But I’m absolutely sane.

Eine größere Sache heute zuende gebracht, danach gleich die nächste angepackt.
Immer noch bleierne Müdigkeit, beinahe ganztags. Und dieser Ausschlag. Und häufiges Frösteln und so manches mehr. Zugleich ab und zu das Gefühl, das Medikament schlüge an und es ginge aufwärts.

Am späten Vormittag bereits Kuchen gebacken, D. hat sich den gewünscht, für morgen, für ihre große, runde Feier. Das Kuchenbacken doch noch nicht verlernt, schön. Sollte man wieder öfter machen, allein der Duft in der ganzen Wohnung ist ja ein Genuss!
Nebenher die Liste der mitzunehmenden Dinge für meinen großen Freund S. erstellt, der morgen die Ehre hat, für einige Stunden das Dackelfräulein zu hüten, nachdem ich Ds Feier beiwohnen werde und der Gatte in Frankfurt ein Wochenendseminar hält, so dass ein gutes Plätzchen gesucht werden musste.

Mittags Kopf, Körper und Hund ausgiebig an der Isar bei Schäftlarn ausgelüftet, um mal wieder von sauberem Weiß umgeben zu sein statt von schmutzigen Altschneeresten in der Großstadt.
Anschließend kommt die Braunschweiger Freundin kurz zu Besuch, seit Mai nicht mehr gesehen und dennoch war’s als wär‘ man gestern erst auseinandergegangen. Nachdem wir uns die Gesichter mit Krapfenmarmelade und -puderzucker verschmiert haben, fahre ich sie nach Schwabing, wo sie auf einen Geburtstag eingeladen ist.
Das hatten wir noch nie, dass wir zum Abschied sagen konnten: „Bis in drei Wochen!“ – dann reise ich zu ihrer Geburtstagsfeier. Auch ein runder Geburtstag. Ich mag Geburtstage ja, den meinen ebenso wie die der anderen.

Von Schwabing aus fahre ich weiter zum Lieblingsbad, fast eine Woche nicht mehr dort gewesen – ein Unding! – und heut‘ Abend versuch‘ ich’s einfach, trotz der null Grad da draußen (es ist ja ein Winter-Freibad, schön beheizt zwar, dennoch muss man 42 Schritte vom Gebäude durch die Eiseskälte bis zum Beckenrand laufen und der erste halbe Meter unter der Wasseroberfläche hat auch nicht gerade Badewannentemperatur), trotz der Müdigkeit und allem.
In der Bahn sind außer mir nur zwei roboterartige Kampfkrauler, man kommt einander also nicht in die Quere und es geht insgesamt erstaunlich gut.

Auf dem Heimweg mache ich etwas, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht habe: ich fahre bei einer Tankstelle raus, um Bier zu kaufen.
Gruselige Assoziationen kommen da hoch: an den, der immer abends zur Tanke ging, um Bier zu kaufen. Und zwar jeden Abend. Und auch nicht nur eine Flasche.
Mit 46 fahre ich also erstmals nur zum Bierkauf an eine Tankstelle. Grund: Der blöde REWE hat seit über einer Woche die für mich einzig wahre Weißbiersorte nicht mehr im Regal stehen, angeblich Lieferschwierigkeiten.

Als ich mit dem Bier in der Hand zum Auto zurückgehe, fühle ich mich unwohl, muss an den Papa denken, der mich in meiner kurzen Phase als Raucherin immer ermahnte, bloß nicht draußen auf der Straße und schon gar nicht beim Herumlaufen zu rauchen, weil das Frauen nicht zu Gesichte stünde. Obwohl ich diese Regel schon damals für äußerst fragwürdig hielt, frage ich mich plötzlich, ob sie nicht für das offene Herumtragen einer Bierflasche ebenso gelten könne und fühle mich noch unwohler.
Ein Geschäftsmann im Lodenmantel steigt aus seinem blankpolierten BMW, unsere Blicke kreuzen sich für einen Moment. Eine Frau allein, am späteren Freitagabend, mit dreckigem Auto, in abgewetzter Jeans, uralten Bergstiefeln, mit nassen Haaren, die unter der Fleecemütze rausschauen (er wird sie wohl für strähnige, ungewaschene Haare halten, nicht für schwimmbadnasse) – wie sieht das aus? Ich bin froh, als ich wieder im Auto sitze und ärgere mich, dass es mich auf einmal beschäftigt, was irgendwer sich über mich denken könnte.

Lasse den Motor an, fädle mich wieder auf die Allee ein, hinter einen Porsche 911, der fast denelben Farbton hat wie der von Saga Norén, der mich aber nicht deswegen, sondern wegen seines Kennzeichens zusammenzucken lässt: M-HK 2108. Genau damit fuhr die Mutter einst herum, im orangefarbenen VW Käfer (der mit den netten, feinrändrigen Augen, nicht der mit den Glotzaugen). Ja gibt’s das?!
M-HK 2108 lebt also noch (und in mir denkt es: „maybe everything that dies someday comes back“, einer dieser Fetzen aus dem Lebenssoundtrack) und dabei ist sie jetzt bald drei Jahre unter der Erde.

Um nicht länger als nötig an den orangefarbenen Käfer und die Geschichten, die sich in ihm und um ihn rankten, zu denken, stelle ich das Radio an, den Sender, von dem man jahrzehntelang dachte, man würde ihn niemals hören (so wie man auch never ever an der Tankstelle Bier kaufen würde).
Ich lande mitten in der ersten Strophe eines Bowie-Songs: „(…) but I’m abolutely sane“.
Absolute beginners.
Sehe A. und mich im gleichnamigen Film sitzen (über 30 Jahre her), von dem ich nichts erinnere außer Bowie, der Zebrafrau und eben diesem Song. Am Tag danach sofort die Single gekauft. Im Jugendzimmer auf dem Boden sitzend, ans Klavier gelehnt, mit Blick auf das damals gerade neu erstandene Tunnel-of-love-Poster die Scheibe in Endlosschleife gehört.
Der größte Segen meines vom Zeitungsaustragesalär gekauften Plattenspielers war seine Repeat-Taste.

