Domestikation oder: Ideen, auf die man kommt, wenn einem der Nikolaus nix bringt.

Tür geöffnet: Nix!
Nur die schmutzigen Stiefel vom gestrigen Marsch am See.

Raus zum Gassi. Im Treppenhaus bemerkt, was so alles in den Stiefeln der Nachbarskinder steckt. Holla, die Glücklichen!
An früher gedacht. Nikolaus, das war der Tag, an dem der Vortag, also der Geburtstag der Mutter, noch nachwirkte, das konnte die beste Lindt-Schokolade nicht übertünchen und Santa Claus konnte sich die Rute getrost sparen.
So gesehen war’s wurscht, was im Stiefel steckte oder nicht, denn die Granatenenttäuschung der Mutter steckte uns ja noch in den Knochen, obwohl wir uns die Hacken ausgerissen hatten für diesen Jubeltag und seine Würdigung.

Ich hätte da also nikolaustechnisch irgendwie einen Nachholbedarf, obwohl mir dieses ganze Advents- und Weihnachtsgedöns an sich ja egal ist. Denk ich mir so, als ich wieder hochkomme in die Wohnung.

Der Hund will spielen, ich auch. Prima, spielen wir also.

„Sind Sie vom Nikolaus eigentlich auch so enttäuscht wie ich?“

Der Hund hat sich das Spiel anders vorgestellt.
Aber für ein paar Hirschbröckerl ist es mir gestattet, die Spielregeln vorzugeben.

Hohoho!

Meine Laune ist jetzt besser.

Tipp des Tages: Sollten Sie’s irgendwie an der Seele haben oder gar zu Depressionen neigen, dann holen Sie sich doch einen Dackel ins Haus. Das ist wie ein Dauerrezept für ein Spitzen-Anti-Depressivum, weitgehend nebenwirkungsfrei, freilich nicht preiswert und auch in der täglichen Dosierung und Anwendung manchmal durchaus herausfordernd, aber Ihre Gesundheit und die Stabilität Ihres Nervenkostüms – speziell in der Vorweihnachtszeit – sollte Ihnen ja was wert sein.

Einen frohen Nikolaustag und -abend wünschen wir Ihnen!
Bleiben Sie locker, trotzen Sie der Domestikation, vor allem, wenn Sie ein Hund sind oder ein Rentier.

 

Herzlichst,
Ihre Kraulquappe.

PS: Ganz besondere Grüße gehen hiermit an die liebe B. aus O., die sich dieser Tage nichts sehnlicher wünschte als ein frontales, fröhliches Pippa-Foto und solche Wünsche nimmt der Nikolaus immer sehr ernst!

Verloren.

Mein Ellenbogen und ich auf dem Weg in die orthopädische Praxis. Mal wieder.

Als ich in Großhadern aus der U-Bahn steige und die Treppe zum Ausgang hinaufschnaufe, höre ich ein vertrautes Schimpfen. Tschätschätschätschätschä schallt es mir von oben entgegen. Es klingt nah. Sehr nah sogar. Nach über 30-jährigem Zusammenleben in der Vergangenheit weiß ich a) sofort, wer der Verursacher ist und b) was das Gemecker zu bedeuten hat: Ein Wellensittich ist mit irgendetwas nicht einverstanden – und äußert das in aller Deutlichkeit (eine Deutlichkeit, die ich 12 Semester lang auf meiner Schulter oder der Schreibtischlampe sitzen hatte, während ich Seminararbeiten schreiben musste).

Auf den letzten Treppenstufen gucke ich bereits neugierig nach oben, dort ein nah gelegenes Wohnhaus vermutend, in dem auf einem Balkon der unteren Stockwerke ein Käfig zu sehen sein wird, in dem der kleine, energische Grantler hockt.

Stattdessen sitzt er auf dem Treppengeländer des U-Bahn-Aufgangs.

Grün-gelb ist er, dünn vor Schreck oder Aufregung und seine Füßchen finden nicht richtig Halt auf dem glatten Handlauf des Metallgeländers. Für den Bruchteil einer Sekunde haben wir Blickkontakt, dann rutschen seine streichholzdünnen Beinchen endgültig ab und er flattert davon.

Ich renne ihm hinterher. Erst zur Mauer, dann zur Kastanie, doch von dort fliegt er in den Hinterhof einer Wohnanlage.

Der Hausmeister ist nicht da. Ein anderer Bewohner, bei dem ich läute, schnauzt mich an, dass ich mir fürs Hausieren eine bessere Story ausdenken müsse. Der dritte Versuch ist erfolgreich: eine Omi lässt mich ins Haus. Ich irre durchs Erdgeschoss und finde die Tür zum Hinterhof. Es ist ein riesiger Hof, mit vielen Bäumen. Ich stelle mich in die Mitte der Anlage und lausche. Fünf Minuten hoffe ich inständig, dass ich das Tschätschätschätschätschä höre. Nichts.

[Ganz schnell muss ich dann einen Gedanken verdrängen, der immer hochkommt beim Thema „entflogene Vögel“: Die Ex-Schwägerin, die sich zur Unterstützung in einer ihrer labilen Phasen mal ein Wellensittichpärchen angeschafft hatte, dann aber bald von Gezwitscher und Käfigputz überfordert war und den beiden vom Balkon ihrer Wohnung aus, die im 12. Stock eines Erlanger Hochhauses lag, „die Freiheit schenkte“, wie sie es damals relativ ungerührt berichtete und wäre es nicht das Kaffeekränzchen zum 70. der Ex-Schwiegermutter gewesen, hätte ich sie vermutlich angeschrien oder geohrfeigt (oder am liebsten beides).]

Ich verlasse den Hof wieder und trotte traurig die Straße entlang. Verloren ist er, der kleine Kerl. Mit großer Sicherheit ist er verloren.

Es sind oft diese kleinen Erlebnisse, die mir das Herz brechen, so unerwartet und mitten im Tag.

Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz).

„Wir haben heute Mittag einen Besichtigungstermin“, sagt der Gatte und hält mir das Exposé der Sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung unter die Nase.
„Aha“, sage ich, lese mir die Eckdaten durch, werfe mein Laptop an und guglmäpse die Lage. Leider ist vorab keine Zeit mehr für die sonst übliche Kurzvisite zur genaueren Vorab-Überprüfung. Dachgeschosswohnungen sind eigentlich nicht unser Favorit, abgesehen davon, dass einem dort niemand auf dem Kopf herumtanzt (außer Vermieter und Hausverwaltung).
Aber man muss flexibler werden, wenn man bereits in Monat 6 der Wohnungssuche angelangt ist und die Chancen ein klein wenig erhöhen möchte, dieses Projekt vielleicht doch noch bis zum Jahresende abzuschließen.

Die Wohnung liegt in einem netten Viertel und hat einen Grundriss, mit dem man was anfangen kann und der einem nicht abverlangt, die Hälfte aller Möbel auszutauschen. Der nächste Grünstreifen ist 80 Meter entfernt, die Infrastruktur passt und der Mietpreis bewegt sich noch unterhalb der Wuchergrenze.
Sonnig, charmant, ruhig und gepflegt – prima, denke ich, das sind ja genau jene Attribute, die einen bei einer Partnerbörsenannonce auch sofort aufmerken ließen. Klingt nach was Langfristigem, Attraktivem und Solidem.

„Alles klar“, rufe ich also nach meinen schnellen Recherchen dem Gatten zu, „dann lass uns da mal hinfahren!“.
Pelle mich in mein Wohnungsbesichtigungsoutfit, kämme mir nochmal fix durchs Haar, poliere kurz über die Lederstiefel und stelle meinen Schwimmbadrucksack in die Diele.
Denn es hat sich sehr bewährt, direkt nach solchen Terminen ein Stündchen rekreative Reinwaschung und befreiende Bewegung anzuschließen. Quasi das beschwerte Besichtigungsgemüt durch die Schwerelosigkeit im Wasser etwas ausbalancieren. Kann ich nur empfehlen!

Mieter in München: Ein einziges Witzleben.

Vor dem Haus Nummer 9 schleicht schon ein anderes Paar herum. Dass es sich um Mitbewerber handelt, ist unschwer am Outfit sowie am nach oben – zum Dachgeschoss – gerichteten Blick zu erkennen (kurzer Check: jünger, schwangerer, duldsamer, also ist ein gelassenes „Hallo“ angesagt).

