Theorie und Praxis: Verschlusssachen.

Gestern Abend eine längere theoretische Unterweisung zur Vorbereitung auf den beruflichen Part der Skandinavienfahrt im Spätsommer.

Der Physiker hat seine Systemkamera in die Kneipe mitgebracht und hält mir eine 3 Getränke und 1 große Mahlzeit überdauernde Vorlesung zu Brennweiten, Verschlusszeiten, Schärfentiefen, Bildsensoren sowie Grenzen und Möglichkeiten eines Reisezooms, das er mir – etwas verblendet von seinen drei Gläsern Riesling – schlussendlich sogar zum Geburtstag spendieren möchte, sofern mir zuvor der Papa den entsprechenden Body gesponsert haben würde (denn ohne Gehäuse braucht man auch kein Objektiv, so viel habe ich am Ende des Abends bereits gelernt ;-)).

So schön Beschenktwerden ist – man sollte mit dem Geschenk ja idealerweise auch was anfangen können, und als mein Blick beim konzentrierten Zuhören auf das Bordbuch fiel, das der Physiker während seiner Ausführungen neben sich und seiner SONY liegen hatte, wurde mir etwas schwummrig, denn der für meine Profession zwar sicher überfällige und sinnvolle, aber doch enorme und nahezu quantensprungartige Wechsel von einer alten, ausgeleierten Kompaktkamera zu so einem Schwergewicht von Systemkamera samt Zubehör, erschien mir doch nicht ganz so simpel in Übergang und Handhabung wie es der Physiker ebenso begeistert wie mutmachend darzustellen versuchte.
(Schenke man mir bitte ein Fass voll Geduld, dazu ein nett illustriertes Kinderbuch à la „Conny lernt knipsen“ und später ein begleitendes Manual in Comic-Form!)

Heute dann ohne fremde Hilfe die erste praktische Reisevorbereitung getroffen: das wichtigste Kraulquappen-Utensil für den privaten Part des Aufenthalts in Schweden ist besorgt worden!

In skandinavischen Schwimmbädern gibt es nämlich nirgends Spinde mit Münzeinwurf, Schlüsselbändchen, Chip-Armbändern oder sonstigen hierzulande möglichen oder unmöglichen Verschluss-Varianten, sondern jeder muss sein Schloss selbst mitbringen. (Der Plural von „Spind“ hört sich ungewohnt bis gruselig an, stimmt aber.)

Auf der letzten Schwedentour hatte ich ein ausrangiertes, kleines Kellertürschloss dabei, das neben seiner Schwergängigkeit (klemmte wie blöd) und Hässlichkeit (Leukoplastbraun mit Platzwunden) vor allem zwei gravierende Nachteile hatte: entweder war der Bügel zu eng und das Umkleideschränkchen ließ sich damit gar nicht absperren oder der notdürftig an einem Gummiband befestigte Schlüssel kratzte mich während des gesamten Schwimmens am Hand- oder Fußgelenk.

Nun für 12€ die Profi-Version erstanden: Größeres U des Bügels und damit hoffentlich alle Schranktürschlossmodelle Schwedens mühelos umgreifend sowie kein doofer, pieksender und verlustanfälliger Schlüssel, sondern eine frei wählbare Zahlenkombination, die man – mit Bedacht gewählt – niemals verlieren wird, weil man sie schon ein Leben lang mit sich herumträgt.

Noch dazu diese positive Farbgebung: je nach Lichteinfall sonnengelb strahlend bis gülden funklend, jedoch mit leicht herber, dezent warnender Senfnote im Abgang (wie ein unterschwelliges und hoffentlich wirksames „Finger weg von diesem Schrank!“).

Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dieser Wahl.
Kann ich sagen: „Ich hab mir dieses Jahr zum Geburtstag ein Schloss gegönnt!“ (muss ich gleich an den chinesischen Studenten denken, der mal auf einen Gefallen hin, den der Gatte ihm erwiesen hatte, in seiner Dankes-Email schrieb: „Sie haben ein Gut bei mir.“, ein Schlitzohr, dieser Student, denn es blieb bei den großen Worten).
Ein Schloss! Das klingt doch nach was!

Lediglich die auf dem Schloss eingestanzte 145/30 irritiert mich ein bisschen: Was will mir dieser Code sagen, in einer so denkwürdigen Woche und Lebensphase?

Nun aber weiter mit der Arbeit, damit damit da noch im alten Lebensjahr was abgeschlossen wird!