Westwärts oder: Feels like Finsdorf.

Eine Fahrt in eine Richtung, die noch nie die meine war.
Graue Landschaften und trostlose Dörfer huschen draußen vor dem verschmierten Zugfenster vorbei. Immerhin, der ICE ist pünktlich und ich habe ein Abteil für mich.
Die Reise ist zu kurz, um in mir irgendwo anzukommen, daher bleibt sie einfach eine Fahrt von A nach B.

Am Zielort erblicke ich für einen winzigen Moment mein Spiegelbild im Fenster der Zugtür, die sich gleich öffnen wird, und denke: Oh je! Krank irgendwie, arg blass und hohlwangig.
Der, den ich für einen Freund hielt und den ich vielleicht eines Tages – die Zeit und die Akteure werden’s zeigen – wieder dafür halten werde, holt mich am Bahnsteig ab.
Um ein Haar verfehlen wir einander: er guckt in die falsche Richtung und ich erkenne ihn erst auf den zweiten Blick. Auch er gerade alles andere als das, was man das blühende Leben nennt.

Eine ganze Menge steckt in den beiden Terminen, die uns an diesem Tag bevorstehen: Meine Zeit, seine Hoffnung.
Ich fühle mich wie eine Anwältin auf dem Weg zur entscheidenden Verhandlung. Mein ebenfalls angespannter Mandant fährt uns beide zum Amtsgericht. Was freilich nicht der Fall ist, da ich keine Juristin bin und er nicht mein Mandant.
Vielmehr reisen wir in eine Sphäre, die jener der Capitol-Filiale in Finsdorf ähnelt, was jetzt nur die Stromberg-Fans verstehen werden, was aber auch wurscht ist. Irgendeine schwäbische Gemeinde halt, mit schwätzende Sachbearbeiter und häuslebauende Filialleiter (nein, ich habe die Deklination nicht verhunzt, sondern der dortige Dialekt hat sie verschluckt), die Mischd sagen zu Dingen, die nix taugen und ein geknödeltes Adeee zum Abschied.

Es läuft den Umständen entsprechend gut.
Das Meiste, das ich derart akribisch plane und vorbereite, läuft gut, wenn mir nicht andere oder eben irgendwelche Umstände in die Quere kommen und mich in meinem Tun behindern. Rein energetisch und strukturell betrachtet war ich noch nie ein Fan von Teamarbeit in größerem Umfang, aber das ist ein anderes Thema.

Am Nachmittag stolpere ich mit hämmernden Kopfschmerzen aus dem zweiten Termin heraus.
Fertig. Geschafft. In jeder Hinsicht.
Von allen Wettern begleitet kutschiert der Mandant uns wieder über die wie eh und je vollgestopfte A8 zurück zum Ausgangsort. Halb verhungert steuern wir dort das nächstbeste Lokal an, zufälligerweise von Interieur und Speisekarte her eine halbwegs gelungene Hommage an meine Heimatstadt. Nur Breze können sie hier weder im Singular noch im Plural korrekt schreiben, geschweige denn aussprechen.

Langsam entspannt sich die Situation.
Zusammen gießen wir ein bayerisches Bier über diesen Tag. Für das Ertränken des in den Wochen zuvor Geschehenen bräuchte man ein kleines oder mittleres Fass, aber man muss ja noch heimkommen und von Nachhaltigkeit wäre diese pennälerhafte Maßnahme ja auch nicht gekrönt.
Ein Gespräch, ja, das wär’s wohl, aber dazu müssten mal beide zeitgleich in der Verfassung sein und mindestens einer den Anstoß geben.

Meine Sohlen sind durchgelaufen.
Dies nicht nur als Metapher für den Status quo, sondern auch ganz real. Der nasskalte Schlonz, der auf dem Asphalt liegt, kriecht mir auf dem Weg zum Bahnhof unangenehm in die Stiefel, in die Waden, die Beine hinauf und von dort weiter bis ins Herz.
Mir klappern die Zähne, ich fühle mich untergewichtig, beinahe wie in Auflösung begriffen, und als wir uns an Gleis 2 verabschieden, bin ich tatsächlich nur noch ein dünner, wackliger Strich, der sich in der beschlagenen Scheibe eines Schaukastens spiegelt, in dem der Wagenstandanzeiger hängt.

Warum fühlt man sich eigentlich so gut wie nie richtig gewichtig ausgewogen, sondern entweder schwer wie Blei oder wie ein Blatt im Wind?, frage ich mich, als ich mich in dem schmuddligen Intercity auf irgendeinen freien Platz setze.

Draußen hebt der, der mich gerade verabschiedet hat, die Hand und winkt. Ich winke zurück.
Wir lächeln uns etwas schief zu, was gut passt zu all den schrägen Umständen und überhaupt diesem ganzen Tag.
Dann geht er. Nach ein paar Schritten dreht er sich nochmal um.
Das hat er von mir!, schießt es mir durch den Kopf, denn als ich ihn kennenlernte, war er kein Umdreher, sondern einer, der einfach ging.

Und in dem Moment kann ich doch noch einmal unschief lächeln, was er aber nicht mehr sehen kann.

Mein erstes Mal oder: Der Shitstorm.

