Schöckled and drawn.

So läuft das ja häufig im Leben.
Irgendwas verstopft kolossal den Kanal, es hakt hier und dort, manches verheddert sich, nichts kommt so recht ins Fließen, erst recht nichts ins Sprießen.

Und siehe da – kaum hatte ich gestern einen Schlussstrich gezogen unter dieses arg bemühte Projekt „Graz mit Hund“, das mir von ein paar Umgebungsvariablen hier nicht nur verhagelt, sondern auch insgesamt verleidet wurde, und kaum hatte ich diesen Beschluss mit einem kleinen, äußerst erholsamen Vormittagsnickerchen besiegelt, war es danach plötzlich, als hätte jemand den Badewannenstöpsel gezogen (oder den Wasserhahn wieder aufgedreht oder welches Bild auch immer Ihnen für das Freiwerden verstopfter Energiekanäle genehm ist).
Die Sache hier kam auf einmal wieder in Fluss!

Kein einziger Regentropfen fiel seitdem mehr vom Himmel, geschweige denn ein Hagelkorn, die Hundedame lief wieder flotter und fröhlicher mit mir herum, und mir ging’s genauso. Befreit von der schweren Kamera und dem ebenso schweren Moment der finalen Mitteilung an die netten Sponsoren, dass ich hierüber nichts schreiben kann (was ich freilich auch nicht muss), weil ich das Bildmaterial nicht zusammenbekommen werde bzw. es nur zusammenbekäme, wenn ich in jeder Regenpause loshetze und in einem Affenzahn die Foto-Spots abklappere, was ich aber nicht tun (und schon gar nicht dem Dackelfräulein antun) will, und dass ich allenfalls eine ganz andere Story über diese Tage in Graz anbieten kann (die von A bis Z sehr besonders und intensiv waren) oder eben gar nichts (und überhaupt: künftig erzähle ich nur noch meine Geschichten, ein Fazit, das mir durch die Gespräche mit dem Einheimischen endlich völlig klar wurde, dass es nur so gehen kann und nicht anders), und befreit von all dem hatte ich dann schlagartig wieder Lust, mich hier – egal bei welchem Wetter – zu bewegen und Stadt und Gegend zu erkunden.

Eine Architekturführung (danke an Roswitha!), ein Freibadbesuch (repariert bitte eure Wärmepumpe, 20°C sind einfach zu frisch!), ein Ausflug zu einer Ruine (super Tipp vom Einheimischen), ein Morgenlauf im Park (alles rausgeschwitzt) und schlussendlich haben wir es heute sogar noch auf den Schöckl geschafft (der Grazer Hausberg).

Und all das mit Freude, mit Genuss, ohne Fotografierzwang, ohne irgendeine Ambition außer der, dass wir hier was sehen und erleben möchten, was uns entspricht.

Lieber den Spatz auf dem Teller als die Taube auf dem Balkon! (Alte Großstädterweisheit)

Den Titel dieses Beitrags wählte ich in Anlehnung an Bruce Springsteens „Shackled and drawn“, hatte das Lied beim Bergaufsprinten auf einmal im Kopf.
Keiner meiner favourites, aber der Text passt im Rückblick einfach so gut und außerdem mag der Gatte den Song, also sei er ihm gewidmet – mit der Zusicherung, dass seine beiden Frauen demnächst in aufgeräumter und zufriedener Verfassung heimzukehren gedenken.

Gray morning light spits through the shade
Another day older, closer to the grave
Closer to the grave and come the dawn
I woke up this morning shackled and drawn

Shackled and drawn, shackled and drawn
Pick up the rock son, carry it on
I’m trudging through the dark in a world gone wrong
I woke up this morning shackled and drawn

Schluss mit dem elenden Schönwettertourismus für Hochglanzmagazine.

Eine etwas andere Pressereise diesmal.
Nix eitel Sonnenschein & null Probleme, wie bei den bisherigen Einladungen, denen wir folgten. Der Juli hatte es wohl einfach zu gut mit mir gemeint: zusammen mit Pippas Daumenkrallenabriss riss auch die Glückssträhne ab und der August begann.

Montagmorgen.
Kurz vor der Abreise nach Österreich reißt auch der Schnappverschluss am Karabinerhaken der Hundeleine ab. Der Regen reißt allerdings die gesamte Fahrt über nicht ab. Stattdessen reiße ich auf einem Rastplatz das Bordbuch aus dem Handschuhfach, weil das Auto mich mit einer Fehlermeldung traktiert, deren Inhalt ich nicht verstehe. Leider reißt mir bei der Lektüre des Kapitels „Warnhinweise“ der Geduldsfaden.

Dazu rundherum alles grau und düster, nur die Erinnerung sagt einem: da sind sonst tolle Berge und schöne Seen, die man sehen könnte, wenn man halt überhaupt irgendwas sehen könnte außer dem pitschnassen Asphalt, ein paar Rücklichtern und dem alles verhüllenden Schlechtwetterdunst. Ein Blitzgassi in der Nähe von Admont muss genügen, schließlich will ich uns danach nicht auf der Sitzheizung trocknen und im Auto einen triefnassen Pfotenverband wechseln müssen.

