Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

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Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

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Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

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Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

Himmel der Bayern (72): Ein Goldstreif am Horizont.

Während die Corroventen so vor sich hinwüten, Tag für Tag und Nacht für Nacht, rödle und grüble ich so vor mich hin, ebenfalls Tag für Tag und Nacht für Nacht.

Wir befinden uns nun in Woche 2 nach dem großen Wasserschaden und die Aussichten sind in etwa so:

Ein erster Goldstreif am Horizont zeichnet sich ab…

…teils auch in Form von Goldregen, mit und ohne Rouge.

Als Lolek zu Besuch kommt – vom Anlass seines Besuchs wird gleich noch die Rede sein -, sagt er „Oijoijoij“, was Polnisch ist und so viel heißt wie „Wenn Sie drauf warten, bis das von einem deutschen Handwerker gemacht wird, sehen Ihre Wände mindestens noch bis Pfingsten so aus!“.

Überhaupt fasst der Pole sich gern kurz, er ist weder mündlich noch schriftlich ein Mann großer Worte und langer Texte, dafür ist er ein Mann großer Taten und langer Arbeitstage.

Am Wochenende bespreche ich die aktuelle Lage mehrfach mit dem Gatten. Wenn die Trocknung in 3-4 Wochen über die Bühne sein sollte, kann mit der eigentlichen Wasserschadensanierung trotzdem erst nach der Badrenovierung begonnen werden, da es ja keinen Sinn ergibt, Flur/Bad/Kammer/Toilette zu streichen, bevor Lolek und seine Truppe Ende April für zwölf Tage hier einfallen und das ganze Bad in Schutt und Asche legen und ein neues einbauen. Das aber wiederum würde bedeuten, dass wir die fleckigen Wände und Decken erst nach erfolgreichem Badumbau streichen lassen könnten. Bis das geschehen ist, wäre es Mitte Mai.
Drei Monate mit all diesem Verhau – im Flur stapelt sich der Kammer-Inhalt, in der Diele die Bretter der Kammer-Einbauten und auch aus anderen Räumen ist vieles ausgelagert, verräumt oder verstellt irgendwo anders Platz – zu leben, ist keine gute Perspektive.
Die einzig mögliche Verkürzung dieses Zeitraums bestünde darin, Lolek zu fragen, ob er den Badumbau vorverlegen und direkt nach der Trocknung des Wasserschadens hier loslegen könnte… Bei Loleks proppenvollem Terminkalender nicht gerade aussichtsreich, aber ich schreibe ihm trotzdem eine fünfsätzige, freundliche Whatsapp und frage nach, ob das eventuell ginge und nenne vorsichtig einen Wunschtermin.

Am späten Sonntagabend antwortet er in typisch lolekischer Kürze: „Ich mache moglich beginne Umbau an 2. März“. Ich springe juchzend vom Sofa auf und hole mir sofort ein Zweitbier aus dem Kühlschrank – das muss gefeiert werden! Denn diese Whatsapp von Lolek verkürzt unsere Leidenszeit um so viele Wochen, mit etwas Glück sind wir schon Ende März wieder in der Lage, uns hier parkourfrei durch die Wohnung zu bewegen und den Blick nicht mehr ständig gen Boden zu senken, damit man all die Flecken möglichst wenig sieht.

Noch beim Genuss des zweiten Fläschchens wird mir bewusst: das bedeutet aber nun auch, ganz fix alles zu planen und in die Wege zu leiten. Den Vermieter informieren, ein Ausweichquartier für die zwei Baustellenwochen organisieren, die Gegenstände fürs neue Bad bestellen, die wir – so war’s mit dem Vermieter schon im Dezember ausgehandelt – zum neuen Bad beisteuern werden. Bedenkt man, dass mancher Kram Lieferzeiten haben wird, so ist keine Zeit zu verlieren.

Schon am Sonntag lege ich los mit den Recherchen, manche davon treiben einen fast in den Wahnsinn, ich erspare Ihnen die Details. Jedenfalls bin ich jetzt Experte für Duschfaltwände, auch Badewannenaufsatz genannt (kenne den Unterschied zwischen Pendel- und Schwingtüren und allen Arten von Scharnieren und Dichtungen), ebenso für Duschhalterungen, Wannenarmaturen, Duscheckkörbchen und anderes Zubehör.
Der Zollstock ist mir bereits an der Gesäßtasche festgewachsen, die 16-stellige Kreditkartennummer kann ich nun auswendig.

Nebenher befasse ich mich mit der Reaktion des Vermieters auf unseren Wunsch nach einer angemessenen Mietminderung, eines der Gebiete im Mietrecht, in denen ich noch nicht fit war, mich nun aber dank einiger Unterstützung und nächtelanger Lektüre soweit wasserschadentauglich in die Materie reingefieselt habe, dass ich den Vorschlag des Vermieters mit einem Gegenvorschlag parieren konnte und dabei sogar ein bisschen gepokert habe. Ob das auch erfolgreich sein wird, muss sich erst noch herausstellen.

Zwischendurch jammere ich bei einem Wochenendspaziergang B. die Ohren voll, hole mir auch von ihm noch ein paar Tipps in der ganzen Schadensangelegenheit, eigentlich sprechen wir fast ausschließlich über Handwerksarbeiten, auch die neue Hüfte, die er in wenigen Tagen bekommt, passt da gut ins Themenfeld, während wir uns mit Seeblick Tee und Kuchen servieren lassen, bei 6 Grad auf der Außenterrasse.