Sie hat manchmal wollen den Sonnenschein auf ihren Hut stecken und die Abendröte umarmen.

[Blogbeitragsüberschrift frei nach Adalbert Stifter]

Weil die liebe B., die derzeit in N. auf U. weilt, sich schon latent sorgt, ob wir womöglich im See oder Freibad ertrunken sein könnten, weil es hier derzeit etwas ruhig geworden ist, nun ein kleines Lebenszeichen in Bildern, quasi eine Dokumentation so mancher Stationen oder Aktivitäten der letzten Tage:

Ausflug an den Ammersee: Diesmal Westufer, wieder viele Fotos, vor allem von Fräulein Seehund…

…aber auch von den Sehenswürdigkeiten in Dießen.

Erstes Selfie mit dem neuen Handy: Schön schattig, das kaschiert fast alle Falten.

Begleitung hatten wir auch: Meinen großen Freund S. und seine Kamera, die viel besser ist als meine.

Wanderung von Dießen zur Schatzbergalm: Könnte eine sehr schöne Tour sein, wenn wir nicht auf dem Schatzberg von einer Mückeninvasion heimgesucht worden wären.

Szenen auf dem Tisch: Die König-Ludwig-Desinfektion der Mückenstiche von innen.

Szenen unter dem Tisch: „Warum esst ihr was und ich krieg nur einen doofen Napf voll Wasser?“

Der Sommerhitze trotzen: Erfrischung, und zwar für alle (sagt auch die Abendzeitung – ich check nur nicht, was die Gourmets mit Baden zu tun haben).

Absurd: Die längste Hundewurst der Welt, aus ihrem 60cm x 75cm-Korb gerutscht.

Mein erstes Erfolgserlebnis auf Balkonien (von der blauen Hortensie wollen wir lieber schweigen).

Pfingsten in München: Englischer Garten, große Gassirunde, Rast im Aumeister.

Clever Shoppen: Am Tag nach dem Mega-Unwetter im Münchner Westen in einen Pflanzenmarkt im Münchner Westen fahren und die wegen Topf- und Blattschäden stark reduzierte Ware als Ersatz für so manch misslungenes Balkonprojekt mitnehmen.

Unterschlagen wurden in dieser bunten Auflistung:

  • diverse langweilige Büroarbeiten
  • stundenlange Recherchen für den nächsten Magazinbeitrag
  • einige Akquisitonstätigkeiten
  • Matthias Forenbacher in Endlosschleife hören
  • zeitaufwändiges Einbalsamieren der zehn fetten Mückenstiche nach dem Ausflug mit S.
  • alle weiteren Haushaltstätigkeiten der letzten sechs Tage
  • zwei Läufe im benachbarten Park
  • zwei Schwimmbadbesuche, einer davon mit Kampfeinsatz (Pfingstandrang, Beckenquallen, Randspringer)
  • Kauf und Zubereitung eines sündteuren Bio-Rindersteaks zur Aufrechterhaltung des Ferritinwerts
  • kontemplative Stunden mit Sonne und Weißbier auf der Parkbank vorm Haus
  • Installation eines neuen Handys inkl. Datenübertragung vom alten Handy
  • Reiseplanungen für den Spätsommer samt haarsträubender Mailkommunikation mit etlichen Hotels im Ausland, die sich erdreisten, für einen kleinen Dackel pro Nacht 25€ kassieren zu wollen, was jeweils in keiner Relation zum Zimmerpreis für den Menschen steht
  • extensiver Konsum von Huberbuam-DVDs in den späteren Abendstunden, um den nachfolgenden Träumen ein paar neue Impulse zu geben (leider die 3D-Brille nicht vertragen)

Herzliche Grüße an die Leserschaft & der lieben B. noch eine erholsame Zeit an der Ostsee!
Die Kraulquappe.

Hello sunshine & hydrangea, so blue.

Gestern Nacht schon wieder eine Whatsapp-Botschaft von T., der gerade mitten im Umzug steckt und mich alle Nase lang wegen rechtlicher Fragen kontaktiert.
Aber der Terror lohnt sich. Guck ich mir die Tage seinen uralten Mietvertrag von der Wohnung, die er nun verlässt, genauer durch und kann ihm sofort sagen: Musst du nix renovieren, starrer Fristenplan usw., hat der Vermieter keine Schangse. Besenrein, Bohrlöcher zu – und tschüss.

