Hund haben (13).

Morgens mit der guten Aussicht aufgestanden, dass so ein Regentag ja der ideale Arbeitstag sein könnte.

Zum Beispiel um den in Kürze abzugebenden Artikel tatsächlich fertigschreiben zu können. Oder um dem neuen Vermieter auf seine Mail zu antworten (es gibt ein paar Hakligkeiten in puncto anstehender Wohnungsübergabe mit dem Vormieter und dem Untermieter des Vormieters). Oder um sich durch ellenlange Eingabemasken des Vodafone-Umzugsportals durchzuklicken (und in der vorletzten Maske von einem Baustellensymbol – ein dämlich winkendes Männlein mit Helm in der einen und Schippe in der anderen Hand – auf Wartungsarbeiten am Server hingewiesen zu werden, danke auch, ihr Vollpfosten, dass ihr das nicht gleich mit dem <Enter> der allerersten Maske verknüpft habt, da lob‘ ich mir mal die Deutsche Post: nur ein Formular, 10 Felder auszufüllen – und schon ist der Nachsendeantrag online beauftragt und bezahlt!).

Wo waren wir doch gleich?
Ach ja, beim heutigen Regentag und dem Vorhaben, es möge ein guter Arbeitstag werden. Ein paar Mails rausgejagt, dann der Schreibarbeit zugewandt, dazwischen ein Gang zur Apotheke (der Ellenbogen bekommt jetzt eine Ibu-Kur bis zum Umzug) und zur Leergutrückgabe (der Gatte weilt grad 10 Tage am Stück im fernen Frankfurt, da muss man leider selbst mal die leeren Bierflaschen, die sowieso alle auf mein Konto gehen, da der Gatte ein Weintrinker ist, zum Automaten schleppen), danach zurück an den Schreibtisch und schon stupst einen die Hundenase an. Man schielt auf die Uhr, denkt „Oh Gott, schon wieder Mittag!“, schaut aus dem Fenster, denkt „Oh Gott, es schüttet ja!“ und vertröstet die Kleine. Die denkt „Oh Gott, ist das langweilig hier!“ und legt dann brav und zugleich mahnend ihr Kinn auf meinem Fuß ab.

Sie machen sich übrigens keine Vorstellung davon, was so ein kleines Dackelkinn wiegen kann, wenn der mit diesem Kinn verbundene Hund unbedingt nach draußen will! Da schläft Ihnen in Nullkommnix der Fuß ein, so schwer ist das! Also dauert es gar nicht lange und Sie wollen sich dann unbedingt selbst bewegen, damit Leben in Ihren eingeschlafenen Fuß zurückkehrt (ein ganzes Kapitel sollte man in dem noch zu schreibenden kynologischen Standardwerk „Der urbane Hund von Welt“ dieser „Sanften Erziehungsmethode“ widmen!).

Wetterfest verpackt (nur ich, denn Regenkleidung für Hunde lehne ich ab!) stiefeln wir zum Wald. Das Dackelfräulein hat blendende Laune. Man selbst war grad gut drin im Arbeiten und ärgert sich, dass man rausgerissen wurde, noch dazu hinaus in den Regen. Der Matsch klebt einem an den Goretexschuhen, die man erst vorgestern vom gröbsten Dreck befreit hatte. So latscht man tapfer vor sich hin, grummelt ein bisschen in den bis unter die Nase hochgezogenen Kragen der Regenjacke hinein, wirft Bälle und Tannenzapfen auf schlammige Waldwege, dass es nur so spritzt. Der Hund hat Spaß. Riesenspaß sogar. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir beide von oben bis unten nass und dreckig.

Und dann geschieht es!
Diese unnützen menschlichen Zwänge und Gedanken, was man alles müsste/könnte/wollte, wenn man nicht hier im Wald stünde, so nass und dreckig, sie fallen von einem ab. Sie fallen einfach hinunter in die matschige Erde.
In die matschige Erde, in die meine emsige Hundemadame 2 Meter von mir entfernt gerade ein beeindruckendes Loch buddelt. Der Dackel ist nämlich ein Erdhund (auch Bauhund genannt, was die ausgehobene Grube eindrücklich widerspiegelt)!