Am Montagabend kommt Lolek zu Besuch und misst unser Bad nochmal gründlich aus. Wir sprechen über Neigungsgrade von Badewannen, Abflusspositionen, Leitungsverlegungen, Absperrventile und Waschtischplatten aus Corian und mineralischen Werkstoffen.
Und wir gehen die Zeitplanung nochmal durch. Lolek wird nach dem Badeinbau noch die Kammer sanieren und – so ihn der Vermieter auch damit beauftragt – im Anschluss daran die Wasserschadensanierung übernehmen und die halbe Wohnung neu streichen. In 12-14 Arbeitstagen will er das alles schaffen („arbeite auch samstags und wenn darf auch sonntags“ – ja Himmel!).

Reschpekt! Unterstützt wird er dabei von seinem Bruder Bolek und – je nach benötigtem Gewerk – anderen Familienmitgliedern. Sie werden hier täglich um 7 Uhr loslegen und erst um 18 Uhr die Fliesenkellen fallenlassen. Als ich das höre, weiß ich: Wir werden uns die gesamte Zeit über nicht hier aufhalten – und das nicht nur, weil wir kein funktionierendes Badezimmer haben und lediglich einen durch Folien abgetrennten Durchschlupf zu einem der Wohnräume, weil der Rest luftdicht versiegelt sein wird.

Ich rufe sofort nach Loleks Besuch den Papa an und bespreche unsere Einquartierung: erst das komplette Rudel, dann nur noch das Fräulein und ich, der Gatte wird zwischendrin für neun Tage an seinen Dienstort reisen, um dort in Ruhe arbeiten zu können.
Für den Schluss der Bauarbeitsphase ist ein Hotelschnäppchen hier ums Eck gebucht, damit ich vor Ort bin für letzte Fragen und die finale Bauabnahme. Das war Lolek wichtig: dass dann jemand greifbar ist, genau wie zu Baubeginn.
Da bräuchte ich übrigens auch noch ein Quartier – wenn also jemand vom 2. auf den 3. März noch einen ruhigen, katzenfreien Schlafplatz und eine warme Dusche anzubieten hätte, immer her damit!

Und sonst?
Die Nachbarschaft rückt in Zeiten der Wasserschadensnöte noch enger zusammen. J. aus dem ersten OG bietet sein Bad zur Nutzung an, gerne auch jetzt schon, M. von nebenan offeriert Hundesitting, weil er vor allem Pippa so mag, die Familie unter uns ihr Speicherabteil, falls wir noch Sachen auslagern müssen.
Das Dackelfräulein ist genervt von all der Unruhe mitten in ihrer Scheinmutterschaft, in der sie es schlecht gebrauchen kann, dass täglich Handwerker durch die Wohnung latschen oder die dröhnenden Corroventen ihrer zarten Kinderschar Angst einjagen. Ich lasse sie derzeit ungern länger allein zuhause.
Fürs Spätabendschwimmen übernimmt D. die gebeutelte Hundedame und wenn ich sie abholen will, möchte sie gar nicht so recht mit mir mitkommen, weil es ja auch bei D. unter der Bettdecke sehr gemütlich, ruhig und warm ist. Hunde sind manchmal schon Opportunisten, zumindest, wenn sie die Chance dazu haben.
Die beiden Kleinspitze, die uns heute Mittag im Dreimühlenviertel begegnen, haben solche Chancen nicht, sondern ganz andere Sorgen. Ihr Frauchen hält beide mit einer Hand an einer kurzen Doppelleine und presst mit der anderen Hand ihr swarovskiglitzerndes Smartphone ans Ohr. Die hellbeigen Plüschtierchen bellen wie wild als wir an ihnen vorbeigehen, die (aus Hundesicht gut nachvollziehbare) Leinenaggression stört nicht nur Frauchen beim Telefonieren, sondern auch Frauchens Macker beim Qualmen und Dumpfvorsichhingucken, also verpasst er beiden einen Fußtritt als Quittung für ihr Gebell, und als ich mich umdrehe und den Proleten entsetzt ansehe, trifft mich ein so finsterer Blick, dass ich lieber beide Beine unter den Arm nehme und das Weite suche, das eigene Nervenkostüm ist gerade zu dünn fürs Vorgehen gegen solche Grausamkeiten und um die Körperkraft war es auch schon mal besser bestellt als momentan.
Gottseidank habe ich ein Fluchtziel, das ich nach nur zweiminütigem Sprint erreiche: den neuen Friseur, bei dem ich heute einen 7-Minuten-Termin habe – als Bauleitung ist für mehr Haarkram einfach keine Zeit. Nein, Scherz beiseite, er säbelt halt die Konturen nach. Schnippeldischnipp, fertig, Mütze drauf und wieder raus in die Kälte.
Dort peitschen einem Schneegraupel und die eisigen letzten Atemzüge von Sabine entgegen, es ist beinahe so ekelhaft wie gestern. Trotzdem eine Stunde an der Isar entlangspaziert, Bällchen geschossen, Suchspiel geübt und auch Mitte-rechts-links.
Man ist unter sich bei so einer Witterung – außer Hundemenschen niemand unterwegs. Heldenhaft, schicksalsverbunden und wissend nickt man einander zu, sofern die tief in die Gesichter gezogenen Kapuzen noch ein paar Augenpartien freigeben, so dass gequälte Blicke einander überhaupt begegnen können.
Die Sonne begegnet mir seit Wochenbeginn ausschließlich in Form von Überschriften auf Papierstapeln und morgen setze ich wohl meinen Servus unter einen von ihnen.
Am gestrigen Dienstag mehr als drei Stunden im Autohaus verbracht, ein ähnlich angenehmes Gesamterlebnis wie der Streifzug durch Keramundo eine Woche zuvor (mal sehen, wohin es mich nächsten Dienstag verschlägt, zur Seelenstabilisierung und aus den nun hinreichend bekannten Fluchtgründen).
Im Schneesturm drei Probefahrten absolviert, den Verkäufer so lange gelöchert, bis alle Fragen meiner drei Notizzettel abgearbeitet und beantwortet waren, derweil drei Heißgetränke konsumiert und der Azubi bringt dem Fräulein im halbstündigen Takt ein Leckerli. So lässt es sich durch den Nachmittag kommen!
Ein Vollprofi, der Herr F., das dachten wir schon damals vor zehn Jahren, als wir das erste Fahrzeug bei ihm erstanden haben. Menschlich nicht ganz so sehr mein Fall wie Lolek, aber gut erträglich im Umgang und vor allem absolut kompetent (und kein Schwätzer und außerdem in der Lage, meinen Nachnamen auf Anhieb richtig zu schreiben). Letztlich lande ich aus Vernunftgründen bei keinem der probegefahrenen Vehikel, sondern bei einem stark rabattierten Sondermodell namens Soleil. Das ist ausnahmsweise mal nicht Polnisch, sondern Französisch, was aber auch wurscht ist, denn auf den Inhalt kommt’s ja an.
Der Soleil strahlt mich ausgesprochen CO2-freundlich und spritsparend an, und als ich dann noch erfahre, dass diese Sonderaktion zeitlich limitiert ist und ausgerechnet am 13. endet, erscheint mir das geradezu wie ein Wink des Schicksals. Also morgen nochmal hingehen, die Dreizehn hat mir immer Glück gebracht, so möchte ich es mir wenigstens einbilden.