Der erleichterte T. meint daraufhin, jetzt hätt‘ ich was gut bei ihm. Ich möchte, obwohl er sich nun ein paar Hunderter spart, nicht maßlos sein und eine Reise nach Lissabon oder Turku vorschlagen, obwohl ich da schon immer mal hinwollte, sondern nenne ihm einen anderen Herzenswunsch: eine blaue Hortensie.
T. ist sofort sehr einverstanden mit der blauen Hortensie, wahrscheinlich sogar erleichtert, dass es kein roter Fächerahorn oder ein Zitronenbaum sein soll.

Seit über zwölf Jahren sehne ich mich nach einer blauen Hortensie. Seit damals, als ich mit U. in dem Haus (kleine, steinerne Villa in Hanglage, sogar irgendwas mit romantica im Namen) am Lago Maggiore war – eine überwiegend schreckliche Erinnerung übrigens, was ganz und gar nicht am Lago Maggiore lag – da stand der große Garten voll mit blauen Hortensien.
Neben der Aussicht, dem See, den Bergen, dem guten Wetter und dem köstlichen Eis in Piazzogna, war das mit Abstand das Beste, das dieser (erste und letzte) Urlaub mit U. zu bieten hatte. Blaue Hortensien, wohin das Auge nur blickte.

Heute dann die große Gassirunde in den Münchner Westen verlegt, wo das große Gartencenter ansässig ist. Die bieten gerade ein paar Tage lang einen kostenlosen „Einpflanz-Service“ an.
Bring your own Topf, buy some flowers – und die Erde & Arbeit schenken sie dem treuen Kunden. Ich muss das nutzen, mein Ellbogen ist vollkommen im Eimer von den anderen Arbeiten auf unserem Balkon (24 kaputte Holzfliesen, noch vom Vormieter, ins Auto geschleppt und auf dem Wertstoffhof entsorgt, und fragen Sie nicht, wie es unter den 24 Holzfliesen aussah).
Am Telefon erfrage ich die günstigste Zeit, um nicht in eine ellenlange Schlange zu geraten, schließlich habe ich das Dackelfräulein dabei und die kann Shopping, Warten und Rumstehen nicht leiden. Die Dame am Telefon nennt mir die beste Stunde, von 13 bis 14 Uhr, denn Da san d’Leit beim Essen.

25 Grad, die Sonne knallt vom Himmel runter, der Parkplatz ist gut voll. Ich packe Pippa auf einer Matte oben in den Einkaufswagen, das haben wir noch nie gemacht, aber das funktioniert prima, so ein Dackel hat wirklich praktische Maße.

Und man kommt so auch gleich viel leichter durch den Markt, weil alle zur Seite huschen und mitleidig gucken, wenn sie das etwas unglücklich dreinblickende Hündchen sehen, das sich die Ladefläche nach und nach mit großen Blumentöpfen teilen muss und sowieso nicht begeistert ist von den im unteren Wagenteil klappernden Tontöpfen.

Seien Sie versichert: es ging ihr gut dort oben, sie hat einfach einen Hang zum dramatischen G’schau, im Grunde ist sie nämlich froh, mit dabei zu sein, und hernach waren wir im Wald und am See, dem Tier geht es also prächtig und es hat auch was vom Tag gehabt, ehrlich! Und ich habe nun eine blaue Hortensie und freue mich sehr daran.

Zurück zu gestern.
Die Whatsapp-Nachricht von T., die er kurz vor der Geisterstunde sandte, bot leider keine Gelegenheit, mir noch durch Hobby-Juristerei eine weiße Hortensie zu verdienen, denn ausnahmsweise hatte T. mal keine Frage zu Schönheitsreparaturen, Wohnungsübergaben oder selbst verlegtem Laminat, sondern er schickte mir ein Foto und zwei Zeilen dazu.

Schlaftrunken blinzelte ich auf das kleine Display und erkenne einen Gaul. Überschrift „Western Stars“.

Ja, Umzüge sind ätzend, anstrengend und zum Davongaloppieren. Oder was will er mir sagen?

Dann setzte ich meine Brille auf und las: Mr. Springsteen hat ein paar ominöse Fotos auf Instagram veröffentlicht und die Fan-Gemeinde damit in Aufruhr versetzt. Irgendwelche Wüstenfotos: Bäume, Sonne, Pferde, Sand.
Die Gerüchteküche brodelte sofort los wie wild, denn seit fünf Jahren hat uns Bruce Almighty keinen neuen Song mehr geschenkt – nicht einen Ton, nicht einen Vers. Wir sind am Verhungern und Verdursten. So gesehen passt das mit der Wüstenszenerie schon recht gut.