Braver Dackel? Unerzogene Bestie? Streuner auf Hetzjagd? In den falschen Händen? Oder in gar keinen, da ja sichtbar ohne Leine unterwegs?

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Vor ein paar Tagen war ich mitten in der Stadt in dichtem Schneetreiben mit dem Dackelfräulein spazieren.
Die Isarauen waren bis auf etliche Hundebesitzer und ein paar hartnäckige Jogger wie leergefegt. Ich entdecke unter einer Isarbrücke ein neues Graffiti, zu dem mir sofort ein Song einfällt: Three little birds. Wenig später entdeckt das munter durch den Schnee sausende Dackelfräulein ein Brotstück, für das sich zeitgleich auch eine Krähe interessiert. Ich schieße ein Foto. Die Krähe ist schneller. Dann fällt ihr das Brotstück aus dem Schnabel und Pippa will es sich schnappen. Wieder hüpft die Krähe zu ihr. Ich schieße wieder ein Foto. So geht das kurz hin und her. Als die Krähe heftig kräht, guckt mein Hund sie an und geht einen Schritt auf sie zu. Die Krähe setzt zum Wegfliegen an, das Dackelfräulein läuft ihr drei Meter hinterher. Ich schieße ein drittes Foto. Pippa dreht wieder um und will zu dem Brotstück zurück, das sie bedeutend mehr interessiert als jede Krähe. Derweil landet die Krähe wieder und linst zu ihr hinüber. Ich untersage dem Fräulein, das Brotstück zu fressen. Wir gehen weiter.

Später sitze ich im Café und stelle ich vier Fotos in meinen Blog: das Graffiti von den drei Vögeln sowie die drei Fotos vom Dackelfräulein und der Krähe. Dazu den Song, der mir ohrwurmartig während des Spaziergangs durch den Kopf ging.

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Zwei Tage später pöbelt mich ein Blogger an (nachzulesen in den Kommentaren zu diesem Beitrag): In der Momentaufnahme von Pippa und der auffliegenden Krähe sieht er einen Hund, der in einem Naturschutzgebiet auf der Hetzjagd war und dessen Besitzerin das als lustiges Spiel betrachtet und die ihrem Hund jederzeit gestatten würde, Wildtiere aufzuscheuchen, weil ihr nämlich Tier- und Naturschutz schnuppe sind.
Zugleich ist dieser Blogger sogar in der Lage, aus Fotos ein Bellen herauszuhören – manche Menschen haben erstaunliche Gaben!

Er fragt nun nicht etwa nach, wie die Situation eigentlich war: Befand sich der Hund in einem Gebiet, in dem Freilauf gestattet ist? Handelte es sich um ein Naturschutzgebiet? Ist der Hund überhaupt einer, der jagt? Hat die Besitzerin ihren Hund gut erzogen, so dass er abrufbar ist? Kam durch diesen Hund schon jemals irgendein Tierchen oder Menschlein zu Schaden?
Nein, er fragt gar nichts, sondern er weiß durch das bloße Betrachten eines einzigen Fotos Bescheid, was hier Sache war, und er weiß noch viel besser, wie die Sache zu bewerten ist und fällt deshalb sogleich sein Urteil: Es handelt sich um ein grobes Fehlverhalten eines „Dümmlings“ (=Hundebesitzer).

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Obwohl der Kommentar sprachlich wie inhaltlich ziemlich ungehobelt daherkommt, schalte ich ihn dennoch frei und nehme ausführlich Stellung zu dem Anwurf.
Erkläre dem Pöbler die konkrete Situation, stelle klar, wie wir unseren Hund erzogen haben, erläutere, dass sie keinen Wildtieren oder Vögeln hinterherjagt und wir sie auch niemals dazu animieren würden. Wir achten die Natur, wir lieben nicht nur unseren Hund, sondern alle Tiere, verhalten uns daher draußen angemessen achtsam und vorsichtig, in Naturschutzgebieten halten wir uns an die Regeln und meiden sie – unterwegs mit Hund – am besten ganz.

Das alles interessiert diesen Blogger aber gar nicht, er geht deshalb auch mit keiner Silbe darauf ein, sondern haut den nächsten pauschalen und oberlehrerhaften Kommentar raus, schert weiterhin alle Hunde und Hundebesitzer über einen Kamm, fordert eine grundsätzliche Anleinpflicht für alle Hunde (und zwar überall) und bezichtigt mich der Uneinsichtigkeit, Unbelehrbarkeit und Blödheit.

Ich beende die Diskussion, da man mit Rechthabern und Prinzipienreitern ja nicht diskutieren kann. Wenn man schon zu Beginn der Debatte spürt, dass einer eh nur seine eigene Sicht loswerden will, keinen Dialog führen kann, nicht genauer hinzusehen, zuzuhören oder zu differenzieren bereit ist und auch nur in einer Dimension denken kann, ist der Weg zum Fundamentalismus nicht mehr weit.

Am nächsten Morgen poltert der allwissende Leinenzwang-Vertreter in seinem Blog nochmal ordentlich los, verdreht die Situation erneut und stellt die Sache wieder so dar, als hätten wir im Naturschutzgebiet mutwillig Jagd auf Vögel gemacht und würden das auch grundsätzlich tun, weil wir depperte Rüpel sind. Hundehalter eben. Die sind nämlich größtenteils unfähige, uneinsichtige Idioten, im Grunde gehören die ebenso an die kurze Leine wie alle Hunde.
So dargestellt bekommt er natürlich eine Menge Zuspruch statt einen Maulkorb, der einer solchen Verleumdung angemessener wäre.

