Himmel der Bayern (74): From a distance.

Dieses Jahr auffallend viele Ostergrüße. Per Post, Email, WhatsApp, Telefon. Und eine klasse CD, voll mit Frauenpower, zusammengestellt von einem Mann, ist auch mit dabei: überfällige Erinnerungen an Cyndi, Cher und v.a. an die einst sehr von mir verehrte Bette Midler, die ja nicht nur dieses zeitlos-großartige Stück über die Nervensägen gesungen hat, sondern auch einen Song für Coronazeiten:

From a distance we are instruments
Marching in a common band
Playing songs of hope
Playing songs of peace
They are the songs of every man

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Der hübsch Bewimperte und ich stellen einander Osternester ins Treppenhaus bzw. vor die Tür. Mit den Nachbarn, mit denen man sich etwas verbundener fühlt, tauscht man Häschen oder Eier aus. Der Papa freut sich über den Karton mit Cresta-Schokoeiern und ruft jeden zweiten Tag an, allmählich fällt ihm die Decke auf den Kopf.

Lolek schicke ich als Ostergruß ein Foto von dem täglich dicker werdenden Kaninchen, das in der Toilettenwand wohnt, und schreibe ihm, dass ich mich auf unser baldiges Wiedersehen freue.

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Dem Wanderführer mit dem Arbeitstitel „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“, an dem ich zu schreiben begonnen habe, seit ich den täglichen Spießrutenlauf mit Hund durch die überfüllten städtischen Grünanlagen leid bin, füge ich heute das Kapitel „Mit dem Vierbeiner über verlassene Golfplätze“ hinzu. Eine der Premiumtouren in dem künftigen Büchlein! Früher, als die Winter noch regelmäßig Schnee auf das Münchner Umland fallen ließen, war das mal meine Langlauf-Hausstrecke, zu allen anderen Jahreszeiten kann man sich dort eigentlich nur als Clubmitglied frei bewegen, heißt: ich kenne das Gelände nur auf Skiern.

Daher hat dieses kurze Golfplatzgassi was von einem heimlichen Hikingabenteuer, wie ja so vieles zur Zeit. Wir kicken ein bisschen herum, spazieren achtsam durchs gepflegte Hügelland, machen ein Imbisspäuschen in einem Strandkorb für Golfer – und das Schönste: hier müssen wir niemandem ausweichen, weil wir niemanden treffen.

Danach weiter zu den Weihern und den Wäldern, eine Gegend, in der man Thoreau lesen und „Walden Pond“ hören sollte.

Stattdessen umrunden wir auf schmalen Trampelpfaden die vielen kleinen Weiher (einzige Chance, den Radfahrern zu entgehen), rasten auf einem einsamen Steg und lassen uns ungestört die Sonne auf die Nase scheinen.

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Gestern vor 50 Jahren haben meine Eltern geheiratet. Und unser Freund Bobby aus dem fernen B. feierte sein sechstes WiegenWurfkistenfest.

Heute hat einer der wenigen Geburtstag, die je tollkühn genug waren, mir einen Heiratsantrag zu machen und als Erstehemann wäre er vielleicht eine bessere Wahl gewesen als der Gymnasiallehrer, aber was soll’s.

Morgen ist Ostern und ein bisschen Auferstehung täte langsam wirklich not, das werden sich wohl grad fast alle wünschen.

Bis es soweit ist, wünsche ich Ihnen und Ihren ones and onlys sonniges Herumeiern und frohe Feiertage!

Für H. zum 4. März 2020: Die überfällige Antwort.

 

 

Liebe H.,

vor genau sechs Monaten, ich kämpfte gerade mit der defekten Waschmaschinentür in meiner Stockholmer AirBnb-Wohnung, schicktest du mir eine Whatsapp, in der du fragtest, ob ich eigentlich sagen könne, welche meine Lieblingssongs vom Hohepriester unseres gemeinsamen Erstkommunionsfestes seien.
Damals war jedoch leider nicht die Zeit und Muße, um dir diese lebenwichtige Frage (als die du sie selbst tituliertest) zu beantworten, da ich wie gesagt in Stockholm war und mit einer Waschmaschinentür kämpfte (neben mir den Koffer mit der Schmutzwäsche von zwei Wochen Gotland, es war also wichtig, den Kampf zu gewinnen).

Heute Morgen kämpfe ich ausnahmsweise mal mit nichts (außer Müdigkeit), denn vor drei Tagen sind wir aus unserer Wohnung ausgezogen, gestern habe ich Lolek den Schlüssel in die Hand gedrückt – und nun komme, was wolle (bzw. hoffentlich: was solle, nämlich ein neues Badezimmer und diverse Verputzungen und Anstriche), ich werd‘ mir das Ganze erst in 9 Tagen ansehen und bis dahin lebe und arbeite ich hier im Tegernseer Asyl vor mich hin (es gibt wahrlich scheußlichere Orte für Geflüchtete).

Daher nutze ich nun während eines Frühstücks in völliger Ruhe, weil alle – der Papa, seine Lebensgefährtin und die Pippa – hier im Haus noch schlafen, die günstige Gelegenheit, dir zu deinem heutigen Jubeltage deine zwar nicht mehr ganz taufrische (im Unterschied zu dir 💕!), aber in ihrer Bedeutung natürlich unverändert lebenswichtige Frage endlich zu beantworten.

