Back in town.

Mittenwald (3) & Himmel der Bayern (79): Sternweißblau.

7 Uhr. Vorsichtiges, erstes Räkeln im Pensionsbett. Das Sprunggelenk schmerzt.
7:30 Uhr. Es gibt diese beneidenswerten Menschen, die ohne Frühstück schon munter und bewegungsfähig sind. Ich gehöre nicht dazu. Breze mit Butter, eine halbe Semmel mit Käse, dazu ein Ei, zwei Haferl Kaffee.
8 Uhr. Die Dusche funktioniert immer noch nicht vernünftig. Überraschende Temperaturwechsel verbrühen einem entweder die Kopfhaut oder lassen einen vor Kälte kreischen. Beschwere mich zum dritten Mal.
9 Uhr. Mit sonnencremeverklebten Fingern hänge ich das Handy nochmal ans Ladegerät und mache mir Notizen zum 30-minütigen Beratungsgespräch mit dem Juristen vom Mieterverein, das gerade hinter mir liegt. Noch zwei weitere Jahre als Mieter mit Münchner Mieteralltag, und ich kann den netten Herrn in seinem Job beerben. Danach informiere ich den Gatten über die neuesten Erkenntnisse zur Sachlage, erkundige mich nach seinem Befinden und natürlich nach dem des Dackelfräuleins. Alle sind wohlauf. Auch die Psocoptera.
10 Uhr. Rucksack gepackt. Leichteres Schuhwerk als gestern gewählt, auch kürzere Socken. Dick Kühlgel auf das Sprunggelenk geschmiert. Abmarsch. Von Mittenwald zum Lautersee, weiter zum Ferchensee, dann hinauf auf den Franzosensteig.

11 Uhr. Nächste Weggabelung erreicht. Beherzten Bergsteigern mit intakten Sprunggelenken sei hier der kleine, reizvolle, nur ca. 7-stündige Abstecher zur Oberen Wettersteinspitze empfohlen. Ich bleibe schweren Herzens auf dem Franzosensteig und steuere den Grünkopf an. 700 Höhenmeter und eine 17 km-Rundtour mit vier Stunden Gehzeit reichen mir heute ausnahmsweise.

12 Uhr. Der Franzosensteig trägt seinen Namen übrigens völlig zu recht. In weiten Teilen des Bergwalds umgestürzte Bäume, die wie ein Mikado aus Monsterbaguettes anmuten. Das erschwert den Aufstieg hie und da ziemlich. Und auf Buchenlaubschichten, so lockerluftig wie eine Mousse au chocolat, rutscht man die steilen, circonflexeartigen Kehren auch gern mal wieder hinab. Zudem säumen riesige Ameisenhaufen, die es locker mit dem Montmartre aufnehmen können, den gesamten Steig und laden definitiv nicht zum Verweilen ein. Aber wer weiß: der Franzose ist womöglich erfreut über dieses Gekrabbel, weil er das Getier gern frittiert. Ich kenn mich mit der französischen Küche nicht so aus, hab da aber noch irgendwas von bretonischer Kaldaunen im Hinterkopf. Brrrrr!

12:45 Uhr. Erstmals seit Corona unseren Planeten heimgesucht hat, bin ich wieder im Ausland: Servus Österreich, griaß di Tirol!

13 Uhr. Auf dem Gipfel des Grünkopfes ist niemand. Auch keine Schwaben. Das ist rein akustisch schon mal sehr angenehm. Die Fliegenschwärme dort oben sind lästig, aber im Vergleich zu Schwaben natürlich vollkommen harmlos. Phänomenale Aussicht: Ganz rechts das Karwendelgebirge, daneben die Soierngruppe, in der Ferne sogar der Rücken der Benediktenwand samt der Achselköpfe gut erkennbar, weiter links das Estergebirge. Wundervoll. Ich esse 4 französische Aprikosen und 4 Stückchen Schweizer Schokolade. Auch wundervoll. Ein nettes Paar aus Köln keucht kurz nach mir zum Gipfelkreuz hinauf. Das ist ein Dialekt, den ich gern höre.

14 Uhr. Abstieg zur Ederkanzel. Aus Verlegenheit lande ich schon wieder bei Schinkennudeln mit Salat, genau wie gestern auf der Brunnsteinhütte. Ich ersuche um wenig oder keinen Schinken, staune, genau wie gestern, über das Ergebnis meiner Bitte und erspare Ihnen das Bild dazu. Der Berggasthof Ederkanzel liegt zur einen Hälfte in Bayern, zur anderen in Tirol. Wegen des kosmopolitischen Feelings setze ich mich in den österreichischen Teil, allerdings unter einen bayerischen Sonnenschirm. Das wahre Highlight hier oben ist nämlich das echte Himmel-der-Bayern-Weißbier: auf eine Sternweiße von Hacker Pschorr trifft man in freier Wildbahn äußerst selten. Sie rangiert bei mir auf Platz 2 bis 3 meiner persönlichen Weißbier-Top-Five, und teilt sich diesen uneindeutigen Rang mit der Unertl-Weißen. Die Sternweiße ist bernsteinfarben und schmeckt sensationell. So wie fast alles nach gut drei Stunden Marschieren und Schwitzen echt toll schmeckt.
Einen Tisch weiter sitzen – wie könnte es anders sein? – Schwaben, zwei sogenannte rüstige Rentner. Solche, die mit E-Bikes hier raufgekommen sind. Schwaben, so denke ich, während ich ihnen zwangsweise zuhören muss, sind eigentlich genauso wie der Gatte gern die Italiener beschreibt: laut und ohne Unterlass am Labern. E-Bikes haben ja nach meinem Dafürhalten auf dem Berg nichts verloren, es ist eh schon genug los, und schauen Sie sich einfach mal an, wer auf diesen Vehikeln hockt: die, die so unsportlich sind, dass sie per pedes oder mit einem Mountainbike gar nicht mehr hinaufkämen. Das Problem: die meisten können weder lenken noch bremsen und sind auf Schotterstrecken schnell aufgeschmissen. Je nach Wegstück und Frequentierung desselben ist das brandgefährlich. Sollen sie Seilbahn fahren oder Sessellift oder – wenn es denn unbedingt sein muss – einen Kurs besuchen, wie so ein Pedelec zu bedienen ist.

15 Uhr. Es war doch noch etwas früh für ein Hopfengetränk, wie ich beim Aufstehen und Rucksackaufsetzen merke.

Sternweiße vor Brunnsteinspitze.

