Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

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24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

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Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

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Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Von Subway-Sheriffs und anderen Scherzen.

Da will man sich mal in Klausur begeben, um konzentriert zu arbeiten, zu schreiben und anderes zu erledigen – aber ständig wird man gestört!

Erst wird zu Wochenbeginn das Dackelfräulein von einem Airedale Terrier gebissen, was uns beide dermaßen aufgescheucht hat, dass an Arbeiten erstmal nicht mehr zu denken war, denn das ist kein Spaß, wenn die Kleine da jaulend vor Angst auf dem Rücken liegt und der andere Hund nicht aufhört, sich in den kleinen Dackelkopf und -hals zu verbeißen, und man sich mit ganzer Kraft von hinten auf diesen großen, fremden Hund stürzen muss, um den wegzuzerren, was leider nicht mal klappt (kein Halsband an, schwer zu greifen, da sehr in Rage), so dass einem schlussendlich – bevor noch Schlimmeres passiert – nichts anderes übrig bleibt, als sich richtig dazwischenzuschmeißen und zuzutreten, auf die Gefahr hin, selbst was abzubekommen, aber dann lässt der Angreifer für einen kurzen Moment von Pippa ab, so dass ich sie mir schnappen kann und mit beiden Armen hochreiße und an mich drücke und sie immer noch schreit wie am Spieß, und ich dem Erdölterrier nochmal einen Tritt verpasse, weil der so guckt als würde er gleich an mir hochspringen wollen, und es dauert und dauert, bis endlich dessen lahmarschiges Frauchen herbeigeschlurft kommt, um in Zeitlupe nach ihrem Hund zu fassen, und der erste Satz, den ich mir von dieser plumpen Gestalt anhören darf, während mir aus dem Dackelschlappohr Blut auf meine Jacke tropft, dann auch noch der ist, dass mein Hund zuerst gebellt hätte, was zwar korrekt ist, aber völlig gerechtfertigt, weil der Riesenköter wie wild auf sie zugaloppiert kam als sie gerade mitten bei der Verrichtung dringender Geschäftchen war – na, stellen Sie sich einfach vor, Sie sitzen auf dem Klo und jemand tritt überraschend die Tür ein und springt mit Vollkaracho auf sie drauf, ja, denjenigen möcht‘ ich sehen, der dann nicht losbellt! -, nach dem Auftakt besinnt sie sich und gesteht ein (im Hintergrund halten sich, wie ich sehe, schon zwei Zeugen bereit: ein Pärchen, das aufmerksam hinüberschaut), dass ihr Hund der Beißer war, mit zittrigen Händen notiere ich mir dann Namen und Nummer, untersuche an Ort und Stelle das wimmernde Fräulein und finde zwei Bisswunden, die bluten, aber nicht allzu tief zu sein scheinen, zumindest kein Durchbiss des Ohres, sofern ich überhaupt in der Lage bin, das in dem Moment, also drei Minuten nach dem Vorfall, wirklich zu beurteilen. Fix und fertig schwanken wir zum Auto zurück, halb blind vor lauter Geheule rufe ich den Gatten an, der im fernen Frankfurt sitzt, und während wir telefonieren hör‘ ich von der Seite eine Stimme, die fragt, ob denn alles in Ordnung sei, sie kommt von dem Mann des Zeugenpärchens, die beiden haben selbst einen Hund dabei und sind so anteilnehmend und nett und haben außerdem das Auto-Kennzeichen des Terrierfrauchens fotografiert, nur für den Fall, dass die nicht den richtigen Namen genannt hätte, was sie aber sicher getan hat, wie ich meine, zumindest traue ich solch schlichten Gemütern in derartigen Situationen keine spontanen Namens- und Adress-Erfindungen zu, jedenfalls tut es gut, dass jemand da ist und bei uns steht und wartet, bis wir beide im Auto sitzen, wo ich dann tatsächlich kurz überlege, meinen großen Freund S. in seiner Kanzlei anzurufen, damit er uns abholen kommt, weil ich gar nicht weiß, wie ich jetzt das Lenkrad ruhig halten und fahren soll, aber nach einer Weile geht es dann doch und so spare ich mir das Hilfeholen für daheim auf, wo ich den ebenfalls dackelhabenden Nachbarn aus der Etage unter uns rausklingle, damit er mir assistiert, Pippa rundum gründlich zu untersuchen, denn die hält natürlich nicht still, verschreckt wie sie ist, aber man muss ja nachsehen, um entscheiden zu können, ob eine Fahrt zum Tierarzt angeraten ist oder ob es mit Betaisodona-Tinktur und derlei Hausmitteln auch geht, was gottseidank der Fall ist.

Ja was für ein Glück, das hätt‘ auch ganz anders ausgehen können, und im Übrigen eine krasse Erfahrung, wie lang das braucht, bis man sich nach so einem Erlebnis psychisch und physisch wieder beruhigt hat, weil sich das alles in dem Moment sowas von existenziell bedrohlich angefühlt hat: das Leben, es ist ein so fragiles (was man ja theoretisch weiß, dennoch ist’s gut, dass man da praktisch nicht ständig dran denkt).