Hier also, in aufsteigender Reihenfolge (wie zu unseren Teenie-Tagen, als wir noch gemeinsam der von Thomas Brennicke, Gott hab ihn selig!, moderierten Hitparade lauschten), meine in schlappen sechs Monaten ausgebrütete, mehrfach überarbeitete und überprüfte und dennoch hier und heute nur unter Vorbehalt zu veröffentlichende Top Ten der Bruce-Songs, die ich, wenn ich mich je ernsthaft und für längere Zeit auf eine einsame Insel oder ins Exil (ha!) begeben müsste, mitnehmen würde, um mein musikalisches Überleben zu sichern.
Eine Top Twenty wäre mir leichter gefallen, aber ich übe mich ja zumindest gelegentlich in der Kunst der Beschränkung (wie es mir meine Deutsch-LK-Lehrerin schon 1990 empfahl).

Selbstverständlich bekommst du zu allen 10 Songs nicht nur Titel, sondern auch Ton (seinen) und Text (meinen).

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Platz 10: „Jole Blon“

Das war für mich 2012 im MetLife-Stadium DIE Neuentdeckung schlechthin.
Ein typisches Sommerliedchen, ein klassisches Sha-la-la-la-Bruce-Ding wie „Sherry darling“, wenngleich nicht originär von ihm, aber wurscht, das Lied war so herrlich leicht, luftig, locker, liebestoll, einfach ein Traum, damals, in dieser lauen Nacht in New Jersey, in der ich acht Songs zuvor meine Hand auf seine schweißnasse Schulter gelegt hatte und in der ich eines meiner besten Geschenke zu meinem 40. feierte – eben jenes Konzert.

Platz 9: „Bobby Jean“

Mit „Bobby Jean“ verbinde ich gleich mehrere Ereignisse (oder sogar Phasen) in meinem Leben und wahrscheinlich hat der Song vor allem deshalb einen Platz auf dieser Liste bekommen. Denn musikalisch ist das eigentlich eine Komposition, die mich nie absolut vom Hocker gehauen hat. Und trotzdem liebe ich „Bobby Jean“ seit dem ersten Hören. Das war mit dir, damals, am 18. Juni 1985. Es war der 25. Song der Setlist unseres (nennen wir’s mal so:) Initiationsabends.
Und du warst es auch, die diesem Song erstmals eine gewichtige Bedeutung verlieh, als du ein paar Jahre später für ein Schuljahr nach Kanada verschwunden bist und ich in München zurückblieb.
Vom 18. Juni ’85 gibt’s keine Aufnahme/Video, ich wollte aber unbedingt eine von damals erwischen, daher nimm bitte mit dieser hier vorlieb, die ist nur 11 Tage später entstanden, in Paris.

Platz 8: „Across the border“

Sommer 2014. 17 Jahre Maloche lagen hinter mir, die letzten 7 davon ziemlich grenzwertig. Ich quittierte den Dienst, kratzte mein letztes Geld zusammen, packte meine Siebensachen und mein Dackelmädchen ein, hörte auf den Rat meines Arztes und eröffnete mein erstes Konto bei WordPress – und fuhr los. Across the border: Über die Öresundbrücke, durch ganz Schweden, bis hinüber nach Gotland, was mir seit Kindheitstagen ein Eiland der Verheißung war (Pippi Langstrumpf!), und nun war ich endlich groß und frei genug, sie mir anzusehen.
Vor der Überquerung der Öresundbrücke lege ich seither bei jeder Fahrt nach Schweden genau diesen Song ein, drehe die Lautstärke voll auf und heule voll los.

Platz 7: „This hard land“

Einer der berühmtesten, meistgesungenen Psalmen der Bruce-Gemeinde: „(…) well, if you can’t make it, stay hard, stay hungry, stay alive – if you can and meet me in a dream of this hard land (…)“ – dieser Vers ist ohne jeden Zweifel lebenswichtig und lebensrettend bzw. entfaltet diese Wirkung, wenn ihn die ganze Gemeinde in die Dunkelheit hinausplärrt, aber er ist nicht der Hauptgrund, warum ich dieses Lied in die Top Ten aufnehmen musste.
Es sind die gesamten viereinhalb Strophen davor, die mich so umhauen und die ja nur in diesem letzten Aufschrei gipfeln (oder sich in ihm auflösen). Dieser verdammte Song hat mich dermaßen gefesselt, als ich ihn Ende der 1990er Jahre erstmals hörte, dass ich monatelang gar nicht in der Lage war, mir all den anderen verdammt guten Stoff auf „Tracks“ reinzuziehen (das Greatest-Hits-Album, auf dem er schon früher erschienen war, hatte ich damals noch nicht).
Dreimal gehört, und für immer auswendig gekonnt, du könntest mich nachts um 3 wecken und bitten, „This hard land“ zu rezitieren und es würde mindestens genauso flutschen wie Goethes „Willkommen und Abschied“ oder Schillers „Ring des Polykrates“ oder Hölderlins „Mitte des Lebens“, um jetzt mal ein bisschen bewandert zu tun (und das mal nicht nur im alpinistischen Sinne).
Hier für dich eine der Akustik-Versionen, in der ich ihn (nicht den Song, aber Bruce) besonders mag, du wirst wissen, wieso.
Und hör‘ dir unbedingt auch den Prolog genau an: „(…) the older you get, the more it means“. Genau so ist es, und zwar mit sehr vielem.

Platz 6: „Atlantic City“

Immer schon geliebt. Und schon vor 15 Jahren beschlossen, dass das der Song sein soll, der mal auf meiner Beerdigung gespielt wird:

Now our luck may have died and our love may be cold
But with you forever I’ll stay
We’re goin‘ out where the sands turnin‘ to gold now
Put on your stockin’s cause the nights gettin‘ cold and
Everything dies, baby, that’s a fact but maybe
Everything that dies someday comes back

Nicht, weil ich nochmal wiederkommen möchte. Sondern weil ich summa summarum gern hier war. Und weil ich immer Trost fand in diesem Lied, wenn es mir schlecht ging.