Le soleil, le soleil, summe ich so vor mich hin als ich den Autosalon wieder verlasse, es gab da mal ein Lied in den Achtzigerjahren, das so ähnlich ging, bestimmt dreißig Jahre hab ich an den Schlager nicht mehr gedacht (kennt den zufällig wer? wie hieß der nur? war das überhaupt ein französischer Song oder täusch‘ ich mich im Text? welche Schnulzencombo war das?).

Jetzt muss ich leider aufhören.
Lolek klingelt um 21 Uhr und kommt mit Franek, seinem Cousin, vorbei. Waschtischplattenmuster angucken und vermessen. Franek fährt morgen wieder nach Polen und kommt Anfang März mit der passend zugeschnittenen Platte zurück. Ist sowas wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll? Nun gut, der Vermieter will es so.

Selten in zehn Tagen so viele Entscheidungen getroffen.
Nachts, wenn ich ausnahmsweise mal schlafen kann, träume ich von Türrahmen, die herausbrechen, Decken, von denen der Putz herunterbröselt oder undichten Armaturen – oder, wenn es Morpheus mal gut mit mir meint, von unbefleckt-weißen Wänden und schimmelfreien Epoxidfugen.

Was so ein Wasserschaden nicht alles nach sich zieht!
Möge in sechs Wochen wieder ein anderer Alltag Einzug halten, Święty Madonna, proszę, bądź miłościw mnie!

Ich gelobe, Ihnen bis dahin auch regelmäßig Anderes zu liefern als diese stinklangweiligen, ermüdenden, intellektuell wenig anspruchsvollen und teilweise arg humorlosen Beiträge zu Wasserschäden, Mieterelend und Handwerkern (wie wär’s zum Beispiel mal wieder mit der Mutter?, da ist ja noch was offen!, und mit dieser biografischen Kompostierarbeit wollte ich ja eigentlich bis zum Frühjahr durch sein…).

Einstweilen wünsche ich Ihnen angenehmen Abend!

 

My Osprey & me oder: Zum Alpenkränzchen hinaufgeturnt.

Während der PC ein Systemabbild der Festplatte erstellt, das sich im Schneckentempo auf einem externen Speichermedium verewigt, lasse ich die letzten Stückchen der feinen Sansibar-Schokolade von P. (mit einem Hauch Karamell drin, was ungewohnt ist, aber köstlich schmeckt) auf meiner Zunge zergehen, höre die eigens für Einsteiger wie mich zusammengestellte CD vom Ostbahn Kurti (die ein Freund letzte Woche geschickt hat, weil er den akuten Notstand an dieser Stelle zur Kenntnis nahm und stets darum bemüht ist, solche Notstände alsbald zu beseitigen) und habe Zeit für ein paar Notizen hier im Blog.

Die Nächte momentan voller Träume. Von Höhenflügen absurdester Art (z.B. noble Preisverleihung im Kreise journalistischer Prominenz, ich in einem olivgrünen Kleid und auf einem Podium im Scheinwerferlicht stehend, mit fester Stimme einen Text vortragend, womöglich meinen eigenen) bis hin zu spontanen Muttermorden (mal kurz „Mir reicht’s jetzt mit deinen Drangsalierungen!“ gesagt und – zack! – einen am Straßenrand liegenden Ziegelstein ergriffen und…) ist alles dabei.
Und sogar alles neu, kein einziger Aufguss von bereits Geträumtem, keine einzige bekannte Szenerie. Lassen wir das einfach mal so stehen und interpretieren es am besten gar nicht (oder erzählen es irgendwann mal dem Arzt des Vertrauens, falls es in Erinnerung bliebe oder einem irgendwie länger oder ungut nachginge).

