Himmel der Bayern (68): Vom Lauf der Zeit (und dem Lauf zur Brotzeit).

Blick von Wamberg Richtung Wank.

Um ein Haar hätte ich „Schimmel der Bayern“ ins Überschriftenfeld getippt – ein recht deutlicher Hinweis darauf, gestern einfach zu oft dieses Ekelwort geschrieben zu haben. So einen schimmligen Feuchtfleck im Innersten der Wohnung zu haben, das belastet mich schon sehr.

Heut aber weit weg vom Schimmel (und den anderen Malaisen zu Tale), dafür echt nah am Himmel der Bayern. Wie erwartet: ganztags Sonne und die Wege menschenleer.
Die Partnachklamm wird nämlich grad „renoviert“, drumrum sind noch ein paar Wege aufgrund von Sturmschäden unpassierbar, der Sessellift steht still, der Skizirkus hat noch nicht begonnen – und schon haben dort oben alle (!) Hütten und Almen zu. Und all diese Gegebenheiten zusammen locken dann halt so gut wie niemanden mehr hinauf.

Erst war ich auch ein wenig zerknirscht, weil so eine gepflegte Weiße nach dem schweißtreibenden Aufstieg in der Wintersonne schon eine feine Sache ist. In Begleitung eines halbierten Kaiserschmarrns sogar eine noch feinere Sache. Aber wir beschließen, die Tour trotzdem oder gerade deshalb zu machen, weil uns ja außer unserem Geschnatter nach Ruhe ist und man beim Eckbauer die ganze Terrasse für sich allein haben wird, ein wirklich seltener Luxus!

Also übernimmt D. die Proviantplanung und ich kümmere mich um den Rest, kutschiere uns nach Garmisch und zurück und bastle eine Tour aus den aktuell begehbaren Routen zusammen.

13 Kilometer Winterwanderung, davon mindestens die Hälfte in der Sonne, der erste Schnee für uns alle und – ich wiederhole diesen Satz Winter für Winter mit derselben Freude, weil es einfach jedes Jahr aufs Neue ein so wonniger Moment ist: das Dackelfräulein flippt erstmal aus und saust wie ein wildgewordenes Karnickel über die schneebedeckten Hänge.

Überhaupt hat sie blendende Laune heute und ist sehr gut beieinander. So kurz vor ihrem 8. Geburtstag beglückt mich das fast noch mehr als sonst, denn diese Acht, die tut schon ein bisserl weh, wenn man sie so hinschreibt und sie anschaut, mit dieser Einschnürung in ihrer Mitte symbolisiert sie ja geradezu, dass sie zwei Hälften zusammenhält und jetzt bricht eben diese zweite Hälfte an und wenn ich bedenke, wie schnell die erste vergangen ist, dann wird mir ganz klamm ums Herz. „Viereinhalb Monate“ – das antwortete man mal auf die Frage nach ihrem Alter, und ich hör’s mich noch sagen als wär’s gestern gewesen, dabei ist das 7 Jahre und 7 Monate her (damals benannte man noch halbe Monate, mittlerweile rundet man bereits seit Wochen auf die 8 auf).

Naja, der Lauf der Zeit eben.

Mahlzeit!

Aber wenn so eine gemeinsame Zeit schon länger läuft, hat das ja auch viele Vorteile. In allen Beziehungen. Zum Beispiel kennt D. nicht nur meinen Münchner Lieblingsbrezenbäcker (praktischerweise ist sie sogar ins Haus neben ihm gezogen), sondern nach 19 Jahren auch alle anderen wesentlichen Nahrungsvorlieben und -abneigungen, so dass ich mich entspannt an den gedeckten Tisch, der heute Mittag eine Holzbank an der Hüttenwand ist, setzen und das wohlsortierte Buffet genießen kann.

Die wattierten Jacken kann man dort oben getrost zum Trocknen ausbreiten, die Ärmel etwas hochkrempeln und die Sonnenbrille aufsetzen. Der Blick über die Schulter, aufs Thermometer an der Hauswand, zeigt 18 Grad. Der Blick geradeaus ruht auf dem Wettersteingebirge oder sucht das Schachenhaus oder das Dreitorgatterl.

