Die Kunst der Fuge (und was man sonst so treibt).

Abends ein Telefonmarathon von Couch zu Couch (1x Berlin, 1x München), aufgrund der Länge und der Themen fühlte sich das fast an wie ein richtiges Treffen.
Nebenbei bescherte das Gespräch die erfreuliche Erkenntnis, dass auch andere Menschen dem Bedürfnis nachgeben, diverse Listen zu führen, deren Nutzen und Notwendigkeit objektiv betrachtet als fragwürdig bezeichnet werden könnte.

Danach im Bett liegend gleich die Liste meiner persönlichen Widerwärtigkeitsworte ergänzt, in der medialen Peripherie der Pandemie stößt man derzeit ja fast täglich auf neue Fundstücke, derer ich mich durch Niederschreiben zu entledigen versuche. Nun neu auf der Liste: geshutdownt (überhaupt: dieser gesamte anglizismenlastige Seuchen-Sprech gehört komplett auf den Index gesetzt, genauso wie das Wort Sprech selbst), Inzidenz-Hotspot (brr!), Knuffelkontakt (bäh!), Winterwonderland (warum muss nur immer alles so überhöht werden? und wenn schon: warum geht das nicht in unserer Sprache?), Krisenfrise (frisch aus dem kommunikativen Komposthaufen des Morgenradiomoderatorenhumors).

Tagsüber hämmert, schleift und bohrt Lolek unterstützt von seiner unverwüstlichen Verwandtschafts-Gang schon seit letzter Woche wieder in der Wohnung über uns herum, der Gatte ist nach Frankfurt in die menschenleere Universität geflohen und ich lasse mir jeden zweiten Tag Schnee in die Ohren rieseln und bade in der Stille der weißen Flöckchen.
Ende Januar wird die Bude fertig sein, dann droht nahtlos der Einzug der neuen Nachbarn, eine vierköpfige Familie, Franzosen wohl, wie Lolek mir verriet. Spontan eine Assoziation: dass die bestimmt dezenter und leiser sind als die trampeligen und laut krakeelenden Südländer, freilich sind das alberne Vorurteile und dennoch hätte ich nichts dagegen, sie träfen in diesem Fall zu.
Wir werden es sehen bzw. hören.

Da die 7-Tage-Inzidenz hier in München noch unter 200 liegt und man noch ohne Bußgeldbefürchtungen zu Sport und Bewegung ins Voralpenland fahren darf, nach einem Tag Pause zu dem Schönwetterbergtag gleich wieder eine Schnee-Expedition gemacht. Endlich mal die Leib-und-Magen-Rundtour des hübsch Bewimperten ausprobiert, sehr schöne Sache, wirklich.
Bei Sonnenschein sicher noch viel schöner, denn von der Aussicht, die man dort haben könnte, war vor lauter Schneewolken nichts zu sehen (siehe grau-weiße Bildergalerie etwas weiter unten im Beitrag). Dafür sorgten Himmelsgrau und Wochentag für absolut freie Strecke und während sich daheim in der Stadt der Schnee bereits in eine braune Brühe verwandelt hatte, konnten D. und ich und das Dackelfräulein dort draußen durch den Pulverschnee wedeln.
Ist die 200er-Marke dann überschritten, und ich tippe hierfür auf Ende der kommenden Woche, muss man sich zum Gassigehen und Schneesuchen an eine neue Landkarte gewöhnen:

Wobei ich jetzt keinesfalls jammern möchte, denn nie war es beruhigender, den einzigen Verwandten ausgerechnet am Tegernsee wohnend zu wissen, weil man (Stand Söder, von vorgestern) den selbst dann noch besuchen darf, wenn hier wie dort die 15-Kilometer-Regel gelten sollte (dort, im Landkreis Miesbach, tut sie’s bereits!), nicht auszudenken, es hätte den Papa 60 km in die entgegengesetzte Richtung verschlagen, weil was sollte man in Zeiten wie diesen, in denen es einen so nach Ästhetik dürstet, man diese außerhalb der eigenen vier Wände und der dort genossenen Bilder, Buchstaben oder Bässe, von denen so ein Akkordeon ja gottseidank stolze 72 bietet, nur in der freien Natur findet, die aber seit Wochen und Monaten noch mehr als sonst unter dem Ausflüglerandrang ächzt, so dass es oft detektivischen Spürsinns bedarf, Spazier- oder Wanderwege zu finden, auf denen es sich befreit durchatmen und das Weltgeschehen mal ein Weilchen ausblenden lässt, was also sollte man ausgerechnet in Zeiten wie diesen in einem Kaff wie beispielsweise Wolnzach, da bin ich doch wirklich froh, dieselben 60 km ins Tegernseer Tal fahren zu dürfen.

Das Schwimmen, es muss mal wieder gesagt werden, fehlt schmerzlichst. Ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Sowohl in die eine Richtung (wie lang ist das letzte Mal her) als auch in die andere (wann wird es wohl wieder möglich sein). Der Schultergürtel ein Brett, der Nacken knackt, die Hüfte zwickt.
Bergsport ist großartig, aber man kann ja (leider) nicht dreimal die Woche ins Auto steigen, um zwei- bis vierstündige Touren im Voralpenland zu unternehmen, da kommt man nämlich sonst zu gar nichts mehr und tut trotz aller CO2-Freundlichkeit und Spritsparsamkeit des Autos der Umwelt nichts Gutes.
Vollends zuhause und in meinem Element bin ich nunmal im Wasser. Und ohne Wasser kein Leben, das ist ja bekannt.
Auf der Homepage der Münchner Bäderbetriebe, die die Kundschaft alle paar Wochen mit lieb gemeinten Durchhalteparolen zu trösten versuchen („Wir vermissen Euch, bleibt gesund!„), kommentiert dieser Tage eine Ärztin: „Ich vermisse euch auch und hoffe, wir sehen uns dann Ende Juni wieder.
Ende Juni?!? Woher hat die das? Wie kommt die da drauf? Ist das realistisch?

So gut es geht schiebe ich diese (Luxus-)Sorgen beiseite und blende Fragen, auf die jetzt eh niemand eine Antwort hat, aus. Freue mich an dem, was noch geht, fokussiere mich auf Anderes und Neues.
Bestelle beispielsweise Sanitärsilikon und erneuere die Fuge an der Badewanne des hübsch Bewimperten. Ein Projekt, das mehr Zeit und Nerven kostet, als wir beide dachten. Nachdem der Fugenhai seine Arbeit getan hat, stellen wir fest, dass der Vormieter ca. drei Liter Silikon in dem Spalt zwischen Wanne und Wand versenkt hat. Da die Baumärkte geschlossen haben, muss die eine Kartusche, die ich besorgt habe, ausreichen. Also werden aus Styropor ein paar Balken gesägt, um Hohlräume aufzufüllen und trotzdem ist anschließend noch eine dermaßen dicke Silikonwurst nötig, dass der Dichtstoff ausgeht und eine zweite Kartusche bestellt werden muss (absurd: Sanitärsilikon in weiß ist deutschlandweit nahezu ausverkauft, offenbar ist Verfugen ein typischer Lockdown-Lückenfüller oder eine nur allzu menschliche Reaktion auf die aus den Fugen geratene Situation – Silikonieren als Sinnbild der subjektiven Seuchenbekämpfung in unseren häuslichen Sanitärzellen, was weiß ich…?).
Ich klebe den gesamten Wannenrand mit Folie ab, damit der Freund bis zur Vollendung des Werks duschen kann. Mit der zweiten Kartusche geht es eine Woche später weiter, immerhin kann man jetzt verschwenderischer agieren.
An den zwei langen Abenden, an denen ich mich der Kunst der Fuge widme, kauert der hübsch Bewimperte stundenlang vor seiner Nähmaschine oder auf dem Fußboden, um den Prototyp der Lodenmäntel für unsere Hundefräuleins zu entwerfen, anzupassen und zu nähen. Dazwischen bestellen wir Pizza, machen Yoga, spielen mit den Hunden und erzählen uns unser Leben.

Auch mit D., meiner anderen Corona-Bezugsperson, ehemals enge Freundin genannt (ich treffe ja, wie schon im Frühjahr 2020, seit drei Monaten konsequent nur noch zwei haushaltsfremde Menschen) ein Nähprojekt, hier ohne Pizza und Yoga, stattdessen mit Weißwurstfrühstück und Tiefschneespaziergang durchs Stadtviertel.
Man schätzt die Talente und Nähe der Freunde jetzt nochmal mehr (oder entdeckt sie ganz neu), jede/r tut, was er/sie kann, gemeinsam ist man so ein Stück unabhängiger von der weitgehend geschlossenen Infrastruktur da draußen.
(Nächstes Projekt: Wir bestellen zwei Friseurscheren und üben uns halt mal in dieser Handwerkskunst.)

Dank Hund sind auch lange, mit den Corona-Bezugspersonenen verbrachte Abende nach wie vor möglich, das nächtliche Heimspazieren nach 21 Uhr läuft unter Handlungen zur Versorgung von Haustieren und wird nicht geahndet.
Diese unfassbare Stille der Stadt um 23 Uhr ist immer wieder ein Erlebnis, manchmal allerdings auch ein unheimliches, denn wenn man eine Viertelstunde lang, mitten im Herzen der Stadt deren Puls weder hört noch spürt, maximal zwei anderen Gassigehern und einer leise durch die Lautlosigkeit der Straßen gleitenden Polizeistreife begegnet, hat das was Gespenstisches.