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Einer der großen Vorzüge Münchens ist, dass die Stadt ihren Zamperln in sehr vielen Gebieten Freilauf zugesteht und man kann nur hoffen, dass das so bleibt und einem nicht ein paar Deppen, die ja unter Hundebesitzern nicht mehr oder weniger vertreten sind als in allen anderen Personengruppen auch, diese Freiheit eines Tages beschneiden.
Nach meiner nunmehr siebenjährigen Erfahrung funktioniert dieses „Leben und leben lassen“-Prinzip hier auch relativ gut.
Die Idee, einen Hundeführerschein verpflichtend einzuführen, finde ich dennoch hervorragend.
Je besser der einzelne Mensch Hund erzogen und artgerecht ausgelastet ist und sozialisiert wird, desto weniger Konfliktpotential gibt es unter Hunden, die draußen aufeinandertreffen – dasselbe gilt für Begegnungen zwischen Nicht-Hundehaltern und Hunden.
Je mehr der einzelne Hundehalter über die rassespezifischen Bedürfnisse und Veranlagungen seines Hundes weiß und damit umzugehen lernt, desto besser für Mensch und Tier. Generell würde mehr Wissen – und wo dies noch fehlt: ein aufklärender Dialog, der respektvoll geführt wird – allen Beteiligten nicht schaden.

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Der Hund ist ein Bewegungstier.
Allen Hunden pauschal den Freilauf zu verbieten, sie immer und überall an der (kurzen) Leine zu führen, widerspricht einem der Grundbedürfnisse, die ein Hund hat. Wer seinem Hund nicht genug Bewegung ermöglichen kann, wer nicht die Zeit, Mühe und Geduld aufbringen möchte oder kann, um mit seinem Hund in Gebieten, in denen das erlaubt ist, einen verantwortungsvollen Freilauf zu praktizieren oder zu trainieren, der sollte sich vielleicht besser gar keinen Hund zulegen.
Die großen Jagdhunde (besonders modern hier in der Stadt: der Weimaraner), die von manchen Menschen wie edle Statussymbole an schicke Kinderwägen angebunden täglich nur eine Runde durch den Englischen Garten geschleift werden, sind ebenso zu bedauern wie die sogenannten „Handtaschenhunde“, die oft nur deshalb zu ängstlichen Kläffern werden, weil sie mehr in der Handtasche oder auf dem Schoß sitzen müssen als sich bewegen und mit Artgenossen oder ihren Menschen toben zu dürfen.

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Probleme kann es im öffentlichen Raum immer dort geben, wo einem Rücksichtslosigkeit, Aggression, Gewalt, Ignoranz oder Dummheit über den Weg laufen. Und das ist ja beileibe nicht nur auf Gassirouten begrenzt, sondern kann einem überall begegnen.

Wenn mich 1x nachts ein Mann auf der Straße angegriffen hat, kann ich das als schrecklichen Einzelfall betrachten oder unreflektiert und pauschal auf alle Männer übertragen und sie fortan als potentielle Täter betrachten.
Wenn ich 1x mitten auf dem Gehweg in einen Hundehaufen getreten bin, kann ich das als sehr ärgerlichen Einzelfall betrachten oder ab sofort allen Hundebesitzern unterstellen, dass sie die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner rücksichtslos liegen lassen.

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Mein erster kleiner Shitstorm…
Wie sich das anfühlt? Nicht gut!

Weil es sich nie gut anfühlt, es mit Menschen zu tun zu bekommen, die so schnell und unhinterfragt urteilen, zudem noch pauschale und harte Urteile fällen, andere auf Basis ihrer nicht überprüften Unterstellungen verurteilen und die sofort „wissen“, wie etwas gewesen ist, obwohl sie selbst nicht mal dabei waren.

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, schrieb mir jener Blogger.
– „Nein, zu nahe getreten trifft es auch nicht. Sondern plump und blindlings drübergetrampelt.“

Wie schön, dass es in der Blogosphäre mit nur einem einzigen Klick möglich ist, jemandem nachhaltig aus dem Weg zu gehen.

Von einem sonnigen Spaziergang an der südlichen Isar grüßt Euch (mit wohlerzogenem, frei laufendem und vergnügten Dackelfräulein an meiner Seite) –
Die Kraulquappe.

Ge_danke_n 2018 (5).

Alles, wo’s ums Zupacken geht, beginnt mit W.

W wie Wohnungsrenovierung, W wie Wertstoffhof, W wie Waschbeckenmontage, W wie Wände streichen, W wie Werkeln wie ein Wilder u.v.m.
Kurz: W wie Wiktor.

Es war nicht immer einfach, hat alle Beteiligten Nerven und Kraft gekostet, aber eines Novembertages ward es vollbracht.

Ohne den fleißigen Handwerksfreund sähe die Wohnung weit weniger bewohnbar aus oder wäre an viel mehr Stellen von Lolek & Bolek verpfuscht worden. Ohne sein unermüdliches Werkeln in all den Nischen, Fugen, Ritzen, Kammern und Räumen wäre unser neues Zuhause vermutlich noch längst nicht fertig renoviert. Und vor allem hätte ich kein eigenes Klorollen-Aufbewahrungs-Fach und kein auf Stiefelhöhe maßgeschreinertes Abstellsegment im Regal des Kammerls. Und auch keine neue Lampe in der Diele, denn dazu musste ja erstmal die alte kaputtgehen, damit die Idee einer neuen Lampe überhaupt geboren werden konnte (und freilich ist die alte sogleich von Wiktor repariert worden).