Ich verschone Sie heute mal mit einer größeren Auswahl der immergleichen Fotos, speziell zu dieser Tour.
Sie können sich die Wintervariante ausgiebig hier ansehen und die Sommerausgabe dort. Es ist eigentlich immer krass schön in der Gegend, zumindest wochentags, außerhalb der Saison oder eben wenn alles zu hat.

Möge die heutige Vitamin D-Intensivkur nun eine Weile vorhalten.
Ihnen auch noch eine schöne, sonnenreiche und schimmelfreie restliche Woche!

Bierbichler-Country.

Nach vier seelosen (aber keinesfalls seelenlosen) Tagen wieder am See unterwegs: Ostufer – von Münsing über Reicherskam, Holzhausen, Oberambach und Weidenkam nach Ambach.

Dem Föhn sei Dank weht ein so mildes Lüftchen, dass man mit offener Jacke spazieren gehen kann, und nicht friert, wenn man alle 10 Minuten stehenbleiben muss, um die Himmelsfarben überm See oder der Alpenkette zu bewundern oder sich auf dem Aussichtsbankerl vor der Holzhausener Kirche niederlässt und sein Käsebrot isst.

Dann sogar noch ein Plätzchen im Bierbichler-Gasthof bekommen, auf ein Unertl, eine leichte Frühnachmittagsweiße, im Wirtshausflur hängt das Interview mit dem Spruch des Hausherrn: „Ich hacke Holz, damit ich nicht joggen muss.“

Nette Münchner mit am Tisch, Blick auf den See, eine angeregte Unterhaltung ergibt sich und weil’s dann bei Aufbruch glatt schon ein wenig dämmert, nehmen sie das Dackelfräulein und mich ein Stück im Auto mit, da wir die anderthalb Stunden zurück zum Auto definitiv nicht mehr im Hellen geschafft hätten.

Daheim gleich die schon morgens vorbereitete Lasagne ins Rohr geschoben und alsbald verzehrt. Was will man mehr?

Vom langsamen, leicht umständlichen Heranpirschen an das Eigentliche einer Sache.

Drei Tage Arbeitsklausur am See.
Mich mit Ruhe und Bedacht und auf ein paar Umwegen an das Eigentliche herangepirscht.
Mit passablem Ergebnis: der Text ist jetzt zu 95% fertig. Finde ich zumindest heute Morgen.

Und sonst so?

Von allem was dabei gewesen:
Perfekter Seeblick vom Zimmerfenster aus, drumrum ein Ort der Inspiration, etwas sportliche Betätigung in den Morgenstunden, zäher Novembernebel, zähe Gedanken, absurde Wortfindungsstörungen, aber auch sprudelnde Ideen, beinahe ungeahnte Kreativitätsschübe, kalte Füße trotz warmer Socken, lauwarmes Rührei zum Frühstück, den Input an Nachrichten aus der Welt gering gehalten, immerhin 1x Musik gehört bei einem Morgenlauf, abends Stern-Weiße von Hacker-Pschorr (kommt gleich nach Schneider Weiße TAP7), ein krasser Sonnenuntergang in Lila-Orange-Magenta, wunderbar feste Matratze, entsprechend gut geschlafen, im Lokal 1x Schwaben am Nachbartisch („Ha noi, de Oggsebruschd is aus!“), dafür 2x in ebenjenem Lokal Horizont erweitert in Sachen OMG (once again: that doesn’t mean „Oh my God“ but Oskar Maria Graf, a famous Bavarian writer), sogar einige Gedichte gelesen, keinerlei überflüssige Wortwechsel mit überflüssigen Zeitgenossen, jeden Tag ein schwarzes Haar des Zimmermädchens im weißen Waschbecken, drei Herpes nebeneinander auf der Oberlippe (beinahe schaut’s aus wie die aufgespritzen Lippen eines Hollywoodstars, nur die Frisur passt nicht ganz dazu), eine angenehme Nachttischleuchte (schätzungsweise 2700 Kelvin, so muss das sein), resche Bratkartoffeln ohne blöden Kümmel oder ekligen Speck und endlich mal eine Rezeptionistin, die auf meine Bitte um eine ganz bestimmte Art von Zweitkopfkissen sofort sachkundig mit „Ah, Sie moana a Hansi?!“ reagiert.
Ja super! Genau, des moan i (mia song dahoam Hansipolster, oba bassd scho)!
Erlebt man ja leider verdammt selten in Hotels.