Erdhund at work.

Überall Erde. Der ganze Hund ist erdverschmiert, meine Schuhe und meine Hose ebenfalls.
Und ich fühle mich so wie ich aussehe: geerdet!

So ein Hund ist ein perfektes Erdungsprogramm, sag ich Ihnen. Da können Sie sich ein paar dieser ollen Ratgeber (á la „Sich erden: 9 Mittel und Wege für mehr innere Stabilität“ oder „Achtsamkeit für jeden Tag: Wie Sie sich erden und zu einer bewussten Lebensgestaltung finden“) sparen, indem Sie sich einen Hund zulegen und bei jedem Wetter mit dem rausgehen müssen.

Ok, so ein Hund kostet Zeit und Geld, deutlich mehr als für ein paar Ratgeber draufgehen würde, aber dafür sparen Sie an ganz ungeahnten anderen Ecken: edle Pumps adé, gute (helle) Hosen adé, Röcke und schicke Strumpfhosen sowieso – es lebe die Funktionskleidung, die täglich abwischbare!
Oder denken Sie an all die Urlaube, diese sauteuren Fernreisen, die Sie wegen Ihres Hundes nicht mehr machen können – was das Kohle spart!
Oder an das kostspielige Theater-Abo, das Sie gar nicht mehr haben wollen, weil Sie abends viel lieber im Rudel auf der Couch rumlümmeln und total spannende, preiswerte Serien auf DVD gucken, während Ihr Vierbeiner glücklich – weil Sie bei ihm daheim sind! – auf Ihnen liegt und schnarcht!

Aber ich bin schon wieder abgeschweift. Zurück in den Wald, in den erdigen Matsch, zum Regenspaziergang mit dem Hund.
Nach anderthalb Stunden kommen Sie also triefnass und spotzdreckig wieder nachhause. Ihr Hirn ist durchgepustet, Sie fühlen sich erfrischt, rundum geerdet eben. Denn Sie haben sich bewegt, haben den Boden unter Ihren Füßen gespürt und die Luft in Ihren Lungen. Sie sind gleichwohl ein wenig müde, wohlig müde aber, weshalb Sie beschließen, dass nur ein starker Kaffee nötig sein wird, um die Rückkehr an den Schreibtisch zu erleichtern.

Sie sperren die Tür auf, schälen sich aus all Ihrem Drecksgewand, wickeln die vierbeinige Erdwurst in ein Schmuddelhandtuch und tragen sie zur Wanne, auch hier wieder eine große Erdaktion, diesmal bräunlich dahingluckernd im Abfluss verschwindend. Sie wischen die Wanne sauber, hängen das ganze triefende Glump auf, derweil Ihr Dackel wie eine wildgewordene Hummel durch die Wohnung pest und so eine Art Schnelltrocknungsprogramm abfackelt, dem zuzusehen Ihnen größte Verzückung bereitet und zugleich die wiederkehrende Frage aufwirft, ob denn so ein Hund nicht auch mal wenigstens ein bisschen müde sein könnte, wenn er doch grad so ausgiebig draußen war!?!

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine wehren Sie alle Bälle und Stofftiere ab, die Ihnen gekonnt zwischen die Füße gepfeffert werden, schließlich sind Sie der Chef in dieser Hütte und haben sich jetzt redlich Ihren Kaffee verdient. Genug gespielt! Schluss jetzt!
Mit klaren Worten schicken Sie den Hund in seinen Korb und wenden sich dem Kaffeekochen zu.

Während Sie dann müde an der Anrichte lehnen und dem Sprotzeln der Kaffeemaschine lauschen, vernehmen Sie ein leises Fiepen. Sie lehnen sich ein Stück über die Anrichte und schauen zum Körbchen hinüber, denn von dort kommt das Geräusch. Woher auch sonst.

Und dann sehen Sie das hier:Ihr noch nicht hinter den Ohren trockener vierbeiniger Terrorist traktiert Sie mit DIESEM Blick!
Und hat sich völlig eigenständig aus seinen 5 Spielsachen genau DIESE ausgewählt!
Wie kann das sein? Geht das noch mit rechten Dingen zu?