Die Tage momentan voller Gespräche, Begegnungen und Bewegung, wenn man Alltags- & Arbeitsdinge mal aus der Betrachtung ausklammert.
Mit D. ihr Geburtstagskuchenessen nachgeholt, das Kennen und die Vertrautheit von zwanzig Jahren so spürbar und schön, das Dackelfräulein friedlich zwischen uns liegend, das Köpfchen rührend in den Schoß der Freundin gebettet, die sie von klein auf kennt, Anblicke, die sich einbrennen und einen an kälteren Tagen wärmen werden.
Mit dem Papa ein paar Stunden zu zweit gehabt, fast ein bisschen wie früher, zusammen gekocht und gegessen und abgewaschen, nach dem Söllner-Konzert einen Absacker getrunken und in aller Ruhe über dies und das geredet.
Mit dem hübsch Bewimperten, neulich auf einer Feier vom Nachbarn kennengelernt, ein erstes Date zu zweit (bzw. zu viert, denn die beiden Hundedamen waren natürlich mit von der Partie), ebenso wohltuend wie die Erstbegegnung, Erzählen und Nachfragen in wunderbarer Balance und überhaupt keinerlei Hakligkeiten oder Fremdheiten (schon lang nicht mehr erlebt: so schnell eine solche Nähe und Verbindung, und beide sind wir ganz beglückt darüber).
Am Tag drauf abends Besuch vom Physiker, monatelang nicht gesehen, auch deshalb lieber daheim verabredet als in einer Kneipe (zu laut/voll/teuer), für zwei zu kochen fällt mir eh leichter als tagelang nur für mich alleine was zu brutzeln, Pippa freut sich über jeden, dem sie nacheinander ihre vier Spielsachen vor die Füße schleudern kann und der immer brav auf alles eingeht, und bevor er nachts aufbricht, heilt er noch die neueste Macke des Canon-Druckers, die ich ihm entnervt vorführe, durch völlig physiker-untypisches Handauflegen.
Freitags noch mit T., die sich den Tag ab Mittag freischaufelt, eine sonnige Hunderunde am Starnberger See gedreht, offene Jacke + Sonnenbrille = Frühling?, Kaffee und Kuchen, Seeblick aus der Gaststube und ein zufriedener Hund unterm Tisch, ein Nachmittag wie aus dem Bilderbuch, wenn nicht gar aus dem Klischeelexikon (dort zu finden unter „Münchnerin, die“).

Der Gatte erschöpft von zwei Wochen Frankfurter Uni-Alltag (und Sondersperenzchen wie Blockseminar und Vortragsreise in die Hauptstadt) heimgekehrt, schnauft samstags mal kurz durch, sinkt zumindest für ein paar Stunden mit seinen beiden Damen auf die Couch, arbeitet schon sonntags wieder weiter, das aber glücklicherweise nur, um sich den gestrigen Montag freizunehmen, denn irgendwelche Vorteile und Freiheiten muss dieser strapaziöse, zeitfressende Job ja auch mal mit sich bringen: schon seit Jahren fahren wir bei gutem Wetter am Wochenende möglichst nirgendwo mehr hin, weil halb München die Autobahnen oder Züge gen Süden verstopft und am Zielort nur Horrorwandern in Horden droht.

Von den zwei Ausflugszielen wählt er beherzt das deutlich ambitioniertere, während ich von den zwei Rucksäcken den deutlich faderen wähle, aber so ein Rucksack ist ja auch eine Entscheidung für die nächsten zehn Bergjahre, das muss nach den Geboten der Vernunft entschieden werden und nicht nach Stimmung oder strahlender Optik oder weil ein violettes „for women“-Schildchen dran baumelt. Trage ich halt das Männermodell, fühle mich ja sonst hinreichend „for women“ seit die Hormonlage einen noch mehr beutelt als sie’s die letzten dreißig Jahre schon tat.

Gestern also gemütlich, staufrei und ohne Parkplatznöte an den Spitzingsee, die Grödeln aufgezogen, die Rucksäcke geschultert und los geht’s – hinauf zur Rotwand!
Die Sonne scheint, der Schnee glitzert, das Dackelfräulein friert diesmal nicht und flitzt munter voraus, ich marschiere mittelmunter in der Mitte unserer kleinen Kompanie (wg. Muskelkater von den neuen Flossen), der Gatte zieht den Aufstieg mit Zähigkeit durch und frohlockt erst oberhalb der Baumgrenze, wo die Aussicht ein Traum und die Hütte in Sichtweite ist.

Oben angekommen Spaß und Spiel im Schnee, Gipfelraten und Großglocknergucken, und schließlich tolle Spinatknödel und noch tollerer Schokokuchen im Rotwandhaus, erbaut vor 114 Jahren von der Münchner Sektion „Turner-Alpen-Kränzchen“ – ein Sektionsname, der mir absolut unmittelbar gute Laune machen würde, wenn ich die nicht bereits gehabt hätte.

(Zum Vergrößern der Bilder & zum Lesen der Bildunterschriften einfach draufklicken!)

Ein Gesicht wie eine topografische Karte vom Steinernen Meer…

Foto: Stefan Kümmritz

…und eine Stimme, knarzig und verschrammelt wie ein alter Bauernschrank, eher: wie eine alte Bauernkommode, denn das richtig Tiefe und das ganz große Volumen, das hatte er ja stimmlich nie.

Wurscht. Toller Typ, klasse Konzert!
Ein unverwüstlicher Haudegen, dieser Söllner, phantastische Präsenz, wunderbarer Dialekt (oana, der wo goa ned anders ko, selbst wenn er woin dad!), nach wie vor gradraus in Sachen Meinungsäußerung, so abgründig und charmant im Humor – möge es seiner Kandidatur zum OB von Bad Reichenhall zuträglich sein.