15:45 Uhr. Erreiche meine Unterkunft. Vor der Tür parkt immer noch der VW Caddy mit der Aufschrift „Toni Auer – Sanitär & Installationen“. Das verheißt nichts Gutes, denn der stand um 10 Uhr auch schon dort. Korrekt, die Dusche kann nach wie vor nur heiß oder kalt. Die Chefin kommt meiner vierten Beschwerde zuvor und bietet mir zur Beschwichtigung einen Gutschein für eine Bootsfahrt an. Nun gut, ich wollte eh noch an den See.

16:15 Uhr. Ich komme am Lautersee an und bin entzückt von dem Bootsverleih. Sie wissen ja, Bootsverleiher wäre einer meiner Traumjobs gewesen, wenn ich nur rechtzeitig und konsequent genug so etwas wie eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, um so richtig Karriere zu machen. Heute ist irgendwie ein gelber Tag, weshalb ich mich für Manu entscheide. Ein gelbes Tretboot, leider ohne Rutsche und Leiter, aber sonst recht flott.

 

16:23 Uhr. In Seemitte ziehe ich Badeanzug und Flossen an und lasse mich ins Wasser gleiten. Huijuijui! Sagen wir’s mal so: knapp 18 Grad sind nicht ganz meine bevorzugte Schwimmtemperatur. Schöner Bergsee hin oder her. Tapfer kraule ich ein Stück von Manu weg, drehe aber bald wieder um. Ich verschone Sie mit der Schilderung des graziösen Erklimmens des Tretboots nach dem Schwumm und bin schon gespannt auf die blauen Flecken. Blöde Bindegewebsschwäche und blöde Ungelenkigkeit. Gottseidank sieht einen keiner, so in Seemitte.
17:15 Uhr. Im Seebiergarten gönne ich mir noch ein Eis und eine Hollerschorle. Dann ist mein Tagesbudget aufgebraucht und die Wirksamkeit der LSF-30-Creme ebenfalls.
19:07 Uhr. Ich trete den Rückweg nach Mittenwald an. Der Installateurs-Caddy ist weg. Die Dusche funktioniert immer noch nicht. Das bringt mir nun mindestens einen weiteren Bootsgutschein ein, vielleicht schlage ich auch noch eine Kutschfahrt zum Schachenhaus raus. Da oben haben sie so guten Kaiserschmarrn.

Zwischen Frotteeponchos und Pressefotos: Ein Neustart.

Nach nunmehr drei Freibadbesuchen – 1x bei Nieselregen, 1x bei Sonnenschein, 1x bei Starkregen – wird es Zeit für einen Lagebericht.

Fronleichnamstag 2020.
München, Postillonstraße, Ecke Homerstraße. 9:52 Uhr.

Der Parkplatz des Lieblingsbades ist gut gefüllt, man kann sich beinahe vom Auto aus in die Schlange der Wartenden einreihen, die bei 13 Grad und leichtem Nieselregen vor dem Schwimmbadeingang stehen.

Es ist der erste Besuch in meinem Ganzjahresfreibad seit drei Monaten, eine derart lange Pause gab es in den letzten 20 Jahren nicht.
Sogleich entdecke ich einige bekannte Gesichter, man grüßt einander übertrieben freudig, nach zwölfwöchiger Abstinenz verbindet einen heute scheinbar mehr als je zuvor.
Ansonsten: ein paar Feiertagsväter mit dem Filius (oder der Filia), etliche Hardcore-Schwimmer und ebenfalls einige Pandemie-Polsterträger. Keine Teenager, keine Rentner.
Und alle haben sie zwei Dinge in der Hand: ihre Maske und ihren QR-Code (auf Papier oder auf dem Handydisplay).

Es hätte vermutlich 10 bis 15 Minuten bis zum Eingang gedauert, hätte man ein Ticket gehabt, das erst ab 10 Uhr gültig ist (der Scanner kennt da keine Gnade und lässt niemanden auch nur eine Sekunde eher hinein).
Wie Sie ja wissen, hatte ich dank des schlecht getesteten und zu früh online gestellten Buchungsportals das Glück, das Bad für den gesamten Tag gekauft zu haben, weshalb ich auf den Ruf des Türstehers hin – „Hat irgendwer ein Ticket, das schon vor 10 Uhr gilt?“ – an der Warteschlange vorbeispazieren und in die heiligen Hallen eintreten konnte.

Ab Betreten des Gebäudes herrscht für ca. 25 Meter Maskenpflicht, auf dieser Wegstrecke liegt der Kassentresen, links und rechts der gekennzeichneten Laufzone stehen die altbekannten Bademeister Spalier. Man ist sichtlich gut vorbereitet auf den großen Ansturm.

Fröhliches Gegrüße auch hier, Bruce Willis, wie ich den Lieblingsbademeister zu nennen pflege, weist mir den Weg hinaus ins Freigelände. Auch dort dann idiotensichere Beschilderung, einmal rund ums ganze Gebäude bis hinter zu den Liegewiesen und Schwimmbecken, im Freien natürlich auch wieder unmaskiert.

Re-Opening in den ehemaligen olympischen Gewässern: Noch ist wenig los.

Nur noch ein kleiner Gebäudeteil ist jetzt zugänglich, der scheußlichste leider, muffige, beigegekachelte Schulsportanlagenatmsophäre der frühen 1980er Jahre. Wenn die Sonne nicht vom Himmel lacht, darf man sich hier maskiert und im Stehen umziehen sowie seinen Rucksack ablegen. Toiletten gibt es dort auch und alle fünf Minuten saust eine Reinigungskraft durch den Flur und wischt kurz zwischen den Halbnackerten und all den Rucksäcken durch. Charmant ist anders.

Weil es nieselt und ich noch etwas fremdle mit der neuen Schwimmsportnormalität, kleide ich mich drinnen um. Ohne Haken und Ablagen ist das gar nicht so einfach, nur gut, dass ich unter Jeans und T-Shirt bereits den Badeanzug anhabe und mich daher nur ausziehen muss.
Als ich mir das Shirt über den Kopf ziehe, rutscht der Befestigungsgummi der Maske von den Ohrwaschln und der schöne FCB-MNS verfängt sich in der Kleidung.

Hinter mir schnauft und stöhnt es.
Ich drehe mich um und sehe etwas, das ich zuletzt in meiner Grundschulzeit sah: einen potthässlichen Frottee-Poncho über einer jenen Umhang optisch nur graduell an Ästhetik übertreffenden Schwimmbadbesucherin.
Sofort musste ich an Herrn Spike, einen der unermüdlichsten Kommentatoren auf dem Kraulquappen-Blog denken, der mir bereits einige Tage vor der Freibaderöffnung zur Vorbereitung auf die neuen Hygienemaßnahmen (und einen möglichen Umgang damit) folgendes Filmchen zusandte:

Ja, liebe Leserinnen und Leser, auch das ist nun wieder Teil des Schwimmbadbesuchs! Der Frottee-Poncho ist wieder auferstanden, schlappe 30-40 Jahre nach seinem Ableben, wer, außer Corona oder Bill Gates, hätte das gedacht!