Wenn eines der wichtigsten Werke von Oskar Maria Graf nicht ausgerechnet mit „Das Leben meiner Mutter“ betitelt wäre, hätte ich das Trumm ja schon längst gelesen. Deshalb muss ich mich auch da ganz langsam heranpirschen, diese biografisch bedingte Barriere im Hirn wird aber wohl eines Tages noch einstürzen, das spür ich schon. Und bis dahin blättere ich eben durch die kleineren Werke wie die gesammelte Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen.

Darin finden sich wahre Highlights des Grafschen Sinnierens über unsere Landsleute und deren Humor:

Um einem nichtbayrischen Menschen unseren Humor auch nur halbwegs begreiflich zu machen,
dazu muß man im Erklären ein bißchen weitschweifig sein.
Weitschweifigkeit oder, besser, das langsame, leicht umständliche Heranpirschen
an das Eigentliche einer Sache gehört zu unserer Natur.
Alles Knappe, logisch scharf Umrissene ist uns zuwider.
Wir sind für das Kommode. ‚Kamott’, wie wir es aussprechen,
heißt soviel wie sich in allem gemütlich Zeit lassen
und das zuträglich Behagliche voll auskosten.
Meistens springt dabei sogar ein Vorteil für uns heraus, und wenn es auch nur der ist,
daß ein anderer Mensch sich darüber ärgert oder nervös wird.
Ein ‚kamotter’ Mensch mag das Durchdenken, das in heutigen Zeiten so beliebte Zu-Ende-Denken nicht,
er ist für das Betrachterische.
Das hängt vielleicht mit unserer weltberühmten Kunst,
dem ‚Bayrischen Barock’ zusammen, bloß, meine ich immer,
daß ‚barock’ überhaupt eine persönliche Veranlagung jedes einzelnen Bayern ist. [. . . ]

Bayrischen Humor gibt es allerdings zweierlei:
den, über welchen die Eingesessenen lachen
und jenen, den die Fremden an uns belachen.
Der erstere beruht auf unserer scheinbaren Unlogik und auf der Langsamkeit im Begreifen.
Bei der Beurteilung des letzteren bin ich nicht kompetent.

(Oskar Maria Graf, „Etwas über den bayrischen Humor“. In: „An manchen Tagen.“, 1961)

Da brauch ich keinerlei Tischgesellschaft, wenn ich sowas neben meinem dampfenden Blaukrautschälchen liegen habe und darin lesen kann.

Und am letzten Abend, im Hotelbett, schließt sich dann der Kreis, als ich das hier aus dem Netz fische:

Nun noch ein bisschen Herumdenken an den fehlenden fünf Prozent, meine Siebensachen zusammenpacken und gegen Mittag wieder nachhause zum Gatten und dem Dackelfräulein, die den Giardien hoffentlich bereits erfolgreich den Garaus gemacht haben.

Auf Wiederseen!

Himmel der Bayern (67): Vom Alberich verfolgt.

Wieder einen anderen Weg zum Heiligen Berg erkundet.
Jetzt fehlt uns nur noch einer, dann sind wir sie wirklich alle gegangen.

Was für ein schöner Himmel, was für eine wunderbare Wanderung – der Läufigkeit des Dackelfräuleins sei Dank spazieren wir nun wieder häufiger auf wenig begangenen Pfaden, um den diversen Aspiranten aus dem Weg zu gehen.

In Klosternähe begegnen wir einem Abt a.D. mit seinem Mischlingsrüden, beide ziemlich betagt, der Rüde aber noch nicht betagt genug, um den Braten nicht sofort zu riechen.

Er folgt Pippa in gebührendem Abstand, aber sehr beharrlich. Die Piffe des Abts richten nicht das Geringste aus, also muss der alte Mann irgendwann doch die Stimme erheben. „Alberich, komm jetzt endlich her!“, ruft er laut. Und danach: „Alberich, warum hörst du denn nicht?“

Alter Mann, zu neuem Leben erwacht.

Während ich dem Herrn die Lage erläutere, stellt sich Alberich – beinahe getreu der Masche seines Namensvetters – weiterhin taub und zieht erst Leine als das Fräulein ihn heftig anzickt.

