Wortwechsel zum Wochenende.

Die neuen Laufschuhe in dezentem Petrol (um ein Haar hätte ich sie, in einem Anflug von Frühlingssonnenübermut, in Knallorange bestellt) sind so gut gefedert und so herrlich unausgelatscht, dass ich noch eine Extrarunde drehe vor lauter Begeisterung über dieses viel leichtere und bessere Sprintgefühl.
Zugleich kam mir ihr Eintreffen (genau genommen: bereits der Online-Kauf) vor, als hätte ich damit die Verlängerung des Schwimmshutdowns für mindestens ein weiteres Quartal besiegelt. Das ist albern und irrational, aber bei Weitem nicht der einzige Seelensektor, in den sich mittlerweile ein paar Verschiebungen (um nicht zu sagen: Verrückungen) eingeschlichen haben.
Nach vier Monaten ohne jede Bewegung im Wasser (vom Räkeln in der Badewanne abgesehen) hat sich dort, wo sich seit Jahrzehnten (m)eine Nixenflosse befand, ein anderes Körperteil formiert, für das ich noch keinen Namen habe und das sich immer noch nicht so ganz zu mir gehörig und fremd anfühlt.
Zu diesem Mutationsprozess passen die nächtlichen Gelenkschmerzen, die mir seit Monaten regelmäßig den Schlaf rauben, eigentlich recht gut. Einziger Trost: dieses Ziehen und Stechen in allen Gelenken ist ein reiner Ruheschmerz (was für ein äußerst seltsames Kompositum: Ruheschmerz), d.h. tagsüber bzw. in Aktion tut mir nichts weh, aber die Lösung kann ja wohl kaum darin bestehen, dass ich mich 24 Stunden am Stück dauerbewege und den Nachtschlaf an den Nagel hänge.

Internet, Fachliteratur und der gesunde Menschenverstand ordnen die Beschwerden nur in sehr geringem Maß der seuchenbedingten Schwimmbadschließung zu, sondern vielmehr den Wechseljahren. Ein Begriff, den ich übrigens als pure Zumutung empfinde und ich erläutere Ihnen gern, weshalb.
Über dreißig Jahre allmonatlich von einer zeitlich viel kleiner klingenden Einheit, nämlich den Tagen (oder, auch das klingt noch überschaubar: der Monatsblutung) terrorisiert-traktiert-traumatisiert, da seit TeenagerTagen (sic!) mit einer Krankheit namens Endometriose umgehend, die immer noch kaum bekannt ist oder zu oft tabuisiert wird, – zusammengerechnet dürfte ich so um die 1000 Tage innerhalb der Tage mit übelsten Schmerzen zugebracht haben, die dank zweier Operationen in manchen Monaten nur 36 Stunden statt (vor den OPs) 72 Stunden anhielten, und nun, da diese periodische Plage endlich mal abflaut, wird medizinisch und sprachlich noch eine Schippe draufgelegt und statt Tagen (oder dem Monatswasweißichwas) ist für das nun Bevorstehende diesmal gleich von Jahren (!) die Rede.
Nein, echt nicht, das mach‘ ich nicht mit (genauso wie ich mich seit jeher konsequent von den Fellnasen, diesem verbalverhätschelnden Vierbeinersynonym, fernhalte, die einem etwas vorgaukeln, das der realen Erscheinung gar nicht entspricht), ich lasse mir nicht schon zu Beginn dieses Fruchtbarkeitsfinales (lustig: aus Versehen tippte ich zunächst Furchtbarkeitsfinale und erwog, das einfach so stehenzulassen) suggerieren, dass einen die diversen Begleiterscheinungen dieser großartigen neuen Phase im Frauenleben ja nicht unentwegt piesacken, sondern eher stunden- oder tage-/nächteweise, also keinesfalls 365 Tage im Jahr und das womöglich auch noch jahrelang.
Die Kurzform Wechsel geht schon gleich gar nicht, das hat was von Geldgeschäft oder Tauschhandel, und Klimakterium ist mir rein etymologisch auch nicht sympathischer, ich werde wohl noch weiterschauen müssen, ob mir was Passendes einfällt oder vielleicht lasse ich diese Phase auch einfach namenlos vorüberziehen, denn in Sachen Gynäkologie hab ich jedes normale Pensum an Drüberredenwollen und Michdamitbefassenmüssen eh schon weit überschritten.

Wo wir gerade bei Frauenangelegenheiten sind: Beim Frühstück einen selten dämlichen Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL über Frauen um die 50 (so auch dessen Überschrift) gelesen, den mir der Gatte (in seinem Nebenjob als häuslicher Pressespiegelbeauftragter) auf meinen Lektürestapel gelegt hat, um anschließend mit mir gemeinsam über diesen Blödsinn lästern zu können, allein der Untertitel („Die beste Zeit unseres Lebens ist jetzt“) und das damit verbundene Glücklicherdennje-Geseiere vergällt einem fast den samtigsüssen Geschmack der Marillenmarmelade auf dem Ersttoast. Ich verlinke diesen Beitrag hier nicht, weil er online (gottseidank) nur dem erlauchten Abonenntenkreis zugedacht ist und Sie somit nur die ersten paar Zeilen lesen könnten (wobei das auch genügen würde).

Bevor ich mir nun, einigermaßen ausgedampft vom ausgiebigen Parklauf, die Badewanne einlassen werde, möchte ich noch die in einer der kurzen Schlafphasen zwischen den unruhigen Ruheschmerzepisoden der vergangenen Nacht geträumte Begebenheit notieren.
Ich war von meinem Arzt zu einer Vernissage eingeladen (real werde ich nie zu Vernissagen eingeladen) und fuhr in einem roten VW Käfer (herrlich!) zu der in der Einladung genannten Adresse. Es handelte sich um ein großes, weißes Haus in terrassierter Bauweise, schöne Hanglage mit grandiosem Weitblick über eine vom Hochsommer verdörrte Landschaft, die mich an die Steppe rund um Albuquerque erinnerte (zu viel „Breaking Bad“ geglotzt, wenn diese Szenerie nun schon in Träumen präsent ist). Augenblicklich fand ich mich zu schlecht gekleidet (weiße Sommerbluse mit hochgekrempelten Ärmeln, Jeans mit Loch am Knie, alte Ledersandalen), um ein solch nobles Grundstück betreten zu dürfen, gab mir dann aber einen Ruck und läutete.
Dr. T. holte mich am Gartentor ab, hieß mich willkommen und über etliche steile Treppen stiegen wir hangaufwärts in Richtung Haus. Ich war etwas eingeschüchtert von der überaus gepflegten Gartenanlage (üppige Palmen, blühende Kakteen, Zitronenbäume…!), sagte nichts und staunte stumm vor mich hin. Kurz bevor wir die Hauptterasse erreichten, wo sich wohl auch der Hauseingang befand, blieb er stehen, zeigte auf ein etwas abseits liegendes Areal seines Gartens und meinte: „Da hinten wäre etwas für Sie, wollen Sie mal gucken gehen?“. Ich nickte, ging alleine weiter, bog auf dem gekiesten Weg um eine Ecke und entdeckte etwas Blaues, das durch die Bepflanzung hindurchschimmerte. Vielleicht ein Pool?
Näherkommend sah ich: es waren drei riesige Schwimmbecken, blitzsauber, nagelneu und türkisblau gekachelt. Sie waren, genau wie das Haus, terassenartig angelegt und miteinander durch Rutschen verbunden (geschwungene, bunte Rutschen, wie in diesen Familienspaßbädern). In allen drei Pools glänzte die Oberfläche ruhig und glatt im Sonnenlicht, gänzlich unberührt lag das wunderbare Wasser vor mir, um die Becken herum keine Menschenseele weit und breit, und ich tat dann etwas, das ich im echten Leben so nicht tun würde, zumindest nicht auf einem mir fremden Privatgrundstück und in relativer Nähe um die Anwesenheit anderer Menschen wissend, die mich vielleicht sehen könnten: ich warf meine Klamotten ab und sprang splitternackt in den obersten der drei Pools, kraulte wie eine Irre hin und her, ließ mich von der Rutsche in den zweiten Pool befördern, die Nahtstücke der einzelnen Rutschenteile taten mir höllisch am Steißbein weh, zudem verschluckte ich beim Rutschen eine Menge Wasser, das nicht nach Chlor, sondern nach Bitter Lemon schmeckte, vielleicht sogar nach Wodka Lemon, dem Lieblingsgesöff meiner Jugendjahre, ich landete hustend und prustend in dem unteren Becken und wollte dort in Rückenlage weiterschwimmen, eher: weitertoben, drehte mich im Wasser liegend um, den Blick gen Himmel gewandt, der auf einmal nicht mehr strahlend blau war, sondern grau und wolkenverhangen, und nach wenigen Schwimmzügen prasselte mir Regen ins Gesicht, harte, spitze Tropfen, kurz noch der Gedanke „Verdammt, mit pitschnassen Klamotten kann ich mich nachher nicht auf der Vernissage blicken lassen…“ und dann sah ich den silbrigen Blitz, der so aussah wie ein Kind ihn malen würde (zickzackzickzack und unten eine Pfeilspitze dran) vom Himmel hinunterzucken, mitten in meine Brust hinein. Das tat nicht weh, das war auch nicht schlimm, nur ein bisschen unheimlich, im Grunde aber kurz und schmerzlos.
Mein Aufwachen mündete direkt in den Ruheschmerz, mein Nachspüren (dem Geträumten und dem Gelenkstechen in den Hüften) mündete ins Morgengrauen.

Schwimmen bezeichnet ja das Nicht-Untergehen eines Körpers in einer Flüssigkeit. So steige ich nun in das Schaumbad, schließe die Augen und könnte mir einbilden, ich würde schwimmen. Phantasiereisen dieser Art waren noch nie mein Ding, ich habe wenig Talent zum Tagträumen, erfreulicherweise gibt es immer noch und immer wieder Tage, deren Erleben selbst traumhaft genug ist.

Die Bildergalerie der Woche widme ich M. (aka der hübsch Bewimperte) und danke ganz herzlich für 1x Bergausflug und 1x Spaziergang samt Streuselkuchen & Shopping mit unseren beiden Mädels in unser beider Lieblingsgegend.

Wollwurst statt Weißwurst! Eine Kampagne gegen die Kälte.

What a worst! – wie Helge Schneider es einst so treffend formulierte.