Platz 5: „The Ghost of Tom Joad“

Eine Wucht, der ganze, lange Song.
„Tom Joad“ war das erste Springsteen-Album seit 1973, das die Top Five verpasst hat, obwohl es einen Grammy für das beste zeitgenössische Folk-Album gewann. Sein Titelsong, „The Ghost of Tom Joad“, in einer später entstandenen Live-Version zusammen mit Tom Morello (von Rage Against the Machine), rüstete den ursprünglichen Folk-Song zu dem um, was er dann auf dem „High Hopes“-Album geworden ist: ein moderner Rocksong mit einer unglaublichen Intensität. Erst als Duett eroberte er schließlich die Herzen von noch mehr Fans, so auch das meine.
Ich finde, die beiden sollten mindestens noch „Youngstown“ und „Lost in the flood“ gemeinsam spielen (und aufnehmen). Immer wieder sind es auch diese düsteren Geschichten von Springsteen, die ich live wirklich zum Niederknien schön finde.

Platz 4: „Dream, baby, dream“

Man braucht nicht viele Akkorde, um einen Song zu komponieren, der den Fans eine Gänsehaut beschert. Man braucht auch nicht notwendigerweise viele Instrumente oder eine Band drumrum. Manchmal genügt es, wenn sich ein Mann allein ans Piano setzt und gefühlvoll in die Tasten greift und seine Stimme erhebt.
„Dream, baby, dream“ ist für mich wie Schwimmen: ich tauche ein, ich folge dem schwarzen Balken, hin und zurück, hin und zurück, alles wiederholt sich, Bahn für Bahn, immer dasselbe. Vordergründig könnte man nun geneigt sein, das für Monotonie, Ödnis oder gar Langeweile zu halten. Das wäre aber viel zu kurz gedacht bzw. empfunden.
Denn das Schwimmen (und anderen mag es mit anderen Ausdauersportarten ähnlich ergehen) und eben auch ein Song wie dieser können einem den Zugang eröffnen zu einer anderen Sphäre. Zu einem selbstvergessenen, dahinfließenden, dahinträumenden, dahingleitenden und dadurch beinahe meditativem Zustand.
Und exakt darum steht dieses Lied so weit oben auf meiner Liste.

Platz 3: „Backstreets“

Dieses kraftvolle Epos von einer bedeutsamen Freundschaft (oder Liebe?) und ihrem Verblassen (und über zerplatzte Ideale der Jugendzeit überhaupt) war einer meiner sehnlichsten Live-Wünsche, der leider erst sehr spät (2016 in Berlin) in Erfüllung ging. Der Song ist ein klassisches Drama in fünf Akten (wie es ein Dylan auch nicht besser hinbekäme!), er ist einer seiner wuchtigsten, umfassendsten und „vollständigsten“ Songs.
„Backstreets“ konkurrierte in meiner Fan-Seele seltsamerweise immer mit „Jungleland“, wofür es keinen rationalen Grund gibt. Mal bedeutet mir das eine mehr, mal das andere, manchmal höre ich ein ganzes Jahr lang fast nur den einen, dann wieder nur den anderen Song. Dieses Jahr ist bislang eher ein „Backstreets“-Jahr, deshalb hier und heute Platz 3.

Platz 2: „Tougher than the rest“

Das ultimative Liebeslied aus der Feder Springsteens.
Es gibt keines, das mich in letzten dreißig Jahren kontinuierlicher begleitet und häufiger zu Tränen gerührt hätte.
Es ist ehrlich, authentisch, romantisch – und zugleich so schonungslos und traurig, voller Sehnsucht und Herzschmerz.
Es spielte in allen Liebesbeziehungen, die in meinem Leben wichtig waren oder sind, eine Rolle.
Unbedingt im 1980er-Jahre-Stil anzugucken, dieser Zeit, in der für uns alles begann (auch diese Sache mit der Liebe).

Platz 1: „Thunder Road“

Von all den vielen Perlen aus seinem riesigen Lebenswerk ist es diese, die ich über alles liebe.
So vieles ist schon gesagt und geschrieben worden über diese Straße des Donners: Für die einen hat der Song eher etwas Auswegloses und alles andere als ein Happy End, für andere birgt er hingegen eine Menge Hoffnung und mündet in einen positiven Aufbruch (ich zähle mich zu Letzteren).
„Thunder Road“ ist in meinen Augen ein Versprechen: für heute, für morgen, für die Zukunft. Egal, wie jung oder schön wir (noch) sind. Eine Ode an die Liebe, sogar an die Langzeitliebe, mit all ihren Versehrtheiten und Schrammen. Ein Tritt in den womöglich über die Jahre etwas träge gewordenen Hintern. Ein Appell, nicht alles auf morgen zu verschieben, sondern mit manchem lieber jetzt und heute loszulegen. Eine Ermahnung zu mehr Mut und Zuversicht, zu mehr Selbstvertrauen und Offenheit. Ein großes Versprechen an das Leben.
Auch an das gerade erst geborene, wie dieser Kommentar eines Fans (den ich unter einer der Donnerstraßenversionen auf YouTube entdeckte) verdeutlicht: „I insisted this song be the first music my newborn daughter heard on earth. That was 23 years ago. I’d make the same choice again today. It just doesn’t get any better than this.“
Und so sehe ich das auch: Besser geht es einfach nicht.
Das hier ist nicht die musikalische „Thunder Road“-Interpretation, die mich am tiefsten bewegt (das wäre eine der Acoustic– und keine der Fullband-Versionen), aber es ist eine von denen, in der mich sein Gesichtsausdruck am meisten berührt, möge es dir ähnlich gehen.

