Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!

Himmel der Bayern (70) und Song des Tages (43): Aufi, aufi!

Donnerstag, 16. Jänner. Mittags, irgendwo unterm Jenner.

Wie schon gesagt: das neue Jahr läuft auf Hochtouren. Und wir laufen mit, so gut wir können.
Eine richtige Hochtour ist zwar was anderes, aber bei dem Wetter und diesen Aussichten genügt solch ein Aufstieg allemal.
Erst recht bei mangelhafter Vorbereitung: Wieder mal nicht bedacht, dass die Angabe der Gehzeiten, wenn’s nicht explizit dabeisteht, sich auf die Sommerwegstrecken bezieht und man im Winter deutlich länger braucht.

Ein fataler Fehler, denn mit 9 Kilo Tourenrucksack und Grödeln an den schweren Schuhen macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man zweieinviertel Stunden marschiert oder eben dreieinhalb.
Eines meiner obersten Berg-Gebote, „Plane deine Wege, Zeiten, Geschwindigkeiten und Kräfte stets so, dass du auch deinen Hund sicher hinauf- und/oder hinunter bringst, ihn notfalls sogar die gesamte Strecke über tragen könntest!“, gerät daher beinahe ins Wanken.

Denn unterwegs führen krass vereiste Wegstücke dazu, dass wir zweimal einen Umweg nehmen müssen, weil sonst… naja, ich weiß nicht, wer von uns zuerst den Hang runtergerutscht wäre – das Dackelfräulein oder ich.
Sicher ist sicher, also in die Karte geguckt und anders gegangen als geplant. Dummerweise zweimal eine Skipiste queren müssen, ging nicht anders. Natürlich ganz am Rand gehalten und immer gut nach oben geguckt und das Fräulein etwas beruhigen müssen, als in Pistenmitte der erste Snowboarder in einem Affenzahn an uns vorbeihobelt. Gottseidank eine sehr breite Piste, leider aber eine schwarze, gefühlt war das wie senkrecht nach oben zu gehen.
Auch die Schneeverhältnisse nicht korrekt recherchiert, auf den Webcams sah alles irgendwie so harmlos aus, nach ein bisschen Winter, aber nicht nach verschneiten Almwiesen, in die man bis zum Knie einbricht.

Der Rucksack wegen des Übernachtungsgeraffels, Hundeglumps und der Fotoausrüstung, die diesmal ja auch mit musste, nah an der Grenze des Tragbaren. Man ist keine 25 mehr und der Zenit der Fitness und Belastbarkeit ist eh längst überschritten. Beim Hochgehen zwickt wechselweise die Schulter, der Ellenbogen, der Nacken und – neu! – ab und zu auch die rechte Hüfte.

Von derlei Planungsunschärfen und Spontanungemach mal abgesehen: Eine irre schöne Tour! Das Berchtesgadener Land landschaftlich ja sowieso der Hammer, gefiel mir schon als Kind.

Unter mir der glitzernde Königssee, über mir der blauweiße Bayernhimmel, vor mir der weltschönste Dackelpopo, im Westen der majestätische Watzmann, im Osten Tu felix Austria.

Auch das frisst Zeit, wenn man alle paar Minuten mal kurz staunend stehenbleiben muss!

Toller Nebeneffekt der Unternehmung: in luftiger Höhe sind die blöden Haselpollen noch im tiefsten Winterschlaf. Zwei Tage Rotzpause also, Schniefen und Tränen gehen hier ausschließlich aufs Konto der atemberaubenden Schönheit, die mich umgibt (oder sind Vorboten einer Erkältung, nach einer Übernachtung bei minus 10 Grad).

Das Carl-von-Stahl-Haus, die Alpenvereinshütte, in der wir nächtigen, liegt auf 1.733m (oder 1.736m Höhe, da gehen die Meinungen auseinander), am Torrener Joch, zwischen Hagengebirge und Göllstock, exakt auf dem Grenzkamm: hier Oberbayern, dort Salzburger Land – solche Orte liebe ich ja ebenso sehr wie Sackgassenorte.

Auf der Hütte gibt’s – welch Segen für den geschundenen Körper! – eine warme (!) Dusche (!) und ein eigenes Zimmer für Hundebesitzer (mit dem schönen Namen „Murmeltierbau“), sofern der Belegungsplan es hergibt, was er jenseits aller Feiertags- und Ferienzeiten erfreulicherweise tut.
Und ein Sonnenuntergang der Extraklasse erwartet uns, wie mir die kundigen Bergkumpane beim nachmittäglichen Weißbier zu berichten wissen.

Auch das Dackelfräulein ist redlich geschafft, aber Kräfte und Geschick reichen noch, um Hüttenhündin Susi anzumeckern, als diese sich in Kachelofennähe in der Gaststube niederlassen möchte, und um in einem unbeobachteten Augenblick das Mini-Milchkännchen, das neben meinem Teepott steht, leerzuschlürfen (und zwar ohne dass das Kännchen dabei umkippt, alle Achtung!).

Diese Schlawinerszene spielt sich just in dem Moment ab, als wir, die paar Hüttengäste, hinausstürmen auf die Terrasse, um der Sonne zuzugucken, wie sie zwischen dem Großen Hundstod (herrje!) und dem Watzmann (mal aus ungewohnter Perspektive) versinkt.

Links im Bild (der einzelne hohe Zacken): der große Hundstod. Rechts: der Watzmann.

Sonnenuntergang ratzfatz: zwischen dem oberen Bild und diesem lagen höchstens 2 Minuten.

Zu fünft sitzen wir beim Abendessen. Zwei Bergsteiger aus BGL, ein Österreicher, eine Sächsin und ich. Ausnahmsweise sind da heroben mal keine Schwaben anzutreffen (deren Absenz die eine Sächsin allerdings locker wettmacht).

Pippa freundet sich mit jedem an, der Gamsgulasch bestellt. Weil es aber nach dem Milchklau eine ziemlich heftige Schelte gab, wagt sie es kein zweites Mal, mit der Schnauze über die Tischplatte zu schnuppern.
Falls Sie sich jetzt fragen, wie das überhaupt geht, dass so ein Dackel auf Tischplattenhöhe herumschnuppern kann: Das geht ganz einfach, indem der Hüttenwirt einem wegen des arg kalten Fußbodens eine Decke bringt und dem Fräulein erlaubt, mit auf der Holzbank zu sitzen, und schon haben Sie den Hunderüssel in Teller- oder Milchkännchennähe und diesen Ich-verhungere!-Blick direkt neben Ihrem Ellenbogen.

Um 19 Uhr stapft eine Horde Männer in die Stube. Wo kommen die denn her? Draußen ist es seit zwei Stunden stockfinster!
Man klärt mich rasch auf: donnerstags ist hier Skitourengeher-Abend. Das bedeutet: Von bayrischer und österreichischer Seite aus steigen Menschen in einer Montur, die schwer nach Weltraummission aussieht, im Schein ihrer im Helm integrierten Scheinwerfer (cool!) und im Schweiße ihres dunkelroten Angesichts (uncool!) zum Stahlhaus hoch, löten sich zwei bis drei Halbe rein (huijuijui!), marschieren dann wieder hinaus in die Kälte, schwanken hinüber zum Jenner und stürzen sich dort über die Piste hinunter ins Tal (oh Gott!).
Mit einem der Kerle, tagsüber ein braver Beamtenbursche vom Landratsamt in Reichenhall, komme ich, weil auch ihm Gamsgulasch serviert wird, länger ins Gespräch und erfahre: das machen die dort als Feierabendsport! 2 Stunden hinauf, 1,5 Stunden Hütte, 1,5 Stunden retour. Na, pfiat di!

Weil’s ein Einheimischer ist und eh ein netter Typ, befrag ich ihn zu allem, was mir beim Aufstieg Kopfzerbrechen bescherte, lerne eine Menge über Schnee und Eis, lasse mir auf der Karte alle Gipfel und Gebirgszüge der Gegend zeigen, ein paar Wegvarianten für meinen Abstieg am nächsten Morgen erklären, quetsche ihn zu den Passen und über den Untersberg aus, und am Schluss plaudern wir über die klasse Serie mit dem Ofczarek in der Hauptrolle („Der Pass“).

Derweil leert sich die Hütte zusehends und um 21 Uhr sind die wilden Männer schließlich alle wieder weg, die Sächsin schon im Bett, die zwei BGLler ins Kartenspiel vertieft und der Österreicher trinkt das soundsovielte Stiegl und hat das Dackelfräuleinkinn auf seinem Oberschenkel liegen. Er vertreibt sich die Zeit als Hundephysiotherapeut und knetet liebevoll den Teckelrücken durch.

Um 21:30 Uhr dann nochmal hinaus in die Eiseskälte zur letzten Hunderunde. Mit der Stirnlampe unterm Sternenhimmel herumstolpern, während das Fräulein sich erleichtert, im Mondlicht ein letzter Blick hinüber zum Schneibstein, auf den es nicht allzu viel gschneibt (oder gschniebn?) hat und der vielleicht als Morgensportziel in Frage käme, bevor es wieder talwärts geht.
(Anm. d. Red.: Dieser Übermut wird bis zum nächsten Morgen verschwunden sein, denn nach einer bitterkalten Nacht, werden alle überflüssigen sportlichen Aktivitäten schockgefrostet ad acta gelegt. In der gesamten Hütte ist nämlich nur die Gaststube beheizt, ansonsten behilft man sich mit dicken Wolldecken, Mütze, Schal etc., und mit anderthalb Metern Heizwurst, die man so eng an sich presst, wie es grad noch möglich ist, ohne dass das Tier unter dem Deckenberg zu röcheln beginnt.)