Und überhaupt muss man sich gehörig umstellen, was jetzt im Freibad so alles geboten ist und wird.
Die Bahnen sind anders unterteilt, die Schwimmrichtung ist neu geregelt (zumindest theoretisch, denn praktisch haut das noch überhaupt nicht hin), Rückenschwimmer haben keine eigene Bahn mehr, Sportschwimmer nur noch eine. Guckt man den Schwimmern zu, sieht man allerhand Unsicherheiten und seltsame Überholvorgänge. Ich beobachte die paar Erstschwimmer eine Weile, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen, welche Bahn wohl für mich die beste sein könnte und wage mich in die, in der eine bekannte Badekappe beim Butterfly zu sehen ist – den kenn ich, der passt auf, der kann auch kontaktlos überholen.

Schnell noch eine Sekunden-Berieselung unter der eiskalten Außendusche (freilich hatte ich bereits morgens daheim geduscht – nicht, dass Sie denken…!) und dann geht es unter dem kritischen Blick dreier Bademeister zum Beckenrand.

Flossen an, Brille auf – und ab ins Wasser!

Foto: Catherina Hess.

Ungewohnt ist es.
Ich spüre die lange Pause, aber ebenso spüre ich das Glück des Endlich-wieder-Schwimmen-Könnens.
Nach zwei Bahnen muss ich die Brille justieren. Alles scheint ausgeleiert zu sein, nach drei Monaten Pandemie. Oder ist mein Kopf geschrumpft?

Eine Frau kniet sich hinunter zum Beckenrand, spricht mich an, stellt sich als Pressefotografin vor und fragt, ob sie mich vielleicht fotografieren dürfe. Klar, wieso nicht?
Sie ist erleichtert, weil außer mir bislang nur der Butterfly-Typ sein Einverständnis gab und sonst aber niemand abgelichtet werden will. Nun denn, ich schwimme weiter und sie knipst. Alle paar Bahnen stellt sie Fragen (wie oft schwimmen Sie üblicherweise? wie weit? welchen Stil? warum überhaupt? wie ging’s Ihnen so in den letzten Wochen? und wie isses nun?) und bevor ich mich dann zum ungestörten Weiterschwimmen verabschiede, lädt sie mich im Namen ihres Redakteurs noch auf ein Interview bei den Stadiontreppen ein.
Eine Dreiviertelstunde später – es hat zwischenzeitlich aufgehört zu nieseln und das Schwimmbecken hat seine zulässige Kapazität an Besuchern erreicht – klettere ich aus dem Wasser und begebe mich tropfend zu dem Journalisten, der dann eine Viertelstunde lang alles Mögliche fragt und notiert.

Am Tag drauf liest man sich dann zum Frühstück in der Tageszeitung , die man vor lauter Neugier etwas früher als sonst von der Fußmatte gepickt hat, und staunt ein wenig, dass ausgerechnet der Schenkelsatz zitiert wurde (und sonst nichts) und auch keines der hochdynamischen und -motivierten Fotos, die Mr. Butterfly oder mich beim Kraulen zeigen, verwendet wurde – stattdessen die Startblocks vom Sommerbecken und das Hilfsgeraffel am Beckenrand. Auch die Infos rund um die neuen Baderegeln sind nicht sauber recherchiert oder wiedergegeben. Nun ja.

Trotzdem war’s ein besonderer Tag und ein schönes erstes Mal. Und beim zweiten Mal schien sogar die Sonne!

Vom dritten Mal (heute) bei Starkregen und 11 Grad wollen wir lieber nicht reden, immerhin herrschte gähnende Leere im Becken und im beigegefliesten Flur war kein einziger Frottee-Poncho zu sehen.

Foto: Catherina Hess.

Zum Feste der leiblichen Gegenwart…

…empfehle ich Ihnen diese ebenso weltliche wie weise elfminütige Lesung von einem, den ich ausgesprochen schätze, was auch für seinen Heimatort und den dazugehörigen Biergarten mit Seeblick und Unertl-Weiße gilt.

„Das Leben muss bis zum Tod hin gelebt werden können, sonst kann der Tod nicht gestorben werden.“

Den vollen Genuss bieten nur die vollen 11 Minuten und 12 Sekunden, aber wenn’s denn unbedingt die Instant-Version sein muss, weil sie gerade fronleichnamsprozessieren oder sonstwo herummarschieren an diesem Feiertag, dann hören Sie sich in Gottes Namen erstmal nur den Epilog an (ab 8:54).

Für heute will ich’s dabei belassen, der erste Schwimmausflug – so wunderbar er auch war, und so leiblich ich mich durch ihn auch endlich wieder in der Gegenwart verankern konnte – steckt mir noch ein wenig in den Oberarmmuskeln.

Genauere Berichterstattung folgt, sobald ich von der lokalen Pressefotografin das Bildmaterial erhalten habe und sofern ich darauf halbwegs chlorreich aussehe bei meinen ersten Schwimmzügen nach fast drei Monaten.

Scherz! Oder nicht?
Warten Sie’s ab.

Kaufen Sie ein Bad!

Wie Sie ja vielleicht eh schon an dem aktualisierten Dive-In-Day-Countdown auf der Startseite meines Blogs gesehen haben: Das große Re-Opening des Lieblingsbades wurde nochmal um drei Tage verschoben.
Auf Fronleichnam, d.h. auf Donnerstag, den 11. Juni.

Als Grund wurde das Wetter vorgeschoben: von Montag bis Mittwoch sei es im schönen Bayernland leider zu regnerisch, deshalb eröffne man nun lieber erst drei Tage später. Hä?
Alles Mumpitz!
Der wahre Grund, Sie ahnen es eh: Bill Gates, der ja bekanntlich das Wetter unter Kontrolle hat, konnte Markus Söder, der ja bekanntlich Bayern unter Kontrolle hat, nicht rechtzeitig eine geeignete Software zuspielen, die dem schwimmenden Bayernvolke die Online-Reservierung seiner Schwimmbadeintritte erlaubt hätte.