Heute Nachmittag dann die Bestätigung vom „Rolling Stone“: Der erste Song kommt bereits morgen raus, das Album dann Mitte Juni. Was für gute Nachrichten!

Ostern ist kaum vorbei, da legt uns Bruce noch ein Ei ins Nest: Hello sunshine!

Ich informiere sofort meine paar Fan-Freunde. Alles freut sich. So sehr, dass wir alle zusammen gnädig drüber hinwegsehen wollen, dass die erste Auskopplung den Titel „Hello sunshine“ trägt, denn – herrje! – das klingt verdammt nach „Queen of the supermarket“, also einem dieser Songs, die mir nichts bedeuten, weil sie einfach nur öde dahinplätschern und man in ihnen nichts außer der gesamten Saturiertheit unseres verehrten Barden aus New Jersey hört, weil ihnen jeglicher Hauch darkness abgeht (von lyrischen Untiefen wie in Nebraska wollen wir gar nicht erst sprechen, sowas gab’s eh nie wieder), die seine depressiven Phasen so zauberhaft umwitterte, und weil es ihnen aber ebenso an der authentischen und saftigen Vitalität eines „Badlands“ oder „Prove it all night“ mangelt.

Nun ja, wir werden es hören und spüren.

Jedenfalls ein guter Tag heute: früh aufgestanden, viel geschafft – und draußen fühlte sich’s schon nach Sommer an.

Bathing beauty.

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

*****

Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

Lovely things.

Mit schwerem Rucksack und einer verheißungsvoll betitelten Tragetasche spazierte der Handwerksfreund gestern vom Münchner Hauptbahnhof zu seinem Einsatzort…

…drin aber nur ein neues Schrauben- und Dübelsortiment, sonst keine spannenden Mitbringsel für die Damen des Hauses.

Kurze Fäschprr (Vesper) und dann ab in den Baumarkt, wo ich mittlerweile kleine Aufgaben übertragen bekomme und eigenverantwortlich erledigen darf – gestern: Schleifpapier in 4 Körnungen besorgen. Eigentlich nichts weiter als ein fieser Trick, denn so wird man(n) die Frau für mindestens 20 Minuten los…

…und kann in Ruhe den ganzen Bretterkram besorgen.

Bevor’s dann so richtig losgeht, wird die Kundin noch mit zwei lang ersehnten Haken ruhiggestellt…

…und schon beginnt das Dauergesäge.
Abends steht dann der Sockel und die Arbeitsplatte darf bereits probeweise auf der Konstruktion nächtigen.

Mittwochmorgen.

Seit kurz nach 8 Uhr jault die Säge wieder vor sich hin, ich schleppe die Tagesration Getränke und Verpflegung ins Haus. Am Vormittag ersucht der Handwerksfreund um einen zweiten Baumarktbesuch – er braucht ein anderes Sägeblatt. Teures Teil, aber einen super Namen hat’s: „Craftomat“. Überhaupt haben sie dem Werkzeuggeraffel ja tolle Namen verpasst: „Herkules“, „Wolfcraft“ usw., soll ja schließlich den Käufer auch emotional ansprechen.

Tut es auch, er strahlt übers ganze Gesicht. Spontan schenken wir ihm das funklende Silberstück vorweg zum Geburtstag. Darauf erstmal ein „Jever fun“ (zur Zweit-Fäschprr)!

Die Tiere machen ebenfalls ein Päuschen und ich verzieh‘ mich jetzt ins Schwimmbad, da ich hier eh nur störe.

Dr. Schmitt bewacht die Konstruktionsskizzen und die To-Do-Listen.

Das Dackelfräulein bewacht die Sägestation auf dem Sonnenbalkon.

Kann man jetzt nicht meckern: die Männer arbeiten und man selbst schwimmt mal ein bisschen im güldenen Wasser des geliebten Freibads ein paar Erholungsrunden.
Trotz der vielen Planung, Arbeit und Ausgaben irgendwie eine durchaus erfreuliche Lebensphase!

Routinen.

So langsam entsteht eine gewisse Routine, was den Wochenablauf angeht.

Und ich bin ja ein Freund von Routinen, da sie das Gemüt und den Geist entlasten und so zu einem ressourcenschonenderen Alltag beitragen.