Eine Zauberwelt hier oben, einfach alles: rundum diese Weite, ein Paradies der Stille, dem Himmel so nah und einer hängengebliebenen Schallplatte gleich die immerzu selbe Erkenntnis, nirgendwo anders leben zu wollen, niemals.

Gucken Sie doch mal hier, – ist das nicht eine Wahnsinns-Kulisse für ein Nachtgassi?!?

Und schauen Sie gern auch morgen nochmal hier vorbei, da gibt’s dann Teil 2 mit dem Titel „Obi, obi!“ und – so viel sei schon verraten – das wird keine öde Baumarktstory, obwohl es so klingt und sie auch noch samstags erscheint.

Für heute verabschieden wir uns überschriftsgetreu mit dem Herrn Ambros und ein paar Impressionen aus der Berchtesgadener Bergwelt und humpeln alsbald in die Koje.

Matrjoschka (3).

Am mütterlichsten war die Mutter, wenn das Kind krank war.

Vielleicht war die Tochter ja deshalb als Kleinkind so häufig krank. Um so ein bisschen mehr Mütterlichkeit abzubekommen als es im normalen Alltag je drin gewesen wäre. Wobei die Tochter in ihrer Erinnerung gar nicht so häufig krank war wie die Mutter es früher stets behauptet hatte.
Vielleicht hatte sie es ja vor allem deshalb behauptet, um die Schuld, in der die Tochter ihr gegenüber bereits qua Geburt stand, noch zu erhöhen. Denn ihrem unermüdlichen Einsatz fürs kranke Kind war mindestens eine Extraportion Dankbarkeit zu zollen.

Aber wie das mit Kindern eben so ist: von moralischem Gedöns noch völlig unverbogen sind sie halt einfach nur krank und bedürftig (und in diesem Zustand naiven Versehrtseins wohl auch undankbar, sofern das bereits eine Kategorie für sie wäre, was ziemlich sicher aber nicht der Fall ist in ihrem kindlichen Universum, das sie leider meist eh zu früh verlassen müssen).

Matrjoschka Nr. 3 putzt sich das Näschen, räuspert sich, kratzt sich noch eine Narbe blutig, steht langsam auf und spricht. Über Grießbrei und andere Torturen.

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In der Lebensphilosophie der Mutter gehörte Undankbarkeit bestraft.

Bei jeder grippal bedingten Bettlägerigkeit wurde ich von der Mutter mit Lindenblütentee und Hühnersuppe malträtiert. Alternative: Kamillentee und Rinderbrühe. Alles nah am Brechreiz für mich, bis heute. Was an damals liegt, denn nichts davon habe ich je freiwillig zu mir nehmen können. Als Kind wurde mir regelrecht übel, wenn der Geruch einer dieser vier Plörren durch die Wohnung bis zu meinem Krankenlager kroch oder mir dampfend unter die Nase gehalten wurde.

Da ich zu einer Zeit aufwuchs, in der manche noch an den ehernen Gesetzen der vorigen Generation festhielten, die in dem Fall lauteten „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ und „Wenn dir das nicht schmeckt, hast du eben Pech gehabt – was anderes gibt’s nicht!“, hatte ich doppelt Pech.
Zum einen war ich krank und zum anderen bekam ich nichts zu essen, was ich mochte. „Verzogene Göre“, hieß es dann, und im Krieg und danach wäre man froh gewesen und so weiter… – na, Sie wissen schon. Dabei hätte mir schon etwas Zwieback und Hagebuttentee völlig gereicht, aber wenn die Mutter der Ansicht war, diese Krankheit müsse mit Hühnersuppe und Lindenblütentee und jene mit Rinderbrühe und Kamillentee kuriert werden, dann war das so.
Denn die Mutter war Legislative, Exekutive und Judikative in ein und derselben Person.

War ich auf dem Weg der Besserung, drohte mir die nächste kulinarische Eskalationsstufe. Unter der Überschrift „Dem Kind was Gutes tun“ kochte mir die Mutter Grießbrei oder briet Pfannkuchen. Pur wäre das vielleicht tatsächlich eine Leckerei für mich gewesen, die Crux war nur: es wurden Äpfel zugesetzt. Säuerliche, mehlige Äpfel, die ich nicht mochte. Im Grießbrei wurden sie als Stückchen mitgekocht, von denen nur die Schale übrigblieb, die sich immer in den Zahnzwischenräumen verfing, in die Pfannkuchen kamen sie als große Spalten hinein, die nie gar wurden und beim Draufbeißen sauer, morsch und eben halbgar schmeckten.
Die ultimative Krönung hieß schließlich Zimtzucker. Der kam über beide Speisen drüber, recht reichlich sogar, damit das Saure der Äpfel abgemildert wurde. Dummerweise mochte ich keinen Zimt, was die Mutter auch wusste, aber mit einem strengen „Alle Kinder mögen Zimt“ beiseite zu wischen pflegte.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich sei ein geschmäcklerisches Kind gewesen. So eines, das fast nichts essen mag und immer die Nase rümpft, egal, was man ihm vorsetzt. So war das nicht. Ich aß gerne und gut, ich liebte sogar Bitteres wie Chicorrée und Endivie, ich mochte eben nur diese Krankheitsgerichte der Mutter nicht. Schon in gesundem Zustand war ich kein Apfel- oder Zimtfan und auch kein Freund von klaren Brühen, aber wenn ich krank war, wurde ich davon eher noch kränker. Es war einfach anstrengend, sich ein Essen oder ein Getränk reinzuwürgen, das einem nicht schmeckte.

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Zwanzig Jahre nach diesen Kinderkrankheitsjahren, die Mutter und ich gingen schon längst getrennter Wege, mussten meine Mandeln entfernt werden.

Ich verließ die Studienstadt und fuhr für die Operation und den kurzen Krankenhausaufenthalt heim nach München. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte der Papa der Mutter am Telefon berichtet, dass ich in München im Krankenhaus läge und die Mutter entschloss sich zu einem Überraschungsbesuch. Schließlich war das Kind krank – eine Situation, der sie sich gewachsen fühlte.

Dummerweise hatte der Operateur mir nach der Entfernung der Mandeln den Mund nicht achtsam genug geschlossen. Die Zunge war zwischen die Backenzähne geraten und beim Zusammenklappen des Kiefers eingeklemmt worden. Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich scheußliche Schmerzen im Rachen, die ich nicht zuordnen konnte und zunächst auf die OP an sich schob.
Erst am Tag drauf entdeckte eine Schwester das eitrige Loch hinten in meiner Zunge, ich hatte sie mir fast durchgebissen. Konnte nichts schlucken und auch kaum ein Wort sprechen.

In genau diese Phase fiel der Überraschungsbesuch der Mutter. Wir hatten uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen, nur ein paar wenige unerfreuliche Telefonate geführt oder wegen irgendwelcher Formalitäten führen müssen. Da saß sie nun neben meinem Bett, redete auf mich ein, hielt mein ersticktes Krächzen für Getue, wunderte sich lautstark darüber, wie man nur nach einer läppischen Mandeloperation so fertig sein könne („Das ist doch heuzutage ein Routineeingriff!“), mokierte sich über meine Einsilbigkeit und drängte mir – Sie ahnen es, was jetzt kommt?! – ihren mitgebrachten Grießbrei mit Apfelstücken und Zimt auf. Allen Ernstes derselbe verdammte Brei mit  Apfelstücken und Zimt, den ich schon als Kind gehasst hatte! – und als ich mich abwandte und ihr andeutete, dass ich vor lauter Schmerzen nichts schlucken könne, setzte sie sich auf den Rand meines Bettes und wollte mich füttern.

Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich geschrien, aber ich hatte keine, ich hatte nur meine Hände, um mich zu wehren, und so fegte ich mit einem Handschlag den Breipott von meiner Bettdecke, er fiel polternd zu Boden, und während die Mutter sich unter wütenden Exklamationen nach dem Gefäß bückte, riss ich die Klingel aus ihrer Halterung über meinem Kopf und läutete nach einer Schwester, die kurz darauf das Krankenzimmer betrat.
Ich heulte mittlerweile vor Anstrengung, Halsschmerzen und Verzweiflung, die Mutter stand schimpfend mit einem Fuß im Brei und hielt den halbleeren Pott in ihrer Hand wie eine Granate, die nur auf ihren Einsatz wartete, die Schwester beugte sich zu mir und fragte, was denn los sei und mit zerquetscher Stimme und letzter Kraft presste ich noch ganze drei Worte aus meiner wunden Kehle: SIE SOLL GEHEN!

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Und sie ging.