Im Treppenhaus stinkt es nach erkaltetem Zigarettenrauch, ein uncharmanter Aufzug befördert uns ins 4.OG, wo uns Frau Huber durch den leukoplastfarbenenen Hausflur bereits mit zur Begrüßung ausgestrecktem Arm entgegeneilt.
Frau Huber ist die Maklerin: Erkältet, ahnungslos, aufgebklebte Billigfingernägel, emsig plappernd. Als sie bzgl. der vom Vermieter angestrebten Mietdauer den Satz „Der Eigentümer wünscht sich daher nachhaltige Mieter“ raushaut, frage ich charmant nach, wo denn die Komposttonnen stünden. „Im sonnigen Innenhof“, entgegnet Frau Huber und verweist darauf, dass wir den nachher natürlich auch noch besichtigen würden.

Der Gatte möchte wissen, wer denn der Eigentümer sei und wie es in puncto Eigenbedarf aussähe. Erst letzte Woche kam eine Wohnung u.a. deshalb nicht in Frage, weil der Wohnungsbesitzer drei studierende Töchter hatte, die vielleicht demnächst aus dem Ausland zurückkehren und dann sicher gern in Daddys Schwabinger Wohnung einziehen möchten, so dass Daddy dann leider sofort seine Mieter vor die Tür setzen müsste (immerhin wurde dieser kleine Haken offen angesprochen).
Heute ist in dieser Hinsicht wohl nichts zu befürchten, Frau Huber beschreibt den Eigentümer als „steinreich“ und im Süden von München in einem großen Haus wohnend. Außerdem hätte er mehrere Wohnungen in München zur Kapitalanlage, da könnten wir uns also entspannen, der würde nie Eigenbedarf anmelden.

Die Dachgeschosswohnung verfügt über etliche „Schreinereinbauten“ in diversen Nischen und Ecken. Sideboards, Besenschrank, Regale, ein Kleiderschrank. Dafür möchte der Vermieter eine stolze Ablöse haben sowie „einen Mieter, der die schönen Einbauten zu schätzen weiß“. Das Glump ist 20 Jahre alt. Ebenso das Parkett. Und die Einbauküche. Und die Plastiktürklinken.
Hieß es in der Annonce nicht „gepflegt“?!?

Da der Holzboden in allen Räumen gleichermaßen ramponiert ist, wage ich die Nachfrage, ob die Böden denn noch renoviert würden. „Oh nein“, meint Frau Huber, „dafür ist leider keine Zeit mehr, denn die Wohnung muss zum 1. April vermietet sein.“
Völlig klar, wo kämen wir denn da hin, wenn ein steinreicher Typ so einen Mietausfall hinnähme, nur um seinen nachhaltigen Mietern für eine ordentliche Miete auch einen ordentlichen Boden zu bieten?

An der Tür zur Duschkabine fehlt der Griff, die angeschimmelten Silikonfugen lenken aber perfekt von derlei Kleinkram ab, außerdem brummt die Lüftung im Bad sowieso so laut, dass man hier nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.

Neue Serie in der Münchner tz: „Vom Aussterben bedrohte Arten“.

Während Frau Huber drinnen weiterquakt und das schwangere Paar andächtig lauscht, treten wir hinaus auf das „Highlight“ der sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung: die Dachterrasse.
„Südseitige Dachterrasse zum ruhigen, idyllischen Innnhof gelegen“, hieß es in der Anzeige. Wir lehnen uns an das rostige Geländer und spähen nach unten. Der idyllische Innhof ist eine betonierte Ödnis mit vergitterten Durchgängen zu den umgebenden Häuserblocks in klosteinmint und ausgekotztapricot (im farblichen Wechsel).

Durch die Gitterstäbe würden vermutlich auch der Straßenlärm und das Rattern der Züge in die Ruhe des Innenhofs dringen. Nicht so heute, denn an dem einzigen Stück Erdreich im Hof macht sich geräuschvoll ein kleiner Bagger zu schaffen. Wahrscheinlich der Beginn der Aushubarbeiten für den überfälligen Mieter-Komposter im Herzen der Idylle. Als Soundtrack zu all diesen Eindrücken fällt mir spontan der „Folsom Prison Blues“ ein.

I hear the train a comin‘
It’s rollin‘ ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine
Since, I don’t know when
I’m stuck in Folsom Prison

Ich richte meinen Blick wieder nach oben. Lasse ihn über die Hausdächer schweifen und denke über den steinreichen Vermieter dieses charmanten Gesamtpakets nach. Hinter den Ziegeldächern des diagonal gegenüberliegenden Hauses guckt die Spitze des Mercedes-Benz-Turms hervor, der Stern des Kapitalismus‘ sich unaufhörlich auf dessen Dach drehend, Runde um Runde, 24h lang, nachts sogar beleuchtet.

Auf dem Weg zum Schwimmbad suche ich in der Musiksammlung nach diesem vor Ironie triefenden Prolog „I’d like to do a song of great social and political importance. It goes like this!“ und trällere anschließend in einer Stimmung, die irgendwo zwischen apathisch-abgestumpft und aggressiv-aufgedreht liegt, ein bisschen mit:

I’m counting on you lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round.
Oh lord won’t you buy me a flat in the town.

Mercedes Benz München an der Donnersberger Brücke.

Einen Glauben müsste man haben, dann wäre das mit der Hoffnung vielleicht auch manchmal leichter.

Mrs. Joplin fuhr übrigens keinen Benz, sondern einen Porsche, der aber weder für nachhaltiges Glück, noch ein langes Leben sorgen konnte.

Frohes Wohnen und ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Gut stehen, gut gehen.

Gestern:

Aus der Serie „Münchner Häuser, in die wir nicht einziehen können“…

…obwohl der Hausmeister ein gerüttelt Maß Humor zu haben scheint.

Heute:

Aus der Serie „Wege, die man nicht oft genug gehen kann“…

… obwohl einem das Fräulein für bange Minuten entwischt ist (irgendwohin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, aber man als Mensch nicht hinterherkommt, ohne sich den Bommel von der Mütze abzureißen)

Geschüsselt, nicht geniert.

Gestern im Moloch „Mietwohnungsmarkt“ einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Mittäglicher Besichtigungstermin in einem der bevorzugten Viertel, eigentlich den Fotos nach die Traumwohnung. Vom Balkon hätte man fast ins geliebte Schwimmbecken gucken können. Hundehaltung erlaubt (!), rund um die Wohnanlage Grünstreifen en masse fürs Dackelfräulein, sogar ein Stellplatz fürs Gefährt, zunächst netter Kontakt zu den Vermietern per Mail.

Dezenter Hinweis einen Tag vor Besichtigung, dass aus unerfindlichen Gründen das Parkett etwas geschüsselt habe („geschüsselt“?, nie gehört! – wir googeln das erstmal, aha: „geschüsselt“ kann man also ganz wörtlich nehmen!), vielleicht die Kälte oder so, oder das viele Lüften während der Badrenovierung, man müsse da nun nach einer „gemeinsamen Lösung“ suchen.

Die sah dann vor Ort, als sich beim Anblick des durchgehend geschüsselten Holzbodens unsere Zehennägel vor Schreck beinahe ebenfalls zu schüsseln begannen, so aus, dass der kleinkarierte, näselnde Schwabe allen Ernstes vorschlug, der Mieter dürfe sich ein Parkett ganz nach eigenem Geschmack aussuchen und das dann in Eigenregie verlegen lassen. Natürlich auf eigene Kosten („desch koschd au ned mehr als 6.000€!“). Und vorher müsse halt der geschüsselte Boden entfernt werden, sind ja nur schlappe 80m². Natürlich auch auf eigene Kosten.

Mietbeginn müsse dennoch zum 1. März (gestern war der 25. Februar!) sein, man könne sich jetzt unmöglich noch weitere Monate Leerstand leisten (gerade sei der Umzug ins eigene Haus erfolgt). In 4 Tagen sicher eine etwas sportliche Leistung, aber wenn man gleich morgen loslegte, ja durchaus zu schaffen (er habe da einen Bekannten an der Hand…, wenn man wolle, stelle er den Kontakt her…).
Dafür sei die Kaltmiete ja auch absolut fair (einen Kotau dafür: sie lag nur 250€ über dem nach gültigem Mietspiegel ermittelten Preis für diese Lage und Ausstattung, anderswo liegt sie schon mal 400€ drüber).

Worin das „Gemeinsame“ dieser Lösung bestand, wurde nicht verraten. Dafür verriet man uns beim Streifzug durch die Wohnung an der einen oder anderen Stelle noch die bis dahin nirgends erwähnten Ablösesummen für uralte Schränke oder Regale in potthässlichem 80er-Jahre-Design („desch is Massivholz, desch häld no a Ewigkoit!“).
Wir kamen recht gut an bei dem Vermieterpaar, hatten beste Chancen, den Zuschlag für die Wohnung zu bekommen.