Erste Station in Graz: Fressnapf.
Eine Kette, die ich sonst ungern aufsuche, nun aber froh bin, dass es die so autobahnnah und im nördlichen Industriegebiet der steirischen Landeshauptstadt gibt, damit ich nicht lange suchen muss, um eine neue Leine zu erstehen.
Leider führt das Geschäft zwar ca. 50 Leinenmodelle, aber nicht die, die ich mir vorstelle, also entscheide ich mich notgedrungen für eine andere Länge und Kordeldicke. Als ich diese Entscheidung getroffen habe, folgt die Feststellung, dass es genau diese Leine nicht mehr in schwarz gibt, sondern nur noch in grün, blau, pink und rot. Na dann eben rot, passend zum Pfotenverband des Fräuleins, allerdings völlig unpassend zum Halsband, aber mei.
Beim Verlassen des Fressnapf-Marktes kommt plötzlich die Sonne zwischen den Wolken hindurch – hurra!

Die Phase des kurzen Zwischenhochs beginnt.
Einen Steinwurf von Fressnapf entfernt, entdecke ich einen Wegweiser mit Skoda-Logo und folge ihm. Der riesige Autohändler trägt den schönen Namen KUSS und der Besuch dort hat auch ein bisschen was von Küss-die-Hand-gnä‘-Frau: ein sehr netter Servicemitarbeiter, früher noch ganz schnöde Kfz-Mechaniker genannt, liest die Fehlermeldung des Cockpits aus, erklärt sie mir, drückt die Reset-Taste und sichert mir Ruhe für die nächsten paar tausend Kilometer zu.

Das Uni-Viertel ist gut beschildert, ich finde problemlos in die Liebiggasse, wo ich in einem Hinterhof parke. Der Student, dessen Wohnung ich angemietet habe, steht schon vor dem Haus als ich vom Parkplatz zur Haustür gehe und reckt mir seinen Ellenbogen zum Corona-Gruß entgegen. In einer Hand die Hundeleine (mit Hund dran) und in der anderen einen Rucksack (mit viel Zeug drin), so kann ich beim besten Willen keinen meiner Ellenbogen heben, ohne ein Aufflammen der Epicondylitis zu riskieren.

Man zeigt mir die Wohnung: der Router erinnert an ein Objekt zwischen Babyflaschenwärmer und Dicoskugel, ist aber tatsächlich ein Router, das Passwort dann österreichischer Humor pur, ansonsten findet sich wenig High-Tech und Amüsantes, stattdessen viel IKEA, 80er-Jahre-Nichtcharme, zu jedem Raum eine 70er-Jahre Holztüre und an jedem Fenster Lamellenjalousien, deren Zugschnüre man nicht allzu oft anfassen möchte.

Der einzige mir bekannte Einheimische, den ich schon von München aus kontaktiert und um Tipps zu „Graz mit Hund“ gebeten hatte, hat einen nahegelegenen Park zum Spazierengehen empfohlen. Nach Auspacken, Einrichten und Pfotenverbandwechsel (mittlerweile eine Technik gefunden, wie wir das bewerkstelligen, ohne anschließend für Stunden zerstritten zu sein) geht es direkt dorthin.

Hügeliges Areal, saftig grün, teils urwaldähnlich, verschlungene Pfade, dazwischen kleine Teiche und weite Wiesen, auf einer besonders hohen Kuppe ein Café mit Blick über die hübsche Domstadt, weiter unten ein paar Spielplätze und die vom Einheimischen erwähnte Hundewiese, die genauso trostlos ist wie die Hundezonen in Finnland und Schweden. Ein völliges Miss- und Unverständnis von Hundhaben liegt dieser eingezäunten Ödnis zugrunde: kein Hund hat ernsthaft Lust, dort seine Runden zu drehen, man kann nur hoffen, dass derlei nie in Deutschland Schule macht.

Der Park ist menschenleer, ich lasse das Fräulein also frei laufen, die zwei Dutzend Enten in einer Wiese, an der wir vorbeigehen, sind ihr völlig wurscht (und umgekehrt), denn sie hat schon Witterung von etwas viel Spannenderem aufgenommen, es sind nämlich Tennisplätze in der Nähe, und legt mir wenig später die ranziggelbe Trophäe vor die Füße: der ca. 24ste Tennisballfund dieser Saison. Glückwunsch, Pippa!
Kurz drauf ist dann Schluss mit dem Sonnenintermezzo, wir laufen durch den Regen zurück und stellen uns „zuhause“ gleich gemeinsam unter die Dusche. Es folgt Pfotenverbandwechsel, der dritte. Und ein Nickerchen.

Dann ruft der Einheimische an und schlägt vor, dass er uns zu einem Stadtspaziergang abholt. Wir vereinbaren uns für 17:30 Uhr. Wegen eines Gewitters verschieben wir das nochmal um ein Stündchen, aber irgendwann muss man sich ja mal hinauswagen und so stiefeln wir schließlich mit Regenschirmen bewaffnet los, müssen uns ein paarmal unterstellen und kommen weitgehend trockenen Fußes in dem Beisl an, das M. für unsere Einkehr ausgesucht hat.
Herzl heißt es, dennoch schmeißt uns der Ober kurz nach Mitternacht mit einem schmallippigen Scherzl raus. Eh spät genug geworden, es war ein langer Tag.
Und ein schönes Ankommen in Graz. Es geht ja nichts über so einen Einheimischen, mit dem man nicht nur prima spazierengehen, sondern auch noch so gut ratschen kann, dass man glatt das Trinken vergisst (2 Bier sind für über 4 Stunden Sitzen & Sprechen ja ein Witz, findet vor allem der Kellner).