Wir danken Wiktor für seinen enormen Einsatz hier bei uns in der Ludwigsvorstadt & schicken ihm die besten Wünsche zu Weihnachten in die Hohe Tatra, wohin er sich nach dem Anbringen der letzten Leuchte justament in Klausur begeben hat, allerdings nicht ohne von uns ein großes Packerl mit Rischart-Gebäck zugesteckt zu bekommen, als Wegzehrung, die hoffentlich gemundet hat, dort in den fernen, kargen, eisigen Karpaten!

Weiterhin eine gute Zeit für Sie, werter Wiktor, und falls Sie mal wieder in der Nähe sein sollten, könnten Sie glatt die weiche Silikonfuge an der Schiebetür erneuern (die, die Sie eh schon einmal erneuert haben, Sie wissen schon: als wir noch dachten, es läge nur am ukrainischen Billig-Silikon, dessen Austausch, wie so manches andere auch, natürlich nur ein Handwerkertrick war, um den Kunden zu beruhigen und bei Laune oder bei der Stange zu halten 😉 )

Wesołych świąt i szczęśliwego nowego roku!

PS: Die Unterlagen zu Ihrem Einbürgerungsantrag habe ich Ihnen übrigens wie gewünscht an Ihre Postanschrift nach Warschau geschickt, in zweifacher Ausfertigung und übersetzt ins Polnische, versteht sich, damit Sie auch wissen, was Sie da unterschreiben.

Domestikation oder: Ideen, auf die man kommt, wenn einem der Nikolaus nix bringt.

Tür geöffnet: Nix!
Nur die schmutzigen Stiefel vom gestrigen Marsch am See.

Raus zum Gassi. Im Treppenhaus bemerkt, was so alles in den Stiefeln der Nachbarskinder steckt. Holla, die Glücklichen!
An früher gedacht. Nikolaus, das war der Tag, an dem der Vortag, also der Geburtstag der Mutter, noch nachwirkte, das konnte die beste Lindt-Schokolade nicht übertünchen und Santa Claus konnte sich die Rute getrost sparen.
So gesehen war’s wurscht, was im Stiefel steckte oder nicht, denn die Granatenenttäuschung der Mutter steckte uns ja noch in den Knochen, obwohl wir uns die Hacken ausgerissen hatten für diesen Jubeltag und seine Würdigung.

Ich hätte da also nikolaustechnisch irgendwie einen Nachholbedarf, obwohl mir dieses ganze Advents- und Weihnachtsgedöns an sich ja egal ist. Denk ich mir so, als ich wieder hochkomme in die Wohnung.

Der Hund will spielen, ich auch. Prima, spielen wir also.

„Sind Sie vom Nikolaus eigentlich auch so enttäuscht wie ich?“

Der Hund hat sich das Spiel anders vorgestellt.
Aber für ein paar Hirschbröckerl ist es mir gestattet, die Spielregeln vorzugeben.

Hohoho!

Meine Laune ist jetzt besser.

Tipp des Tages: Sollten Sie’s irgendwie an der Seele haben oder gar zu Depressionen neigen, dann holen Sie sich doch einen Dackel ins Haus. Das ist wie ein Dauerrezept für ein Spitzen-Anti-Depressivum, weitgehend nebenwirkungsfrei, freilich nicht preiswert und auch in der täglichen Dosierung und Anwendung manchmal durchaus herausfordernd, aber Ihre Gesundheit und die Stabilität Ihres Nervenkostüms – speziell in der Vorweihnachtszeit – sollte Ihnen ja was wert sein.

Einen frohen Nikolaustag und -abend wünschen wir Ihnen!
Bleiben Sie locker, trotzen Sie der Domestikation, vor allem, wenn Sie ein Hund sind oder ein Rentier.

 

Herzlichst,
Ihre Kraulquappe.

PS: Ganz besondere Grüße gehen hiermit an die liebe B. aus O., die sich dieser Tage nichts sehnlicher wünschte als ein frontales, fröhliches Pippa-Foto und solche Wünsche nimmt der Nikolaus immer sehr ernst!

Pläne, Petitionen, Plätzchen, Plaque.

Das einzig Bunte im Winterhimmel über München.

*****

Frühmorgens, der Tag noch gänzlich unverletzt und unbesudelt, den Kalender für 2019 gewälzt, um passende Reisezeiten zu finden für Gotland 2.0. Erster Orientierungspunkt: die über zwei Monate dauernden schwedischen Sommerferien. DA NICHT. Das skandinavische Sylt wollen wir in aller Ruhe aufsuchen, damals war’s September, das war toll und die zahlreichen geschlossenen Lokale eh wurscht, weil die wenigen offenen uns wissen ließen, dass Hunde sowieso überall unerwünscht sind.
Hunde reduzieren die Optionen auf Reisen oft auf ein Minimum, das erleichtert die Planung und die Tagesgestaltung enorm.
Bleibt nach Beachtung anderer Termine und unter Einbeziehen von Klima- und Mückentabellen eigentlich nur Ende Mai bis Anfang Juni oder Ende August bis Anfang September übrig. Irgendwie wird sich der Traum von der Sommerfrische daraus schon zusammenbasteln lassen, ist ja noch ein Weilchen hin.
Mögliche Reisetermine dann gleich der Agentur mitgeteilt, den Namen der dortigen Kontaktperson mühsam reinkopiert (wegen der slawischen Sonderzeichen), dann ein bisserl rumgebastelt an der Antwort auf die Frage, was denn bei der Programmplanung zu beachten wäre – „da Sie ja mit Ihrem Hund anreisen“ – es aber dann doch aufs Wesentliche beschränkt (Beachtung der Gassizeiten, Natur besser als Stadt, Unterkunft mit Wiese vor der Tür, gern auch den Strand vor der Nase).

