Flüssiges Gold.

Stelle dich dem Regen entgegen, lass die eisernen Strahlen dich durchdringen, gleite in dem Wasser, das dich fortschwemmen will, aber bleibe doch, erwarte so aufrecht die plötzlich und endlos einströmende Sonne.

(Franz Kafka, Tagebücher.)

Ein Prosit der Beweglichkeit!

Worrying about your little world falling apart.

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Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

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Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

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Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

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Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

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You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

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(This one’s for you, S.)

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Bright spots.

Schöne Aussichten tun sich auf und verschwinden ebenso plötzlich.
Gefrieren in weißgrauer Kälte über Nacht zur Erinnerung.
Oder nehmen – gerade noch im Fluss und voller Dynamik – während ihres langsamen Zerrinnens die Gestalt eines Eiszapfens an.

So warten wir aufs Frühjahr, wenn es wieder zu tauen und zu fließen beginnt, wenn Temperatur und Licht den Widerfahrnissen einen anderen Anstrich geben.

Ein jahreszeitlich passendes Zitat aus dem ZEIT-Magazin fällt mir da ein:

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Immerhin doch drei gute Gefühle/Zustände in dieser Woche:
1. die Heimfahrt mit Musik
2. ins Wasser eintauchen und schwimmen
3. die warme Mahlzeit samt kühlem Hopfengetränk

[Höre plötzlich die längst verblichene Mutter, wie sie zu sagen pflegte: „Hopfen ist gut für die Nerven, heiße Milch mit Honig ist gut für den Schlaf, Lindenblütentee ist gut gegen Erkältung“ – nur Ersteres konnte ich ohne Würgereiz an- und übernehmen.]

*****

Heimat, das ist dort, wo sich der Anblick eines am Straßenrand vorbeihuschenden Landkreis-Schildes (durch Witterung und abblätternde Farbes so verblichen wirkend) anfühlt wie ein warmes, beruhigendes Streicheln über deine müden, geröteten Wangen.

Du passierst diese unsichtbare Grenze, durchbrichst die äußerste Schicht deiner Zwiebel, spürst sofort den Trost im Schoße dieser Landschaft, die schon immer dein Zuhause war und es immer sein wird, denn mein Radius ist überschaubar – nicht jeder ist dafür gemacht, „in der Welt zuhause zu sein“.

Tränen schießen dir in die Augen und verschleiern deinen Blick auf die winterliche Straße (mehr als es deine abgewetzten Wischerblätter erlauben).

Was für ein guter Moment – trotz allem anderen, was gerade ist oder nicht ist oder viel zu vage ist.

Noch 30km bis nachhause, du wechselst die CD, hörst zum vielleicht 100. Mal in den letzten Wochen diesen Song, von dem du die Finger ebenso wenig lassen kannst wie von warmem Toast mit Nutella als Seelenpflaster in trüben Phasen, weil sich die Lyrics so schön mitsprechen lassen, ein bisschen monoton, einem kindlichen Auszählreim gleich (und noch verstärkt durch den simplen Takt): „you were the only one I ever had, the only bright spot in a life that went bad“.
Vor allem fühlt sich das so weich an, auf der Zunge und den Lippen (sprechen Sie’s mal nach, am besten mehrfach), eben wie samtweiches Nutella am Gaumen (das oder die Nutella? Wurscht.).

Und ein paar Strophen später dann „when they flip the switch I hope all I can see“ und wie sich’s zu dem schlichten, anrührenden Jahrmarktmusikgeplätscher auflöst in „is you in my arms dancing with me“
So weich, das alles, obwohl hier ein Todgeweihter seine letzten Verse von sich gibt.

Werde das vielleicht noch 100x mitsprechen müssen, bis ich mit dem Lied und dem Gefühl, das es erzeugt oder an dem es sich abarbeitet (denn wer weiß das schon, was zuerst da war), fertig bin und es zum normalen Repertoire der SD-Speicherkarte „Automusik“ gehören wird.

Vielleicht komme ich auch nie über diese Zeilen hinweg, so dass „baby, tie your hair back in a long white bow, meet me in the fields out behind the dynamo“, „I got this guitar and I learned how to nake it talk“, „and if you say hide, we’ll hide“ und „with charcoal eyes and Monroe hips she went and took that California trip“ (und an was man halt sonst noch so hängengeblieben ist nach fast 4 Jahrzehnten Hinhören & Rückenschauern) weitere Gesellschaft bekommen.