Nach dem Termin schlich ich deprimiert um die Ecke zum Schwimmbad, sprang bei minus 8 Grad Außentemperatur ins geliebte Becken, schwamm mir den Frust aus den Knochen, ließ mir den eisigen Wind um Nase und Schultern wehen, und schrieb danach eine vernichtende Email an den kleinkarierten, näselnden Schwaben. Dass wir natürlich wüssten, dass es Gang und Gäbe sei, aus der Wohnungsknappheit ungeniert Kapital zu schlagen, und dass das mit Sicherheit leider auch in seinem geschüsselten Fall von Erfolg gekrönt sein würde, er sich aber andere Deppen als uns suchen müsse, denen er zum 1. März seine renovierungsbedürftige Bude zum schwäbischen Schnäppchenpreis andrehen könne.

Manchmal überkommen mich Mordgelüste und Amokphantasien (das schrieb ich ihm nicht, ich hab mich schließlich im Griff).
Das Schlimmste sind die Ohnmachtsgefühle und diese immer wieder entstehende und wenig später sich zerschlagende Hoffnung.

Am Abend liegen wir wie erschlagen auf der Couch, stöbern in den diversen Wohnungsportalen, schütteln die Köpfe und schütten uns die Gläser voll.
Zwei brauchbare Angebote finden wir noch, von denen eines bei näherer Betrachtung sofort unter den Couchtisch fällt, da Absätze wie diese an Tagen wie diesen nichts als ein inneres Messerwetzen auslösen:

Zum Besichtigungstermin bringen Sie bitte Folgendes mit:
– gültiger Personalausweis / Reisepass
– Bonitätsauskunft der Schufa
– Gehaltsnachweise der letzten drei Monate
(alternativ Steuererklärung bzw. Bestätigung durch Wirtschaftsprüfer / Steuerberater bei selbständiger Tätigkeit)

– Schriftlicher Nachweis der Mietschuldenfreiheit vom letzten Vermieter
– Mieterzeugnisse vom Vorvermieter bzw. bisheriger Mietvertrag und Kontaktdaten vom Vorvermieter.

[Habt ihr jetzt vollends den A…. offen: „Mieterzeugnis“?!? Und wo bleibt das Gegenstück, das „Vermieterzeugnis“? Wo kann man endlich Noten vergeben für die Kategorien „Ausbeutung & Abzocke“, „Schamlosigkeit & Schurkerei“, „Gier & Geiz“?]

Irgendwann schlägt der Gatte, müde am Rotwein nippend, vor, doch mal „völlig verrückt“ über das ganze Thema nachzudenken:
Auswandern nach Bodø (er hatte da doch mal einen universitären Kontakt)?
Raus aufs Land (neulich sah ich ein Inserat eines herrlichen Hauses am Schliersee, zum Preis einer Zweizimmerwohnung in München)?
Drastisch verkleinern (Möbel verkaufen, das Wohnzimmer abschaffen, Abende mit Gästen kriegt man auch am Küchentisch rum)?

Wir surfen weiter suchend durchs Netz, vom Nordkap bis zum Alpennordkamm, vom Haus am See übers Appartment in der Au und Schwabinger Hochhäuser bis hin zur Hütte in den Bergen.

Meinen Sonntag beende ich mit diesem Bild:

48m² Wohnfläche, 1.600m² Dackelfläche, 800€ warm.

Kann man dann auch entspannt Teilzeit arbeiten, ist ja nix mehr groß zu finanzieren.
Urlaube und Ausflüge überflüssig, den Berg vor der Nase habend und das Karwendel einen Katzensprung entfernt.
Ich von dort aus direkt hoch zur Hütte für den Saisonjob, der Gatte 1x wöchentlich zur BOB für den Einsatz in Frankfurt.
Klamotten braucht man eh nicht mehr viele, ist auch kein Platz da, um die aufzuhängen (außer draußen).
Stattdessen: Gartenhausbau erwägen. Oder gleich ein Austragshäusl für die Teckelzucht.
Wohnzimmerfrage kann man ebenso abhaken wie den ganzen Schwachsinn mit offenen Küchen und modernen Belüftungssystemen.
Kino etc. haben wir sowieso reduziert seit wir den Hund haben und ein DVD-Player nimmt nicht viel Platz weg.
Die Süddeutsche kann man auch online lesen. Der Paketbote hat endlich Platz zum Parken und stört niemanden sonst.
Grünstreifensuche entfällt ebenfalls, eher sucht man nach der Teerstraße für die Fahrt ins Dorf, zum Einkaufen.
Aber das ginge auch mit dem Bollerwagen.
Zeit hat man dann ja ebenfalls, und der Dackel würde sich gut machen vorn drin im Wagerl, so als bayerische Galionsfigur.

Um 21 Uhr verkrümle ich mich ins Bett, absolviere so mühelos wie selten einen zehnstündigen Erholungsschlaf.
Träume von planen Ahornholzböden in überteuerten Wohnungen, wackligen Baumhäusern in dichten Wäldern und windigen Tipis am tosenden Wildbach.

Neue Woche, neues Glück.

Selbiges wünscht Euch
Die Kraulquappe.

(…) verweile doch, du bist so schön!

Momentan habe ich eine ganz gute Phase, was unsere Wohnungssuche angeht.

Gut ist sie nicht etwa, weil es irgendwie voranginge oder sich ein Licht am Ende des Tunnels abzeichnen würde, sondern nur insofern, da ich mir einen gewissen Sarkasmus als Grundhaltung zugelegt habe, der mich nun viel heiterer mit Maklern und Eigentümern kommunizieren und auch Besichtigungstermine mit einer bisher nie gekannten heiteren Gelassenheit (oder ist’s Galgenhumor?) und eloquenten Freundlichkeit absolvieren lässt.

Außerdem haben wir dank des Titels des Gatten, den wir in unseren Anschreiben nun stets an prominenter Stelle platzieren, mittlerweile eine recht gute Quote: In den wenigen Fällen, in denen wir durch unsere gründlichen Vorrecherchen zu dem Schluss kommen, dass wir die angebotene Wohnung tatsächlich besichtigen sollten, werden wir in 4 von 5 Fällen eingeladen und in die heiligen Hallen vorgelassen.
Natürlich nicht alleine, wo denken Sie hin!
Man schiebt sich da mit 4-5 anderen Paaren durch die Wohnung und muss schon auch mal hie und da ein bisserl schubsen, um sich in vorderster Reihe (mit Maklerblick) zu behaupten.

Zum Wochenausklang möchte ich Sie, werte Leserinnen und Leser, gern an meinen drei Highlights der Woche in puncto Wohnungssuche in unserer schönen Stadt teilhaben lassen.

Das Erste belegt Platz 1 in der Kategorie „Perlen der Offertenprosa“, das Zweite hat mühelos die Bestplatzierung in der Rubrik „Du Brunzkachl, du ogsoachte, du g’hörst ja mit der Scheißbürscht’n nausghaut!“ geschafft und das dritte Highlight fällt in die in diesem Haifischbecken Terrain vom Aussterben bedrohte Sparte „Ehrlich währt am längsten“ und landete dort sogleich auf dem obersten Siegertreppchen.

*****

[Inserat in Immoscout]

Wohntraum in Schwabing – komplett sanierte 3-Zimmer-Wohnung!

Lage: Schwabing-West
Baujahr: 1955
Wohnungstyp: Etagenwohnung
Etage: 4 von 5
Wohnfläche: 84m²
Zimmer: 3
Badezimmer: 1
Bezugsfrei ab: 15.02.2018
Personenaufzug: nein
Keller: ja
Einbauküche: ja
Stellplatz/Garage: ja

Kaltmiete (zzgl. NK): 1.780 €
Nebenkosten: 150 €
Heizkosten: 120 €
Gesamtmiete: 2.050 €
zzgl. Stellplatz/Garage: 120 €

Das Objekt liegt in Bestlage im Herzen Schwabings, welches bekannt ist für sein pulsierendes, urbanes Flair.
Fußläufig erreichen Sie die Geschäfte des täglichen Bedarfs und gute Restaurants, in denen man gerne verweilt. Der nahegelegene Englische Garten lädt zum Erholen ein.
Zugleich ist man durch die zentrale Lage hervorragend angebunden (4 Min U-Bahn Hohenzollernplatz).

Ein historisches Treppenhaus ohne Lift führt hinauf in das 4.OG, in dem sich Ihr neues Zuhause befindet.
Die Wohnung ist lichtdurchflutet mit modernem Grundriss und wurde mit Liebe zum Detail kernsaniert.
Durch den Flur betritt man in die Wohnräume, Küche, Bad und WC erreicht man ebenfalls durch den Flur.
Vom großzügigen Wohnzimmer aus gelangen Sie auf den schönen Südbalkon, der zum Verweilen einlädt.