Dienstagmorgen.
Schwülwarme Luft flutet den Raum, als ich nach dem Aufwachen die Balkontür öffne. Die Sonne scheint. Ich beeile mich mit den morgendlichen Verrichtungen, notiere mir noch die diversen Tipps für besonders lohnende Fotospots, die M. mir am Abend gab und ziehe leichtbekleidet am Vormittag mit dem Fräulein Richtung Altstadt los.
Im Stadtpark werde ich von ein paar Junkies angepöbelt, die mit der um meinen Hals baumelnden Kamera ein Problem haben, dessen Kern ich gar nicht näher wissen möchte. Wir biegen schnell ab zum Schlossberg.
Es ist zwar nicht heiß, auch brennt die Sonne nicht vom Himmel, aber die Schwüle setzt dem Dackelfräulein zu. Sie wird immer langsamer, setzt sich gelegentlich hin, wirkt lustlos. Irgendwann mag sie gar nicht mehr, bleibt abrupt stehen und hebt ihr verbundenes Pfötchen hoch, mit einem Geschau dazu, das einen schon fast als Tierquäler anprangert.
Die Fotos, die ich da heroben machen wollte, kann ich vergessen, denn der Hund soll ja drauf sein, doch kein Reisemagazinleser fühlt sich animiert, den Grazer Schlossberg zu erklimmen, wenn dem Blick des Models zufolge schon ein Dackel dabei keine rechte Freude hatte.

Wir setzen uns hin und machen eine Trink- und Denkpause. Pippa legt sich nicht ab, sondern bleibt sitzen, mit gekrümmtem Rücken und zitternder Pfote. Ich werde immer unsicherer, ob da nicht doch was im Argen liegt. Es hat keinen Sinn, mit diesen Fragezeichen im Hinterkopf weiterzugehen. Ich google nach der nächstgelegenen Tierarztpraxis und wir kehren dem Schlossberg den Rücken.

In der Praxis muss ich vor dem Anmeldetresen warten, weil die Empfangsdame noch etwas zu tippen hat. Auf dem Tresen thront ein übergroßes Deko-Objekt: ein garfieldähnliches Katzenkaliber, täuschend echt schaut der aus. Und zu meinem Entsetzen ist er das auch, denn plötzlich bewegt die Dekofigur den Kopf und starrt mich an! Das entgeht auch Pippa nicht, ein Gezeter sondergleichen bricht los, der Garfield flüchtet mit einem Satz hinter den Tresen und meine eben noch so gehbehinderte, leidende Hundedame zieht mit der Energie eines ganzes Huskyrudels hinterher.

Die Empfangsdame wendet sich uns nun zwangsläufig zu und ich plärre ihr mein Anliegen durch den Spuckschutz entgegen, während Pippa sich die Kehle aus dem Leib bellt. Erfreulicherweise werden wir sofort in ein Behandlungszimmer geleitet und eine Minute später, das Fräulein hat sich gerade halbwegs beruhigt, kommt die Tierärztin hinein.

An der Daumenkralle ist nichts, möglicherweise hat also „nur“ der Pfotenverband genervt oder beim Gehen gedrückt. Oder die angeschlagene Verfassung ist der schwülen Witterung geschuldet. Vielleicht ist’s auch der Ortswechsel oder die nahende Läufigkeit, was weiß man schon.
Die Ärztin rät, stundenweise auf den Verband zu verzichten und notiert mir den Namen eines Sprühverbands, den ich stattdessen – zum Schutz vor Dreck – in der Apotheke besorgen und auf die Daumenkralle auftragen soll.

Um 15€ (und auch sonst) erleichtert verlasse ich die Praxis. Klappe den Stadtplan auf und schaue, was wir von hier aus noch als kleine Unternehmung anschließen könnten. Pippa setzt sich aufs Trottoir und hebt die versehrte Pfote hoch und guckt mich dramatisch an.
Ich beschließe also, dass wir uns auf den Heimweg machen und zuhause erstmal ausruhen. Mittlerweile ist der Himmel wolkenverhangen und ein kräftiger Wind kommt auf.

Pippa verzieht sich zuhause sofort in ihr Körbchen. Ich hingegen ziehe nochmal los, um den Sprühverband und etwas zu Essen zu besorgen. Der Himmel ist nun pechschwarz, der Wind pfeift durch die Gassen, in der Ferne hört man bereits ein Donnergrollen. Als ich aus der Apotheke komme, beginnt es zu regnen. Wenige Meter später schüttet es wie aus Kübeln. Ich rette mich in einen Falafel-Laden. Dort sitze ich eine Dreiviertelstunde und gucke gemeinsam mit Ali, dem Falafel-Mann, auf die Straße hinaus: es hagelt, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat. Nach Sekunden sind die Bürgersteige komplett übersät mit den weißen Kügelchen. Ein paar Äste und Fahrräder und anderes Zeug wird über die Wege geschleudert. Die Trambahn kommt zum Stillstand, die Autos halten ebenfalls größtenteils an. Menschen rennen vorbei, mit beiden Armen über dem Kopf.