Zur Weißwurstfrühstückszeit spazieren wir gestern nach Weißach in die Hundebutike den Haustierhandel. Die Besitzerin erinnert sich sofort an mich und holt unter der Ladentheke die drei zurückgelegten Mäntel hervor und geleitet Pippa zum „Anprobier-Podest“. Ungünstigerweise ist das nur durch einen Flur zu erreichen, in dem auf Hundenasenhöhe (sagen wir mal: der eines Beagles, was aber auch einen Dackel nicht abhält, diese Höhe durch Halsrecken zu erreichen) ca. 10 riesige, offene Kartons mit allerlei Leckereien stehen, Sie wissen schon, diese Kisten, aus denen man sich seinen Mischun selbst zusammenstellen kann, jedenfalls eine saublöde Idee, so einen Verlockungsparcours zu errichten, weil der daran vorbeigeführte Hund natürlich gleich noch unwilliger ist, sich anschließend, immer noch in Riechweite der Tröge!, auf ein kleines, gepolstertes Podest hieven zu lassen, um dort diverse Klamotten über den Kopf gezogen zu bekommen.

Pippa zappelt also ordentlich herum, während die Verkäuferin langsam ins Schwitzen gerät, bei dem Versuch, den Lodenmantel an der wackelnden Wurst zu justieren.
Der Mantel sieht gut aus, ist auch von bester Qualität, aber preislich eher was für die Sorte Hundehalter, die hier in Villen haust und deren Hunde wahrscheinlich ganzjährig frieren, weil sie meist nur an der Seepromenade ausgeführt werden.
Das zweite Modell (innen Wolle, außen Kunststoff, dazwischen Goretex) scheidet am lebenden Subjekt sofort aus, es ist zu starr und sperrig, das Fräulein hätte darin nicht genug Bewegungsfreiheit.
Der dritte (und letzte) Versuch ist ein Exemplar von Hunter (nomen hoffentlich non est omen) und passt beinahe wie angegossen. Beinahe, weil der Pulli hinten, zur Rute hin, ein kleines Stück länger sein dürfte, aber die größere Größe schlabbert dann um den Körper herum zu sehr, was ja nicht Sinn der Sache wäre. „Eine sehr schlanke Lady haben Sie da„, kommentiert die Verkäuferin die sich im Wollpullover windende Pippa. „Ja“ , sage ich, „und jetzt habe ich eine kleine Wollwurst!“

Wir nehmen die kleinere Größe; die Farbwahl ist dann denkbar einfach, da es das Teil nur in nutshell oder lambwhite gibt (wer, so frage ich mich, kauft seinem Hund cremeweiße Klamotten? vermutlich auch die Seepromenadenfraktion…). Da so ein wollener Pullover natürlich nichts für eiskalte oder nasse Tage ist, wird zusätzlich noch eine Maßanfertigung für einen wasserdichten Zweitmantel bestellt, aber für trockene, kalte Tage scheint mir der Wollpulli eine gute Wahl zu sein.

Mit dem Nusschalenjäger im Rucksack verlassen wir den Laden eine halbe Stunde später wieder, natürlich nicht, ohne en passant ein paar Knabbereien aus den Kartons gemopst zu haben. Die Verkäuferin zwinkert dazu, klar doch, genau so funktioniert ja Kundenbindung (über dem Eingang prangt schließlich auch ein Schild mit der Aufschrift: „Hier ist der Hund König„, haha).

Das Fräulein blickt eher wenig königlich drein als ich sie vor dem Einsteigen ins Auto erneut in die Wollpelle stecke, aber was sein muss, muss sein. Nun steht einer kleinen Bergtour als Testlauf nichts mehr im Wege.

Und siehe da, schon nach wenigen Metern auf dem Wanderweg ist klar: die Wollwurst fühlt sich pudelwohl. Kein gekrümmter Rücken mehr, keine Bewegungsunlust, kein unglückliches Geschau, kein erbärmliches Gezitter. Wie wunderbar.

Gönnen wir uns also gleich ein kleines Experiment und gehen erstmals einen Weg, der von der Gemeinde seit Jahren als Sackgasse ausgewiesen ist, in meiner Wanderkarte aber als alter Jägersteig markiert ist. Bin ich nun jahrelang brav dran vorbeigelaufen, diesmal wagen wir es und biegen genau dort ab.

Der alte Jägersteig erweist sich als einsamer Pfad durch schönsten Bergwald, im bunten Laub rascheln wir serpentinenweise aufwärts und genießen die klare Luft und die schönen Ausblicke hinüber zum Wallberg.

Waldi (watching Wallberg).

Nach einer Stunde verliert sich der Pfad allmählich bzw. wird von einem Teppich aus Buchenblätter-Schnee-Mix verdeckt.
Ich muss mich nun ganz aufs Dackelfräulein verlassen, die vor mir herläuft, immer mit der Nase am Boden, und den Weg zu wissen scheint (in 99% der Fälle irrt sie auch nicht). Hoffen wir’s einfach mal, dass sie der Spur der Jägersohle folgt!

Keine Markierungen, nirgends, nur die Hundenase, die den Weg findet.

Die kleine Pfadfinderin macht ihre Sache ausgezeichnet – irgendwann gelangen wir aus dem Wald hinaus und im Schnee, auf der freiliegenden Kuppe kurz vor dem Gipfelanstieg zur Baumgartenschneid, ist der Weg auch für Menschen wieder einwandfrei zu erkennen.

Die Wollwurstpelle kann jetzt abgelegt werden, denn ohne tobt es sich besser durch den Schnee, und außerdem hat sich die Hundedame längst warmgelaufen.

Auf den letzten Metern hinauf zur Baumgartenschneid staune ich nicht schlecht über die Fernsicht, die sich von dort oben bietet.
Aus einer albernen Alpinistenarroganz heraus gehörte sie bislang zu den Bergtouren, die ich stets ausgelassen habe, wenn ich in der Tegernseer Region unterwegs war, denn drumherum stehen etliche prominentere und (vermeintlich) spektakulärere Berge, die ich vorzog.

Dabei entpuppt es sich oft als spektakulärer, auch mal den Kandidaten in der zweiten Reihe eine Chance zu geben (worauf manch einer ja auch in Sachen Partnerwahl schwört, wie man immer wieder hört), erst recht seit Beginn dieser Pandemie, denn dort ist weniger bis gar nichts los (ob das auch für Wochenenden so gilt, vermag ich nicht einzuschätzen, weil wir da prinzipiell nicht mehr ausfliegen) und das Gesamterlebnis daher umso nachhaltiger.

Beim Abstieg lassen wir den alten Jägersteig links liegen und laufen Richtung Riederstein, wo wir bei der winzigen Bergkapelle noch kurz den Blick ins Tal mitnehmen, nur kurz, weil Pippa diesen Ort nicht leiden kann, jenseits des Geländers geht’s nämlich dermaßen steil hinab und so beschloss sie schon vor Jahren, sich dort nur noch für ein paar Sekunden aufzuhalten, erst recht, wenn die kleine Loge bereits von einem Kollegen belegt ist, der durch treuherziges Gucken auch noch zwei Hundekekse abstaubt.

Noch eine Viertelstunde den Kreuzweg runter und dann gibt’s endlich die wohlverdiente Pause samt Feierabendbier, zwischenzeitlich sind wir gut drei Stunden unterwegs.

Das Dackelfräulein probiert nun meinen Mantel aus, denn trotz Liegeplatz auf der gepolsterten Sitzbank (freilich auf eigener, mitgeschleppter Matte) wird es empfindlich frisch, als die Sonne sich hinter die Tannen zurückzieht.

Nach einem Plausch mit der Wirtin, die alle paar Minuten sorgenvoll auf ihr Handy schaut oder zur vollen Stunde „an Radio oschoid“ , um die Beschlüsse der Regierung, die die Gastronomie betreffen werden, druckfrisch mitzubekommen – sie hatten sich wirtschaftlich gerade ein wenig erholt von den Folgen des ersten Lockdowns -, packen wir zusammen und wandern zum Parkplatz zurück.

Abstieg von der Galaun.

Im Auto angekommen schalte auch ich den Radio ein, nehme zur Kenntnis, was ab Montag alles nicht mehr geht, weil es eben leider, leider anders nicht ging, bin traurig, dass wieder schwimmbadlose Wochen bevorstehen, bin froh um diesen für längere Zeit letzten Bergtag inklusive Bewirtung, um die Sonne, die sich gelegentlich zeigte, um meinen kleinen Hund, der nicht mehr friert und um die Ruhe, die wir hier tanken konnten, bevor es am Donnerstagabend wieder zurück geht in die große Stadt mit ihrer 122er-Inzidenz (ein Wert, neulich noch als katastrophal klassifiziert, mittlerweile längst moderates Mittelfeld).

Vor Sonnenuntergang greift Sisyphos nochmal beherzt zur Harke…

…wohl wissend, dass das letzte Foto nichts weiter sein wird als eine Momentaufnahme von diesem schönen Abend im Tal.

Das Gereche rächt sich noch am selben Abend erneut mit Rückenschmerzen, ich plädiere daher für eine sofortige Umbennung des zugehörigen Gartengeräts in „Rächen“ und verabschiede mich mit dieser profanen Randnotiz in einen kleinen persönlichen Lockdown.

Bis die Tage & bleiben Sie gesund und munter!

Eine Ode an die Vergänglichkeit.

München, 23. Oktober 2020, um kurz nach 7 Uhr.
Die noch müden Augen weiten sich schlagartig, als ich die Tageszeitung vom Fußabstreifer nehme.

Der Boss auf dem Titelblatt?!? Das gab’s noch nie!
So gering meine Erwartungshaltung bezüglich des heute erschienenen Springsteen-Albums auch war – da macht das Fan-Herz allein schon aus Gewohnheit einen Sprung.

Beim ersten Morgenkaffee mischt sich bald ein Gefühl des Bedauerns hinzu: leider kein Willi-Winkler-Artikel, und auch Herr Kister hatte selbstverständlich Besseres zu tun, also musste durfte der Hentschel den Verriss schreiben, den die anderen beiden so nicht bzw. anders und würdiger in Worte gekleidet hätten. Was soll’s.