Und kaum hat man sich wieder in die Arbeit hineingefieselt, reißt einen die Abendzeitung beim mittäglichen Gassigang mit dieser Wahnsinns-Schlagzeile aus den Gedanken…

…was die aktuellen beruflichen Überlegungen gleich erneut ins Wanken bringt, denn das wäre ja mal eine adäquate Option für das Dackelfräulein, um höchstselbst einen Teil zum Familieneinkommen beizutragen.

Eine Stellenanzeige, die Sie sich echt mal im Original reinziehen müssen!

Die Münchner CSU ist also davon überzeugt, „(…) dass gerade Dackel als Streifenhunde für die U-Bahnwache sehr gut geeignet sind. Denn: Sie sind typisch münchnerisch, ein echter Sympathieträger und können in jeder Hinsicht zur Deeskalation beitragen.

Ausnahmsweise mal ein Statement aus dieser Fraktion, das ich voll und ganz teile: der Dackel ist wahrlich die Deeskalation in Person, ein Airedale-Terrier wäre beispielsweise nicht so geeignet.
Und ein schickes Dienstmäntelchen hätten wir auch schon für unseren schlappohrigen Sympathieträger, und die liebe D. wäre sicher gern bereit, uns noch ein Münchner-Kindl-Stadtwappen aufzunähen.

So, und nun sind wir auch wieder weg – in der Hoffnung, dass die nächsten Tage deutlich ungestörter verlaufen.

Betthupferl.

Kriecht man spätnachts in sein Gästebett und findet – wie im Hotel – ein Betthupferl vor, sehr hübsch drapiert, so knapp unterm Kopfkissen.

Ein Schuh vom Hausherrn. Wau! Welch noble Geste! Der Hund des Hauses scheint einen zu mögen.

Als man morgens unerwartet früh aufwacht, weil man des nachts ins Hormonjammertal katapultiert wurde, also nicht in der Lage ist, schon aufzustehen oder mehr als eine Ibuprofen zu sich zu nehmen, da naht sogleich die Rettung auf vier Pfoten.

Größte Wärmflasche ever! Und so mitleidig und einfühlsam und lang angeguckt worden, dass die Schmerzen sich tatsächlich bald verziehen…

…Bobby aber findet, dass man noch liegenbleiben sollte, also tun wir das.

Wie sollte man auch diesen beachtlichen Kopf beiseite schieben, der einem so warm auf den Bauch gesunken ist (doch ein ganz ordentliches Kaliber, wenn man sonst 7kg Dackel gewohnt ist)?

Danke an die Penzbergerin, den Salzburger und den großen Braunen für das schöne Wiedersehen, die gelungene Party und den hohen Kuschelfaktor der Gastfreundschaft!

Hund haben (14).

Ein Arzttermin steht an, die halbe Nacht nicht geschlafen deswegen.
Der Hund auch nicht, wegen ständigem Geputze in Sachen Läufigkeit und allgemeiner Unruhe. Keiner von uns findet eine Liegeposition, in der es länger als 15 Minuten auszuhalten ist. Also noch früher als geplant aufgestanden.
Um 6:45 Uhr, auf dem Weg zur Kaffeemaschine, im dunklen Flur über eines der Amazon-Pakete gestolpert, das man abends für die Nachbarn angenommen hat. Grad noch derfangen.

Geduscht, angezogen. Eine Mail beantwortet, keine leichte Kost, und das auf nüchternen Magen.
Den Hund zum Morgengassi gerufen. Kommt im Schneckentempo zu mir gestakst, guckt sehr kläglich, versucht sich hinzusetzen, was aber irgendwie nicht klappen will, krümmt den Rücken und steht dann wie ein Fragezeichen da während ich ihr das Halsband anlege. Setzt sich auch im Aufzug nicht hin, seltsam. Unten im Hausflur schlurft sie wie eine Oma Richtung Tür, sicherheitshalber trage ich sie die 3 Stufen nach draußen. Die morgendlichen Verrichtungen auf dem Grünstreifen wirken ziemlich arthritisch. Im staksigen Gang zurück nachhause. Fressen klappte, immerhin.

Los zum Arzt. Zu einer Untersuchung, auf die ich gut und gerne lebenslang hätte verzichten können. Danach schnell noch in den Supermarkt. Dort Rücken verrissen beim Hochheben der zwei schweren Taschen. Nachhause gehumpelt.
Hund kommt nicht zur Tür geflitzt, obwohl sich in den Einkaufstaschen auch Käse befindet. Beim Einräumen des Kühlschranks biegt der Hund dann doch noch um die Ecke, guckt aber nicht halb so gierig wie sonst, will sich hinsetzen und schwankt und zittert. Ab da bin ich im akuten Beobachtungsmodus. Lasse mich am Schreibtisch nieder und arbeite, rücke den Hundekorb in Sichtweite.