Morgen Früh verlässt der Handwerksfreund wieder seine Allgäuer Bergwohnung und fährt auf Montage nach München.

Hier ist für die ersten Arbeitsstunden schon alles vorbereitet, nur die Fleischpflanzerl und die Brezen werden noch tagesfrisch herangeschafft. Eh klar!

Verpflegung für den Handwerkervormittag.

Nicht, dass Sie jetzt denken, in dem abgebildeten Papiersackerl wären schon die Brezen für morgen drin. Nein, nein!
Da ist das Handwerker-Power-Müsli drin, das er sich selbst eingetütelt und mitgebracht hat: Feinster und reinster Allgäuer Gips. Den rührt er sich gern mit Vollmilch an und genießt das Ganze zum Zweitkaffee oder zum Erstzigarillo.
Umgerührt werden darf der Powerbrei nur mit den langen Schrauben, die Sie im Bild sehen. Für jedes Müsli eine frische, versteht sich (das beansprucht mit den Wochen zwar auch das eh schon extrem beanspruchte Budget, aber mei, und auch der Gatte hat gesagt: „Lass ihn! Wenn es ihm so am besten schmeckt, soll er die Dinger eben haben!“). Ich kauf‘ jetzt auch immer eine Schraube mehr als nötig, denn nicht dass mal eins der Dinger zwischen die Balkonbodenplatten fällt und der Handwerksfreund dann die Arbeit niederlegt, weil er sein Kraftsupperl nicht korrekt hat umrühren können (sicher ist sicher – denn bis Ende Juni wollen wir hier ja fertig werden mit unserem Großprojekt.)

Ein bisserl speziell ist er halt schon, aber wie gesagt, wir gewöhnen uns von Woche zu Woche besser aneinander, suchen und finden Kompromisse oder alternative Lösungen, und außerdem es ist ja nicht so, dass ich dem Herrn Handwerker nicht auch Einiges zumuten würde: konsequenten Schuhwechsel zwischen den unterschiedlichen Sauberkeitszonen (der Säge-Balkon, das Wohnungsinnere, die Welt da draußen) oder gründliches Späneabklopfen vor den Mahlzeiten am Esstisch oder mitten im Arbeitstag eine schwierige Zeckenentfernung in der Leiste des Dackelfräuleins (um nur ein paar Beispiele zu nennen – die Gesamtliste der Zumutungen korrespondiert locker mit der Anzahl an Flaschen in der obigen Abbildung!).

Ab morgen ist übrigens die Küche dran.
Sie bekommt Licht, Haken für die Geschirrtücher, eine zweite Küchenzeile mit Pfannenabstellfächern in exakter Pfannenhöhe und -breite. Ich bekomme mein erstes Weißbierkasten-Fach und der Kühlschrank darf endlich seinen Anschlag wechseln, damit man da auch mit kaputtem Ellbogen ergonomischer hineingreifen kann. Der Gatte erhält ein schönes Rotweinfach und der Dachshund einen Dachsbau im unteren Teil des Hochschranks.

Bleiben Sie also dran – bestimmt können Sie hier noch das eine oder andere lernen über Handwerkskunst, Biersorten, Neurosen, Putztechniken, Raumgestaltung, Tierhaltung und Teambuilding!

Der Arbeitsbalkon, noch schlafend.

Song der Woche.

Rain pourin‘ down, I swing my hammer
My hands are rough from working on a dream
I’m working on a dream

Let’s go!

I’m working on a dream
Though trouble can feel like it’s here to stay

Drei Tage hatten wir hier bei absolutem Mistwetter Besuch vom Handwerksfreund – und ich muss sagen: Diridari hin oder her, es hat sich dermaßen gelohnt, die ganze Aktion, und am Ende waren alle glücklich und zufrieden.

Das Gepäck vom Handwerksfreund aus dem Allgäu (ein Ausschnitt).

Gemeinsame Unternehmungen wie Baumarktbesuche können die Freundschaft festigen (alleine Ausladen ebenfalls).

Kammerspiel, Part I: Rohrumbauungen.

Kammerspiel, Part II: Weitere Rohrumbauungen.

Kammerspiel, Part III: Rohrkurven ohne Ende.

Kammerspiel, Part IV: Die Kammerzofe erhält ein maßangefertigtes Stiefelfach.

Kammerspiel, Part V: Sonderschnitzerei für den Sicherungskasten.

Kammerspiel, Part VI: Das Kammerkonzert kann beginnen!