Ich sag Ihnen, es gibt eine geheime Akademie, auf der unsere Haushunde sich zu heimlichen Seminaren treffen, die ACLF (Academia Canis lupus familiaris) nämlich, in denen sie von den Ausgebufftesten ihrer Artgenossen in der hohen Kunst der Zweibeiner-Erdung und Menschen-um-die-Pfoten-Wickelung unterwiesen werden. Da steht irgendein weiser, graunasiger Labradoodle am Flipchart, skizziert Alltagsszenarien und sagt Sätze wie: „(…) und wenn gar nichts mehr zieht, dann müsst ihr sie eben zum Lachen bringen, dann habt ihr sie sofort wieder, und sie können nicht anders und werden weiterspielen mit euch, und es wird ihnen Spaß machen!“.

Ich sehe also meine Pippa an, wie sie ihr Kinn auf diesem beknackten Emoji geparkt hat und wie sie mich ansieht. Und kann nicht anders und muss lachen, aus tiefster Seele lachen.
Erneut löst sich etwas in mir in Wohlgefallen auf: die Fixierung aufs Koffein, die eben noch vorhandene Müdigkeit, das gedanklich schon vorweggenommene Eintreffen am Schreibtisch.

Hunde sind so wunderbar.
Und das letzte Wort über die Wunder des Hundes ist auch noch längst nicht geschrieben worden (frei nach Jack London).

Amen.

Einen schönen Wochenbeginn – mit oder ohne Hund – und allzeit gute Erdung wünscht Ihnen
Die Kraulquappe.

PS: Der Dackel von Kaiser Wilhelm II trug übrigens den wunderbaren Namen „Erdmann“.PPS: Es wird noch ein langer Arbeitsabend werden, an diesem schönen Regenmontag.

 

 

Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Himmel der Bayern (37): Saisonbeginn.

Endlich wieder am Seelenort.

Mit Weißbier, See- und Zugspitzblick, kurzes Durchschnaufen vor der nächsten Etappe der Umzugsorganisation.

Das Dackelfräulein munter im Schilf kruschelnd, die jahrelang eingeübten Grenzen vorbildlich wahrend – nach links hin die große Kastanie, rechts rüber das Bächlein – und immer in Sichtweite.

Manchmal wirklich der weltbravste Hund.

Song des Tages (18).

In schönster Frühlingssonne durch den Wald gesprintet (erstmals seit Monaten in leichtem Gewand), den uralten iPod wiederbelebt (kein Ersatz für den schönen Schlanken in pink, aber mei), die 380 Songs umfassende Liste auf Zufallswiedergabe gestellt (ausschließlich der Lebenssoundtrack, der in letzter Zeit viel zu kurz kam) und auf dem Trampelpfad mit Blick hinüber zu den Bergen (dort hinten am heimatlichen Horizont leuchtend und lockend) eine Dynamik und Freude verspürt wie schon lange nicht mehr.

Grab your ticket and your suitcase, thunder’s rolling down this track
Well, you don’t know where you’re going now, but you know you won’t be back
Well, darling, if you’re weary, lay your head upon my chest
We’ll take what we can carry, yeah, and we’ll leave the rest

Well, big wheels roll through the fields where sunlight streams
Meet me in a land of hope and dreams

I will provide for you and I’ll stand by your side
You’ll need a good companion now for this part of the ride
Yeah, leave behind your sorrows, let this day be the last
Well, tomorrow there’ll be sunshine and all this darkness past

Well, big wheels roll through fields where sunlight streams
Oh, meet me in a land of hope and dreams

Mit dem Song grüß‘ ich ganz besonders die S. aus dem schönen Wien (in großer Vorfreude auf unseren Konzerttrip nach Leipzig: das grab your ticket ja gerade noch mal gerettet, trotz der kleinen Panne…) sowie den S., der mich bei einem aktuellen Zukunftsprojekt so großartig unterstützt (worüber beizeiten noch zu berichten sein wird).

Einen Frühlingsschwung wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft sowie einen schönen, sonnigen Feiertag!