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Ein Update zu dieser Top Ten kommt dann ggf. zu deinem nächsten runden Geburtstag, der ja in nicht allzu ferner Zukunft ansteht, aber doch noch weit genug entfernt ist, damit ich nochmal in aller Ruhe weiterbrüten kann über deine wahrlich lebenswichtige Frage und meinen bescheidenen Antwortversuch.

Mit ein paar knapperigen Krümeln (danke nochmal!) zwischen den Zähnen stoße ich nun mit meinem letzten Schluck Morgenkaffee auf dich und dein Wohlergehen an, gratuliere dir ganz herzlich und wünsche dir einen besonders schönen, sonnigen Tag (du weißt noch, was der Chloroplast an einem solchen tun würde?!), vielleicht ja mit etwas Neuschnee, so wie hier am Tegernsee.

In alter, unverbrüchlicher Freundschaft grüßt dich –
Deine T.

PS: Deine ausführliche Stellungnahme zu dieser Liste lässt du mir bitte ebenfalls binnen 6 Monaten zukommen.

Auf Hochtouren.

Nach einer geruhsamen Zeit voller Rudelglück, Seriengenuss und Feiertagsfaulenzen läuft das neue Jahr mittlerweile auf Hochtouren.

Der dank des Wasserschadens beschlossene Badumbau ist seit ein paar Tagen im Detail besprochen, die Terminvorschläge harren nun Loleks Überprüfung und Zustimmung, bald drauf geht’s dann zum Fliesen- und Wannenkauf. Das Fachvokabular sitzt jedenfalls schon und bescherte anerkennendes Nicken.

Gesundheitlich geht es größtenteils aufwärts oder zumindest nicht weiter abwärts, man weiß zwischenzeitlich, mit 47,5 Lenzen, dass Glück tatsächlich auch in der Abwesenheit von Unglück bestehen kann.
Auch. Nicht nur.

Vor einem Jahr war tiefster Winter hier, auf der Wiesn bauten sie Schneeskulpturen aller Art. Wir frästen uns durch die weißen Massen hinüber zur Schwanthalerhöhe, um den Film zur 150-Jahr-Feier des DAV anzugucken – und zwei Stunden später war die Spur vom Hinweg bereits nicht mehr zu sehen.
Im Januar 2020 wird an der Isar in kurzen Höschen gejoggt. So sieht man im diesjährigen Winter ganz andere Skulpturen, denn hie und da hoppeln einige Festtagspfunde mit, immerhin ein körperlicher Kampf, der mir seit einigen Jahren meistens erspart bleibt.
Erste Übermütige werfen die Hüllen komplett ab oder den Grill an, die Kioske am Flussufer stellen die Eistafeln raus, an den Stehtischen im Freien leuchtet jedes zweite Glas grellorange und die Hunde testen zaghaft die Wassertemperatur.

Der Friseurwechsel hat weiterhin Bestand. Die zweite Schur ebenso zufriedenstellend wie die erste, nur ohne die schnarchende Bully-Dame anbei, die leider zwischenzeitlich einem Hirntumor erlag. Die Art und Weise, wie der neue Coiffeur mir davon erzählt (plus das anschließende Einlegen einer Live-CD von den frühen Stones), hat zur Folge, dass wir zum Du übergehen. Eh fast derselbe Jahrgang.
Auch Pippa hat den Friseur gewechselt, da die gute S. nun geheiratet hat und in neue Wirkungskreise abtaucht (eigener Salon, aber diesmal Fingernägel oder sowas). Ihre Nachfolgerin wurde allein deshalb kritisch beäugt, weil sie das Begrüßungsritual (Vor dem Rasierer kommt die Wurst!) noch nicht kannte.
Man merkt, dass man älter wird, denn das Ausmaß, in dem einen solche Veränderungen auf einmal beschäftigen, verhält sich in etwa proportional zum Wachstum der grauen Haare.

Der nette Nachbar lädt einen zum Geburtstagsbrunch ein. Das muss heißen, wir bewegen uns wohl defintiv Richtung freundschaftliche Verbandelung.
Alle verstehen sich bestens: sowohl sein Gatte mit meinem, als auch die Hundedame der beiden mit unserer Pippa (wir berichteten hier und hier). Das ist nicht nur in sozialer, nachbarschaftlicher, tierischer und zwischenmenschlicher Hinsicht recht erfreulich, sondern diese Entwicklung passt auch ideal zum demnächst drohenden sanitären Totalausfall in unserer Wohnung: zumindest ich werde dann dort unten ganz unbekümmert um tägliche Nutzung der Dusche ersuchen, notfalls vielleicht auch um Asyl, sollte es bei uns oben gar zu unwohnlich und staubig werden (Lolek kündigte eine Abdichtung des Flurs an, bei der wir nur noch durch einzelne, abgeklebte Schlitze in unsere Zimmer schlüpfen können, das klingt irgendwie ungemütlich).
Bei der brunchenden Gästeschar erwartungsgemäß ein deutlicher Männerüberschuss. Neben mir sitzt der Ex vom Nachbarn, ein sehr sportlicher, hübsch bewimperter Kerl, er sitzt da in Begleitung seiner Mischlingshündin mit nicht ganz so hübschem Unterbiss.
Wir verstehen uns auf Anhieb, stellen etliche gemeinsame Interessen fest, vor allem in alpinistischer Hinsicht, weshalb wir nach dem zweistündigen Gespräch die Telefonnummern austauschen, um die überaus erquickliche Unterhaltung in Kürze bei einem Hundespaziergang fortzusetzen und über eine Tourplanung nachzudenken.
Sonst habe ich dort mit niemandem länger geredet, was mal wieder die These untermauert, dass in diesem Leben aus mir kein Gruppenmensch mehr wird (ein Brunch-Fan im übrigen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema).
Schon immer lauter Einzelfreundschaften, bestenfalls mal eine Paarfreundschaft.