Alle Wohnräume sind mit Eichenparkett in Fischgräten verlegt.
Küche, Flur und Badezimmer verfügen über graues Feinsteinzeug.
Das neuwertige Badezimmer (6m²) ist modern gefließt mit Regenschauerdusche und Fenster.
Die Wohnküche (10m²) ist mit einer hochwertigen Einbauküche ausgestattet, die vom Vormieter übernommen werden muss (Ablöse: 7.500€) und keine Wünsche offenlässt.

Zur Wohnung gehört noch ein Dublexstellplatz, der mit angemietet werden muss (120€).

Die Wohnung wird nicht an WG’s vermietet und ist vermieterseits nicht erwünscht.
Der Eigentümer bevorzugt ein solides Paar ohne Kinder. Keine Haustiere, Juristen und Musiker.

Bitte Anfragen nur per Email mit ausführlicher Selbstauskunft, Schufa, den letzten 3 Gehaltsnachweißen und Steuerbescheid.

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[Inserat in der Süddeutschen Zeitung]

4-Zi.-Whg, Mü-Neuhausen, sehr zentr., 96m², Blk., ab 01.03., 1.600€ zzgl. 350€ NK, von priv.

Sehr geehrte Frau Kraulquappe,

besten Dank für Ihre Email und Ihr Interesse betreffend die Anmietung der 4-Zimmer Wohnung in München-Neuhausen zum 01.03.2018.

Die Wohnung befindet sich in der xxx-straße 6 im 3. Stock. Der Balkon geht nach Süden, zur xxx-straße. Nächste Woche werden noch einige Arbeiten in der Wohnung durchgeführt (neue Armaturen im Bad, Erneuerung Stromkasten mit FI-Schalter, Rauchmelder), so dass die Besichtigung der Wohnung frühestens am 17. Februar 2018 möglich ist.

Vom Mieter müssten ein paar Renovierungsarbeiten bzw. Schönheitsreparaturen selbst durchgeführt werden, es handelt es sich im Wesentlichen darum:

  • Tapeten entfernen, Wände und Decken streichen; evtl. Zargen und Fensterrahmen streichen
  • Parkett im Wohnzimmer und in der Diele abschleifen und neu versiegeln
  • in einem Zimmer (12,92 qm) den Bodenbelag (Laminat) und den alten Küchenboden (PVC) zu erneuern
  • Die Wohnung wird ohne Einbauküche vermietet.

Der Vorteil für den Mieter besteht darin: Es sind bei Auszug keine Schönheitsreparaturen zu leisten und die Wohnung kann bei Einzug nach Ihrem eigenem Geschmack gestaltet werden. Ich bin an einem langfristigen Mietverhältnis interessiert. Da ich alleinstehend bin bzw. meine 87jährige, pflegebedürftige Mutter bei mir wohnt, haben Sie keine Kündigung wegen Eigenbedarf von mir zu befürchten.

Vorab sende ich Ihnen einen Plan der Wohnung sowie eine ausführliche Mieterselbstauskunft.

Bitte kontaktieren Sie mich, wenn Sie am Samstag, den 17.02.2018 die Wohnung besichtigen möchten, so dass wir eine Uhrzeit vereinbaren können.
Mit freundlichen Grüßen
xxx

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[Inserat in Immowelt]

Lage: Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt
Baujahr: 1882
Wohnungstyp: Etagenwohnung
Etage: 3 von 4
Wohnfläche: 80m²
Zimmer: 3
Badezimmer: 1
Bezugsfrei ab: sofort
Garage: nein

Kaltmiete (zzgl. NK): 1.650 €
Nebenkosten: 150 €
Heizkosten: nicht in NK enthalten €
Gesamtmiete: 1.700 € zzgl. Heizkosten

Da das Haus 1882 erbaut wurde, unterliegt es den Bestimmungen des Denkmalschutzes. Daher ist es auch noch mit originalen Holzfenstern ausgestattet, was den Nachteil hat, dass diese teilweise recht luftdurchlässig sind.
Es befindet sich nur noch teilweise Stuck an der Außenfassade, da diese leider größtenteils im Krieg zerstört wurde.

Ausstattung:
abgeschliffene, breite, helle Holzdielen
im Bad rechteckige, große, sandfarbene Fliesen, Badewanne vorhanden,Waschmaschinenanschluss
große, helle Fenster, getäfelte Türen mit Messinggriffen
Durchgangszimmer Küche mit Balkon/ Blick auf den begrünten Innenhof, Ausrichtung Süd/West, dort großer, sehr alter Kastanienbaum im Garten, mit Baumschaukel
überdachter Fahrradunterstand, Korbsitzecke, Tischtennisplatte, Grill

Sonstiges:
Da im Haus größtenteils Mieter jüngeren bis mittleren Alters wohnen, die gerne mal feiern, u. a. im Sommer im Garten und sich unten auch eine Galerie befindet, in der regelmäßig Parties, Vernissagen etc. veranstaltet werden, kann es durchaus des Öfteren lauter werden. Zumal das Haus auch schlecht isoliert ist. Deshalb ist die Wohnung eher ungeeignet für Familien mit Kindern oder Personen, die gerne ihre Ruhe haben möchten!!!
Außerdem ist das Viertel aufgrund der zahlreichen Bars stark frequentiert!
Nicht geeignet für lärmempfindliche Menschen!!!
Gerne Homosexuelle, die sich hier wieder mehr etablieren möchten!
Keine Maklerprovision! Auch keine Makler erwünscht!!!!
Wohnung von Privat.
Bei Interesse bitte keine E Mails, sondern unter der angegebenen Telefonnummer anrufen.

*****

Impressionen aus einer Unterführung in München. Bei dem Künstler handelt es sich vermutlich um einen Langzeit-Wohnungssuchenden.

Privatissime.

Lieber Gatte,

es kam mir ja bereits etwas seltsam vor, dass du Anfang letzter Woche deinen Bademantel einpacktest, als du dich wegen dieses angeblichen Blockseminars für 10 Tage nach Frankfurt verabschiedet hast.
Blockseminar? Bademantel? Jaja, ich weiß, seit Bologna hat sich viel verändert an den deutschen Universitäten, und ich weiß auch, dass dein Blockseminar vom vergangenen Wochenende das Wort „systemisch“ im Titel trug – dennoch: Bademantel und Blockseminar passt für mich einfach nicht so recht zusammen.

Dann heute Morgen diese Abbuchung von einer Frankfurter Bar auf unserem Kontoauszug, hm…?!? Und kaum war das einigermaßen geklärt, rückt heute Mittag diese Friederike an. Langsam denke ich, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht: jetzt verschiebt sich also tatsächlich deine Heimreise und beschert mir eine weitere Nacht- und Morgenrunde mit dem hormonell ausgetickten, anhänglichen Dackelweib (nicht zu vergessen: die Stunden dazwischen).

Aber es kommt noch doller!

Abend(ge)mahl samt Lektüre.

Beim Abendessen, das ich ja heute eigentlich für zwei geplant hatte und nun alleine verspeisen musste, sitz‘ ich da so und stochere im Auflauf herum, als mir plötzlich diese schwarzweiße Postkarte einfiel, über die wir mal so gelacht haben. Du weißt schon: die mit der Rückenansicht einer nackten Frau, die frivol und erwartungsfroh an der Tischkante lümmelt, als man den Herrn des Hauses nach einem langen Arbeitstag (oder Blockseminar) ganz hinten im Flur die Wohnung betreteten und auf die Frau zugehen sieht – über ihm die Denkblase „So ein Mist, schon wieder nichts gekocht!“.
Und weiter dachte ich: Mensch, die suchst du raus, machst noch schnell ein Foto vom Abendmahl, und stellst beides in den Blog rein, mit einem schmissigen Satz drunter (à la „Wie man’s macht, macht man’s verkehrt!“).

Esse zu Ende, stehe auf und gehe zu meinem Sekretär. Durschuche die ganze Box, in der ich meinen Kartenvorrat horte – nichts! Denke dann: Hm, vielleicht hast du ihm die Karte ja schon geschenkt, schließlich gab’s ja nicht zum ersten Mal abends bei Heimkehr eine warme Mahlzeit, dann musst du halt mal in seiner Box (die rote mit den zig Ehefrau-Postkarten, -Briefen und -Depeschen) kramen. Suche dann erstmal minutenlang diese Box (leider wohnt die nicht mehr dort, wo sie in der alten Wohnung stand), finde sie schließlich und durchforste die in über zehn Jahren aufgelaufene Sammlung (nebenbei bin ich ein wenig schockiert über die Entwicklung, die meine Handschrift nahm, außerdem ist es komisch, die eigenen Worte so kreuz und quer in einer Kiste gestapelt vorzufinden). Aber dort ist besagte Postkarte auch nicht!