*****

@Wien: Kanntest du diese Version schon? (Veteranenvorspann überspringen & Einstieg bei 1:23!)

Himmel der Bayern (36): Along the east bank.

Starnberger See, Ostufer. 8. März 2018.

The famous Eastbank (with Trainpeakview).

St. Ludwig bei Berg.

The Kini’s Grave.

Blick von der Votivkapelle auf den See.

Frühlingserwachen im Strandbad.

Seeluft schnuppern!

Nachdenken über den Traumjob.

Ausüben des Traumjobs!

Seehunde unter sich.

Gut stehen, gut gehen.

Gestern:

Aus der Serie „Münchner Häuser, in die wir nicht einziehen können“…

…obwohl der Hausmeister ein gerüttelt Maß Humor zu haben scheint.

Heute:

Aus der Serie „Wege, die man nicht oft genug gehen kann“…

… obwohl einem das Fräulein für bange Minuten entwischt ist (irgendwohin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, aber man als Mensch nicht hinterherkommt, ohne sich den Bommel von der Mütze abzureißen)

Pucks.

Two little pucks on ice: Unser Beitrag zu Olympia.

Eisbeute

Schubbern

Strecken

Schlittern

„I go, I go, look how I go!
Swifter than arrow from the Tartar’s bow.“

(W. Shakespeare: A Midsummer Night’s Dream)

Auf dem Weßlinger See, 24.02.18.

Auf und Ab.

Vor vielen Jahren war ich an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich mir nichts sehnlicher wünschte als umkehren zu können, was aber unmöglich war, da der Weg zurück genauso furchteinflößend war wie jeder weitere Schritt nach vorn.

Ich stand damals bei Nebel und Nieselregen vor der Friesenbergscharte, dem höchsten (und bei gutem Wetter wohl auch aussichtsreichsten) Punkt meiner Alpenüberquerung.
Ganz allein auf 2.904m Höhe, mit einem viel zu schweren Tourenrucksack, keinerlei Sicht und zittrigen Knien.

Es gab kein Zurück, der Aufstieg vom Spannnagelhaus bis hierher war rutschig und schwierig gewesen, und bis zur Olpererhütte, dem Ziel dieser Tagesetappe, war es nochmal genauso weit. In welche Richtung ich gehen würde, war also völlig egal.
Ich setzte meinen Rucksack ab, stopfte die Lekis hinein, wuchtete mir das schwere Trumm wieder auf die Schultern und schielte bang nach unten. Der Weg hinab war drahtseilgesichert und mit Trittstiften versehen, und im Nachhinein betrachtet musste ich dem Nebel fast dankbar sein, dass nicht auszumachen war, wie weit ich unter diesen Bedingungen würde absteigen müssen.

Zum allerersten Mal auf meinem Weg hatte ich Angst.

Dachte an den Papa, der in spätestens zwei Tagen auf ein Lebenszeichen warten würde, das dann nicht käme, und wie unlogisch und unverzeihbar es wäre, wenn ich vor ihm abtreten würde. Er käme zu spät, um mich aus der „Gletscherspalte“ (die zwar nur eine Scharte war, aber für das existentielle Gefühl dort oben war das unerheblich) abzuholen, ich hinge dort mit eingeklemmtem Bein oder Brustkorb und wäre über Nacht längst erfroren.

Dachte an die Sportuhr, die ein Freund mir Tage zuvor beim Aufbruch am Münchner Hauptbahnhof gegeben hatte und die sich längst wie ein Talisman anfühlte, der sich um mein Handgelenk schmiegte, und nun verloren wäre; dachte an B., den hübschen Abiturienten, mit dem ich am ersten Tourabend in Mittenwald meine letzte Zigarette geraucht hatte und der danach unbedingt mit auf mein Zimmer wollte, was ich aus purer Vernunft abgebogen hatte, wieso eigentlich?

Ich dachte an all das, woran ich an all den Tagen auf dieser Tour noch gar nicht gedacht hatte, obwohl ich mit dem festen Vorsatz aufgebrochen war, genau über all das nachzudenken, um zu großen Erkenntnissen und gewichtigen Schlüssen zu gelangen, und fand es ziemlich schade, dass mir diese ersehnte, umfassende Katharsis nicht mehr widerfahren würde (was ich hier noch nicht ahnte: dass ich am Ende des Trips feststellen würde, dass ich über nichts von all dem nachgedacht hatte und sich dennoch fast alles geklärt hatte – und der Rest unwichtig geworden war).