Man muss sagen: von den Halsbändern her hätt’s schon gepasst, diese Liaison.

Wenn ich Ihnen nun noch erzählen würde, dass wir auf dem Rückweg vom Kloster einen Rüden namens Hieronymus trafen, dann werden Sie entweder denken Die spinnen doch, diese Bayern! oder dass die Verfasserin dieser Zeilen heillos in der Klosterschänke versumpft ist und im Halbdunkel dann vor lauter Doppelbock einen Hirschbock nicht mehr von einem Ridgeback unterscheiden konnte.

Deshalb erzähl ich Ihnen das ja auch lieber nicht.

Gegrüßet seist du, November!

Zeitgleich mit dem November hält dieses Jahr winterliche Kälte Einzug, und mit den Temperaturen beginnt auch das Stimmungsbarometer zu sinken.
Auf den langen Märschen durch die Isarauen oder städtische Parks trage ich nun meist eine Mütze und immer Handschuhe, kehre ich unterwegs ein, löst die heiße Schokolade allmählich das kühle Weißbier ab.

Die erste dieser wärmenden Winterschokoladen an einem Ort getrunken, den ich nicht mehr aufsuchte, seit ich mit demjenigen dort war, den ich eine Weile für einen Freund hielt, der sich aber urplötzlich, kommentarlos und ganz ohne jede Wärme vom Acker machte und nichts hinterlassen hat außer ein paar gut eingebauten Regalbrettern und einer beachtlichen Menge Schutt aller Art.
Den Großteil davon habe ich längst beseitigt, erst gestern aber fand ich auf dem Boden einer Schublade – eigentlich auf der Suche nach einem Geschenkbändchen für die liebe K. – nochmal so ein Überbleibsel dieser hoffentlich letzten Blutegelepisode in meinem Leben: ein nett beschriebenes Kärtchen, einen hübsch glänzenden Talisman dazu. Schöne Worte und Symbole, nichts dahinter. Also weg damit, denn sich solche Andenken noch zu bewahren, das hieße auch weiterhin an denjenigen zu denken und sei es nur, wenn man grad ein Geschenkbändchen sucht.
Immerhin barg sie eine nachträgliche Lernchance, diese Geschichte (was beileibe nicht all solche Geschichten tun oder was ich, als bekennender Gegner der „Alles im Leben hat seinen tieferen Sinn“-Ideologie, eben nicht zu sehen imstande bin): Künftig noch genauer hingucken, denn mancher Blutegel kommt als Salamander verkleidet daher, bei den ersten Zweifeln gilt es, ordentlich an der Fassade zu rütteln, spätestens nach dem ersten Biss ist sofort das Weite zu suchen.

*****

Musikalisch geht’s jetzt auch hinüber in andere Gefilde, wieder mehr Tom Joad und Hattie Carroll (von Letzterem krieg ich den Hals grad gar nicht voll), garniert von gelegentlichen Versuchen, den grauen Himmel mit mehrminütigen Videoclips von Lofgrens Gitarrensoli wegzupeitschen.
Literarisch ist die Zeit nun reif für Walden, das schon viel zu lange von A nach B (und wieder zurück) geräumt wird und als blinder Passagier sogar quer durch ganz Gotland und halb Schweden gereist ist.

Das Dackelfräulein ist pünktlich läufig geworden (immer wieder faszinierend: ein so kleiner Körper und alles drin an Abläufen und Funktionen, an Möglichkeiten und Risiken), verbellt draußen eifrig die ersten interessierten Rüden, trägt drinnen ihr kesses Höschen mit routinierter Gelassenheit und schmiegt sich nachts noch enger an einen ran, was zu der Jahreszeit recht angenehm ist.

Der Ellenbogen schmerzt wieder, dafür kann man durch unsere Fenster die Eichhörnchen im Baum gegenüber nun viel besser beobachten. Ein Stück oberhalb dieser altbekannten Schmerzzone noch eine weitere, dort ächzt die Schulter vor sich hin, auch nichts Neues mehr. Und seit Wochen ein Stechen und Druckgefühl im Solarplexus, also exakt dort, wo gefühlt schon immer mein Ich hauste (merke: zu sowas niemals mehr Dr. Google befragen, sonst läuft man Gefahr, gleich aus sich selbst ausziehen zu wollen).
Der lästigen kleinen Oktober-Arztterminserie wird vermutlich bald eine weitere folgen, denn schließlich muss man in 9 bis 10 Monaten fit sein und beide Arme gen Himmel oder Bühne recken können, wenn Mr. Springsteen im Herbst seines Lebens dem selbigem des Jahres 2020 die Ehre erweisen wird (so die Gerüchte, die seit heute Mittag kursieren, sich bewahrheiten mögen).