Ach, diese Zeilen aus Songtexten, die wegen ihrer Betonung oder ihres Rhythmus ein Leben lang so zuverlässig eine Gänsehaut bescheren, wie es früher, in den Studienjahren, stets der Anblick des Olympiaturms vor der föhnigen Alpenkulisse vermochte – an dieser einen Stelle auf der A9, von Würzburg nach München heimfahrend, um das Wochenende oder die Semesterferien beim Papa oder in dem kleinen Haus am Moorsee zu verbringen (wo manche der geliebten Tiere unter Begleitung der passenden Musik zu ihrer letzten Ruhe gebettet wurden).

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War nicht so meine Woche.
Insgesamt auch nicht mein Monat.
Aber zur Prognose oder Gesamtsumme sollte man’s jetzt auch nicht aufbauschen (erst recht nicht zur Bilanz), das lehrt die Lebenserfahrung.
Und der Gatte bekräftigt es auch, dass dem so sei.

Darauf vertrauend also weiter.
Vielleicht wirklich mal wieder einen Sprung ins kalte Wasser wagen?
Denn Schwimmen, das kann ich doch?!

Einen möglichst warmen Start ins wohl kälteste Wochenende des Jahres wünscht –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (16) oder: Eine Ode an das Wasser.

Es gibt ja so Tage, da wachst du auf, sofern du überhaupt geschlafen hast, und fühlst dich schon um 7:13 Uhr, als hätte dir jemand einen Hammer über den Kopf gehauen, gedankenschwer, bleierne Glieder, trüber Blick. Draußen greller Sonnenschein und Faschingsdienstag, tätärä, krasser könnte der Kontrast kaum sein. Alles geht schwer von der Hand, die Tagespost bedrückt, das Tagwerk überfordert.

Und dann gehst du hinein ins Wasser, unerklärlich leer das Feiertagsschwimmbecken, so schön und weich und weit, du kloppst es raus, ohne „es“ genauer benennen zu können oder zu wollen, kletterst nach einer Stunde aus dem Becken, und hast eine Idee, zwei Ideen, drei Ideen, jedenfalls ein freies Gefühl im Kopf und in der Brust, und so fährst du wieder heim, zurück an den Schreibtisch.

Packst etwas Neues an, triffst einfach eine Entscheidung, let’s get things going!, und während du das gerade tust, passieren parallel und ganz ohne dein Zutun noch ein paar Dinge, die dem Tag schließlich eine Wendung geben, die du morgens für ganz und gar undenkbar gehalten hättest, müde und bleigrau wie es da begann.

Wasser ist für mich neben dem Hinaufgehen auf den Berg das Belebendste, Erfrischendste und Rettendste, das es gibt, das vornehmste und reinste Element von allen, die tragende Basis für meine kleine Barke, in der ich durchs Leben schippere oder auch nur durch einen seltsamen Faschingsdienstag (immerhin ein 13.).

Beim abendlichen Kochen nach Langem mal wieder aus voller Kehle gesungen, auch so ein Wohlgefühl.

You can go all around the world
Trying to find something to do with your life, babe,
When you only gotta do one thing well,
You only gotta do one thing well to make it in this world, babe.

Schneeschwimmen.

Nach kurzem Duschen den langen Gang bis zum Ausgang laufen.
Sich mit der Glastür gegen den Wind stemmen, um ins Freie zu gelangen.
Wie viele Meter mögen es sein bis zum Beckenrand? 30, 40?
Im wilden Schneetreiben vorsichtig losgehen, bloß nicht -rennen, Rutschgefahr.
Einen Blick über die Schulter werfen, zur rot leuchtenden Digitalanzeige.
Minus 4 Grad. 21:56 Uhr. 17.01.18 (einen Tag später und es hätte perfekt ausgesehen).

Eisige kleine Schneeflocken krallen sich in die Wimpern, aus Trotz, weil sie auf der nassen Haut verdampfen.
Das Flutlicht, das bei Dunkelheit das Schwimmstadion beleuchtet, dringt kaum durch die dichten Schneeflocken.
Am Schwimmbecken angekommen mit klammen Händen schnell Schwimmbrille und Flossen anziehen.
Springen. Alles fühlt sich warm an, zumindest wenn man weit genug unter die Oberfläche taucht.
Nach dem Einschwimmen haben die obersten Wasserschichten ihre Anfangskälte verloren.
Ab dann zwei Genusszustände im Wechsel, einer schöner als der andere.