Jetzt frage ich mich: Hast du sie an einem geheimen Ort versteckt (Vorsicht, Fangfrage!) oder etwa weiterverschenkt (Obacht!) oder sie dir gar auf deinen Schreibtisch in Frankfurt gestellt (was irgendwie zu der Bademantelsache passen würde)?
Oder hab ich sie anderweitig verschenkt (wenn ja: wem nur?) oder einfach nur verschmissen (wir wissen: das ist höchst unwahrscheinlich)?
Wo zum Teufel ist diese verdammte Karte abgeblieben?

Als Ersatz für die nicht auffindbare Karte, wegen der ich nun auf den Gag, den ich gern gemacht hätte, verzichten muss, bekommst du hier ein Hundefoto (just in dem Moment aufgenommen, als ich ihr mitteilte, dass du heute doch nicht kommst) samt Gustl, Schorschi, Söckchen und Bällchen. Eine geballte Ermahung quasi (letztlich angebrachter als jeder Gag).

So, wir müssen dann mal raus in den Sturm und Regen, wünschen dir noch einen schönen Abend in der Mainmetropole und pass gut auf, dass Friederike dir nicht den Bademantel aufweht!

Es grüßen –
Deine beiden Frauen.

Himmel der Bayern (33): Wanderer, kommst du nach GaPa…

verkündige dorten, du habest den Rucksack bestücket, wie es der Vater einst befahl.
(frei nach Simonides von Keos)

Nach einigen Pannen zu Berge halte ich mich ja nun wieder strikt an das früh mir Anerzogene, das da lautete:

  1. Bereite deine Tour am Vorabend gewissenhaft vor.
  2. Nimm immer ausreichend Proviant, ein Erste-Hilfe-Set, Kleidung zum Wechseln und allerhand weiteres Glump mit, das du zwar nur 1x in 10 Jahren brauchen wirst, aber dann sowas von froh bist, wenn du’s im entscheidenen Moment dabei hast.
  3. Konkret mahnte der Vater vor allem zu vier Dingen unter dieser von mir als Glump verunglimpften Rubrik: eine Karte, ein Taschenmesser, eine Wäscheklammer und ein Stück Schnur.

Und so trug es sich zu, dass wir gestern, bei unserem vierstündigen Marsch oberhalb von GaPa (für die Nicht-Bayern unter den Lesern: Garmisch-Partenkirchen) dieses eine Mal in 10 Jahren erlebten und wirklich sowas von froh waren, weil sonst wären wir glatt verhungert!

Oberhalb von Grainau beginnt der Kramerplateauweg…

… ein Höhenweg am Fuße des Kramers, der sich zu jeder Jahreszeit lohnt, besonders aber dann, wenn die allgegenwärtigen GaPa-Touristen mit anderen Vergnügungen abgelenkt sind (diesmal: Skifahren, neue Zugspitzbahn).

Diesen herrlichen Panoramaweg kann man bis zur Burgruine Werdenfels (über Burgrain, dem nördlichsten Ortsteil von GaPa) in sanftem Auf und Ab entlangmarschieren.

Aus den alten Gemäuern tun sich neue Perspektiven auf, selbst der sonst eher langweilige Hausberg der Garmischer, der Wank, macht mit dieser Umrahmung was her…

…aber auch der Blick nach Farchant und ins Estergebirge lohnt sich von hier oben.

Die unterhalb der Ruine gelegene Werdenfelser Hütte hat ganzjährig geöffnet und bietet Riesenportionen für den Riesenhunger…

…und da wir uns gerade erst ein Paar Wiener (Würstchen!) geteilt haben, ziehen wir noch weiter, bergauf zum Pflegersee…

…der uns mit geschlossener Eisdecke, aber geöffneter Wirtschaft empfängt.

Der Magen knurrt, das Dackelfräulein wetzt schon zur Terrasse, ich pfeife sie zurück. Setze den Rucksack ab, öffne das obere Fach, um die Hundeleine herauszuholen – und greife ins Leere. Das ist das Doofe am Prinzip Zweitrucksack, der mit Thermoskanne und Hundefutter für danach – und heute auch mit Leine drin – auf dem Beifahrersitz schlummert, da kommt man beim Packen halt leicht durcheinander.

Aber: Nach Jahren nutzlosen Mitherumtragens ist nun die Stunde der Paketschnur gekommen!

Die drei Meter reichen problemlos für eine Kurzleinenkonstruktion samt Griffschlaufe und wenn der Hund nur 7kg wiegt, braucht man ja gottseidank kein Schiffstau, um ihn zu bändigen bzw. am Stuhlbein zu befestigen.

Ich schicke dem Papa live eine Mail mit diesem Foto, das ihm zwar spät, aber immerhin überhaupt beweist, dass seine Erziehungsbemühungen Früchte gezeitigt haben.

Noch schönere Früchte finden sich jedoch in dem Streuselkuchen, der mich auch darüber hinwegtröstet…

…dass ich wegen zu hoher Rüdendichte auf der Sonnenterrasse leider drinnen sitzen muss.

Anschließend wandern wir auf dem selben Weg die ganze Strecke retour…

…das Weißblau hat der Bayernhimmel zwischenzeitlich durch Weißgrau ersetzt, aber dem Hund ist das genauso wurscht wie der Alp- und Zugspitzblick und wahrscheinlich das gesamte Panorama unterwegs.

Und wenn man heute Morgen so aus dem heimischen Fenster schaut, weiß man, dass man gestern alles richtig gemacht und nun in aller Ruhe die nächsten Tage am Schreibtisch sitzen kann.

Suburbia (1): Vom Leben im Transitbereich.

Logo zu meiner neuen Serie über das Leben am Münchner Stadtrand.

Meist ist es ratsam, mit schwerwiegenderen Gedanken oder Gefühlen ein wenig schwanger zu gehen, bis aus ihnen ein gebärfähiger Beschluss wird.

Wir befinden uns nun im neunten (!) Monat unseres Wohnens & Lebens am südlichen Stadtrand, eine relevante Zeitspanne also, um die Niederkunft einer Entscheidung bekanntzugeben. Und ich wünschte, es gäbe diesbezüglich nichts zu verkünden, weil wir uns hier annähernd auf cloud nine befänden oder auch bloß angekommen wären, uns gut eingelebt hätten und wohlfühlen würden.
Leider hat sich fast alles anders entwickelt als erhofft.

Fairerweise will ich zunächst die zweieinhalb positiven Aspekte erwähnen.
Die neue Wohnung ist und bleibt ein Quantensprung im Vergleich zum vorigen Zuhause – ständiges Frieren und modriger Muff in den Wintermonaten sind ebenso passé wie diverse andere Baufälligkeiten, die uns jahrelang genervt haben. Stattdessen haben wir nun läppische Luxusprobleme wie das Experimentieren mit der adäquten Regulierung der Fußbodenheizung oder Vorkehrungen zu treffen gegen das Ausrutschen auf der aalglatten Versiegelung des Fischgrätparketts (für das Dackelfräulein durchaus unkommod). Kann man wirklich mit leben, ist letztlich zu verbuchen unter Anpassung, denn die Bau- und Binnenqualität der Wohnung betreffend sind wir nun mal von einem Extrem ins andere gefallen.

Der neue Nachbar vis-à-vis hat sich zwischenzeitlich nicht nur als netter Hausgenosse und Kompagnon für Fußball-Abende bewährt, sondern auch zu einem geschätzten Gesprächspartner, Grillmeister, Gleichgesinnten in Sachen Humor & häuslichen Angelegenheiten, perfekten Dogsitter sowie einer Anlaufstelle für Chipsgelüste (sogar nach 23 Uhr) entwickelt. Besser hätte man’s nicht erwischen können, so auf derselben Etage (denn von der Erbsenzählerin und der Korinthenkackerin eine Etage drüber soll an dieser Stelle lieber nicht die Rede sein).

Auch die neue Vermieterin ist im Vergleich zur vorigen eine Verbesserung, allerdings nur eine geringe: Hier haben wir, wie wir zwischenzeitlich feststellen mussten, lediglich das Modell „verhaltensgestörte, kleinkarierte Geizkrägin mit abgewetzter Pudelmütze“ gegen das Modell „übervorsichtige, oberlehrerhafte Damenbartträgerin mit Großgrundbesitzerattitüde“ eingetauscht. Schwer zu sagen, was im Umgang nervtötender war bzw. ist. Die eine bekam einen Anfall, wenn man wiederholt wagte, sich schimmelfreie Fensterbänke neben dem Esstisch zu wünschen, die andere echauffiert sich nun, wenn man sich erdreistet, 2x in 9 Monaten einen tropfenden Schirm kurz im Treppenhaus abgestellt zu haben (und hält uns an, ich zitiere: „eine Auffangschale im Gäste-WC zu platzieren“, in der der Schirm zu trocknen habe).

