Himmel der Bayern (72): Ein Goldstreif am Horizont.

Während die Corroventen so vor sich hinwüten, Tag für Tag und Nacht für Nacht, rödle und grüble ich so vor mich hin, ebenfalls Tag für Tag und Nacht für Nacht.

Wir befinden uns nun in Woche 2 nach dem großen Wasserschaden und die Aussichten sind in etwa so:

Ein erster Goldstreif am Horizont zeichnet sich ab…

…teils auch in Form von Goldregen, mit und ohne Rouge.

Als Lolek zu Besuch kommt – vom Anlass seines Besuchs wird gleich noch die Rede sein -, sagt er „Oijoijoij“, was Polnisch ist und so viel heißt wie „Wenn Sie drauf warten, bis das von einem deutschen Handwerker gemacht wird, sehen Ihre Wände mindestens noch bis Pfingsten so aus!“.

Überhaupt fasst der Pole sich gern kurz, er ist weder mündlich noch schriftlich ein Mann großer Worte und langer Texte, dafür ist er ein Mann großer Taten und langer Arbeitstage.

Am Wochenende bespreche ich die aktuelle Lage mehrfach mit dem Gatten. Wenn die Trocknung in 3-4 Wochen über die Bühne sein sollte, kann mit der eigentlichen Wasserschadensanierung trotzdem erst nach der Badrenovierung begonnen werden, da es ja keinen Sinn ergibt, Flur/Bad/Kammer/Toilette zu streichen, bevor Lolek und seine Truppe Ende April für zwölf Tage hier einfallen und das ganze Bad in Schutt und Asche legen und ein neues einbauen. Das aber wiederum würde bedeuten, dass wir die fleckigen Wände und Decken erst nach erfolgreichem Badumbau streichen lassen könnten. Bis das geschehen ist, wäre es Mitte Mai.
Drei Monate mit all diesem Verhau – im Flur stapelt sich der Kammer-Inhalt, in der Diele die Bretter der Kammer-Einbauten und auch aus anderen Räumen ist vieles ausgelagert, verräumt oder verstellt irgendwo anders Platz – zu leben, ist keine gute Perspektive.
Die einzig mögliche Verkürzung dieses Zeitraums bestünde darin, Lolek zu fragen, ob er den Badumbau vorverlegen und direkt nach der Trocknung des Wasserschadens hier loslegen könnte… Bei Loleks proppenvollem Terminkalender nicht gerade aussichtsreich, aber ich schreibe ihm trotzdem eine fünfsätzige, freundliche Whatsapp und frage nach, ob das eventuell ginge und nenne vorsichtig einen Wunschtermin.

Am späten Sonntagabend antwortet er in typisch lolekischer Kürze: „Ich mache moglich beginne Umbau an 2. März“. Ich springe juchzend vom Sofa auf und hole mir sofort ein Zweitbier aus dem Kühlschrank – das muss gefeiert werden! Denn diese Whatsapp von Lolek verkürzt unsere Leidenszeit um so viele Wochen, mit etwas Glück sind wir schon Ende März wieder in der Lage, uns hier parkourfrei durch die Wohnung zu bewegen und den Blick nicht mehr ständig gen Boden zu senken, damit man all die Flecken möglichst wenig sieht.

Noch beim Genuss des zweiten Fläschchens wird mir bewusst: das bedeutet aber nun auch, ganz fix alles zu planen und in die Wege zu leiten. Den Vermieter informieren, ein Ausweichquartier für die zwei Baustellenwochen organisieren, die Gegenstände fürs neue Bad bestellen, die wir – so war’s mit dem Vermieter schon im Dezember ausgehandelt – zum neuen Bad beisteuern werden. Bedenkt man, dass mancher Kram Lieferzeiten haben wird, so ist keine Zeit zu verlieren.

Schon am Sonntag lege ich los mit den Recherchen, manche davon treiben einen fast in den Wahnsinn, ich erspare Ihnen die Details. Jedenfalls bin ich jetzt Experte für Duschfaltwände, auch Badewannenaufsatz genannt (kenne den Unterschied zwischen Pendel- und Schwingtüren und allen Arten von Scharnieren und Dichtungen), ebenso für Duschhalterungen, Wannenarmaturen, Duscheckkörbchen und anderes Zubehör.
Der Zollstock ist mir bereits an der Gesäßtasche festgewachsen, die 16-stellige Kreditkartennummer kann ich nun auswendig.

Nebenher befasse ich mich mit der Reaktion des Vermieters auf unseren Wunsch nach einer angemessenen Mietminderung, eines der Gebiete im Mietrecht, in denen ich noch nicht fit war, mich nun aber dank einiger Unterstützung und nächtelanger Lektüre soweit wasserschadentauglich in die Materie reingefieselt habe, dass ich den Vorschlag des Vermieters mit einem Gegenvorschlag parieren konnte und dabei sogar ein bisschen gepokert habe. Ob das auch erfolgreich sein wird, muss sich erst noch herausstellen.

Zwischendurch jammere ich bei einem Wochenendspaziergang B. die Ohren voll, hole mir auch von ihm noch ein paar Tipps in der ganzen Schadensangelegenheit, eigentlich sprechen wir fast ausschließlich über Handwerksarbeiten, auch die neue Hüfte, die er in wenigen Tagen bekommt, passt da gut ins Themenfeld, während wir uns mit Seeblick Tee und Kuchen servieren lassen, bei 6 Grad auf der Außenterrasse.

Am Montagabend kommt Lolek zu Besuch und misst unser Bad nochmal gründlich aus. Wir sprechen über Neigungsgrade von Badewannen, Abflusspositionen, Leitungsverlegungen, Absperrventile und Waschtischplatten aus Corian und mineralischen Werkstoffen.
Und wir gehen die Zeitplanung nochmal durch. Lolek wird nach dem Badeinbau noch die Kammer sanieren und – so ihn der Vermieter auch damit beauftragt – im Anschluss daran die Wasserschadensanierung übernehmen und die halbe Wohnung neu streichen. In 12-14 Arbeitstagen will er das alles schaffen („arbeite auch samstags und wenn darf auch sonntags“ – ja Himmel!).

Reschpekt! Unterstützt wird er dabei von seinem Bruder Bolek und – je nach benötigtem Gewerk – anderen Familienmitgliedern. Sie werden hier täglich um 7 Uhr loslegen und erst um 18 Uhr die Fliesenkellen fallenlassen. Als ich das höre, weiß ich: Wir werden uns die gesamte Zeit über nicht hier aufhalten – und das nicht nur, weil wir kein funktionierendes Badezimmer haben und lediglich einen durch Folien abgetrennten Durchschlupf zu einem der Wohnräume, weil der Rest luftdicht versiegelt sein wird.