Bei der Kraulbahn landen die herabfallenden Flocken auf den Schultern und auf den Wangen.
Flocke links und Luftholen, zackzackzack, Flocke rechts und Luftholen, zackzackzack.
Wenden und auf dem Rücken zurück. Schnee fällt auf die Schwimmbrille, auf Hals und Gesicht.
Arm im Warmen durchziehen, raus ins Kalte, 180°C und wieder rein ins Wohltemperierte.

Der nachtschwarze Himmel, der watteweiße Schneesturm, das filmkulissenfahle Stadionlicht.
Rückenschwimmend ist keine Sichtanlage mehr zu erkennen, man muss nach und mit Gefühl schwimmen.
Oben Schwarzweißflimmern wie bei alten Fernsehern. Unten türkise Kacheln und der schwarze Balken.
Verstärkt das Monotone nur noch. Atem und Bewegung im völligen Einklang. Immer so dahin, hin und zurück.

Raus aus dem Becken.
Die Badeschlappen sind auf dem Boden festgefroren.
Drinnen wartet die heiße Dusche.
Ich liebe diese Winternächte in meinem Warmfreibad.

Bestzeit.

„I feel most at home in the water. I disappear. That’s where I belong.“ (Michael Phelps)

Als ich die Umkleide betrat und in den Gang einbog, in dem ich mir üblicherweise ein Garderobenschränkchen nehme, stand sie splitternackt vor mir und wir guckten einander ziemlich verdutzt an.

Zuletzt hatte ich A. vor ungefähr drei Jahren gesehen. Damals war unsere gemeinsame Zeit als Kolleginnen in der IT-Abteilung gerade zu Ende gegangen. A. ging mit 60 in Frührente und sah dabei aus wie 42, ich fühlte mich wie 60 und quittierte mit 42 den langjährigen Dienst, den ich hinterm Monitor und vor mehr oder minder lernfreudigen Seminarteilnehmern verbracht hatte. Bald verloren wir einander aus den Augen, wie das leider oft so ist, wenn sich Menschen in einen neuen Lebensabschnitt aufmachen.

Seit einem gemeinsamen Schwimmbadbesuch vor vielen Jahren war A. eine Art Vorbild für mich. Damals schluckte ich eine Menge Wasser, weil ich ständig zu ihrer Bahn rüberschielte, um ihren Schwimmstil zu studieren und dabei vor lauter Staunen völlig aus dem Takt geriet. Diese Geschmeidigkeit, diese Kraft, diese Anmut! Fast 20 Jahre älter als ich schwamm sie schneller, technisch besser, insgesamt eleganter sowie mit mehr Leichtigkeit und weniger Widerstand. Und zugleich wirkte sie dabei nie wie verbissen trainierend oder überhaupt auf irgendein Ziel hinarbeitend.
Für mich war sofort klar: Das wollte ich auch können, und wenn ich mir darüberhinaus etwas wünschen dürfte für mein Leben in 20 Jahren, sähe es exakt so aus wie A. beim Rückenschwimmen. Ein Bild, das ich unauslöschbar in mir trage und das zu einer der hoffnungsfrohen Überschriften wurde für das, was man Zukunft nennt.

Ich fragte sie seinerzeit nach Strich und Faden über ihre Schwimmbiographie aus, wir verabredeten uns ein paarmal im Freibad, unternahmen auch mal eine Bergtour (ihre andere große Leidenschaft neben dem Wasser, auch das eine schöne Parallele zwischen uns), bei der sie mir nicht davonwieselte, denn zu Land konnte ich besser mit ihr mithalten als im Wasser, was meine Hoffnung nährte, dass das auch schwimmend irgendwie machbar sein müsste.