Wenigstens beim Schwimmen macht der Arm noch gut mit, zwingt einen sogar zu technischer Gründlichkeit.
Das Experiment „Schwimmen mit Musik“ hingegen wurde heute Morgen endgültig für abgesoffen erklärt. Der Geburtstags-Sony-Sport-Walkman ist zwar federleicht, simpel zu bedienen und klingt über Wasser auch 1a, aber aus mir wird kein Mit-Musik-Schwimmer mehr.
Fast alles stört meinen Rhythmus, gerade mal drei Songs der langen Playlist konnten für kraultauglich erklärt werden, zur Rückenlage passt kein einziger und beim Brustschwimmen kommt nach ein paar Hundert Metern jedesmal Wasser in die Ohrstöpsel und verzerrt den Klang. Außerdem höre ich meine Blubberatmung nicht mehr, die ich aber gern höre, so als einziges Geräusch in dieser schönen Stille, die unter Wasser herrscht.

*****

Nach dem Fest ist vor dem Fest: die Reste der Wiesn sind noch nicht mal ganz abgebaut, da stellen sie direkt daneben bereits die Zelte fürs Winter-Tollwood auf. Immer was zu gucken, wenn man vor die Tür tritt. Ich empfinde das immer noch als belebend, erst recht, wenn ich an die Ödnis unseres kurzen Wohnexperiments am Stadtrand zurückdenke.

Und analog dazu: nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung.
Noch keine 14 Tage befreit von dieser Zumutung, schon trudelt ein Schreiben vom Finanzamt ein. Mit Nachfragen, die Nachfragen aufwerfen und auf die alleine keine Antwort zu finden sein wird (auch das eine Zumutung: die müssten einem doch so schreiben, dass man versteht, was sie von einem wissen wollen). Erst im August den letzten Schikanemarathon vom Fiskus überstanden, schon steht eine neue Beschäftigungstherapie ins Haus, der man sich nur entziehen könnte, wenn man entspannt ein paar Tausender zu verschenken hätte. Haben wir nicht, also werten wir’s einfach mal als belebend, dass da jetzt wieder action ansteht.

Außerdem gibt es ja so Wünsche, die durchaus ein Geld kosten.
Gestern an einer Galerie vorbeigekommen, die sonst immer zu hatte, wenn ich da entlangspazierte, was ich jedes Mal bedauerte, weil in dem kleinen Raum eine exzellente Auswahl an Plakaten aus meinem Geburtsjahr hing, die Olympischen Spiele in München in allen Disziplinen, Farben und Formaten. Und gestern stand plötzlich der Galerist drinnen und winkte mich hinein. Das gesamte Sortiment durchgepflügt, das Schwimmerplakat ganz wunderbar, auch das der Kanuten, aber dann stieß ich auf das hier:

Limitierte Auflage, daher ein Sammlerstück, natürlich mit weiter steigendem Wiederverkaufswert, sofern man jetzt den Zeitwert berappen könnte und sich das Ding für nur 600€ (*schluck* – dafür bekommt man ja schon fast einen echten Waldi!) unter den Nagel reißen würde.

Sie müssen wissen: der Waldi ’72 ist mir sehr bedeutsam. Er wurde mir als mein allererstes Stofftier in die Wiege gelegt und mir 18 Jahre später gegen meinen Willen wieder genommen, die Mutter rückte ihn einfach nicht raus als ich von ihr ging, ich musste also den Waldi zurücklassen und den mit uns lebenden Dackel ja sowieso, es war ein einziger Graus (ein Grauen vielmehr!), die Mutter hat ihn irgendwann verkauft oder weggegeben, in fremde Hände, in ein Stofftierheim gar, ich hab’s verdrängt, denn verloren ist verloren.
Dementsprechend muss hier noch eine uralte Wunde genäht und geheilt werden, wie Sie nun sicher verstehen werden. Es war der wadlgroße bzw. -lange Waldi, der mit dem groben Stoffbezug, nicht die flauschige Plüschvariante. Ich weiß noch genau, wie ich ihm immer ganz sacht mit dem Zeigefinger auf die Nase tippte, wie er sich anfühlte, wie er roch, wie er guckte, wie er über meine Spielsachen und Hausaufgaben wachte, sogar die ersten Springsteenplatten haben wir noch gemeinsam gehört und den ersten Liebeskummer zusammen durchgestanden, kurz: es ist einer dieser Verluste, über die man nie wirklich hinwegkommt.