Alles Mögliche ging mir in diesen paar Minuten durch den Kopf, die ich verkrampft und verängstigt dort stand und diese blöde Idee mit der Alpenüberquerung ebenso verfluchte wie meine Liebe zu den Bergen.

Und dann holte ich tief Luft – und ging weiter.

Die Schuhsohlen fanden auf den feuchten Stiften schwer Halt, mit klammen Fingern krallte ich mich an das eiskalte, glitschige Drahtseil und tat einen ersten, wackligen Schritt. Und einen zweiten, und einen dritten…
Ich guckte nicht nach oben und nicht nach unten, sondern klebte ganz eng am Fels und hangelte mich vorsichtig stufenweise abwärts, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte.

Letztlich war die gefährliche Passage recht kurz, aber für mich war es einer der wichtigsten Momente in meinem Leben.

*****

Gestern Abend, am Ende eines zehrenden Tages und einer abgebrochenen Reise, den Film „Wild“ nochmal angeschaut (seinerzeit im Kino die Augen ausgeheult).
Man greift ja in manchen Stimmungen ganz bewusst zu bestimmten Filmen, Büchern oder Musikstücken.

Vieles fließt hier ineinander, was gerade in mir ist – an Schmerz, an Sehnsucht, an Hoffnung, an Aufbruchsstimmung, an zu dichter Abfolge von Euphorie und Enttäuschung.
Nach 33,5 Filmminuten dann der Moment, der die Schleusen öffnet.

Zwar keine Gletscherspalte oder Friesenbergscharte, nur eine kleine, schwierige Felspassage – erst plumpst der Rucksack hinab, dann der Mensch -, aber das Entscheidende wird sichtbar: Es ist ein ganz anderes, befreiteres Weitergehen danach, ein Zuwachs an Mut und Selbstvertrauen. Es folgt eine Brückenquerung (sowieso schon immer mein Ding: Brücken), dazu diese Musik, die ersten Töne noch kaum hörbar, dann wie ein anschwellender Herzschlag und schließlich eins werdend mit dem Blut, das rhythmisch durch die Adern pulsiert, wie man’s beim Bergsteigen ja nicht nur durch und durch spüren, sondern auch hören kann.

The road is dark
And it’s a thin thin line
But I want you to know
I’ll walk it for you any time

*****

Nochmal so eine Tour, denke ich gestern Abend, das wär’s.

Darauf vertrauen, dass man nicht abstürzt, sondern mit klarem Kopf heimkehrt.
Und das Herz wieder so weit, und so frei.

It’s dark at night.

Das Panoramahotel in den Bergen empfängt mich eingeschneit, aber panoramalos. Dass das so bleiben würde, war nicht zu erwarten, passt dann aber unerwartet gut zu Allgemeinbefinden und Stimmungslage.

Es lässt sich tagsüber nur erahnen, dass wir von Bergen umgeben sind, das Weiß der Skihänge geht nahtlos über in weißgraue Nebelschleier, die jenseits der 900 Höhenmeter alles verhüllen.
Ein Sessellift, den ich vom Bett aus sehen kann, verschwindet im Nebel, ein seltsam beruhigender Anblick ist das: am rechten Seil verschwindet Sessel um Sessel in dem dichten Dunst und zugleich taucht an der linken Seite der Strippe Sessel um Sessel wieder auf.
Nachts blitzen auch weiter oben an den Berghängen vereinzelt Lichter auf: Hütten, Liftanlagen, Pistenraupen.

Das Zimmer ist wie vor Anreise abgesprochen „puristisch und ohne Schnickschnack“, sieht man mal von dem sehr flauschigen star spangled bathrobe und dem Sinnspruch ab, den sie hier in jedem Zimmer an die Wand über dem Bett gepinselt haben.