Weil das aber niemand so offen zugeben wollte, schon gar nicht Markus Söder, der ja gerade einen sensationellen Lauf hat (um nicht zu sagen: das Momentum seiner Karriere) und sich das durch keinerlei Schlingern oder Stolpern verhunzen will, schon gar nicht durch etwas so Überflüssiges wie der popligen Freibadsaison im Freistaate, hat Bill kurzerhand seinem Kumpel Markus ein Tief nach Süddeutschland geschickt, das es den Bäderbetrieben ermöglicht hat, die abermals vertagte Wiedereröffnung der Schwimmbäder auf das schlechte Wetter zu schieben.
Speziell im Falle meines Lieblingsbades ist das allerdings ein ausgesprochen schwaches Argument, da das Bad, das ja ein Ganzjahresfreibad ist, seine Pforten in den letzten 20 Jahren kein einziges Mal wegen einer meteorologischen Lächerlichkeit wie „13 Grad & leichte Schauerneigung“ geschlossen hatte.
Das neue Online-Reservierungssystem wurde von den Stadtwerken also für den morgigen Mittwoch, für den Bill Gates der Deutsche Wetterdienst 15 Grad vorhergesagt hat, angekündigt.

Weil ich dem Braten nicht traue und mich in den vergangenen 10 Tagen eh längst dran gewöhnt habe, dreimal täglich auf die entsprechende Seite der Stadtwerke, auf der die News zu den Münchner Bädern veröffentlicht werden, zu gucken, staune ich heute Morgen nicht schlecht, als ich das bereits am heutigen Dienstag freigeschaltete Buchungssystem entdecke.
Sakkradi, da san’s aba flott gwen, die Diwellopper aus Minga!

Ganze Arbeit, das muss man der IT-Abteilung der SWM wirklich lassen!
Und so anwenderfreundlich gestaltet und erklärt! Da haben die echt gut dran getan, dass sie die Regentage noch für letzte Testdurchläufe und Feinschliff an der Anwendung genutzt haben, anstatt das Ding halbfertig auf den Kunden loszulassen, wie das ja leider viel zu oft passiert. Vorbildlich!

Ich zögere keine Sekunde und kaufe sofort das gesamte Bad.
Natürlich nicht für einen alten Tag, sondern für einen neuen, denn das will ich mir nach den drei echt harten Monaten fern der chlorreichen Fluten schon gönnen!

Zwar muss man bei der Reservierung zwingend ein Zeitfenster (im User-Guide „Terminnummer“ genannt) eingeben, aber bei der finalen Bestätigung, die einem das System per Mail zukommen lässt, nachdem man den Buchungsvorgang nur schlappe 3x in Folge abzuschließen versucht hat, ist keine Rede mehr von dem zuvor ausgewählten Zeitfenster, sondern es wird einem – wie ja auch schon im Guide angekündigt – der Kauf des gesamten Bades bestätigt.

Für 15,5 Stunden habe ich übermorgen Zugang – und das für lächerliche 4,50€, da kann man nu wirklich nicht meckern.
Mit zwei bis drei Pipipausen (die WCs haben ja – im Unterschied zu Duschen und Umkleiden – geöffnet) und den Umziehzeiten bringe ich es da locker auf 26 Kilometer, womit in einem Rutsch ca. fünfeinhalb verpasste Schwimmwochen nachgeholt wären, und wenn ich das 3x so praktiziere, was kein Problem sein sollte, da ich das Bad ja nun gekauft habe, hab ich die Pandemie-Pause streckenmäßig und muskulär locker wieder reingeholt.

Kurz nachdem ich meinen ersten QR-Code erhalten habe, ist der Link zum Online-Buchungssystem plötzlich verschwunden. Das stelle ich nur deshalb fest, weil ich mir als frischgebackene Badeigentümerin gleich noch den zweiten Tag reservieren wollte, die wollen sich dort ja schließlich auf meine Besuche einstellen.
Das gibt es doch nicht!
Das Reservierungssystem ist wie vom Erdboden verschluckt!
Ich überprüfe das parallel zur enervierenden Arbeit an der Steuererklärung im Laufe des Vormittags noch mehrfach – aber Tatsache: der Link taucht nicht mehr auf, bis jetzt nicht.

Daraus folgere ich messerscharf, dass das mit dem Kauf des Bades nicht der Hauch von Kundenverarsche war, sondern ich am Donnerstag die einzige Besucherin in meinem (!) frisch rausgeputzten und endlich wiedereröffneten Freibad sein werde.
Dass die Umkleiden zu sind, kann mir dann ja auch wurscht sein.
Traumhaft! Social distancing vom Feinsten!

Mein Tipp für Sie: Falls morgen Früh dann das Schyrenbad, das Prinze und die Georgenschwaige zum Verkauf stehen, womit zu rechnen ist, da der Launch für das Buchungsportal ja offiziell für Mittwoch angekündigt war, seien Sie fix und sichern Sie sich mit nur wenigen Mausklicks diese sensationellen Schnäppchen.

Und wenn Sie das Schyrenbad erwerben sollten, geben Sie doch bitte unbedingt Bescheid.
Denn dann könnten wir mal tauschen: Sie für einen Tag in mein Dantebad, ich in Ihr Schyrenbad.
Ein bisschen Abwechslung schadet ja nicht bei diesen 15-stündigen Schwimmmarathons.

Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

Schwimmen kann man nicht hamstern.

Von Langeweile konnte in den vergangenen Tagen keine Rede sein, von Corona-Koller auch nicht. Wir waren zwar in häuslicher Quarantäne, aber nicht viral bedingt, sondern wegen einer post-sanitären Belastungsstörung.

Nach 14 (!) Stunden Putzen und Werkeln in unserer Wohnung, die wir am Samstagnachmittag nach knapp zwei Wochen Badumbau und Sanierungsarbeiten endlich wieder betreten konnten, stand ich heute Morgen mit Ganzkörperschmerzen auf.

Lolek und seine Gang haben zwar großartig gearbeitet, ein feines neues Bad eingebaut und die vielen gelben Flecken von den beiden Wasserschäden (dem kleinen im November und dem großen Anfang Februar) beseitigt, aber leider hat das feinstaubige Gewerkel trotz versiegelter Räume überallhin gestaubt, sogar bis in Schubladen und Schränke hinein.

Und trotz größter polnischer Sorgfalt passen ein paar Dinge noch nicht: aus dem Kaltwasserzulauf tropft es ein bisserl, ein Fallrohr wurde nicht lackiert, beim Betätigen der neuen Deckenleuchte haut’s den FI-Schalter raus und an manchen Stellen muss malerisch noch nachgearbeitet werden. Wird nochmal ein paar Handwerkertermine bescheren und zuvor etliche Telefonate und Emails.

Am Donnerstag kommt dann hoffentlich derselbe Mensch von der Wasserschadensanierungsfirma vorbei, der hier vor fast zwei Monaten, am Tag nachdem das Wasser aus den Decken und Wänden geschossen war, die gesamten Kammerregale demontiert hat, um alles wieder einzubauen.