Es klingelt. Der DHL-Bote bringt ein Paket. Er übergibt es mir, ich kritzle mit dem Plastikstift meine spezielle DHL-Unterschrift aufs Display und stelle das Paket neben mir im Flur ab.
In dem Moment ist sonnenklar: der Hund hat Schmerzen und zwar stärkere Schmerzen. Denn: der Hund kommt absolut immer zur Tür gepest, um ein Paket zu inspizieren. Ausnahmslos und immer. Normalerweise nimmt quasi der Hund dem Paketboten das Paket ab.

Fräulein Hund aber sitzt in ihrem Korb und blickt drein wie ein Häufchen Elend. Aus Fairness trage ich das Paket zu ihrem Korb und packe es dort aus. Schließlich leistet sie mir sonst immer Gesellschaft und überhaupt ist das ein Ritual zwischen uns: Wenn ich mit dem Teppichmesser ein Paket aufschlitze, ist sie grundsätzlich mit von der Partie. Immer darf sie das Füllmaterial aus dem Karton zupfen, am meisten liebt sie die Luftpolsterfolie, am allermeisten, wenn diese meterlang ist. Sie versucht, aus dem Korb zu steigen, bleibt aber an den Hinterläufen hängen, sinkt zurück und schaut noch dramatischer. Ich taste sie ab, sie zuckt und der eine Hinterlauf vibriert.

Um 12 Uhr habe ich den nächsten Termin. Der Hund muss mit, weil wir von dort aus gleich Gassigehen können, im Olympiapark. Aber der Hund kommt kaum bis zur Wohnungstür. Im wackligen Tippelschritt schafft sie es bis zum Auto, ich hebe sie hinein. Wie ich dann sehe, klappt auch das Hinlegen schlecht.
Auf der Fahrt wimmert sie. Mir schwant nun: statt des Mittagsgassis werden wir zum Tierarzt fahren. Besser jetzt als an den Feiertagen, wenn wieder alle was haben. Leider ist unser Tierarzt bereits im Urlaub. Also ab in die Veterinärstraße 13, Uni-Tierklinik. Der Hund war schon 2x mit dem Gatten dort, ich war seit dem Todestag des Vorgänger-Hundes nicht mehr dort. Wollte da am liebsten auch nie wieder hin. Ist aber nunmal die nächstgelegene Klinik und da der Gatte in Frankfurt ist, trifft es diesmal eben mich.

Über das Gelände verteilen sich mehrere Baracken, alle etwas heruntergekommen. So sah das schon vor 17 Jahren aus, als ich zuletzt dort war. Aber einen guten Ruf haben sie, und der Gatte war die beiden Male dort auch zufrieden.
Das Einparken ein kleiner, schweißtreibender Alptraum. Alles viel zu eng, Wenden nahezu unmöglich. Ich steige aus und trete in Pferdeäpfel. Hier werden auch Großtiere behandelt. Auf dem Weg zur Kleintierklinik kapiert der Hund, wo er ist und schaut mich vorwurfsvoll an. Von Baracke 1 (Poliklinik) werden wir zu Baracke 3 (Chirurgische und gynäkologische Kleintierklinik) geschickt. Unterwegs sehe ich eine Ausschilderung zur „Adipositas-Sprechstunde Hunde/Katzen“. Meine Güte, was es nicht alles gibt!

Am Anmeldetresen nenne ich den Nachnamen des Gatten, schließlich war er bislang mit dem Dackelfräulein dort vorstellig geworden. Die Sprechstundenhilfe findet nichts. Sie versucht es über den Namen des Hundes, wieder nichts. Auch das Geburtsdatum des Hundes ergibt keinen Treffer. Schließlich nenne ich meinen Nachnamen und siehe da: die Patientenakte taucht nun auf. Kniescheibentiefstand 2012, gynäkologische Untersuchung 2016. Ich frage mich kurz, ob ich gerührt oder irritiert sein soll, dass er sie dort unter meinem Namen angemeldet hat. Egal. Wir dürfen Platz nehmen. Also ich, denn der Hund kann nicht „Platz“ machen, weil ihr ja was weh tut. Sie bleibt erstmal stehen und schaut unglücklich. Man weist mich darauf hin, dass es „a bisserl dauern ko“, denn wir sind ja ohne Termin gekommen.

Zwei Stühle neben uns röchelt Verwandtschaft: Langhaardackel Rosi. Schwere Koliken seit gestern Abend, kein Kotabsatz, dafür ständiges Erbrechen. Ich hasse es, wenn mich andere Leute ungefragt und ellenlang mit Diagnosen vollquatschen. Die Frau ist furchtbar, ihr Dackel würgt vor sich hin.
Mir wird schlecht. Und mir fällt ein, dass ich außer einem Toast ja heute auch noch nichts gegessen habe. Ich schicke dem Gatten eine Whatsapp nach Frankfurt und frage, wo es hier was zu Essen gibt. Der Gatte, ein alter Schwabing-Kenner, schickt mich zum Milchhäusl-Kiosk, gleich neben dem Klinikgelände. Super. Dort hole ich mir eine Breze und einen Kaffee. Ist auch für den Hund besser als diese Wartezimmer-Atmosphäre. Die frische Luft tut mir gut, der kleine Imbiss erst recht.