Kosmischer Motor? Brief an Gott? Nun ja.
„Letter to you“, so viel ist klar, ist meilenweit davon entfernt, nochmal ein ganz großer Wurf zu sein. Vielmehr wirkt Springsteen auf diesem Album wie einer, der etwas müde – das Leben ist, man muss das so sagen, weitgehend gelebt und ein langer ruhiger Fluss geworden – am Ufer steht, auf die Weiten eines Sees (vermutlich in seinem Privatbesitz) hinausblickt und nochmal ein paar Steinchen springen lässt. Aus Zeitvertreib, aus Melancholie, aus Nostalgie, und weil er wissen will, ob er’s noch kann.

Manche flutschen ihm etwas zu glatt aus der Hand und über die Wasseroberfläche, manche gehen nach nur einem kläglichen Hüpfer plump unter und nur wenigen auserwählten Steinchen gelingt plattelnderweise eine Fluglinie, die dem Zuschauer/-hörer spontan ein ehrfürchtiges Wow! entlockt. Ja, da schau her, er kann’s noch!

Der 71-jährige Springsteen bückt sich keinesfalls wie alter Mann, wenn er Stein um Stein aufhebt und zum Wurf ansetzt, aber inhaltlich und musikalisch dreht er sich wie ein Kreisel um sich selbst, hat nichts Neues mehr zu erzählen, vertraute Versatzstücke werden aneinander gereiht (und bestenfalls neu gemischt), er sucht nicht mehr nach Antworten auf Fragen, die zu stellen er längst aufgehört hat, zumindest im tonkünstlerischen Teil seines Seins.
Die großen Geschichten, sie sind auserzählt, ab einem gewissen Punkt wird halt vieles Wiederholung, und das ist auch nicht weiter verwunder- oder verwerflich (die wenigsten erfinden sich permanent neu oder sprudeln bis ins hohe Alter ungebrochen vor Kreativität), sondern der übliche Lauf der Dinge, erst recht in einem privilegierten, weil zumindest materiell vollkommen wattierten und abgesicherten Leben.

Der Mann mag zwar immer wieder mit seinen Dämonen und Depressionen zu kämpfen haben, die zahlreichen seiner Songs eine gänsehautbescherende Tiefe einhauchten, aber eine gewisse Sorte „Hungergefühle“, wie sie dem Schaffen seiner frühen Jahre noch anzuhören war, peinigt ihn längst nicht mehr.
Er ist satt. Nicht überfressen, aber eben sehr gut gesättigt. Alles, was jetzt noch kommt, ist der Nachschlag zum Nachschlag, die ebenso überflüssige wie klebrige Kirsche auf dem Sahnehäubchen eines Desserts, das bereits aus purem Genuss verzehrt wurde und für dessen Verspeisen nicht mal mehr ein kleines Hüngerchen die Kaumuskeln in Gang gesetzt hatte.
Aus gediegener Gewohnheit wird die Kirsche nun abermals zerkaut, pappt sich wie immer in die Krone des maroden Backenzahns, aber ja, sie schmeckt schon noch, und sie schmeckt erwartungsgemäß süß. Ein Überraschungsgefühl stellt sich beim Verzehr nicht ein, und so ähnlich ist das auch mit den zwölf Songs von „Letter to you“.

Das im Herbst des Lebens produzierte Winter-Album.

In Summe ist’s ein etwas glanzloser Abgesang auf die ehemaligen Glory Days geworden, das neue Album, zwar sind ein paar Perlen dabei (besser gesagt: schöne Momente und tröstende, poesiealbumartige Miniaturen, sogar ein paar verheißungs- und kraftvolle Ausbrüche hie und da), aber das war’s dann auch schon.
Der einst so wunderbar wummernde Zug, die von einem donnernden Herzschlag angetriebene Dampflok, die ihre treue Fangemeinde über Jahrzehnte stets mitzureißen verstand, hat das Land of Hope and Dreams längst verlassen.
Am Horizont ist ihre Rußwolke noch erkennbar, mit kohlegrauen Kringeln malt sie ein farewell in den düsteren Himmel dieser gespaltenen, zerfallenden, immer fremder werdenden Nation.

Oder steht da doch eher fair well?
Man kneift die Augen zusammen, versucht, ganz genau hinzusehen, aber die Schrift am Horizont, sie verblasst zusehends, mit jedem Lidschlag verschwimmt sie ein bisschen mehr. Und es ist auch unerheblich.
Worte sind manchmal kaum mehr als Schall und Rauch, den Noten ergeht es da keinen Deut besser, und bekantlich ist alles, was man mit Liebe betrachtet (oder hört), auf seine ganz eigene Art und Weise schön (wenngleich über Jahrzehnte wiederholte Liebeserklärungen etwas von einer hängengebliebenen Schallplatte haben – sei’s drum, ich steh‘ dazu).

Die Titelschlagzeile der Süddeutschen, gleich unter der Ankündigung der Rezension zum neuen Springsteen-Album, lautet: „Die Situation ist sehr ernst“.
Freilich gilt diese Überschrift weder dem Boss noch seinem Schaffen, sondern der Pandemie und dem Virus, das der Welt zu schaffen macht, bemerkenswerterweise trifft sie aber auch ein bisschen den Kern des neuen Albums: Es ist eine Ode an die Vergänglichkeit und insofern ist seine Botschaft durchaus ernst.
Leider ist es eine etwas öde Ode. Selbst aus den großen Themen der Menschheit (Freundschaft, Liebe, Abschied, Tod…) lässt sich nicht auf Biegen und Brechen ein großer Klangteppich weben, manchmal wird eben nur ein kleiner Bettvorleger draus.

Nun, da die kalte Jahreszeit anbricht, wird manch einer froh und dankbar sein, wenn er seine noch nackten, bettwarmen Füße auf dieses anheimelnde, flauschige Etwas stellen kann, anstatt sie schon frühmorgens dem unwirtlichen, kühlen Boden auszuliefern.

Ja, es wird kalt.
Hüllen wir uns also ruhig ein in diese testamentarischen Töne, die – bei aller erlauchten Ernsthaftigkeit, die ihren Erschaffer getrieben haben mag – nirgends unangenehm pieken, an alten Narben ziepen oder im verwitterten Mansion on the hill (einem seiner besten Songs der frühen Jahre) fest verriegelte Türen jäh aufreißen und das dahinter eingelagerte Innenleben verstaubter und dunkler Räume offenbaren, dessen Anblick man gerade jetzt (oder überhaupt) womöglich nicht mehr ertragen könnte.

One minute you’re here, next minute you’re gone.
Wo er recht hat, hat er recht, der altersweise, gute Mr. Springsteen.

So, ich geh‘ dann mal eine Runde Schwimmen, grüße die Tramps unter meinen Lesern ganz herzlich, wünsche eine angenehme Lektüre des Briefes, der uns heute aus New Jersey gesandt wurde – und allen anderen ein schönes Wochenende.

Zamperl goes Züri!

Gestern ein langer Tag in Zürich.
Mit Hund sind solche Stadtrundgänge etwas strapaziös, man muss aufpassen, sich ja nicht zu viel vorzunehmen und – speziell im Sommer – ausreichend Pausen einzulegen. Erst recht, wenn Shopping angesagt ist. Selbstverständlich nicht für mich. Erstens gehe ich so gut wie nie Shoppen und zweitens schon gleich gar nicht in Zürich.

Ich nutze lediglich die Chance, für Pippa wieder ein originales Appenzeller Halsband zu besorgen, das vor einigen Jahren gekaufte hat letzten Winter den Geist aufgegeben (Kuhbruch, Ledermuff, Schnallenriss), so dass sie seither mit einem Tegernseer Plagiat herumlief, was natürlich an sich wurscht ist, vor allem dem Hund, aber da Madame ja gelegentlich als Model arbeitet, muss auf einen gewissen Standard ihrer ohnehin spärlichen Garderobe dann doch geachtet werden.

Der Herr Caspar, mit dem ich bereits von München aus korrespondierte, wegen Maß, Leder und Ornamenten, hatte die gewünschte Halsung extra aus dem Lager geholt und empfing uns zur verabredeten Zeit in der Boutique am Neumarkt (zwei Häuser weiter bemerke ich einen Shop, der meinen Namen trägt, das ist mir noch nirgendwo untergekommen).

Wir mussten uns ein bisschen sputen, um pünktlich zu sein (und Pünktlichkeit wird hier noch größer geschrieben als in heimischen Gefilden), weil wir zuvor mit einer Freundin des hübsch Bewimperten am Tessiner Platz zum Lunch verabredet waren (ein Dankeschön-Treffen für die Überlassung des Maiensässes in Pretty Prättigau) und daher einmal von West nach Ost die Innenstadt zu durchqueren hatten.

Das Dackelfräulein hechelt hinter mir her, an jedem Brunnen, derer es in Zürich gottseidank viele gibt, halten wir für ein Trinkpäuschen an, auch an dem, der zu Ehren des berühmten Herrn Koller erbaut wurde.

Schon ein schönes Einkaufserlebnis in dem Lädchen am Neumarkt, vor allem für das Fräulein: erst ein Hirsch-Snack, dann Anprobe, anschließend Kurzkraulung, zum Abschied nochmal ein Leckerli (ich widerstehe der für ein paar Sekunden aufpoppenden, albernen Versuchung, mir einen Gürtel oder ein Armband im Partnerlook zu kaufen – eh nicht schwer, wenn man die Preisschilder sieht und modisch sowieso einfach nur peinlich, wenn man nicht von hier ist oder die eigenen Klamotten halbwegs dazu passen).

Zweierlei gönne ich mir dann doch: eine Kaffee-und-Kuchen-Pause in einer lauschigen Gasse…

…und eine kleine Rundfahrt auf dem Zürisee, die nichts kostet, weil das Tagesticket für die öffentlichen Verkehrsbetriebe erfreulicherweise auch Wasserwege beinhaltet.

„Klein“, das bedeutet auf dem Zürisee anderthalb Stunden, aber das tut sowas von gut, einfach mal die Füße hochzulegen, in der Sonne zu sitzen und den Blick über all die schönen Ortschaften am Seeufer schweifen zu lassen, einer lippenaufgespritzten Blondine beim Verzehr ihrer drei Salatblätter zuzugucken (vermutlich eine große Mahlzeit für sie), sich darüber zu freuen, dass die Visage ihres Mackers zur Hälfte hinter einer Maske mit Ferrari-Logo verschwindet und nebenbei der Unterhaltung einer Schweizer Familie zu lauschen (diese „ch“-Laute begeistern mich).