Schaut auch immer noch fesch aus, seit er seine Dreads für 800 Öcken bei eBay verscherbelt hat, eigentlich noch viel fescher als früher, finde ich, oder ist’s etwa wieder mal dieser weibliche Blick, irgendwo zwischen Verklärung und Verblendung oszillierend, mit dem man früher, als man bzw. frau noch keine Ahnung hatte von der Realität längeren Zusammenlebens und der wahren Bedeutung des Wortes Alltag, sich solche Burschen nicht nur betrachtet, sondern sich manchmal auch so einen gewünscht hat: gelernter Koch und Kfz-Mechaniker (fehlt ja nur noch die Drittausbildung zum Physio) und zugleich Musiker, eine saftige Prise Wilderer und Rebell obendrauf, bodenständig, heimatverbunden, clever, engagiert, gewitzt, furchtlos, lange Haare, kerniger Bart, halt ein Kerl, der am Ufer vom Thumsee, die Fluppe lässig im Mundwinkel hängend und mit hochgekrempelten Ärmeln, beim Holzhacken, der Bootsreparatur oder dem Gitarrenspiel anzutreffen ist, bevor er sich dann die Arbeiterhände kurz an der abgewetzten Jeans abklopft und einen die paar Stufen auf die Veranda der kleinen Hütte am See hinaufträgt und dort in eine jamaikafarbene Hängematte hineingleiten lässt, die bei jeder Schaukelbewegung leicht gegen den großen Terracottatopf dotzt, Sie wissen schon, den mit dem Marihuana-Bäumchen drin, im Hintergrund leuchtet die Abendsonne oder die Bergkulisse oder beides – und fertig war das Traumbild von einem Leben, wie man dachte, dass es doch unbedingt sein sollte oder könnte: einfach, authentisch, unkompliziert, pur, geerdet, wild, romantisch, naturnah.
Vieles davon rosarote Jungmädchenträume und naiver Schmarrn aus Teenietagen, nicht alles, schon klar, aber halt doch das Meiste, zumindest wenn man – so wie ich – im Laufe der Jahrzehnte erkennen musste, dass man doch eher der Typ Frau geworden ist, der eine regelmäßig staubbefreite Wohnung, einen Toaster mit integrierter Krümelschublade und ein Auto mit Sitzheizung zu schätzen weiß – alles nicht wirklich Inbegriffe der Simplizität, Naturnähe oder Wildheit.

Äh, wo waren wir gleich nochmal stehengeblieben? Richtig. Beim heutigen Abend. In Bad Tölz. Im Kurhaus. Etwas ungewohnte Location zwar, aber altersmäßig kein Schaden (was für den Künstler und den Großteil der Besucher gleichermaßen galt), so ein Sitzabend im Kursaal des hübschen Isarstädtchens (ich sag’s ungern, aber mir steckt der Abstieg von letzter Woche immer noch ein wenig in den Knochen, auch 1x Schwimmen und 1x Genusswandern konnten das nicht ganz wegzaubern).

Jetzt aber mal fix des Noagerl austrinken und los hier. Gemütlich (und mit eingeschalteter Sitzheizung!) über die nächtlichen Hügel und Dörfer des nebligen Oberlands heimwärts fahren, bzw. zum Papa an den Tegernsee, wo das Dackelfräulein heute Abend be- und gehütet wurde, was mittlerweile so ausschaut, dass die beiden einfach vier Stunden gemeinsam im Sessel fläzen und fernsehen und zwischendurch allenfalls mal in die Küche schlurfen.

Dort, beim Papa, schon vor der Fahrt zum Söllner-Konzert einen recht schönen Nachmittag und Abend verbracht.

Als das Fräulein und ich von der verschneiten Schwarztennalm runterkamen, war seine Lebensgefährtin bereits zum Tennis und dann zur Canastarunde ausgeflogen, also herrliche Ruhe im Salon, und nicht, wie beim letzten Mal, solch haarsträubende Dispute, wieso man keine Eier aus Bodenhaltung kaufen sollte und was industrielle Milchproduktion für die Kuh bedeutet (und was das wiederum für den Verbraucher bedeuten sollte, wenn er denn nicht wegschauen möchte).
Diese Stunden zu zweit mit ihm, die sind ebenso selten wie kostbar geworden.

Mit einem Liebeslied, das heut Abend Teil des Programms war, verabschiede ich mich aus dem zapfigen Tölzer Land von Euch…

…wünsche allseits eine gute Nacht und, denkt’s dran: liebt euch!

Und wenn’s grad nix von Liebe hören wollt’s, dann pfeift’s euch doch diesen Klassiker hier rein, noch im ursprünglichen Look dargeboten:

Jenseits von Afrika und anderer Kokolores.

Es gibt ja so Worte, die einem sehr früh von den Eltern beigebracht werden und dementsprechend tief in den frühkindlichen Sprachschatz einsickern und sich deshalb erst viele Jahre später als linguistische Blindgänger entpuppen, zumindest in der Region, in der man (im Gegensatz zu diesen Worten) beheimatet ist und sie ausspricht.
Man stellt dann als Heranwachsende entsetzt fest, dass keiner außerhalb der eigenen Familie diese Worte zu verstehen scheint, blamiert sich ein bisschen oder schämt sich gar.

Die meisten dieser Worte hatte ich vom Papa, einige davon entsprangen seinem rheinländischen Dialekt. Osel beispielsweise war eines davon. In der Grundschule titulierte ich mal einen Klassenkameraden so und erntete nichts außer einem fragenden Blick.
Ein Schlüsselerlebnis für mich – ab da war ich vorsichtiger, speziell mit Worten, die bei uns daheim in liebevoll-abwertender Weise verwendet wurden, so wie das eben erwähnte Osel.