Ich rufe sofort nach Loleks Besuch den Papa an und bespreche unsere Einquartierung: erst das komplette Rudel, dann nur noch das Fräulein und ich, der Gatte wird zwischendrin für neun Tage an seinen Dienstort reisen, um dort in Ruhe arbeiten zu können.
Für den Schluss der Bauarbeitsphase ist ein Hotelschnäppchen hier ums Eck gebucht, damit ich vor Ort bin für letzte Fragen und die finale Bauabnahme. Das war Lolek wichtig: dass dann jemand greifbar ist, genau wie zu Baubeginn.
Da bräuchte ich übrigens auch noch ein Quartier – wenn also jemand vom 2. auf den 3. März noch einen ruhigen, katzenfreien Schlafplatz und eine warme Dusche anzubieten hätte, immer her damit!

Und sonst?
Die Nachbarschaft rückt in Zeiten der Wasserschadensnöte noch enger zusammen. J. aus dem ersten OG bietet sein Bad zur Nutzung an, gerne auch jetzt schon, M. von nebenan offeriert Hundesitting, weil er vor allem Pippa so mag, die Familie unter uns ihr Speicherabteil, falls wir noch Sachen auslagern müssen.
Das Dackelfräulein ist genervt von all der Unruhe mitten in ihrer Scheinmutterschaft, in der sie es schlecht gebrauchen kann, dass täglich Handwerker durch die Wohnung latschen oder die dröhnenden Corroventen ihrer zarten Kinderschar Angst einjagen. Ich lasse sie derzeit ungern länger allein zuhause.
Fürs Spätabendschwimmen übernimmt D. die gebeutelte Hundedame und wenn ich sie abholen will, möchte sie gar nicht so recht mit mir mitkommen, weil es ja auch bei D. unter der Bettdecke sehr gemütlich, ruhig und warm ist. Hunde sind manchmal schon Opportunisten, zumindest, wenn sie die Chance dazu haben.
Die beiden Kleinspitze, die uns heute Mittag im Dreimühlenviertel begegnen, haben solche Chancen nicht, sondern ganz andere Sorgen. Ihr Frauchen hält beide mit einer Hand an einer kurzen Doppelleine und presst mit der anderen Hand ihr swarovskiglitzerndes Smartphone ans Ohr. Die hellbeigen Plüschtierchen bellen wie wild als wir an ihnen vorbeigehen, die (aus Hundesicht gut nachvollziehbare) Leinenaggression stört nicht nur Frauchen beim Telefonieren, sondern auch Frauchens Macker beim Qualmen und Dumpfvorsichhingucken, also verpasst er beiden einen Fußtritt als Quittung für ihr Gebell, und als ich mich umdrehe und den Proleten entsetzt ansehe, trifft mich ein so finsterer Blick, dass ich lieber beide Beine unter den Arm nehme und das Weite suche, das eigene Nervenkostüm ist gerade zu dünn fürs Vorgehen gegen solche Grausamkeiten und um die Körperkraft war es auch schon mal besser bestellt als momentan.
Gottseidank habe ich ein Fluchtziel, das ich nach nur zweiminütigem Sprint erreiche: den neuen Friseur, bei dem ich heute einen 7-Minuten-Termin habe – als Bauleitung ist für mehr Haarkram einfach keine Zeit. Nein, Scherz beiseite, er säbelt halt die Konturen nach. Schnippeldischnipp, fertig, Mütze drauf und wieder raus in die Kälte.
Dort peitschen einem Schneegraupel und die eisigen letzten Atemzüge von Sabine entgegen, es ist beinahe so ekelhaft wie gestern. Trotzdem eine Stunde an der Isar entlangspaziert, Bällchen geschossen, Suchspiel geübt und auch Mitte-rechts-links.
Man ist unter sich bei so einer Witterung – außer Hundemenschen niemand unterwegs. Heldenhaft, schicksalsverbunden und wissend nickt man einander zu, sofern die tief in die Gesichter gezogenen Kapuzen noch ein paar Augenpartien freigeben, so dass gequälte Blicke einander überhaupt begegnen können.
Die Sonne begegnet mir seit Wochenbeginn ausschließlich in Form von Überschriften auf Papierstapeln und morgen setze ich wohl meinen Servus unter einen von ihnen.
Am gestrigen Dienstag mehr als drei Stunden im Autohaus verbracht, ein ähnlich angenehmes Gesamterlebnis wie der Streifzug durch Keramundo eine Woche zuvor (mal sehen, wohin es mich nächsten Dienstag verschlägt, zur Seelenstabilisierung und aus den nun hinreichend bekannten Fluchtgründen).
Im Schneesturm drei Probefahrten absolviert, den Verkäufer so lange gelöchert, bis alle Fragen meiner drei Notizzettel abgearbeitet und beantwortet waren, derweil drei Heißgetränke konsumiert und der Azubi bringt dem Fräulein im halbstündigen Takt ein Leckerli. So lässt es sich durch den Nachmittag kommen!
Ein Vollprofi, der Herr F., das dachten wir schon damals vor zehn Jahren, als wir das erste Fahrzeug bei ihm erstanden haben. Menschlich nicht ganz so sehr mein Fall wie Lolek, aber gut erträglich im Umgang und vor allem absolut kompetent (und kein Schwätzer und außerdem in der Lage, meinen Nachnamen auf Anhieb richtig zu schreiben). Letztlich lande ich aus Vernunftgründen bei keinem der probegefahrenen Vehikel, sondern bei einem stark rabattierten Sondermodell namens Soleil. Das ist ausnahmsweise mal nicht Polnisch, sondern Französisch, was aber auch wurscht ist, denn auf den Inhalt kommt’s ja an.
Der Soleil strahlt mich ausgesprochen CO2-freundlich und spritsparend an, und als ich dann noch erfahre, dass diese Sonderaktion zeitlich limitiert ist und ausgerechnet am 13. endet, erscheint mir das geradezu wie ein Wink des Schicksals. Also morgen nochmal hingehen, die Dreizehn hat mir immer Glück gebracht, so möchte ich es mir wenigstens einbilden.

Le soleil, le soleil, summe ich so vor mich hin als ich den Autosalon wieder verlasse, es gab da mal ein Lied in den Achtzigerjahren, das so ähnlich ging, bestimmt dreißig Jahre hab ich an den Schlager nicht mehr gedacht (kennt den zufällig wer? wie hieß der nur? war das überhaupt ein französischer Song oder täusch‘ ich mich im Text? welche Schnulzencombo war das?).

Jetzt muss ich leider aufhören.
Lolek klingelt um 21 Uhr und kommt mit Franek, seinem Cousin, vorbei. Waschtischplattenmuster angucken und vermessen. Franek fährt morgen wieder nach Polen und kommt Anfang März mit der passend zugeschnittenen Platte zurück. Ist sowas wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll? Nun gut, der Vermieter will es so.

Selten in zehn Tagen so viele Entscheidungen getroffen.
Nachts, wenn ich ausnahmsweise mal schlafen kann, träume ich von Türrahmen, die herausbrechen, Decken, von denen der Putz herunterbröselt oder undichten Armaturen – oder, wenn es Morpheus mal gut mit mir meint, von unbefleckt-weißen Wänden und schimmelfreien Epoxidfugen.