Eine Spitzen-Abstellkammer ist das geworden, sag‘ ich Ihnen!

Individuellst gestaltet, jeder noch so schräge Wunsch wurde berücksichtigt („Könntest du die Regalhöhe bitte an die Klorollenhöhe anpassen?“ / „Ich bräuchte bitte noch einen Haken für die Fliegenpatsche!“).

Gut, ein bisserl viel Leergut ist zammkemma, aber im Kammerl drin ist’s halt recht warm, da laufen die Heizungsrohre durch, die man jetzt auf einer Seite gar nimmer sieht, weil sie – schick holzverschalt – das kritische Hausfrauenauge nicht mehr beleidigen.
Also hat er eben an Durscht ghabt, der Herr Handwerker. Zum äußeren Abkühlen isser eh immer raus aufn Balkon – immerhin eine Loggia! – so dass er nicht im strömenden Regen hat sägen müssen.

Mit dem Dackelfräulein hat er lustiges Werkzeug- und Krepprollen-Kullern im Flur gespielt und tapfer das Scheinmutterschaftsgejammer ertragen.
Gekehrt hat er auch ordentlich und für die im Sitzen eingenommenen Imbisse auf den cremeweißen Vitra-Stühlen hat er sich stets brav alle Sägespäne vom Gwand geklopft. Solche Sperenzchen würd‘ ein „normaler“ Handwerker, den man sich ins Haus bestellt, ja niemals mitmachen (aber dem serviert man auch kein indisches Curry oder einen Quinoa-Salat nebst einem Schoppen Roten).

Letzter Akt nach dem Kammerspiel: Zusammenpacken der Gerätschaften für das Pfingstprojekt (Renovierung der alten Wohnung).

Insgesamt waren und sind wir hochzufrieden mit der ersten Werkelwoche im neuen Zuhause.
Es lebe das Handwerk & das Hausmöbel!

„Das Hausmöbel“ (Aus dem Konversationslexikon „Der Große Polt“)

Und genau so war’s: zum Abschied sagte er leise „Service!“ und „Bis Sonntag!“, man klopfte einander anerkennend für das gemeinsam Durchgestandene und Entstandene auf die Schulter (schnaufte dann unbeobachtet erst amal durch) und versprach zum Abschied, nach einem wohlverdienten Pausentag dahoam die To-Do-Liste für die vier Tage ab Pfingsten zu studieren (Schwerpunkt „Speisekammer“ und „Kleinkram, vermeintlicher“).

Wir wünschen der Leserschaft schöne Feiertage, tolle Ferien und erholsame Urlaube und was die Menschheit halt so macht, wenn sie nicht gerade den letzten Zaster in den Um- und Ausbau der Wohnung steckt.

Herzlich grüßt Euch –
Die Kraulquappe.

Hund haben (12).

Nach 6 Jahren und 5 Tagen innigen und relativ sorglosen Zusammenlebens wird es nun nächsten Donnerstag soweit sein: Das Dackelfräulein muss operiert werden.
Ihre erste Vollnarkose, für anderthalb Stunden…

Drei ominöse, dunkle Flecken am Hinterlauf sind nun doch zu groß geworden, sollten lieber früher als später herausgeschnitten und histologisch unter die Lupe genommen werden.

Neben diversen Sorgen und Ängsten, die so ein bevorstehendes Ereignis schürt, wollen auch praktische Aspekte der Post-OP-Phase bedacht werden. Als die Ärztin in der Tierklinik was von „10 Tagen Trichter“ faselt, wagen der Gatte und ich es kaum, uns anzusehen.

Trichter? Ja, schon klar, damit das Fräulein nicht an der frisch genähten Wunde nagt. Mal abgesehen davon, dass eh fast alle Hunde diesen sperrigen Plastikkragen hassen wie die Pest: wie soll das denn nachts gehen, unter einer gemeinsamen Bettdecke, mit Hund und Trichter? Fragen wir natürlich nicht die Tierärztin, sondern diskutieren das anschließend diskret im Auto.

Meine Freundin Andrea, die ich sofort kontaktierte, gibt mir den Tipp, bei medpets nach einem Hinterbein-OP-Schutz zu schauen. Manchmal muss man ja überhaupt erstmal wissen, wie das Zeug heißt, nach dem man suchen könnte! Haben wir sofort bestellt. Ebenso eine vielgepriesene Trichter-Alternative: Comfy-Collar zum Aufblasen, mit verstellbarem Klettverschluss.