Die 14 Stunden Wohnungsreinigung, Möbelrücken und Einräumen sind freilich noch nicht das Ende der Fahnenstange, es drohen nochmal schätzungsweise 4 bis 5 Stunden Arbeit, aber heute Vormittag wollte ich erstmal pausieren und meinen geschundenen Körper beim Schwimmen lockern, zumal es die letzte mögliche Lockerung auf diese so geliebte Art und Weise für Wochen (!) sein wird, denn morgen schließen die Münchner Schwimmbäder.

Damit hat die Coronakrise nun auch mich an einem neuralgischen Punkt erwischt. Denn auch für jeden, der nicht zu einer Risikogruppe gehört, kommt ja früher oder später dieser Punkt: der eine jammert, weil er am Wochenende nicht mehr Party machen kann, der andere, weil alle kulturellen Institutionen ihre Pforten schließen, wieder ein anderer, weil der Urlaub ins Wasser fällt oder gar nicht erst gebucht werden kann, der nächste, weil sich die Familie nun intensiver auf der Pelle hockt als sonst usw. – und mir persönlich setzt halt eine Schwimmbadschließung am meisten zu.

Seit 20 Jahren schwimme ich nun regelmäßig, seit 15 Jahren etwas ambitionierter. Die längste Schwimmbadabstinenz, die ich je hinnehmen musste, war eine dreiwöchige Pause wegen einer Meniskus-Operation, und ich glaube, selbst da habe ich gegen Ende noch getrickst und bin schon nach 17 Tagen wieder ins Wasser gestiegen.
Bereits eine Woche ohne Wasser setzt mir zu, da fehlt mir was ganz Existenzielles, eben diese für mich so wohltuende Weise der körperlichen Betätigung und nur wenn ich stattdessen die Berge vor der Nase habe (bzw. unter den Füßen spüre), ist ein Schwimmentzug vielleicht auch mal zwei Wochen zu verkraften.

Nun werden es, wenn es dumm läuft (und so wird es laufen, wenn nicht sogar noch dümmer), 5 Wochen. In Worten: fünf!
Noch kann man tageweise in die Berge fahren, wer weiß, wie lange diese Kompensation noch zulässig ist oder ob uns nicht auch demnächst italienische oder österreichische Verhältnisse bevorstehen und man nur noch aus drei Gründen die Wohnung verlassen darf.

So steige ich heute Mittag beinahe mit Andacht ins Wasser. Schwimme meine vorerst letzten 2.000 Meter mit großer Demut und mit herrlicher Frühlingssonne auf dem Rücken oder im Gesicht – je nach Lage eben.
Demut, weil mir beim Bahnenziehen so bewusst wird, wie unglaublich selbstverständlich das alles für uns ist: einzukaufen, was einem fehlt und/oder worauf man Lust hat, zu treffen, wen man treffen möchte, hinzufahren und einzukehren, wo und wann immer man will, Konzerte zu besuchen, ins Theater zu gehen, Sport zu treiben, so oft es einem gut tut, und so vieles mehr – je nach zeitlichen, gesundheitlichen und finanziellen Möglichkeiten zwar, aber dennoch mit einem recht hohen Maß an persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Schwimmen kann man nicht hamstern. Es ist unmöglich, heute auf Vorrat zu schwimmen, z.B. 25 Kilometer am Stück, damit es bis Mitte April (oder bis wann auch immer) vorhält und man davon zehren könnte, so wie es denjenigen vergönnt ist, die den gesamten Bestand an Klopapier, Seife, Nudeln, Mehl und Tomatensaucen der Ludwigsvorstadt aufgekauft haben.
Die können sich diese Errungenschaften nun – obwohl die Geschäfte weiterhin geöffnet haben werden (sogar noch länger als bisher) – hübsch einteilen für die kommenden Wochen und sich daheim ganze Iglus aus Klorollen und Tomatendosen bauen, drumrum eine Mauer aus Nudeln und Mehl errichten und diesen Wall, damit er auch schön fest zusammenbappt, mit literweise Flüssigseife angießen.

Als ich aus dem Becken steige, winken mir manche Schwimmer zu, man kennt einander ja hier, zumindest die, die ständig herkommen.
Ein paar wenige sprechen mich sogar an. Es ist aber nicht dieses fröhliche „Bis bald!“, das man sich vor der 11-tägigen Revisionsschließung, die jährlich einmal ansteht, zuruft oder das üblicherweise den Übergang von der Sommeröffnungszeit zum Winterbetrieb markiert.
Sondern wir sagen heute zum Abschied Dinge wie „Bleib gesund!“, „Wird schon rumgehen!“ oder „Steh’s gut durch!“ zueinander und dann geht jeder ein letztes Mal duschen und danach seiner Wege.

Nachmittags gehe ich Einkaufen. Seit der Wasserschaden uns die Kammer genommen hat, haben wir so gut wie keine Vorräte mehr zuhause, weil wir ja keine Regale mehr hatten, um sie irgendwo aufzubewahren. Bevor die Bauarbeiten begannen, haben wir das meiste aufgebraucht, damit hier möglichst wenig herumstand oder wegzuräumen war.

Das wird uns nun zum Verhängnis.
Wir brauchen dringend Lebensmittel, Kaffee, Getränke, Waschpulver, Seife, Taschentücher und Klopapier. Die ersten vier Sachen lassen sich mit etwas Mühe noch ergattern, die übrigen drei sind in allen (!) Geschäften ausverkauft.
Man hatte ja in der Zeitung davon gelesen, aber wenn man’s dann mit eigenen Augen und noch dazu in fünf verschiedenen Läden sieht, ist es doch nochmal anders.
Noch idiotischer, noch absurder.

Bei DM beschlagnahmt das Personal etliche Windelpakete, die eine junge Mutter in ihrem Einkaufswagen aufgetürmt hat – niemand darf mehr hamstern und mehr als eine „haushaltsübliche Menge“ mitnehmen.

Bei Edeka bricht eine junge Dame vor dem leergefegten Nudelregal in Tränen aus, ein älteres Paar räumt derweil völlig ungerührt von dem Geheule seinen Wagen mit irgendwelchen Konserven voll („Lass uns einfach alle mitnehmen, ist ja eh keine Auswahl mehr da!“).
In der Apotheke kauft ein besorgter Familienvater eine solch perverse Menge Hustenlöser auf Vorrat, mit dem das ganze Viertel unter gelöstem Schleim begraben werden könnte.
Beim Pfister lässt sich eine eigentlich intelligent aussehende Frau sage und schreibe 8 große Viertel Brot schneiden und einfrierfertig verpacken.
Im Biomarkt gähnt einen dort, wo sonst die Nudeln und Tomatensaucen stehen, ein leerer Flur an – nur die brettharten, gesunden, wenig wohlschmeckenden Vollkorn-Lasagneblätter sind noch zu haben und ein paar Pseudo-Nudel-Produkte, die auch keiner kaufen will (vielleicht liegt’s ja daran, dass auf manchen Schachteln „original italienisch“ steht).