Was so ein Wasserschaden nicht alles nach sich zieht!
Möge in sechs Wochen wieder ein anderer Alltag Einzug halten, Święty Madonna, proszę, bądź miłościw mnie!

Ich gelobe, Ihnen bis dahin auch regelmäßig Anderes zu liefern als diese stinklangweiligen, ermüdenden, intellektuell wenig anspruchsvollen und teilweise arg humorlosen Beiträge zu Wasserschäden, Mieterelend und Handwerkern (wie wär’s zum Beispiel mal wieder mit der Mutter?, da ist ja noch was offen!, und mit dieser biografischen Kompostierarbeit wollte ich ja eigentlich bis zum Frühjahr durch sein…).

Einstweilen wünsche ich Ihnen angenehmen Abend!

 

Morgenstundo in Keramundo oder: Der Resilienzreport zur Wochenmitte.

Frühmorgens eine Verabredung gehabt zu einem Ausflug in eine ganz andere neue Welt. Eine, die einen so glanz- und verheißungsvollen Gegenpol bildete zur heimischen Corroventenhölle.

Lolek und ich treffen uns um 8:30 Uhr im Schneeregen auf dem Parkplatz eines trostlosen Gewerbehofes im Münchner Westen. Nicht etwa zu einer Schmuddelnummer, auch wenn Ort und Wetter dafür prädestiniert gewesen wären, sondern zu einem Besuch bei Keramundo, der wunderbaren Welt der Fliesen.

Sie wissen schon: Lolek und seine polnische Großsippe werden ab Ende April in unserer bis dahin hoffentlich wüstengleich trockenen Bleibe ein neues Bad einbauen, das ich im Rahmen des lächerlich kleinen Wasserschadens vom November letzten Jahres ausgehandelt habe (und man kann ja nur von Glück reden, dass dieser Umbau nicht bereits im Januar erfolgt ist, so dass jetzt alles wieder buchstäblich im Eimer wäre durch den aktuellen Wasserschaden – man muss immer auch das Gute sehen und das Glück, das einem widerfahren ist, und fast immer geht es ja noch schlimmer, nur gut, dass man sich das dann, wenn’s grad eh schon subjektiv schlimm genug ist, meist lieber nicht ausmalt, denn sowas kommt ja auch ohne vorherige Ausmalarbeiten daher, und zwar wann es will und auch so übel es will).
Wir sind zum Fliesenaussuchen verabredet, Lolek und ich, denn die können lange Lieferzeiten haben und sollten daher frühzeitig bestellt werden, damit sie Ende April dann auch bereitliegen.

Also schlurfen Lolek und ich über den hässlichen Parkplatz zum gläsernen Hauptportal von Keramundo. Eine blankpolierte Schiebetür weicht zur Seite und gewährt uns Einlass in die trockenen, warmen, edlen und schön beleuchteten Hallen – sofort ist der verschneeregnete Parkplatz und jedes Ungemach vergessen.

Wir haben zunächst Gelegenheit, zusammen einen Kaffee zu trinken, da der Chef der Keramunden zwar schon anwesend ist, aber vor 9 Uhr nicht für Verkaufsgespräche, sondern nur für Abholungen zur Verfügung steht (es holt zwar niemand etwas ab, aber man will einen Keramunden ja auch nicht frühmorgens verärgern, gesteht ihm also seine ausgedehnte Kaffeepause zu).

Ich berichte Lolek von dem Wasserschaden, ernte für meinen Bericht tiefes, aufrichtiges, polnisches Mitleid, und auch Lolek meint „Wasse Glück isse neue Bad erst im April dran!“, danach wandeln wir ein bisschen umher, sehen uns um, sprechen über Fliesengrößen und -farben, rektifizierte Kanten und Oberflächenversiegelungen, Fugenfarben und -material. Ich lerne das neue Wort „Epoxidfuge“ und begreife trotz größter Müdigkeit sofort die Vorteile rektifizierter Kanten im Vergleich zu Rundkanten.

Ein Morgenplausch, wie man ihn sich nicht schöner vorstellen kann, nach zwei Stunden Schlaf wegen einer corroventendurchsetzten Nacht. Guter Kaffee auch, da lässt sich Keramundo nicht lumpen!

Danach spielen Lolek und ich noch ein bisschen auf einem Mega-Touchscreen-Tisch herum, wo man mit den Handflächen digitale Fliesen aussuchen, hin und her schieben, diverse Verlegmuster produzieren und alles großflächig miteinander verbinden und vergleichen kann.
Wir sind uns schnell einig, wie die künftigen Wand- und Bodenfliesen verlegt werden sollen, wenngleich unser Bad aufgrund seiner Winzigkeit auch nicht allzu viele Varianten gestattet, dennoch immer schön, wenn man auf ästhetisch Gleichgesinnte trifft!

Und überhaupt: ich mag Lolek.
Zum einen, weil er immer pünktlich und sehr zuverlässig ist, zum anderen, weil er eine verschmitzte Art hat und trotz seines schier unvorstellbaren Arbeitspensums nie übellaunig wirkt.
Außerdem macht es Spaß, mit ihm zusammen in diesem schicken Laden zu stehen und über die Zukunft zu sprechen, also nicht über eine gemeinsame, sondern über die des umzubauenden Badezimmers. Gerade jetzt, wo daheim irgendwie alles zusammengebrochen ist und die halbe Wohnung marode und ungemütlich geworden ist, tut es gut, sich auf auf eine irgendwann mal in neuem Glanz erstrahlende Sanitärzelle (was bei unserer Badgröße fast die bessere Bezeichnung wäre) zu fokussieren.

Um 8:58 Uhr erhebt sich der Keramundenchef langsam hinter seinem Monitor und nähert sich im Schneckentempo der einzigen Kundschaft, nämlich Lolek und mir, vor der um Schlag 9 Uhr eintrifft. Er fährt sich noch einmal durchs gegelte Haar, seine Mimik wechselt wie auf Knopfdruck von „müder Morgenmuffel“ auf „professionelle Verkäufervisage“ und hält auch, was sie verspricht: es folgt ein Beratungs- und Verkaufsgespräch vom Feinsten. So gepampert worden bin ich als Kunde zuletzt vor vielen Jahren beim bislang einzigen Neuwagenkauf meines Lebens.

Leider ist schnell geklärt, dass aufgrund der vermieterseitigen Budgetvorgaben für die neuen Wand- und Bodenfliesen zwei Drittel der Verkaufshallen für uns irrelevant sind (umso erfreulicher, dass Lolek und ich zuvor etwas Zeit hatten, uns auch dort umzusehen, als Münchner Mittelschichtsmieter und Niemals-Hausbesitzender hat man ja nicht den blassesten Schimmer, was es alles an Optik, Material und Preisklassen bei Fliesen gibt, unglaublich!). Aber auch das verbleibende Areal ist groß und schön genug und unterscheidet sich im Interieur nicht vom Rest des Studios.