Was es nicht alles gibt!

Offenbar gibt es auch Hunde zum Aufblasen: Siehe Aufkleber auf der Hinterbeinschutz-Tüte.

Für die Nächte brauchen wir aber was großflächiger Abdeckendes ums Bein herum. Und da so ein Dackel ja ähnliche Maße hat wie ein Baby, komme ich mit meinen 45 Jahren glatt noch in den späten Genuss, die Babyklamottenabteilung im Kaufhaus zu durchstöbern. Natürlich mit Spickzettel (alle Maße des Fräuleins gründlich notiert) und Maßband in der Jackentasche.

Eine Verkäuferin eilt herbei, als sie mich mit einem zartrosafarbenen Strampelanzug und dem Maßband herumhantieren sieht.

Sie: „Kann ich Ihnen helfen? Was suchen Sie denn?“
Ich: „Einen Strampelanzug ohne Ärmel, aber mit geschlossenen Beinen.“

Sie: „Ich nehme an, es ist ein Mädchen?!“ (deutet auf das rosa Teil in meinen Händen)
Ich: „Äh, ja. Aber Farbe und Design sind trotzdem völlig egal.“

Sie: „Wie alt ist das Mäuschen denn?“

Tja, an der Stelle muss ich Farbe bekennen und antworte, dass es sich um ein sechsjähriges Rauhaardackelmäuschen handelt.

Da ich an eine professionelle Verkäuferin geraten bin, entsteht keine Sekunde der Peinlichkeit und das Verkaufsgespräch geht nahtlos weiter.
Die Dame legt sich nun richtig ins Zeug: Es käme gar nicht so selten vor, dass sowas für Hunde nachgefragt würde, sagt sie, und lässt sich meinen Notizzettel mit den Maßen zeigen.

Wenig später ist klar, dass wir Größe 92 bräuchten, was die Länge des Stramplers angeht, nur passt dann der Umfang überhaupt nicht mehr (zu viel Stoffgeschlabber). Die Verkäuferin meint, dass es geschickter sei, eine Hose mit offenem Bein zu nehmen, ungefähr in Größe 80, so dass sie etwas besser an der Dackeltaille anläge und der Wunde an der Schenkelinnenseite ausreichend Schutz böte. Zudem würde der Hund nicht im Ganzkörperdress schwitzen oder sich zu eingeengt fühlen. Die offenen Beinenden müssten natürlich zugenäht werden, damit Pippa die Schnauze nicht durch diese Öffnung zwängt, um an der Wunde herumzubeißen. Und ein Loch fürs Schwänzchen muss noch hineingeschnitten werden – dann sollte alles passen.

Nach etlichem Herummessen und -suchen breitet die Verkäuferin schließlich 5 Hosen vor mir aus, die alle meiner Vorgabe „möglichst unter 10€“ entsprechen:

  • Die pinke mit glitzernden Prinzessinnenapplikationen lege ich sofort beiseite – der Gatte würde mich erschlagen!
  • Das winterliche Modell aus Nickistoff scheidet auch aus – viel zu warm für nachts unter der Decke.
  • Eine Frotteehose in Ringel-Optik behagt nun mir nicht – erinnert mich an Pyjamas der Grundschulzeit.
  • Am Schluss muss ich wählen zwischen zwei im Grundton grauen Modellen. Das eine mit lustigen Kolibris und Schmetterlingen drauf, das andere mit maritimen Motiven.

Obwohl ich ein großer Vogelfreund bin und die Verkäuferin meint, dass das Bunte für ein Mädchen ja vielleicht „frischer und netter“ wäre, nehme ich die andere Hose. Anker, Boot und Schiffssteuer sind als regelmäßiges Muster aufgedruckt (ich mag eh keine wirren Muster). 7,99€, faire Sache.
Das Teil ist langweilig und beruhigend zugleich. Genau das, was ich für so einen Anlass brauche. Und außerdem steht dem Dackelfräulein das Nautische definitiv näher als das Ornithologische oder Lepidepterologische. Sie ist nunmal ein Wander- und Wasserhund – da kriegste beim besten Willen nicht die Kurve zu Kolibris und anderem Geflatter.

Jetzt üben wir schon mal ein bisschen „Schlafen mit Halskragen“.

Post-OP-Vorübung: Schlafen mit Halskragen (Stofftier als Kinnstütze).

Haifischzähne und Healing Tootsies.

Wir danken recht herzlich für all die Genesungswünsche!