Ali ruft seine Frau an und bittet sie, das Auto sofort unterzustellen. Etwas bang denke ich an mein Auto im Hinterhof der Liebiggasse – es steht dort unter einem alten Baum. Ich rufe meine Kontaktperson vom Tourismusverband an und frage, ob das geplante Abendessen in dem Buschenschank heute stattfinden wird, man verspricht, mich alsbald zurückzurufen.

Als der Hagel vorbei ist, renne ich durch den Regen nachhause. Unterwegs sieht man Ladenbesitzer, die mit Besen die Hagelkörner aus ihren Geschäften schippen, wegen der Schwüle stand die Tür offen und wurde zu spät geschlossen. Die Grünstreifen sehen aus als hätte es geschneit. Der Verkehr ist zum Stillstand gekommen. Wassermassen donnern die leicht abschüssige Straße hinunter. Teilweise bilden sich kleine Stauseen am Straßenrand oder auf Kreuzungen. Es ist nicht so einfach, eine Stelle zu finden, an der man die Straße überqueren kann. Die ersten Feuerwehrautos und Krankenwägen sind unterwegs. Überall Sirenen und Wasserrauschen. Triefnass erreiche ich die Liebiggasse. Das Dackelfräulein wirkt nun ausgeschlafen und kommt mir munter mit einem Spielzeug in der Schnauze entgegen als ich die Wohnungstür aufschließe.

Eine Stunde später, der Spuk scheint vorbei zu sein, machen wir uns nochmal auf zu einem Spaziergang. Es ist ein einziges Pfützenhopping, bis wir den Hilmteich, ein riesiges, hügeliges Naherholungsgebiet erreichen. Wir kämpfen uns ein Stück auf den Hauptwegen voran, die viel schöneren Nebenpfade sind alle überflutet, manche haben sich in reißende Bächlein verwandelt. Überall steigt Dampf auf, es riecht nach Erde, Laub und Tümpel. Ich kürze dieses zweifelhafte Outdoorvergnügen daher etwas ab.

Auf dem Rückweg sehen wir etliche verzweifelte Hausbesitzer mit dem Wasser kämpfen, das in ihre Kellerschächte gelaufen ist. Die Stadtbäche sind eine schlammbraune, tosende Flut, die über die Ufer zu treten droht.
Ganz Graz versinkt im Wasser.

Die Frau vom Tourismusverband ruft an und bestellt mich in ein anderes Lokal. Schöner Gewölbekeller in der Altstadt, schön trocken.
„Gelangen Sie und Ihr Hund da gut hin?“, fragt sie, und gibt zu bedenken, dass die öffentlichen Verkehrsmittel auch in den nächsten Stunden nicht oder nur eingeschränkt fahren werden. „Wir schaffen das schon“, entgegne ich.

Der Einheimische ruft auch an und erkundigt sich, wie wir zurechtkommen mit den krassen Wetterverhältnissen und fragt, ob er irgendwas helfen könne oder zumindest noch ein Getränk ausgeben dürfe zum Abschluss dieses Sintflut-Tages, und wir verabreden uns für nach dem Abendessen im Kunsthaus-Café.

Beim Abendessen überhäuft man mich mit Entschuldigungen für die misslichen Umstände hier vor Ort, als gäbe es einen Schuldigen für Wind und Wetter. Man verstünde vollauf, wenn es unmöglich sei, bei dieser Witterung werbetaugliche Fotos zu machen und eine einladende Reportage zu schreiben.
Das kommt mir sehr gelegen, da ich seit dem Hagelsturm darüber nachdenke, mal einen ganz anderen Bericht anzufertigen: Über das Reisen, wie es eben auch sein kann, wenn nichts mehr strahlt und glänzt, wenn es einem buchstäblich alle Pläne verhagelt, wenn die Reisebegleitung unpässlich ist, wenn man ständig die Klamotten wechseln muss, weil man zu dick oder zu dünn angezogen oder völlig durchnässt ist, wenn einem von Stunde zu Stunde mehr die Lust abhandenkommt, die angepriesenen Sehenswürdigkeiten überhaupt noch abzuklappern.

Wenn einem dafür mehr und mehr der Sinn danach steht, all das festzuhalten, was man stattdessen erlebt hat, einen Text zu verfassen über verdunstende Regenschwaden und verschneit wirkende Wiesen mitten im Hochsommer, über strahlendweiße K&K-Architektur vor pechschwarzem Himmel, über die Unterschiede zwischen deutschen und österreichischen Veterinären, über die wunderbaren sprachlichen Entdeckungen an jeder Ecke, auf Schildern, Speisenkarten und in Gesprächen, über die vielen Insidergschichtln, die der Einheimische erzählt, von Graz und Umgebung, von Land und Leuten, über die beiden Straßenmusiker, die auf dem Domplatz ein so schlechtes „Who’ll stop the rain“ zum Besten geben, dass es schon wieder gut ist, über Franz-Josef, den Bullterrier aus der Nachbargasse, der sich beim gemeinsamen Warten vor der Bäckerei ins Fräulein verguckt hat, über verregnete Stadtspaziergänge, auf denen nichts, aber auch gar nichts zum Verweilen einlädt, außer den Cafés, die allesamt überfüllt sind und in denen nasse Hunde ebenso unerwünscht sind wie Gäste, die sich zwei Stunden je an ein Glas klammern und dann noch zu laut lachen, als das abgenudelte „Summer of 69“ aus den Lautsprechern scheppert, während der nächtliche Regen im selben Takt gegen die Scheiben trommelt.