Schließlich schenkte sie mir Flossen und zeigte mir den effektivsten und knieschonendsten Beinschlag. Mit meinen neuen gelben Turbogummis an den Füßen ging es ganz gut voran. Zwei Kraulkurse besuchte ich noch, übte und übte, ließ mich von einem ehemaligen Deutschen Meister im Lehrbecken der TU München instruieren, filmen und analysieren, übte weiter bis eines Tages die Technik endlich saß, was man daran spürt, dass die Anstrenung nachlässt und der Genuss zunimmt.
Ich dachte noch oft an A., wenn eine dieser besonders beglückenden Schwimmstunden gelang, in denen alles harmoniert, in denen ich eins werde mit dem fließenden Element, in den Dialog mit ihm abtauche, um anschließend vollständig erfrischt wieder aufzutauchen (all das leider nicht nur eine Frage des Könnens oder Wollens, sondern von etlichen anderen Faktoren im Innen und Außen abhängig).

Gestern gingen A. und ich also nach Jahren mal wieder zusammen zum Schwimmbecken, legten unsere Flossen an, zogen die Brillen auf, guckten kurz auf die Stadionuhr, sprangen ins Wasser und legten los. Zugegeben: ich war gespannt, sehr gespannt sogar und das, obwohl mir jegliche Wettkampfmentalität schon immer abging. Nach 300m stellte ich fest, dass A. und ich noch auf gleicher Höhe schwammen. Und das ohne jede Anstrenung! Damals wäre sie längst eine halbe Bahn vor mir gewesen.
Ich freute mich wie ein Kind darüber und verspürte auf einmal, dass ich Lust bekam, das Tempo etwas anzuziehen. Nach 1.000m guckte ich erneut zur Bahn neben mir: A. war nicht mehr zu sehen. Als ich nach 2.000m am Beckenrand anhielt und zur Uhr blickte, war ich meine persönliche Bestzeit auf diese Distanz geschwommen.

Wenig später tauchte A. neben mir auf und zwickte mich lachend in die Seite. Nun müsse ich mir wohl ein neues Vorbild suchen, meinte sie – oder sie müsse beim nächsten Mal ihre Flossen über das Einschwimmen hinaus anbehalten.

Tja.
So viel zu Vorbildern, Bestzeiten, Gegenwart und Zukunft.

 

Die Darmspiegelung oder: A Rua is.

Nach etlichen Tagen des strohwitwernden Hundhabens hatte ich gestern meinen wohlverdienten hundefreien Tag.

Während der Erledigung diverser Arbeiten im Haushalt und am Schreibtisch beschloss ich, mir nachmittags einen Saunabesuch zu gönnen. Wärme und Ruhe täten dem entzündeten Ellenbogen, mit dem ich seit Wochen rumziehe, bestimmt mal ganz gut (und mir sowieso).
Ich fahre zu meinem Lieblingsbad, dem einzigen Münchner Bad, das ganzjähriges Open-Air-Schwimmen im 50m-Becken ermöglicht, um die Unternehmung gleich noch mit einer Runde Schwimmen kombinieren zu können und freue mich wie ein Schnitzel auf die vor mir liegenden 4 Stunden.

Beim Betreten des Bades fällt mein Blick auf eine Hinweistafel neben dem Eingang: „Heute ganztägig Damensauna“.
Nun gut, denke ich, wird schon gehen, so in der Vorweihnachtszeit, wo doch alle so vielbeschäftigt sind.

Ich bin kein Freund von diesen Frauentagen. Zwar bieten sie den Vorteil, sich unbehelligt von gelegentlich vorkommendem verstohlenen oder unverhohlenen Geglotze überall einseifen, abtrocknen und eincremen zu können sowie in der Sauna liegend ganz entspannt auch mit angewinkelten Beinen vor sich hin zu schwitzen ohne zuvor sorgfältigst den passenden Liegeplatz (und das Gegenüber) auszuwählen, aber das war’s dann auch schon mit den Vorteilen dieser Frauentage. Denn in erster Linie sind sie: überfüllte und laute Horte entgrenzter Schamlosigkeit.