*****

Bei manchen der noch neueren Kontakte und Bekanntschaften zeichnen sich erste Grenzen ab (oder zumindest zeitweise Statuszementierungen), bedingt durch die eigentlich recht banale Erkenntnis, wie anders andere doch sind.
Steh ich neulich bei einem in der Wohnung herum, der mir mit Handy am Ohr die Tür öffnet, weswegen ich dann eben ein Weilchen dort herumstehe und warte, bis er fertig ist mit seinem Telefonat.
Nachdem er aufgelegt hat, begrüßt er mich auf eine Weise, die mir zutiefst sympathisch ist, weil er einen nicht so verhuscht umarmt, wie das viele tun (dieses eher angedeutete Innigkeitsgeste, ein Hauch von Berührung, vielmehr: ein Hauch von nichts, kaum ein Bartstoppel oder Brustkorb oder Geruch wahrnehmbar, wozu auch immer eine solche Pseudoumarmung gut sein soll oder was sie ausdrücken bzw. wovor sie sich drücken möchte), sondern weil er richtig „zulangt“, das hat was Verbindliches, das strahlt Präsenz aus, und Vitalität. Sehr schön!

Nach der Begrüßung saust er in sein Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft (es ist ca. 15 Uhr und ich gebe zu: ich bin grundsätzlich erstaunt darüber, dass es Menschen gibt, die um diese Zeit fernsehen), auf dem Weg dorthin ruft er mir zu, er wolle den unbedingt mal schnell ausschalten. Ebenfalls sehr schön, denn bei privaten Unterhaltungen kann ich im Hintergrund Laufendes ebenso wenig leiden wie unnütze, ziellose Beschallung jeder Art im öffentlichen Raum.
Auf dem Rückweg zu mir fügt er seinem Tun noch erläuternd hinzu: „Ich mach‘ den manchmal an, wenn es mir in der Wohnung zu still ist!“.
Öha!?! – Innerlich zucke ich heftig zusammen bei diesem Satz, äußerlich bin ich bemüht, so zu gucken wie ich zuvor geguckt habe (ankommend, freundlich, zugewandt, frisch umarmt). Die Sprache verschlägt’s mir dennoch kurz, was nicht weiter auffällt, da er ohnehin der Plauderpart von uns beiden ist (er erinnert mich auch hierin an meinen ehemals besten Freund M., mit dem ich mich nach fast 15 intensiven Jahren auseinandergelebt habe, u.a. wg. eines massiven Überplauderungsgefühls, dessen ich mich nicht anders zu erwehren wusste als durch Distanz und Bennenung der Gründe dafür).

Als ich wieder gehe, denke ich darüber nach, ob das wohl je eine Freundschaft werden könnte oder ob mir ein Mensch, der die nachmittägliche Stille in den eigenen vier Wänden mit dem Einschalten der Glotze zum Verstummen bringen muss, mir nicht zu wesensfremd ist für das, was ich unter Freundschaft verstehe. Diese Grübelei mündet in eine Grübelei darüber, ob es unter sozialen Aspekten sinnvoll ist, mit zunehmendem Alter immer kritischer zu werden oder ob nicht doch eher das Gegenteil ratsam wäre.

*****

Apropos sozial.

Was mir nicht nur aus der Seele sprach, sondern mir auch das Herz erwärmte, ist dieser vorgestern erschienene Artikel von Juli Zeh, in dem es um Sozialakrobaten geht (und diese einmal mehr aufs Trefflichste von Untermietern unterschieden werden).
Wenn Sie ein Tierfreund und einigermaßen novemberfest sind, dann lesen Sie den mal.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen kuschligen Abend, mit einem Gefährten oder mit der Sofadecke, und verabschiede mich hiermit in meine allabendliche Streichelmeditation!