Ich wagte es beispielsweise nicht, etwas, das ich ein bisschen bekloppt oder schräg fand, öffentlich als Kokolores zu bezeichnen. Zu riskant schien es mir, dass das hier in Bayern vielleicht missverstanden würde oder überhaupt nicht bekannt wäre.
Außerdem war ich mir nicht mal sicher, ob dieses Wort tatsächlich in irgendeinem Dialekt existierte, da der Papa es auffallend oft zu unserem Wellensittich sagte: „Cocolino macht Kokolores!“ – das klang durchaus nach einer Eigenkreation, denn Cocolino bekam allerlei Eigenkreationen serviert und hauptsächlich Kokolores vom Papa beigebracht, auf dass er ihn nachplappere, was er auch eifrig tat.
„Cocolino hat schöne Pumphosen!“ (wenn er sein Gefieder an den Beinchen putzte), „Hurra, hurra, Natascha ist da“ (als die Mutter nach der Niederkunft mit mir aus der Klinik heimkehrte), „Cocolino klaut Cacola-Cacola“ (hier scheiterte der Papa: Coca-Cola hat Cocolino lebenslang nicht ordentlich über den Schnabel gebracht, das war zu nah am Zungenbrecher für ihn, und gestohlen hatte er das Gesöff schließlich auch nicht).
Ich vermied also dieses Familienwort und habe erst recht spät im Leben festgestellt, dass auch andere Menschen außer unserem Cocolino wussten, was Kokolores ist.

*****

Zu Jahresbeginn erreichte mich eine Mail, die mich sofort an dieses Kindheitswort denken ließ. Ihr Absender war ein Rechtsanwalt mit dem schönen Namen Koko Dzoka. Ich öffnete sie voller Neugier und war dann gleich noch begeisterter, aber lesen Sie selbst!

Schönen Tag,
in einer kurzen Einführung bin ich Rechtsanwalt Koko Dzoka aus
Westafrika. Ich habe Ihnen letzten Monat eine E-Mail bezüglich Ihres
verstorbenen Verwandten gesendet, der in Afrika gestorben ist, aber
ich habe keine Antwort von Ihnen erhalten. Ich melde mich bei Ihnen,
damit ich die Summe von 3.500.000 US-Dollar, die er vor seinem frühen
Tod für mein Familie zurückgelassen hat, wieder zurückzahlen kann.
Rufen Sie mich so schnell wie möglich an, damit ich die Informationen
und Geld an Sie weiterleiten kann. Es ist sehr dringend.
Dein Rechtsanwalt Koko Dzoka.

Na gut, diese stilistischen Patzer sind sonst nicht so meins, auch die Orthographie lässt sehr zu wünschen übrig, aber mein neuer Freund Koko ist schließlich auch Westafrikaner. Außerdem hat er sich von einem Verwandten von mir eine nicht ganz kleine Summe ausgeborgt, die er jetzt, ehrlich wie er ist und weil mein Verwandter das Zeitliche gesegnet hat, gern an mich zurückzahlen möchte.

Ich grüble kurz, welchen Verwandten er meinen könnte, da es in Sachen Verwandtschaft außer dem Papa nur noch den feierfreudigen Chefarzt für Gynäkologie mit dem hässlichen Hund und den unglücklichen Zahnarzt mit der versoffenen Gattin gibt, die aber beide immer noch am Niederrhein leben und nicht in Afrika gestorben sind.
Aber für 3,5 Millionen Dollar, die ich als Alleinerbin von Koko erhalten werde, lass ich mich auch gern überraschen, wer da aus etwaigen genealogischen Untiefen emporsteigen wird. Unter der angegebenen Telefonnummer war bislang immer besetzt, aber ich bleibe natürlich am Ball.
Finanziell jedenfalls schon mal ein formidabler Start in das neue Jahrzehnt!

*****

Und abgesehen von der Horrornacht für die kasernierten Affen in Krefeld (eine Nachricht, die mich tagelang beschäftigt hat und teilweise so trübsinnig stimmte, dass ich nur noch losheulen mochte), lässt sich das neue Jahr auch sonst passabel an.

Die Serienzeit neigt sich ihrem Ende zu. Intensiv und wunderbar war sie.

  1. „Der Pass“: ein seltenes, deutsch-österreichisches Meisterwerk, mit einem gradiosen Nicholas Ofczarek, dessen Erscheinungsbild perfekt von Ambros‘ „De Kinettn wo i schlof“ untermalt wurde und einem ausgeklügelten Plot in einer irre tollen, alpinen Kulisse – wirklich bombastische Bilder der verschneiten Bergwelt! – und einem dramatischen Ende an einer österreichischen Bahnschranke.
  2. Dritte Staffel von „The Handmaid’s Tale“: eine bedrückende, bildgewaltige Dystopie eines totalitären Systems, wir sind noch mittendrin und ich staune, dass ich nach solchen Geschichten gut schlafen kann, wenngleich manche Traumbilder der letzten Nächte ein wenig gileadfarben daherkommen (oder sind die Rauhnächte schuld?) und ich tagsüber manchmal versucht bin, dem nachbarschaftlichen Grußwort bei einer zufälligen Begegnung im Treppenhaus noch ein „Gepriesen sei der Tag“ anzufügen.