That summer seemed to last forever
And if I had the choice
Yeah, I’d always wanna be there
Those were the best days of my life

Danke an M. für die kurzweiligen Abende und die Gespräche über Gott und die Welt (Psalm 91 habe ich zwischenzeitlich nachgeschlagen, du auch?).
Danke, Graz, dass ich diese andere Seite an dir entdecken darf und du mich mit aller Wucht an deinem Ungemach teilhaben lässt.
Und danke an die Damen vom Tourismusverband für die Einladung, die Verköstigung und die gemeinsame Verständigung darüber, was journalistische Freiheit bedeutet.

Wir nutzen das jetzt. Legen die Arbeit nieder und uns auch.
Draußen regnet es.

 

Katharsistag.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Schwindeln und Lügen? Nein?!? Na, dann lassen Sie sich’s kurz erklären. Ist auch gar nicht kompliziert.

Als ich klein war und die Mutter mich ständig mit ihrem strikten Moralsystem traktierte und jeden Verstoß dagegen hart sanktionierte („Pass bloß auf, sonst fällt der Watschnbaum um!“), nahm der Papa mich eines Tages beiseite und erklärte mir, dass es nicht immer ein Verbrechen sei, wenn man nicht die Wahrheit sagen würde.

Dass es nämlich unterschiedliche Kategorien von Unwahrheiten gäbe: schlimme Lügen und harmlose Schwindeleien. Erstere seien dadurch gekennzeichnet, dass anderen durch die Lüge etwas genommen würde oder sie dadurch, dass man ihnen die Wahrheit vorenthielte, einen Schaden erlitten – das müsse ich unbedingt vermeiden, das sei unfair und feige. Die andere Kategorie seien Schwindeleien, die streng genommen zwar auch nicht der Wahrheit entsprächen, aber unterm Strich niemandem schaden oder um etwas betrügen würden.

Schwindeln, so sagte er mir, sei ab und zu erlaubt, weil es nun mal Situationen gäbe, in denen es mehr Unruhe oder Verwirrung stiften würde, wenn man reinen und aufrichtigen Klartext spräche, als wenn man sein Gegenüber ein klein wenig anschwindeln würde. Niemand wäre verletzt, niemand um irgendetwas gebracht. Manchmal sei Schwindeln ein soziales Schmiermittel, das unnötige Reibereien, Streitereien oder Eskalationen zu vermeiden helfe (und z.B. auch den Watschnbaum in Ruhe dort stehen ließe, wo er eben stand). Gelegentlich sei es also in Ordnung, sich in heiklen, aber letztlich harmlosen Gemengelagen einer Schwindelei zu bedienen.

*****

Heute Morgen erwache ich mit einer seltenen Klarheit: Am heutigen Mittwoch, meinem letzten, ganzen Tag hier im Wasserschadensanierungsexil, würde ich mir nur Gutes tun und mir nichts zumuten, das mir nicht gut täte.

Eine Art Katharsis ist nötig. Um mich zu befreien und zu reinigen von den unguten Einflüssen und Erlebnissen der letzten zwei Wochen. Um morgen einigermaßen aufgeräumt heimwärts zu fahren, in die Corona-Hauptstadt. Um gewappnet zu sein für die nächste Etappe der heimischen Baustelle, die da hoffentlich Fertigstellung (und Großputz) lauten würde.

Diese Klarheit verstärkt sich noch, als G., die Lebensgefährtin des Papas, zum 9. Mal in Folge bemeckert, dass ich mir morgens schon wieder eine Breze und für den Papa seine beiden Lieblingssemmeln vom Bäcker geholt habe. Jeden Abend fragte ich G., ob sie am nächsten Morgen auch eine frische Semmel möchte, jedesmal lehnte sie ab: „Ich kann genauso gut ein Brot essen!“.

Ja gut, dann halt nicht, aber dann motz‘ auch nicht, wenn andere sich mit Genuss auf die frischen Backwaren stürzen.

Nach einem eher kurzen Arbeitsvormittag packe ich den Rucksack und das Dackelfräulein und fahre rüber nach Wiessee.

Durchs Söllbachtal wandern wir hoch zur Aueralm. Frühlingshafte Temperaturen zunächst, weiter oben plötzlich dunkle Wolken und wüste Föhnwinde – und zu des Fräuleins Freude noch etwas Restschnee (die weiße Pracht vom vergangenen Wochenende hat es gestern und vorgestern weitgehend zerregnet).

Die 500 Höhenmeter zur Aueralm hinauf empfinde ich ja sonst eher als eine wenig alpine und sportliche Herausforderung, nicht so heute. Die Oberschenkel noch immer dermaßen schwer von den beiden Tiefschneetouren – öha! Aber ging dann schon, halt etwas geruhsamer.

Die herzogliche Hopfenflagge vor der Hütte hat unter den Stürmen der letzten Wochen offensichtlich etwas gelitten (ich fühle mich eigentlich genau wie diese zerfledderte Fahne, schießt es mir durch den Kopf):

Unser Stammplätzchen in der Almstube ist gottseidank frei, die Eckbank am Kachelofen…

…und die Wirtin hat grad frische Dampfnudeln gemacht. Dampfnudeln können so eine Katharsis ja enorm befördern.