Nach meiner Tour des Staunens komme ich ohne Klopapier, Taschentücher und Seife nachhause und informiere sogleich den Gatten über unsere Restbestände: nur noch die Seife, die in Gebrauch ist, noch 6 Päckchen Taschentücher, noch 2 Rollen Toilettenpapier.
Bis zum Wochenende dürfte das reichen, wenn keiner Durchfall, Schnupfen oder einen Waschzwang bekommt, danach wird’s kritisch.

Ich presse, wie fast an jedem Tag zwischen November und April, noch drei Orangen für uns aus, beschließe, dass wir zusätzlich ja mal für zwei Wochen noch ein Breitbandvitaminikum einwerfen können und bringe dem Gatten sein Gläschchen samt Pille an den Schreibtisch.
Er nimmt einen großen Schluck, stellt das Glas wieder ab, entdeckt in dem Moment die längliche, blaue Tablette und guckt mich fragend an.

Was das denn jetzt um alles in der Welt sei, will er wissen. Was ich denn vorhätte mit ihm. Ob wir nun länger in Quarantäne gingen. Oder gar Ausgangssperre drohe.
Ich muss schließlich die Originalpackung herzeigen, um meine lauteren Absichten zu beweisen.

Abends dann noch eine Henkersmahlzeit im Lokal ums Eck, vor allem, um ein bisschen Haushaltsenergie aufzusparen, die man noch für die Baustellenreinigung braucht.
Kochen wird man ab morgen, wenn die Putzorgie beendet ist, ohnehin wieder täglich.

Das Restaurant fast leer, die Tische mit Sicherheitsabstand neu angeordnet, nur noch ein paar Gerichte auf der Karte. Am Dienstag machen sie die Schotten dicht.

Ab morgen also ein neuer Alltag in unserer Stadt.
Ein eingeschränkter, ein so noch nie dagewesener.
Mal schauen, wie das wird.

Vermutlich weit weniger schlimm als viele befürchten.
Ich verspüre weder Angst noch Anflüge von Panik, sondern sehe das eher als eine Art (Zwangs-)Pause vom Gewohnten und von der permanenten Verfügbarkeit des immer üppig gefüllten, großen Konsumbuffets.
Eine Zwangspause, die ein paar Umstellungen, Herausforderungen und Umstände mit sich bringt, die aber auch ein paar Chancen birgt.
Die Chance, die vielen Selbstverständlichkeiten des eigenen Lebensstils zu reflektieren.
Die Chance, kreativ zu werden, weil es nun drum geht, Dinge mal anders anzupacken als man’s sonst immer tut.
Die Chance für eine andere Art des Miteinanders, für neue Netzwerken und Synergien.

In diesem Sinne werde ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich gegen Ende der Woche – bis dahin dürfte die Lage noch nicht prekär geworden sein – um Hilfe bitten.
Sollte das Toilettenpapier dann immer noch in allen Geschäften meiner näheren Umgebung vergriffen sein, hoffe ich, dass Sie mich nicht hängenlassen und mir ein Röllchen rüberschicken (bitte unbedingt dreilagiges und nach Möglichkeit ohne farbigen Aufdruck). Dasselbe gilt für Taschentücher (Marke egal, aber gern welche, die waschmaschinenfest sind: wir sind leider schon in dem Alter, in dem selbst die dreifache Kontrolle der Hosentaschen vor der Wäsche nicht immer zuverlässig funktioniert).

Ich revanchiere mich natürlich und könnte z.B. Ihren Hund zu Spaziergängen mitnehmen, Ihnen etwas Selbstgekochtes vorbeibringen, Ihnen bei der Planung der nächsten Bergtour zur Hand gehen, Ihnen etwas vorlesen oder Ihnen bei unangenehmer Korrespondenz mit Ihrem Reiseveranstalter/Arbeitgeber/Vermieter/Internetanbieter/Versicherungsagenten/Handwerker/Autohändler behilflich sein.

Geben Sie einfach Bescheid, wo der Schuh drückt – für eine Rolle Happy End bin ich ab Freitag zu vielem bereit.
Gute Nacht aus München wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

München sperrt zu – wir sperren auf!

Erster Tag zurück in der Stadt – und schon überschlagen sich die schlechten Nachrichten quasi im Stundentakt:

Draußen: Wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Lieblingsschwimmbad zusperrt?! Zefix!

Drinnen: Die maßangefertigte Duschtrennwand wurde in den falschen Maßen geliefert und passt also nicht, wie Lolek heute beim Montageversuch feststellte. F***!!!

Eine coronare Lithotripsie, die all diese Unbilden effizient wegpusten könnte, ist derzeit nicht in Sicht.
Wie dem auch sei: morgen Mittag verlassen wir das Hotel und ziehen wieder in unsere Wohnung ein. Lolek lässt um 13 Uhr die Bohrmaschine sinken und schleppt die letzten Säcke Bauschutt aus dem Haus.

Sollte eine Ausgangssperre verhängt werden, möchte man ja doch lieber in den eigenen vier Wänden sein. Wo wir aber sowieso in den nächsten Tagen wären, weil die Mega-Baustelle ja ein gerüttelt Maß an Dreck hinterlassen hat und das wird dauern, bis wir das beseitigt haben.

Bis wir damit durch sind, wird die Stadtverwaltung direkt vor unserer Haustür den zweiten großen Drive-in für Corona-Tests eingerichtet haben. Muss man die Morgengassiroute wohl ein bisserl verlegen, um den hustenden Schlangen nicht zu nahe zu kommen.

Man sieht und hört nichts anderes mehr als dieses C-Wort.
Spürt ein erstes Kratzen im Hals und kommt tatsächlich ganz kurz ins Grübeln. Nimmt lieber das Auto als die U-Bahn. Wäscht sich nach dem Verlassen der Schwimmbadumkleide plötzlich die Hände.

Seit den Nachmittagsstunden habe ich so gut es geht auf selektive Wahrnehmung umgeschaltet. Versuche, zwischendurch auch mal gezielt Anderes wahrzunehmen und den erfreulichen Momenten die ihnen gebührende Beachtung zu schenken.

Draußen: Eine der wenigen harmlosen Meldungen der heutigen Tagespresse.

Drinnen: Lolek & Bolek, die dauergutgelaunten Polen im sanitären Endspurt.