Die Fliesengröße war eh schnell klar (60cmx30cm), die Farbgebung auch (helles Grau an den Wänden, Anthrazit für den Boden), also ging’s nur noch drum, die passende Struktur auszusuchen. Der Keramundenchef schleppt geduldig alle Fliesenfarbpaare zu einem speziellen „Tageslichtbänkchen“ und baut sie dort auf.

Vor den Fliesenpaaren klappt er anschließend jeweils Musterbücher auf, in denen hübsche Silikonknöpfe und in Chromschienen eingefasste Zement- und Epoxidfugen lagern, die man entnehmen und neben die Fliesen legen kann. Lolek und ich spielen nun ein Weilchen Fugen-Lego, eine äußerst entspannende Tätigkeit, die wir aber dennoch zügig durchziehen.

Nach einer halben Stunde ist die Auswahl für Fliesen und Fugenfarben getroffen, und Lolek, der eigentlich eh keine Zeit für derlei Shoppingtermine hat und längst auf seiner Baustelle erwartet wird, guckt auf seine Uhr, nickt zufrieden und meint anerkennend „Isse sehr selten, dass mit Frau einkaufe so schnell!“ (auch seine unverblümte Offenheit mag ich wirklich gern) und ich glaube, nach diesem gemeinsamen Morgentermin haben wir beide ein ganz gutes Gefühl, was die bevorstehenden Frühlingswochen hier in der Wohnung betrifft.

Lolek geht mit dem Anführer der Keramunden zu dessen Schreibtisch, regelt die Bezahlung und bespricht Lieferzeiten und Abholung des Materials, ich nutze die Zeit für ein paar Fotos, denn möglicherweise war das ja einer der Orte auf diesem schönen Planeten, die man im Leben nur ein einziges Mal zu Gesichte bekommt, also muss das natürlich festgehalten werden, damit man in 40 Jahren, wenn man im Altenheim in seinem wackligen Sesselchen sitzt, all diese Highlights, die den eigenen Lebensweg so pflasterten, in den digitalen Bilderrahmen packen kann und voller Wonne durch die dicken Brillengläser betrachten und Revue passieren lassen kann.

Jedenfalls ein herrlicher Ausflug in eine saubere, trockene, funkelnde, heile Welt!

Jetzt noch ein paar Vorbereitungen treffen für die anstehende Telefonberatung mit einem Fachmann vom Mieterverein, parallel dazu das Beruhigungsbier austrinken, danach – wie schon gestern – nochmal für ein Weilchen mit dem Fräulein zur Freundin, und danach ab ins Bett, mit Meeresrauschen draußen vor der Tür und Heizplatten im selben Zimmer, die jede Winterbettdecke ganz und gar überflüssig machen.

Haben Sie übrigens vielen Dank für all Ihre warmherzigen Kommentare zum gestrigen Katastrophen-Erstbeitrag sowie all Ihre Zuschriften per Mail und WhatsApp, Ihren Zuspruch, Ihre Hilfsangebote (derzeit: Asylmöglichkeiten in Berlin, Brandenburg und Braunschweig, leider fast überall mit Katzen im Haus – ich warte nun, ob vielleicht noch Optionen wie Sylt, Südtirol oder Saltkrokan, und dort dann jeweils mit Sittich statt Katze, eintrudeln) und Ihre eigenen Horrorberichte aus Ihrem ungeahnt reichen Erfahrungsschatz mit Wasserschäden.

Und ich danke Ihnen ebenfalls für all Ihr Lob zu den literarischen Aufarbeitungs- und Verdauungsversuchen, die ich hier im Blog betreibe und die Ihnen als Leser/in offenbar zusagen, was mich natürlich freut, wenngleich mir bewusst ist, dass sich Reportagen zur Klimakrise (Hochwasser im Bad, Hitzewellen in der Diele, Trockenheit in Toilettenräumen, Aufblühen erster Schimmelblümchen an der Decke – und all das so saisonuntypisch mitten im Winter, ja wer das immer noch nicht ernst nimmt, dem ist echt nicht mehr zu helfen!) derzeit zunehmend großer Beliebtheit erfreuen.

Obwohl mich die Situation extrem mitnimmt und ich immer noch gelegentlich in Tränen ausbreche, geht mir das Schreiben grad erstaunlich leicht von der Hand (gleichwohl wäre es nicht dasselbe ohne Ihre Resonanz). Auch Springsteen schrieb ja seine besten Songs in Phasen größter innerer Bedrängnis, Verzweiflung und Finsternis, womöglich hatte er zu Nebraska-Zeiten auch einen Wasserschaden in seiner Bude und es gelang ihm, das subjektiv erlebte Elend und die in solchen Lebensabschnitten noch stärker als sonst empfundene objektive Darkness (nicht nur die on the edge of town, sondern auch jene in the middle of Munich) umzumünzen in kreative Energie und zu neuen Kompositionen zu verwursten und so der Entstehung eines nachhaltigeren Dachschadens vorzubeugen.
Resilienz nennt man das, glaube ich, und das ist eine der Fähigkeiten, die ich der Mutter zu verdanken habe, die zwar selbst, was ihre Lebensführung und ihren Gemütszustand betraf, nix damit am Hut hatte, mich aber genau dadurch indirekt dazu ermunterte, mir früh irgendeine Überlebensstrategie zuzulegen. Dazu noch eine Schippe rheinischer Frohnatur, die ich dem Papa zu verdanken habe – und so hab ich’s zumindest schon bis ins 47. Lebensjahr geschafft.

In diesem Sinne: Bleiben Sie bitte bei mir, seien Sie an meiner Seite in dieser Ära des Grauens, empfehlen Sie mich überdies bitte gern dem Verleger oder Chefredakteur (meinetwegen auch Rundfunk- oder Fernsehfritzen) Ihres Vertrauens und schaffen auch Sie sich Ihre Resilienz-Oasen inmitten der Corroventen-Wüste bzw. in den jeweiligen Geisterbahnen, in die uns Alltag, Arbeitswelt, Beziehungen, Ämter, Krankheiten, Versicherungen, Unfälle oder das Leben an sich immer mal wieder entführen und uns dort zum Verweilen einladen, suchen Sie sich unbedingt Ihr persönliches Ventil, schreibend-musizierend-schwimmend-tanzend-schnitzend-töpfernd-bäumeumarmend-katzenkraulend-briefmarkensammelnd (oder was auch immer), wenn es bei Ihnen von der Decke tropft oder es Ihnen anderweitig grad dick eingeht und Sie nicht darauf warten wollen oder können, bis Sie im Lotto gewinnen oder Ihnen die gesetzliche Krankenversicherung einen Therapieplatz zuweist oder die Gebäudeversicherung Ihres Vermieters alle Schäden behoben und ersetzt hat.