Das Glück des Hundhabens fühlt sich momentan aber vor allem aus einem anderen Grunde besonders groß an.
Kurz vor dem Tumorkontrolltermin in der Tierklinik, bei dem auch der operative Eingriff vereinbart werden sollte, tasten der Gatte und ich die beiden Knoten an Pippas Brust nochmal selbst ab und staunen nicht schlecht – beide Umfangsvermehrungen haben binnen zwei Wochen ihren Umfang reduziert, die eine sogar deutlich (um gefühlte 60-70%). Die Tierärztin staunt ebenfalls, denn damit ist aus der winzigen Chance, die sie Anfang Dezember erwähnte (zugleich aber empfahl, uns nicht an sie zu klammern), höchstwahrscheinlich nun doch eine Tatsache geworden: die erbsengroßen Verhärtungen, die sich verkleinert haben, dürften einer Lactatio falsa entsprungen sein, eine Art verfrühter, verkaspelter Milchstau während der Scheinträchtigkeit und vor dem fiktiven Wurftermin, der sich, wenn die Hündin dann die Wochen der Pseudo-Mutterschaft durchlebt, wieder auflöst. Nach dieser Botschaft löste ich mich ebenfalls auf, und zwar in Tränen, und die Nierenschmerzen, die mich wochenlang gequält hatten, waren plötzlich verschwunden.

Wir verließen die Tierklinik also ohne OP-Termin in der Tasche, sondern mit dem Rat, das, was von den Knoten noch übrig ist, alle zwei Wochen durch Abtasten zu kontrollieren, und falls nach Ende der Scheinmutterschaftswochen dann gar nichts mehr zu spüren ist, wären wir dem Tumor-Thema tatsächlich erstmal von der Schippe gesprungen.
Sollten die Knoten allerdings nicht komplett verschwinden, muss das Fräulein der Ärztin erneut vorgestellt werden (nun besteht die winzige Chance nämlich in anderer Hinsicht… – dann war es doch nichts rein hormonell Bedingtes, aber daran wollen wir jetzt wirklich nicht denken).

Und so genieße ich es im Augenblick mehr denn je, dem Dackelfräulein zuzugucken, wie sie durch den Pulverschnee pflügt, unter der Schneedecke den einen oder anderen Tannenzapfen ausbuddelt und ihre Beute ausgelassen herumwirbelt, oder so viele weiße Kügelchen an Bauch und Pfoten kleben hat, dass sie aussieht wie ein Büffel mitten im übelsten Fellwechsel und nicht mehr weiterlaufen kann vor lauter eisigem Behang, mich dann hilfesuchend an die Wade stupst, damit ich sie von den Eisbommeln befreie oder – weil ich warme Hände behalten und mir das Gepfriemel ersparen möchte – sie gleich unter meinen Goretexmantel packe (wo das ganze Kugellager von ihr abtaut, bis sie schön trocken und mein Bauch unschön patschnass ist), oben den Reißverschluss knapp unter ihr Nicht-Kinn hochziehe, unten den Gürtel enger zurre, damit sie nicht rausrutscht, und so mit ihr vor die Brust geschnallt wie eine Kängurumutter den watteweichen Winterhang hinuntersurfe.

Über Erinnerung und Innenarchitektur. Zum 12. Januar 2021.

Ein Scharlatan ist sie, die Erinnerung.
Aus dem Erlebten schnitzt sie sich nachgerade das heraus, was sie behalten möchte oder kann. Heftet sodann jenes willkürlich Herausgeschnitzte als lose (oder wahllos?) aneinandergereihte, biographische Bilder (mit oder ohne Erläuterungstext) an die schier unendlich große Pinnwand unserer Lebenssouvenire.
Von dort gucken sie uns an, all diese arrangierten Andenken. Oder lassen sich von uns angucken.
Etliche lächeln uns freundlich zu, manche zwinkern auffordernd, ein paar strahlen vor Glück und springen uns regelrecht an mit ihrem übermütigem „Mensch, weißt du noch…?“-Gehabe.
Andere hingegen glotzen mahnend oder anklagend oder grausam von ihrem Pinnwandplatz aus herüber, manche blinzeln müde durch einen Tränenschleier hindurch und es ist kaum möglich, länger Blickkontakt mit ihnen zu halten.

Im Laufe der Jahre gewöhnen wir uns an diese Sammlung, leben mit ihr zusammen, ungefähr so, wie man mit einem Möbelstück zusammenlebt, das man liebgewonnen hat, weil es einem gefällt oder weil es seinen Zweck so treu erfüllt oder weil es einfach bloß zu teuer oder zu sperrig ist, um in einer Aufwallung spontanen Unbehagens oder Überdrusses hinausgeworfen zu werden.
Wir kultivieren sie jedenfalls auf die eine oder andere Weise, ordnen die Bilder vielleicht mal neu und anders oder hängen die gesamte Pinnwand an einen lichteren oder finstereren Ort – aber es wird kaum einen geben, der ihre Existenz und Aufrichtigkeit ernsthaft in Frage stellen würde.
Sie ist da, sie begleitet uns, und sie beeinflusst uns, mal mehr, mal weniger.

Zu selten fragen wir uns, ob das Memorierte damals wirklich genau so war, wie wir es uns (in welcher Gemütsverfassung auch immer) irgendwann einmal zurechtgeschnitzt haben, sondern wir pappen ein „So war das damals!“ drauf und heften es zu all den anderen Postkarten aus der Vergangenheit, die wir uns selbst geschrieben haben, um unsere Lebensreise und deren Stationen zu dokumentieren.
Ein Akt der Selbstvergewisserung quasi, denn es muss doch möglich sein, das gelebte Lebens in der Rückschau als etwas wahrzunehmen – ein Etwas, das sich auch irgendwie als irgendwas fassen lässt (damit es nicht dem Vergessen anheimfiele und damit vermeintlich zur Bedeutungslosigkeit verkäme).

In der Erinnerung richtet man sich die Räume der Vergangenheit so ein, wie man sie bewohnen möchte.
Manche werden zu wahren Prunkzimmern ausstaffiert, die von protzigen Kronleuchtern bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, denn erstrahlen soll es, das alte, edle Mobiliar, und uns vorgaukeln, wie toll sie doch gewesen sei, diese Zeit damals. Dabei war die Episode, auf die sich die opulente Inszenierung bezieht, eine recht gewöhnliche, unspektakuläre Lebensphase.
Egal – betreten wir einen so gestalteten Erinnerungsraum, hauen wir uns dort zufrieden in den samtenen Fauteuil, entledigen uns mit einer lässigen Wippbewegung der Pantoffeln und lassen mal alle Fünfe gerade sein.
[Wenn ich das so schreibe, fällt mir sofort ein ehemaliger Freund ein, einer der besten Anekdotenerzähler, die ich je kannte: jeder auch noch so banalen Lebensphase verlieh er durch sein Erzählen mindestens einen Hauch von Glamour, Skurillität oder Sensation, ein Highlight jagte das nächste, ja, man konnte leicht neidisch werden auf diese Vita, die so völlig unbesudelt zu sein schien von glanzloser Gewöhnlichkeit und temporärer Tristesse, und er erzählte seine Glitzerstories über die Jahre so oft und mit so viel Inbrunst, dass er sich nicht nur dauerverliebte in seine Biographie, sondern auch in sich selbst, den Protagonisten all dieser grandiosen Geschichten.]
Anderes hingegen, das klein, zart und schön war, landet zu Unrecht auf dem Speicher, wird von schnödem Spinnweb befallen und allenfalls ein Umzug oder eine Generalsanierung könnten es diesem traurigen Schicksal entreißen, weil man es nur dann nochmal anfassen und drüberpusten würde und plötzlich der Anmut gewahr würde, die viel zu lang unter all dem Staub begraben lag.
Der Großteil unserer erinnerten Vergangenheit verteilt sich aber kreuz und quer durch die alltäglichen Räume unserer Behausung: sickert hier ein in Dielen, klebt dort hinter Spiegeln, schlummert in Schubladen, hängt an Haken oder ruht in Regalen, das eine wird ein bisserl hindrapiert, das andere eher versteckt, und das meiste ist einfach nur zufällig da, wo es eben gerade ist.
Und ein paar unserer Erinnerungen werden schließlich zu hässlichen Kellerkammern, in denen nichts als Moder und Mief wohnt. Orte, an denen es einen schon als Kind gegraust und gegruselt hat und denen auch die Taschenlampe in der Hand des Erwachsenen oder Jahre später die Sitzungen beim Therapeuten nie ganz und gar ihren Schrecken nehmen konnten.

*****

Heute denke ich an den 12. Januar vor fünf Jahren, der Tag, an dem N. starb, und zugleich erinnere ich mich an den 12. Januar vor einem Jahr, als ich zu Gast auf einer Geburtstagsfeier war und neben M. zu sitzen kam, eine Begebenheit, die zur Geburtsstunde einer neuen Freundschaft wurde.
Es ist das erste Mal, dass ich nun zwei Erinnerungen an diesen 12. Januar habe, ab jetzt wird das immer so sein, und wer weiß, vielleicht kommt irgendwann noch eine dritte hinzu.

Während N. nach seinem nächtlichen Lauf heute vor fünf Jahren für immer in den Schnee sank, machten M. und ich uns heute vor einem Jahr bei Sonnenschein auf, fortan als Freunde durch die Welt zu wandern.
Gut, zwischen diesen beiden bedeutsamen Ereignissen im Reich der Freundschaft lagen 4 intensive Lebensjahre, 2 aufreibende Umzüge, 1 gottseidank schnell bemerkter Jobirrtum und allerhand andere Schicksalsschmankerl – so gesehen wäre es ziemlich albern, jetzt zu behaupten, dass sich immer dann eine Tür öffnen würde, wenn eine andere sich schließt, ein Sinnspruch, an den sich ja bereitwillig geklammert wird, wenn man erstmal aus dem Garten Eden vertrieben und von den unvermeidbaren Unbilden des Lebens schon ein wenig zerschunden im Vorgarten der Verzweiflung angekommen ist und um einen herum nirgends ein tieferer Sinn aus dem kargen Erdreich zu sprießen scheint.
Eben jener im Schnee gestorbene Freund war es passenderweise auch, der seinem maturierenden Sohne einst auf die Frage, ob das Leben denn irgendeinen Sinn habe, die ebenso ernüchternde wie ehrliche Antwort gab, dass der Sinn des Lebens im Leben selbst bestünde, was den Filius erst wie besessen ins Pianospiel, dann nach Passau und schließlich in eine psychiatrische Klinik flüchten ließ (was der Vater größtenteils nicht mehr mitbekam und sich wahrscheinlich auch nicht auf dieselbe Weise zugetragen hätte, wenn er noch weiter unter den Lebenden geblieben wäre).