Dieses Bild ist mein persönliches Highlight des Tages: so hoffnungsfroh, so heiter, so zukunftsweisend! Yeah!

Oder doch dieses hier?

Ganz im Hier und Jetzt ruhend.

Süße Tierfotos, selbst wenn sie unerlaubterweise in Hotelbetten liegende Tiere zeigen, sind ja immer Labsal fürs angefledderte Nervenkostüm.

Gute Nacht aus der Lindwurmstraße – und bleiben Sie gesund und munter!

Im Hechtsprung.

Als Bruce Willis, wie ich meinen Lieblingsbademeister zu nennen pflege, erfährt, dass ich heute nicht nur als Kraulquappe, sondern vor allem als Wasserschaden- und Baustellen-Flüchtling hergekommen bin, hat er sofort Mitleid und schenkt mir einen Saunaeintritt ohne Zeitlimit. Ich verbringe also spontan den Großteil des Tages im Schwimmbad und der Sauna, beides relativ coronaleer.

Durchs Kneippbecken der Sauna-Außenanlagen watend rufe ich am frühen Nachmittag Lolek zurück, der schon 2x angerufen hatte, während ich meine 40 Bahnen zog. Es geht um die neue Leitung, die er legt, damit wir künftig im Bad nicht nur eine Lichtquelle haben. Er fragt, ich entscheide. Immer schnell, praxisnah und zielführend, diese Unterredungen mit ihm. Wunderbar.

Später schickt er noch eine Whatsapp, um die Ankunft eines Paketes zu melden. Inklusive Foto von dem Karton (der winzig ist), um sich den Scherz erlauben zu können, dass das vermutlich nicht die neue Duschtrennwand sei (die bestellt ist und diese Woche eintreffen muss, wovon ich Lolek in Kenntnis gesetzt hatte, da er das riesige Trumm ja annehmen muss, wenn ich nicht daheim bin). Ich antworte nur mit einem Smiley (und verkneife mir die Anmerkung, dass er mit seiner Annahme völlig richtig liegt und sich in dem kleinen Päckchen mein neuer Sport-BH verbirgt).

Nach 10 Stunden Schuften immer noch zu Scherzen aufgelegt, der Lolek. Mögen sein Karma und seine Robustheit tief in den Estrich des neuen Badezimmers einsickern! Darauf stoße ich nach einem langen Tag im Schwimmbad gerade mit mir selbst an, mit Blick aufs Sportbecken im „Hechtsprung“ sitzend, wie die dem Bad angegliederte Kneipe heißt, und warte auf mein Nudelgericht.

Derweil am Tegernsee der Gatte seine allererste alleinige Bergtour mit dem Dackelfräulein unternommen hat. Wurde ja auch mal Zeit, nach acht Jahren. Nebenbei beschert ihm das ungewohnt intensive Zusammensein mit seinem alten Schwiegervater auch andere, neue Erfahrungen wie beispielsweise das überraschende Erkennen genetischer (oder ansozialisierter) Kausalitäten mancher, bislang noch nie begriffener Verhaltensweisen seiner Angetrauten (also mir).

Hat er sich jahrelang gewundert, dass oft schon Stunden vor dem eigentlichen Beginn des Kochens alle Zutaten fein säuberlich geputzt, geschnippelt und auf Schälchen verteilt in der Küche oder im Kühlschrank bereitstehen und ihrer Verarbeitung harren – und nun sieht er endlich mal, wo’s herkommt, diese Pedanterie de la cuisine! Und gleich ist klar, dass ich da schlicht nix dafür kann, sondern das halt schon mit der Vatermilch aufgenommen habe, diese planvolle Alltagsorganisation.

Es scheint jedenfalls gut zu laufen, dort im Ausweichquartier am Fuße des Wallbergs. Sehr schön. Alles in allem lässt sich die Zeit der Bauarbeiten offensichtlich reibungslos an und allmählich keimt Hoffnung in mir auf, dass das feuchte, laute erste Quartal 2020 zumindest glatt noch ein trockenes, generalsaniertes und glänzendes Ende finden könnte.

Jetzt trink ich mein Feierabendbier aus, steig in die U-Bahn und guck mir daheim mal Loleks Tagwerk an.

Laura ist wieder nackt oder: Are you lonesome tonight?

Man kann ja dieser Tage kaum noch einen Schritt tun, ohne von dem Coronagedöns terrorisiert zu werden. Das Virus ist nahezu überall präsent, dabei hat die BILD München doch schon einen Plan, wie der Krise beizukommen ist: Laura soll sich wieder nackig machen. Dann wird alles gut und unser Land die Epidemie überstehen.

Sie hat das anscheinend auch gleich getan, die Laura (warum haben sie eigentlich keine Corin(n)a auftreiben können für diese Aktion, fragt man sich), wie man auf dem Titelblatt sieht.

Ich tat es ihr gleich und ging zum Schwimmen. Ein sehr schönes Sportstündchen heute, denn das Lieblingsbad ist krass leer.
Kein Wunder, sagt der Bademeister, denn jeder Zweite wäre verunsichert, ob das Virus einem nicht beim Luftholen (was ja knapp über der Wasseroberfläche stattfindet) in den Rachen oder beim Tauchen in die Nüstern geraten könne.
Die Belegschaft überlegt daher, ein Schild neben dem Kassentresen aufzustellen, um den besorgten Schwimmbadbesucher zu informieren, dass im Becken keinerlei Gefahr bestünde, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, allein der Chlorgehalt (aber auch andere Faktoren) verhindere dies. Bis die Stadtwerke diesem Schild zugestimmt haben, wird sich die Kassiererin weiterhin den Mund fusselig reden.

In der Schwimmbadumkleide stehe ich in Unterwäsche vor der großen Spiegelfront, um meine Haare trockenzupusten. Das Licht dort ist so grell (und erbarmungslos: nirgends habe ich so viele Falten und graue Haare wie vor dem verdammten Spiegel in der Schwimmbadumkleide) und ein paar Dachfenster sind so ungünstig gekippt, dass ich zur Pollensaison regelmäßig Niesanfälle bekomme, wenn ich mich an diesem Fleck länger als 2 Sekunden aufhalte. 15x hintereinander sind keine Seltenheit, neben der herumfliegenden Hasel befeuert der Lichtreiz das Ganze zusätzlich.