Herzlichen Dank also und ebensolche Grüße!
Ihre Kraulquappe.

My Osprey & me oder: Zum Alpenkränzchen hinaufgeturnt.

Während der PC ein Systemabbild der Festplatte erstellt, das sich im Schneckentempo auf einem externen Speichermedium verewigt, lasse ich die letzten Stückchen der feinen Sansibar-Schokolade von P. (mit einem Hauch Karamell drin, was ungewohnt ist, aber köstlich schmeckt) auf meiner Zunge zergehen, höre die eigens für Einsteiger wie mich zusammengestellte CD vom Ostbahn Kurti (die ein Freund letzte Woche geschickt hat, weil er den akuten Notstand an dieser Stelle zur Kenntnis nahm und stets darum bemüht ist, solche Notstände alsbald zu beseitigen) und habe Zeit für ein paar Notizen hier im Blog.

Die Nächte momentan voller Träume. Von Höhenflügen absurdester Art (z.B. noble Preisverleihung im Kreise journalistischer Prominenz, ich in einem olivgrünen Kleid und auf einem Podium im Scheinwerferlicht stehend, mit fester Stimme einen Text vortragend, womöglich meinen eigenen) bis hin zu spontanen Muttermorden (mal kurz „Mir reicht’s jetzt mit deinen Drangsalierungen!“ gesagt und – zack! – einen am Straßenrand liegenden Ziegelstein ergriffen und…) ist alles dabei.
Und sogar alles neu, kein einziger Aufguss von bereits Geträumtem, keine einzige bekannte Szenerie. Lassen wir das einfach mal so stehen und interpretieren es am besten gar nicht (oder erzählen es irgendwann mal dem Arzt des Vertrauens, falls es in Erinnerung bliebe oder einem irgendwie länger oder ungut nachginge).

Die Tage momentan voller Gespräche, Begegnungen und Bewegung, wenn man Alltags- & Arbeitsdinge mal aus der Betrachtung ausklammert.
Mit D. ihr Geburtstagskuchenessen nachgeholt, das Kennen und die Vertrautheit von zwanzig Jahren so spürbar und schön, das Dackelfräulein friedlich zwischen uns liegend, das Köpfchen rührend in den Schoß der Freundin gebettet, die sie von klein auf kennt, Anblicke, die sich einbrennen und einen an kälteren Tagen wärmen werden.
Mit dem Papa ein paar Stunden zu zweit gehabt, fast ein bisschen wie früher, zusammen gekocht und gegessen und abgewaschen, nach dem Söllner-Konzert einen Absacker getrunken und in aller Ruhe über dies und das geredet.
Mit dem hübsch Bewimperten, neulich auf einer Feier vom Nachbarn kennengelernt, ein erstes Date zu zweit (bzw. zu viert, denn die beiden Hundedamen waren natürlich mit von der Partie), ebenso wohltuend wie die Erstbegegnung, Erzählen und Nachfragen in wunderbarer Balance und überhaupt keinerlei Hakligkeiten oder Fremdheiten (schon lang nicht mehr erlebt: so schnell eine solche Nähe und Verbindung, und beide sind wir ganz beglückt darüber).
Am Tag drauf abends Besuch vom Physiker, monatelang nicht gesehen, auch deshalb lieber daheim verabredet als in einer Kneipe (zu laut/voll/teuer), für zwei zu kochen fällt mir eh leichter als tagelang nur für mich alleine was zu brutzeln, Pippa freut sich über jeden, dem sie nacheinander ihre vier Spielsachen vor die Füße schleudern kann und der immer brav auf alles eingeht, und bevor er nachts aufbricht, heilt er noch die neueste Macke des Canon-Druckers, die ich ihm entnervt vorführe, durch völlig physiker-untypisches Handauflegen.
Freitags noch mit T., die sich den Tag ab Mittag freischaufelt, eine sonnige Hunderunde am Starnberger See gedreht, offene Jacke + Sonnenbrille = Frühling?, Kaffee und Kuchen, Seeblick aus der Gaststube und ein zufriedener Hund unterm Tisch, ein Nachmittag wie aus dem Bilderbuch, wenn nicht gar aus dem Klischeelexikon (dort zu finden unter „Münchnerin, die“).

Der Gatte erschöpft von zwei Wochen Frankfurter Uni-Alltag (und Sondersperenzchen wie Blockseminar und Vortragsreise in die Hauptstadt) heimgekehrt, schnauft samstags mal kurz durch, sinkt zumindest für ein paar Stunden mit seinen beiden Damen auf die Couch, arbeitet schon sonntags wieder weiter, das aber glücklicherweise nur, um sich den gestrigen Montag freizunehmen, denn irgendwelche Vorteile und Freiheiten muss dieser strapaziöse, zeitfressende Job ja auch mal mit sich bringen: schon seit Jahren fahren wir bei gutem Wetter am Wochenende möglichst nirgendwo mehr hin, weil halb München die Autobahnen oder Züge gen Süden verstopft und am Zielort nur Horrorwandern in Horden droht.

Von den zwei Ausflugszielen wählt er beherzt das deutlich ambitioniertere, während ich von den zwei Rucksäcken den deutlich faderen wähle, aber so ein Rucksack ist ja auch eine Entscheidung für die nächsten zehn Bergjahre, das muss nach den Geboten der Vernunft entschieden werden und nicht nach Stimmung oder strahlender Optik oder weil ein violettes „for women“-Schildchen dran baumelt. Trage ich halt das Männermodell, fühle mich ja sonst hinreichend „for women“ seit die Hormonlage einen noch mehr beutelt als sie’s die letzten dreißig Jahre schon tat.

Gestern also gemütlich, staufrei und ohne Parkplatznöte an den Spitzingsee, die Grödeln aufgezogen, die Rucksäcke geschultert und los geht’s – hinauf zur Rotwand!
Die Sonne scheint, der Schnee glitzert, das Dackelfräulein friert diesmal nicht und flitzt munter voraus, ich marschiere mittelmunter in der Mitte unserer kleinen Kompanie (wg. Muskelkater von den neuen Flossen), der Gatte zieht den Aufstieg mit Zähigkeit durch und frohlockt erst oberhalb der Baumgrenze, wo die Aussicht ein Traum und die Hütte in Sichtweite ist.

Oben angekommen Spaß und Spiel im Schnee, Gipfelraten und Großglocknergucken, und schließlich tolle Spinatknödel und noch tollerer Schokokuchen im Rotwandhaus, erbaut vor 114 Jahren von der Münchner Sektion „Turner-Alpen-Kränzchen“ – ein Sektionsname, der mir absolut unmittelbar gute Laune machen würde, wenn ich die nicht bereits gehabt hätte.

(Zum Vergrößern der Bilder & zum Lesen der Bildunterschriften einfach draufklicken!)

Theorie und Praxis: Verschlusssachen.

