünf Tagen, am westlichen Rand des Oberhachinger Industriegebiets (für Nicht-Ortskundige: irgendwo in der südlichen Peripherie von München).

Als ich nach einer intensiven Dreiviertelstunde mit Pippa aus der Tierklinik hinausgehe in die Dunkelheit, steht Ludwig schon wieder schwanzwedelnd vor uns. Wir waren ihm zuvor schon im Wartezimmer begegnet. Der 12 Wochen alte Welpe wollte unbedingt mit Pippa spielen, die zitternd unter meinem Stuhl kauerte.

Pippa wird in Kürze 9 Jahre alt und weiß bereits beim Aussteigen aus dem Auto, dass dieser Parkplatz zur Tierklinik gehört und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn ich sie auffordere, mitzukommen. Kurz vor der Eingangstür beginnt dann das Schlottern.
Ludwig hingegen hat noch keine Ahnung von diesem Teil der Welt. Er findet absolut alles toll und spannend, weshalb er letzten Freitag auch in der Tierklinik ist – er hat nämlich einen Kaugummi verschluckt. Herrchen ist sehr nervös, Frauchen sitzt zitternd im Auto (wegen Corona darf seit Monaten nur noch eine Begleitperson pro Tier mit in die Klinik hinein), nur Ludwig hat blendende Laune und will mit dem Dackelfräulein spielen.

Da sie fast alle Welpen mag, stellt sie zumindest kurz ihr Schlottern ein, wendet sich dem kleinen Ludwig zu, bis er ihr dann zu stürmisch wird und sie sich wieder unter meinen Stuhl verzieht. Weil Ludwig daraufhin in schrillsten Tönen jammert und an der Leine zerrt, geht sein Herrchen mit ihm hinaus, so dass im Wartezimmer wieder Ruhe einkehrt. Er hat sowieso noch eine längere Wartezeit vor sich, da er ohne Termin gekommen ist – das mit dem Kaugummi läuft für ihn unter „Notfall“, sie haben sich sofort ins Auto gesetzt und sind zur Klinik geeilt.
So ist das am Anfang des Hund-Habens: man hat keine Ahnung, keine Erfahrung und derlei Notfälle treten äußert schnell und regelmäßig ein.

Für einen Moment bin ich geneigt, den Besitzer von Ludwig um diesen verschluckten Kaugummi zu beneiden, denn was würde ich drum geben, auch aus so einem Grund zur Tierklinik gefahren zu sein. Einen Gedanken später weiß ich aber wieder: das ist Quatsch, denn so ist das halt, es ist der Lauf der Zeit und des Lebens, dass man nach 9 Jahren eher aus anderem Anlass hier sitzt und wartet. Mit vereinbartem Termin bei der Ärztin des Vertrauens, die man bereits seit Jahren kennt. Mittlerweile ist der Hund der nervösere Gast im Wartezimmer, man selbst gibt sich alle Mühe, ruhig und gefasst zu sein, was meist auch gelingt (allein schon, damit der Hund nicht noch mehr zittert).

Frau Dr. G. ruft uns auf, ich erhebe mich, Pippa trottet hinter mir her, steigt unterwegs widerwillig auf die Waage (huch, 300 Gramm leichter als beim letzten Besuch?) und schlurft weiter ins Behandlungszimmer. Dort angekommen trage ich den Grund meines Besuchs vor.
Die Ärztin tastet Pippa ab, findet den Knoten, drückt prüfend ein bisschen hin und her, sieht mich an, sagt „Ein Lipom kann ich ausschließen“ und damit ist die Tendenz eigentlich schon umrissen.
Es ist ein Tumor, ob Adenom oder Karzinom bzw. gut- oder bösartig, werden wir erst wissen, wenn nach der operativen Entfernung der histologische Befund vorliegt.