Erst denkt man zwar „Boah, das schaff ich nie!“, aber dann passt’s doch prima rein in den hungrigen Wanst und macht noch dazu richtig glücklich (also mich: weil ich liebe warme, fluffige Hefeteigteile, pur und ohne was drin) und hinab kann man sich ja eh fast kullern lassen.

*****

Die Sonne lässt sich nachmittags auch noch blicken und auf der Rückfahrt halte ich deshalb kurz am Bootsanleger an, gucke einfach ein paar Minuten aufs Wasser hinaus, denke an H., die hier einst im Brautkleid an Land ging, und fasse den Beschluss, sie diesen Frühsommer nun endlich mal am Zürichsee zu besuchen.

Das Fräulein kruschelt derweil am Ufer herum, verpasst mir aber bald einen Stupser an die Wade, denn es geht auf 16 Uhr zu, und da ist Wanderwaldifütterungszeit!

Beim Papa angekommen höre ich G. schon lautstark im Wohnzimmer lamentieren, als ich von der Tiefgarage aus das Haus betrete.

Sie hält sich weder mit Begrüßungen noch Nachfragen zu meiner Tour auf, sondern trötet unmittelbar ihren Ärger heraus: Einer ihrer Söhne hat gerade kundgetan, dass sie von der für demnächst vereinbarten Enkelbetreuung coronabedingt entbunden sei, im Kindergarten gäbe es da wen…, und überhaupt.

In der Küche brodelt Billigbrühe in einem großen Topf und verpestet das ganze Erdgeschoss und daneben liegt ein großer Brocken Fleisch, über dessen Herkunft ich keine Fragen stellen werde.

Ob ich nicht doch zum Abendessen bliebe? Ob ich nicht doch was von ihrem Tafelspitz wolle? Ob ich nicht den letzten Abend besser hier verbringen würde? Ob ich dem Freund nicht absagen könne? Es sei so ein großes Stück Rind, das der Papa und sie kaum zu zweit schaffen würden, es war halt bei Lidl im Angebot, da habe sie zuschlagen müssen.

„Nein“, antworte ich, „ich werde nicht hier zu Abend essen, der Freund erwartet mich in Tölz im Brauhaus.“

Ich verkünde diese Schwindelei ohne rot zu werden und ohne zu stammeln, sondern mit völlig ruhiger, fester Stimme.

*****

Der Freund, mit dem ich heute angeblich in Tölz zum Essen verabredet bin, bin ich selbst. Das Tölzer Brauhaus, das 30 Minuten Fahrzeit bedeutet hätte, ist in Wirklichkeit das Gut Kaltenbrunn, zu dem ich nur halb so lang brauche.

So gönne ich mir nun auch noch abends drei Stunden Auszeit, komplett erschwindelt zwar, aber es schadet niemandem, nicht mal dem Rind im Kochtopf, das ja eh schon tot ist, aber ich, ich brauche das heute, um zu leben, um mit mir das Ende dieses Exils zu feiern, um mich zu belohnen, dass ich das durchgehalten habe, dass ich, vor allem dem Papa zuliebe, den großen Krach samt Abreise vermieden habe (und ein ehrlicher Satz wie „Ich muss mich heute dringend nochmal ganztags von G. und ihrem Geplärre erholen und stundenlang alleine in einem schönen Lokal sitzen und mich an der Ruhe freuen!“ hätte diesen eh so labilen Burgfrieden mit Sicherheit gehörig gefährdet).

Der heutige Abend gehört mir. Ich esse in Ruhe, ich sitze in Ruhe, ich habe meine Ruhe. Ich gucke aus dem Fenster auf den See, am gegenüberliegenden Ufer funkeln die Lichter von Rottach-Egern.

So aus gebührendem Abstand betrachtet sieht das ja alles so friedlich aus, so idyllisch, so pittoresk.

Und nach einem Mondino Amaro meint man ja beinahe, man wäre als Urlauberin hier gewesen, in diesem voralpenländischen Paradies.

Mountainview with a Star.

Das Dackelfräulein liegt im Sessel vom Papa und schläft, der Papa und ich sitzen am großen Esstisch und schweigen. Er liest Zeitung, ich arbeite am Laptop.

Es ist still im Haus, wir genießen das. Obwohl wir im Moment auch nicht reden könnten, selbst wenn wir wollten, weil der Papa für die nächsten Stunden Ober- und Unterkiefer aufeinanderpressen muss, damit die Tamponade die Wunde, die durch den vorhin gezogenen Backenzahn entstanden ist, desinfiziert und beruhigt.

Dass dem Papa heute beim ersten Biss in die Morgensemmel ein Backenzahn zerbrochen ist, passt wie die Faust aufs Auge: damit hat er sich als Erster erfolgreich aus der Affäre gezogen. Ein möglicher Diskutant weniger heute Abend, das könnte die Lage verschärfen.

Ohnehin darf mit Spannung erwartet werden, was als nächstes passiert, hier im Hause am Fuße des Wallbergs.

*****

Meine Arbeit geht nur schleppend voran, die Worte flutschen nicht, geschweige denn dass ein roter Faden für die Geschichte in Sicht wäre. Überhaupt schleppe ich mich eher etwas beschwerlich durch die Tage als dass ich leichtfüßig durch sie hindurchtänzelte.