Natürlich in jedem Zimmer einen anderen, so dass man leicht geneigt ist, in die vom Zufall zugeteilte Sentenz etwas Schicksalhaftes hineinzudeuten.

Mein Herz fühlt sich bleischwer, folglich ist das wohl nicht mein Zuhause hier, was nicht weiter überrascht, da ich ja auch verreist bin.
An den Sternenmantel gewöhnt man sich, schließlich guckt man nicht dauernd an sich herunter bei den paar Stiegen hinauf zur Sauna.

Aus der Sauna blickt man direkt auf den nachtschwarzen Berghang.

Bei der Nachtrunde mit dem Dackelfräulein ist es so stockdunkel, dass ich mir das Stirnlämpchen über die Mütze ziehen muss, damit wir nicht vom Weg abkommen. Unter dem harschen Schnee ist es eisig geworden, so wie es überhaupt sehr eisig geworden ist (vor drei Wochen erst saß ich mit Hagebuttenkrapfen und offener Jacke auf einer Bank am See und träumte schon vom Frühlingsbeginn).
Nachts drücke ich das Dackelfräulein viel enger als sonst an mich, damit ich morgens durchgewärmt aufwache. Nur gut, dass ihr das eh recht ist.

Tagsüber stapfen wir Stunde um Stunde schlecht gepflegte Winterwanderwege entlang. Gut gepflegt würden sie meine Laune aber auch nur unwesentlich bessern, fürchte ich. Ich friere trotz dicker Vermummung wie eine Irre, bin appetitlos wie nie, Magen und Kehle sind zugeschnürt, vermutlich ein Virus, diesmal wenigstens nicht Noro mit Vornamen. Das mit der Mukiku ist jedenfalls gründlich daneben gegangen.
Man kann halt nicht immer bei blauem Himmel und Sonnenschein glücklich durch die Berge hoppeln, so ist das (L)eben.

Ich schleppe mich in ein Lokal, in dem die Menschen einen Dialekt sprechen, der meine Ekelgefühle nur noch verstärkt, würge mir eine Kinderportion rein (wie sie einen schon ansehen, wenn man ein 4,90€-Gericht aus der Rubrik „Für unsere Kleinen“ bestellt!), denn irgendwas muss man ja zu sich nehmen außer Salzstangen und Orangen (eigentlich das Einzige, das mir schmeckt).
Das Herz schmerzt und der Magen mag nicht mehr.
Beim Essen entwischt mir eine Nudel, flutscht über den Tellerrand und landet mit ihrem roten Saucenhäubchen auf der bis dahin schneeweißen Tischdecke. Ich pieke sie verschämt von dort auf und verursache dadurch einen noch größeren Fleck.

Dabei fällt mir der Papa ein, den ich neulich, als er für uns gekocht hatte, bei einer neuen Esstechnik beobachtet habe. Der Parkinson versaut ihm schon seit Langem das kleckerfreie Speisen, aber ganz besonders schien es ihn zu ärgern, ja, manchmal beinahe zu quälen, wenn es ihm nicht gelingen wollte, mit seiner Gabel treffsicher in den nächsten Happen zu stechen (vom Hantieren mit dem Messer wollen wir erst gar nicht sprechen).
Nun hat er einen Trick gefunden, dieses deprimierende Harpunieren zu umgehen: Er hält die Gabel jetzt in der linken, nicht zitternden, aber motorisch schon immer ungebildeten Hand, parkt die rechte Hand neben dem Teller, hebt, wenn keiner zu gucken scheint, ein bisschen den Zeigefinger der ruhenden Hand an, so dass dieser knapp über den Tellerrand hervorschaut, und schiebt – sich von links mit dem Besteck nähernd – das aufzugabelnde Häppchen gegen seine Fingerkuppe, so dass es letztlich auf den Zinken landet. Das klappt sehr gut, viel besser als das fahrige Gestocher zuvor. Dennoch kommen mir fast die Tränen, wenn ich daran denken muss (und das muss ich erstaunlich oft) oder das hier so hinschreibe.
Ist etwas erst einmal erzählt, dann existiert es, ist auf bestimmte Weise festgelegt und nicht mehr so leicht veränderbar als wenn es unerzählt geblieben wäre. Das gilt nicht nur für die Gabelgeschichte. Vieles, wenn es erstmal dasteht, in die Worte gegossen, die man eben in jenem Moment des Niederschreibens wählen wollte (oder musste), wird einem dann noch bewusster – oder überhaupt erst bewusst? – in seinem jeweiligen So-sein.