Gestern Abend eine längere theoretische Unterweisung zur Vorbereitung auf den beruflichen Part der Skandinavienfahrt im Spätsommer.

Der Physiker hat seine Systemkamera in die Kneipe mitgebracht und hält mir eine 3 Getränke und 1 große Mahlzeit überdauernde Vorlesung zu Brennweiten, Verschlusszeiten, Schärfentiefen, Bildsensoren sowie Grenzen und Möglichkeiten eines Reisezooms, das er mir – etwas verblendet von seinen drei Gläsern Riesling – schlussendlich sogar zum Geburtstag spendieren möchte, sofern mir zuvor der Papa den entsprechenden Body gesponsert haben würde (denn ohne Gehäuse braucht man auch kein Objektiv, so viel habe ich am Ende des Abends bereits gelernt ;-)).

So schön Beschenktwerden ist – man sollte mit dem Geschenk ja idealerweise auch was anfangen können, und als mein Blick beim konzentrierten Zuhören auf das Bordbuch fiel, das der Physiker während seiner Ausführungen neben sich und seiner SONY liegen hatte, wurde mir etwas schwummrig, denn der für meine Profession zwar sicher überfällige und sinnvolle, aber doch enorme und nahezu quantensprungartige Wechsel von einer alten, ausgeleierten Kompaktkamera zu so einem Schwergewicht von Systemkamera samt Zubehör, erschien mir doch nicht ganz so simpel in Übergang und Handhabung wie es der Physiker ebenso begeistert wie mutmachend darzustellen versuchte.
(Schenke man mir bitte ein Fass voll Geduld, dazu ein nett illustriertes Kinderbuch à la „Conny lernt knipsen“ und später ein begleitendes Manual in Comic-Form!)

Heute dann ohne fremde Hilfe die erste praktische Reisevorbereitung getroffen: das wichtigste Kraulquappen-Utensil für den privaten Part des Aufenthalts in Schweden ist besorgt worden!

In skandinavischen Schwimmbädern gibt es nämlich nirgends Spinde mit Münzeinwurf, Schlüsselbändchen, Chip-Armbändern oder sonstigen hierzulande möglichen oder unmöglichen Verschluss-Varianten, sondern jeder muss sein Schloss selbst mitbringen. (Der Plural von „Spind“ hört sich ungewohnt bis gruselig an, stimmt aber.)

Auf der letzten Schwedentour hatte ich ein ausrangiertes, kleines Kellertürschloss dabei, das neben seiner Schwergängigkeit (klemmte wie blöd) und Hässlichkeit (Leukoplastbraun mit Platzwunden) vor allem zwei gravierende Nachteile hatte: entweder war der Bügel zu eng und das Umkleideschränkchen ließ sich damit gar nicht absperren oder der notdürftig an einem Gummiband befestigte Schlüssel kratzte mich während des gesamten Schwimmens am Hand- oder Fußgelenk.

Nun für 12€ die Profi-Version erstanden: Größeres U des Bügels und damit hoffentlich alle Schranktürschlossmodelle Schwedens mühelos umgreifend sowie kein doofer, pieksender und verlustanfälliger Schlüssel, sondern eine frei wählbare Zahlenkombination, die man – mit Bedacht gewählt – niemals verlieren wird, weil man sie schon ein Leben lang mit sich herumträgt.

Noch dazu diese positive Farbgebung: je nach Lichteinfall sonnengelb strahlend bis gülden funklend, jedoch mit leicht herber, dezent warnender Senfnote im Abgang (wie ein unterschwelliges und hoffentlich wirksames „Finger weg von diesem Schrank!“).

Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit dieser Wahl.
Kann ich sagen: „Ich hab mir dieses Jahr zum Geburtstag ein Schloss gegönnt!“ (muss ich gleich an den chinesischen Studenten denken, der mal auf einen Gefallen hin, den der Gatte ihm erwiesen hatte, in seiner Dankes-Email schrieb: „Sie haben ein Gut bei mir.“, ein Schlitzohr, dieser Student, denn es blieb bei den großen Worten).
Ein Schloss! Das klingt doch nach was!

Lediglich die auf dem Schloss eingestanzte 145/30 irritiert mich ein bisschen: Was will mir dieser Code sagen, in einer so denkwürdigen Woche und Lebensphase?

Nun aber weiter mit der Arbeit, damit damit da noch im alten Lebensjahr was abgeschlossen wird!

Sie hat manchmal wollen den Sonnenschein auf ihren Hut stecken und die Abendröte umarmen.

[Blogbeitragsüberschrift frei nach Adalbert Stifter]

Weil die liebe B., die derzeit in N. auf U. weilt, sich schon latent sorgt, ob wir womöglich im See oder Freibad ertrunken sein könnten, weil es hier derzeit etwas ruhig geworden ist, nun ein kleines Lebenszeichen in Bildern, quasi eine Dokumentation so mancher Stationen oder Aktivitäten der letzten Tage:

Ausflug an den Ammersee: Diesmal Westufer, wieder viele Fotos, vor allem von Fräulein Seehund…

…aber auch von den Sehenswürdigkeiten in Dießen.

Erstes Selfie mit dem neuen Handy: Schön schattig, das kaschiert fast alle Falten.

Begleitung hatten wir auch: Meinen großen Freund S. und seine Kamera, die viel besser ist als meine.

Wanderung von Dießen zur Schatzbergalm: Könnte eine sehr schöne Tour sein, wenn wir nicht auf dem Schatzberg von einer Mückeninvasion heimgesucht worden wären.

Szenen auf dem Tisch: Die König-Ludwig-Desinfektion der Mückenstiche von innen.

Szenen unter dem Tisch: „Warum esst ihr was und ich krieg nur einen doofen Napf voll Wasser?“

Der Sommerhitze trotzen: Erfrischung, und zwar für alle (sagt auch die Abendzeitung – ich check nur nicht, was die Gourmets mit Baden zu tun haben).

Absurd: Die längste Hundewurst der Welt, aus ihrem 60cm x 75cm-Korb gerutscht.

Mein erstes Erfolgserlebnis auf Balkonien (von der blauen Hortensie wollen wir lieber schweigen).

Pfingsten in München: Englischer Garten, große Gassirunde, Rast im Aumeister.

Clever Shoppen: Am Tag nach dem Mega-Unwetter im Münchner Westen in einen Pflanzenmarkt im Münchner Westen fahren und die wegen Topf- und Blattschäden stark reduzierte Ware als Ersatz für so manch misslungenes Balkonprojekt mitnehmen.