Hinter mir kräht ein kleines Mädchen, das das Geschniefe mitbekommt, weil man es gar nicht nicht mitbekommen kann, entsetzt: „Du, Mama, hat die Frau da vorn Corona?“
Der Mutter ist das peinlich, sie beschwichtigt die Tochter, nimmt sie beiseite und ermahnt sie, nicht so laut zu sprechen.
Ich drehe mich mit triefenden Augen und laufender Nase zu der Kleinen um und sage: „Keine Sorge, die Frau hat nur Heuschnupfen.“

Apropos Herumrotzen. Gestern Nachmittag beiläufig mein persönliches Wort der Woche entdeckt, in einem erfreulich informativen und sachlichen Beitrag der ZEIT zum Coronagedöns, den mein geschätzter Blogkollege Bernd kurz nach Erscheinen gepostet hatte: Niesetikette.

Niesetikette! Ist das nicht großartig? Sprechen Sie’s dreimal hintereinander laut und deutlich aus, spätestens dann werden Sie es lieben!
Ich war jedenfalls sofort völlig aus dem Häuschen und klickte alle weiterführenden Links in dem Artikel an, die dieses sprachliche Kleinod näher illustrierten.
So auch jenen, der zu einem Filmchen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führte, das mir das ganz genau erläuterte, was es mit der Niesetikette auf sich hat:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie dieses putzige Rotz-Tutorial angucken – ich für meinen Teil muss zugeben, dass ich davon noch so manches (*hüstelhüstel* – natürlich auch dies nur noch hinter vorgehaltener Hand oder in die Armbeuge hinein oder wie hier: virtuell und damit automatisch mit gebührendem Abstand zu Ihnen) lernen kann. Ich stamme nämlich leider aus einer Familie der hemmungslosen Lautnieser und Taschentuchtrompeter und bin auch mit einem Gleichgenossenen (oder -geniesten?) verheiratet.

Anderes, das mir das Filmchen verklickern will, habe ich aber schon längst gewusst:
1. Zum ersten Date lässt man sich abholen oder gurkt zumindest nicht mit dem Bus dorthin, weil man sich in dem kurzen Röckchen beim Warten an der Haltestelle verkühlen könnte und außerdem auch nicht Gefahr laufen möchte, unterwegs den ollen Ex-Freund mit seinem neuen blonden Gspusi zu treffen, das verhagelt einem ja gleich die Laune.
2. Dem neuen Typen bringt man beim ersten Date doch keine so überdimensionierte Präsentbox mit, schon gar nicht, wenn der Bursche seinerseits nur eine dürftige Rose besorgt hat (sofern die nicht eh eine vom Restaurant gestellte Deko war), eine selbstgebrannte CD tut’s auch und wäre gleich ein erster Lackmustest, ob man sich denn nicht nur was zu sagen, sondern auch gemeinsam was zu hören hat.

Wobei, wie mir gerade einfällt, das mit der selbstgebrannten CD auch ziemlich schiefgehen kann, also der Lackmustest gar kein solcher ist, sondern nur eine fiese Falle (und in dem Sinne dann aber ein Hardcore-Lackmustest), wie es mir zu Studienzeiten mal passiert ist.
Da überreichte mir der attraktive M. beim ersten richtigen Ausgehen (Würzburger Weinlokal mit Schummerlicht) eine CD, hübsch eingepackt, und fixierte mich mit neugierigem Blick während ich das Ding auswickeln sollte, um auch ja meine Erstreaktion haarklein mitzubekommen, total unangenehm war das, ich hasse es, wenn man mich beim Geschenkeauspacken so anstarrt, es macht einen so unfrei, erzeugt so einen Freu-Druck, zumindest, wenn man einander noch nicht jahrelang und gut kennt.
Und tja, was soll ich sagen?!? Prompt ging das auch schief.
Mir fiel nämlich justament die Kinnlade runter als ich das Papier entfernt hatte und eine Compilation der größten Hits von Chris de Burgh in Händen hielt. Und eine verräterische Röte stieg mir auch noch ins Gesicht, weil ja in dem Moment sonnenklar war, dass das nichts werden würde mit uns zwei Hübschen, trotz aller damaligen Hübschheit, denn alles an und in mir war mit Chris de Burgh absolut inkompatibel, aber vor mir saß der attraktive M. und strahlte mich im Kerzenlicht so schön an und wartete auf meine Reaktion, auf ein Zeichen der Rührung und Freude.
Herrje, war das gräßlich, ich stammelte irgendwas, um Zeit zu gewinnen für die Konstruktion eines halbwegs passenden, sozialverträglichen Satzes, da sah ich, dass M. immer noch strahlte und zugleich komisch verkniffen und verkrampft um die Mundpartie wirkte, was meine Augen sogleich genauer untersuchten, weil dieser seltsame Zug um die Lippen ganz untypisch war für M., den ich immerhin schon ein ganzes Semester lang gründlich beobachtet hatte, und dann konnte M. nicht mehr und seine Mimik lockerte sich, der Krampf um den Mund löste sich und er brach in schallendes Gelächter aus.
Weil er natürlich gewusst hatte, dass mich der Schlag träfe, wenn er mir eine CD von Chris de Burgh schenken würde, und mich aber genau damit auf die Probe stellen wollte, um sich daran zu ergötzen, wie wohl eine, die neben dem Boss nur noch Dylan und Waits ähnlich exzessiv hörte, mit der Schmalzmucke von Chris, dieser harmlosen Heulboje mit den Waigel-Augenbrauen und dem Schulbubenpony, umginge. Würde sie ihm Begeisterung vorheucheln? Würde sie sich irgendwie aus der Sache rauswinden, und wenn ja, wie? Oder würde sie die CD auf den Tisch knallen, ihre Serviette obendrauf schmeißen, aufstehen und gehen?

Nun, so weit kam es nicht.
Eben weil M. schon vorher vor Lachen platzte. Und dann in seinen Rucksack griff und zwei weitere Päckchen hervorholte: 1x Dylan und 1x Elvis.
Großartig, beides. Wir haben nächtelang Karaoke-Singen zu der zweiten CD veranstaltet und viele Bocksbeutel dazu geleert. Ich sehe M. noch vor der geöffneten Balkontür stehen und diese göttliche Sprechpassage aus „Are you lonesome tonight“ in die Nacht hinaus schmettern, Sie wissen schon, die, die so beginnt: „I wonder if you’re lonesome tonight, you know someone said that the world’s a stage and each of us must play a part…“
Ein Paar wurden wir übrigens nie, obwohl es vor allem vom Humor und auch vom Gesang her durchaus gepasst hätte.

Haben Sie einen guten Start ins Wochenende – und falls Sie Pollenallergiker sind: werfen Sie unbedingt genug Antihistaminika ein, damit Sie nicht für einen Corona-Infizierten gehalten werden, sich die Menschen also nicht unnötig von Ihnen abwenden oder kleine Kinder sich vor Ihnen ekeln.

Is your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?