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Mitten in die Schreibtischarbeit hinein klingelt es und ein Jungspund von der Rolladenfirma, die hier seit August einen „Panzer“ (wie die Jalousie unter Fachleuten genannt wird) samt Zugband austauschen will, steht vor der Tür. Er schickt sich an, in nassen, verdreckten Stiefeln die Wohnung zu betreten. Wir klären das kurz und als der junge Mann sich sodann in die Hocke begibt, um sein triefendes Schuhwerk abzulegen, beschließt das Dackelfräulein, dass es sich um einen neuen Spielgefährten handeln muss, wenn der da schon so einladend kniet und einen halb geöffneten Werkzeugkasten neben sich parkt.
Mit dem neuen Zugband im Schnabel, das sich auf stolze 30 Meter ausrollen lässt, wenn man es nur heftig genug schüttelt und durch den Flur schleift, wird dem Handwerker der Weg ins Wohnzimmer gewiesen.
Nach 35 Minuten ist der Spuk vorbei, mechanisch sauge ich den Dreck weg, der beim Bohren und Montieren entstanden ist. Schon wieder verschwitzt, aber von Gesundheitlichem soll hier und heute nicht weiter die Rede sein.

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Beim Mittagessen mit B. zunächst eine lästige Diskussion mit der ziemlich ahnungslosen, asiatischen Bedienung, die unsere Nachfrage, ob es wirklich sein könne, dass von 16 Gerichten auf der Mittagskarte nur ein einziges vegetarisch sei, mit Dauergrinsen und Kiekslauten beantworten möchte, womit wir sie natürlich nicht davonkommen lassen. Aber es hilft nichts: der lauwarme Linsensalat ist das einzige Angebot und kann uns gestohlen bleiben. Wir bestellen notgedrungen ein sauteures, vegetarisches Gericht von der normalen Karte.
B., der sein Haus gerade abbezahlt hat, meint, das sei jetzt schon drin, und ich freue mich über die Einladung.
Das dampfende Wokgemüse an Basmatireis schmeckt super, beinahe gelingt es uns – konzentriert aufs leckere Essen und unser Gespräch über wichtige Lebensdinge – das proppenvolle Lokal samt seiner ohrenbetäubenden Akustik auszublenden.
Da bläst es plötzlich eine Sequenz an Sätzen vom Nachbartisch herüber. Ein Business-Bürscherl mit Toni-Kroos-Frisur und zu kurzen Anzughosen brüstet sich vor seinen drei Kolleginnen lautstark damit, gestern die Petition für die Umbenennung der Schamlippen in Vulvalippen unterschrieben zu haben (ich habe noch nicht gegoogelt, ob es die wirklich gibt, also die Petition!). Die Kolleginnen gucken verschämt in ihr Gulasch, eine errötet leicht. Mindestens 10 Paar Augen von benachbarten Tischen sind auf das Bürscherl gerichtet, dem man, wenn man ihn sich so ansah, speziell diese Unterschrift definitiv nicht zugetraut hätte.
Fast noch überraschender: des Bürscherls Nachtrag, dass das doch eine gute Sache sei, weil Sprache ja schließlich die Wirklichkeit formen würde, und wie die Damen das denn sähen. Aber die sahen lieber weiterhin in ihre Teller. Das Aufsehen fand drumherum statt, bis dann alle wieder wegsahen.

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Auf unserem grauen und etwas drögen Spaziergang begegnen wir dem Mann mit dem uralten Hund. Die Hinterläufe sind erlahmt und in eine rollstuhlartige Konstruktion hineingeschnallt, die es dem Hund ermöglicht, sich langsam, aber eigenständig fortzubewegen. Der Hund wirkt gebrechlich, aber nicht leidend, nicht mal tapfer oder hadernd, sondern weitgehend mit seinem Schicksal im Einklang.
Mit einer Engelsgeduld begleitet der Mann seinen greisen Gefährten, hetzt diesen nicht, sondern lässt ihm Zeit zu schnuppern und seine Geschäfte zu verrichten. Dreimal am Tag, dreimal diese wenigen Meter, die der Hund noch schafft. Der Anblick der beiden rührt mich jedesmal zu Tränen, zu deren Vergießen es aber nie kommt, weil ich mich schon bei der ersten Aufwallung in Grund und Boden schämen muss: das Dackelfräulein verbellt den altersschwachen Artgenossen nämlich sofort voller Inbrunst. Jedes Mal. Alles, was vom normalen Phänotypus „Hund“ abweicht (Verband, Amputation, Humpeln, Gehhilfen, Leuchthalsbänder etc.), erregt ihren Unmut aufs Heftigste. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich ihr spontan einen dämlichen Satz wie „Pippa, das macht man nicht!“ oder „Spinnst du? Der ist doch nur alt!“ zuzischen. Überhaupt ist es erstaunlich, dass ich mir nach bald 7 Jahren Hundhaben immer noch nicht dieses absurde Kommunikationsverhalten abgewöhnt habe, ihr mehrere Sätze am Stück mit gänzlich unbekanntem Vokabular vorzusetzen, anstatt die Botschaft auf ein schlichtes (und zumindest theoretisch bekanntes) „Nein!“ oder „Schluss!“ zu beschränken.