Als wir uns weitere zwanzig Jahre später wiedersahen (dazwischen gab es nur noch zwei Begegnungen, von denen möglicherweise ein andermal die Rede sein wird), lag sie abgemagert und leichenblass und von zig Schläuchen umgeben, die irgendetwas in sie hinein- oder aus ihr herausleiteten im Krankenbett der Palliativstation, musste gefüttert werden, konnte nicht mehr sprechen, vermochte nur noch eine Hand und die Augenlider minimal zu bewegen, alles andere hatte der Hirntumor komplett lahmgelegt.

Ich besuchte sie, um mich von ihr zu verabschieden, saß neben ihrem Bett und saß überwiegend schweigend dort. Es gab nicht mehr viel, das ihr hätte sagen wollen oder können nach all den Jahren und bei dieser unserer letzten Begegnung. Zwischen uns war manches zu oft gesagt worden und vieles unsagbar geblieben. Es war stimmig, dass es nun sprachlos endete. Reglos lag sie in ihrem Bett, sah mich ab und zu an und blinzelte oder zupfte mit der Hand an ihrer Bettdecke. Ich sah sie an und dachte: „Jetzt ist es wenigstens einmal friedlich zwischen uns.

Eine Pflegerin durchbrach dann diese Stille und betrat den Raum. Sie brachte einen Tee und ein Schälchen Grießbrei mit, stellte die Sachen auf den Nachttisch der Mutter, guckte mich an und fragte: „Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter mit dem Grießbrei füttern?“
Die Frage traf mich wie ein Blitz. Völlig paralysiert starrte ich erst auf den Grießbrei, dann auf die bleiche Mutter und schließlich zur Pflegerin – alles fühlte sich an wie eingefroren oder wie in Zeitlupe, kein Wort wollte über meine Lippen kommen, mein Hals war wie zugeklebt. Irgendwann gelang es mir, verneinend den Kopf zu schütteln.

Kurz darauf bin ich gegangen.
Und sie dann auch.

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Uijuijui oder: Servus 2019!

Der letzte Tag des alten Jahres beginnt denkbar gut: Ausgeschlafen, mit Schokohagel auf dem Toast und Sonnenschein zum Morgengassi. Kurz drauf Post vom Finanzamt: Auf den letzten Metern des alten Jahres dem sachbearbeitenden Frollein M. eine Änderung des Steuerbescheids 2018 rausgeleiert und noch eine Erstattung kassiert.

Sehr erfreulich, das Ganze, wenn auch nicht ganz so ein krasser Jubelanlass wie vor zwei Wochen das Einschreiben von der alten Vermieterin: im November schickte sie die Nebenkostenabrechnung zur (längst in der Erinnerung ausgelöschten) Wohnung am Stadtrand, in 2018 hatten wir da noch für 6 Monate Heizung, Wasser, Hausmeister etc. aufzukommen. Absurd hoch erschien mir der nachzuzahlende Betrag, 368€ für nur noch 4 Monate Anwesenheit, danach waren wir ja schon weg, also ging ich der Sache erst allein, dann mit Hilfe des Mietervereins auf den Grund und verweigerte in einem saftigen Antwortschreiben die Nachzahlung, erbat Belegeinsicht und stellte allerhand Nachfragen zu den Einzelposten.
Die Vermieterin ließ meine Einwände ebenfalls juristisch prüfen und sandte uns schließlich eine überarbeitete Abrechnung zu, die schlussendlich – da alle Einwände berechtigt waren – eine reduzierte Nachzahlung von nur noch 8€ ergab, die sie uns, natürlich ohne Entschuldigung für ihre 360€ zuvor verkehrt berechneten Posten, in altbekannter Gnade und Großgrundbesitzerattitüde erließ.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mir dieser Brief Anlass zur Freude war – besser hätte diese elende Sache nicht zu einem Ende kommen können als genau so.

(Und hätte ich in meiner Jugend nicht so viel Schule geschwänzt und diese Zeit walkmanhörend am See, in die Sonne blinzelnd auf Bootsstegen oder plantschend im Wasser verbracht, wäre das Abitur vielleicht die Eintrittskarte in eine glänzende berufliche Zukunft als Juristin gewesen, sofern sich die angeborene Lust am Müßiggang und der Mangel an Eifer und Fleiß während des Studiums noch gelegt hätten, damit dann auch ein vernünftiges Staatsexamen dabei rausgekommen wäre.)

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Nach dieser Morgenfreude das Schwimmbad zum 86. Mal in diesem Jahr aufgesucht. Zusammen mit 60 Läufen, 22 Bergtouren und fast 2.100 per pedes zurückgelegten Gassi-Kilometern eine zufriedenstellende Bewegungsbilanz für so ein Jahr.

Aus dem immer noch spürbaren Sixpack hat sich allerdings ein dezenter Sevenpack entwickelt, irgendeine neuartige Ebene (nennen wir sie mal Streuselschicht oder Weißbierwattierung) hat sich nun dazugesellt.
Das Alter halt, es zieht überall seine Furchen hinein, hinterlässt Ablagerungen oder Verfärbungen und das passt ja auch prima zu den diversen orthopädischen Hakligkeiten und anderen Malaisen körperlicher Natur. Wäscht man sich 86x im Jahr in einer Schwimmbaddusche, hat man allerdings ein so breites Vergleichsspektrum, dass man weiß: der Sevenpack muss einen wirklich noch nicht ängstigen, da gibt’s ganz anderes.

Ein sehr schöner Jahresabschluss-Schwumm, obwohl bereits ein paar Weihnachtsklöße und etliche gute Vorsätze die Bahnen verstopfen, zu Jahresbeginn wird das aber erfahrungsgemäß für etwa 6 Wochen noch übler werden.
Die Sonne flutet das Freibad, scheint einem rückenschwimmend direkt ins Gesicht, die Flossen tragen einen kraulend flink durchs Wasser – es geht nichts über dieses sanfte, stille Dahingleiten im Wasser.

Hier und da fließt auch ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung durch mich hindurch, schwimmend gelingt es mir immer, dass nichts zu lang an mir haftet oder mich zu Boden zieht, sondern alles an mir abgleitet. Im Wasser sein, das heißt Freisein. Der schwarze Balken am Boden wie eine Leitlinie, seine Botschaft: „Atmen, Bewegen – vorwärts!“, trotz Bursitis, trotz Strömung, trotz Gegenwind.

Falls Sie mit der Schwimmerei nichts am Hut haben, illustriert vielleicht dieses kurze Video, was ich meine:

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Während ich meinen ersten selbstgekochten Vanillepudding seit Jahrzehnten löffle und draußen auf der Theresienwiese ein paar Unverbesserliche trotz Böllerverbot rumballern, schreibe ich Ihnen noch ein bisschen.

Einen Jahresrückblick gibt’s nicht, denn wie das Jahr so war, das muss ich nicht wiederkäuen, Sie haben das ja in Auszügen hier mitverfolgt.
Wofür ich Ihnen danken möchte: es ist doch recht wohltuend, sowohl bei diversen Höhenflügen als auch bei Wasserschäden und anderen Unbilden des Daseins verbal anteilnehmende, konkret mitfühlende oder gar real unterstützende Weggefährten um sich zu haben.

Wofür ich dem vergangenen Jahr danken möchte:
Für alles Schöne und Gute, Bereichernde und Aussichtsreiche, Stärkende und Verheißungsvolle.
Für ein beheizbares Dach über dem Kopf sowie ausreichend Essen, Kleidung, Kultur, Mobiliät und Teilhabe am Leben da draußen.
Dafür, dass ich eine kleine Familie habe und ein paar echte Freunde, so dass mein Leben von Liebe und Freundschaft begleitet wird.
Dafür, dass ich immer noch gesund genug bin, um mich fast überall hin bewegen zu können, wohin es mich zieht: ins Wasser, in die Berge, in Konzerte, in die Eisdiele um die Ecke – und sogar bis nach Gotland.
Dafür, dass ich in einem Jahr gleich zwei Stars kennenlernen durfte, einen Bayern und einen Österreicher, deren Werke und Taten mich zutiefst begeistern.

Dafür, dass ich neue, wohltuende Menschen in mein Leben lassen konnte und mich von anderen, die mir gar nicht gut taten, trennen konnte.
Dafür, dass das Dackelfräulein eine erste, richtige Freundin gefunden hat (bislang gab es „nur“ Männer in ihrem Leben).

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An der Hundefront zum Jahresende noch zwei Erkenntnisse:

  1. So ein Anti-Schling-Napf ist eine feine Erfindung. Er verlängert die Nahrungsaufnahme von 20 Sekunden auf 10 Minuten und verhindert tatsächlich Magenprobleme und Aufstoßen.
    Finden wir, nicht Pippa, die hätte lieber ihren alten Pott zurück, der ungebremstes Reinschaufeln ermöglichte.
  2. Im siebten (!) gemeinsamen Winter haben wir endlich kapiert, was dem Dackelfräulein auf Autofahrten an sehr kalten Tagen schon immer gefehlt hat: eine vom Menschen vorgewärmte Jacke in und über ihrem Transportkorb auf der Rückbank. Kein Zittern mehr bis das Auto warm ist, kein Ungeduldswinseln mehr nach ein oder zwei Stunden – Madame verschwindet in ihrer Höhle und ward nicht mehr gehört oder gesehen.
    Schöner Nebeneffekt: die Jacke riecht anschließend wunderbar nach Dackelschlaf. Manchmal auch nach Hasenkötteln oder Jauche.