Wir besprechen ausgiebig, wie es nun konkret weitergeht, die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Auch eine detailliertere Erläuterung der klitzekleinen Restchance, dass es sich um eine seltene, zyklusbedingte Verkapselung an der Milchleiste handeln könne, ist unerheblich und nur insofern relevant, als wir jetzt noch bis zu Beginn des neuen Jahres abwarten, ob das Ding sich nicht wie durch ein Hormonwunder wieder zurückbildet, was wie gesagt leider äußerst unwahrscheinlich ist.
Ein paar Wochen kann man das jetzt gut rausschieben, weil der Knoten noch wirklich klein ist, dann aber muss gehandelt werden.
Das einzig Beruhigende an dem Termin ist die nach gründlicher Untersuchung erfolgte Aussage von Frau Dr. G., dass Pippa „für ihr Alter“ in einem sehr guten Allgemeinzustand sei: schlanke Figur, beste Muskulatur, Gelenke, Herz und Lunge ebenfalls in Ordnung. Immerhin gute Voraussetzungen für eine solche OP und das, was danach kommen kann.

Am Empfangstresen überreicht man mir die Rechnung. „Kleine Umfangsvermehrung kraniales Gesäuge“ steht da in holprigem Arztrechnungsdeutsch als Diagnose, es folgen die einzelnen Positionen.
Der Begriff Umfangsvermehrung fährt mir recht herb in die Eingeweide und erinnert mich an die Raumforderung… (na lassen wir das lieber, wenn Sie mögen, lesen Sie’s hier nach). Mir wird etwas flau, ich bezahle und wanke nach draußen.
Dort springt uns Ludwig aus der Dunkelheit entgegen und freut sich wie bekloppt, Pippa wiederzusehen, allein das Fräulein hat nun gar keinen Nerv mehr für den Jungspund und strebt entschlossen dem Parkplatz zu.
Ich wünsche seinem Herrchen noch viel Glück in der Kaugummisache, eile zum Auto, lasse mich auf den Sitz fallen und nehme erstmal einen großen Schluck aus meinem neuen Thermosbecher, den ich auf ewig Thermosbecher und niemals Travel Mug nennen werde, obwohl er laut Etikett so zu heißen scheint.

Etwas benommen fahre ich heimwärts, esse unterwegs einen Happen und scrolle dabei durch die beruhigend belanglose Bilderwelt auf Instagram, bis ich auf eine Rezeptempfehlung stoße, die von dem schlecht ausprogrammierten Algorithmus dieses (sozialen) Netzwerkes zeugt:

Ich mag weder Mandarinen allzu gern noch hab ich irgendwas mit Overnight Oat geschweige denn Meal-Preps am Hut. Und ich frage mich, ob es allen Ernstes Menschen gibt, die ihr Frühstück so titulieren und tatsächlich am Vorabend des Breakfast ganz hibbelig vor lauter Hipness kunstvoll solche Einweckgläschen mit Haferkörnern befüllen und in den heimischen Fridge bugsieren.

Aber die Welt ist ohnehin reich an Worten, Gestalten, Momenten und Eindrücken, die seltsam fremd anmuten.

Später am Abend spreche ich noch lange mit einer Freundin über den Tierklinik-Termin. Die Freundin war schon mal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert und mir fällt angenehm auf, dass sie sachlich und anteilnehmend mit mir über alles redet, genau wie Frau Dr. G..
Vor allem aber fällt mir auf, dass sie nicht beschönigt oder beschwichtigt oder ins Blaue hinein tröstet. Das hilft mir sehr.
Alles wird gut!“ sagen ja gern die einen, oder „Ich habe ein gutes Gefühl!“ die anderen. Die Freundin sagt keines von beidem, weil wir beide wissen, dass wir nicht wissen können, ob alles gut wird oder nicht und welche Sorte Gefühl jetzt die angemessenste wäre, denn jedem der Gefühle, das man nun haben könnte oder hat, wohnt schließlich ein hoher Spekulationsfaktor inne (um ein Haar hätte ich vor Müdigkeit Spekulatiusfaktor geschrieben).

Das große Geheule sucht mich an den Folgetagen noch mehrfach heim und passt hervorragend zum Wetter. Jawohl, ich habe Angst und ich mache mir Sorgen, das ist nunmal so und ich finde: das darf jetzt auch so sein. Es wird ja nun nicht durchgehend bis Anfang Januar so sein, aber ab und zu wird es halt mal wolkenbruchartig über mich kommen.
Und wenn das mal wieder so ist, dann bin ich äußerst dankbar, wenn man mich nicht tröstet oder abzulenken versucht, wenn man nichts beschwichtigt oder schönredet, sondern wenn man mich einfach ängstlich und sorgenvoll sein lässt – und genaus das mit mir aushält.