Zurück im Wartezimmer. Rosi und ihr nerviges Frauchen sind leider immer noch da. Ich setze mich, um nicht asozial zu wirken, zwar auf dieselbe Raumseite, lasse nun aber bewusst vier Stühle Abstand zwischen uns. Rosis Frauchen schaut beleidigt und quatscht dann Rosi voll.
Eine Mutter mit Tochter und einem riesigen Schäferhund an der Leine betreten den Raum. Zwei angeschlagene Dackel führen sich kurz wie die Wilden auf. Um die wichtigsten Vitalfunktionen ist es also noch recht gut bestellt.
Es folgen: ein Ehepaar mit uraltem Terrier, ein Teenager mit französischer Bulldogge und zuletzt noch ein Checkertyp mit Checkerhund, beide üppig bemuskelt und mit sehr klötenbetonter Körpersprache. Die beiden setzen sich nicht hin, sondern bleiben äußerst maskulin und lässig am Tresen stehen. Der Checker erzählt der Sprechstundenhilfe seinen Scheißtag und das in einer solchen Scheißlautstärke, dass der riesige Schäferhund, der ein kleines Sensibelchen ist, zu jammern beginnt und auf Frauchens Schoß klettern will. Diese Unruhe missfällt dann auch dem uralten Terrier, er bellt blind in die Runde. Die französische Bulldogge, noch sehr jung, macht ein Angstpipi auf den Boden. Schlussendlich kläffen die beiden Dackel im Duett, dass die Kacheln fast von den Wänden fallen.

Ich flüchte mit dem Fräulein nach draußen, gehe nochmal eine kleine Runde durchs Klinikgelände. Dummerweise entdecke ich dabei die Bank wieder, auf der der Vorgängerdackel seinen letzten Atemzug tat. Momente, die man nie vergisst: wie plötzlich der Glanz aus den Augen wich und die Pupillen weit wurden und so starr. Das Klinikpersonal damals so nett, ihr die Todesspritze nicht drinnen, in einem der ihr so verhassten Behandlungszimmer zu geben, sondern draußen auf dieser Bank, Vogelgezwitscher um uns herum, direkt hinter uns der Englische Garten, einen Steinwurf nur bis zum Monopteroshügel, wo sie an guten Tagen unermüdlich den Karnickeln hinterhersauste. Mit einem Kloß im Hals betrete ich zum dritten Mal das Wartezimmer. Rosi und Frauchen sind weg, das heißt, wir müssten als nächstes dran sein.

Eine junge Tierärztin bittet uns in hinein. Das Dackelfräulein drückt sich eng an der Wand des hässlichen grauen Flures entlang Richtung Behandlungszimmer, ich nenne das immer ihren Schützengrabengang: sie geht in Deckung, sie macht sich klein, sie läuft noch bodennaher als ihre Anatomie es ihr eh schon vorgibt. Die junge Tierärztin fragt viel und gründlich und klopft parallel alles in den PC rein. Dann schaut sie sich den Hund beim Laufen und beim Versuch sich hinzusetzen, an. Sieht auch das Schwanken und die Vibration im Hinterlauf. Oben auf dem Behandlungstisch die übliche Generaluntersuchung, ist ja auch korrekt. Die ersten Blutstropfen landen auf dem Tisch. „Oh, Schatzilein, bist du läufig?“. Ja, Schatzilein ist läufig. Ich spüre eine erste kleine Genervtheit. Die zweite folgt kurz darauf. Alle vier Gliedmaßen werden einzeln untersucht, in alle erdenklichen Richtungen gebogen, abgetastet, gestreckt, gestaucht etc. Gefühlte 5 Minuten pro Lauf! Nichts gegen Gründlichkeit, aber der Hund wird von Bein zu Bein ungeduldiger, verkrampft sich und will dringend von dem doofen Tisch runter. Warum kann man da nicht bei dem Bein beginnen, das ich als das lahmende identifiziert habe?
Ärgernis Nr. 3: Mitten im Herumbiegen klingelt das Telefon der jungen Tierärztin. Sie sagt weder „Entschuldigung, ich muss da kurz drangehen“ noch sonstwas, sondern beginnt wie selbstverständlich ein Gespräch mit einer Kollegin. Es geht um die Absprache der Feiertagsdienstpläne. In aller Ausführlichkeit. Nebenbei fummelt sie weiter am Hinterlauf meines Hundes herum. Ich unterbreche sie in ihrer angeregten Diskussion und sage: „Könnten Sie bitte Ihre Privatgespräche nicht mitten in einer Untersuchung führen?“. Die Ältere zu sein hat schon auch so seine Vorteile: Sie beendet sofort ihr Telefonat und setzt die Beweglichkeitstests  wieder beidhändig fort.