Mountaindog.

Die Goldigkeit dieses Oktobers nimmt einfach kein Ende.

So der Papa heut Morgen am Telefon. Und: Dort draußen in den Bergen sei schönstes Wetter.

Echt? Der Blick aus dem Fenster der Münchner Wohnung verlor sich nach wenigen Metern im dichten Nebelgrau!

Wenngleich in post-konzertanter und frauenspezifisch etwas angeschlagener Verfassung gab ich mir um 11 Uhr doch noch einen Ruck, packte die Bergsachen, etwas Verpflegung und natürlich das Dackelfräulein ein – und fuhr los.


Zu einem der Hausberge, der Benediktenwand. Wie oft ich da wohl in meinem Leben schon war? 20x, 25x, noch öfter? Und es wird nie langweilig!

Weil der Berg ja jedesmal anders ist zu dir, und du dich auf ihm auch jedesmal anders bewegst, weil du dich nie gleich fühlst, weil du immer in anderer Verfassung hochsteigst als du hinunterkommst, weil dein Gepäck stets ein anderes ist und weil sowieso nichts im Leben wiederholbar ist (wir gaukeln uns das manchmal nur gern vor).

Heute also von Benediktbeuern aus durchs Lainbachtal hinauf, ein Traumweg zu jeder Jahreszeit. Nicht ganz hoch auf die Wand, versteht sich, weil da muss man schon früher aufstehen und fitter sein, das dauert mit Auf-, Abstieg, Pausen und Grat-Querung mal locker 8 Stunden.

Heute nur auf die Tutzinger Hütte, aber was heißt „nur“? Bei flottem Tempo sind das hoch und runter auch schon gut viereinhalb Stunden, plus Rast auf der Hütte.

Übrigens eine der am schönsten gelegenen Hütten im Voralpenland, sollten Sie mal in der Gegend sein, lassen Sie sich das nicht entgehen. Herrliches Hochplateau am Fuße der Felswand. Wirkt viel höher und alpiner als es ist.

Eine Stunde dort gesessen und geradeaus geguckt. In der Ferne ein paar Steinböcke gehört. Die herbstliche Bergluft inhaliert. Dazu ein Reutberger. Mich sehr heimisch gefühlt dort oben und überhaupt.

Große Harmonie heute auch zwischen Pippa und mir. Perfekte Kommunikation unterwegs, einer achtet auf den anderen. Die Trageübungen klappen auch immer besser. Man muss sowas ja frühzeitig trainieren, damit es dann sitzt, wenn man mal regelmäßiger drauf angewiesen sein wird.

Heut erstmals das klare Gefühl: Sie wird das lernen, mir zu signalisieren, wenn sie nicht mehr kann. Und ich werde lernen, dass ich das Gewicht – hinten Rucksack, vorne Hund – so verteile, dass ich sicheren Schrittes weitergehen kann und sich die Nackenschmerzen anschließend in Grenzen halten.

Noch ein, zwei heftigere Herbststürme und das letzte Laub wird zu Boden gegangen sein. Der Lauf der Dinge: ein ewiges Erblühen und Verblühen. Alles Leben ist letztendlich kompostierbar – mich persönlich beruhigt das.


In der Dämmerung wieder unten im Tal angekommen.

Der Abendnebel wickelt sich gerade um die Türme des Benediktinerklosters. Ich wickle den müden Mountaindog in eine Decke, mich in meine Fleecejacke und fahre zufrieden heimwärts.

Geburtsdog.

Zur Spätnachmittagsstund‘ in Gmund: Das Fräulein erfreut sich am Hundestrand, ich mich am menschenleeren Nachsaison-See.

Nun weiter zum Papa, wieder einer dieser Wer-weiß-wie-viele-noch-Geburtstage.

Ein Geburtsdogstänzchen für den Opi (und eine Gedenkminute für P., der uns seinerzeit Hauptmanns „Und Pippa tanzt“ schenkte, zum Einzug des Dackelfräuleins).

Vergessene Berge.

Treffpunkt: Kochel am See. 16 Grad, Nebel, ein feuchtkühler Herbstsamstag.