Ständig öffnen oder schließen sich alle möglichen Türen (manchmal bekommt man’s leider erst zeitversetzt oder gar nicht mit), und auch hier spielt einem die Erinnerung nicht selten einen Streich, was die nachträgliche Bewertung angeht.
Fünf Jahre nach dem Tod von N. sortiere ich also heute jene Ecke auf meiner Lebenssouvenirpinnwand, die mit Bildern aus der Zeit, in der wir einander kannten, bestückt ist, plötzlich neu (um nicht zu sagen: ich miste dort gründlich aus). Fünf Jahre hat es gedauert, um zu erkennen, dass da manche Erinnerung in einem vergoldeten Rahmen hing, obwohl ein schlichter Cliprahmen angemessener gewesen wäre. Und dass das eine oder andere Bild arg schief hing, fiel mir, die ich ansonsten sehr genau bin in solchen Dingen, ebenfalls jahrelang nicht auf.
Ist es das Los mancher zu früh aus dem Leben Geschiedenen, dass sie durch ihren so unerwarteten Tod die Nachwelt zu Verklärung und Vergoldung anstiften? Oder war hier abermals der Adjutant der Erinnerung, dieser munter herumstümpernde Innenarchitekt am Werk?

Wie dem auch sei – eigentlich wollte ich anlässlich des heutigen (nun in doppelter Hinsicht) Jahrestages ja nur festhalten, dass ich ein kleines Verdutztsein darüber verspüre, dass es exakt dieses Datum ist, an dem der eine Freund ging und der andere in mein Leben trat, wobei Letzterer binnen eines Jahres ein engerer Freund wurde als Ersterer in einem ganzen Jahrzehnt.

Und ich wollte sagen: Danke, lieber M., für dieses vergangene Jahr, das so reich war an Freude, Ausflügen, Perspektiven, Erlebnissen, Gesprächen, Entdeckungen, Verbundenheit und Kuchenstücken!

Bergwieseln, allein.

Nach einer vergleichsweise längeren Bergpause – wider besseren Wissens zwar, aber bei allem, was war und ist, hab ich die Kurve einfach nicht gekiegt (oder es waren die falschen Gelegenheiten, wie z.B. am Wochenende, als B. eine Tour vorschlug, die ich aber wegen des zu erwartenden Andrangs ausschlug, weshalb es kurz knirschte zwischen uns, so wie es in diesen Zeiten ja mit manchen schnell mal kurz knirscht, weil die geltenden Regeln oder Empfehlungen unterschiedlichste und individuellste Deutungen und Dehnungen erfahren) – nach einer längeren Bergpause also, es mögen glatt gute drei Wochen gewesen sein, gab ich mir heute Morgen einen Ruck, packte das dazugehörige Säcklein und fuhr hinaus.

Ausnahmsweise mal ganz allein, ab und zu muss das sein, ohne Bezug und Begleitung, auch wenn es sich fremd und fast ein bisschen falsch anfühlte, nicht wenigstens das Dackelfräulein an meiner Seite zu haben (in der Jackentasche aber trotzdem ein Gassisackerl mit dabei und im Rucksack später auch noch ein Würstchen gefunden).

Früher genoss man das Leben ja in vollen Zügen, heutzutage ist man heilfroh, wenn selbige leer sind. Da wagt man sogar an Ort und Stelle das temporäre Ablegen der Maske, um die stadtbeste Breze zu verzehren.

Wo gestern noch eine Völkerwanderung unterwegs war, weil Sonntag war und die Wettervorhersage vier Sonnenstunden versprach, war heute keine Socke unterwegs.

Nur 2,5 Menschen auf der 12 Kilometer langen Strecke getroffen, in knapp 3 Stunden von Hausham am Schliersee über die Gindelalmschneid und die Neureuth runter nach Tegernsee am Tegernsee gewieselt, 20 Minuten Pause verteilt auf 2x zehn Minuten, man möchte ja nicht festfrieren da heroben im Schnee, alles in allem eine ordentliche Gehzeit für die 620 Höhenmeter hinauf und wieder hinab, dazu dieses beglückende Gefühl, dass man wenigstens das (noch) kann und wie viel Freude das macht.

Was in meinen Beinen an Kraft und Ausdauer steckt, das könnte mein Herz sich doch mal an Mut und Zuversicht zulegen.

So ungefähr formuliere ich beim Abstieg in der Abendsonne meinen diesjährigen Weihnachtswunsch.

Von Umfangsvermehrung und Heiterkeitsreduzierung.

Immer nach vorne blicken!

Freitagabend vor fünf Tagen, am westlichen Rand des Oberhachinger Industriegebiets (für Nicht-Ortskundige: irgendwo in der südlichen Peripherie von München).

Als ich nach einer intensiven Dreiviertelstunde mit Pippa aus der Tierklinik hinausgehe in die Dunkelheit, steht Ludwig schon wieder schwanzwedelnd vor uns. Wir waren ihm zuvor schon im Wartezimmer begegnet. Der 12 Wochen alte Welpe wollte unbedingt mit Pippa spielen, die zitternd unter meinem Stuhl kauerte.

Pippa wird in Kürze 9 Jahre alt und weiß bereits beim Aussteigen aus dem Auto, dass dieser Parkplatz zur Tierklinik gehört und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn ich sie auffordere, mitzukommen. Kurz vor der Eingangstür beginnt dann das Schlottern.
Ludwig hingegen hat noch keine Ahnung von diesem Teil der Welt. Er findet absolut alles toll und spannend, weshalb er letzten Freitag auch in der Tierklinik ist – er hat nämlich einen Kaugummi verschluckt. Herrchen ist sehr nervös, Frauchen sitzt zitternd im Auto (wegen Corona darf seit Monaten nur noch eine Begleitperson pro Tier mit in die Klinik hinein), nur Ludwig hat blendende Laune und will mit dem Dackelfräulein spielen.

Da sie fast alle Welpen mag, stellt sie zumindest kurz ihr Schlottern ein, wendet sich dem kleinen Ludwig zu, bis er ihr dann zu stürmisch wird und sie sich wieder unter meinen Stuhl verzieht. Weil Ludwig daraufhin in schrillsten Tönen jammert und an der Leine zerrt, geht sein Herrchen mit ihm hinaus, so dass im Wartezimmer wieder Ruhe einkehrt. Er hat sowieso noch eine längere Wartezeit vor sich, da er ohne Termin gekommen ist – das mit dem Kaugummi läuft für ihn unter „Notfall“, sie haben sich sofort ins Auto gesetzt und sind zur Klinik geeilt.
So ist das am Anfang des Hund-Habens: man hat keine Ahnung, keine Erfahrung und derlei Notfälle treten äußert schnell und regelmäßig ein.

Für einen Moment bin ich geneigt, den Besitzer von Ludwig um diesen verschluckten Kaugummi zu beneiden, denn was würde ich drum geben, auch aus so einem Grund zur Tierklinik gefahren zu sein. Einen Gedanken später weiß ich aber wieder: das ist Quatsch, denn so ist das halt, es ist der Lauf der Zeit und des Lebens, dass man nach 9 Jahren eher aus anderem Anlass hier sitzt und wartet. Mit vereinbartem Termin bei der Ärztin des Vertrauens, die man bereits seit Jahren kennt. Mittlerweile ist der Hund der nervösere Gast im Wartezimmer, man selbst gibt sich alle Mühe, ruhig und gefasst zu sein, was meist auch gelingt (allein schon, damit der Hund nicht noch mehr zittert).

Frau Dr. G. ruft uns auf, ich erhebe mich, Pippa trottet hinter mir her, steigt unterwegs widerwillig auf die Waage (huch, 300 Gramm leichter als beim letzten Besuch?) und schlurft weiter ins Behandlungszimmer. Dort angekommen trage ich den Grund meines Besuchs vor.
Die Ärztin tastet Pippa ab, findet den Knoten, drückt prüfend ein bisschen hin und her, sieht mich an, sagt „Ein Lipom kann ich ausschließen“ und damit ist die Tendenz eigentlich schon umrissen.
Es ist ein Tumor, ob Adenom oder Karzinom bzw. gut- oder bösartig, werden wir erst wissen, wenn nach der operativen Entfernung der histologische Befund vorliegt.

Wir besprechen ausgiebig, wie es nun konkret weitergeht, die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Auch eine detailliertere Erläuterung der klitzekleinen Restchance, dass es sich um eine seltene, zyklusbedingte Verkapselung an der Milchleiste handeln könne, ist unerheblich und nur insofern relevant, als wir jetzt noch bis zu Beginn des neuen Jahres abwarten, ob das Ding sich nicht wie durch ein Hormonwunder wieder zurückbildet, was wie gesagt leider äußerst unwahrscheinlich ist.
Ein paar Wochen kann man das jetzt gut rausschieben, weil der Knoten noch wirklich klein ist, dann aber muss gehandelt werden.
Das einzig Beruhigende an dem Termin ist die nach gründlicher Untersuchung erfolgte Aussage von Frau Dr. G., dass Pippa „für ihr Alter“ in einem sehr guten Allgemeinzustand sei: schlanke Figur, beste Muskulatur, Gelenke, Herz und Lunge ebenfalls in Ordnung. Immerhin gute Voraussetzungen für eine solche OP und das, was danach kommen kann.