Worin wir uns allerdings völlig getäuscht haben, ist die Sache mit der Stadtrandlage. Erhofft hatten wir uns mehr Ruhe, weniger Verkehr, keine Parkplatzprobleme und insgesamt eine beschaulichere Atmosphäre durch die wald- und naturnahe Lage (und trotzdem per U-Bahn eine super Anbindung in die Stadt).

Als ich vor 27 Jahren für eine Weile mit meiner Mutter hier lebte, war das alles noch gegeben, und im Frühjahr 2017, an den beiden Samstagen der Wohnungsbesichtigung und der Mietvertragsunterzeichnung, wirkte es, als habe sich diesbezüglich nichts geändert.
Der Fehler dabei war: es handelte sich um Samstage.
Tage, an denen man gar nicht bemerken kann, dass werktags das gesamte Viertel (im Folgenden nur noch „Gegend“ genannt, da jeglicher Stadtviertelcharakter fehlt) morgens zwischen 6:30 und 9 Uhr wie eine Heuschreckenplage von den Pendlern des südlichen Umlands  heimgesucht und restlos zugeparkt wird (zwischen 16:30 und 20 Uhr dann alles wieder retour).
Tagsüber reiht sich hier Starnberger Porsche Cayenne an Weilheimer Volvo V70, dazwischen die Vorortchaisen von Stockdorf über Krailing bis Germering.
Nach dem Parken holt man sich im Bioladen noch fix einen Sojadrink nebst Dinkelgebäck (Kennzeichen STA) oder beim Billigbäcker 3 Quarktaschen zum Preis von 2 plus Coffee to go (Kennzeichen FFB) – und weiter geht’s per U-Bahn in die City, ins Office, zum Shoppen, zum Arzt, zum Amt oder zum Nobel-Friseur nach Schwabing.
Das gesamte Pendelvolk des südwestlichen Umlands rauscht hier also täglich 1x rein und 1x wieder raus, wie Reisende durch einen Transitbereich, man guckt nicht links und rechts, haut seinen Kaffeebecher oder die Edelstoffflasche auf die Straße, ist ja nicht das eigene Viertel, äh, Gegend, was soll’s.

Tagsüber und spätabends ist hier alles leergefegt, verwaist und ausgestorben. Hat man misanthropische Tendenzen, kann das durchaus von Vorteil sein. Nahezu begegnungsfrei lässt es sich bis zum Wald spazieren, dort trifft man auch nur ein paar Wildschweine und Rehe, sonst keine Gesellschaft, keine Sau, nirgendwo. Gute Sache an manchen Tagen, in manchen Verfasstheiten.
Zugleich hat diese Ausgestorbenheit etwas Gespenstisches. Bei der nächtlichen Runde mit Pippa treffe ich ebenfalls keine Menschenseele, höchstens mal Gestalten ohne selbige. Jene Verlorenen und Vergessenen, die ganz hinten im Viertel, in den Hochhäusern, hausen. Sie kippen gegen 23 Uhr angetrunken oder sonstwie stoned aus der U-Bahn, haben den Bus versäumt und schwanken zu Fuß heimwärts. Manchmal werde ich angepöbelt, manchmal wird das Dackelfräulein unflätig angeraunzt. Da ich grundsätzlich recht angstfrei unterwegs bin, komme ich damit schon zurecht, im alten Stadtviertel gab’s das auch mal, aber was mich hier beklemmt, sind die nachts vollkommen menschenleeren Straßen. Für den Fall, dass es doch mal brisanter würde, wäre niemand da, der einen hört oder sieht – da hilft nur noch Rennen, was wir gottseidank erst einmal tun mussten.
[Endlich mal kapiert, was die Pet Shop Boys seinerzeit meinten: „you can’t hide, run with the dogs tonight, in Suburbia“]

Die Menschen, die hier leben, passen weder zusammen, noch haben sie sich aneinander gewöhnt, noch stehen die Chancen allzu gut, dass das mit der Zeit gelingen könne. Alteingesessene (denen das Viertel, als es noch ein echtes Viertel war, quasi „gehörte“), Asylbewerber und Arme (die die Stadt in den in 40 Jahren heruntergekommenen Hochhäusern zusammenpfercht), Alte (nach deren Ableben die Erben die Grundstücke lukrativ an Bauträger verhökern) sowie ein paar junge bis mittelalte Familien und Leute wie wir (die mit ihrer Stadtrandlagen-Illusion oder vom Innenstadtmietzins vertrieben in den neu gebauten Wohnungen oder Häusern dieser Gegend landen).

Suburbia-Bebauung im Münchner Süden (Beispielhaus).

Bis Letztere ihren „Wohntraum im Münchner Süden“ zu Ende geträumt haben oder vorzeitig daraus erwachen, kann schon mal ein Jährchen ins Land gehen. Womöglich auch zwei oder drei. Man sieht hier nicht so klar und deutlich, denn alle machen abends die Schotten dicht, manche sogar tagsüber. Man möchte einander keinen Einblick gewähren und auch selbst nichts von „da draußen“ wahrnehmen, sondern seine Ruhe haben.
Die einen vegetieren so in der Enge ihrer trostlosen Wohnsilos dahin, die anderen verstauben oder verenden in ihren dunkelholzigen (innen wie außen), in die Jahre gekommenen Einfamilienhäusern, die nächsten polieren jedes Wochenende ihre beigen Autos auf den beigegefliesten Einfahrten ihrer beigen Häuser, hinter deren beigen Gardinen Frauen in beigen Strickjacken Apfelkuchen mit Rosinen drin backen (der letztlich auch recht beige aussehen wird) und wieder andere veröden in ihren schicken, sterilen Neubauten, in denen sie sich von Google Home oder Amazon Alexa das neueste Tablet, den Bergwetterbericht oder die glutenfreien Fertiggerichte liefern lassen.

Das Charakteristische an diesen Neubauten ist, dass sie völlig charakterlos sind, wenngleich die Bauträger versuchen, mit Firmennamen wie „Creativhaus“ über dieses architektonische Elend hinwegzutäuschen. Wie geklont sehen sie aus in ihrem ewigen Weiß und Grau, mit Milchglaselementen an den Balkonen und bodentiefen Fenstern allüberall, die den dahinter wohnenden Menschen ja geradezu animieren müssen, sich zu verrammeln, um das Prästentiertellergefühl so lange zu eliminieren, bis die blickdichten Vorhänge geliefert werden oder die immergleichen Sträucherarrangements diesen unkreativen, uncharmanten Niedrigenergiehütten einen natürlichen Sichtschutz verschaffen.

Hat des Abends doch mal einer vergessen, die Jalousien rechtzeitig per Knopfdruck herunterschnurren zu lassen, sieht man überall dieselben offenen Wohn-Ess-Bereiche, dieselben Couchgarnituren, dieselben Lampen, dieselben Obstschalen, dieselben Filzschlappen – mal Hygge-Style, mal Höffner-Stil, je nach Geschmack und Geldbörse  – und es wird bisweilen schwer vorstellbar, dass wenigstens noch die Bewohner dieser dreifachisolierverglasten Wohntempel verschieden sein sollen. Am Wochenende, wenn man einander mal im Vorort des Vororts zu Gesichte bekommt, wo alle mit ihren Kombis oder SUVs vor Rewe, DM, Fressnapf, OBI und Lidl parken, um sich die Kofferräume mit demselben Krempel vollzupacken, sind jedenfalls keine großen Unterschiede auszumachen. Individualität entfaltet sich vermutlich nur hinter den runtergelassenen Rolläden (oder ist eh nur eine ähnliche Illusion wie die Vorstellung vom ruhigen Wohnen am Stadtrand).

Alles geschlossen – oft auch am hellichten Tag (Beispielhaus).

Aber nichts ist so schlecht, dass es nicht auch positive Aspekte hätte. Trotz der höheren Miete leben wir kein bisschen teurer als vorher, was schlicht dem Umstand zu verdanken ist, dass es hier keinerlei Cafés, Kneipen, Lokale, Läden, Buchhandlungen, Kinos oder kulturelle Einrichtungen gibt, die man aufsuchen möchte. Das spart eine Menge Geld, so aufs Jahr gerechnet!

Der allergrößte Vorteil unseres neuen Standorts aber ist ganz klar der, dass man hier schnell weg ist. Nur ein Katzensprung ist es zur Autobahn Richtung Berge, das bedeutet nie mehr auf dem Mittleren Ring im Stau stehen und auf dem Heimweg dasselbe – es ist einfach großartig. Selten einen so guten und intensiven Bergsommer verlebt und so viele schöne Ausflüge gemacht! Und der riesige Wald ist natürlich auch noch da, so wie vor 27 Jahren – 1001 Spaziermöglichkeit, keine überlaufenen Joggingstrecken und im Sommer ist man in einer guten halben Stunde mit dem Rad hindurchgeflitzt zum Starnberger See.