Der Hund hat nun endgültig die Schnauze voll und fängt an zu zappeln und zu winseln. Es ist jetzt schwer zu sagen, ob ein Teil des Winselns irgendwelchen Schmerzen am Hinterlauf gilt oder nicht. Auch die junge Tierärztin ist sich da ganz unsicher. Als sie sich die Wirbelsäule vorknöpft, zuckt der Hund an zwei Stellen sehr heftig, aber ob das nun der erwünschte Reflex ist oder eine Schmerzreaktion, hm? Da muss sie die erfahrenere Kollegin holen. Die kommt erfreulicherweise nach 5 Minuten, guckt einmal auf den Hund, bemerkt sofort den gekrümmten Rundrücken, tastet mit ein paar gekonnten Handgriffen den ganzen Dackelkörper samt Hinterhand ab, findet keine neurologischen Defizite, aber einen sehr verhärteten Muskelstrang und einen stark angespannten Bauch. Womöglich im Tiefschnee am Montag überanstrengt? Und zusätzlich vielleicht eine leichte psychosomatische Gastritis, manche läufige Hündinnen neigten dazu. Aha. Soso.
Wir bekommen ein Muskelrelaxans mit und die Empfehlung, das weiterhin gut zu beobachten, auch das Fressverhalten.

Als wir die Klinik verlassen, beißt der hinkende Hund nach wenigen Metern in einen Pferdeapfel. Und zwar ganz sicher nicht aus hormonellen Gründen, sondern weil dieser Hund schon immer Pferdeäpfel geliebt hat.
Wir schleichen noch eine kleine Runde durch den Englischen Garten, erstmals heute bemerke ich die tollen Wolkenformationen am Himmel und das wunderbar goldene Licht, in das der Monopteros-Tempel getaucht ist.
Es ist 15:50 Uhr. Ich bin todmüde. Und habe noch nicht mal die Hälfte dessen erledigt, was heute eigentlich zu tun anstand.

Das Auto ist noch auf dem Gelände der Tierklinik geparkt.
Als wir dort ankommen, steht ein Pferd vor unserem Auto. Es ist an der Flanke rasiert, man sieht eine lange, dicke Naht. Neben dem Pferd steht eine Frau in meinem Alter und weint. Ich könnte auf der Stelle mitweinen. Für Umgebungen wie diese brauche ich ein Nervenkostüm, das ich an Tagen wie diesen und nach Nächten wie der letzten einfach nicht habe. Ich beiße mir auf die Unterlippe, nicke der Frau mitfühlend zu, deute ihr an, dass das unser Auto ist und sage: „Machen Sie bitte ganz langsam!“. Sie führt ihr Pferd beiseite, ich hebe das Dackelfräulein ins Auto hinein, steige dann selbst ein, schnalle mich an und fühle eine seltene Leere im Kopf: Wo bin ich eigentlich und wie komme ich bloß nachhause?
Ich rufe in Frankfurt an und frage den Gatten genau das. Er beschreibt mir die Strecke, nennt mir die wichtigsten Straßennamen und sogar eine Alternativroute, um den Feierabendverkehr zu umgehen, der vielleicht schon begonnen haben könnte. Was für ein Glück, wenn man einen Menschen hat, der einem den Weg sagen kann, in der eigenen Heimatstadt, die man eigentlich gut genug kennen müsste.

20 Minuten später bin ich zuhause, schließe wie ein Roboter die Garage auf, stelle das Auto hinein, trage den Hund hinauf in die Wohnung. Im Treppenhaus noch dem Hausmeister mechanisch frohe Weihnachten gewünscht. Dann dusche ich dem kleinen Dackel den ganzen Klinik- und Parkschmutz von Bauch und Pfoten ab, ziehe ihr das Höschen an und trage sie in ihr Körbchen. Hole ein Stück Käse aus der Küche, drücke eine halbe Tablette hinein und versenke beides im Hundeschlund. Bestelle mir – definitiv zu schwach für jeden weiteren Handgriff und schon ganz klapprig vor Hunger – bei Deliveroo ein frühes Abendessen. Unfassbare 14 Minuten später steht ein Student vor der Tür und drückt mir die Tüte mit dem Veggie-Burger und den Pommes in meine kalten Hände. Es lebe die wohlorganisierte Nahversorgung in der Großstadt.

Ein leckeres Ende eines von A bis Z lausigen Tages.

Musculus extensor digitorum complettus defectus verflixtus aeternus.

Man muss immer nachfragen oder nachschlagen, wenn einen die Ärzte – heute: der Radiologe – mit ihrem Latein volltexten, selbst wenn man das große Latinum hat.

Aber auch „Knöcherne Strecksehnenruptur“ sagt einem ja erstmal nix. Dass da irgendwas nachhaltig kaputt, gebrochen, gerissen ist, schwante mir schon, nachdem die Schwellung am Finger nach 7 Wochen verschwunden war, aber ein krummer Finger zurückblieb.
Der nette Radiologe erklärt dann auf Nachfrage: Typische Basketballerverletzung. Wird oft nicht bemerkt, dass da mehr kaputtgegangen ist. Kann man aber super operieren, so mit Drähten und Titanschräubchen. Soll der Kollege entscheiden.

Umrundung der Drei Zinnen jenseits der Touristenhauptströme, dafür überraschend im Schnee. Gedacht, das müsste gehen, auch ohne Stöcke oder Grödeln, und ging ja auch größtenteils.

Vereister, im Schatten gelegener Fels auf 2.400m Höhe & vergeigtes Foto vom Dackelfräulein.