Am Empfangstresen überreicht man mir die Rechnung. „Kleine Umfangsvermehrung kraniales Gesäuge“ steht da in holprigem Arztrechnungsdeutsch als Diagnose, es folgen die einzelnen Positionen.
Der Begriff Umfangsvermehrung fährt mir recht herb in die Eingeweide und erinnert mich an die Raumforderung… (na lassen wir das lieber, wenn Sie mögen, lesen Sie’s hier nach). Mir wird etwas flau, ich bezahle und wanke nach draußen.
Dort springt uns Ludwig aus der Dunkelheit entgegen und freut sich wie bekloppt, Pippa wiederzusehen, allein das Fräulein hat nun gar keinen Nerv mehr für den Jungspund und strebt entschlossen dem Parkplatz zu.
Ich wünsche seinem Herrchen noch viel Glück in der Kaugummisache, eile zum Auto, lasse mich auf den Sitz fallen und nehme erstmal einen großen Schluck aus meinem neuen Thermosbecher, den ich auf ewig Thermosbecher und niemals Travel Mug nennen werde, obwohl er laut Etikett so zu heißen scheint.

Etwas benommen fahre ich heimwärts, esse unterwegs einen Happen und scrolle dabei durch die beruhigend belanglose Bilderwelt auf Instagram, bis ich auf eine Rezeptempfehlung stoße, die von dem schlecht ausprogrammierten Algorithmus dieses (sozialen) Netzwerkes zeugt:

Ich mag weder Mandarinen allzu gern noch hab ich irgendwas mit Overnight Oat geschweige denn Meal-Preps am Hut. Und ich frage mich, ob es allen Ernstes Menschen gibt, die ihr Frühstück so titulieren und tatsächlich am Vorabend des Breakfast ganz hibbelig vor lauter Hipness kunstvoll solche Einweckgläschen mit Haferkörnern befüllen und in den heimischen Fridge bugsieren.

Aber die Welt ist ohnehin reich an Worten, Gestalten, Momenten und Eindrücken, die seltsam fremd anmuten.

Später am Abend spreche ich noch lange mit einer Freundin über den Tierklinik-Termin. Die Freundin war schon mal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert und mir fällt angenehm auf, dass sie sachlich und anteilnehmend mit mir über alles redet, genau wie Frau Dr. G..
Vor allem aber fällt mir auf, dass sie nicht beschönigt oder beschwichtigt oder ins Blaue hinein tröstet. Das hilft mir sehr.
Alles wird gut!“ sagen ja gern die einen, oder „Ich habe ein gutes Gefühl!“ die anderen. Die Freundin sagt keines von beidem, weil wir beide wissen, dass wir nicht wissen können, ob alles gut wird oder nicht und welche Sorte Gefühl jetzt die angemessenste wäre, denn jedem der Gefühle, das man nun haben könnte oder hat, wohnt schließlich ein hoher Spekulationsfaktor inne (um ein Haar hätte ich vor Müdigkeit Spekulatiusfaktor geschrieben).

Das große Geheule sucht mich an den Folgetagen noch mehrfach heim und passt hervorragend zum Wetter. Jawohl, ich habe Angst und ich mache mir Sorgen, das ist nunmal so und ich finde: das darf jetzt auch so sein. Es wird ja nun nicht durchgehend bis Anfang Januar so sein, aber ab und zu wird es halt mal wolkenbruchartig über mich kommen.
Und wenn das mal wieder so ist, dann bin ich äußerst dankbar, wenn man mich nicht tröstet oder abzulenken versucht, wenn man nichts beschwichtigt oder schönredet, sondern wenn man mich einfach ängstlich und sorgenvoll sein lässt – und genaus das mit mir aushält.

Dieses elendige, zeitgeistige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat – ja, nehmen wir das doch bitteschön auch mal in so einer Situation ernst.
Es ist nämlich eine vergleichsweise einfache Übung, bei Sonnenschein auf einen Berg zu steigen (oder sonstwo zu lustwandeln) und dabei nicht an das Tal oder den Gipfel zu denken, sondern an gar nichts oder einfach nur an den nächsten Schritt, damit man nicht danebentappt und stürzt. Gelingt einem das, so war man einen (Berg-)Tag lang mehr oder weniger im Hier und Jetzt, freut sich darüber und fühlt sich leichter oder auch bereichert, das wird bei jedem ja graduell ein wenig anders sein.
Heerscharen von Achtsamkeitsfreunden begeben sich auf Pilgerschaft zu diesem heißersehnten Verweilen im Augenblicke (mit dem ja schon der gute Faust ziemlich haderte), plagen sich teils gräßlich mit den unterschiedlichsten Hilfsmitteln, Techniken, Anleitungen und Atmosphären ab, um diesen gelobten Zustand zu „erreichen“, so als lauerte einzig in ihm das Allheilmittel gegen die Unbilden des Alltags (oder gar die Erlösung von unserer fehlbaren Existenz). Und nicht wenige dieser Hier&Jetzt-Streber sind dabei fast ausschließlich aufs Positive, auf gute, helle, wärmende Gefühle ausgerichtet oder fixiert.

Wie von der Verheißung eines Glückskeksspruches Getriebene gebärden wir uns und suchen immerzu und in allem nach einem Sinn, oder, wo dieses Unterfangen eine Nummer zu groß erscheint, zumindest nach dem Schönen und Guten und Glänzenden oder einem Mix daraus: dem Seelensmoothie.
Was aber ist mit Krisen, Krankheiten, Trennungen und Toden? Da herrscht oftmals das große Wisch-und-Weg-Prinzip, das darf nicht sein, das kann nicht sein, damit wollen wir nicht umgehen, daraus muss sich doch verdammt nochmal ein Sinn schnitzen lassen, und wenn nicht, dann wollen wir es wegradieren oder beiseitestellen, es fortunafarben anpinseln, obwohl es doch pechschwarz ist, oder es mit schnelltrocknendem Lebensfreudelack glattsprühen, obwohl an seiner zerfurchten Oberfläche ja doch nichts haften bleibt außer ein paar Zähren und Kummerkrusten.
Lasst mich bitte nach Herzensfrust leiden!, denke ich, sage es aber nicht und freue mich über die, die es trotzdem hören können.

Um das windige Nervenkostüm vollends zu zerfetzen, hat in der Wohnung über uns eine sechswöchige Generalsanierung begonnen. Zwar führt Lolek dort oben Regie und ist auch selbst zugegen (und ich mag Lolek, nicht nur, weil er zu den Menschen gehört, mit denen ich im Jahr 2020 mehr zu tun hatte als mit den meisten anderen), was den Höllenlärm aber auch nicht erträglicher macht.
Der Vermieter ist sofort beleidigt, als ich moniere, dass es schön gewesen wäre, wegen Homeoffice & Co. vorab über derartige Bauarbeiten informiert worden zu sein und in ein paar alten Themen verheddern wir uns dann auch gleich wieder. In Sachen Ruhe und Behaglichkeit kann die Bilanz dieses Miet-Jahres es beinahe mit Corona aufnehmen – es war 9 Monate lang oft ungemütlich und herausfordernd.

Wann immer Witterung und Tagesverfassung es erlauben, kehren wir der Stadt den Rücken und drehen thermosbecherbewaffnet weiter draußen längere Runden, falls das nicht klappt, absolvieren wir in den kurzen Lärmpausen (Lolek ist starker Raucher) kleine Übungseinheiten in der Wohnung (Filmbeweis folgt demnächst) und ziehen uns ansonsten die Decke über den Kopf.
Weil die Inzidenz in München nun wieder über der 200er-Marke liegt, darf ab sofort kein Einzel-Musikunterricht mehr stattfinden, das heißt, ich werde bis Mitte Januar „Jingle Bells“ in Endlosschleife vor mich hinspielen, vielleicht noch ein „Alle Jahre wieder“ dazunehmen, mal sehen.

Der Papa hört sich mittlerweile immer tonloser an, so dass ich mir erstmals seit 20 Jahren einen Ruck gebe und ihn frage, ob wir vielleicht an Weihnachten zu ihm kommen sollen. Er und die Lebensgefährtin wären sonst allein, üblicherweise feiern sie in großer, lauter Runde mit den Kindern und Enkeln der Lebensgefährtin, Zusammenkünfte und Personen, bei denen ich mich fehl am Platz und unwohl fühle, aber dieses Jahr fällt das alles flach, zu viele Generationen und potentielle Infektionssphären würden sich da vermischen, das geht nicht, das wollen glücklicherweise alle gemeinsam vermeiden.
Er reagiert mit fast kindlicher Freude auf mein Angebot und so gewöhne ich mich nun langsam an den Gedanken, doch noch einmal einen 24. Dezember mit Baum und Fondue zu verbringen, womöglich singen wir sogar ein paar Lieder, weil der Papa ja jetzt wieder gern singt, seit seine Logopädin ihn dazu animiert hat.

Offen gestanden weiß ich gar nicht mehr, wie Weihnachten geht, aber da kommt man sicher schnell wieder rein, so wie man ja das Autofahren durch eine mehrjährige Pause wohl auch nicht gänzlich verlernt.
Vorfreude verspüre ich bislang keine, eher so ein kleines, fieses Ziehen in Herzgegend bei dem Gedanken, dass es das letzte Weihnachten in dieser Konstellation sein könnte, was mich nicht etwa wegen des Christfestes an sich schmerzt (von dem ich längst annahm, es letztmals gefeiert zu haben), sondern wegen der heuer daran Teilnehmenden. Wir wollen die gedanklichen Varianten, die diesem Ziehen auf dem Fuße folgen, jetzt aber nicht vertiefen, denn wahrscheinlich kommt ja alles (wie so oft) ganz anders als gedacht und ich bin ab 2021 wieder weihnachtsfrei und wir sind auch Ende nächsten Jahres alle noch am Leben.