Morgen Früh fahren wir wieder nachhause.
Die Auszeit ist also aus bevor sie an war.
(Cura te ipsum, sag ich mir.)

Von wohlmeinenden Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen (hab‘ mich bereits ausführlich genug selbst bedauert), erheiternde Kommentare oder schräge Berichte von in die Hose gegangenen Kurzurlauben sind hingegen jederzeit willkommen!

Ekstrem Turglede oder: Das Vorstellungsgespräch.

Zum gestrigen Tag der Liebe hatte ich mit dem Dackelfräulein vereinbart, dass wir uns diesmal keine Rosen/Knochen schenken, sondern stattdessen lieber was Gscheids für unsere Beziehung tun – etwas, das wir beide lieben.

Also ab in die Berge!
(Merke: Wähle einen Ort, an dem genug Ski-Firlefanz für die Faschingsleichen und Feriengäste angeboten wird und wähle dann den Berg gegenüber, an dem nix los ist.)

Lenggries!

Natürlich nicht das Gebiet rund ums Brauneck, sondern eben die andere Seite.
(Merke: Brich ruhig spät in München auf, dann kommen die paar Tourengeher schon wieder vom Berg runter, wenn du grad aufm Parkplatz eintriffst.)

Wenn es mich jemals aufs Land verschlägt, dann wohl hierher, in dieses Tal.

So sehr ich das Tegernseer Tal auch mag – in erster Linie mag ich es, weil der Papa dort lebt. Ein paar nette Berge dort, prima Loipen auch, schöne Ufer zum Baden, aber letztlich ist es mir dort zu eng (die Berge enden ja quasi im See) und in den Orten zu bonzig (Pelzmantelpublikum, teure Geschäfte, noble Lokale).

Biege ich hingegen von Tölz auf die Bundesstraße nach Lenggries ab, geht mir einfach – beim Gucken! – das Herz auf. Die Rückseite der Benediktenwand lugt hinterm Brauneck hervor, neben der Straße plätschert die Isar in ihrem breiten Bett dahin und auf den 9 km zwischen Tölz und Lenggries klebt beinahe an jedem Kilometer eine Erinnerung.
Alles dabei: vom Per-Anhalter-Fahren zum Tanzen nach Tölz über den Motorradunfall eines Jugendfreundes über Lagerfeuer auf Isarinseln mit Gitarren, Bierkästen und Küssen bis hin zum Kentern mit dem Kajak, damals, als ich an den freien Tagen meines Sommerferienjobs in der Jugendherberge die Zivildienstleistenden bei ihren Wasserausflügen begleiten durfte.

Dieses unerklärbare Gefühl, wenn ein Ort, eine Gegend, eine Landschaft einfach passt, wenn etwas in einem aufatmet und eine innere Stimme einem den Slogan der kurzen Spots im Bayerischen Fernsehen zuflüstert: „Da bin i dahoam.“ (in dem Fall mehr ein „Da kannt i dahoam sei.“).

Wir starten im Ortsteil Hohenburg bei bestem Bayernwetter und schönstem Schnee …

… und nehmen diesmal nicht den Sulzersteig, der überwiegend im Schatten liegt …

Blick bis ins Vorkarwendel.

… sondern den Grasleitensteig Richtung Seekarkreuz, auf dem der Blick nach vorn genauso schön ist wie der Blick zurück ins Tal, treffen keine Menschenseele …

Blick aufs Brauneck und nach Lenggries.

… und das Einzige, was ein bisserl beschwert, ist der spürbare Verlust der Kondition durch den Virus, so dass ich gar nicht anders kann, als die eine oder andere zusätzliche (Foto-)Pause einzulegen, damit wir die 650 Höhenmeter bis zur Hütte ohne Kreislaufkollaps schaffen (naja, das „wir“ ist gelogen, denn das Hündchen hat keine Schwierigkeiten und schaut dauernd von drei Serpentinen über mir hinab, wo ich denn nur bleibe) und auch die Marterl am Berg drosseln eher das Tempo, als Flügel zu verleihen …

… aber irgendwann guckt sie endlich hinter den Schneemassen hervor, die Hütte, das Ziel!