Aufgekratze, kichernde Mädeltrupps, rudelweise ratschsüchtige, kiloweise mandarinenschälende Rentnerinnen und grimmig dreinblickende, männerfürchtende (und nicht selten für Männer zum Fürchten aussehende) Trullas aller Altersklassen bevölkern die Saunaanlage an diesen Frauentagen. Dazwischen vereinzelt ein paar Ruhesuchende oder aus Versehen Hineingeratene, verzweifelt nach Erholung suchend.
Es wird geschnattert, gefuttert, gebröselt, gegackert, geschmiert, gepeelt und geshaved, was das Zeug hält. Letzteres artet an diesen Tagen, an denen frau unter sich ist, völlig aus: Die Duschräume verkommen zu einem rutschigen Parkour durch glibberige Rinnsale aus wegrasierten Haaren aller möglichen und unmöglichen Herkunftsorte. Die albernsten Verrenkungen bei gegenüber oder nebenan Duschenden sind zu beobachten, und man darf schon froh sein, wenn einem nicht irgendein Schlonz, der gerade behände mit dem Lady-Shaver vom Nachbarbein abgezogen wird, an die eigene Wade spritzt. Ein Treiben, dem ein paar im Duschraum anwesende Männer sofort Einhalt zu gebieten wüssten – durch ihre bloße Präsenz würden die sich im Herumwerkeln krümmenden Leiber sofort wieder aufrichten, den Rasierer dort lassen, wo er hingehört (unter der heimischen Dusche) und sich stinknormal waschen.

Gestern scheint es zunächst so, als könne ich diesen Szenarien entkommen, denn anhand der noch freien Garderobenschränkchen stelle ich aufatmend fest: Allzu voll ist es noch nicht. Prima. Genüsslich breite ich mein Badetuch in der Sauna aus. Nur eine Frau dampft eine Etage über mir vor sich hin. Ich strecke mich aus und schließe die Augen. Sekunden später fliegt die Tür auf und Elvira tritt ein, als diese wird sie umgehend und lautstark von der über mir Schwitzenden – Margot heißt sie – begrüßt.
Die beiden beginnen einen dieser Saunadialoge, bei dem man Hoffnung auf ein schnelles Ende hegen kann.
Elvira: „Sakradi, is des wieda hoaß da herin!“
Margot: „Ja, es san weit über 90 Grad heid!“

Leider kennen sich die beiden offensichtlich schon länger, so dass diese Hoffnung sich alsbald zerschlägt. Es geht zunächst um Weihnachten und wer wo eingeladen ist oder welchen Besuch erwartet und was es zu Essen geben soll oder ja nicht schon wieder geben darf. Dauer dieser Sequenz: ca. 3 Minuten. Die Lautstärke steigert sich bei jedem Satz, was auch daran liegen mag, dass Margot sich währenddessen angestrengt schnaufend mit einem Sisalhandschuh den Schweiß abbürstet.
Das nächste Themenfeld ist das jeweilige Befinden, resp. Krankheiten. Elvira und Margot dürften, in der schummrigen Gnade des Saunalichts betrachtet, wohl um die Ende 60 sein, demnach gibt es da natürlich Einiges mitzuteilen. Rücken, Knie und Hüfte lasse ich noch tapfer über mich ergehen. Dann aber rückt Margot damit raus, dass ihr noch vor Weihnachten eine Darmspiegelung bevorstünde. Wegen dieser Sache am Dickdarm, woaßt scho, und weil die eine Behandlung ja nicht angeschlagen habe, „da will da Doktor doch nochamal genauer hischaun“, ihr tät‘ es jetzt schon grausen vor der Abführerei. Elvira antwortet, wie es so typisch ist für diese Gespräche, in denen jeder nur seins loswerden will, mit der Story zu dem Furunkel, den sie neulich am Steiß gehabt habe und wie langwierig das gewesen sei und das Aufschneiden ja so schmerzhaft (die Narbe bis heute eitrig und nässend).

Da reicht es mir. Ich richte mich auf und sage höflich, aber bestimmt zu den beiden, dass ich es schön fände, wenn sie ihre Unterhaltung draußen fortsetzen könnten, dabei deute ich auf ein hinter Elvira hängendes Schild, das dort schon seit Jahren stumm und vergeblich um Ruhe zu bitten versucht. Ein bajuwarisches Donnerwetter – noch heftiger als Darm-Malaise und Furunkel-Eiter – ist die Quittung dafür. Was mir einfiele, wo wir denn da hinkämen, wenn man sich in der Sauna nicht mehr unterhalten dürfe, warum mich das überhaupt störe und dass sie sich unterhalten würden, wo immer sie möchten.
„Mir red’n da herin seit 40 Jahr‘ und wenn eana des ned bassd, dann gehns hoid aussi!“