Ob ich in den nächsten Wochen einen Jahresrückblick gebloggt bekomme, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht fasse ich es einfach schon heute in ein paar Schlagworten zusammen, dieses kuriose Jahr mit der Doppelzwanzig, das klänge dann in etwa so:
Berge – Wasserschaden – Vermieterzwist – Bauarbeiten – Corona – Schwimmbadschließung – Berge – Corona – Staubläuse – Bauarbeiten – Staubläuse – Berge – Vermieterzwist – Corona – Schwimmbadschließung – (Rückkehr dreier Staubläuse) – Berge – Bauarbeiten – Corona – Vermieterzwist.
Final noch ein kleiner Tumor obendrauf, dazwischen ein paar Akkordeonklänge, und demnächst bellt Jingle nicht mehr durch die Totenstille unserer gelockdownten Stadt, sondern am Tegernsee den Tannenbaum an.

Absurderweise im Sommer 2020 so viel und so günstig gereist wie sonst nie, wenngleich stets nur für ein paar Tage, aber was heißt schon „nur“ in diesen Zeiten, ich bin zutiefst dankbar für all die erlebnisreichen Exkursionen in die DACH-Region, wie die Reiseprofis, zu denen ich mich nicht zähle, dazu sagen würden.
Am Geburtstag sogar mit dem Wunschtrupp auf dem Wunschgipfel gestanden, ohnehin ein Jahr der Freundschaft in vielerlei Hinsicht, der kriselnden & zerbröselnden sowie der neuen & altbewährten, die momentan so zahlreich eintrudelnden Care-Pakete sprechen eindeutig für eine Tendenz zur letztgenannten Kategorie, und ich möchte den wohlmeinenden, spendablen und kreativen Absendern an dieser Stelle erneut meinen innigsten Dank aussprechen.
Ich liebe Geschenke, sogar die mit verkehrtem Apostroph!

(Und wehe, dieser neue Mist-Editor in WordPress verpfuscht mir jetzt wieder die Bildergalerie, falls doch, geben Sie bitte kurz Bescheid.)

 

Song des Tages (63).

Stabiler Stimmungseinbruch mit zeitweisen Zwischenhochs.
So in etwa ließen sich die anderthalb Wochen seit dem letzten längeren Eintrag hier zusammenfassen.

Die Pandemie hat nach neunmonatiger Tragzeit nicht nur einen zweiten Lockdown geboren, sondern auch zu etlichen Zerwürfnissen geführt. Menschen, die einem nahe waren, sind plötzlich fern (und umgekehrt), die einen glauben dies, die anderen das, manche nehmen die Maßnahmen ernst, andere handhaben es eher locker, allzu genau kann man es oft schon gar nicht mehr einschätzen, weil man sich ja seltener oder gar nicht mehr sieht (und Telefonate oder Emails sind auf Dauer nicht dasselbe wie echte Begegnungen).

Ein Teil dieser Differenzen lässt sich nicht mehr mit diesem Mix aus Milde und Leichtigkeit ignorieren, den ich mir als Studentin in den Neunzigern gestattete, als mein damaliger bester Freund sich um ein Stipendium bei der Adenauer-Stiftung beworben und sich politisch entsprechend positioniert hatte, ansonsten aber noch ganz der war, als den ich ihn kennengelernt hatte. Da stichelte man manchmal herum, diskutierte sich die Ohren heiß oder umschiffte elegant ein paar heiklere Themen (oder rettete sich auf das Terrain des Humors), wandte sich aber überwiegend dem zu, was miteinander gut ging und schön war: Konzerte, Theater, Literatur, Kneipenbesuche, Spaziergänge, Weinfeste, Spieleabende mit Freunden.

Und nun?

Nun praktizieren wir Kontaktreduzierung, und das noch dazu in kulturreduzierter Form, d.h. ohne einen Großteil der gewohnten Lokalitäten und Inspirationsquellen. In diesem reduzierten (Er-)Lebensraum (unter dem der eine mehr, der andere weniger leidet) scheiden sich nun die Geister an Corona, und sie tun es heftig, und ich fürchte, es wird noch heftiger werden.
Die Frau eines langjährigen Freundes versinkt immer tiefer im Verschwörungskosmos (und der Freund verzweifelt allmählich), ein anderer Freund teilt polternd mit, er halte von diesem Drosten rein gar nichts (und hüllt sich auf meine Frage nach dem Warum nachhaltig in Schweigen), ein dritter lässt durchblicken, dass er das Buch von Bhakdi quer(! 🙂 !)gelesen habe und da durchaus was dran sein könne (man müsse halt offen sein und nicht immer nur Mainstreammedien… usw. – na, Sie wissen schon).

Im Supermarkt kriegen sich die Leute in die Haare (Gänge zu schmal, Eile zu groß), im Mietshaus verschärft sich das Müllproblem (Tonne zu klein, Amazonkartonmenge zu groß), in der Blognachbarschaft geht das Gekeife los, sobald ein Blogbeitrag klar Position bezieht (Hirn zu klein, Goschn zu groß – was man halt wechselseitig so voneinander behauptet, wenn man intensiver über Corona zu sprechen versucht und die Meinungen diametral auseinander liegen).

Mehr und mehr mache ich die Schotten dicht.
Bin des Diskutierens müde, bin überhaupt ständig müde. Pflege meine beiden Jenseits-des-eigenen-Haushalts-Kontakte, überwiegend im Freien, wenn es denn nicht zu bitterkalt ist da draußen.
Igel mich ein mit dem Gatten und dem Dackelfräulein und meinem neuen Gefährten, dem Akkordeon.

Ein so wunderbares Instrument! Und es liegt genau dort auf, wo ich wohne, am Solarplexus, der einzigen Körperstelle, an der ich das, was man gemeinhin das „Ich“ nennt, am deutlichsten ehesten spüre (andere Ichs wohnen wohl eher im Kopf oder im Bauch, wie man so hört) und ich bin sicher, dass das mit ein Grund war, der mich genau zu diesem Instrument greifen ließ.
Mein erstes Etappenziel – bis Weihnachten das Mietshaus mit „Jingle Bells“ zu beschallen (Süßer die Rächer nie klingen!)- ist bereits in greifbare Nähe gerückt und überhaupt empfinde ich oft reinste, kindliche Freude beim Üben dieser schlichten Lieder, die man rauf und runter spielen muss, um etwas Übung zu bekommen (nur manchmal nörgelt eine innere Stimme herum, schimpft mich einen kläglichen, unsäglichen Anfänger und lästert über meine langsamen Fortschritte).

Arme und Schulterpartie haben sich zwischenzeitlich einigermaßen an das Gewicht der Quetschn gewöhnt.
Dafür seit Neuestem seltsame Nierenschmerzen (so neu, dass es aktuell gut gelingt, noch nicht danach zu googeln, sondern auf plötzliches Verschwinden zu hoffen), übles nächtliches Ziehen in den Gelenken (ein Phänomen, das ich, neben anderem kleinen Körperkram, der Prämenopause zuordne, ein Begriff, der in meiner Wortwelt die unterste Sprosse einer Vokabelleiter markiert, deren letzte Sprossen dann mit Oberlippenfalten oder gar Oberlippenbart beschriftet sein werden), ein zunehmend verspannter Nacken (in Woche 5 ohne den geliebten Schwimmsport kein Wunder, und zu alternativen HWS-Lockerungsmaßnahmen hab ich mich noch nicht aufraffen können bzw. erhoffe hierzu Anleitung durch den hübsch Bewimperten) sowie eine Lippenherpesserie vom Feinsten (die kommt eindeutig vom regelmäßigen, längeren Maske-Tragen, eine Sache, deren Ausgang ich noch nicht weiter zu durchdenken wage, nachdem bislang bereits festzustellen ist: je mehr Maske, desto mehr Herpes, und je mehr Herpes, desto mehr Maske – ziemlich absurd, denn das pustelproduzierende und daher eigentlich negativ konnotierte Objekt erlangt schließlich eine positive Umdeutung insofern, als es das, was es lästigerweise hervorruft zugleich praktischerweise zu verbergen hilft -, bestimmt gibt’s auch schon ein kluges Fremdwort für dieses Paradoxon, leider kenn‘ ich es nicht, sollten Sie es kennen, lassen Sie’s mich unbedingt wissen!).

Im Internet hat der Aerosolrechner längst den Gehaltsrechner abgelöst, an den Rückspiegeln der Autos, in denen früher eklige Duftbäumchen baumelten, flattern nun speckige Mund-Nasen-Schutzmasken im Sichtfeld des Fahrers herum, es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht irgendwann im Hintergrund der überdimensionierte, rot-gelb-orange-pink-violett (je nach Sender) gefärbte 3D-Kugelfisch seine Runden durchs Seuchengeschehen zieht.
Die eigene Tagesplanung orientiert sich an dem, was noch geht und daran, wie es derzeit zu gehen hat und wie es am besten (= am begegnungsfreiesten und sichersten) geht, plus all dem, was gehen muss, egal wie.