Wir richten uns ein: Die Matte fürs Dackelfräulein wird ausgebreitet, ich geh‘ mich – klitschnass geschwitzt! – erstmal Umziehen, dann wird das DAV-Mitglieder-Essen bestellt, ein Hohentanner dazu und erstmal gradaus geschaut, geruht und gegessen.

Ein Blick über die Schulter hinüber zum Seekar (Gipfelkreuz links neben der mittigen Tanne) – nein, das wird heut‘ nix mehr, das pack‘ ma nicht (zumindest ich nicht)!

Und dann, nach dem Essen, die Hütte leert sich schon, der Wirt hat jetzt etwas Zeit, da gebe ich mir einen Ruck, gehe zum Tresen und sprech‘ den Aushang im Hüttenflur an: „Mitarbeiter gesucht“.
Immer schon wollte ich das ja mal machen, seit der Jugendzeit, aber immer sprach ‚was dagegen: der Papa, die Lebensphase, das Studium, der Job, der Partner, die Karriere, das Geld, die Gesundheit, der Zeitmangel, die Umstände.
Nun, da manche dieser „Hindernisse“ sich in Luft aufgelöst haben (der Job, die Karriere, das Geld, der Zeitmangel), ist da plötzlich diese Freiheit, einfach mal nachzufragen.

Der Wirt gibt ein Getränk aus und setzt sich zu mir. Wir bereden das. Ob, wie, wann, warum.
Es ist das entspannteste Vorstellungsgespräch meines Lebens: mit verklebten Haaren, rotgefrorener Nase, Pippa zu meinen Füßen, Bergstiefel offen, Bier in der Hand sitze ich da und fühl‘ mich prima. Kein „Was sind Ihre Stärken und Schwächen“-Schwachsinn, sondern die Ansage „Es sollt‘ scho oana sei, der wo si do herobn auskennt, falls mal a Gast frogt, wie die Berg‘ do heißn oder wo’s obi geht“.
Letzte Saison hat er eine gehabt, die „ned mal an Scharfreiter oder die Zugspitz kennt hod“, also das geht gar nicht! Zupacken können sollte man auch, und dann strahlt er, als ich von den Lenggrieser Sommern erzähle, von der Großküche (und dem anderen Gewurschtel) unten in der Jugendherberge und von all den Touren hier in der Gegend.

Zwischendrin kommt Hüttenhündin Tessa angeschwänzelt und will gekrault werden, wir reden über die Hunde, wie alt und woher und welche Macken, beide heißen sie „Mäuschen“, was eigentlich nicht sein kann, denn die Entlebucherin ist eine recht Stämmige („vom Nibelungenblut“) und das Dackelfräulein im Vergleich ja so zart (und nur eine „vom Schwindauer Land“).

Ein paar späte Skitourengeher betreten die Stube und wir unterbrechen unser Gespräch, der Wirt muss rüber zum Tresen und in die Küche. Während er den Eintopf für die Neuankömmlinge erhitzt, schaut er aus einer Luke neben dem Kachelofen nochmal rüber in den Gastraum und ruft mir zu: „Hosd an Dudn?“
„Äh, ja, daheim hab‘ ich einen Duden.“
„Also dann kannst ein Wort da drin gleich streichen: „Hüttenromantik“. Des gibt’s da herobn ned!“.
Er grinst breit, ich nicke zustimmend, proste ihm mit dem Noagerl zu und wir verabschieden uns bis demnächst oder bis zum Saisonbeginn – dann probier’n wir das vielleicht tatsächlich mitanand, so tageweise zwischen meinen Schreibarbeiten und einfach mal für eine Saison, da herobn.

Aschermittwoch 2018: Ekstrem Turglede (= außergewöhnliches Tourenglück)!

Ganz neue Aussichten jedenfalls!