Schnell weg – nur 30 Minuten ins Zugspitzland!

Die Frage ist nur: Möchten wir langfristig an einem Ort leben, an dem das Beste die Tatsache ist, dass man möglichst schnell von ihm wegkommt? Nein!
Also – und nun komme ich endlich mal auf den einleitenden Satz dieses Beitrags zurück – haben wir nach reiflicher Überlegung beschlossen, dass wir hier keinesfalls alt werden wollen und deshalb sind wir wieder unter die Suchenden gegangen. Hätte irgendjemand gewagt, uns das im Frühjahr zu prognostizieren, hätten wir ihm mindestens einen Vogel gezeigt, zermürbt wie wir damals waren (von den Widrigkeiten des Münchner Wohnungsmarkts und der anstrengenden Umzugsphase).
Immerhin haben wir diesmal keine Eile, denn wir müssen nicht mehr vor undichten Fenstern und Schimmel flüchten, brauchen uns also nicht hetzen und können das Projekt „Zurück in die Stadt“ ohne großen Leidensdruck angehen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir natürlich aus den Fehlern der letzten Suche gelernt haben und uns zu einem top funktionierenden, perfekt eingespielten Wohnungssuch-Team gemausert haben.
Wir haben mittlerweile Anschreiben für alle in Frage kommenden Wohnungsgrößen, Ausstattungen, Stadtviertel und Vermieter- oder Maklertypen parat und können so bereits 1 Minute nach Erscheinen des Inserats eine makellose „Bewerbung“ rausschicken. Je nach Anzeigentext inkl./exkl. Sonderbewerbungsmappe zum Dackelfräulein (mit den 100 liebreizendsten Fotos des Jahres), lückenlosen Gehaltsnachweisen und Steuerbescheiden seit der Studienzeit (um unsere atemberaubenden Karrieren zu dokumentieren), beglaubigten Kopien aller akademischen Urkunden (und normalen Kopien aller Zeugnisse seit der Grundschule) sowie von diversen Vorgesetzten, Psychiatern und uns selbst verfassten Empfehlungsschreiben. Darüberhinaus haben wir eine allgemeine Checkliste mit allen relevanten Punkten erstellt, denn in keiner Wohnungsanzeige steht alles drin, was zur angebotenen Wohnung gehört bzw. nicht gehört, stattdessen finden sich stets zahlreiche Formulierungen, die gleich zu Beginn dechiffriert werden wollen, um sich ressourcenschonend und illusionsbereinigt dem weiteren Procedere widmen zu können.

Diese Professionalisierung beschert uns nun deutlich mehr Einladungen zu Besichtigungsterminen als beim letzten Mal, was wiederum dazu geführt hat, dass wir uns auch hier besser aufstellen mussten, um zielgerichteter und zeitsparender agieren zu können. Einfach mal Hingehen & Gucken ist was für Anfänger & Naivlinge.

Bei einer Einladung zur Besichtigung ist zunächst auf ein Vereinbaren der passenden Uhrzeit zu achten: Niemals samstags (um ggf. Pendel- und Parkplatzsituation realistisch zu erleben), möglichst nicht nach Feierabend (zu viele Mitbewerber träten einem auf die Füße), keinesfalls im Dunkeln (was der mit allen Wassern gewaschene Makler „netter, kleiner Balkon“ oder „Aussicht in den begrünten Innhof“ nennt, kann sich bei Tageslicht betrachtet schnell mal als bescheidene Freiluft-Bierkastenabstellfläche oder Blick auf den Komposthaufen des Nachbarhauses entpuppen).

Anschließend teilen wir uns in zwei Taskforces für die weitere Vorbereitung auf: Der eine übernimmt eine erste Fahrt zur potentiell neuen Wohnung bereits einige Tage vor dem vereinbarten Besichtigungstermin, verbringt mindestens zwei Stunden in dem Viertel, um sich einen nicht vom womöglich guten Eindruck, den die Wohnung später machen könnte, beeinflussten, neutralen Überblick zu verschaffen (merke: ist die Wohnung toll, lügt man sich gern mal eine stark befahrene Straße oder die tatsächliche Entfernung zur nächsten U-Bahn-Station schön). Er schickt dem anderen – live und vor Ort – um die 30 Fotos (Haus, Straße, Einfahrt, Klingelschilder, Wege, Geschäfte, Passanten, Bäume, Parkplätze etc.) aufs Handy, die man mit etwas Abstand einen Tag später nochmal gemeinsam und möglichst nüchtern analysiert und mit der allgemeinen Checkliste abgleicht (merke: verwende für jedes Objekt diese allgemeine Checkliste, denn du kannst nicht alle Aspekte auf einmal im Kopf haben, sondern brauchst eine vernünftige Matrix, um kein Kriterium zu vergessen).
Der andere knöpft sich die Adresse in Google Maps vor, latscht mit Streetview mehrfach die Straße rauf und runter, zoomt in der 3D-Ansicht Fassaden oder Hinterhöfe heran, checkt Verkehrswege und andere Infrastruktur und – das Allerwichtigste – nimmt die Grünstreifensituation gründlichst unter die Lupe (merke: wenn du einen Hund hast, der nur auf Wiese pinkelt, ist ein begrastes Fleckerl, besser noch: ein Grünstreifen, in <50 Meter ab Haustür unerlässlich, denke hierbei auch an potentielle Morgenübelkeit und nächtliche Durchfälle des Vierbeiners).
Passt soweit alles, nehmen wir den Besichtigungstermin bestens vorbereitet wahr, gibt es vorab zu viel Diskussionsbedarf oder Problempotenzial, sagen wir ihn ab, weil das meist schon ein schlechtes Zeichen ist.

Bislang hätte es 2x auch nach dem Besichtigungstermin noch beinahe gepasst, aber eben nur beinahe. Einmal schlich sich dann doch noch eine Indexmiete durch die Hintertür herein, das andere Mal war’s der Balkon, über dessen Fehlen wir einfach nicht hinwegkamen. Irgendwas wird immer sein, man muss so ein Projekt in einer Stadt wie München natürlich auch als groß angelegte Kompromissfähigkeitsstudie betrachten.

Bloß nicht schwarz sehen – die „Blick ins Glück-Hütte“ (natürlich außerhalb Münchens).

Eines Tages werden wir Glück haben.
Das bete ich mir jedenfalls an all jenen Tagen vor, an denen es besonders hoffnungslos scheint, hier jemals eine bezahlbare Wohnung in einem netten Viertel, mit angenehmen Vermietern und einem Mietvertrag ohne fiese Fußnoten zu finden, in der auch das Dackelfräulein willkommen ist.
[Neulich, der Gatte erhielt den Rückruf einer Maklerin, die beim Eigentümer zwecks Hundehaltung nachfragen wollte: Nein, Hunde wünsche der Vermieter nicht, und nach dem Grund befragt hieß es, dass die Kinder in der Wohnanlage unseren Hund sehen und daraufhin ihre Eltern vollnölen könnten, dass sie auch einen Hund haben möchten (bei unserem Hund natürlich eine völlig berechtige Annahme!), und wenn dann die Eltern dem Wunsch der Brut nachgäben, ja dann lebten womöglich bald mehrere Hunde im Haus und die würden sich vielleicht untereinander nicht verstehen, sich gar anbellen, was ja nur zu Problemen führen könne in so einem Mietshaus. Was für ein Kojunktivreigen, uff. Herzlichen Dank auch, wir suchen gerne weiter.]

Bis es mal so weit ist – und das kann sich hinziehen – lassen wir uns nicht unterkriegen
oder lassen auch mal die Jalousien runter und gucken unsere Serien
oder verkrümeln uns zu Stadtspaziergängen in andere Viertel
oder hauen ab ins schöne Umland, parken den pendelnden Starnbergern ihr Seeufer zu
oder verlagern unsere Kaffeepausen weiterhin auf die Berghütten im Voralpenland.

Ob es da heroben auf der Hüttenterrasse wohl glatt ist?

Ich werde Sie über die Projektfortschritte auf dem Laufenden halten und wünsche derweil einen guten Endspurt bis zum Weihnachtsfest – wo auch immer Sie hausen und sich hoffentlich wohlfühlen!

Born in Bavaria: Zwei Eva-Schalen in Ghilly-Schnürung.

Shoppen ist nicht mein Ding, auch Schaufensterbummel nicht, ich bin insgesamt kein passionierter Konsument.
Ich kaufe mir selten spontan etwas, insgesamt auch nicht viel und überlege bei allem, was mehr als 50€ kostet, meist lange und gründlich.