Viel geschlafen, viel draußen gewesen. Gut gegessen, gute Musik gehört. „Jungleland“, dieses unvergleichliche Jahrhundertstück, das Cocolinos Nachfolger Fridolin noch mehr liebte als das Klackern des Kaffeeportionierlöffels an der Edelstahlkaffeebox, war auch von Bosstime gecovert ein klasse Erlebnis, das noch nachhallt und glücklich macht.
Die erste, im Herzen der Stadt verbrachte Silvesternacht viel unproblematischer als gedacht: das Dackelfräulein hat, auf dem Sofa lümmelnd, unter der Wolldecke und mit großen Kissen obendrauf, nur vier- oder fünfmal gewufft und ansonsten das Getöse verschlafen, je älter sie wird, desto entspannter wird Silvester (seltsam, dass das nicht auch für den Briefträger gilt, der immer noch jeden Morgen ein wütendes Bellen erntet, wenn er die Post durch den Schlitz in den Flur wirft).
Gegen 22:30 Uhr die letzte Umweltsünde im alten Jahr begangen, den Hund vermummt und schalldicht verpackt ins Auto getragen und zum 10km entfernten Waldrand kutschiert, damit Madame angst- und böllerfrei ihre Jahresabschlussverrichtungen erledigen konnte, eine 45-minütige Aktion, die sicher nur bei Hundebesitzern auf Verständnis stößt und alle anderen den Kopf schütteln lässt. Hat sich bewährt, werden wir beibehalten. Dafür sparen wir ja Sprit, indem wir künftig nicht mehr über Silvester verreisen müssen.
In den sozialen Medien gucken wir um Mitternacht Live-Bilder von der Wiesn an, man hätte auch die Jalousien hochziehen können, aber man soll ja nicht gleich übermütig werden. Nächstes Jahr, vielleicht. Wobei ich drauf hoffe, dass das Feuerwerk dann schon durch eine Lasershow oder irgendwas anderes Zeitgemäßeres ersetzt sein wird.
Um 0:04 Uhr stelle ich mein Handy laut, damit der Papa mich um 0:05 Uhr erreichen kann. Eine Tradition, dieser Anruf, egal, wo wir auch in den letzten 30 Jahren waren: um 0:05 Uhr ruft er mich an und wir wünschen uns ein gutes neues Jahr. Hat mich schon mal unglaublich genervt, dieses Ritual, mittlerweile – seit mir bewusst ist, dass die noch verbleibende Anzahl solcher Telefonate eine sehr absehbare geworden ist – hänge ich mit geradezu nostalgischer Rührung an dieser fünften Minute eines neuen Jahres.

An Neujahr in die Berge gefahren. Zu einer Uhrzeit, wo der Silvesterpartylöwe noch bruncht oder seinen Kater ausschläft, sind die Straßen leer. Der Parkplatz am Fuße des Berges allerdings nicht, da wimmelt es nur so von Familien und Schlitten, aber schon nach wenigen Metern wird klar, dass die alle den anderen Weg einschlagen, den sie dann nach zweistündigem Aufstiegsgezeter der Kinder und drei Trosthumpen Punsch und großer Gruppengaudi wieder grölend hinunterrodeln.
Oben auf der Hütte ein paar andere Wanderer, der Platz am Ofen ist frei, der Wirt hat nichts dagegen, dass das Fräulein auf einem Handtuch mit auf die Bank gesetzt wird, glücklich drückt sie ihr Hinterteil an die brüllheißen Kacheln. Angenehme Neujahrsstimmung da heroben, alle blicken noch etwas zerknittert und müde drein, die einen vom Aufstieg, die anderen vom Abfeiern.

So weit, so gut, diese ersten fünf Tage.
Bei Ihnen hoffentlich ebenso?!

*****

Song des Tages (36) & Himmel der Bayern (63): Grenzgang.

Gestern und heute einen lang gehegten Traum realisiert: Ins Wettersteingebirge gegangen (eines der zwei heimatlichen Lieblingsgebirge), Übernachtung auf der Meilerhütte und kurz nach Sonnenaufgang hinauf auf die Westliche Törlspitze. Seit Jahren davon geredet und geträumt. Wirklich seit Jahren!

Beim gedanklichen Ausmalen dieser Tour immer das Dackelfräulein als meine treue und erprobte Bergkameradin mit mir dort hochlaufen sehen. Mit etwas Geschick hätte man das Zweierzimmerchen schon bekommen, in dem brave Hunde nach Absprache erlaubt sind.

Schweren Herzens, aber leichten Verstandes nun Abschied genommen von dieser Idee. Zu lang und zu steil der Weg für unsere kleine Hundedame, momentan zumindest, und bei dem Wetter eh völlig undenkbar, da auf der Hälfte des Weges ja nicht mal mehr ein Baum oder Strauch Schatten spendet.
Vor ein, zwei Jahren wär’s wohl noch problemlos gegangen, woraus mal wieder die Lehre zu ziehen ist, dass die paar Lebensträume, die man hat, nicht zu lang aufgeschoben werden sollten.

Catch your dreams before they slip away, wie die Stones schon 1967 sangen – schließlich wird man weder jünger noch beweglicher (wer weiß, wie lang Schulter, Ellbogen und Knie solche Aufstiege noch gut mitmachen und die Trittsicherheit noch in dem Maß vorhanden ist, wie diese Tour es ab und an erfordert).

Besser also nicht weiter vertagen, dachte ich, denn eines Tages kommt evtl. nicht nur Pippa nicht mehr hinauf, sondern auch ich nicht mehr – und damit stand der beste Zeitpunkt fest: jetzt.
Das Wetter ist mir grad recht, denn so weit oben ist es herrlich frisch und luftig, man schwitzt halt ein bisschen, um hinaufzukommen. Auf rutschignasse Felsen kann ich, vor allem abwärts, gut und gern verzichten, da nehm ich lieber das Hochsommerwetter wie’s ist.

Das ist schon eine Wucht da heroben: diese Steinriesen, soweit das Auge reicht, und es reicht bis ins Zugspitzplatt und den Schneeferner hinein und wenn man sich umdreht bis tief ins Karwendelgebirge. Und diese Hütte, die sich wie ein Adlerhorst auf 2.374m Höhe (exakt auf den Landesgrenzen) an den Fels schmiegt, von Dohlen umkreist und von Murmeltieren bepfiffen. Atemberaubend ist das! Zweitausdendreihundertvierundsiebzig Meter, was sagen Sie dazu?!? Und zu dem Panorama?

Mich befiel Sprachlosigkeit und Demut, als ich da gestern am frühen Nachmittag stand und schaute (war eh niemand da, mit dem man ein Wort hätte wechseln können oder müssen, nur ein Steinbock im Kar unter mir).