Unterschlagen wurden in dieser bunten Auflistung:

  • diverse langweilige Büroarbeiten
  • stundenlange Recherchen für den nächsten Magazinbeitrag
  • einige Akquisitonstätigkeiten
  • Matthias Forenbacher in Endlosschleife hören
  • zeitaufwändiges Einbalsamieren der zehn fetten Mückenstiche nach dem Ausflug mit S.
  • alle weiteren Haushaltstätigkeiten der letzten sechs Tage
  • zwei Läufe im benachbarten Park
  • zwei Schwimmbadbesuche, einer davon mit Kampfeinsatz (Pfingstandrang, Beckenquallen, Randspringer)
  • Kauf und Zubereitung eines sündteuren Bio-Rindersteaks zur Aufrechterhaltung des Ferritinwerts
  • kontemplative Stunden mit Sonne und Weißbier auf der Parkbank vorm Haus
  • Installation eines neuen Handys inkl. Datenübertragung vom alten Handy
  • Reiseplanungen für den Spätsommer samt haarsträubender Mailkommunikation mit etlichen Hotels im Ausland, die sich erdreisten, für einen kleinen Dackel pro Nacht 25€ kassieren zu wollen, was jeweils in keiner Relation zum Zimmerpreis für den Menschen steht
  • extensiver Konsum von Huberbuam-DVDs in den späteren Abendstunden, um den nachfolgenden Träumen ein paar neue Impulse zu geben (leider die 3D-Brille nicht vertragen)

Herzliche Grüße an die Leserschaft & der lieben B. noch eine erholsame Zeit an der Ostsee!
Die Kraulquappe.

Hello sunshine & hydrangea, so blue.

Gestern Nacht schon wieder eine Whatsapp-Botschaft von T., der gerade mitten im Umzug steckt und mich alle Nase lang wegen rechtlicher Fragen kontaktiert.
Aber der Terror lohnt sich. Guck ich mir die Tage seinen uralten Mietvertrag von der Wohnung, die er nun verlässt, genauer durch und kann ihm sofort sagen: Musst du nix renovieren, starrer Fristenplan usw., hat der Vermieter keine Schangse. Besenrein, Bohrlöcher zu – und tschüss.

Der erleichterte T. meint daraufhin, jetzt hätt‘ ich was gut bei ihm. Ich möchte, obwohl er sich nun ein paar Hunderter spart, nicht maßlos sein und eine Reise nach Lissabon oder Turku vorschlagen, obwohl ich da schon immer mal hinwollte, sondern nenne ihm einen anderen Herzenswunsch: eine blaue Hortensie.
T. ist sofort sehr einverstanden mit der blauen Hortensie, wahrscheinlich sogar erleichtert, dass es kein roter Fächerahorn oder ein Zitronenbaum sein soll.

Seit über zwölf Jahren sehne ich mich nach einer blauen Hortensie. Seit damals, als ich mit U. in dem Haus (kleine, steinerne Villa in Hanglage, sogar irgendwas mit romantica im Namen) am Lago Maggiore war – eine überwiegend schreckliche Erinnerung übrigens, was ganz und gar nicht am Lago Maggiore lag – da stand der große Garten voll mit blauen Hortensien.
Neben der Aussicht, dem See, den Bergen, dem guten Wetter und dem köstlichen Eis in Piazzogna, war das mit Abstand das Beste, das dieser (erste und letzte) Urlaub mit U. zu bieten hatte. Blaue Hortensien, wohin das Auge nur blickte.

Heute dann die große Gassirunde in den Münchner Westen verlegt, wo das große Gartencenter ansässig ist. Die bieten gerade ein paar Tage lang einen kostenlosen „Einpflanz-Service“ an.
Bring your own Topf, buy some flowers – und die Erde & Arbeit schenken sie dem treuen Kunden. Ich muss das nutzen, mein Ellbogen ist vollkommen im Eimer von den anderen Arbeiten auf unserem Balkon (24 kaputte Holzfliesen, noch vom Vormieter, ins Auto geschleppt und auf dem Wertstoffhof entsorgt, und fragen Sie nicht, wie es unter den 24 Holzfliesen aussah).
Am Telefon erfrage ich die günstigste Zeit, um nicht in eine ellenlange Schlange zu geraten, schließlich habe ich das Dackelfräulein dabei und die kann Shopping, Warten und Rumstehen nicht leiden. Die Dame am Telefon nennt mir die beste Stunde, von 13 bis 14 Uhr, denn Da san d’Leit beim Essen.

25 Grad, die Sonne knallt vom Himmel runter, der Parkplatz ist gut voll. Ich packe Pippa auf einer Matte oben in den Einkaufswagen, das haben wir noch nie gemacht, aber das funktioniert prima, so ein Dackel hat wirklich praktische Maße.

Und man kommt so auch gleich viel leichter durch den Markt, weil alle zur Seite huschen und mitleidig gucken, wenn sie das etwas unglücklich dreinblickende Hündchen sehen, das sich die Ladefläche nach und nach mit großen Blumentöpfen teilen muss und sowieso nicht begeistert ist von den im unteren Wagenteil klappernden Tontöpfen.

Seien Sie versichert: es ging ihr gut dort oben, sie hat einfach einen Hang zum dramatischen G’schau, im Grunde ist sie nämlich froh, mit dabei zu sein, und hernach waren wir im Wald und am See, dem Tier geht es also prächtig und es hat auch was vom Tag gehabt, ehrlich! Und ich habe nun eine blaue Hortensie und freue mich sehr daran.

Zurück zu gestern.
Die Whatsapp-Nachricht von T., die er kurz vor der Geisterstunde sandte, bot leider keine Gelegenheit, mir noch durch Hobby-Juristerei eine weiße Hortensie zu verdienen, denn ausnahmsweise hatte T. mal keine Frage zu Schönheitsreparaturen, Wohnungsübergaben oder selbst verlegtem Laminat, sondern er schickte mir ein Foto und zwei Zeilen dazu.

Schlaftrunken blinzelte ich auf das kleine Display und erkenne einen Gaul. Überschrift „Western Stars“.

Ja, Umzüge sind ätzend, anstrengend und zum Davongaloppieren. Oder was will er mir sagen?

Dann setzte ich meine Brille auf und las: Mr. Springsteen hat ein paar ominöse Fotos auf Instagram veröffentlicht und die Fan-Gemeinde damit in Aufruhr versetzt. Irgendwelche Wüstenfotos: Bäume, Sonne, Pferde, Sand.
Die Gerüchteküche brodelte sofort los wie wild, denn seit fünf Jahren hat uns Bruce Almighty keinen neuen Song mehr geschenkt – nicht einen Ton, nicht einen Vers. Wir sind am Verhungern und Verdursten. So gesehen passt das mit der Wüstenszenerie schon recht gut.

Heute Nachmittag dann die Bestätigung vom „Rolling Stone“: Der erste Song kommt bereits morgen raus, das Album dann Mitte Juni. Was für gute Nachrichten!

Ostern ist kaum vorbei, da legt uns Bruce noch ein Ei ins Nest: Hello sunshine!