Quittung fürs Fotografieren auf vereistem Fels: roter Pfeil markiert abgerissenes Knochenstück, das die Streckung des Fingers dauerhaft unterbinden wird.

Mal gucken, was dann im Januar der Handchirurg empfiehlt. Ich tippe auf eine OP, die wollen ja alle auch was verdienen.
Bis dahin sind lenke ich mich mit den anderen fünf, nun anstehenden Arztterminen ab.

(Warum gibt es eigentlich keine Kliniken, in denen man innerhalb einer Vollnarkose von 3 Ärzten an 3 Stellen operiert werden kann?)

Passen Sie also bloß gut auf beim Ballsport und auch bei der Winterzauber- und Weihnachtsfotografie, man fällt schneller in den Schnee oder den Tannenbaum als einem lieb ist!
Herzlichst,
Ihre Kraulquappe.

PS: Und wie immer gilt: Von Beileidsbekundungen und Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen. Wohlwollende Gedanken, lustige Weihnachtskarten oder leckere Spitzbuben sind viel sinnvoller. Dieser Hinweis hat sich wirklich bewährt, denn aus Wien erreichte mich letzte Woche ein Care-Paket mit Briefchen, Billiglebkuchen und Bruce-DVD. Das war wie eine Frischzellenkur in all den medizinischen Niederungen!

Sky of memory and shadow (a dream of life). Zum 21. November 2018.

Lieber P.T.,

es ist an der Zeit, Ihnen mal ganz explizit zu danken.
Und Ihr Geburstag ist ein sehr guter Anlass dafür.

Ohne Ihren beharrlichen Zuspruch und Ihre Unterstützung hätte ich es vor vier Jahren mit Sicherheit nicht so (vergleichsweise und für meine Verhältnisse) schnell geschafft, mich aus meiner beruflichen Sackgasse zu befreien und den Horror vor all den damit verbundenen „Amtswegen“ zu überwinden (und erst recht den, anschließend ins Bodenlose zu fallen).
All meine Schreckensvisionen haben Sie sich angehört, nachgefragt, seziert und behutsam darauf hingewirkt, sie zu eliminieren oder sie zumindest auf ein realistisches, rationales Maß zurechtzustutzen. Heute muss ich über so manches schmunzeln, was ich damals für unmöglich oder nicht umsetzbar hielt (und feststellen: sogar noch viel mehr als DAS war machbar und die Welt ist selbst dann nicht untergegangen, sogar die in dem Kontext innerlich ausgemalten Kleinkatastrophen blieben aus – das Schicksal ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein mieser Verräter).

Ohne Ihren klugen und empathischen Beistand hätte ich mich noch weitere Jahre mit dem Fehlen einer Antwort auf diese eine zentrale Frage (die Mutter betreffend, Sie wissen schon) herumgequält, die mich vor 13 Jahren erstmals in Ihre Praxis führte. Mittlerweile liegen Frage und Antwort ungeahnt friedvoll nebeneinander in einem Ruheforst und die Qualen sind weitgehend über- und ausgestanden.

Ach ja, und dann noch diese andere Riesensache aus der Rubrik „Endlosschleife der Verhaltensmuster aus der Kindheit“. Ohne Ihr geduldiges Zuhören und Ihr kritisches Nachfragen hätte ich mich vermutlich noch ein weiteres Jahr in dem absurden Rettungsprogramm dieser recht hoffnungslosen Knalltüte Person (der U., Sie erinnern sich) sinnlos aufgearbeitet. Und den Absprung erst viel später geschafft und dann womöglich den Gatten nicht mehr getroffen, endlich einen Menschen, der nicht gerettet werden musste und nicht im düsteren Kerker seines nicht gelebten Lebens und seiner Ideenlosigkeit vor sich hin trank und jammerte.

All die Jahre war ich Ihnen übrigens auch immer wieder dankbar dafür, wenn ich heulend dasitzen durfte ohne dass Sie dann je in einen betulichen Trostmodus verfallen wären – ich schätzte es immer sehr, dass Sie meine Tränen mit genau dem richtigen Gesichtsausdruck ausgehalten und angenommen haben (und einfach ein Taschentuch herüberreichten).

Nicht zu vergessen: Ihr Hinweis auf einen definitiv lebenswichtigen Film für Hunde- und Dackelliebhaber. Auch dafür herzlichen Dank. Denn seit wir Pippa haben, kriegen wir das Kinoprogramm meist nicht mal mehr mit, sondern sind zu Serienjunkies auf der heimischen Couch avanciert, weil da der Hund mit dabeisein kann.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ohne Ihre Impulse diese Zeilen heute wohl nicht hier stünden, denn Sie waren es, der mir den Widerwillen (und die Vorurteile) gegen das Bloggen nahm und mich vor meiner großen Schwedenreise 2014 zum Schreiben animierte.
Wer weiß, ob ich ohne diesen Anfang später je versucht hätte, meine Texte auch anderswo unterzubringen und das eines Tages sogar gegen Bezahlung…

Und wissen Sie was? Wenn alles gutgeht, dann fahre ich nächstes Jahr erneut über die geliebte Öresundbrücke, wo Sie zwar leider wieder nicht als Kassierer sitzen und mir ein fröhliches „Hej hej“ und „Trevlig resa“ zurufen werden, aber ich würde diesmal die Brückenmaut auch nicht mehr selbst bezahlen müssen, weil mir die gesamte Fahrt gesponsert würde, bis nach Gotland!
Sollte das wirklich klappen, fotografiere ich Ihnen alle schwarzen Schafe, die ich auf der Insel treffe und bring‘ Ihrem Hund eine Decke aus Gotlandwolle mit – versprochen!