Freund P. schickt aus Sylt eine Wien-Atrappe voller Zuckerzeug, fast zeitgleich trifft ein Care-Paket von Freundin H. aus der Schweiz ein, das mit holländischem Hagel gefüllt ist.
Man meint es also gut mit mir und ist um Aufpäppelung bemüht. Ich danke den beiden ganz herzlich für all die Kalorien, verhänge hiermit aber bis zum Spätherbst einen Süßwarensendestopp.
Einen Dackelschlafsack könnten wir jedoch nach wie vor brauchen. Auch neue Ohrringe fände ich mal wieder fein. Oder einen Massagegutschein, bitte nicht unter 40 Minuten. Aber mit Schokokram ist jetzt erstmal finito, ok?

Die berufsbedingte Pendelei hat diese Woche wieder begonnen und somit auch die Strohwitwen- und Alleinererziehenden-Tage (und -Wochen).
Während der fleißige Gatte heute Abend unter den Linden der Hauptstadt weilt und dort über philosophische Treppen zum Hörsaal hinaufsteigt, um über den Körper zu referieren, bereiten das Dackelfräulein und ich andere körperliche Aufstiege vor.
Morgen geht’s ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet, Material sammeln für eine kleine Winterreportage.

 

Mitten im Rucksackpacken piest das Handy. Eine Whatsapp aus Berlin. Der Gatte schickt kurz vor Vortragsbeginn ein Foto von etwas, das aussieht, wie ein in eine Serviette eingepacktes Nutellaglas. Wenig später ein zweites Piepsen. Eine Mail aus Berlin. Frau Tontöppe schickt ein Foto von jemandem, der aussieht wie der Gatte. Aha!

Trotz meines Feierabendweißbiers, das ich schon intus habe, schlussfolgere ich messerscharf zweierlei: 1.) Frau Tontöppe hat sich in die Uni zur Ringvorlesung begeben und 2.) bei dem eingepackten Etwas könnte es sich mit ein bisschen Glück nicht um ein Nutellaglas, sondern um Quittengelee-Nachschub aus dem Tontöppeschen Garten handeln.
Na sowas! Haben die beiden sich jetzt glatt zuerst kennengelernt (wohingegen ich Frau Tontöppe ja noch nicht live zu Gesichte bekam).

Herzliche Abendgrüße nach Berlin & natürlich auch an die übrige Leserschaft zwischen Zürich und Sylt!

Songs des Tages (41+42) – und ein Text zur Nacht.

Für meine kleine, treue Gefährtin zum 8. Geburtstag: Eine Trilogie.

(1)

Well, people turn their heads around
When I walk with you, baby, straight through town
You’re mine, baby, baby, you’re mine
You’re my little baby, I’m proud, baby, that you’re mine

Ja, genau: Stolz bin ich, wie am ersten Tag, dass du mein Hund bist.
Und glücklich!

 

(2)

We said we’d walk together baby come what may
That come the twilight should we lose our way
If as we’re walking a hand should slip free
I’ll wait for you
And should I fall behind
Wait for me

We swore we’d travel darlin‘ side by side
We’d help each other stay in stride
But each lover’s steps fall so differently
But I’ll wait for you
And if I should fall behind
Wait for me

…so wollen wir’s auch auf unserer zweiten Weghälfte halten.

 

(3)

Und nun lass uns hinausgehen in die Rauhnacht,
in der Du zur Welt gekommen bist,
lass uns rennen, spielen und den Mond anheulen,
so wie es schon Deine Ahnen taten!

Tacktacktack.

Die Menschheit räumt die Supermärkte leer als stünde der Ausbruch einer mehrwöchigen Katastrophe bevor, die man nur mit entsprechender Bevorratung (und selbst dann nur vielleicht) überleben kann. Da sind wir mit der recht überschaubaren Bestückung eines Kühlschranks für lediglich drei Tage und unseren Zwei-Personen-Haushalt plus Hund vergleichsweise gut dran, meine Taschen sind auch so schon schwer genug, die Schlepperei und das Aufsuchen von vier Läden reicht mir bereits vollauf.

Die Weihnachtspost fällt heuer ebenfalls übersichtlich aus. Heute purzelt nur ein einziges Kuvert durch den Briefkastenschlitz in den Flur, das müssen die Karten für eine Veranstaltung sein, die ich vorgestern bestellt habe.
Wundere mich beim Öffnen kurz über die Geschenkverpackung, die ich mir selbst eigentlich nicht dazubestellt hatte, zumindest nicht wissentlich.
Klappe das Mäppchen auf und finde drinnen nicht meine Tickets vor, sondern einen Gutschein, den ich mir definitiv nicht bestellt habe, da ich mir üblicherweise selbst keine Überraschungen beschere, denn dafür sorgt ja das Leben mit all seinen Zu- und Unfällen – da braucht man gar nix ordern, das kommt ganz von allein daher.

In all den Papieren, die in dem Geschenkumschlag stecken, muss man lange und gründlich suchen, bis man im Kleingedruckten schließlich einen Hinweis auf den noblen Gutscheinschenker findet und ohne Brille fände man ihn überhaupt nicht.

Ja sowas (ja is‘ denn heut schon Weihnachten?!?): M. spendiert 50 Öcken für meine zukünftige musikalische Erbauung und bezeichnet diese wunderbare Gabe als Dankeschön für die Bloglektüre, die er so sehr schätzen würde.
Wow, das gab’s ja noch nie, dass das Bloggen mal konkret was abwirft, also was Materielles, meine ich – ein ganz neues Gefühl!