Ganymed, der Schönste unter den Sterblichen, winkt uns zurück in den Hafen und in der Abendsonne sitzen wir noch lange im Arboretum, bis wir schließlich über den Mythenquai und den Bürkliplatz zurückspazieren nach Bellevue, von wo aus unser Bus nach Küsnacht abfährt.

Was übrigens so gar nicht zu dem gemächlichen, moderaten Schweizer Naturell passt: die hiesigen Busfahrer und ihr Fahrstil.

Die heizen hier dermaßen durch die Hügel und Uferstraßen, dass man in jeder Kurve und bei jeder Bremsung brutal in den Sitz gepresst wird und den kleinen Hund besser auf den Schoß nimmt, damit er nicht kreuz und quer durch den Bus geschleudert wird. Da blitzt ja glatt mal ein Temperament auf, mannomann, und erstaunlich auch, dass alle anderen Fahrgäste daran schon so gewöhnt sind, dass sie nicht mal mehr mit der Wimper zucken ob des Gebretters.

Abends dann ein Gin Tonic, der mir etwas zusetzte, weil ich alles, was prozentual krasser daherkommt als mein sanftes, bernsteinfarbenes Weißbier nicht vertrage. Erst morgens, nach dem recht frischen Freibadbesuch (der Schweizer schwimmt kälter, und zwar deutlich), wieder einen vollständig klaren Kopf gehabt.

Heute relativer Ruhetag. Nur eine zweistündige Wasserfall- und Drachenhöhlenrunde durch den Tobel. Die Fee ist glücklich. Ich auch. Gefällt uns letztlich besser als jeder Stadtausflug.

Die Freundin hat ihre Arbeitswoche nun beendet, zum Abendessen geht es nachher hinunter an den See. Morgen eine Wanderung mit Kind und Kegel, d.h. mit den 2 Jungs und dem 1 Jagdhund.

Von sieben (!) verschiedenen Seiten erhalte ich die Nachricht, der Barde aus New Jersey habe nun das Release-Datum seines neuen Albums verkündet.
Danke, ihr Lieben, ich hätte das hier im fernen Nicht-EU-Ausland und mit nur sehr sporadischem Netzzugang glatt verpasst!

„The Power Of A Prayer“ heißt einer der zwölf Titel, „If I Was A Priest“ ein anderer.

Na dann.

Kaufen Sie ein Bad!

Wie Sie ja vielleicht eh schon an dem aktualisierten Dive-In-Day-Countdown auf der Startseite meines Blogs gesehen haben: Das große Re-Opening des Lieblingsbades wurde nochmal um drei Tage verschoben.
Auf Fronleichnam, d.h. auf Donnerstag, den 11. Juni.

Als Grund wurde das Wetter vorgeschoben: von Montag bis Mittwoch sei es im schönen Bayernland leider zu regnerisch, deshalb eröffne man nun lieber erst drei Tage später. Hä?
Alles Mumpitz!
Der wahre Grund, Sie ahnen es eh: Bill Gates, der ja bekanntlich das Wetter unter Kontrolle hat, konnte Markus Söder, der ja bekanntlich Bayern unter Kontrolle hat, nicht rechtzeitig eine geeignete Software zuspielen, die dem schwimmenden Bayernvolke die Online-Reservierung seiner Schwimmbadeintritte erlaubt hätte.

Weil das aber niemand so offen zugeben wollte, schon gar nicht Markus Söder, der ja gerade einen sensationellen Lauf hat (um nicht zu sagen: das Momentum seiner Karriere) und sich das durch keinerlei Schlingern oder Stolpern verhunzen will, schon gar nicht durch etwas so Überflüssiges wie der popligen Freibadsaison im Freistaate, hat Bill kurzerhand seinem Kumpel Markus ein Tief nach Süddeutschland geschickt, das es den Bäderbetrieben ermöglicht hat, die abermals vertagte Wiedereröffnung der Schwimmbäder auf das schlechte Wetter zu schieben.
Speziell im Falle meines Lieblingsbades ist das allerdings ein ausgesprochen schwaches Argument, da das Bad, das ja ein Ganzjahresfreibad ist, seine Pforten in den letzten 20 Jahren kein einziges Mal wegen einer meteorologischen Lächerlichkeit wie „13 Grad & leichte Schauerneigung“ geschlossen hatte.
Das neue Online-Reservierungssystem wurde von den Stadtwerken also für den morgigen Mittwoch, für den Bill Gates der Deutsche Wetterdienst 15 Grad vorhergesagt hat, angekündigt.

Weil ich dem Braten nicht traue und mich in den vergangenen 10 Tagen eh längst dran gewöhnt habe, dreimal täglich auf die entsprechende Seite der Stadtwerke, auf der die News zu den Münchner Bädern veröffentlicht werden, zu gucken, staune ich heute Morgen nicht schlecht, als ich das bereits am heutigen Dienstag freigeschaltete Buchungssystem entdecke.
Sakkradi, da san’s aba flott gwen, die Diwellopper aus Minga!

Ganze Arbeit, das muss man der IT-Abteilung der SWM wirklich lassen!
Und so anwenderfreundlich gestaltet und erklärt! Da haben die echt gut dran getan, dass sie die Regentage noch für letzte Testdurchläufe und Feinschliff an der Anwendung genutzt haben, anstatt das Ding halbfertig auf den Kunden loszulassen, wie das ja leider viel zu oft passiert. Vorbildlich!

Ich zögere keine Sekunde und kaufe sofort das gesamte Bad.
Natürlich nicht für einen alten Tag, sondern für einen neuen, denn das will ich mir nach den drei echt harten Monaten fern der chlorreichen Fluten schon gönnen!

Zwar muss man bei der Reservierung zwingend ein Zeitfenster (im User-Guide „Terminnummer“ genannt) eingeben, aber bei der finalen Bestätigung, die einem das System per Mail zukommen lässt, nachdem man den Buchungsvorgang nur schlappe 3x in Folge abzuschließen versucht hat, ist keine Rede mehr von dem zuvor ausgewählten Zeitfenster, sondern es wird einem – wie ja auch schon im Guide angekündigt – der Kauf des gesamten Bades bestätigt.

Für 15,5 Stunden habe ich übermorgen Zugang – und das für lächerliche 4,50€, da kann man nu wirklich nicht meckern.
Mit zwei bis drei Pipipausen (die WCs haben ja – im Unterschied zu Duschen und Umkleiden – geöffnet) und den Umziehzeiten bringe ich es da locker auf 26 Kilometer, womit in einem Rutsch ca. fünfeinhalb verpasste Schwimmwochen nachgeholt wären, und wenn ich das 3x so praktiziere, was kein Problem sein sollte, da ich das Bad ja nun gekauft habe, hab ich die Pandemie-Pause streckenmäßig und muskulär locker wieder reingeholt.

Kurz nachdem ich meinen ersten QR-Code erhalten habe, ist der Link zum Online-Buchungssystem plötzlich verschwunden. Das stelle ich nur deshalb fest, weil ich mir als frischgebackene Badeigentümerin gleich noch den zweiten Tag reservieren wollte, die wollen sich dort ja schließlich auf meine Besuche einstellen.
Das gibt es doch nicht!
Das Reservierungssystem ist wie vom Erdboden verschluckt!
Ich überprüfe das parallel zur enervierenden Arbeit an der Steuererklärung im Laufe des Vormittags noch mehrfach – aber Tatsache: der Link taucht nicht mehr auf, bis jetzt nicht.

Daraus folgere ich messerscharf, dass das mit dem Kauf des Bades nicht der Hauch von Kundenverarsche war, sondern ich am Donnerstag die einzige Besucherin in meinem (!) frisch rausgeputzten und endlich wiedereröffneten Freibad sein werde.
Dass die Umkleiden zu sind, kann mir dann ja auch wurscht sein.
Traumhaft! Social distancing vom Feinsten!

Mein Tipp für Sie: Falls morgen Früh dann das Schyrenbad, das Prinze und die Georgenschwaige zum Verkauf stehen, womit zu rechnen ist, da der Launch für das Buchungsportal ja offiziell für Mittwoch angekündigt war, seien Sie fix und sichern Sie sich mit nur wenigen Mausklicks diese sensationellen Schnäppchen.

Und wenn Sie das Schyrenbad erwerben sollten, geben Sie doch bitte unbedingt Bescheid.
Denn dann könnten wir mal tauschen: Sie für einen Tag in mein Dantebad, ich in Ihr Schyrenbad.
Ein bisschen Abwechslung schadet ja nicht bei diesen 15-stündigen Schwimmmarathons.

Himmel der Bayern (75): Über den Berg.

Alle Sommerkonzerte abgesagt, das Tollwood abgesagt, die Wiesn abgesagt – und obwohl mir von den drei genannten Absagen zwei ziemlich wurscht sind, war diese Stornoserie für mich der Anlass, endgültig umzudenken und umzuplanen, was die nächsten Monate angeht. Merkel, Söder, Reiter – alle sagen’s, mia san no lang ned überm Berg.

Dann ist das wohl jetzt so.

Bis man also wieder Schwimmen gehen auf Almen oder Hütten ein frisch gezapftes Weißbier wird konsumieren können, kann es noch dauern. So muss eben künftig das Weißbier mit auf den Berg kommen. Da hat es der Fan vom Hellen, vom Pils oder vom Kölsch eindeutig leichter, weil diese Biersorten auch problemlos aus der Flasche getrunken werden können. Nicht so das Weißbier. Allein schon wegen des Schaums haut das nicht hin und auch sonst wär’s ein Sakrileg.

Flasche und Glas mit in die Höhe zu schleppen behagt mir aber gar nicht und würde auch allmählich zum Platz- und Gewichtsproblem ausarten (nein, nein, nicht das Biertrinken, sondern Stauraum und Schwere des Rucksacks!). Mit Proviant für Mensch und Hund, Wechselwäsche, Verbandskasten, Hundetrage und -decke schlepp ich ja schon genug Krempel durch die Gegend.

Deshalb mal ganz zaghaft nach „Weißbierglas Plastik“ und – noch kühner! – nach „Weißbierglas faltbar“ gegoogelt, und siehe da: das gibt’s alles!
Das faltbare Modell nehm ich dann doch nicht, es ist potthässlich, wirkt arg instabil und erinnert mich zu sehr an den faltbaren Trinknapf des Dackelfräuleins. Man wird einander im Laufe der gemeinsamen Jahre ohnehin immer ähnlicher (optisch, mental, emotional und habituell), diese Entwicklung muss jetzt nicht noch durch die Anschaffung fast identischer Schlürfschüsseln forciert werden.