Dieses elendige, zeitgeistige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat – ja, nehmen wir das doch bitteschön auch mal in so einer Situation ernst.
Es ist nämlich eine vergleichsweise einfache Übung, bei Sonnenschein auf einen Berg zu steigen (oder sonstwo zu lustwandeln) und dabei nicht an das Tal oder den Gipfel zu denken, sondern an gar nichts oder einfach nur an den nächsten Schritt, damit man nicht danebentappt und stürzt. Gelingt einem das, so war man einen (Berg-)Tag lang mehr oder weniger im Hier und Jetzt, freut sich darüber und fühlt sich leichter oder auch bereichert, das wird bei jedem ja graduell ein wenig anders sein.
Heerscharen von Achtsamkeitsfreunden begeben sich auf Pilgerschaft zu diesem heißersehnten Verweilen im Augenblicke (mit dem ja schon der gute Faust ziemlich haderte), plagen sich teils gräßlich mit den unterschiedlichsten Hilfsmitteln, Techniken, Anleitungen und Atmosphären ab, um diesen gelobten Zustand zu „erreichen“, so als lauerte einzig in ihm das Allheilmittel gegen die Unbilden des Alltags (oder gar die Erlösung von unserer fehlbaren Existenz). Und nicht wenige dieser Hier&Jetzt-Streber sind dabei fast ausschließlich aufs Positive, auf gute, helle, wärmende Gefühle ausgerichtet oder fixiert.

Wie von der Verheißung eines Glückskeksspruches Getriebene gebärden wir uns und suchen immerzu und in allem nach einem Sinn, oder, wo dieses Unterfangen eine Nummer zu groß erscheint, zumindest nach dem Schönen und Guten und Glänzenden oder einem Mix daraus: dem Seelensmoothie.
Was aber ist mit Krisen, Krankheiten, Trennungen und Toden? Da herrscht oftmals das große Wisch-und-Weg-Prinzip, das darf nicht sein, das kann nicht sein, damit wollen wir nicht umgehen, daraus muss sich doch verdammt nochmal ein Sinn schnitzen lassen, und wenn nicht, dann wollen wir es wegradieren oder beiseitestellen, es fortunafarben anpinseln, obwohl es doch pechschwarz ist, oder es mit schnelltrocknendem Lebensfreudelack glattsprühen, obwohl an seiner zerfurchten Oberfläche ja doch nichts haften bleibt außer ein paar Zähren und Kummerkrusten.
Lasst mich bitte nach Herzensfrust leiden!, denke ich, sage es aber nicht und freue mich über die, die es trotzdem hören können.

Um das windige Nervenkostüm vollends zu zerfetzen, hat in der Wohnung über uns eine sechswöchige Generalsanierung begonnen. Zwar führt Lolek dort oben Regie und ist auch selbst zugegen (und ich mag Lolek, nicht nur, weil er zu den Menschen gehört, mit denen ich im Jahr 2020 mehr zu tun hatte als mit den meisten anderen), was den Höllenlärm aber auch nicht erträglicher macht.
Der Vermieter ist sofort beleidigt, als ich moniere, dass es schön gewesen wäre, wegen Homeoffice & Co. vorab über derartige Bauarbeiten informiert worden zu sein und in ein paar alten Themen verheddern wir uns dann auch gleich wieder. In Sachen Ruhe und Behaglichkeit kann die Bilanz dieses Miet-Jahres es beinahe mit Corona aufnehmen – es war 9 Monate lang oft ungemütlich und herausfordernd.

Wann immer Witterung und Tagesverfassung es erlauben, kehren wir der Stadt den Rücken und drehen thermosbecherbewaffnet weiter draußen längere Runden, falls das nicht klappt, absolvieren wir in den kurzen Lärmpausen (Lolek ist starker Raucher) kleine Übungseinheiten in der Wohnung (Filmbeweis folgt demnächst) und ziehen uns ansonsten die Decke über den Kopf.
Weil die Inzidenz in München nun wieder über der 200er-Marke liegt, darf ab sofort kein Einzel-Musikunterricht mehr stattfinden, das heißt, ich werde bis Mitte Januar „Jingle Bells“ in Endlosschleife vor mich hinspielen, vielleicht noch ein „Alle Jahre wieder“ dazunehmen, mal sehen.