Wenn das Schule machen würde, so denke ich einige Stunden später, als ich meine Bahnen im vorweihnachtlich leeren Schwimmbad ziehe und genüsslich Zeit habe für solche Gedankenspielchen, wenn also von den knapp 300 Followern meines Blogs auch bloß all diejenigen, die wirklich regelmäßig meine Ergüsse liken oder sogar lesen, sagen wir mal: so etwa 30 bis 40 Leserinnen und Leser, wenn die sich dazu entschließen würden, mir zu Weihnachten einen solchen Gutschein zuzusenden, und meinetwegen sogar den Betrag des heutigen Gutscheins halbieren würden, ja dann könnte ich glatt die gesamte Europatour 2020 von Mr. Springsteen begleiten und Sie könnten sicher sein: ich würde Sie zuschütten mit Konzertberichten voll lodernder Leidenschaft und lyrischer Luftsprünge, womöglich bedeutete das dann wiederum mehr traffic und mehr follower, und folglich zum nächsten Weihnachtsfeste noch mehr Gutscheine, und das brächte die Aussicht mit sich, Mr. Springsteen bis zu seinem Renteneintritt überall hin folgen zu können, was nun nicht die schlechteste Aussicht wäre, wenn ich ehrlich bin.

Aber Schluss damit – Weihnachten ist ja nicht das Fest der Gier und des Kalküls, sondern der Liebe. Und Freundschaft ist auch eine Erscheinungsform der Liebe, also danke ich M. für den Konzertgutschein, für die kontinuierliche und treue Lektüre meines Blogs und für unsere Verbundenheit über die Jahrzehnte, denn es war schließlich ein langer Weg von Richard Marx bis hierher, über 30 Jahre sind vergangen, seit wir uns so blutjung und blauäugig in Lenggries über den Weg liefen, mittlerweile betrachte ich ja solche Wegstrecken und die Tatsache, dass man sich unterwegs nie verloren hat, schon als Wert an sich.

Ach ja, falls Sie sich über den Beitragstitel wundern: das ist Schwedisch, denn nur so geht er als phonetische Analogie des vorigen Beitragstitels durch.

Nun wünsche ich Ihnen und Euch allen einen guten Rutsch in die Weihnachtstage, und ganz gleich ob Sie die nun im Großrudel oder auch allein im Körbchen verbringen, Hauptsache, Jingle bells!

(c) Dorthe Landschulz (unbedingte Empfehlung: „Ein Tag, ein Tier“)

Hier bellt noch niemand, sondern wir sammeln uns alle ein wenig, denn es stehen die Rauhnächte bevor, der Berg ruft, die dritte Matrjoschka scharrt schon mit den Hufen, Besuch aus der Hauptstadt naht und die Geburtstagsparty fürs Dackelfräulein will vorbereitet werden.

Auf bald,
Ihre/Eure Kraulquappe.

Drafi Deutscher hat’s weggesungen!

Neulich, als das Dackelfräulein von diesen gruseligen Einzellern heimgesucht worden war, schickte uns ein Freund – Ihnen allen ist er aus diesem Blog unter seinem Pseudonym Mr. Spike wohlbekannt – den ultimativen Trostsong. Es gibt keine bessere Musik, wenn daheim ein unter Giardienbefall leidendes Dackelfräulein mit Dauerelendsblick umherschleicht.
Na, schon eine Idee? Nicht?!?

Ich will Ihnen gern etwas auf die Sprünge helfen: Sie erinnern sich, sofern Sie wie ich schon zu den gereifteren Jahrgängen gehören, doch bestimmt an diesen Ohrwurm von Drafi Deutscher. 1983 war das. Den Schlager gab es damals auch in einer noch ohrschmalzigeren Wurmvariante, nämlich von diesem putzigen Pseudo-Italiano Nino de Angelo.
Groschen gefallen? Ja?!?

Ganz genau, jetzt haben Sie’s!
Mr. Spike schickte uns den guten alten, ebenso weisen wie tröstenden Song „Giardien Angel“, begleitet von aufmunternden Worten und den allerbesten Genesungswünschen für die arme Pippamaus:

Tja, was sollen wir sagen? Es hat geholfen!

Der Himmel hatte ein Einsehen und sandte den Giardien Angel hinunter auf die Erde, auf dass er die Einzeller wieder vertreibe, sie zurückjage in ihre verseuchten Pfützen und verranzten Tümpel, denen sie einst entstiegen waren, um unser kleines, zartes Fräulein anzufallen und wochenlang zu quälen.

Soeben kam das Testergebnis. Alles in Ordnung, hurra!

Cool übrigens, es gibt da jetzt so eine App, in die die Ergebnisse direkt übertragen werden, sobald die Labormäuse in Berlin sich durch die drei Kotproben gewühlt und alles fertig analysiert haben.
Solide berlinerische 19,90€ statt 62,40€, dem Münchner Tierklinikluxuspreis.
Zwar irgendwie komisch, diese Schachtel mit den drei sorgsam befüllten Döschen quer durch die Republik zu schicken, aber mei.

Wieder ein Punkt weniger auf der aktuellen Gramliste.
Gut so, denn Wasserschaden und Finanzamt halten einen eh genug auf Trab.
Ach ja, und Weihnachten steht auch vor der Tür, mit aktuell noch ziemlich leeren Händen…

Aber wurscht.
Heute gilt es einfach nur Danke! zu sagen. Dem Giardien Angel ebenso wie dem geschätzten Mr. Spike.

She’s lost her Giardien: Kleiner Hund, wieder gesund.

Voreilige Geschenke.