Ich informiere sofort meine paar Fan-Freunde. Alles freut sich. So sehr, dass wir alle zusammen gnädig drüber hinwegsehen wollen, dass die erste Auskopplung den Titel „Hello sunshine“ trägt, denn – herrje! – das klingt verdammt nach „Queen of the supermarket“, also einem dieser Songs, die mir nichts bedeuten, weil sie einfach nur öde dahinplätschern und man in ihnen nichts außer der gesamten Saturiertheit unseres verehrten Barden aus New Jersey hört, weil ihnen jeglicher Hauch darkness abgeht (von lyrischen Untiefen wie in Nebraska wollen wir gar nicht erst sprechen, sowas gab’s eh nie wieder), die seine depressiven Phasen so zauberhaft umwitterte, und weil es ihnen aber ebenso an der authentischen und saftigen Vitalität eines „Badlands“ oder „Prove it all night“ mangelt.

Nun ja, wir werden es hören und spüren.

Jedenfalls ein guter Tag heute: früh aufgestanden, viel geschafft – und draußen fühlte sich’s schon nach Sommer an.

Bathing beauty.

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

*****

Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

Lovely things.

Mit schwerem Rucksack und einer verheißungsvoll betitelten Tragetasche spazierte der Handwerksfreund gestern vom Münchner Hauptbahnhof zu seinem Einsatzort…

…drin aber nur ein neues Schrauben- und Dübelsortiment, sonst keine spannenden Mitbringsel für die Damen des Hauses.

Kurze Fäschprr (Vesper) und dann ab in den Baumarkt, wo ich mittlerweile kleine Aufgaben übertragen bekomme und eigenverantwortlich erledigen darf – gestern: Schleifpapier in 4 Körnungen besorgen. Eigentlich nichts weiter als ein fieser Trick, denn so wird man(n) die Frau für mindestens 20 Minuten los…

…und kann in Ruhe den ganzen Bretterkram besorgen.

Bevor’s dann so richtig losgeht, wird die Kundin noch mit zwei lang ersehnten Haken ruhiggestellt…

…und schon beginnt das Dauergesäge.
Abends steht dann der Sockel und die Arbeitsplatte darf bereits probeweise auf der Konstruktion nächtigen.

Mittwochmorgen.

Seit kurz nach 8 Uhr jault die Säge wieder vor sich hin, ich schleppe die Tagesration Getränke und Verpflegung ins Haus. Am Vormittag ersucht der Handwerksfreund um einen zweiten Baumarktbesuch – er braucht ein anderes Sägeblatt. Teures Teil, aber einen super Namen hat’s: „Craftomat“. Überhaupt haben sie dem Werkzeuggeraffel ja tolle Namen verpasst: „Herkules“, „Wolfcraft“ usw., soll ja schließlich den Käufer auch emotional ansprechen.

Tut es auch, er strahlt übers ganze Gesicht. Spontan schenken wir ihm das funklende Silberstück vorweg zum Geburtstag. Darauf erstmal ein „Jever fun“ (zur Zweit-Fäschprr)!

Die Tiere machen ebenfalls ein Päuschen und ich verzieh‘ mich jetzt ins Schwimmbad, da ich hier eh nur störe.

Dr. Schmitt bewacht die Konstruktionsskizzen und die To-Do-Listen.

Das Dackelfräulein bewacht die Sägestation auf dem Sonnenbalkon.

Kann man jetzt nicht meckern: die Männer arbeiten und man selbst schwimmt mal ein bisschen im güldenen Wasser des geliebten Freibads ein paar Erholungsrunden.
Trotz der vielen Planung, Arbeit und Ausgaben irgendwie eine durchaus erfreuliche Lebensphase!

Routinen.

So langsam entsteht eine gewisse Routine, was den Wochenablauf angeht.

Und ich bin ja ein Freund von Routinen, da sie das Gemüt und den Geist entlasten und so zu einem ressourcenschonenderen Alltag beitragen.

Morgen Früh verlässt der Handwerksfreund wieder seine Allgäuer Bergwohnung und fährt auf Montage nach München.

Hier ist für die ersten Arbeitsstunden schon alles vorbereitet, nur die Fleischpflanzerl und die Brezen werden noch tagesfrisch herangeschafft. Eh klar!

Verpflegung für den Handwerkervormittag.

Nicht, dass Sie jetzt denken, in dem abgebildeten Papiersackerl wären schon die Brezen für morgen drin. Nein, nein!
Da ist das Handwerker-Power-Müsli drin, das er sich selbst eingetütelt und mitgebracht hat: Feinster und reinster Allgäuer Gips. Den rührt er sich gern mit Vollmilch an und genießt das Ganze zum Zweitkaffee oder zum Erstzigarillo.
Umgerührt werden darf der Powerbrei nur mit den langen Schrauben, die Sie im Bild sehen. Für jedes Müsli eine frische, versteht sich (das beansprucht mit den Wochen zwar auch das eh schon extrem beanspruchte Budget, aber mei, und auch der Gatte hat gesagt: „Lass ihn! Wenn es ihm so am besten schmeckt, soll er die Dinger eben haben!“). Ich kauf‘ jetzt auch immer eine Schraube mehr als nötig, denn nicht dass mal eins der Dinger zwischen die Balkonbodenplatten fällt und der Handwerksfreund dann die Arbeit niederlegt, weil er sein Kraftsupperl nicht korrekt hat umrühren können (sicher ist sicher – denn bis Ende Juni wollen wir hier ja fertig werden mit unserem Großprojekt.)

Ein bisserl speziell ist er halt schon, aber wie gesagt, wir gewöhnen uns von Woche zu Woche besser aneinander, suchen und finden Kompromisse oder alternative Lösungen, und außerdem es ist ja nicht so, dass ich dem Herrn Handwerker nicht auch Einiges zumuten würde: konsequenten Schuhwechsel zwischen den unterschiedlichen Sauberkeitszonen (der Säge-Balkon, das Wohnungsinnere, die Welt da draußen) oder gründliches Späneabklopfen vor den Mahlzeiten am Esstisch oder mitten im Arbeitstag eine schwierige Zeckenentfernung in der Leiste des Dackelfräuleins (um nur ein paar Beispiele zu nennen – die Gesamtliste der Zumutungen korrespondiert locker mit der Anzahl an Flaschen in der obigen Abbildung!).

Ab morgen ist übrigens die Küche dran.
Sie bekommt Licht, Haken für die Geschirrtücher, eine zweite Küchenzeile mit Pfannenabstellfächern in exakter Pfannenhöhe und -breite. Ich bekomme mein erstes Weißbierkasten-Fach und der Kühlschrank darf endlich seinen Anschlag wechseln, damit man da auch mit kaputtem Ellbogen ergonomischer hineingreifen kann. Der Gatte erhält ein schönes Rotweinfach und der Dachshund einen Dachsbau im unteren Teil des Hochschranks.

Bleiben Sie also dran – bestimmt können Sie hier noch das eine oder andere lernen über Handwerkskunst, Biersorten, Neurosen, Putztechniken, Raumgestaltung, Tierhaltung und Teambuilding!

Der Arbeitsbalkon, noch schlafend.