Mit seiner alten BMW biegt B. auf den Parkplatz ein, steigt ab und hält mir die Wanderkarte unter die Nase. Sein erster Vorschlag ist die Sonnenspitz, ich studiere kurz die Karte und willige ein. Denn das sieht exakt nach der Art von Tour aus, die das Dackelfräulein am meisten liebt: null Forststraße, null Asphalt, ausschließlich schmale Bergpfade.

Wir gehen die 700 Höhenmeter auf die Sonnenspitz (die sich heute Mittag leider überwiegend in Wolken hüllt) sehr flott hoch. Und das nicht etwa, weil wir Lust auf einen Bergsprint haben (ganz im Gegenteil: B. steht kurz vor seiner zweiten Hüft-OP und ich spüre noch die Tour vom Donnerstag in den Waden, außerdem ist es das erste Wiedersehen seit Wochen, so dass es viel zu erzählen gäbe).

Nein! Wir gehen so zügig da hinauf, weil Pippa so freudig und vital vorauswieselt wie seit Monaten nicht mehr. Den Spaß will ich ihr unbedingt lassen, also hecheln wir hurtig hinter ihr her und staunen, wie sie in dem wild zugewachsenen Bergwald überall sofort den richtigen Pfad findet – was gar nicht so einfach ist, denn die Zustiege auf die Sonnenspitz werden seit ein paar Jahren nicht mehr gepflegt, weil die Berge drumrum (Herzogstand, Heimgarten, Jochberg) allesamt beliebter sind als die etwas schroffe, steile Sonnenspitz. Man ist x-mal an ihr vorbeigefahren und hat ihr nie Beachtung geschenkt, geschweige denn, dass man auf sie hinaufgestiegen wäre. Zu Unrecht!

Der Reiz solch vergessener Berge besteht nämlich genau darin, dass sie vergessen wurden. Dass sie nicht gut genug waren für die Top Ten im Blauen Land, nicht spektakulär/hoch/aussichtsreich genug. Das hat zur Folge, dass sie nie überlaufen sind und ihre Wege unberührt wirken. Trifft man doch mal auf andere Bergsteiger, sind es Einheimische, Mountainbiker verirren sich gar keine hierher.

Das Beste: es herrscht völlige Ruhe auf einem vergessenen Berg. Und für die Hundenase herrschen paradiesische Zustände. Hier gibt es bereits mitten auf den Wegen die pure Natur (fast schon: Wildnis!) zu entdecken (anstatt von Bergstiefeln und Fahrradreifen zermalmte Böden). Wunderbare Tour, da waren wir sicher nicht zum letzten Mal!

Und als wir zufrieden und erschöpft wieder im Tal ankommen, trollt sich dann auch das letzte Wölkchen gen Osten, in die Jachenau oder ins Karwendel, so dass der Tag am Seeufer ausklingen kann, weil die Spätnachmittagssonne glatt noch die durchgeschwitzen Klamotten zu trocknen vermag.

Was für eine Woche, was für ein schöner Oktober!

3 Jahre, 2 Hunde, 1 Freundschaft.

Es gibt nichts Verbindenderes als so intensiv und gut verbrachte gemeinsame Zeit.

Danke Euch dreien für diesen wunderbaren Bergtag in Garmisch!

(Für nähere touristische oder persönliche Hinweise halten Sie bitte einfach den Mauszeiger auf das Bild Ihres Interesses – oder klicken Sie’s direkt an.)

Himmel der Bayern (66): Im Moos nix los.

Mittwochsmeditationsmarsch bei Murnau. Kein Mensch unterwegs.

Ein heimatliches Paradies, diese Gegend hier. Das Licht, die Herbstfarben! Und ein zufriedener Ende-der-Saison-Rundumblick auf all die Berge, auf denen man so war, und auch auf die, die man in diesem Jahr nicht bestiegen hat. Kommt ja hoffentlich wieder eine neue Saison, dann wird das nachgeholt.

Lästigen Schreibtischvormittag hinter mir, lustigen Abend mit befreundetem Rudel vor mir.

Stimmige Tagesbilanz.

(Wenn ich nur die Bergschuhe für morgen nicht daheim vergessen hätte. Kruzifix, muss man sich allmählich echt jeden Handgriff notieren? Na wird schon trotzdem gehen…)