Trotz der COVID-19-bedingt deutlich längeren Lieferzeit, auf die Amazon auf jeder Seite fettgedruckt hinweist, rechne ich noch vor Pfingsten mit einem ersten glücksüberschäumenden Gipfelschluck aus meiner geschätzten Schneider Weissen TAP7. Gute Aussichten (und bis dahin behelf ich mir halt irgendwie).

Nach einem Arbeitsvormittag dann mittags rausgefahren, zur Vor-Ort-Recherche. Sie wissen schon: Strecken erkunden für das Büchlein „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“.

Heute: der Rechelkopf.

Wir grasen jetzt einfach nacheinander alle Touren ab, die wir in den letzten 30 Jahren ebenso arrogant („Ein Berg unter 1.565m Höhe ist kein richtiger Berg!„) wie ignorant („Zwiesel, Rechelkopf, Sonntratn – nie gehört! Wo soll das denn sein?“) links liegen ließen.

Bis wir damit durch sind, ist das Coronavirus längst über alle Berge. Und wir auch.

Dem Dackelfräulein gefällt das neu organisierte Programm ganz ausgezeichnet, bietet es doch ein ideales Ventil, den urbanen Überdruss abzubauen und sich fern aller kritischen Blicke und Streifenwagen mal so richtig auszutoben.

Zwar hadere ich etwas mit dem Hellen, aber übergangsweise geht’s schon mal.

Ein Prosit der Gemütlichkeit aus der Abendsonne in der vollkommenen Stille auf der Schwaigeralm!

Auf dem Abstieg entdeckt: die Schwaigeralm.

Windgeschützt kann das Fräulein sein Abendmahl einnehmen…

…leider ist die Portion wie immer lächerlich klein…

…weshalb direkt danach gebettelt wird…

…aber nix da, mein Brot gehört mir!

spooky & retro.

Binnen fünf Tagen haben die vier Supermärkte im näheren Umfeld sukzessive neue Einkaufsregeln eingeführt.

In zwei Geschäften gibt es jetzt „Türsteher“, deren Job es ist, grimmig zu gucken, wenn im Eingangsbereich zu viel Gedrängel entsteht. In einem anderen Laden laufen „Kontrolleure“ durch die Regalreihen und sprechen die eventuell zu distanzlose Kundschaft direkt an. Der vierte Supermarkt hat die Türen nun vorsorglich geschlossen und ein Security-Mensch lässt die Kunden nur portionsweise hinein, nie mehr als 20 auf einmal. Zusätzlich haben sie seit heute noch einen neuen Mitarbeiter, der einem nach Betreten des Geschäfts den Einkaufswagen „vorbereitet“: aus den ineinandergeschobenen Wägen zieht er einen raus, sprüht den Griff mit Desinfektionsspray ein, wischt gründlich nach und übergibt einem das Gefährt. Und zwar zwingend, d.h. jeder muss einen Wagen nehmen, selbst wenn er nur ein paar Dinge besorgen möchte oder einen eigenen Korb dabeihat. Hintergrund: so lässt sich das mit den 20 Besuchern noch einfacher kontrollieren (alle Wägen weg = 20 Leute drin) und zudem fungieren die Einkaufswägen als „Abstandhalter“, wie mir der nette, für die Griffreinigung und Wagenausgabe zuständige Mitarbeiter erklärt.

Neben dem Obst- und Gemüsebereich steht ein weiterer „Aufpasser“, der den Kunden Sätze wie „Bitte warten Sie, bis die Dame vor Ihnen fertig ist“ oder „Bitte fassen Sie nur die Karotte an, die Sie dann auch kaufen oder benutzen Sie die Zangen“ zuruft.
Als ich das Fach mit dem Trevisano inspiziere, steht fünf Fächer neben mir ein braungebrannter, sportlicher Mann, Typ Surfer oder Beachvolleyballer, vor dem Spinat und spricht mich von der Seite an: „Hey, das ist ja alles voll spooky hier – wie lang ist das denn schon so?“. Ich wundere mich zwar etwas über diese Frage, erkläre ihm aber in ein paar Sätzen, dass und wie sich „das alles“ in den letzten zwei Wochen nach und nach so entwickelt hat, wegen des Coronavirus („…davon haben Sie ja bestimmt schon gehört, oder?“, woraufhin er erfreulicherweise lächelt und nickt) und erfahre dann, dass er heute Morgen aus Bali zurückgekommen sei, mit dem letzten Flieger, mit dem Touristen nachhause transportiert wurden. „Tja“, sage ich, „dann mal herzlich Willkommen und gutes Einleben im neuen Alltag!“.

Im Kassenbereich begegnen wir einander nochmal und da er mit der Bedeutung der gelben Punkte auf dem Boden noch nicht vertraut ist (jeder gelbe Punkt markiert einen Standort für einen Einkaufswagen), erläutere ich ihm erneut ein paar Regeln.
In seiner sonnengegerbten Urlaubervisage mischen sich Verwunderung und Amüsement, wieder sagt er „spooky!“ und schüttelt den Kopf und dann verabschieden wir uns zum zweiten Mal.

*****

Gegenüber, an einem corona-verwaisten Spielplatz, hat die Nachbarschaft am Donnerstag einen „Gabenzaun“ organisiert.

Als ich gestern vom Joggen heimkomme, steht das Kamerateam eines lokalen TV-Senders vor dem Zaun und bittet mich um ein „Kurzinterview“. Ich fahre mir noch schnell durchs verschwitzte Haar, lasse den Sportwalkman in der Jackentasche verschwinden (für eine TV-Premiere will man selbst mitten in einer Pandemie nicht völlig derangiert aussehen) und beantworte die Fragen:

Bemerkt habe ich den Zaun am Vorabend, beim Nachtgang mit dem Dackelfräulein (das die vielen Tüten erstmal irritiert angebellt hat, bis ich ihr erklärt hatte, was es damit auf sich hat). Ja, finde ich gut. Ja, wir werden da mitmachen. Wahrscheinlich zuerst mit einer Tüte voller Hundefutter.
Nein, die bisherigen Tüten, die da hängen, finde ich trotz Beschriftung noch nicht ideal, zu viel Verschiedenes drin (Klamotten, Essen, Trinken, Körperpflegeprodukte, Tierfutter – alles kreuz und quer).

Letzteres bewahrheitet sich bereits einen Tag später.
Heute Morgen sind zwar alle ca. 25 Tüten von gestern Abend weg, aber der gesamte Zaun hängt nun mit einzelnen, offenbar nicht benötigten oder unpassenden Klamotten voll. Sieht bunt und fröhlich aus, noch.

Spätestens übermorgen, wenn es kalt und windig wird, ist es nicht mehr bunt und fröhlich, sondern ein weiterer Beitrag zur Vermüllung der Stadt, die eh schon munter voranschreitet.

Denn im Viertel wird eifrig ausgemistet und da die Wertstoffhöfe geschlossen haben, stellt jeder Trottel seinen Sperrmüll nun im Karton auf die Straße, weil er ihn anderweitig nicht mehr los wird und sich die Hausmülltonne derzeit nicht mehr so gut heimlich und rücksichtslos vollmüllen lässt, weil halt zu viele Nachbarn zuhause sind und diese Unsitte daher zu leicht bemerkt werden könnte.

Und man will sich dieser Tage schließlich nicht schlecht stellen mit seinen Nachbarn. Wer weiß, was noch kommt und wozu man einander noch brauchen wird.

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Der Badumbau und die Wasserschadensanierung in unserer Wohnung sind nun tatsächlich zu 97% über die Bühne. Grad noch rechtzeitig geschafft, das Wesentliche, denn ab sofort bekommt man Handwerkertermine nur noch bei Notfällen. Lolek wird noch einmal hier vorbeikommen, wenn die Duschabtrennung ausgetauscht werden muss, sofern der Hersteller noch die Kapazitäten hat, sie diesmal in den korrekten Maßen zu produzieren – und zu liefern. Wir werden sehen, ob der Osterhase uns dieses Geschenk bringen wird oder ob es erst mit dem Heiligen Geist eintrifft.

„Jetzt darf hier nichts mehr kaputtgehen!“, sage ich dieser Tage zum Gatten, nachdem ich die nach acht Wochen endlich (!) wieder in die wasserschadensanierte Kammer eingebauten Regale glücklich mit all dem Krempel befülle, der nun wochenlang irgendwo herumstand oder zwischen- und ausgelagert wurde.

Noch am selben Abend schwächelt erst der Fernseher (HDMI-Buchse hat einen Wackelkontakt) und kurz drauf segnet eine der beiden Unterschrankleuchtschienen in der Küche das Zeitliche (dummerweise die über dem Spülbecken).

Das TV-Gerät entscheidet sich nach diversen Fehlertestszenarien dazu, ab sofort jeden zweiten Abend zu funktionieren und dazwischen zu pausieren. Einen Kundenservicemitarbeiter bekommt man derzeit weder ans Telefon noch ins Haus, ein Neukauf ist uns wegen eines läppischen Wackelkontakts (noch) zu absurd und kostspielig. Wir behelfen uns also mit dem Laptop des Gatten und gucken nun dort die Coronanachrichten, wenn der Fernseher streikt.

Mit dem Ersatz für die defekte Unterschrankleuchtleiste hatte ich riesiges Glück. Nachdem ich online alle relevanten Baumärkte und andere Händler durchforstet hatte, und dort meist mit Lieferzeiten von 3-6 Wochen (für ein Produkt, das man noch vor 10 Tagen völlig problemlos und ad hoc in jedem Baumarkt hätte kaufen können) oder dem Hinweis „derzeit nicht auf Lager“ konfrontiert wurde, ergatterte ich schließlich die beiden letzten Leuchtschienen dieser Art bei lampenwelt.de. Ich habe zwei bestellt, weil die, die wir bislang hatten, überall ausverkauft waren, und wenn man Wert auf dieselbe Lichtstärke (und -farbe) legt – ein Luxus, den ich mir derzeit glatt noch erlaube – blieb mir nichts anderes übrig, als gleich beide Leuchtleisten zu erneuern, auch auf die Gefahr hin, dass ich damit nun zu den Unterschrankleuchtleisten-Hamsterern gehöre.

Auch die Konsumentenpersönlichkeit verändert sich momentan ja ähnlich rasch wie die Nachrichtenlage und der Alltag im Allgemeinen und im Besonderen.