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Nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung. Ich forste Ordner durch, werfe weg, hefte um, lege ab.
Dezember, das bedeutet Ausmisten, Abschließen, Sortieren, Aufräumen, Vorbereiten, in den Keller gehen (und zwar nicht nur in den des Mietshauses, sondern auch in den Seelenkeller, erst recht, wenn man den ganzen November lang noch nicht dort unten war).
Wenn ich das diesmal flott hinter mich bringe, dann backe ich glatt noch ein paar Bleche Plätzchen. Die von Rischart schmecken zwar phantastisch, sind aber zu teuer. Und der Papa wird dieses Jahr erstmals keine mehr liefern, zu stark zittert nun der rechte Arm und bevor die Vanillekipferl Hufeisengröße annähmen, ließe er es lieber bleiben, sagt er mir heut am Telefon mit müder Stimme.
Ich bin jetzt dran!, denke ich und sehe mich schon, wie ich puderzuckerbestäubte Kipferl Schicht für Schicht, mit zugeschnittener Zellophanfolie dazwischen, genau so wie er es immer tat, in die große, ovale Dose packe, die er mir jedes Jahr übergab. Die mit den Engeln der Sixtina drauf, ein Motiv, das ich eigentlich nie mochte, obwohl es über die Jahre zum Symbol geworden war für die Plätzchen vom Papa und beinahe den Pawlowschen Reflex auszuösen imstande war.

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Limited edition, Farbton „Karies“.

Am frühen Abend raffe ich mich trotz hämmernder Kopfschmerzen auf und gehe hinunter zu Nachbar K., denn sein Name steht auf der DHL-Benachrichtigungskarte, die seit heute Mittag an meiner Tür klebt.
K. ist in der Finanzbranche tätig und normalerweise von frühmorgens bis spätabends außer Haus. Ich lege mir auf dem Weg in den ersten Stock ein Intro-Sprüchlein zurecht („Na, hoffentlich Urlaub und nicht krank?“) und läute.
K. hat weder Urlaub, noch ist er krank, nein, er macht Homeoffice. Weil er gerade an einer Studie arbeiten müsse und dafür Ruhe bräuchte. Außerdem müsse er seine Frau entlasten und den Wocheneinkauf erledigen. Wozu er aber nicht gekommen sei, weil der DHL-Bote 10 Pakete bei ihm abgestellt hätte, die nun den ganzen Nachmittag über von diversen Nachbarn abgeholt worden wären. Mit jedem ein Viertelstündchen geratscht, so ginge der Tag auch rum. Wir erhöhen auf 20 Minuten, dann bekomme ich einen Niesanfall, nehme mein Päckchen und verabschiede mich.
Nebenbei: Amazon ist manchmal der Wahnsinn. Gestern Abend um 23:30 Uhr eine elektrische Zahnbürste bestellt (die alte hörte sich seit Wochen wie ein kaputter Rasenmäher an und gab gestern um 23 Uhr, am Backenzahn unten links angekommen, endgültig den Geist auf), heute ist das Ding schon da. Wie geht das bloß?
Mit im Karton: die einzigen Socken, in denen ich nie kalte Füße habe. Bergsocken von Veith (aus dem Allgäu zwar, aber Wolle ist ja gottseidank schweigsam). Es gibt nichts Besseres fürs klamme Frauenflossen.

Sauber und warm kann der Tag nun enden.
Eine Nacht mit mehr als 5 Stunden Schlaf am Stück wäre auch mal wieder was. Schließlich habe ich dem Dackelfräulein fest versprochen, dass wir morgen – grippaler Infekt hin oder her – nach gefühlten Ewigkeiten endlich mal wieder zusammen ausfliegen.

*****

Großstadt-Dackel, etwas depressiv.

Song des Tages (26).

Fertig sind wir, in jeder Hinsicht.
Das aber immerhin bei gutem Licht in allen Räumen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!

Mit einem finalen großen Dankeschön an unseren Handwerksfreund Wiktor und einer Verneigung vor unseren eigenen Kräften & Nerven beschließen wir nun zufrieden und erleichtert das Projekt (besser gesagt: den Lebensabschnitt) „Wohnungswechsel in der Weltstadt mit Herz ( & Wuchermieten)“.

Saw you stretched out in Room Ten O Nine
With a smile on your face and a tear right in your eye
Oh, couldn’t see to get a line on you
My sweet honey love

May the good Lord shine a light on you
Make every song (you sing) your favorite tune
May the good Lord shine a light on you
Warm like the evening sun

And the angels beating all their wings in time
With a smile on their face and a gleam right in their eyes
Could not seem to get a high on you
Come on up now, come on up now, come on up!

Einen lichten ersten Advent wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

(Kaum war die letzte Leuchte angebracht und der letzte Pinselstrich getan, sank sie mit einer stattlichen Erkältung in die Kissen und zog sich für drei Tage die Decke über den Kopf und lupfte sie nur, wenn der Gatte einen Tee brachte oder das Dackelfräulein hinein oder hinaus wollte.)

Ein Gefühl von „Finale“ oder: Klappe, die letzte.

Ein paar Schmuddelwettertage der Extraklasse (und der Steuerklassen) liegen hinter mir.

Wieder eine Komplikation und Last weniger, erstmals im Leben mit zweimonatiger Verspätung, aber immerhin noch vor der Mahnung.

Jetzt nur noch auf den ELSTER-Aktivierungscode für den Online-Zugang warten (dumm nur, dass der per Nachsendeantrag kommen wird, weil – noch dümmer – das Finanzamt noch gar nichts vom Umzug wusste, aber mei) und dann weg damit und hoffen, dass das alles so durchgeht (Rubrik „Übungsleiter“ und so) und wenn nicht, dann hoffen, dass mein großer Freund S. Einspruch einlegt und ggf. danach alles so durchgeht, denn sonst… (aber lassen wir das und bleiben optimistisch).

Einen Abend vor der Ankunft des Handwerksfreundes kommt die vor zwei Wochen bestellte Lampe nach zahlreichen Nachfragen und Ermahnungen und Schweißausbrüchen über nicht nachvollziehbare Sendungsnummern und -verläufe und etliche mafiöse Umwege tatsächlich noch genau rechtzeitig hier an.