 

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Bevor das Getöse nun bald losgeht, verabschieden wir uns von Ihnen und dem zu Ende gehenden Jahr, und freuen uns, Sie im nächsten Jahr (also schon morgen!) wieder bei uns begrüßen zu dürfen…

… kommen Sie gut rüber & lassen Sie es sich heut Abend ganz nach Ihrer Fasson gut gehen!

Lassen Sie die freudvollen, kreativen, mutmachenden, hoffnungsfrohen und wegweisenden Dinge, die Sie in 2019 erlebt haben, Revue passieren, schauen Sie ansonsten mehr nach vorn als zurück, verballern Sie weder Ihr Geld noch Ihre Gehirnzellen, verfallen Sie nicht in düstere und unnütze Grübeleien darüber, wieso Sie wieder nicht zu rauschenden Festen mit zig Freunden eingeladen wurden (wir hocken hier auch zu zweit mit Hund und grämen uns nicht) oder beim Bleigießen auch dieses Jahr nichts als Sargnägel oder Pilze produzieren (so ging es mir jedenfalls immer, als ich noch mit Freunden feierte und gegen 1 Uhr nachts kochende Bleiklumpen in Wasserschüsseln schmiss) und nehmen Sie sich bitte, bitte nicht ausgerechnet heute wieder irgendwelche Dinge vor, die schon ab morgen eh nicht oder nur mit größter Anstrenung und gräßlichster Selbstgeißelung klappen und mit denen Sie sich in exakt einem Jahr, wenn Sie dann die nächste Bilanz ziehen (falls Sie zu sowas neigen sollten), nur selbst runterziehen.

Und wenn Sie heute Abend noch 9 Minuten und 15 Sekunden rumbringen müssen übrig haben und wissen möchten, wieso dieser Beitrag mit „Uijuijui“ betitelt ist, dann gucken Sie das hier:

Sollte Ihnen gerade nicht nach polterndem Lachen zumute sein, empfehle ich Ihnen diesen beschaulichen Naturfilm, der von sympathischen Laiendarstellern an der schwedischen Westküste gedreht wurde (bei einem Wind, der ebenfalls unter Uijuijui verbucht werden kann):

Ich hau‘ mich jetzt mit einem Kaltgetränk und meiner neuen Bibel auf die Couch…

Weihnachtspräsente 2019.

…sage Servus & Baba und wünsche Ihnen & Euch einen angenehmen Jahresausklang!

Die Chefredaktion.

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Himmel der Bayern (69): Von Wallfahrten & Wallungen.

Mit dem Waldi nachmittags zweieinhalb Stunden bergauf geschnauft, auf den Wallberg. Zwar wenig winterlich, diese Tour, dafür viel besinnlicher als gedacht.

Herrliche Ruhe auf dem gesamten Weg, mit zwei Almöhis als einzige Gäste im alten Wallberghaus gesessen, in der Stubn läuft Peter Cornelius, exakt die passende Musik für Tage, an denen ich den Papa besuche. Danach anderer Austro-Pop, sogar eine österreichische (!) Coverversion von „Point blank“, die da lautet „Blattschuss“ (jo gibt’s des? vom wem is des? helft’s ma!), jedenfalls klasse – und mal wieder die Feststellung: Er ist überall!

Hinterm Setzberg spitzt die Sonne hervor, links leuchtet das Mangfallgebirge, rechts die Tiroler Berge, die heiße Schokolade schmeckt in dem Ambiente natürlich viel besser als im Tal, obwohl sie vermutlich aus schlechteren Zutaten besteht.

Kurzer Abstecher zum Gipfel, dann der obligatorische Besuch der Bergkapelle (beachten Sie die bayerische Opferkerze!), abschließend noch eine Runde auf dem Panoramaplateau gedreht (dort sogar mal ein paar Menschengrüppchen gesehen: lauter kieksende und in Turnschühchen im Schnee ausrutschende Asiaten), 900m unter uns schlummert der See in zarten Vorabendfarben.

Dann mit der Seilbahn wieder obi (mia san jetz in am Alter, wo ma des ab und zu derf).

Recht geschafft, das gestrige Spätabendschwimmen war vielleicht nicht die ideale Vorbereitung für so eine Tour. Trotzdem sehr zufrieden, aufgeräumte Grundstimmung, innerlich in guter Balance.

Die später auch vonnöten sein und auf die Probe gestellt werden wird, was ich aber in der Gondel sitzend gottseidank noch nicht ahne, womöglich wär ich sonst oben geblieben oder gleich danach heimgefahren.

Eine lange, haarsträubende Diskussion mit der Lebensgefährtin des Papas ergibt sich, über Bio-Lebensmittel, ökologische Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung, und endet beinahe in einem ähnlichen Fiasko wie wir das hier vor acht Jahren mal hatten. Ein so dermaßen dummer und bornierter Satz fiel vorhin, dass mir der Kragen platzte und ich sogar laut wurde.

Dank der heute guten inneren Verfassung hab ich – dem Papa zuliebe! – dann doch nochmal die Kurve gekriegt und dageblieben. Und ich werde sogar über Nacht bleiben.

Das Mondlicht gleitet über den Nordhang des Wallbergs und von dort direkt zu mir ins Bett. Allzu oft wird das nicht mehr so sein. Meine eh schon seltenen Nächte in diesem Haus sind gezählt. Auf dem Nachttisch liegt das Weihnachtsgeschenk des Papas, das unterschwellig dieselbe Botschaft vermittelt: beiß die Zähne zusammen, so lange du noch welche hast, und lass uns die Zeit, die uns noch bleibt, so gut es geht vergolden.

Er hat mir ein Tütchen überreicht mit allem, im Laufe der Jahrzehnte entfernten und gesammelten Altgold aus seinen Zähnen. Inklusive Brücken und anderem Zahnersatz, das hängt da halt noch so dran.

Frohe Weihnachten, sagte er und drückte mir das klackernde Tütchen in die Hand. Morbide Optik irgendwie, das sei ihm schon bewusst, kommentierte er diese Übergabe, aber ich solle mir das ja auch nicht für den Rest meines Lebens auf den Nachttisch legen, sondern zur Degussa tragen. So isser, der Papa.

Was sonst noch so war (oder ist oder sein wird).

Der heutige Dienstag beginnt ungeahnt fröhlich: mit Lachtränen am Frühstückstisch. Mein Privater Pressespiegel, den ich seit Jahren abonniert habe und dessen morgendliche Präsenz neben meinem Schokostreuseltoast ich nicht mehr missen möchte, hat heute wieder ein paar besondere Schmankerl für mich vorgesehen, unter anderem einen Artikel von Max Scharnigg über das antiquierte Katalogwesen. Er lag ganz oben auf dem Stapel der sorgsam vom häuslichen Pressebeauftragten aus der Süddeutschen Zeitung herausgetrennten und gefalteten Seiten, auf denen jeweils mit buntem Leuchtstift der von mir zu lesende Artikel markiert ist, damit ich nicht aus Versehen meine wertvolle Lebenszeit mit nutzloser Lektüre vergeude. Aus allen Ressorts erhalte ich so stets das nach meinen individuellen Maßstäben Wichtigste (bzw. das nach denen des häuslichen Pressebeauftragten als solches Erachtete) – und das verzehrfertig portioniert. Besser geht es nicht, vor allem morgens.

Dem Gatten gebührt wirklich ein Orden dafür, dass er seine Nebentätigkeit als häuslicher Pressebeauftragter schon seit Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit ausübt (genauso wie seinen Job als Serienbeauftragter, der besonders dann, wenn eine Serie von Feiertagen ansteht, gewissenhafteste Planung voraussetzt, um Pannen wie z.B. jene, dass einem plötzlich am 25.12. gegen 20:37 Uhr der Stoff ausgehen könnte und man womöglich hinaus ins Kino müsste – oder überhaupt irgendwie hinaus in die Welt des weihnachtsfeiernden Volkes -, unbedingt zu vermeiden) und mir dadurch das Hantieren mit der für meinen Geschmack einfach viel zu großen, unhandlichen Gesamtzeitung konsequent erspart (und bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Hinweis auf digitale Abos: eine Zeitung ist und bleibt etwas, das ich auch mal anfassen können möchte und das keine teuren Reparaturen verursachen darf, wenn es mir in die Badewanne fällt).
Da der Private Pressespiegel meist im Laufe von ein paar Tagen entsteht, da er ja von Hand gesammelt und erstellt wird (der Begriff handverlesen erschließt sich einem hier ganz neu, fällt mir gerade auf) – je nachdem eben, wie der Gatte neben seinem universitären Hauptjob halt grad die Zeit findet für diese nebenberuflichen Sperenzchen – erspart er mir sogar die Druckerschwärze an den Fingern, da die Seiten bis dahin oft schon gut abgehangen sind.
Sehr angenehm, so ein Pressespiegel, ich kann es Ihnen nur empfehlen, falls Sie auch zu denen gehören, die sich nicht gern beim Umblättern von diesen monströsen Tageszeitungen die Butter vom Brot nehmen lassen.