Der Papa hört sich mittlerweile immer tonloser an, so dass ich mir erstmals seit 20 Jahren einen Ruck gebe und ihn frage, ob wir vielleicht an Weihnachten zu ihm kommen sollen. Er und die Lebensgefährtin wären sonst allein, üblicherweise feiern sie in großer, lauter Runde mit den Kindern und Enkeln der Lebensgefährtin, Zusammenkünfte und Personen, bei denen ich mich fehl am Platz und unwohl fühle, aber dieses Jahr fällt das alles flach, zu viele Generationen und potentielle Infektionssphären würden sich da vermischen, das geht nicht, das wollen glücklicherweise alle gemeinsam vermeiden.
Er reagiert mit fast kindlicher Freude auf mein Angebot und so gewöhne ich mich nun langsam an den Gedanken, doch noch einmal einen 24. Dezember mit Baum und Fondue zu verbringen, womöglich singen wir sogar ein paar Lieder, weil der Papa ja jetzt wieder gern singt, seit seine Logopädin ihn dazu animiert hat.

Offen gestanden weiß ich gar nicht mehr, wie Weihnachten geht, aber da kommt man sicher schnell wieder rein, so wie man ja das Autofahren durch eine mehrjährige Pause wohl auch nicht gänzlich verlernt.
Vorfreude verspüre ich bislang keine, eher so ein kleines, fieses Ziehen in Herzgegend bei dem Gedanken, dass es das letzte Weihnachten in dieser Konstellation sein könnte, was mich nicht etwa wegen des Christfestes an sich schmerzt (von dem ich längst annahm, es letztmals gefeiert zu haben), sondern wegen der heuer daran Teilnehmenden. Wir wollen die gedanklichen Varianten, die diesem Ziehen auf dem Fuße folgen, jetzt aber nicht vertiefen, denn wahrscheinlich kommt ja alles (wie so oft) ganz anders als gedacht und ich bin ab 2021 wieder weihnachtsfrei und wir sind auch Ende nächsten Jahres alle noch am Leben.

Ob ich in den nächsten Wochen einen Jahresrückblick gebloggt bekomme, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht fasse ich es einfach schon heute in ein paar Schlagworten zusammen, dieses kuriose Jahr mit der Doppelzwanzig, das klänge dann in etwa so:
Berge – Wasserschaden – Vermieterzwist – Bauarbeiten – Corona – Schwimmbadschließung – Berge – Corona – Staubläuse – Bauarbeiten – Staubläuse – Berge – Vermieterzwist – Corona – Schwimmbadschließung – (Rückkehr dreier Staubläuse) – Berge – Bauarbeiten – Corona – Vermieterzwist.
Final noch ein kleiner Tumor obendrauf, dazwischen ein paar Akkordeonklänge, und demnächst bellt Jingle nicht mehr durch die Totenstille unserer gelockdownten Stadt, sondern am Tegernsee den Tannenbaum an.

Absurderweise im Sommer 2020 so viel und so günstig gereist wie sonst nie, wenngleich stets nur für ein paar Tage, aber was heißt schon „nur“ in diesen Zeiten, ich bin zutiefst dankbar für all die erlebnisreichen Exkursionen in die DACH-Region, wie die Reiseprofis, zu denen ich mich nicht zähle, dazu sagen würden.
Am Geburtstag sogar mit dem Wunschtrupp auf dem Wunschgipfel gestanden, ohnehin ein Jahr der Freundschaft in vielerlei Hinsicht, der kriselnden & zerbröselnden sowie der neuen & altbewährten, die momentan so zahlreich eintrudelnden Care-Pakete sprechen eindeutig für eine Tendenz zur letztgenannten Kategorie, und ich möchte den wohlmeinenden, spendablen und kreativen Absendern an dieser Stelle erneut meinen innigsten Dank aussprechen.
Ich liebe Geschenke, sogar die mit verkehrtem Apostroph!

(Und wehe, dieser neue Mist-Editor in WordPress verpfuscht mir jetzt wieder die Bildergalerie, falls doch, geben Sie bitte kurz Bescheid.)