Das Dackelfräulein ist längst wieder fit (was natürlich die Hauptsache ist), ich hingegen musste mich heute nach kurzer Morgeneuphorie und verfrühtem Kaffeegenuss doch wieder in die Koje hauen. Dabei war ich gedanklich schon auf dem Weg ins Schwimmbad, zumal nach peinlicher, 3-wöchiger Übergangszeit im ausgeleierten, zerfransten und leicht durchsichtigem Schwimmanzug dieser Tage endlich ein passender neuer eingetroffen war.

[Ein Graus, dieser Kauf: Badeanzüge, selbst die namhafter Hersteller, halten mittlerweile keine 100 Schwimmbadbesuche mehr durch, dann beginnt das Material sich bereits an den chlordurchflussstärksten Zonen aufzulösen. Einen neuen Schwimmdress erwirbt sich’s leider keinesfalls en passant, weil a) sich alle Hersteller massiv in Größen und Schnitten unterscheiden (was einen beim Anprobieren bisweilen an der eigenen Figur verzweifeln lässt), b) die Ausgestaltung von „normaler/mittlerer/hoher Beinausschnitt“ eine Wissenschaft für sich ist (nur 1cm Stoff zwischen Taille und Beckenknochen ist schon eher arg wenig statt normal) und c) aufgrund der Farben und Muster sowieso 85% aller Schwimmanzüge ausscheiden (und die Auswahl ist ja ohnehin begrenzt, da es viel mehr plantschorientierte Bademode als schwimmtaugliche gibt). Künftig werde ich mir diese jährliche Qual ersparen und bei einem gut sitzenden Badeanzug gleich doppelt zuschlagen.]

Müssen wir wohl beide noch eine Weile herumhängen bis zur Einweihung.

Schonung ist also angesagt, nicht Ungeduld, denn morgen muss man hier wieder fit sein, wenn der Ernährer&Versorger frühmorgens für ein paar Tage zum Dienstort entschwindet.

Gucke YouTube-Videos über die Åland-Inseln (so viele Brücken, so viel Stein, so viel Wasser!), die Gemeinden tragen so schöne Namen wie Lumparland, Jomala und – nomen est omen – Hammarland. Sich ein paar Monate in so eine Hütte am Wasser verkriechen, mit eigenem Steg und Boot, dort ein Buch oder auch nur eine Reisereportage schreiben – das wär’s. Hin über Stockholm, zurück über Turku.
Im Hintergrund läuft der näherliegendere Traum in Endlosschleife: das 360-Grad-Panorama von der Skisprungschanze in Garmisch, wo es Neuschnee hat, die Sonne die Gipfel leuchten lässt und aus der Partnachklamm die letzten Nebelschwaden aufsteigen. Ich hasse Krankdaheimrumliegen und sehne mich nach frischer See- oder Bergluft.

Zu Wochenbeginn diesmal keinen Pressespiegel vom Gatten erhalten, sondern das großformatige Ungetüm selbst gelesen und so auch mal wieder amüsante Annoncen mitbekommen. Wäre ich ungebunden und zu Experimenten aufgelegt, tät‘ ich mich glatt melden auf eine Bekanntschaftsanzeige mit der Überschrift „Der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht!“, ein Spitzen-Intro, wie ich finde, und das nicht nur im Vergleich zu „Gutsituierter Akademiker in den besten Jahren…“ oder „Einsamer Bengel sucht hübschen Engel“ oder dem brechreizerzeugenden „Nur mit dem Herzen sieht man gut“ (und offenbarte der Kandidat tatsächlich Haifischzähne oder ein Pferdegebiss, könnte man ja immer noch das versteckte Messer zücken und die Sache abkürzen).

Staubtrockener Zwieback rutscht besser with a little coke and sympathy & some music und das viele Liegen wird einem doch erheblich versüßt von einer kleinen Beiliegerin, die einem die reizenden Hasenfüßchen fast ins Gesicht streckt.

Well, we all need someone we can lean on
And if you want it, you can lean on me

She said „My breasts, they will always be open
Baby, you can rest your weary head right on me
And there will always be a space in my parking lot
When you need a little coke and sympathy“

We all need someone we can feed on
And if you want it, well you can feed on me
Take my arm, take my leg, oh baby, don’t you take my head.

[Das Video muss leider wegen der grimassierenden Fratze von Mr. Jagger, die meiner Übelkeit heute gar nicht zuträglich wäre, entfallen.]