Zurück zu dem Katalog-Artikel von Scharnigg. Toll geschrieben zum einen, zum anderen eine herrliche Erinnerung an uralte Zeiten, in denen ich mir abendelang mit H., als es noch nett und entspannt war mit ihm, aus dem Manufactum-Katalog vorlas und wir aus dem Gegackere und den Begeisterungsstürmen ob dieser Sprache gar nicht mehr herauskamen.
H. war übrigens der schwäbische Theologe und Psychologe, mit dem ich seinerzeit einen nicht mal einjährigen Beziehungsversuch praktizierte, der dann aber an Hs Eifersuchtswahn scheiterte (Bsp.: Ich, mit nassen Haaren, auf dem Rad sitzend, vom Schwimmen heimkehrend und ihn freundlich grüßend – er, mit trockener Miene, vor meiner Haustür wartend und mich sofort anmeckernd, wen ich denn im Schwimmbad getroffen hätte, da ich ja so glücklich aussähe – und wehe, es entfuhr einem dann auch noch ein Lachen), was insgesamt gut so war, denn auf lange Sicht hätte mich dieser Dialekt sowieso zu sehr strapaziert.

Auch Gemütslage und daraus resultierende Handlungsaussetzer bei der Lektüre des Sport-Schuster-Katalogs fasst Scharnigg grandios zusammen (dasselbe gälte auch für den Globetrotter-Katalog, mein erklärter Liebling unter den etablierten Outdoor-Œuvres). Mit den anderen drei Katalogen habe ich persönlich kaum Erfahrung, dennoch habe ich mehrfach geschmunzelt beim Lesen.

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Stirnrunzeln und Kopfschütteln löste hingegen dieser Tage die bahnbrechende Erkenntnis aus, dass ich meine ersten drei Lebensjahre ja im Glockenbachviertel verbracht habe. Es war daheim immer nur die Rede von „Auenstraße“, die Eltern haben nie das Viertel dazu genannt.
Hätte man in 47 Lebensjahren durchaus schon ein klein wenig eher herausfinden können. Es verhielt sich hiermit aber wohl wie mit Liedern, die man in frühester Kindheit gelernt hat: manche Worte, Sätze, Refrains hat man nie so recht verstanden, sie in ihrer Bedeutungsentleertheit aber auch nie hinterfragt, und erst Jahrzehnte später fiel’s einem wie Schuppen von den Augen, dass der See gar nicht stahlig herumlag, sondern dass es schlicht und einfach still und starr liegt der See hieß. Holla!

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Bei frühlingshaften Temperaturen geht’s morgen endlich mal wieder an den See, der putzmunter und ohne jede Eisscholle drauf im Föhnsturm vor sich hinwogen wird.
Das Fräulein und ich wollen den Papa besuchen, ein paar Dinge für ihn regeln, gemeinsam ein vorgezogenes Weihnachtsessen verdrücken, auch wenn die für morgen angekündigten 17 Grad am Alpenrand dem Wallberg das dünne Schneekapperl, das er schon trug, schnell wieder abziehen werden und dort dann nicht viel an Weihnachten oder Winter erinnern wird.
Mir aber eh wurscht, da ich ja mit diesem Fest nicht viel am Hut habe (und ehrlich gesagt auch nicht mal einen Hut besitze).

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Apropos Redewendungen: ein netter Österreicher, mit dem ich gelegentlich Mails tausche, schreibt mir neulich „Wünsche Dir baldige Besserung mit Deiner Backe“ und ich stutze und frage mich, was er damit wohl meinen könnte. Zahnprobleme hab ich ja nun keine. Und auch kein Furunkel am Allerwertesten.

Scrolle dann in der Mail weiter runter, bis zu meiner letzten Mail, um zu gucken: hab ich mich da vielleicht irgendwo vertippt? Nein, hab ich nicht, ich schrieb ihm dort lediglich, ich hätte grad „gesundheitliche Probleme an der Backe“.
Das lässt in der Tat zwei Lesarten zu – und es erheitert mich wirklich sehr, welche der beiden er gewählt hat.

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Nicht minder erheiterte mich die vom Postillon vor einigen Tagen veröffentlichte Liste der 25 häufigsten Google-Suchanfragen der Deutschen in 2019. Tatsächlich konnte ich nach zweifachem Genuss dieser Aufzählung lange nicht einschlafen, vor lauter Gekicher. Es gibt wahrliche schlimmere Ursachen für Schlaflosigkeit, sagte ich mir, und las die Liste gleich noch ein drittes Mal.
Falls Sie auch mal nicht einschlafen können, nehmen Sie doch einfach an einem kleinen Gewinnspiel teil: Finden Sie meine drei Favoriten in dieser Liste und Sie gewinnen eine selbstgebrannte Mandel oder Musik-CD, ganz nach Gusto (oder meinetwegen auch ganz nach Gustl).

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Zurück zur Gesundheit und dem, was da so an der Backe haftet. Ziemlich hartnäckig pappt es da. Aber man muss auch kleine Erfolge wertschätzen sowie das Drumrum dieser kleinen Erfolge. Der Osteopath hat einige Schmerzpunkte weggezaubert, ich check‘ es zwar nicht, wie der das macht, aber er macht’s. Sogar zum Freundschaftspreis, weil man kennt einander nun seit 15 Jahren, 10 davon als Privatpatient, da ist man quasi für magerere Jahre schon ein wenig in Vorleistung gegangen. Der Ellenbogen nun um Welten beweglicher, die Schulter tageweise schmerzfrei, der Nachtschlaf auch besser.

Und weil sich’s so ergab – er ist nämlich wirklich ein sehr netter Mensch, dieser Osteopath – bot er an, sich das Fräulein auch mal anzusehen. Umsonst, weil er ja keine spezielle Ausbildung für Tierbehandlung hätte.

Die Sitzung hat mich extrem angerührt: diese großen Therapeutenhände auf dem kleinen Hundekörper, und so erstaunlich, wie schnell sie ganz ruhig wurde und still hielt und ihn, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, einfach machen ließ. Beruhigendes Ergebnis zudem, dass der Knubbel rechts neben der HWS, den ich seit längerem beim Kraulen spüre, eine muskuläre Sache ist – mir fällt ein Stein vom Herzen.

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Wenn aber momentan ein Stein vom Herzen fällt, kippt das Schicksal sogleich ein paar Brocken nach. Der Obdachlose aus der Unterführung hier in der Nähe ist nur zwei Wochen nach seinem Hund gestorben.
Mir bleibt die Spucke weg und wird noch kälter als mir eh schon ist, als ich’s erfahre.

„Bubi, du darfst mir nicht erfrieren!“, das sagte er noch vor rund einem Monat zu seinem alten Hund. Ich hörte es, weil ich durch die Unterführung joggte und meinem Walkman just der Saft ausgegangen war (genau wie mir, nachdem ich Zeuge dieser Szene geworden war).

Brachte ihm später eine Decke für seinen Bubi. Hat aber nichts mehr geholfen, der Hund starb trotzdem wenige Tage später. Und neulich, wieder durch die Unterführung zum Park laufend, sehe ich die alte Decke bei einem anderen Obdachlosen und frage spontan nach, wo denn der ursprüngliche Besitzer der Decke sei. „Is‘ tot“, sagt der Unterführungskollege, rollt sich in die Decke ein und dreht sich zur Seite.
Da gefriert einem echt das Blut in den Adern und der heimische Wasserschaden wirkt auf einmal reichlich banal.

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Dennoch möchte ich Ihnen den Status quo zu diesem kleinen, heimischen Desaster nicht vorenthalten, zumal mir klar ist, dass manch eine/r von Ihnen mich sonst eh per Mail oder fernmündlich um Auskunft ersuchen würde. Weil das ja schon ein arg hässlicher und fieser Fleck war, der sich da in unserer Kammer ausbreitete und die Regalreihen eine nach der anderen zu okkupieren drohte. Da würde ich auch nachfragen, wenn ich wüsste, ein Freund oder eine Freundin hätte einen solchen Fiesling mitten in der Wohnung sitzen.

Sage und schreibe 13 Tage nach meiner Schadensmeldung klingelte hier – natürlich zur absoluten Lieblingszeit (vor 8 Uhr morgens) – ein Mitarbeiter einer Firma mit dem verheißungsvollen, aber verlogenen Namen „Schaden365“. Verlogen, weil mindestens 13 Tage gehören hier ja abgezogen und man weiß nicht, wie’s anderen ergeht.

Ein freundlicher Mann in – mit noch schlafverklebten Augen betrachtet – Glen-Hansard-Optik, nur jünger und mit schlechter sitzenden Hosen, betritt schwer bewaffnet die Wohnung. Das Dackelfräulein begrüßt ihn aufs Herzlichste, denn sie weiß: Handwerker kommen grundsätzlich nur hier vorbei, um mit ihr zu spielen (und man muss sagen: manchmal ist das ja tatsächlich das einzig positive Ergebnis solcher Besuche). Sie bringen immer große Boxen mit, in denen viele Spielsachen drin sind, die sich toll von einer Dackelschnauze stibitzen lassen und wunderbar über den Parkettboden gekickt werden können. Außerdem gehen sie kurz nach Ankunft auf die Knie, um auch auf Augenhöhe mit ihr spielen zu können, nachdem sie sich zuvor intensiv die Ohren und den Bart säubern ließen. Pippa liebt Handwerker, Heizungsableser und Hausmeister, bislang beruhte das auch meist auf Gegenseitigkeit.