Nach nur 48 Stunden im Exil ist gestern Abend ein erster Tiefpunkt erreicht. Innerlich kurz vor Abreise, äußerlich kurz vor Losbrüllen.

Die Lebensgefährtin des Papas, künftig G. genannt (G., wie das Großbürgerliche Grauen), entwickelt mit voranschreitendem Älterwerden verstärkt keifende, missmutige Züge. Früher war sie einfach nur laut und nervig, jetzt ist sie laut, keifend, miesepetrig und nervig.

Man möchte es kaum für möglich halten, was während eines lieben langen Tages so alles „falsch“ sein, Kopfschütteln und Kritik auslösen kann.
Nichts an mir scheint zu passen, nahezu jede Banalität ist ein Grunzen, Gemecker oder einen Kommentar wert.

– Wie kann man nur ständig zum Frühstück eine Breze essen? (Weil es mir schmeckt.)
– Warum hast du deine eigene Marmelade dabei, hier gibt’s doch auch welche? (Weil ich lieber eine nicht so überzuckerte Marmelade esse.)
– Was ist denn das für ein komisches Müsli? (Eines aus dem Bioladen, das ich mir von daheim mitgebracht habe.)
– Wieso nimmst du keine H-Milch in den Kaffee? (Weil ich H-Milch hasse.)
– Warum hast du dein eigenes Waschpulver dabei? (Weil ich diese süßlich stinkenden Waschmittel nicht riechen kann.)
– Wie kann man nur bei Nieselregen zum Laufen gehen? (Weil ich mich gern bewege und froh bin, dich dann eine Stunde weniger sehen oder hören zu müssen.)
– Wozu brauchst du den Staubsauger, das Studio wurde gesaugt bevor ihr kamt? (Weil wir nun den 6. Tag dort oben mit Hund wohnen und es gern sauber haben.)
– Warum nimmst du denn nicht meine Rinderbrühe für dein Risotto? (Weil ich diesen Glutamat-Hefeextrakt-Schrott niemals zum Kochen verwenden würde und in mein Gemüse(!)risotto prinzipiell keine Rinder(!)brühe reinkommt.)
– Wie unnötig, den Fenchel so kleinzuschneiden, das ist ja viel zu viel Arbeit! (Wer kocht heute? Du oder ich?)
– Warum presst du dir zwei Orangen aus, wir nehmen jeder nur eine? (Wo ist das Problem? Hab mir ein ganzes Netz voller Orangen mitgebracht und teile es gern mit euch.)
– Was soll jetzt an deinen Bio-Eiern besser sein, die sehen doch genauso aus wie meine? (Ist mir zu blöd, wir diskutierten das bereits, ergebnislos.)
– Warum muss dieser Hund so ein Luxusfutter bekommen, das vom Lidl ist doch viel billiger? (Halt die Fresse.)

Die Antworten in Klammern habe ich übrigens fast allesamt so nicht gegeben, sondern sie mir nur gedacht, denn G. kommt mühelos auch ohne Antworten klar, weil ihr Gekeife sowieso nicht als Einladung zum Gespräch, als ernsthaft interessierte Nachfrage oder gar Verstehenwollen gemeint ist.

Gestern Abend verheddern wir uns zu dritt im Thema „Was kochen und essen wir die nächsten Tage“. Wir wollten uns mit dem Kochen abwechseln, mal ich, mal die beiden, so war’s abgemacht. Das Abendessen ist die einzige, längere gemeinsame Zeit am Tag, was auch gut so ist, denn es kommen ja eh täglich noch kurze Begegnungen im Haus dazu, die sich durchaus summieren.

Der Papa schlägt ein Gericht vor, fragt mich, ob ich darauf Lust hätte. Ich verneine höflich. Wir wollen gerade gemeinsam weitere Ideen wälzen, da grätscht G. dazwischen. Was mir denn nun an dem Vorschlag nicht passe und wieso wir das nicht essen könnten und wieso der Papa sich schon wieder weichkochen lasse von mir und auf diese Sonderwünsche einginge. Der Papa wehrt sich und meint, ich müsse hier nichts essen, was mir nicht schmecke, ganz einfach, und es gäbe schließlich noch genug andere Rezepte, und wir hätten uns bislang immer auf was einigen können.
G. grunzt grantig und zieht die Mundwinkel hinunter bis zu den Armlehnen des Sofas, auf dem sie hockt.
Ich schlage vor, dass die beiden sich dieses Gericht doch ruhig kochen sollen und ich dann einfach nur von den Beilagen esse, mit denen ich völlig zufrieden bin, und betone zum x-ten Mal, dass ich eh nur selten Fleisch esse und wenn, dann eben nur ausgewähltes und ich aber nicht erwarte, dass sie das auch so handhaben. Als ich versöhnlich ein „Jeder darf doch hier essen, was ihm schmeckt und behagt“ ans Ende dieser unseligen Debatte setzen will, eskaliert das Gekeife: mir würde ja nichts schmecken und behagen und man sähe das ja schon an diesem Luxushundefutter, wie seltsam es um meinen Geschmack bestellt sei.
Daraufhin explodiert erst der Papa („Jetzt gönn doch dem Hund sein Futter!“), danach ich (sage: „Warum hast du eigentlich an allem, was ich esse, etwas auszusetzen?“ und denke: „Ich feinde dich doch auch nicht an, weil du dir diese gruselige, ranzige Kondensmilch in deinen Kaffee kippst!“).