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Gestern ein Geburts_Tag im Retro-Stil.
Das eigentliche Geschenk, das ich dem Gatten zugedacht hatte, entfiel, weil Alpaka-Wanderungen mit mehr als 1 Mensch und 1 Alpaka nun als unbotmäßige Versammlung gewertet werden und nicht mehr zulässig sind und weil das in der Nähe des voralpenländischen Alpaka-Hofes gelegene Hotel, in dem ich uns anlässlich dieser Exkursion eingebucht hatte, seine Pforten schließen musste. Auch die Idee fürs Ersatz-Geschenk zerschlug sich, weil das bestellte Produkt aus Schweden anreisen müsste, die Schweden aber momentan noch mit Skifahren und einem relativ normalen Leben beschäftigt, die haben grad keine Zeit für Geburtstagssendungen ins verseuchte Nachbarland.
Blieb nur noch ein kleines Packerl auf dem Frühstückstisch übrig, ein schon lange in meiner Schublade lagerndes Sommershirt für den Gatten (Rubrik „Präsente für zwischendurch“), das ihm aber vielleicht demnächst als eine Art Passierschein dienen könnte, falls noch Zeiten kommen sollten, in denen man nur noch mit absolut triftigem Grund vor die Tür dürfte (= Verrichtung der Geschäfte des Dackelfräuleins).

Das Hauptpräsent bestand nun darin, wie anno dazumal eine kleine Ausfahrt ins Grüne zu machen. Erstmals seit zwei Wochen gönnen wir es uns, ein ganzes Stück raus zu fahren aus München (um Himmels Willen aber nicht an den Tegernsee, wo sie inzwischen die Autos mit Münchner Kennzeichen mit Eiern oder Vorwürfen bewerfen, wie der Papa mir berichtet). Vorher bestücke ich daheim einen geburtstäglichen Picknickkorb und schleppe ihn mit (bzw. lasse den Jubilar schleppen).

Der vierstündige Spaziergang tut unglaublich gut, die einsamen Fleckerl, an denen es erst Brotzeit und später Kuchen gibt, liegen so idyllisch, dass ich mich frage, warum eigentlich erst ein Virus daherkommen muss, damit man so einen Tag mal auf diese Weise verbringt: back to the roots, ohne großen Zinnober, ohne irgendwas Besonderes, sondern einfach nur wandernd in der Natur, die ja besonders genug ist (besonders im schönen Oberland), auf Bänken rastend, alle möglichen Leckereien spachtelnd und aus viel hübscheren Tassen trinkend als man sie je in einem Ausflugscafé vorgestezt bekäme. So eine Unternehmung ist zudem auch viel preiswerter als ein Ausflug mit Einkehr, außerdem ist alles bio und mitnichten von geringerer Qualität als im Biergarten.

Thermoskannenhersteller werden wohl zu den Profiteuren dieser Krise gehören, denke ich unterwegs. Und zum ersten Mal spüre ich ein Bedauern darüber, dass ich den noblen Picknick-Koffer, den ich einst 1997 zu meiner Ersthochzeit mit dem Gymnasiallehrer geschenkt bekam (und der seinerzeit auf Platz 2 der Top 5 der geistlosesten Hochzeitsgeschenke landete), nach ein paar staubigen Jahren im Kellerregal ins Sozialkaufhaus getragen habe, weil M. und ich damals nie auf die Idee gekommen wären, mit diesem spießigen, geflochtenen Köfferchen ins Grüne zu fahren. Nun gut, das unruhige florale Design der im Koffer enthaltenen Keramik würde mir immer noch nicht zusagen.

Schöner Tag jedenfalls, auch der Gatte war zufrieden mit Programm und Gaben.

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Dennoch (und mal ganz banal formuliert): ich wünsche mir mein Leben zurück, so wie es vor dem Wasserschaden und vor allem vor Corona war.

Ich wünsche mir, dass es beim Lieblingsbäcker wieder jeden Tag Brezen gibt und nicht nur ein Schmalspur-Sortiment. Ich wünsche mir, dass das Lieblingsschwimmbad wieder öffnet und man dort in der glitzernden Frühlingssonne seine Bahnen ziehen kann. Ich wünsche mir, den Papa wieder besuchen zu können, ohne danach Eier von der Motorhaube wischen zu müssen. Ich wünsche mir, die Triftigkeit von Gründen wieder nach eigenem Ermessen festlegen zu können. Ich wünsche mir, meine Freunde wiedersehen zu können. Ich wünsche mir, einen Kaffee im „Isarfräulein“ trinken zu können, während Pippa mit dem Hund der Cafébesitzerin schmust. Ich wünsche mir, dass auch all die kleinen Geschäfte hier im Viertel nach der Pandemie noch am Leben sind und jetzt nicht reihenweise Existenzen zerstört werden. Ich wünsche mir, dass meine Auftraggeber diese Zeiten überstehen und weiterhin Aufträge vergeben können. Ich wünsche mir, dass die Risikogruppen den Schutz bekommen, den sie brauchen und dass es bald einen Test auf Immunität gegen SARS-CoV-2 gibt und dass all die, die dann immun sind, besser mitanpacken können. Ich wünsche mir, dass die Welt sich nach dem Ende dieses Spuks in mancher Hinsicht anders weiterdreht als zuvor und wir alle etwas dankbarer und vielleicht auch demütiger werden, so wir es momentan sind, wenn man beim Samstagmorgeneinkauf tatsächlich alles, was man auf dem Einkaufszettel notiert hat, auch bekommt oder man in den eigenen vier Wänden jemanden hat, mit dem man gerne frühstückt und den man sogar bitten kann, einem die Haare zu schneiden, in Zeiten, wo einen ja eh kaum jemand sieht.

Der wachsende Andrang beim Coronatest-Drive-In auf der Theresienwiese deutet aber, wie so vieles andere auch, eher nicht darauf hin, dass diese Rückkehr zum Leben wie es mal war in Kürze schon wieder bevorstünde.
Es heißt wohl weiterhin, das Leben erstmal anders weiterzuleben, sich auf vielen Ebenen neu zu sortieren und zu justieren in diesem ungewöhnlichen Frühling 2020. Und dabei nicht zu verzagen, froh zu sein, dass man nicht hustet und dass zumindest der Gatte ein krisensicheres Einkommen hat, den Humor nicht zu verlieren und gleichwohl diese schwierige Zeit auch zum Nach- und Überdenken von so manchem zu nutzen.

Ein schönes Wochenende und alles Gute Ihnen!

Song des Tages (49).

Gestern Mittag noch schnell eine sogenannte Solo-Selbständige – man lernt ja nun auch neues Vokabular kennen – unterstützt: unsere Hundefriseuse, die schon etwas blass um die Nase war, weil sie seit Tagen den Anruf vom Gesundheitsamt fürchtet, mit dem man sie zur Schließung ihres kleinen Geschäfts auffordern wird.
Der kam dann sicher direkt, nachdem das Dackelfräulein und ich den Laden verlassen hatten, um 12:38 Uhr waren die neuen, coronabedingten Allgemeinverfügungen für Bayern bekannt gegeben worden.

Um unnötige Zusatz-Ausflüge vor die Tür zu vermeiden, frisch geschoren gleich weiter zum Gassi am menschenleeren Kanal…

…überall in der Stadt mittlerweile Hinweise, auf welch dünnem Eis wir uns derzeit bewegen.

Auf dem Heinweg hält an einer Ampel ein Porsche Cayenne neben mir.
Vier runtergelassene Fenster, vier unglaublich junge Proleten drin (man weiß gar nicht, was man sich zuerst fragen soll: ob die überhaupt schon den Führerschein haben oder wie die zu so einer Karre kommen), viermal trinkend und grölend. „Corona, Corona!“, rufen sie.
Mir wird mulmig, ich will sie vorlassen, aber sie fahren nicht los, als es grün wird, sondern erst, als ich Gas gebe und um die Kurve fahre. Dann hab ich sie hinter mir, sehr unangenehm, bis vor unsere Haustür hab ich diese Idioten hinter mir und kann im Rückspiegel beobachten, wie sie am gesamten Bavariaring, der die Theresienwiese säumt, jeden Passanten und Radfahrer anpöbeln, indem sie sich aus dem Fenster lehnen und „Corona, Corona!“ brüllen.
Als ich blinke und bremse, um das Auto zu parken, donnern sie hupend an mir vorbei.

Ich muss an die Sache mit den Hundehaufen denken, als ich das Trottel-Quartett wegrasen sehe. Jeder Hundehaufen in unseren städtischen Grünstreifen und Parks, der nicht weggeräumt wird, versaut auch denen, die das täglich ordentlich machen, die Freiheiten, die eigentlich jeder Hundehalter gern hätte: dass man mit seinem Hund überall spazierengehen darf, dass Hunde wohl gelitten sind, dass es nur wenige Orte mit Leinen- oder gar Maulkorbpflicht gibt, dass es mehr Freiräume als Verbotszonen gibt. Scheiße ist’s, dass das nicht klappt.

Oben in der Wohnung schenke ich mir ein Weißbier ein, nehme es mit nach draußen, setze mich nochmal auf eine freie Parkbank und gucke eine Weile geradeaus. Üblicherweise entspannt mich dieses zweckfreie, ruhige Geradeausgucken auf die gegenüberliegende Theresienhöhe und die Bavaria vor der Ruhmeshalle in der Spätnachmittagssonne.
Diesmal eher nicht, denn gegenüber, das heißt nun auch: die Autokolonne vor dem Corona-Drive-In, hohe Polizeipräsenz auf der Wiesn, sogar ein Hubschrauber landet in der Nähe der Testzelte, keine Ahnung, wieso.
Fünfzig Meter entfernt bespaßen die Nachbarn unter uns nochmal ihre zwei quirligen kleinen Kinder, spielen zu viert Federball, wir winken uns aus der Entfernung zu.
Am letzten Tag des Freigangs kaum noch Gruppenbildung und überall viel Abstand.
Schade, zu spät.

Ausgeschaukelt! (Impressionen aus der Nachbarschaft)

In der Nacht schlägt das Wetter um, von Vorfrühling auf Restwinter.
Heute Morgen ist es, passend zu Tag 1 mit Ausgangsbeschränkung, grau, kalt und regnerisch in meiner Heimatstadt.