Frisch eingetroffen aus dem Land, wo die Zitronen ebenso blühen wie die seltsamen Geschäfte und die Post langsamer arbeitet als anderswo.

Jetzt warten wir auf Wiktor, der in 2 Stunden von der U-Bahn durch den Schnee über die Wiesn zu uns herüberstapfen wird, beladen wie der Nikolaus, und das hoffentlich nicht nur mit Werkzeug und einer reparierten Lampenfassung, sondern auch mit den üblichen Hirschhäppchen fürs Dackelfräulein, die dieses so schätzt.

Mit Wiktor haben wir jetzt, pleite wie wir alle sind, einen neuen Deal, sozusagen ein Tauschgeschäft: Er bringt Licht in unseren Flur und ich bringe Licht in seine Einbürgerungspapiere. Der eine bohrt in die Decke und schmiert Silikon in Fugen, der andere bohrt im Internet und schmiert Notizen auf Zettel (mit Fug‘ und Recht kann man das als Win-Win-Situation bezeichnen, finde ich).

Nun also die letzten Fugen, ein paar Nachbesserungen an Türen und Wänden und noch etwas Kleinkram hier und da.
Und endlich vernünftiges Licht in Flur und Diele (gut, dazu muss noch die Decke aufgemeißelt und ein Kabel verlegt werden, und man weiß nie, was so ein Vorhaben nach sich zieht, evtl. verputzt man dann plötzlich den halben Flur neu oder kommt mit dem Meißel oben im Parkett des Nachbarn raus oder es fällt einem einfach gleich die gesamte, marode Altbaudecke auf den Kopf… – aber Wiktor wird es schon richten.)

Finale.
205 Tage nach Einzug.
Was für herrliche, lichte Aussichten!

Genau wie die, die wir seit Freitagabend hier vor der Tür haben: Die Wintertollwut ist ausgebrochen.

Ansichten einer Abendgassigehenden (1).

Ansichten einer Abendgassigehenden (2).

Und hier das Ganze aus der Perspektive des Hundes der Abendgassigehenden (3).

(Noch während des Editierens dieses Beitrags bellt der Hund, weil die Tagespost im Flur auf den Boden plumpst und siehe da: der ELSTER-Aktivierungs-Code ist eingetroffen. Ein gutes Omen. Alles neigt sich nun dem Ende zu. Darauf heute Abend einen Wodka mit Wiktor.)

Da sein.

Der Winter ist da. Das Dackelfräulein rastet wie immer aus und staubt durch die erste, noch dünne weiße Pracht.

Und Lolek ist auch wieder da. Um seine wackelnden Türschwellen von vor zwei Wochen rauszureißen und nochmal neu zu verlegen. Natürlich wieder zur Lolek-Time: morgens um kurz nach 7 Uhr. (Möge der frühe Pole diesmal den Wurm erwischt haben.)

Der November geht in die letzte Runde. Diese Woche: Beseitigung kleinerer Baustellen, in Sachen Wohnung, in Sachen Gesundheit (nebenher noch Steuererklärung und Schimmelentfernung, eine schwere Wahl, was zuerst/lieber…).

Immer dieser verfluchte Bammel vor neuen Schäden, Pannen, Überraschungen. Und auch vor Vollnarkosen (wie oft haben sie einem für danach eine Breze versprochen, auf die man sich vor dem Knock-out tröstend freute und dann wurde ein Napf bleiches Hühnerfrikassee serviert, von dem einem noch speiübler wurde und erst recht zum Heulen zumute war).

Wie gesagt: alles Lästige in diesen Monat reingepackt! Der Advent darf mir gern und ausgiebig ein Gefühl von advenire bescheren. Ich möcht‘ mich mit einer Großpackung der Kindheitslebkuchen, diese billigen Herz-Stern-Brezen-Dinger, unter einen der frisch lackierten Türrahmen setzen und von dort aus mampfend und teetrinkend die letzten Lampen, Malereien und Silikonfugen bestaunen, um die sich der Handwerksfreund nächste Woche noch kümmern wird, und wenn ich genug gestaunt habe, dass jetzt endlich alles fertig, sauber, aufgeräumt und befestigt ist, dann möcht‘ ich aufstehen und den diesen Freitag abholbereiten Marimekkovorhang (der einen hinsichtlich zu bestellender und gelieferter Länge und zu beachtendem Rapport fast zur Weißglut getrieben hat) zuziehen und einfach mal kurz die Füße hochlegen.

Und mich anschließend gänzlich anderem, das so lang (ja, viel zu lang!) aufgeschoben wurde, zuwenden. Das neue Jahr lockt mit neuen Plänen.

Haben Sie einen guten Start in den Winter – und nehmen Sie bitte Abstand von Genesungswünschen oder Gesundheitsnachfragen, schicken Sie lieber Brezen oder Billiglebkuchen. Oder einfach ein Stoßgebet gen Winterhimmel.

Ihre Kraulquappe.

Viertelliebe.

Gelesen…

…getan.

Die Teesalonsaison ist eröffnet.

Jetzt haben wir ja das tolle Café Erika um die Ecke. Liegt praktischerweise auf dem Weg zur Schneiderei, in die ich heut‘ eh muss.

Dylan dudelt dezent durch den Raum, am Nebentisch schreibt ein dürrer Student an seiner Seminararbeit über Foucault, die skyrbedeckte Walnussbombe schmeckt super, das Dackelfräulein kaut ein Würschtl. Draußen regnet’s und stürmt’s.

(Zeit, sich ein wenig Winterspeck zuzulegen, damit’s einen weniger fröstelt. Dass ich mal so einen Satz schreiben würde, ts.)