*****

Ich sag’s Ihnen: Patchwork-Familien sind ein Traum! Und Dreierkonstellationen ebenso. Mit beidem habe ich zwar langjährige Übung, aber die hat offenbar nicht das Geringste gebracht. Das mit G. und mir, das funktioniert einfach nicht, obwohl ich mir schon vor drei Wochen eine Haltung zu diesem Wasserschaden-Exil-Aufenthalt hier zugelegt hatte (oder es zumindest versucht habe) – aber mehr als Duldung ist nicht drin, erstaunlich, dass nun offenbar nicht mal die gelingt, und ich überlege, ob G. mich wohl hier rausekeln möchte oder ob ich eher als Ventil für ihren angestauten Frust über den Papa fungiere.
Der macht ihr nämlich auch nichts mehr recht, es ist ein ständiges Widersprechen und Dagegenhalten und Herummosern.
Seine Parkinsonerkrankung wirkt in diesem Lichte wie eine Reflexion des Status quo seiner Lebensgemeinschaft mit G. – alles wird zusehends regloser und starrer, dem einen hängt eine ganze Körperhälfte herab, dem anderen die Mundwinkel. Deprimierend ist das.

Ich hätte heute Vormittag, während G. sich mit ihren saturierten, verwitweten Canasta- und Tennis-Tanten zum freitäglichen Tratsch im Café trifft, den Papa mal drauf ansprechen wollen, denn mehr als ein paar verbundene, gequälte Blicke haben wir über diese Sache noch nicht austauschen können. Nun darf er aber wegen seines Besuchs beim Dentisten nicht sprechen und letztlich bin ich im Augenblick auch froh um jede weitere Anstrengung, die mir erspart bleibt.

Vielleicht später, wenn G. beim Friseur ist. Oder beim Abendessen, wenn sie dabei ist und sich gerade darüber grämt, dass ihr mein Risotto hervorragend mundet und es darüber nichts zu meckern gibt außer der Ungeheuerlichkeit, dass die Küche schon vor dem Essen weitgehend wieder aufgeräumt ist („so zwanghaft wie dein Vater!“).

*****

Der Morgenblick aus dem Dachfenster kann hier leider nicht immer halten, was er verspricht. Obwohl der wirklich schön ist.

Und obwohl er sogar noch von einem Star gekrönt wird, der jeden Morgen auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses sitzt und den zur Neige gehenden Winter und den nahenden Frühling bezwitschert.

Da logiert man nun in einer Gegend, in der andere Urlaub machen, sich zur Kur aufhalten, Hochzeiten feiern oder ihre Seelen baumeln lassen, und ist ansatzweise schon wieder auf der Flucht: nun nicht mehr vor den Bauarbeiten daheim in München, sondern vor den bad vibrations einer Endsiebzigerin.

Es gibt natürlich Garstigeres als täglich drei bis fünf Stunden das Tegernseer Tal oder die hiesige Bergwelt zu durchstreifen, aber es gäbe eben auch was zu Arbeiten, wozu man mal einige Stunden Ruhe am Stück bräuchte und eine dem Arbeitsprozess zuträgliche häusliche Umgebung.

Versucht man’s dann in einem Café am See, in das man Dackelfräulein und Laptop mitnimmt, wird auch nichts draus. Man hat – als ahnungslose Zugroaste – aus Versehen den Lieblingsplatz zweier Spezls aus dem Dorf erwischt, die genau dort für ihren Männerplausch zu sitzen belieben.

Weil die beiden einen aber nicht auch noch in die Flucht schlagen wollen, setzen sie sich einfach dazu und der eine stürzt sich gleich auf Pippa („i hob amoi so oan ghobt, der is ma vui z’friah gstorbn“), der andere auf mich: „Sagen Sie, dürfte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das ich über den Tegernsee geschrieben habe? Mich würde interessieren, wie das auf eine junge Frau wirkt!“.
Ich schmunzle über das Attribut „jung“, kommentiere es und werde belehrt, dass ich aus seiner Warte (er ist 84 und ein paar zerquetschte, wie er sagt) sehr wohl „jung“ bin. Alles eine Frage der Perspektive.

Es wird dann ein netter, herzlicher, interessanter, inspirierender und ausgesprochen anregender Nachmittag mit den beiden Herren, ein Theologe und ein Onkologe übrigens.

Sie spendieren eine Runde Gebäck und Trüffel aus der Vitrine („in unserem Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen!“), wir sprechen über Gott und die Welt, über Berg und Tal, über Leben und Tod. Werden wir die Tage wohl fortsetzen, haben ja auch noch nicht von allen 25 Trüffelsorten gekostet.

Wieder nicht zum Arbeiten gekommen.
Dafür gut getrüffelt und gelaunt mit dem Fräulein am Seeufer heimwärts geschlurft.

Sie sehen, ich bin in allerbester Gesellschaft.
Sollten Sie erstmal nichts mehr von mir hören, müssen Sie sich keine Sorgen machen: der Onkologe wirkt auch mit seinen über 80 Jahren noch wie ein kompetenter und hellwacher Arzt und der Theologe hat sogar schon Reden für Seebestattungen verfasst.

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10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

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Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

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Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

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Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

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Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

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All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

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You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

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Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

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Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

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Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.