Wie jeden Morgen klappert einer von uns die fünf Supermärkte in der Lindwurmstraße ab, um zu schauen, ob es irgendwo wieder Seife gibt (alles andere, was uns fehlte, haben wir im Laufe der Woche bekommen). Fehlanzeige, auch heute.
Ich muss mich noch dran gewöhnen, die Einkaufszettel jetzt nicht mehr unmittelbar nach den Besorgungsgängen wegzuwerfen, sondern Überträge der nicht ergatterten Waren auf neue Zettel vorzunehmen.

Der Biomarkt öffnet seit heute erst um 10 Uhr seine Pforten, wegen der schrumpfenden Personalkapazität und weil die noch arbeitsfähigen Mitarbeiter eh schon schuften wie die Wilden und es mit weniger Leuten nun eben morgens länger dauert, bis die Regale wieder gefüllt sind.

Dort und in anderen Supermärkten erlebt man jetzt Szenen, die sich ungewohnt und fremd anfühlen.
Eine Kundin faucht eine andere an, weil sie ihr in der Schlange vor der Brottheke zu nah gekommen ist, dabei versuchte die Gerügte nur, mit ihrem Einkaufswagen irgendwie an den Wartenden vorbeizukommen.
Ein Paar beschimpft einen zauseligen älteren Herrn, der für ihr Empfinden zu lange im losen Spinat herumfingert, um sich die schönsten Blättchen aus dem Korbe herauszupicken und in seine Papiertüte zu stecken.
Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, krakeelt „Mami, der Mann da vorn hat Corona, der hat gehustet!“.
Vor den Kassen geht es, zumindest im Biomarkt, sehr gesittet und exakt gemäß der neuen Abstandsregeln zu. Allerdings nur, so lange der Rückstau der Schlange nicht bis in den Nudel- und Nudelsaucen-Flur hineinreicht, denn dort herrscht – mal wieder – großer Andrang und noch größeres Aufstöhnen (ausgedünntes Sortiment).
Bei der Hofpfisterei wartet die Kundschaft draußen im Regen, ein loses Grüppchen, durch die aufgespannten Schirme eh schon in passablem Abstand stehend. Drinnen immer nur ein Kunde, und der brav hinter einer auf den Boden geklebten Markierung stehend. Man ruft der Verkäuferin zu, was man gern hätte und da sonst niemand im Raum ist, versteht sie einen auch auf die Entfernung (fast 3 Meter). An den Bezahlvorgang wird man sich noch gewöhnen müssen, denn der geht jetzt so: Der Betrag wird einem zugerufen, dann geht die Verkäuferin einige Schritte zurück, man selbst überschreitet nun die Markierung und legt seinen Geldschein auf die Theke. Anschließend begibt man sich wieder hinter die Grenzlinie, währenddessen bewegt sich die Verkäuferin zum Geldschein, nimmt das Wechselgeld aus der Kasse, weicht wieder zurück und die eben beschriebene Choreografie wiederholt sich. Draußen stehen acht wartende Kunden in allen Stimmungslagen von missmutig bis geduldig im strömenden Regen.

So ein Durchschnittseinkauf – Brot, Gemüse, Obst und ein paar andere Dinge – dauert nun erheblich länger. Aber da vieles andere nun flachfällt, nämlich all das, was man gar nicht mehr erledigen könnte, selbst wenn man wollte oder müsste, wird ja auch Zeit frei.

Manches da draußen wirkt wie aus den Fugen geraten. Es muss sich erst wieder neu zusammenfügen, bis man weniger darüber staunt und routinierter damit umgeht.
Die gewohnten Maße und Verhältnisse haben sich teilweise aufgelöst, sogar auf das Gemüse scheint dieses Phänomen überzuspringen, denn die Karotte hat auf einmal Gurkengröße und umgekehrt.

Irritiert lege ich beides in den Wagen und hoffe drauf, dass wenigstens geschmacklich noch alles beim Alten geblieben ist, und ansonsten muss man halt nach Rezepten für Kartoffen-Gurken-Gratin googeln. Obwohl ich seit zwei Tagen eher wenig google. Ich habe meine Aufenthalte im Internet stark reduziert, weil ich mich nicht mehr im Stundentakt dem Ticken all der Live-Ticker und Pressemeldungen aussetzen möchte.
Irgendwann muss man ja auch noch leben oder mal drüber nachdenken, wie man jetzt leben kann (oder muss) und fürderhin leben wird. Zu Letzterem empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Artikels.
Was mich angeht, so will ich mich an genau solche Stimmen und Denkweisen halten und keinesfalls in den Sog von Schwarzmalereien, Angstszenarien, Apokalypsevorstellungen oder Verschwörungstheorien geraten.
Nachts träume ich ohnehin schon von Christian Drosten, der mich per Zufallsgenerator als Probandin für irgendein Präventivprogramm auserkoren und dann höchstpersönlich via Skype angerufen hat – das reicht.
(Auch wenn Herr Drosten beim Skypen ausgesprochen nett war, mir sein spöder Humor sofort gefiel und wir nebenbei amüsiert feststellten, dass wir zwar derselbe Jahrgang sind, ich aber ungleich ausgeschlafener aussehe.)

Wir gucken nur noch einmal am Tag ausführlich die Abendnachrichten, sogar mit Spezialsendung, und sogar gelegentlich im Bayrischen Fernsehen, um das lokal Neueste und Wichtigste auch noch mitzubekommen. Morgens ergänzend eine halbe Stunde Zeitungslektüre – und dann ist’s auch gut.
Mentale und psychische Hygienemaßnahme. Weil wir jetzt sehr viel Zeit hier drinnen verbringen, wollen wir manches da draußen lassen, damit noch ein paar Leerräume bleiben, die wir anderweitig füllen oder auch einfach mal leer lassen können, auch als Puffer, denn man weiß ja nicht, was noch so kommen wird, das wieder Platz, Kraft und Zeit fordert.

Der heutige Song des Tages beweist eindrücklich, dass a) Bruce Springsteen tatsächlich für jede Lebenslage ein Liedchen komponiert hat und b) es wegen a) sogar eines seiner seichtesten Werke es mal in meine Rubrik „Song des Tages“ schaffen konnte.

Ich hätte nicht gedacht, dass es je so weit kommen würde, aber das ist ja momentan bei Einigem der Fall.

As I lift my groceries in to my car
I turn back for a moment and catch a smile
That blows this whole fucking place apart
I bow down to the Queen of the Supermarket
I bow down to the Queen of the Supermarket
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Wochenendeinkauf, halten Sie sich auch sonst wacker und verneigen Sie sich ruhig einmal vor der Kassiererin, die in diesen Tagen Ihre Einkäufe über den Scanner zieht.

Die Liebe in den Zeiten der Coronakrise.

(Ganz neue) Szenen einer Ehe.
München, im März 2020, ein relativ gewöhnlicher Dienstagmorgen.
Der Gatte kehrt vom morgendlichen Ausritt mit dem kleinen Jagdhund zurück, dreht sich auf dem Absatz wieder um und ruft voller Tatkraft treppabwärts sprintend, er begäbe sich nun direkt ins nahegelegene Jagdrevier, um dort gleich in der Früh sein Glück zu versuchen (seit Wiedereinzug in unserer Wohnung fehlen uns ja ein paar essentielle Utensilien im Haushalt, wir berichteten hier).

Eine halbe Stunde später sperrt er die Wohnungstür wieder auf und ich höre den Erfolg seines Jagdausflugs schon vom Arbeitszimmer aus auf dem Parkett aufschlagen, springe hoch, laufe ihm durch den langen Flur entgegen, sehe die Beute auf dem Boden liegen – und falle ihm freudig um den Hals.

Der Held des Tages aus der Münchner Ludwigsvorstadt und sein Riss.

Auch die Liebe verändert ihr Antlitz in den Zeiten der Coronakrise:
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Mann küsse, weil er mir Klopapier nachhause bringt!
Und das erste Mal, dass in unserem Haushalt zwei Packungen von dem weißen Gold, wie es die Leute hier im Viertel bereits nennen, vorrätig sind.

Sollten Sie keinen so beherzten Gatten im Haus haben, der frühmorgens zur Jagd geht oder es bei Ihnen aus anderen Gründen zu einem Toilettenpapier-Engpass kommen – ich kann Ihnen nun gern mit einem Röllchen aushelfen!

Schwimmen kann man nicht hamstern.

Von Langeweile konnte in den vergangenen Tagen keine Rede sein, von Corona-Koller auch nicht. Wir waren zwar in häuslicher Quarantäne, aber nicht viral bedingt, sondern wegen einer post-sanitären Belastungsstörung.

Nach 14 (!) Stunden Putzen und Werkeln in unserer Wohnung, die wir am Samstagnachmittag nach knapp zwei Wochen Badumbau und Sanierungsarbeiten endlich wieder betreten konnten, stand ich heute Morgen mit Ganzkörperschmerzen auf.

Lolek und seine Gang haben zwar großartig gearbeitet, ein feines neues Bad eingebaut und die vielen gelben Flecken von den beiden Wasserschäden (dem kleinen im November und dem großen Anfang Februar) beseitigt, aber leider hat das feinstaubige Gewerkel trotz versiegelter Räume überallhin gestaubt, sogar bis in Schubladen und Schränke hinein.

Und trotz größter polnischer Sorgfalt passen ein paar Dinge noch nicht: aus dem Kaltwasserzulauf tropft es ein bisserl, ein Fallrohr wurde nicht lackiert, beim Betätigen der neuen Deckenleuchte haut’s den FI-Schalter raus und an manchen Stellen muss malerisch noch nachgearbeitet werden. Wird nochmal ein paar Handwerkertermine bescheren und zuvor etliche Telefonate und Emails.

Am Donnerstag kommt dann hoffentlich derselbe Mensch von der Wasserschadensanierungsfirma vorbei, der hier vor fast zwei Monaten, am Tag nachdem das Wasser aus den Decken und Wänden geschossen war, die gesamten Kammerregale demontiert hat, um alles wieder einzubauen.

Die 14 Stunden Wohnungsreinigung, Möbelrücken und Einräumen sind freilich noch nicht das Ende der Fahnenstange, es drohen nochmal schätzungsweise 4 bis 5 Stunden Arbeit, aber heute Vormittag wollte ich erstmal pausieren und meinen geschundenen Körper beim Schwimmen lockern, zumal es die letzte mögliche Lockerung auf diese so geliebte Art und Weise für Wochen (!) sein wird, denn morgen schließen die Münchner Schwimmbäder.