Mindestens 98% aller Werbung geht mir am Arsch vorbei, sofern ich sie überhaupt wahrnehme. Aber die restlichen 2%, die haben es in sich. Da fühle ich mich im tiefsten Inneren angesprochen und nehme im Nullkommanix die Opferrolle ein. Freiwillig.
Meist ist es ein einziger Satz, manchmal nur ein Wort, gelegentlich genügt auch ein Bild oder die Haptik, ein Farbton oder Geruch, der mir bei der ersten Begegnung mit dem beworbenen Produkt glasklar signalisiert: DAS musst du HABEN, sonst bist du verloren.

So ging es mir mit einst mit meinem Trekkingrad. Eine wahre Odyssee durch Radgeschäfte, ein Vergleich von Marken, Funktionen und Preisen, ich war gut eingearbeitet und hatte einen Begleiter dabei, der sich spitzenmäßig auskannte. Um dann alle mühsam angeeignete und mitgenommene Expertise binnen Sekunden fahren zu lassen, nur weil ein sportlicher, sympathischer Verkäufer auf eines der Räder, die womöglich in die engere Wahl gekommen wären, deutete und sagte: „Mit dem können Sie durch die Wüste fahren!“. Das war nie mein Plan, aber der Satz hat einen Schalter in mir umgelegt. Justament entbrannte ich in Liebe, fackelte nicht mehr lang herum, zückte die EC-Karte und nahm das desert-bike mit. Es war einfach klar, dass es für mich bestimmt war.

Wir sind jetzt seit 16 Jahren liiert, das Giant Expedition und ich, unsere innigste und heißeste Phase ist zwar vorüber (was am Hundhaben liegt, nicht am Rad), aber ich bin nach wie vor glücklich mit ihm und habe es nie bereut, dass ich mich so schnell und kopflos dafür entschieden habe.

Ähnliches könnte ich von meinen Bergstiefeln, meiner Obstschale, meinen Langlaufski, meiner Lederjacke, meinem Tourenrucksack und meinem Ultrabook berichten. Da gab es auch jedes Mal so eine Initialzündung – ausgelöst durch gelungene Werbung, durch ein Gefühl beim Anfassen/Anziehen, ein Verkaufsgespräch oder auch bloß durch die richtige Hintergrundmusik im Geschäft.

Das war’s dann auch schon an Materiellem, woran ich wirklich hänge. Alles andere fühlt sich ersetzbar und daher unwichtig an, aber mit diesen paar Dingen bin ich verwachsen. Das kommt mir zwar irrational und dämlich vor, aber es ist so und ich opponiere nicht dagegen.

Alle paar Wochen schickt mir der Alpenverein sein Mitgliedermagazin zu. Ich blättere das Heft meist im Laufe von ein paar Frühstücken durch, lese selten einen Artikel komplett und schneide nur ab und an mal einen Tourenvorschlag aus. In erster Linie blättere ich es durch, so wie ich früher mal beim Friseur die Illustrierten durchblätterte.

Im aktuellen Heft stieß ich auf der allerletzten Seite – fast hätt‘ ich es vorschnell zugeklappt – auf eine Anzeige, bei der sich mir sofort das Gefühl aufdrängte, dass sie zu den glorreichen 2% Werbung gehörte, mit der man mich kriegt.

Die Trigger waren: „mountain boots“, „with passion“, „born in Bavaria“ sowie die roten Schnürsenkel auf graphitfarbenem Leder. Es war augenblicklich um mich geschehen. Selbst nach über 40 Jahren treuer Lowa-Trägerschaft war klar, dass DAS der Schuh ist, nach dem ich mich schon mein Leben lang unbewusst gesehnt hatte. Oder zumindest seit letztem April, seit ich wegen einer üblen Beule am unteren Schienbein (ein paar Deppen schubsten mich die Rolltreppe hinunter), die nie mehr ganz verheilt ist, in meinen hohen Bergstiefeln bei längeren Touren einen drückenden Schmerz empfinde.

Der Umzug hat ein ziemliches Loch in unser Budget gerissen, so dass ich derzeit mit allen Anschaffungen geize, deshalb ist es unbedingte Pflicht, die lodernde Leidenschaft erstmal zusammenzustutzen und sich dem Born-in-Bavaria-Schuh etwas rationaler zu nähern.

Ich recherchierte also gründlich, um dem Objekt der Begierde die Legitimation zu beschaffen, die es benötigte, um umgehend in mein Leben treten zu können. Und man staunt nicht schlecht, was in einem Schuh so alles drinstecken kann:

  • Der Hanwag Makra Low GTX ist ein leichter und zugleich robuster Approach-Schuh.
    Aha. Nie gehört: Approach-Schuh? Nachgeguckt: Approach-Schuh = Zustiegsschuh. Aha. Auch noch nie gehört. Also beim Master of Mountaineering, Mr. Speedhiking, nachgefragt. Umgehend Antwort erhalten, mit Grafik und Tabelle und Erläuterungstexten, so wie sich das gehört (besten Dank nochmal!).
    („Leicht und zugleich robust“ hab ich verstanden, so beschreibe ich immer das Dackelfräulein, das ja auch recht bergtauglich ist)
  • Leder und Cordura gehen hier eine starke und leichte Kombination ein.
    Cordura? Ich kenne noch Cortina, diesen Schöller-Nogger aus den 70er Jahren. Fast 40 Jahre später kreuzte noch eine gewisse Cortana meinen Weg, die nervtötende digitale Assistentin von Windows 10. Aber Cordura sagt mir gar nix. Ich lerne aus dem Netz: das ist ein Nylongewebe nach Schweizer Rezeptur. Kann man das nicht einfach auch hinschreiben?
    (Leicht & robust, leicht & stark, jetzt bitte nicht nochmal leicht.)
  • Das wasserdichte Gore-Tex-Futter bietet ein gutes Fußklima.
    Soso. Je wasserdichter, desto besser die Luftzirkulation. Klingt logisch. Nach 6 Std Bergtour duften Socken und Füße wie frisch gewaschen. So wie die Achselhöhlen, wenn sie endlich aus der Gore-Tex-Jacke befreit werden, das kennt man ja. Top-Klima, tolle Sache!
  • Der Zehenbereich verfügt über eine optimierte Ghilly-Schnürung.
    Wie jetzt? Kein Rundum-Ghilly? Spaß beiseite. Kenne diesen Ghilly und seine Bondage-Hobbys nicht. Wozu brauch ich den, peitscht der mich den Berg hoch?
  • Im Zehenbereich sind mehrere Profilblöcke in einer Höhe kombiniert und ergeben so eine Variation der profillosen Climbing Zone.
    Check ich nicht. Zu langer Satz. Profilblöcke klingt gut. Profillos hingegen weniger. Insgesamt zu starke Betonung des Zehenbereichs.
  • Passend zum Basisteil der Einlegesohle werden zwei EVA-Schalen mitgeliefert, die sich per Klett mit der Basis verbinden lassen.
    EVA-Schalen, zwei Stück. Unweigerlich drängen sich Assoziationen zum BH-Kauf auf. Gemoldete Cups und so’n Krempel. Was haben die in meinem Schuh verloren?
  • Der neu entwickelte Approach-Schuh zeigt eine aggressive Sohle für optimierten Antritt am Fels, die entspanntes Stehen erlaubt, selbst wenn nicht viel Platz gegeben ist.
    Jetzt reicht’s dann aber langsam. Was, bitteschön, ist eine aggressive Sohle? Ich will einen Schuh und keinen Kampfhund. Und selbstverständlich möchte ich in dem Schuh auch mal irgendwo entspannt stehen können und nicht nur aggressiv gegen den Fels treten!

Aber halt, da kommt ja noch ein letzter Absatz in dem ellenlangen Beipackzettel.

  • Der Makra Low GTX punktet mit innovativem Materialmix für deutliche Gewichtsreduzierung.
    Gewichtsreduzierung? Nehm ich! Immer! (Selbst wenn’s implizit das dritte leicht ist, mit dem ihr mich ködert.) Klasse, wenn der Schuh das für mich erledigt, am besten auch noch beim entspannten Rumstehen und Brotzeit machen. Das nenn‘ ich wirklich mal innovativ. Volle Punktzahl für die Werbefuzzis von Hanwag!

So viel Hightech, Handgecraftedes, Design, Komfort, Bodyshaping, Selbstverteidigung und Stabilität für nur 179€. Her damit.
That must have been born in Bavaria (zwar ned unbedingt in Vierkirchen im Landkreis Dachau, aber mei).

Trotzdem lass ich das jetzt noch ein paar Tage sacken. So lange, bis das Sportgeschäft den Schuh in den drei möglichen Größen bestellt hat und anprobierfertig servieren kann.
Und bis ich dem Papa, der eh noch einen Geburtstagswunsch wissen wollte, Bescheid gegeben habe.

Guten Abend und allzeit guten Stand, selbst wenn nicht viel Platz gegeben ist, wünscht
Die Kraulquappe.