Song des Tages (39).

Old habits die hard…

Langjährige Freunde erkennt man daran, dass sie sich auch vier Jahrzehnte nach Freundschaftsbeginn, wenn sie abends müde und erschöpft in Amsterdam durch den Duty-free-Shop stolpern, beim Anblick des Chocoladehagel-Kartons von De Ruijter, der erfreulicherweise immer noch so aussieht wie vor vier Jahrzehnten (bis auf den „Ausgießer“, der jetzt umweltfreundlich aus Pappe ist und nicht mehr aus Metall), sofort daran erinnern, dass das doch jenes Zeug war, das die Freundin immer so gern mochte und Jahr für Jahr aus den Vrouwenpolder-Sommerurlauben mitbrachte, dann sicherheitshalber beide Varianten kaufen (hell und dunkel), weil sich die Geschmacksvorlieben ja in vierzig Jahren evtl. mal geändert haben könnten (stimmt, ich mag mittlerweile beide Sorten), danach noch die Original-Holland-Butterwaffeln dazupacken, die auch immer noch in der gleichen Dose angeboten werden wie damals (so funktioniert langjährige Kundenbindung!), und am Tag drauf mit all diesen Köstlichkeiten im Gepäck nach München fahren und für einen Abend zu Besuch kommen – selbstverständlich nicht ohne vorher im heimatlichen Zürich noch eine Leckerei für das Dackelfräulein besorgt zu haben.

Gut, auch wir haben uns nicht lumpen lassen, und ein 3-Gang-Menü serviert, das offenbar gemundet hat, zumindest ist kein Krümelchen übrig geblieben.

Das geschah erst beim Frühstück, als doch glatt ein paar Chocoladehagelstückchen über den Brotrand kullerten (trotz der Spachtelmasse auf dem Brot), die Technik der möglichst lückenlosen Schichtung (es muss knirschen, wenn man reinbeißt) saß schon mal besser, aber wir haben ja nun zwei Kartons zum Üben (und überdies mit Freude zur Kenntnis genommen, dass die Freundin demnächst wieder eine Dienstreise nach Amsterdam unternehmen muss).

Danke, liebe H., für den schönen Abend gestern, gute Heimreise in die Schweiz & hier kommt für dich der Song zum heutigen Frühstücksbrot:

Old habits die hard
And old soldiers just fade away
Old habits die hard
Harder than November rain

Nie war Jude Law, der übrigens unser Jahrgang ist, schöner als in „Alfie“ – und ich mir so sicher wie du in Amsterdam mit dem Schokokarton, dass du das ganz genauso siehst 🙂

High (with a little help from my friends).

Dankedankedanke.

Für den schönen Tag, die tollen Überraschungen und all eure Gedanken, Worte, Taten, Freundschaft und Liebe!

(Einzelwürdigung folgt natürlich, aber nicht hier.)

Song des Tages (35).

Im Spätsommer dieses Jahres wird es fünf Jahre her sein, dass ich mich zusammen mit dem Dackelfräulein in Oskarshamn an der schwedischen Ostküste auf die große Fähre begab, die uns nach Gotland brachte.
Damals ging ich mit einer Menge Ballast an Bord: den Job gerade nach unendlich langem Anlauf gekündigt, kurz vor Abreise vom Hirntumor der Mutter in Kenntnis gesetzt worden, der Gatte völlig überraschend beruflich in der Bredouille – irgendwie das ganze Leben gefühlt im Umbruch oder sogar auf der Kippe – ich war wirklich reif für die Insel.

Und es war eine wichtige Reise für mich: allein bis dort oben zu fahren, allein auf dieser Insel unterwegs zu sein, auf die ich schon als Kind immer wollte, weil meine damalige Lieblingsserie dort gedreht wurde: Pippi Langstrumpf.
Ich habe Pippi geliebt und bewundert: wie sie allein ihr Leben stemmte, mit ihren beiden Tieren und einer Schatztruhe voller Goldmünzen, wie stark und fröhlich sie war, wie ihr immer für alles eine Lösung einfiel – und ich war in meiner Begeisterung sehr geneigt, am Papa deutliche Parallelen zu Kapitän Ephraim Langstrumpf erkennen zu wollen.

Das Original der Villa Kunterbunt steht heute noch an der Westküste Gotlands. Anschauen konnte ich sie mir damals nicht, weil der Vergnügungspark, der mittlerweile um sie herumgebaut wurde, leider (oder gottseidank: ein Horror, solche Parks) schon geschlossen hatte.
In Schweden, müssen Sie wissen, endet die Saison zeitgleich mit den schwedischen Sommerferien, also rund um den 20. August. Auf dem ja doch etwas abgelegenen Gotland hat dann außerhalb der Hauptstadt Visby fast nichts mehr geöffnet, was aber recht unerheblich ist, wenn Sie mit Hund dort herumreisen, weil Ihr Hund sowieso nahezu nirgendwo mit hineindarf, weshalb wir die Zeit auf der Insel damals auch recht autark in unserer kleinen, baufälligen Villa-Kunterbunt-Nachbildung verbrachten.

Nun werden wir Anfang September tatsächlich erneut übersetzen auf das Sylt Schwedens, diese einmalige Naturschönheit und geruhsame Sonneninsel, und zwar fast auf den Tag genau fünf Jahre später.
Diesmal von Nynäshamn aus, weil nur von dort aus die neue Flotte der Reederei ablegt, die das Dackelfräulein und mich zu dieser Reise eingeladen hat, um den Beweis anzutreten, dass Gotland auch mit Hund eine attraktive Destination sein kann (was wir gern ein zweites Mal genau unter die Lupe nehmen wollen, denn Schweden & Hund, das ist eher so ein Duo wie ich & die Stechmücke).