Damit hat die Coronakrise nun auch mich an einem neuralgischen Punkt erwischt. Denn auch für jeden, der nicht zu einer Risikogruppe gehört, kommt ja früher oder später dieser Punkt: der eine jammert, weil er am Wochenende nicht mehr Party machen kann, der andere, weil alle kulturellen Institutionen ihre Pforten schließen, wieder ein anderer, weil der Urlaub ins Wasser fällt oder gar nicht erst gebucht werden kann, der nächste, weil sich die Familie nun intensiver auf der Pelle hockt als sonst usw. – und mir persönlich setzt halt eine Schwimmbadschließung am meisten zu.

Seit 20 Jahren schwimme ich nun regelmäßig, seit 15 Jahren etwas ambitionierter. Die längste Schwimmbadabstinenz, die ich je hinnehmen musste, war eine dreiwöchige Pause wegen einer Meniskus-Operation, und ich glaube, selbst da habe ich gegen Ende noch getrickst und bin schon nach 17 Tagen wieder ins Wasser gestiegen.
Bereits eine Woche ohne Wasser setzt mir zu, da fehlt mir was ganz Existenzielles, eben diese für mich so wohltuende Weise der körperlichen Betätigung und nur wenn ich stattdessen die Berge vor der Nase habe (bzw. unter den Füßen spüre), ist ein Schwimmentzug vielleicht auch mal zwei Wochen zu verkraften.

Nun werden es, wenn es dumm läuft (und so wird es laufen, wenn nicht sogar noch dümmer), 5 Wochen. In Worten: fünf!
Noch kann man tageweise in die Berge fahren, wer weiß, wie lange diese Kompensation noch zulässig ist oder ob uns nicht auch demnächst italienische oder österreichische Verhältnisse bevorstehen und man nur noch aus drei Gründen die Wohnung verlassen darf.

So steige ich heute Mittag beinahe mit Andacht ins Wasser. Schwimme meine vorerst letzten 2.000 Meter mit großer Demut und mit herrlicher Frühlingssonne auf dem Rücken oder im Gesicht – je nach Lage eben.
Demut, weil mir beim Bahnenziehen so bewusst wird, wie unglaublich selbstverständlich das alles für uns ist: einzukaufen, was einem fehlt und/oder worauf man Lust hat, zu treffen, wen man treffen möchte, hinzufahren und einzukehren, wo und wann immer man will, Konzerte zu besuchen, ins Theater zu gehen, Sport zu treiben, so oft es einem gut tut, und so vieles mehr – je nach zeitlichen, gesundheitlichen und finanziellen Möglichkeiten zwar, aber dennoch mit einem recht hohen Maß an persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Schwimmen kann man nicht hamstern. Es ist unmöglich, heute auf Vorrat zu schwimmen, z.B. 25 Kilometer am Stück, damit es bis Mitte April (oder bis wann auch immer) vorhält und man davon zehren könnte, so wie es denjenigen vergönnt ist, die den gesamten Bestand an Klopapier, Seife, Nudeln, Mehl und Tomatensaucen der Ludwigsvorstadt aufgekauft haben.
Die können sich diese Errungenschaften nun – obwohl die Geschäfte weiterhin geöffnet haben werden (sogar noch länger als bisher) – hübsch einteilen für die kommenden Wochen und sich daheim ganze Iglus aus Klorollen und Tomatendosen bauen, drumrum eine Mauer aus Nudeln und Mehl errichten und diesen Wall, damit er auch schön fest zusammenbappt, mit literweise Flüssigseife angießen.

Als ich aus dem Becken steige, winken mir manche Schwimmer zu, man kennt einander ja hier, zumindest die, die ständig herkommen.
Ein paar wenige sprechen mich sogar an. Es ist aber nicht dieses fröhliche „Bis bald!“, das man sich vor der 11-tägigen Revisionsschließung, die jährlich einmal ansteht, zuruft oder das üblicherweise den Übergang von der Sommeröffnungszeit zum Winterbetrieb markiert.
Sondern wir sagen heute zum Abschied Dinge wie „Bleib gesund!“, „Wird schon rumgehen!“ oder „Steh’s gut durch!“ zueinander und dann geht jeder ein letztes Mal duschen und danach seiner Wege.

Nachmittags gehe ich Einkaufen. Seit der Wasserschaden uns die Kammer genommen hat, haben wir so gut wie keine Vorräte mehr zuhause, weil wir ja keine Regale mehr hatten, um sie irgendwo aufzubewahren. Bevor die Bauarbeiten begannen, haben wir das meiste aufgebraucht, damit hier möglichst wenig herumstand oder wegzuräumen war.

Das wird uns nun zum Verhängnis.
Wir brauchen dringend Lebensmittel, Kaffee, Getränke, Waschpulver, Seife, Taschentücher und Klopapier. Die ersten vier Sachen lassen sich mit etwas Mühe noch ergattern, die übrigen drei sind in allen (!) Geschäften ausverkauft.
Man hatte ja in der Zeitung davon gelesen, aber wenn man’s dann mit eigenen Augen und noch dazu in fünf verschiedenen Läden sieht, ist es doch nochmal anders.
Noch idiotischer, noch absurder.

Bei DM beschlagnahmt das Personal etliche Windelpakete, die eine junge Mutter in ihrem Einkaufswagen aufgetürmt hat – niemand darf mehr hamstern und mehr als eine „haushaltsübliche Menge“ mitnehmen.

Bei Edeka bricht eine junge Dame vor dem leergefegten Nudelregal in Tränen aus, ein älteres Paar räumt derweil völlig ungerührt von dem Geheule seinen Wagen mit irgendwelchen Konserven voll („Lass uns einfach alle mitnehmen, ist ja eh keine Auswahl mehr da!“).
In der Apotheke kauft ein besorgter Familienvater eine solch perverse Menge Hustenlöser auf Vorrat, mit dem das ganze Viertel unter gelöstem Schleim begraben werden könnte.
Beim Pfister lässt sich eine eigentlich intelligent aussehende Frau sage und schreibe 8 große Viertel Brot schneiden und einfrierfertig verpacken.
Im Biomarkt gähnt einen dort, wo sonst die Nudeln und Tomatensaucen stehen, ein leerer Flur an – nur die brettharten, gesunden, wenig wohlschmeckenden Vollkorn-Lasagneblätter sind noch zu haben und ein paar Pseudo-Nudel-Produkte, die auch keiner kaufen will (vielleicht liegt’s ja daran, dass auf manchen Schachteln „original italienisch“ steht).

Nach meiner Tour des Staunens komme ich ohne Klopapier, Taschentücher und Seife nachhause und informiere sogleich den Gatten über unsere Restbestände: nur noch die Seife, die in Gebrauch ist, noch 6 Päckchen Taschentücher, noch 2 Rollen Toilettenpapier.
Bis zum Wochenende dürfte das reichen, wenn keiner Durchfall, Schnupfen oder einen Waschzwang bekommt, danach wird’s kritisch.

Ich presse, wie fast an jedem Tag zwischen November und April, noch drei Orangen für uns aus, beschließe, dass wir zusätzlich ja mal für zwei Wochen noch ein Breitbandvitaminikum einwerfen können und bringe dem Gatten sein Gläschchen samt Pille an den Schreibtisch.
Er nimmt einen großen Schluck, stellt das Glas wieder ab, entdeckt in dem Moment die längliche, blaue Tablette und guckt mich fragend an.

Was das denn jetzt um alles in der Welt sei, will er wissen. Was ich denn vorhätte mit ihm. Ob wir nun länger in Quarantäne gingen. Oder gar Ausgangssperre drohe.
Ich muss schließlich die Originalpackung herzeigen, um meine lauteren Absichten zu beweisen.

Abends dann noch eine Henkersmahlzeit im Lokal ums Eck, vor allem, um ein bisschen Haushaltsenergie aufzusparen, die man noch für die Baustellenreinigung braucht.
Kochen wird man ab morgen, wenn die Putzorgie beendet ist, ohnehin wieder täglich.

Das Restaurant fast leer, die Tische mit Sicherheitsabstand neu angeordnet, nur noch ein paar Gerichte auf der Karte. Am Dienstag machen sie die Schotten dicht.

Ab morgen also ein neuer Alltag in unserer Stadt.
Ein eingeschränkter, ein so noch nie dagewesener.
Mal schauen, wie das wird.

Vermutlich weit weniger schlimm als viele befürchten.
Ich verspüre weder Angst noch Anflüge von Panik, sondern sehe das eher als eine Art (Zwangs-)Pause vom Gewohnten und von der permanenten Verfügbarkeit des immer üppig gefüllten, großen Konsumbuffets.
Eine Zwangspause, die ein paar Umstellungen, Herausforderungen und Umstände mit sich bringt, die aber auch ein paar Chancen birgt.
Die Chance, die vielen Selbstverständlichkeiten des eigenen Lebensstils zu reflektieren.
Die Chance, kreativ zu werden, weil es nun drum geht, Dinge mal anders anzupacken als man’s sonst immer tut.
Die Chance für eine andere Art des Miteinanders, für neue Netzwerken und Synergien.

In diesem Sinne werde ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich gegen Ende der Woche – bis dahin dürfte die Lage noch nicht prekär geworden sein – um Hilfe bitten.
Sollte das Toilettenpapier dann immer noch in allen Geschäften meiner näheren Umgebung vergriffen sein, hoffe ich, dass Sie mich nicht hängenlassen und mir ein Röllchen rüberschicken (bitte unbedingt dreilagiges und nach Möglichkeit ohne farbigen Aufdruck). Dasselbe gilt für Taschentücher (Marke egal, aber gern welche, die waschmaschinenfest sind: wir sind leider schon in dem Alter, in dem selbst die dreifache Kontrolle der Hosentaschen vor der Wäsche nicht immer zuverlässig funktioniert).

Ich revanchiere mich natürlich und könnte z.B. Ihren Hund zu Spaziergängen mitnehmen, Ihnen etwas Selbstgekochtes vorbeibringen, Ihnen bei der Planung der nächsten Bergtour zur Hand gehen, Ihnen etwas vorlesen oder Ihnen bei unangenehmer Korrespondenz mit Ihrem Reiseveranstalter/Arbeitgeber/Vermieter/Internetanbieter/Versicherungsagenten/Handwerker/Autohändler behilflich sein.

Geben Sie einfach Bescheid, wo der Schuh drückt – für eine Rolle Happy End bin ich ab Freitag zu vielem bereit.
Gute Nacht aus München wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.