Der nette Herr von „Schaden365- minus-mindestens-13“ hat Spielsachen dabei, die auch ich noch nie gesehen habe. Eine Wärmebildkamera beispielsweise. Damit kann man den Verlauf der Rohre hinter der verschimmelten Wand nachvollziehen, wenn man Wasser hindurchschickt, und auch noch einiges andere wie heimliche Nebenpfade, die das Wasser sich gesucht hat, aufspüren. Klasse Sache!

Nach anderthalb Stunden ist die undichte Stelle hinter der Wannenarmatur gefunden und abgedichtet, in der Kammer der Putz oberflächlich, aber fürs Erste gründlich genug abgeschlagen und alles stinkt nach Chlorbleiche. Wir haben außerdem ein paar neue Begriffe aus der Wunderwelt der Wasserschäden gelernt und die Empfehlung erhalten, dass der gesamten Wand zwischen Bad und Kammer im Frühjahr, wenn das Bad erneuert wird, ein Neuaufbau gut täte. Na, das wird ein Spaß!

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Das habe ich Ihnen, glaube ich, noch gar nicht berichtet, oder? Im Zuge des Wasserschadens und des Begehungstermins letzte Woche hier vor Ort, habe ich unserem Vermieter die Zusage für ein komplett neues Badezimmer aus den Rippen geleiert. Das war eigentlich so ein Fernziel von mir, für 2021 oder 2022, man muss ja die Wünsche an diese Münchner Vermieter sehr wohldosiert platzieren und bloß nicht zu viele oder zu kostspielige auf einmal, aber jetzt bot es sich an, das vorzuziehen, denn so schnell kommt so eine Gelegenheit nicht wieder, dass der Vermieter höchstselbst die vergilbten Silikonfugen am Wannenrand und die fragwürdigen Fugen im gesamten Fliesenspiegel mal zu Gesichte bekommt und ich mich live sowohl sehr glaubhaft als spießige Hausfrau als auch als bemitleidenswerte Allergikerin präsentieren kann.

„Schauen Sie, wir halten Ihre Wohnung wirklich sehr gut in Schuss und haben hier auch schon viel investiert, das sehen Sie ja, da wäre es doch schön, wenn ich nicht dauernd niesen müsste und mir endlich mal keine Sorgen mehr machen bräuchte, wo vielleicht als nächstes der Schimmel durchbricht…“ – bei diesem (inhaltlich weit übertriebenem) Satz den Vermieter wie beiläufig ins ordentlich gewienerte Bad geführt, so dass ihm der Kontrast zwischen der schon seit weit vor Einzug vorhandenen Baufälligkeit dieser Nasszelle und meinem redlichen Bemühen, das Beste daraus zu machen, zwangsläufig auffällt, ja: auffallen muss, und als ich zum nächsten, die Notwendigkeit eines neuen Badezimmers untermauernden Argument ausholen möchte, unterbricht er mich bereits und meint „Ja dann wird das jetzt einfach mal gemacht. Und zwar gleich im Februar oder März. Was hätten Sie denn gern alles erneuert? Fliesen? Wanne? Der Boden, geht der noch?“
Nein, natürlich geht auch der Boden nicht mehr bzw. der vorhande wird dann nicht mehr zu den Fliesen passen, die wir uns vorstellen. Alles muss raus. Wenn schon, denn schon.

In die große Vorfreude auf eine nahende Badzukunft ohne Ekelsilikon und Schimmelsporen mischt sich allerdings auch bald blanker Realismus.
Zu präsent sind sie noch, die Wochen der Umzüge und der Handwerkeleien aus den Jahren 2017 und 2018, zu präsent ist auch noch die Erinnerung daran, dass Renovierungen jeder Art immer auch Baustellen jenseits der eigentlichen Baustelle mit sich bringen, neben all den anderen möglichen Seiteneffekten, dem Dreck, dem Terminchaos und dem unvermeidbaren Verhau hier herinnen.

Im Hinterkopf formiert sich daher schon seit Tagen ein Fluchtszenario: Wenn man das Ganze so richtig gut vorbereiten würde, sich da selbst organisatorisch reinhängen würde, anstatt das alles dem Vermieter zu überlassen, dann wäre es ja eventuell denkbar, dass man nach ein paar Tagen, in denen man Lolek & Bolek (treue Leser erinnern sich vielleicht noch an die beiden und tatsächlich besteht nun die Aussicht auf ein „Lolek&Bolek 2.0“, ja wer hätte das gedacht?, aber die können halt alles, von der Türschwellenschreinerei über Lackierungen und Anstriche bis hin zum Fliesenlegen) hier eingewiesen und ihnen ein bisschen auf die Finger geschaut hat, vielleicht die restliche Zeit allein werkeln lässt, sich währenddessen anderswo einquartiert, wo man auch Duschen und Baden kann – und erst dann wiederkehrt, wenn hier alles erledigt und alles wieder gut ist.

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Dass alles gut sein möge, diese Sehnsucht wohnt ja nicht nur still und leise in jedem Einzelnen von uns, sondern auch unüberhörbar in urbanen Treppenhäusern. Die Nachbarin, im Grunde eine ganz Nette und Unkomplizierte, ist auf dem besten Wege, sich den Status nett und unkompliziert, den sie bislang bei mir genoss, nachhaltig zu ruinieren. Seit einiger Zeit schleudert sie mir bei unseren Zufallsbegegnungen im Treppenhaus jedesmal ein mit Hast rausgeprustetes „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ entgegen. Bislang habe ich das mit einem sozialverträglichen „Ja“ quittiert, wohl wissend, dass ein „Nein“ ja nicht das wäre, was die nette, unkomplizierte Nachbarin zu hören beabsichtigt.

Diese nachbarschaftliche Anpassungsleistung meinerseits war jedoch ein großer Fehler, denn jetzt hat sie ihre unselige Floskelfrage zu einem noch zeitsparenderen „Na, alles super?“ umgemodelt und sich damit nun das längst fällige „Nö!“ von mir eingehandelt.
Woraufhin wir dann ins Gespräch kamen, was eigentlich auch nicht in meiner Absicht lag, da ich es vorziehe, Treppenhausbegegnungen kurz, nett und unkompliziert zu halten und mich nicht in längere oder gar persönlichere Unterredungen verwickeln zu lassen.

Womöglich ist mein Wunsch, es bei einem freundlichen „Hallo“ samt Blickkontakt zu belassen auch nichts wesentlich Anderes als das ehemalige „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ der Nachbarin. Hätte sie es nur dabei belassen!

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Für heute belasse ich es bei diesen Einblicken und Ausblicken, sende Ihnen herzliche Grüße, verbunden mit dem Wunsch, dass bei Ihnen alles gut oder sogar super sein möge – und sollte das nicht rundum der Fall sein, so wie bei mir ja auch, dann wünsch‘ ich Ihnen, dass Sie’s auch nicht zu bitter oder zu ernst nehmen, erst recht nicht in dieser für viele ja eh schon recht anstrengenden Vorweihnachtswoche.

Matrjoschka (2).

Zusammen mit dem Advent kommt Jahr für Jahr auch die Erinnerung an das abgebrochene Blatt zurück.
Spätestens, wenn ich den ersten Adventskranz sehe, fällt es mir ein.

Matrjoschka Nr. 2 tritt aufs Podest, erhebt ihr dünnes Stimmchen und spricht: Über damals und über den Advent.

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Meist konnte die Mutter nicht allzu gut mit der Tochter umgehen. Sie gab sich dabei wie jemand, dem das Leben eine Rolle vor die Füße geworfen hatte, die ihn permanent überforderte, derer er sich aber leider nicht entledigen konnte.

Dieses kleine, lebendige, ganz eigene und zugleich völlig fremde Wesen zu erziehen – und zwar Erziehen im Sinne einer aufrichtigen Unterstützung beim Sich-Herausbilden-Lassen dessen, was da in diesem kleinen Menschen dringend zum Vorschein kommen will, wie ein Pflänzchen, das für sein Emporkommen aus dem Erdreich, sein erstes Blatt, seine erste Blüte nach einer verlässlichen und konstanten Menge Wasser verlangt, so dass der zuständige Gärtner nicht nur an gut gelaunten Tagen mal mit der Gießkanne vorbeischlendern und ein paar Tröpfchen verlieren darf – war eine Aufgabe, der sie nicht gewachsen war und deren möglicher Verlauf sie auch erschreckte.
Wer würde da heranwachsen?
Und wie würde sie eventuellem Wildwuchs beikommen können?