Als Zeichen meines Danks für alles, das Sie für mich getan haben bzw. mich konsequent anstupsten und ermutigten, es selbst für mich tun zu können, gebührt auch Ihnen ein Song vom Boss (Sie ahnten es natürlich, dass das kommen würde 🙂 ).

Es ist keiner meiner favorites, dafür sind über weite Strecken die lyrics wirklich sehr passend für das, was ich damals empfand und das, was über die Jahre daraus erwuchs: The rising (somehow).

Can’t see nothin‘ in front of me
Can’t see nothin‘ coming up behind
Make my way through this darkness
I can’t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I’ve gone
How far I’ve gone, how high I’ve climbed
On my back’s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

A dream of life comes to me
Like a catfish dancin‘ on the end of my line
Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin‘ wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life
Come on up for the rising!

 

Wir sehen uns dann demnächst beim üblichen „Jahresabschlussgespräch über die aktuellen Lebensbaustellen“. Das Fundament nun ein so anderes als vor 5 Jahren, das Grundgefühl ein so viel stabileres und die Aussichten bei Weitem nicht mehr so trüb wie damals, im Gegenteil. Nur hätte ich nicht gedacht, wie lange das dauern würde, dieses Sich-Rausschälen aus dem, was nicht mehr passte und vielleicht eigentlich nie passte, was krank machte, einen blockierte und abhielt oder ablenkte.

Auch da hatten Sie recht: es ist ein langer Weg.
Drehe ich mich um, kann ich all den zähen Morast, die tiefen Furchen, die üblen Stolpersteine noch sehen. Schaue ich nach unten, fühle ich jetzt festen Boden unter meinen Füßen. Und richte ich den Blick nach vorn, sehe ich zwar noch keinen klar umrissenen Weg, aber doch schon viel mehr als nur eine Andeutung desselben – und vor allem sehe ich dieses Leuchten am Horizont.

Bis bald & zum heutigen Tag die allerbesten Glückwünsche für Sie –

Ihre N.H. alias Kraulquappe.

Da sein.

Der Winter ist da. Das Dackelfräulein rastet wie immer aus und staubt durch die erste, noch dünne weiße Pracht.

Und Lolek ist auch wieder da. Um seine wackelnden Türschwellen von vor zwei Wochen rauszureißen und nochmal neu zu verlegen. Natürlich wieder zur Lolek-Time: morgens um kurz nach 7 Uhr. (Möge der frühe Pole diesmal den Wurm erwischt haben.)

Der November geht in die letzte Runde. Diese Woche: Beseitigung kleinerer Baustellen, in Sachen Wohnung, in Sachen Gesundheit (nebenher noch Steuererklärung und Schimmelentfernung, eine schwere Wahl, was zuerst/lieber…).

Immer dieser verfluchte Bammel vor neuen Schäden, Pannen, Überraschungen. Und auch vor Vollnarkosen (wie oft haben sie einem für danach eine Breze versprochen, auf die man sich vor dem Knock-out tröstend freute und dann wurde ein Napf bleiches Hühnerfrikassee serviert, von dem einem noch speiübler wurde und erst recht zum Heulen zumute war).

Wie gesagt: alles Lästige in diesen Monat reingepackt! Der Advent darf mir gern und ausgiebig ein Gefühl von advenire bescheren. Ich möcht‘ mich mit einer Großpackung der Kindheitslebkuchen, diese billigen Herz-Stern-Brezen-Dinger, unter einen der frisch lackierten Türrahmen setzen und von dort aus mampfend und teetrinkend die letzten Lampen, Malereien und Silikonfugen bestaunen, um die sich der Handwerksfreund nächste Woche noch kümmern wird, und wenn ich genug gestaunt habe, dass jetzt endlich alles fertig, sauber, aufgeräumt und befestigt ist, dann möcht‘ ich aufstehen und den diesen Freitag abholbereiten Marimekkovorhang (der einen hinsichtlich zu bestellender und gelieferter Länge und zu beachtendem Rapport fast zur Weißglut getrieben hat) zuziehen und einfach mal kurz die Füße hochlegen.

Und mich anschließend gänzlich anderem, das so lang (ja, viel zu lang!) aufgeschoben wurde, zuwenden. Das neue Jahr lockt mit neuen Plänen.

Haben Sie einen guten Start in den Winter – und nehmen Sie bitte Abstand von Genesungswünschen oder Gesundheitsnachfragen, schicken Sie lieber Brezen oder Billiglebkuchen. Oder einfach ein Stoßgebet gen Winterhimmel.