Ein Wort gibt das andere, bis ich mich schließlich erhebe und die beiden keifenden Weiber, die mich mittlerweile wegen meines Nicht-Dialekts als Zugroaste, die da herin eh nix verlorn hat beschimpfen, mit ihren Gebrechen in der Hitzekammer hocken lasse.
Ich gehe Schwimmen, extra lang, denn im Wasser ist es still, herrlich still. Einer der Gründe, weshalb ich das Schwimmen so liebe: Diese Ruhe, dieser Rhythmus, das Monotone, die Schwerelosigkeit.
Das nächste Mal, denke ich beim Bahnenziehen, gehe ich wieder an gemischten Tagen in die Sauna oder aber in Begleitung einer Freundin, mit der es sich zwischen den Saunagängen ebenfalls ratschen lässt, denn anders ist das ja nicht zu ertragen. Eigentlich wird es höchste Zeit, mal Freunde zu finden, die ein Eigenheim mit einer Sauna im Keller haben.

Auf dem Rückweg vom Becken zum Saunabereich laufe ich meinem Lieblingsbademeister über den Weg, Typ Bayrischer Bruce Willis in den 40ern. Er hat heute Saunameisterdienst, ist auf dem Weg zum stündlichen Aufguss. Wir unterhalten uns ein bisschen, ich berichte ihm von meinem Erlebnis mit Mrs. Darm und Mrs. Furunkel. Er sagt daraufhin, dass er diese Frauentage auch nicht leiden kann, den Krach, den Trubel, die Brotzeitorgien überall. Wir gehen gemeinsam zur finnischen Blockhaussauna. Er öffnet die Saunatür, hievt seinen Holzkübel mit dem Eukalyptusöl drin Richtung Saunaofen. Dort sitzen in vorderster Reihe – aufgusserwartend und natürlich ratschend – Elvira und Margot. Als sie Bruce Willis erblicken, der wegen der mörderischen Hitze beim Aufguss nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist, geifern sie sofort los. „A Mo in der Sauna – am Damentag! Des geht fei überhaupts ned!“. Beschweren müsse man sich da, schließlich wolle man unter sich sein, da müsse eine Frau den Aufguss machen.

„A Rua is!“ schnautzt Bruce Willis in die Runde, „und wem’s ned bassd da herin, der soll si verzupfn.“ Sprach es und haut mit seinem tätowierten, muskulösen Arm drei Schöpfkellen Eukalyptusbrühe auf die heißen Steine, packt das über seinen breiten Schultern baumelnde Handtuch und fächert mit geräuschvollen Wedelbewegungen den aufsteigenden Dampf durch den Raum. Japsend und fluchend flüchten Elvira und Margot nach draußen, ich strecke mich auf der Holzbank aus, schließe die Augen und inhaliere den befreienden Duft.

Endlich is a Rua da herin.

Carpe aquam.

Badefreuden in Bayern 🙂

Schnell noch die vom Berg beanspruchten Flossen lockern…


…dann wieder heimradeln und die schon vorbereiteten Fleischpflanzerl in die Pfanne hauen. 

Fast wie Ferien in der Kindheit, nur dass damals noch der Papa gekocht hat (wie wenig wusste man das doch früher zu schätzen!). 

Ein guter Tag. Wenn man Wartezeiten ein bisserl gestaltet, ist’s gar nicht mehr so schlimm. Morgen lockt ein Ausflug mit meinem großen Freund S.! 

Habt einen schönen Sommerabend!

Die Kraulquappe.

Nicht baden gehen.

Wenn mich mal wieder die Angst beschleicht, baden zu gehen, rettet es mich stets, eine Runde zu schwimmen.

Der Starnberger See war heute etwas frisch…

… aber die paar Sommertage vor der nächsten Regenphase muss man nutzen.

Zumal ich nicht gut bin im Warten auf die Entscheidungen anderer, da ist jede Ablenkung in Form von Bewegung wohltuend.
Der alte Drahtesel läuft in seinem 18. Jahr noch wie geschmiert, in 38 Minuten von daheim bis ans Seeufer!

Möge die weitere Woche ebenso laufen.

Es grüßt euch herzlich

Die Kraulquappe.

Hund haben (6).

[Gestern.]