Notgedrungen eignete sie sich schließlich ein wenig Teilzeitgärtnereiwissen an, verlegte sich hierbei vor allem aufs Zurechtstutzen des Pflänzchens, zupfte beständig an ihm herum, riss ihm hier und da ein Blättchen aus, kürzte Verästelungen, die entstehen wollten und ihr nicht gefielen, steuerte die Blütephasen durch gezielte Düngung und topfte es nach Belieben um, wann immer sie der Meinung war, es sei mal wieder an der Zeit für einen Standortwechsel.
Das Pflänzchen wuchs über viele Jahre langsam, aber wunschgemäß in die Höhe und in die Breite, beides nicht zu üppig und nicht zu karg, ganz so wie die unfreiwillige Hobbygärtnerin es vorgesehen hatte.

Nur Wurzeln zu schlagen, das gelang ihm nicht, dafür wurde es zu oft versetzt in seinem noch jungen Leben. Es blieb ein wackliges Pflänzchen, das oft kränkelte. Und auch das mit dem Erblühen fiel ihm schwer: Denn kaum hatte es seine kleinen Knospen mühsam zu Blüten geöffnet, welkten diese rasch, fielen früh zu Boden, landeten neben dem Übertopf aus Terracotta, in den das Pflänzchen gestellt worden war, und harrten dort ihrem Schicksal, von der Gärtnerin oder einem Windstoß weggefegt zu werden.

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Was der Mutter weitaus mehr lag als Gärtnerei oder Kinderei, war Ton. Terracottafarbener, weicher, formbarer Ton. Sie kaufte ihn säckeweise, bearbeitete ihn mit einer Engelsgeduld, übte leidenschaftlich mit und an ihm, schenkte ihm viel Zeit und große Aufmerksamkeit.
Mit dem Ton verstand sie sich von Anfang an hervorragend, denn der Ton war stumm, stellte keine Fragen und wollte nichts von ihr, aber je intensiver sie sich mit ihm befasste, desto mehr tat er, was sie von ihm wollte und das wiederum bescherte ihr eine Zufriedenheit, die sie in ihrem Alltag niemals fand.
Der Ton ärgerte sie auch nicht mit Wildwuchs, er fügte sich geschmeidig in ihre Hände und nahm meist willig die Form an, die sie ihm geben wollte. Die Mutter und er wurden ein inniges, eingeschworenes Team, erschufen zusammen die tollsten Dinge und fuhren sogar gemeinsam in Urlaub.
Zwei Abende pro Woche verbrachte sie in einer benachbarten Keramikwerkstatt, der Papa und ich verbrachten diese Abende mit Lettra-Mix-Partien und Kniffel-Orgien, ab und zu brachte er auch mal den tragbaren Fernseher aus dem Büro mit und wir sahen zusammen einen Film an.
Töpferabende waren gute Abende, denn mit dem Papa allein zuhause zu sein, war in diesen Jahren durchweg entspannt.

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Die Mutter bestückte und dekorierte nach und nach den gesamten Haushalt mit ihren tönernen Objekten, eines schöner und kunstvoller als das andere, viele davon sogar auch noch nützlich.
Und eines Tages schleppte sie den Adventskranz nachhause. Einen riesigen, rötlich glänzenden Kranz aus Ton, rundum verziert mit hell lasierten, aufgesetzten Blüten, die der Papa und ich, wir ollen Banausen, natürlich nicht sofort als Christrosen identifizierten. Die Halterungen für die vier Adventskerzen waren exakt symmetrisch auf dem Kranz angeordnet, jede war mit einem Dorn in der Mitte versehen, der die Wachslichter fixieren sollte.
Es war ihr Meisterstück, ihr Werk für die Ewigkeit.

Der Papa und ich bewunderten es ausgiebig, würdigten jedes winzige, perfekt modellierte Blütenblättchen, damit die Mutter strahlte.
Als der erste Advent nahte, wurde das Kunstwerk prominent in Tischmitte platziert, ein eigens auf die Maße des neuen Tonobjekts zugeschnittener, dunkelgrüner Filzuntersetzer wurde daruntergeschoben, um das Holz des Esstisches vor Kratzern zu bewahren.
Der Kranz war so ausladend, dass man Acht geben musste, bei den Mahlzeiten ja nicht mit dem Speiseteller an ihn zu stoßen, und überhaupt ist es in meiner Erinnerung ein einziger großer Eiertanz gewesen, der um diesen Kranz zu machen war und das vier quälende Wochen lang.

Denke ich an die Advente meiner Kindheit zurück, so muss ich feststellen, dass viele Erinnerungen an diese vorweihnachtliche Zeit von jenem Tonkranz geprägt sind. Er war weit mehr als bloß eine gelungene Keramik oder ein besonders individueller Adventskranz. Er war die tongewordene Mutter, ihr Ebenbild, das dort prachtvoll glänzend inmitten des Wohnzimmers thronte und ob seiner filigranen Form ständig zur Vorsicht mahnte.
Wie ein übergroßer, roter fragile-Aufkleber prangte dieser Kranz auf unserem Tisch und er symbolisierte das, was man sowieso das ganze Jahr über zu praktizieren hatte: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht!

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Auch die Tochter hatte Freude am Ton, war voller Neugier und Tatendrang, durfte sogar einen Töpferkurs für Kinder besuchen.
Und brachte eines Tages eine kleine Schildkröte aus terracottafarbenem Ton mit nachhause. Die Schildkröte bestand aus zwei Teilen: einem Unterteil in Form einer Schale mit einem Kopf und vier Füßen dran sowie einem Panzer, mit dem man die Schale abdecken konnte. Beim Brennen hatte es den Panzer ein wenig verzogen, so dass er nicht passgenau auf dem unteren Teil aufsaß, sondern leicht wackelte, und einer der Schildkrötenfüße hatte eine Delle bekommen.
Die Tochter war trotzdem voller Stolz, als sie mit der etwas windschiefen Schildkrötenschatulle heimkam und präsentierte sie der Mutter. Die bemerkte sofort den wackelnden Panzer und kommentierte ihn mit den Worten: „Da hast du aber nicht gut aufgepasst, der rutscht ja runter!“

In einem Akt von tollkühner Selbstbehauptung stellte ich meine Schildkröte auf den Esstisch, neben den Adventskranz der Mutter. Das zog sogleich einen Aufschrei nach sich, weil der eingedellte Fuß der Schildkröte, der der Mutter ebenfalls nicht entgangen war, den Tisch hätte beschädigen können. Daraufhin setzte ich meine Schildkröte kurzerhand in das große, leere (und wie ich fand: sehr einladende) Rund des Adventskranzes hinein, denn zum einen war dort genug Platz für die Schildkröte und zum anderen stand sie nun auch kratzsicher zusammen mit dem Kranz auf dem grünen Filzboden.
Ein wirklich gutes Gefühl hatte ich bei dieser Aktion nicht, vermutlich schwante mir bereits, dass mein reptiler Erstling dort nicht willkommen sein würde.

Und so war es auch. Als die Mutter die Schildkröte im Herzen ihres Adventskranzes entdeckte, war sie fassungslos und zitierte mich sofort zu sich. Was ich mir denn dabei gedacht hätte, ihren schönen Kranz mit sowas zu verschandeln. Dass diese Schildkröte doch auch überhaupt nicht zu Weihnachten passe. Wie das denn jetzt aussähe auf dem Tisch und dass ihr Kranz dort alleine wirken müsse und in seiner Mitte allenfalls Tannenzweige oder -zapfen liegen dürften.
Sie griff nach der Schildkröte, hob sie aber in ihrem Zorn etwas zu hastig hoch, wollte sie möglichst schnell der Umarmung ihres Meisterwerkes entreißen. Dabei verrutschte der wacklige Panzer und fiel hinunter.
Er fiel – Sie ahnen es schon – auf den Adventskranz. Genauer gesagt auf eine seiner besonders empfindlichen Blüten und brach dem Christröslein eines seiner Blätter ab.
Die Mutter war außer sich und führte sich auf, als hätte ihr meine kleine Schildkröte die Kehle durchgebissen.

Den Fort- und Ausgang dieser Vorweihnachtsidylle erspare ich Ihnen – und mir.
Nur so viel: Die Schildkröte ist damals bald eingegangen, sie verkümmerte einfach, so wie manche der Pflänzchen um sie herum es ja auch taten, mangels Licht, Wasser oder Raum.

Adventskränze und Christrosen zieren seither eher selten meinen Tisch und nach diesem Vorfall wagte ich es auch nie mehr, ein Stück Ton anzurühren, obwohl ich es damals geliebt habe, den nassen Ton anzufassen und nie vergessen habe, wie gut sich das anfühlte.

Nur Schildkröten, die mag ich immer noch.
Vor allem die mit einem krummen Panzer und einer Delle am Füßchen.

See_lenfrieden.

Eine überwiegend aufreibende, anstrengende Woche. Am Schreibtisch ebenso wie draußen – und überhaupt.

So ein Tierkliniktermin hängt mir tagelang nach, vor allem, wenn auch die Diagnosen erst Tage später eintreffen. Selbst, wenn man bewusst nicht wartet, so wartet man eben unbewusst doch.

Seit gestern wissen wir mehr. Giardien. Na super. Den Hundekundigen unter Ihnen ist klar, was das bedeutet. Den anderen empfehle ich, nicht nachzuschlagen. Immerhin ist nun die fünfwöchige Leidenszeit des Dackelfräuleins hinreichend erklärt.