Der neue Luxuskreuzer hat nicht nur eine Pet-Lounge (quasi die Economy Class, wenn Sie mit Hund auf einer Fähre reisen), sondern eine Pet-Cabin (eine eigene Kabine, mit Liegegelegenheit für Frauchen & Wauwauchen), so dass wir diesmal in der Business Class und völlig unbehelligt von etwaigen seekranken Kaniden um uns herum nach Gotland hinüberschippern werden.

Es hat Monate gedauert, bis das alles im Detail geklärt war: Welcher Termin würde allen Beteiligten passen, was für Präferenzen gibt es auf unserer Seite, welche Unterkünfte kämen in Frage, welches Programm ist für Pippa geeignet, was wird alles gesponsert, was erwarten die von mir und dem Fräulein, und, nicht zu vergessen: wo ist das nächste Schwimmbad und wann hat es geöffnet?
Monate hat es auch deshalb gedauert, weil die Hamburger Agentur, die das alles im Auftrag der Reederei organisiert, gleich zu Beginn den Fehler gemacht hatte, mich explizit nach meinen Wünschen zu fragen und nach jedem Update (so reden die da) zu einer ehrlichen Rückmeldung aufzufordern (sorry, zu einem Feedback natürlich).

Mittlerweile ist die Sache im Kasten, besprochen, gebucht und meine Wünsche wurden nach einigem Hin und Her fast alle berücksichtigt (und die finale Version des Programms, die vor ein paar Tagen ins Mailpostfach flatterte, zierte die nette Überschrift Agenda for Mrs. Kraulquappe and her dog lady):

– keine Gruppenreise und überhaupt so wenig Menschen wie möglich
– die Hotels mit Grünflächen drumrum und Parkplatz davor
– Aufbruch nicht vor 9 Uhr morgens, damit Zeit für die diversen Geschäfte bleibt
– keine fettigen Mittagessen, die einem den Tag ruinieren
– Rücksichtnahme auf die gewohnten Gassizeiten des Fräuleins
– Abendessen möglichst früh und nur in Lokalen, in denen das Dackelfräulein ebenfalls willkommen ist
– stets abwechselnd einen Tag Programm und einen Tag zur freien Verfügung
– Privatführung durch die historische Altstadt von Visby inkl. Besuch eines hundefreundlichen Cafés
– Besichtigung einer Farm, auf der echte Gotlandschafe gezüchtet werden
– Baden in der legendären Blauen Lagune, je nach Temperatur nur das Fräulein oder aber wir beide
– zweitägiger Ausflug auf die Insel Fårö, auf der Ingmar Bergman gelebt und gedreht hat
– Besichtigung der Villa Kunterbunt, die die Wirkungsstätte von Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf war.

Natürlich hat der riesige Vergnügungspark, in dem die Villa steht, auch diesmal geschlossen. Ist ja wieder September und Gotland somit von allen Touristenhorden verlassen.
Weil unsere private Führerin vom Gotlands Turistbyrå aber jeden Menschen und jedes Schaf auf der Insel kennt, kommen wir da nun auch außerhalb der Öffnungszeiten hinein.
Was bedeutet: Keine doofen Wartezeiten, keine kreischenden Kinder, keine anstrengenden Menschenmassen und vor allem kein Hundeverbot, an das man sich noch halten müsste.
Das Dackelfräulein wird also als erster (und vielleicht einziger) Hund ever die Villa Kunterbunt betreten!
Wer weiß, vielleicht bekommen wir sogar noch Zutritt zu dem Wasserpark, der Teil des Vergnügungsparks ist: sieben Pools, neun Wasserrutschen und den 160 Meter langen Shark River – und das alles für uns alleine. Hey, das wär‘ mal was, oder?

Dann wär’s nämlich genauso wie in dem Lied, das ich einst als Kind immer mitgesungen habe, wenn Pippi Langstrumpf auf dem Rücken vom Kleinen Onkel durch die Wiesenhügel hinter der Stadtmauer von Visby ritt und dabei trällerte:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune
Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Gotland, wir kommen!
Und diesmal lässt du meine Hundedame in deine Cafés und Lokale rein und zwar ohne Murren und spendierst ihr die dickste Lachsforelle der Saison für die so schmähliche Behandlung bei unserem ersten Besuch…

Für mich ist das alles eine ziemlich große Sache, müssen Sie wissen, denn wenn ich fünf Jahre zurückdenke, an Gotland 1.0 im Jahre 2014, so hätte ich mir damals echt nicht träumen lassen, dass ich da je nochmal hinkommen würde, geschweige denn eines Tages als Autorin mit Hund dorthin eingeladen werde.

Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn Sie ab Ende August Zeit und Lust hätten, mich auf dieser Fahrt zu begleiten.
Für die Dauer der Reise dann nicht hier, sondern in einem anderen Blog, aber natürlich mit den altbekannten Protagonisten und Visagen: das Dackelfräulein & ich (und die Schwimmflossen & der Bruce sind selbstverständlich auch mit dabei). Statt dem ewigen Mix von Seen&Bergen bekämen Sie mal Meer&Rauken zu sehen und überhaupt so manches, was es im schönen Bayern nicht gibt.
Im Kraulquappen-Blog wird parallel Sendepause herrschen, d.h. Sie werden in Ihrem Reader oder Maileingang keinesfalls doppelt von uns beballert.
Also: Kommen Sie recht zahlreich mit uns in den hohen Norden!

Unsere Reiseadresse sowie Ihre Mitreiseformulare finden Sie rechtzeitig hier in diesem Blog.

In diesem Sinne & für heute:
God natt, sov gott och dröm sött!