Die Fixierung der Corona-Politik auf die Weihnachtsfeiertage geht mir total auf den Senkel (vortrefflich zusammengefasst wurde mein Genervtsein in diesem Essay von Boris Herrmann).
Das mag ein Stück weit an meiner generellen Haltung zu Weihnachten liegen, aber wirklich nur ein Stück weit.
Vor allem habe ich wenig Lust, im Januar dafür zu büßen, dass andere die Festtage damit zugebracht haben, sich im täglichen Wechsel mit bis zu zehn anderen Haushalten zu umgeben (was freilich drinnen und ohne Abstände und Masken stattfinden wird, und dauerndes Lüften ist auch nicht, weil dem Christbaume sonst die Lichter ausgehen, sofern es nicht schnöde Elektrokerzen sind, die ihn zieren). An die zuvor empfohlene, mehrtägige Selbstquarantäne wird sich ohnehin kaum einer halten (können oder wollen, das sei mal dahingestellt), und vorgezogene Ferien befördern diese familiäre Klausur nach meinem Dafürhalten auch eher nicht.

So wird es wohl mit Sicherheit ein langer, unangenehmer Winter werden, an dessen Ende man froh sein kann, wenn ihn unbeschadet überstanden hat.

Um mich der Omnipräsenz des Virus zu entziehen, flüchte ich mich in die Natur, in die Bewegung, in Sprach-, Film- und Musikwelten, in die räumliche, akustische oder gedankliche Nähe zu vertrauten Menschen, in die Weihnachtsgeschenkbasteleien – und unter die Bettdecke.

Dort drücke ich den kleinen, warmen, ruhig atmenden Hund an mich und weine ein bisschen vor mich hin.
Vorgestern haben wir der Dackeldame mal wieder das allseits verhasste Körperpflegeprogramm angedeihen lassen: Augen, Ohren, Zähne, Haut, Fell und, weil sich’s anbietet, das bei der Gelegenheit gleich mit zu erledigen, auch ein kurzes Abtasten des Bauchraums.
Nicht, dass ich en detail wüsste, was ich da abtaste, was ich jedoch haargenau weiß, ist, was ich dort noch nicht ertastet habe, weil ja stets der Vergleich zur vorigen Untersuchung in den Fingerspitzen gespeichert ist (so ein Teckeltorso ist ja überschaubar).
Ein erbsengroßer, harter Knoten an der Milchleiste war da bisher jedenfalls noch nie. Der ist neu und auch der Gatte hat ihn sofort ertasten können (da deutlich größer als eine Staublaus, d.h. auch für ihn ohne Neonlicht, Lupe und viel gutes Zureden mühelos auffindbar).

In mancher Hinsicht bin ich ja durchaus ein zäher Knochen und auch psychisch halbwegs robust, was mir aber sofort den Boden unter den Füßen wegzieht, ist jedwede ernsthaftere Sorge um Pippa.

Drücken Sie uns daher gerne in stummer Anteilnahme die Daumen für Freitag, wenn wir den Knoten in der Tierklinik „abklären“ lassen, wie ich es mal ganz abgeklärt ausdrücken möchte, um mich schon ein wenig für diesen Termin zu präparieren, bei dem es sich nicht geziemt, tränenüberströmt ins Behandlungszimmer zu taumeln, weil ja schließlich ein Arztgespräch zu führen und das Dackelchen während der Untersuchung festzuhalten ist (und das Ergebnis auch nicht zwangsläufig existenzbedrohlich sein muss).

You’re a big girl now, ermahnt mich Sir Bob, während ich im Dunkeln durch den ersten Schnee in unserer Stadt nachhause fahre und mich so verwundbar fühle, und so klein.

With a pain that stops and starts
L
ike a corkscrew to my heart.

Bird on the horizon sitting on the fence
He’s singing his song for me at his own expense
And I’m just like that bird oh oh
Singing just for you
I hope that you can hear
Hear me singing through these tears.

Time is a jet plane it moves so fast
Oh but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change I swear oh oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too.

Die Donau so blau.

 

Zur Wochenmitte ein wahrscheinlich letzter Spätherbsttag mit Temperaturen um die 15 Grad (zu Tale). Schnell nochmal den Berg hinauf, bevor diese hässlichen Übergangswochen beginnen: Matsch hier, Schlamm dort, kahle Wälder, karge Natur, eisige Gipfelwinde, noch eisigere Finger, nirgends mehr ein gemütliches Rastplätzchen, Trosttee in Thermoskannen, hastig im Stehen getrunken.

Schon auf der Autobahn merke ich: ein Großteil der urbanen Corona-Homeoffiziere ist ebenfalls auf diese Idee gekommen. In Windeseile ein anderes Ziel überlegt, ich will schließlich einen sozial distanzierten Tag verbringen. Klappt dann auch.

Herrlicher Rastplatz auf einem Zwischengipfel mit Blick auf den vor vier Monaten mit den Freunden in der Morgensonne erklommenen Geburtstagsberg, es gibt einen Mittagsimbiss, dann sonnt das Fräulein sich zu meinen Füßen in der Almwiese und ich gucke weitgehend gedankenfrei geradeaus.

Auf dem Gipfel ist Sense mit der Beschaulichkeit, der Zwiesel ist einfach von zu vielen Seiten aus erreichbar, nur gut, dass wir weder hungrig noch pausenbedürftig dort oben eintreffen.

Beim Abstieg meldet sich nicht nur ein Freund aus Berlin mit ein paar erschütternden Sätzen zum Verhalten der Demonstranten, sondern auch die linke Achillessehne. Ich wundere mich, dass ich bergaufgehend rein gar nichts spürte und es nun aber brennt wie die Hölle. Das steile Wegstück ist daher nur im Schneckentempo zu bewältigen, ich suche in der Karte nach einer Alternative und finde einen Forstweg. Dort geht es sich deutlich besser, nahezu schmerzfrei. Leider aber auch deutlich länger, so dass es gegen Ende hin noch ein Mit-Mütze-und-Handschuh-Tagesausklang wird und wir im Licht der Stirnlampe zum Auto hecheln.

*****

Später, in der heimischen Badewanne liegend, die druckfrische Kolumne von Kurt Kister gelesen und erfreut zur Kenntnis genommen, dass wir im selben Park spazierengehen, und das sogar mit ähnlichen Beobachtungen und Gedanken, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich die meinen, was das Historische angeht, nicht ganz so spontan und gewandt aus dem Ärmel schütteln könnte:

(…) Was also soll man dieser Tage anderes tun, als an die frische Luft zu gehen?

Jüngst tat ich das und gelangte so nach Berg am Starnberger See. In Berg wohnen manche Menschen hinter hohen Zäunen, vielleicht auch, das ist jetzt polemisch, weil die Höhe der Zäune irgendwie damit korreliert, wie viel Vorteil einer, der hinter so einem Zaun lebt, vom hierzulande relativ niedrigen Spitzensteuersatz für wirklich Reiche hat.

In Berg gibt es auch ein Schloss. Es ist dadurch bekannt geworden, dass am Abend des Pfingstsonntags 1886 König Ludwig II. mit dem Psychiater Bernhard von Gudden im Schlosspark am See einen Spaziergang machte, den beide nicht überlebten. Ihre Leichen wurden vor Mitternacht des 13. Juni nahe dem Seeufer im Wasser treibend gefunden. Kurz zuvor war der unter anderem vom Psychiater Gudden für unzurechnungsfähig (damals hieß das irre) erklärte Monarch zwangsweise von Füssen (Neuschwanstein, Hohenschwangau) nach Berg verbracht worden.

Im See steht in der Nähe der nämlichen Stelle ein großes Kreuz, und im Wald darüber gibt es eine romanisierende Kapelle aus den Zeiten des Prinzregenten Luitpold, den man kennt, wenn man als Kind die Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma gelesen hat, was heute wahrscheinlich kein Kind mehr tut. Kinder bekommen – so nicht weit vom Todesort König Ludwigs auf dem Spazierweg gesehen – heute ein Telefon in den Kinderwagen gehalten, das eine lustige Melodie spielt, während sich irgendwas Buntes auf dem Schirm bewegt. Kind schreit, Telefon macht lalala, Kind glotzt. Man sollte ein Smartphone entwickeln, das einen Kinderwagen schieben kann. Oder noch besser: ein Smartphone, das Kinder zeugen und gebären kann. (…)

[Kurt Kister, Kolumne „Deutscher Alltag“ vom 18.11.2020]

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Der hübsch Bewimperte und ich schicken einander gelegentlich Fotos von unterwegs.
Der jeweils Nicht-Unterwegs-Seiende muss dann erraten, wo genau das Foto entstanden ist, außerdem muss mindestens einer der im Hintergrund sichtbaren Berge korrekt benannt werden, manchmal auch ein See oder ein Kircherl oder die Herkunft einer To-go-Ausbeute („Erkenne den Konditor am Kuchenstück!“).
Eine kleine Schulung in Heimatkunde, die uns großen Spaß macht.

Mein Volltreffer diese Woche: Ort und Berg exakt erraten!

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Beim letzten Fensterputz des Jahres ausnahmsweise mal Radio gehört, weil der CD-Player zu laut aufgedreht werden müsste, um auch den Südflügel der Wohnung adäquat beschallen zu können.
Festgestellt, dass es noch genauso wie vor 35 Jahren nervt, wenn der Moderator in den Schluss eines Songs hineinquatscht. Wenn sie sich bei Bayern 1 schon dazu entschließen, die heilige Bohemian Rhapsody in voller Länge zu spielen, kommt es auf die 5 Sekunden ja wohl auch nicht mehr an.
Damals hat einem diese Moderatorenunart ganze mühsam zusammengebastelte Kassetten versaut, heute würgt es das eigene Mitsingen unsanft ab, aber schon das ist ärgerlich genug.

Umso wichtiger, dass ich mein dieser Tage begonnenes Projekt – die Generalüberholung der SD-Karte im Auto – zügig abschließe, damit ich auch dort weitgehend radiofrei über die Runden komme.
In dem Kontext eine lebenswichtige Frage an Mr. Spike: Wie krieg ich das blöde iTunes dazu, die Titel der knapp 20 CDs, die du mir gebrannt hast, a) zu erkennen und b) zu importieren?