Dann noch ein anderer Verdacht, aufgrund der Blutwerte. Gar nicht schön. Das bleibt hier aber so lange unerwähnt, bis es endgültig abgeklärt ist, denn ich bilde mir gelegentlich ein, dass man manchen Dingen durch ihr Nicht-Niederschreiben auch ihre Existenzgrundlage entziehen kann.

Überhaupt stand Fräulein Hund diese Woche etwas arg im Vordergrund. So lang war sie noch nie paarungswütig, so oft hab ich noch nie „Ist das ein Rüde?“ durch die Gegend geplärrt oder mein Bein trennend zwischen sich begegnende, hormongesteuerte Vierbeiner gestellt.

Und nebenher noch viele andere Dinge, die einen beschäftigen (zwischendurch den rechten Arm endlich dem Osteopathen anvertraut).

Deshalb bin ich jetzt mal kurz weg.
Auf Mutter-Kind-Kur quasi. Nur ohne Kind. Das ist daheim, beim treusorgenden Gatten.
Ich hab mal nachgerechnet: 2019 war ich bislang genau 4 Tage/Nächte als Individuum ohne Anhang unterwegs. Da schlag ich doch nun glatt nochmal zwei Tage obendrauf!

Muss mal für mich sein. Aber nicht irgendsoein Wellnesskörperpamperseeleaufweichprogramm (schade eigentlich), sondern eine kleine Arbeitsklausur. Ein Text möchte fertig werden. Bzw. überhaupt erstmal geschrieben werden. Ein wichtiger Text. Das erfordert Ruhe und Abstand – und einen geeigneten Ort fürs Anfangen.

Dieser Ort ist hier. Am See. Mit Blick auf den See. Grau sieht er aus, im November, aber das passt prima.

Nebenan das Bootshaus, vor dem in den Kindheitsommern der S. saß, der immer mit der Mutter flirtete (und sie mit ihm), wenn wir bei ihm ein Ruderboot ausliehen, um rauszufahren auf den See.

Unverändert steht es da, das Bootshaus. Ich kann das Knarzen der Holzplanken noch hören, wenn die Mutter über den Steg lief, um trockenen Fußes das Boot besteigen zu können (es ging wohl eher drum, sich von S. ins Boot hineinhelfen zu lassen, denn er hielt sie immer an der Hand, sobald sie die erste Sprosse der Leiter betrat, die vom Steg ins Wasser hinunterragte).

Kann das Knirschen und Klackern der Uferkiesel noch hören, über die ich in dem türkisen Jerseykleidchen mit dem Segelbootmuster (die Basttasche über der Schulter und die Sandalen in meiner Rechten) ins Wasser hineinging, um von dort aus ohne helfende Hand in das Boot zu klettern, in dem die Mutter bereits saß und selten selig vor sich hin lächelte.

Der S. wohnt im oberen Ortsteil, ist nun 79 und längst nicht mehr Bootsverleiher, bestimmt aber immer noch so braungebrannt wie 1979.

Haben Sie ein schönes Wochenende & bis demnächst!

Matrjoschka (1).

Matrjoschka Nr. 1: Die Kleinste von allen hat als Erste das Wort.

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Die Mutter war Russin, weshalb ihre Tochter eine Natascha Irina sein musste.

Hätte sie einen Sohn geboren, säße hier nun mein männliches Pendant auf dem Sofa. Ein Boris Alexander, mit seinem Laptop auf dem Schoß, er hätte vielleicht kein weißes, sondern ein silbernes oder schwarzes.
Vielleicht würde er Wodka trinken statt Weißbier und bestimmt hätte er zur Winterzeit im Unterschied zu mir stets warme Füße. Und vielleicht läge anstelle einer Rauhaardackeldame ein Sibirischer Huskyrüde unter seiner Wolldecke.

Aber wie dem auch sei: Er hätte dieselbe Mutter gehabt, und er hätte sich ebenso als ihr einziges Kind unter ihrem Regiment behaupten müssen.

Was hätte er für eine Überlebensstrategie entwickelt?
Wäre er stärker gewesen als ich? Oder schwächer?
Ob auch er eines Tages davongelaufen wäre? Oder geblieben wäre?
Hätte er sie wohl länger lieben können als ich? Oder gar noch kürzer?
Und wäre es ihm möglich gewesen, an ihrem Sterbebett zu sitzen? Oder ebenso wenig?

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Ein russisches Original: Birkenholz, handbemalt und aus sieben Teilen bestehend.

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Der Papa brachte sie mir neulich aus Russland mit.

Er hätte eine ganze Weile suchen müssen, sagte er, bis er eine gefunden hatte, die der, die zu meinen Kindheitstagen im großen Bücherregal der Mutter stand und von dort, aus einer Lücke zwischen dem grün ummantelten Pschyrembel und den blau eingebundenen technischen Wörterbüchern, völlig reglos, aber mit wachem Augenaufschlag auf unser Familienleben hinunterblickte und das, was sie sah, sich verpuppen ließ, um es dann gut in ihrem Inneren zu verbergen, zum Verwechseln ähnlich sah und die aus genauso vielen Figuren bestand: nämlich aus sieben Puppen.

Schließlich hatte er sie gefunden.

Nach 35 Jahren habe ich nun wieder eine Matrjoschka. Eine echt russische!
So wie die, die ich als Kind immer wieder auseinandernahm und zusammensetzte, um sie dann erneut zu zerlegen und wieder zusammenzubauen – und immer so fort.
Es war die Hauptaufgabe, die ich in dieser Familie hatte: all diese Figuren irgendwie zusammenzuhalten oder sie zu separieren, je nach Temperatur, die das familiäre Thermometer gerade anzeigte, und mit viel Fingerspitzengefühl, damit das feine Birkenholz, aus dem sie gedrechselt waren, ja nicht zerbrach.
Mal stellte ich sie als Ganzes zurück ins Bücherregal der Mutter, mal platzierte ich alle sieben Puppen einzeln dort, was der Mutter missfiel.
Sie geriet dann in Sorge, eine der kleineren Matrjoschkas könne zu Boden fallen und dabei kaputtgehen.

Rückblickend denke ich, dass ich schon früh die Verwandtschaft zwischen der Matrjoschka und unserer Familie wahrgenommen hatte und sie mich deshalb so faszinierte.
Denn unsere Dreiheit war genau wie diese Matrjoschka: ein zurechtgedrechseltes Kunstprodukt, ein ineinander verschachteltes Etwas, nach außen hin zwar bunt und lächelnd, tief drinnen aber mit einem harten, hölzernen Kern, der umgeben war von vielen Hüllen, jede davon schmerzerprobt, weil potentiell jederzeit in ihrer Mitte durchtrennbar und zu oft allein dastehend (und dann diesen unheimlichen Hohlraum in sich spürend).

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Nun, da ich der Mutter nichts mehr übelnehme – und das nicht etwa, weil ich ihr alles verziehen hätte, was ich ihr einst übelnahm, sondern: seit der irdische Part unserer Geschichte ein Ende fand, fühlt sich die Vergangenheit von Jahr zu Jahr friedlicher an, wohl weil ihr jede Zukunft genommen wurde und sich das als heilsam erweist – kann ich über sie schreiben.
Kann sie be_schreiben, die Mutter und die 17 Jahre, die ich mit ihr verbrachte.

Freuen Sie sich also auf „Matrjoschka“, die neue Winterserie hier im Kraulquappen-Blog.
Oder besser gesagt: Seien Sie zumindest gespannt auf etwas dunkle Lektüre in der dunklen Jahreszeit, die gut zu einem Pott schwarzem Tee mit zu viel Rum drin passen könnte, aber richten Sie Ihre Freude vielleicht doch lieber auf Bekömmlicheres wie z.B. Weihnachtsplätzchen oder die Schokoladenstückchen aus Ihrem Adventskalender, die demnächst ja Einzug halten werden.

Diese Serie wird sieben Teile umfassen, so wie auch die Matrjoschka, mit der ich als Kind unter dem großen Schreibtisch der Mutter hockte und spielte, aus sieben Figuren bestand. In jeder Folge wird eine der Puppen ihre Geschichte erzählen.
Obwohl es noch exakt sieben Wochen bis Weihnachten sind, werden wir bis dahin nicht fertig sein, sondern erst dann, wenn der Schnee, der jetzt noch gar nicht gefallen ist, langsam wieder zu schmelzen beginnt.

Ich versichere Ihnen, mir Mühe zu geben, die Memoiren der sieben Holzpüppchen jeweils so zu lektorieren, dass Ihnen die veröffentlichten Beiträge nicht ähnliche Frostbeulen bescheren wie sie sie in der damaligen Kinderseele der Tochter hinterließen – es ist draußen ja schon zapfig genug.

Und falls Sie sich fragen, wieso Sie diesen Siebenteiler nicht während der dauerheißen Sommermonate kredenzt bekommen, wo ein bisschen Frösteln ja durchaus wohltäte, so kann ich das schlicht und schnell damit beantworten, dass manche Geschichten emotional und auch sonst Wintergeschichten sind und daher in keiner anderen Jahreszeit erzählt werden können.

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Die sieben Mütterchen aus Russland packen aus.

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