Ihre Kraulquappe.

Song des Tages (24).

Für meine liebe A. in Berlin –

die ihrer Lola nach 17 gemeinsamen Jahren noch einmal eine Nacht lang die Pfote hielt, damit diese kleine, treue Gefährtin ganz behütet ihren letzten, schwachen Atemzug tun konnte.

Lola war schön
Lola war klug
Sie war der Star
I’m Tombstone Saloon
Ich hab sie geliebt
Mehr als mein Pferd
Bye, Bye, Bye Lola Blue

(Ich hab es nicht geschafft, die „Lola“ von den Kinks zu nehmen, an der hab ich mich irgendwann mal gründlich überhört. Den Westernhagen mag ich zwar nur bedingt, was vor allem an seinen Augen liegt, die mich ungut an etwas erinnern, aber „Lola Blue“ gefiel mir als Titel und schien mir insgesamt passender, auch wenn A. ihre Lola keinesfalls mehr lieben konnte als ihr Pferd, weil sie nämlich keines besitzt, Lola war also ihre einzige Tierliebe.)

Tre Cime di Lavaredo oder: Umrundung mit Verwundung.

Die Drei Zinnen.

Wenn man sich grad am Unverwundbarsten und Fittesten fühlt und also am Allerwenigsten damit rechnet, haut’s einen auf die Fresse. So ist das im Leben – und auch im Gebirge.

Allein das Dackelfräulein hat die Umrundung der Drei Zinnen unbeschadet überstanden. Überhaupt bewegt sich so ein Hund einfach geschickter als ein Zweibeiner und gerät dank seines Allradantriebs auch nicht gleich ins Schlingern, wenn er am 4. Oktober auf 2.400 Meter Höhe vom ersten Schnee des Jahres überrascht wird – im Gegenteil: er wirft sich voller Wonne hinein, kühlt sich den Pelz und surft erfrischt und munter auf allen Vieren geschickt die Schneeschneisen hinab.

Das Fräulein freut sich über den ersten Schnee des Jahres.

Und wir?
Der Gatte, vor lauter Wärme dort oben mit hochgekrempelten Ärmeln und ausnahmsweise mal ohne Trekkingstöcke unterwegs (ist ja nur ein poplige Umrundung, dachten wir uns), stürzt in einer verschneiten Serpentine und schlägt sich am Dolomit den Unterarm auf. Mit einem schicken Verband aus geeistem Taschentuch mit Gassisackerl ummantelt (damit das Blut nicht rausrinnt) und alles von außen noch mit meinem Stirnband fixiert, wird weitergegangen.
Mich haut’s eine halbe Stunde später saublöd nach hinten um, als ich aus der grellen Sonne in den Schatten trete, mich dort zu schnell in die Hocke begebe, um die Drei Zinnen im Gegenlicht zu fotografieren und mich ein leichter Schwindel ergreift. Die rechte Hand an der Außenkante am Fels blutig geschlagen, der kleine Finger fühlt sich spontan an, als sei er in allen Gelenken gebrochen (ist er nicht, nur geprellt und gestaucht und mittlerweile hübsch lila).

Je älter man wird, desto dämlicher fällt man. Aber immerhin hat man sich am Fuße der Drei Zinnen verletzt und nicht beim Ausrutschen im nassen Herbstlaub vor der Haustür oder beim Hängenbleiben mit dem Fahrradreifen in einer altbekannten Trambahnschiene oder gar beim Stolpern übers Staubsaugerkabel im heimischen Flur.

Panorama-Terrasse des Rifugio Auronzo auf 2.333m.

So marschierten wir mit etwas gedämpftem alpinen Übermut die große Runde unter den Drei Zinnen zuende, die grandiosen Ausblicke ringsum lenkten hervorragend von den Verletzungen ab, der kleine Hund wetzte Stunde um Stunde in Top-Laune voraus und fand wie immer den besten Pfad. Abschließend noch eine Stärkung im Rifugio Auronzo (Top: die erstaunlich preiswerten Nudelgerichte / Flop: die echt italienischen Toiletten) und dann beseelt wieder über die Mautstraße (Hinweis: 30€ pro Tag inkl. Parken am Rifugio, aber die Unsumme lohnt sich) hinab ins Höhlensteintal.

Auf dem Heimweg eine stattliche Summe in der Apotheke gelassen (ein teurer Tag war das), den restlichen Abend mit Desinfizieren und Verbinden verbracht, dazu noch einen innerlich desinfizierenden Absacker und die zweite Serie geguckt, die der Serienbeauftragte für den Urlaub besorgt hat.

Heute also nicht wie geplant auf den Sarlkofel, weil dort bräuchte man zwingend Trekkingstöcke und die könnte ich nicht umgreifen mit dem kaputten Finger, stattdessen eine sogenannte „Genusstour“, von Altprags in zwei Stunden auf den Badmeisterkofel (der Name ein kleiner Ersatz fürs Schwimmen, das mir allmählich doch ziemlich abgeht) und von dort hinüber zur Putzalm, wo man vor 5 Tagen schon mal so schön und lecker s_aß.