Hat man einen ausgewachsenen Hund, der einigermaßen sozialverträglich ist, darf man gelegentlich an Welpensozialisierungs-Events teilnehmen. Welpenbesitzer freuen sich dann, wenn sie ihren Kleinen mal unter Aufsicht eines Großen frei laufen lassen können. Und man selbst freut sich, weil junge Hunde nun mal entzückend sind, erst recht beim Spielen.

Hier um die Ecke wohnt die Mutter einer Schulfreundin und die hat seit 4 Wochen einen kleinen Norwich-Terrier, 13 Wochen alt ist der Kerl. Paco heißt er.

Pippa sauste zwei Runden mit Paco, stellte aber fest, dass sie viel schneller ist und ging dann Mauselöcher schnüffeln. Der Kleine wich ihr nicht von der Seite, unternahm permanent Überzeugungsversuche, dass man doch mit ihm spielen solle. Irgendwann hat sie sich dann breitschlagen lassen. Rumbalgen, Wälzen, Ohrennagen, Lefzenlecken – das volle Programm.

Und was war der Dank dafür?

Der Kleine ging nahtlos über zum ersten Erproben seiner männlichen Identität!
Mannomann. Reichst du den Kerlen eine Pfote, nehmen sie gleich die ganze Hundedame.

[Heute.]

Das Thermometer klettert schon vormittags über die 30°C-Marke. Als Gassirunde kommt nur ein Wassermarsch in Frage.

Von Schäftlarn nach Icking gelaufen, zu unserer geheimen Bucht, in der selbst an Wochenenden nichts los ist, wenn sie am Flaucher Handtuch an Handtuch liegen. So eine Idylle aber auch.

Doch der Schein trügt.

Was man auf den Fotos nicht sieht: Ich stinke von oben bis unten nach Anti-Brumm, weil in den Isarauen die Bremsen in Scharen unterwegs sind. Die mitgenommene Brotzeit lockt Wespen an, der Hund bricht in Panik aus. Nach einem Bad in der Isar übergieße ich mich erneut mit Anti-Brumm. Dann üben wir 30 Minuten lang „Ruhe geben“. Kein Plantschen, kein Buddeln, keine Uferinspektion, sondern einfach nur Daliegen und Ruhe geben. Nach 15 Minuten kapiert der Hund, dass es mir ernst damit ist und quetscht sich – nass und dreckig wie er ist – zu mir aufs Handtuch. Das lockt nach ein paar Minuten die ersten Fliegen an, der Hund bricht erneut in Panik aus. Also dann doch mal zusammengepackt.

Im Stechschritt, um nicht gestochen zu werden, durch die Auwälder zurück nach Schäftlarn marschiert. Dort wartet das Auto, mit einer Innentemperatur von ca. 65°C. Also erstmal alle 4 Türen aufreißen und die Hitze rauslassen. Pippa muss vor dem Auto warten. Wieder surren Viecher herum. Hund bricht abermals in Panik aus. Schnappt nach einer Biene oder Wespe. Erwischt sie beim zweiten Mal auch. Jetzt breche ich in Panik aus, ein Stich in den Rachen kann gefährlich werden. Ich reiße dem Hund das Maul auf, die Biene kommt mir entgegen und sticht mich in die Fingerkuppe. Mit den Schneidezähnen ziehe ich den Stachel raus, dann schmeiße ich alle 4 Autotüren wieder zu und wir rennen zum nahgelegenen Kloster. Nicht, weil ich denke, Gott könne mir jetzt helfen, sondern weil ich davon ausgehe, dass die in einer dermaßen beliebten Ausflugsregion für solche Fälle vorgesorgt haben. Kalter Schweiß klebt mir auf meiner von Anti-Brumm eh schon verklebten Stirn, die Hand ist bereits dick geschwollen, am Arm sind die ersten Quaddeln.

Im Kloster haben sie alles da. Erst bekomm ich Cortison, dann ein Kühlgel, abschließend noch ein Anti-Histaminikum, ganz wie gewünscht. Auf den medizinischen Cocktail folgt ein Kloster-Weißbier, für die Nerven und überhaupt.

Für Pippa holt die Wirtin gegrillten Fisch und abgekochtes Rindfleisch, eine große Portion, umsonst, versteht sich.
Weil „Da arme Waki wär ja beinah stochn wordn!“. Oh mei oh mei.

Es lebe der Hund, resp. der Dackel.

[Morgen.]
Hundefrei. Der Gatte darf übernehmen. 🙂