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Mit den Wochenendeinkäufen auf dem Rücken und einem großen Paket Klopapier unterm Arm an der Ampel wartend, sucht mein Blick Halt in der näheren Umgebung, um nicht in einem fremden Augenpaar zu landen und dort womöglich die Klopapierfrage zu erspähen.

Was ich stattdessen erspähe: Links ein irritierendes Inserat am Laternenpfahl (soll man sowas melden oder entfernen oder nicht weiter ernstnehmen?), rechts eine verstörende Schlagzeile an einem Zeitungskasten (dürstet es derzeit irgendwen nach Ausflügen zu Skeletten oder anderem Spukzeugs?).

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Die verflossene Jugendliebe aus Wien schickt aus heiterem Himmel eine Mail.
Nach ein paar Jahren Funkstille schreibt mir K., dass etliche seiner Kollegen in der Klinik und auch er diese Woche an COVID-19 erkrankt seien. Er selbst zwar „nur“ mittelschwer, aber da er nicht wisse, wie sich das alles weiterentwickeln würde, hätte er sich eben nochmal melden wollen.

Außerdem solle ich mich im Fall des Falles nicht wundern: er habe mich in seinem Testament mit einer Kleinigkeit bedacht, da würde sich also ggf. ein Wiener Notar mit mir in Verbindung setzen. Konkret: Das Stück Donau, das er sich vor einigen Jahren gekauft habe (kein Scherz! die Östereicher halt…), wolle er mir gern vermachen, da weder Frau noch Sohn etwas mit Wasser am Hut hätten. Sollte ich die Liegenschaft veräußern wollen, würde ich nicht reich werden, ein paar Wien-Reisen sollten davon aber finanzierbar sein. Was soll man da antworten?

Ich schicke umgehend eine WhatsApp an die Handynummer, die er der Mail beigefügt hat, bestätige bestürzt den Erhalt der Mail und schlage ein Telefonat vor.
Danach schaue ich mir in YouTube ein Video von der Gegend hinter Klosterneuburg an, irgendwo dort liegt das Stück Donau von K..
Eine Übersprungshandlung, nichts weiter.

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Der Strohhalm, den ich in den selbstgebrauten Smoothie stecke, sinkt nicht, wie man das eigentlich erwarten würde, zum Glasrand hin, sondern behält seine Position verdächtig lange bei – wie einzementiert steht er da.

Ich betrachte das als ein gutes Zeichen in diesen unsicheren Zeiten, in denen so vieles ins Wanken geraten ist und noch geraten wird und benenne das Getränk ab sofort in Strongie um.

Ihnen noch ein schönes Wochenende & bleiben Sie gesund!

Verlängeren.

Gesehen…

…getan.

Traben wir eben wieder mit Thermosbecher und Tupperdose durch diese Traumgegend. Abseits beliebter Ausflugsziele, mit Abstand zu allem, alleine.

Noch so viel zu entdecken hier: Schluchten, Bächlein, Kapellen, Wälder, Schlösschen, Moorseen, Dörfer, Buchten, neue Rastplätze am Seeufer für Pause wegen Verlängeren und für Imbiss wegen Verhungeren, aber davor bewahrt einen so ein Gugelhupf ganz ausgezeichnet.

Und wer weiß, was das Dackelfräulein und ich heut noch alles entdeckt hätten, wenn es mich nicht auf dem schmalen, abschüssigen, glitschigen Pfad in der Schlucht geschmissen hätte, nicht nur mit den schönen roten Schuhen komplett im Morast gelandet, eine Hüfte geprellt, den Handballen hat’s noch übler erwischt, auf der Heimfahrt dann ein abenteuerliches Schalten mit der linken Hand, da mit rechts gar nichts mehr geht, nur gut, wenn man daheim jemanden hat, der einem abends das Weißbier öffnet, das gefüllte Glas an/in der Hand entpuppt sich als die perfekte Kühlung, nur mit dem Hochheben und Trinken muss man mit links nachhelfen, der Lockdown auf gewisse Weise nun auch ein kleiner Knockdown, sowieso eine nicht nur aufgrund des Weltgeschehens bewegende Woche, aber dazu ein andermal, wenn das Tippen auf der Tastatur wieder etwas leichter fällt.

Closing time.

Sonntag, 1. November 2020. München, Theresienwiese.
Vor der Haustür heute zur Abwechslung mal ein „Gottesdienst“. So haben sie ihre für heute Nachmittag geplante Demo, die erst vom KVR und dann auch vom VGH (mit völlig nachvollziehbarer Begründung) untersagt wurde, in aller Eile umbenannt, diese Querdenker.
Damit sie sich nach Belieben auch distanz- und maskenlos und vor allem in gewünschter Truppenstärke dort versammeln und ihre plumpen Phrasen dreschen predigen können. In Bayern unterliegen Gottesdienste unter freiem Himmel nämlich keiner Beschränkung der Teilnehmerzahl. So macht man das, nimmt man halt einfach mal die Religion zu Hilfe.

Nicht zu fassen. Eigentlich müsste doch allen, die denken, egal ob quer oder geradeaus, auffallen, wie dummdreist oder blasphemisch das ist. Und wie schade, dass ausgerechnet in dieser Hinsicht die nächsten vier Wochen keine Ruhe zu erwarten ist.

Ansonsten: It’s closing time.

Mit ein paar anderen Wasserjunkies pflüge ich ein letztes Mal zu jener Abendstunde, in der das Schwimmbad grundsätzlich am leersten ist, durch das riesige Becken.
Jede einzelne Bahn mit Bedacht und fast feierlich geschwommen, das hatte auch ein bisschen was von einer Messe, die jeder still und konzentriert für sich allein zelebriert (und doch sind wir alle im selben Wasser).

Erstmals in meinem Leben schwimme ich 2.800 Meter am Stück. 100 für jeden Tag der bevorstehenden Schließung (sofern es bei den vier Wochen bleibt). Obwohl es sich mit dem Schwimmen ja leider genauso verhält wie mit dem Schlafen: man kann es nicht auf Vorrat betreiben und wochenlang davon zehren (was man aktuell bunkern könnte, wäre lediglich Klopapier und so Kram).

Egal, es tut mir trotzdem gut, das mal auszuprobieren, bis kurz vor Beckenschluss (wie der Zapfenstreich im Schwimmbad genannt wird) zu schwimmen.

Ist viel, aber ging schon – die schweren Beine können sich ja nun lang genug von dem Einsatz erholen.

Die nette Kassiererin verabschiedet sich geknickt in die nächste Kurzarbeit, der Lieblinsgsbademeister ruft einem zum Abschied ein optimistisches „Servus und bis bald!“ hinterher.

Genau wie im Frühjahr werden wir unser Freibad und unseren Sport sehr vermissen in den kommenden Wochen (und die Psychohygiene, die damit verbunden ist, ebenso), aber so ist das nun.

Ab morgen wird wieder Gugelhupf gebacken, das hat sich schon mal bewährt.

Pandemiepommery.

Rituale sind ja, sofern sie nicht gedankenlos repetiert oder zelebriert werden, eine äußerst gute, struktur- und haltgebende Sache.

Zur Zeit ganz besonders, denn die Pandemie-Nachrichten kündigen zunehmend einen Winter an, der zwar recht stayathome-kuschelig werden dürfte, demzufolge steht aber zu befürchten, dass er zugleich ziemlich kontaktreduziert verlaufen wird, je nachdem, wie viele Kuschelgenossen eben im eigenen Hausstand vorhanden sind. Eine wohlüberlegte Auslese der darüber hinaus wichtigsten Menschen und Tiere wird man hoffentlich weiterhin zu diversen AHA-Erlebnissen und gemeinsamen Wanderungen durch die Kälte noch treffen dürfen.

Option 3: Zum befreundeten Rudel reisend.
Hallo Bobby, schön, dich wiederzusehen!

Die drei Tage bei den Braunschweiger Freunden haben das Depot an externem Sozialglück nun nochmal ordentlich aufgefüllt: ein Stadtspaziergang mit A., ein Privatcoaching durch W., dreimal Gute-Nacht-Kuscheln mit B., eine ausgiebige Wanderung durch den Südharz, ein Schwumm im schönen und leeren 50-Meter-Becken des Sportbads, lange Frühstücke, noch längere Abende, leckeres Essen & Trinken und abschließend eine richtige Party anlässlich des vierjährigen Freundschaftsjubiläums, so wie auch schon im letzten Jahr am 17. Oktober. Werden wir beibehalten, dieses Ritual.

Coronamäßig ist man ganz auf einer Linie, was den Umgang mit Nähe und Distanz doch sehr erleichtert und unerquickliche Diskussionen erspart, wir sind uns also völlig einig über die konkrete Ausgestaltung der kleinen Jubiläumsfeier zu Coronazeiten: jeder lümmelt in Hausklamotten auf einem separaten Sofa, statt Aerosolen schwirren herrliche Klänge aus fünf Jahrzehnten Musikgeschichte, ein paar Katzenhaare und Wunderkerzenfunken durch das schummrig-gemütliche Dachgeschoss.

W. kümmert sich um das Kaminfeuer, ich kümmere mich um meine allergiebedingt triefende Nase, A. kümmert sich pünktlich zu Mitternacht um das Öffnen des feierlichen Fläschchens, nur die Haustiere, die kümmert der ganze Zinnober herzlich wenig, die suchen lieber das Weite.

Diese Nacht hat gleichermaßen was von 80er-Jahre Schulparty und Silvester in einer urigen Hütte, wir sind glücklich, dass wir das zusammen erleben dürfen, irgendwer sagt kurz vor dem Korkenknallen den albernen Satz „So jung kemma nimma zamm„, woran uns freilich für einen winzigen Augenblick doch bewusst wird, dass die 80er Jahre ja glatt schon etwas länger zurückliegen, als man’s nach den paar Schlückchen an dem Abend gedacht hätte, überhaupt sind wir recht ausgelassen und albern in diesen Stunden, ein gewisser Galgenhumor ist wahrscheinlich auch verantwortlich für diese Stimmungslage, und vielleicht wäre es an der Zeit, den zahlreichen neuen Vokabeln, die diese komische neue Normalität uns bereits vor die Füße gehustet hat, noch eine weitere hinzuzufügen: Galgenschampus.

Oder Pandemiepommery – das gefällt mir eigentlich noch besser.

Danke, liebe Andrea und lieber Wolfgang, für die schöne Zeit bei bzw. mit Euch und für vier Jahre Befreundetsein, bleibt gesund, kommt gut durch den Winter und schaut immer nach vorn: bei unserer nächsten Party am 17.10.21 gibt’s dann bestimmt schon einen Vakzineveuveclicquot! 🙂🥂🍾💛

Es geht ans Eingemachte oder: So schlecht bin ich gar nicht, im Werfen.

Absurd. Bereits zwei saukalte, verregnete Tage fühlen sich mittlerweile (innerlich und äußerlich) an wie früher eine ganze Mistwetterwoche. Ist diese Wahrnehmung etwa auch so ein Nebeneffekt des Älterwerdens? Keine Ahnung.
Heute jedenfalls schon beim Genuss des Frühstückseis erleichtertes, frühmorgendliches Aufatmen, dass es draußen wieder lichter ist (im Hinterkopf pocht die bange Frage, wie man ihm begegnen wird, dem ja erst noch bevorstehenden Novemberregen, geschweige denn dem langen Wintergrau).

Die Brandenburger Freunde bringen einen Geschenkkarton gefüllt mit Erträgen aus dem eigenen Garten und der heimischen Töpferwerkstatt mit, der uns noch den halben Winter über nähren und erfreuen wird: So viele Gelees, Eingemachtes, Brot, zwei dekorative (und sogar schmackhafte) Weißbierproben aus der Hauptstadt, allerlei Obst, schönstes Gemüse (besonders hervorzuheben: ein Potpourri aus den 28 selbst gezogenen Tomatensorten) und gleich noch die entsprechende Keramik dazu, auf der das alles aufbewahrt, angerichtet und serviert werden kann.
Ja ist denn heut schon Weihnachten?, denkt man da kurz, staunt dann aber einfach weiter, wozu die Bloggerei so geführt hat über all die Jahre, und freut sich dran.
Zwischenzeitlich sind die beiden im empfohlenen Ferienort angekommen, sogar ohne Schneeketten, stattdessen bei Sonnenschein und blauem Himmel, was leider nicht den gesamten Aufenthalt über so bleiben wird, wenn man den Prognosen glauben möchte.

Die Gemeinden Murnau, Mittenwald und Lenggries (und demnächst auch Schliersee) dürften mir langsam Provisionen zukommen lassen für die kostenlose Werbung und die erfolgreiche Vermittlung von Gästen. Überhaupt sollte ich ernsthaft drüber nachdenken, ob Individuelle Urlaubsberatung (inkl. -betreuung vor Ort) nicht jenseits des Freundeskreises ein Metier wäre, aus dem sich ein wenig Kapital schlagen ließe.
Das Coronajahr bescherte so einige Anfragen aus der Leserschaft (teils auch von Lesern, von denen ich gar nichts wusste/ahnte): ob ich nicht einen Tipp hätte für eine passende Urlaubs-/Wanderregion, dann wurden die Begleitungen, die Vorlieben, der finanzielle und zeitliche Rahmen sowie die sportlichen und sonstigen Ambitionen zu Berg und Tale genannt, und man stellte mir für meine Bemühungen stets etwas in Aussicht, das über ein herzliches Dankeschön hinausging.
Nicht schlecht eigentlich. Werde ich mal durchdenken und demnächst mit meinem österreichischen Privat-Coach besprechen.

Einstweilen kann ich Ihnen anbieten: Wenn Sie (oder jemand, den Sie kennen), Urlaub in Oberbayern planen und ein paar Tipps brauchen, die Sie mit einem ordentlichen Mahl honorieren möchten – kommen Sie ruhig auf mich zu!
Auch andere Naturalien oder Dienstleistungsen nehme ich gern an, ebenso sind Globetrotter- oder Sport-Scheck-Gutscheine jederzeit willkommen.

*****
An der nördlichen Spitze der Theresienwiese wurde gestern anlässlich der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im strömenden Regen eine Dokumentationsstätte eröffnet.

Ich erinnere mich noch gut an jenen Abend: Die Schlange vor dem Riesenrad war außergewöhnlich lang. Die Mutter wollte, dass wir uns anstellen, weil die Riesenradfahrt jedes Jahr unseren Familien-Wiesn-Abend abrundete, und so sollte es auch diesmal sein. Der Papa war dagegen, weil er keine Lust hatte, eine halbe Stunde für eine wegen des enormen Andrangs womöglich auch noch verkürzte Fahrt anzustehen.
So durfte ich damals entscheiden, ob wir bleiben oder gehen sollen, und wie so oft, schlug ich mich auf die Seite des Papas, und plädierte für den Aufbruch. Die Fahrt mit dem Riesenrad war mir vergleichsweise wurscht, ich war damals deutlich mehr an Geisterbahn, Kettenkarussell, Schießständen (wegen der Riesenteddybären, nicht wegen der Gewehre!) und gebrannten Mandeln interesssiert. Als wir die U-Bahn-Station Goetheplatz erreicht hatten und gerade die Rolltreppe betreten wollten, hörte man die gewaltige Detonation, alles zuckte zusammen, und der Papa packte die achtjährige Tochter fest an der Hand, hakte die Mutter unter, sagte in einem für ihn ungewohnt strengen Ton „Da ist etwas ganz Schreckliches passiert – lasst uns zusehen, dass wir sofort von hier wegkommen!“, und mit zig anderen Menschen stürmten wir zur U-Bahn hinunter.

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Beim Sonntagslauf im Park sehe ich nach Längerem mal wieder den alten Mann mit seinem einäugigen Hund.
Runde 1: Der Mann sitzt auf einer Bank, der Hund liegt vor der Bank im Gras und reckt seine graue Schnauze der Nachmittagssonne entgegen.
Runde 2: Drei Kinder bewerfen den Hund abwechselnd mit Steinen und Kastanien. Der Hund ist zu schwach, um sich zu wehren oder davonzurennen, außerdem würde er seinem Herrchen nicht von der Seite weichen. Das Herrchen guckt verzweifelt und schimpft mit gebrochener Stimme ein bisschen. Die Kinder lachen und verspotten den hässlichen Hund. Ich spüre ein Stechen in Herzgegend, das nichts mit der sportlichen Betätigung zu tun hat.
Runde 3: Die Kinder kreischen nun vor Vergnügen und schmeißen immer noch Steine und Kastanien auf den Hund, der sich mal in die eine, mal in die andere Richtung wegzuducken versucht. Ich unterbreche meinen Lauf. Gehe auf die drei Jungs zu und bitte sie, sofort mit der Quälerei aufzuhören. Einer der Bengel knallt mir eine Kastanie gegen die Wade.
Ich frage ihn, wo seine Eltern sind. Die sind drüben im Biergarten!, sagt er, Wir dürfen hier spielen!, meutert der andere, und der dritte sammelt bereits neue Wurfgeschosse – und genau den knöpfe ich mir als Erstes vor. Halte ihm beide Arme fest, entwende ihm Kastanien und Steine und zische ihn an, dass er jetzt sofort mit diesen Attacken gegen das Tier aufzuhören hat. Eine weitere Kastanie knallt gegen mein Bein und auch der einäugige Hund bekommt wieder eine ab.
Da platzt mir der Kragen, ich brülle den Jungen, der sie geworfen hat, an, was ihm einfiele, den Hund so zu piesacken, flink dreht er sich um und flitzt davon, ich bücke mich, hebe eine Kastanie auf und werfe sie ihm hinterher. Sie trifft ihn an der Schläfe, er quiekt beleidigt auf und greift sich theatralisch an den Kopf, und ich kann es nicht fassen, dass meine Kastanie ihn überhaupt getroffen hat, denn zeit meines Lebens war ich im Werfen eine völlige Nulpe, aber siehe da, wenn’s einmal drauf ankommt, und nicht um irgendwelche dämlichen Bundesjugendspiele geht, da kann ich das offenbar doch!
Runde 4 und 5: Die zuvor ausgesprochenen Drohungen haben Wirkung gezeigt und die drei Burschen haben sich in eine andere Ecke der großen Wiese verkrümelt und quälen jetzt mit ihren Wurfgeschossen andere Kinder, deren Eltern sicherlich ebenfalls irgendwo im Biergarten sitzen und sich dort um nix scheren.
Der alte Mann nickt mir müde zu. Sein Hund hat sich ins Gras gekauert, sicherheitshalber ist er ein Stück näher zur Bank gerückt.

Zuhause muss ich eine halbe Tüte Fruchtgummi essen, um dieses Park-Erlebnis in mir zuzukleistern und dem verbleibenden Tag noch angemessen begegnen zu können. Schließlich ist es erst 15:30 Uhr und da kann man die Schotten ja noch nicht dicht machen.

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Die Sonnenblumen von M. halten sich wacker.
Mit jedem Tag, an dem ich sie ein Stück kürzen und ihnen frisches Wasser geben muss, schneide ich dem zurückliegenden Sommer zwei bis drei Zentimenter aus seinen Eingeweiden und verspüre eine tiefe Melancholie.

Abschiede waren noch nie meine Sache.