Nirgends sonst ist Erhabenheit für mich so greif- und spürbar wie auf solchen Gipfeln oder Graten – und ich bin sicher: auch Schiller hätte seine Freude daran gehabt, hier zu stehen, zu schauen und vor sich hin zu fühlen.

Wenn sich der Morgennebel auflöst und den Blick freigibt auf den Wettersteinkamm und die Dreitorspitzen ist das nicht einfach nur eine schöne Aussicht. Es ist ein ernster, ein erhabener Anblick.

Man hat ihn im Visier, den Felskamm, der hinauf zur Törlspitze führt, und von neuen Kräften belebt (nach einer vergleichsweise passablen Nacht im oberen Einzel-Stockbett – merke: wähle immer den Lagerplatz mit dem größtmöglichen Abstand zu den Mitschläfern und dem kleinsten Abstand zum Fenster), steigt man wieder sicheren Schrittes voran. Der Rucksack wartet unten bei der Hütte (nichts irgendwie Belastendes möchte ich mit hinaufnehmen auf diesen letzten Metern), er lehnt windgeschützt neben der eigenen, kleinen Alltagsexistenz an der steinernen Hüttenwand (gestern, bei Ankunft, alles abgelegt).

Das Erhabene ist mehr als Natur – es ist Herausforderung und Übung zugleich. Das Gebirge ist so viel stärker, größer, gewaltiger als wir, und als kleiner Wicht, als der man oft auf Erden umherirrlichtert und dennoch meint, das meiste im Griff zu haben oder zumindest emsig daran zu arbeiten (denn man muss ja heutzutage an allem arbeiten), muss man einsehen, wie ohnmächtig man doch den Gewalten der physischen Welt gegenübersteht, wie sehr man ihnen als Wesen der sinnlichen Welt im Grunde ausgeliefert ist.

Eine Übermacht, gegen die wir uns nur behaupten können, indem wir als Wesen der geistigen Welt, die wir nicht auch, sondern vor allem sind, uns auf unsere eigene Freiheit besinnen (keine Sorge: das hab ich von Schiller, und vor Urzeiten, in meiner Abschlussarbeit, sicher auch mal treffender formulieren können, ich musste nur gestern Abend, durch diese krasse Stille und Steilheit um die Hütte streifend, nach Langem mal wieder dran denken). Der Mensch, sagt Schiller, ist immer schon mehr als Natur: Er ist freier Wille, und das Erhabene fordert ihn gerade in jenen Momenten, in denen es ihn physisch vernichten könnte, dazu heraus, dieses Mehr auch zu sein.

Eine Art vorübergehender Nullpunkt der Existenz und zugleich ihre ganze Möglichkeit und Fülle. Das sag ich jetzt mal so, ganz unschillernd.

Was dieser pathetische Exkurs soll, fragen Sie sich? Hat Frau Kraulquappe einen Sonnenstich? Oder einen Höhenkoller? Oder ticken die Hormone mal wieder aus?
Nein, nichts von alledem, glaube hoffe ich. In den Bergen kann ich machmal einfach freier herumdenken als unten im Tal. Und den Schiller hab ich damals wirklich gern und mit großem Interesse gelesen.

Genug geschwafelt. Nun mal zurück in die Niederungen, die Hälfte des Abstiegs liegt ja noch vor mir.

Und wissen Sie, worauf ich mich jetzt schon am meisten freue? Auf eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung am Leib. Auch das wird sich erhaben anfühlen, für so einen verzärtelten Großstädter. Das Alpspitzbad wartet!

Stood alone on a mountain top
Starin‘ out at the Great Divide
I could go east, I could go west
It was all up to me to decide

Just then I saw a young hawk flyin‘
And my soul began to rise
And pretty soon
My heart was singin‘

Roll, roll me away
I’m gonna roll me away tonight
Gotta keep rollin‘, gotta keep ridin‘
Keep searchin‘ till I find what’s right

And as the sunset faded I spoke
To the faintest first starlight
And I said next time
Next time, we’ll get it right

Song des Tages (34).

Schon der zweite Traum von B. innerhalb weniger Tage.
Und eine völlig neue Traumkategorie erlebt: den Traum im Traum, sozusagen.

*****

In dem zu Pfingsten geträumten war ich mal wieder (eine schon vertraute Traumsequenz) im selben Hotel gelandet wie B., und nicht die Einzige, die sich über das zufällige Entdecken dieser Prominenz freute. Nett, wie er in meinen Träumen immer ist, lässt er sich ganz spontan an der Bar zu einem kleinen Signier- und Plauderstündchen nieder.

Die anderen interessierten Hotelgäste rücken mit seiner Autobiographie unterm Arm an und wünschen sich ein Autogramm auf der vordersten Vakatseite, vielleicht noch mit ihrem Namen davor.
Mir ist das zu schnöde. Ich sause auf mein Hotelzimmer und hole ein Album im DIN A3-Format aus meinem Koffer. Seitliche Spiralbindung, schwarzer Karton mit breiten Rillen außen, die schwarzen Seiten im Inneren mit weißer Tusche beschriftet, alle Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte etc. seit 1985 sorgsam eingeklebt (nein, ein solches Album gibt es in echt nicht bzw. nicht mehr). Zufällig habe ich dieses Riesending dabei, wie das halt in Träumen so ist.

Bis ich wieder in der Bar ankomme, ist von der kleinen Schlange vor dem Tresen nur noch eine Person übrig, B. signiert fix das Buch, die beiden tauschen noch zwei Sätze aus, dann bin ich dran. Ich lege das unhandliche Album auf den Tresen, er guckt verdutzt, ich schlage es auf, reiche ihm einen Silberlackstift und bitte ihn, er solle sich ein freies Fleckerl aussuchen. Er blättert es durch und bleibt auf der seltsamsten aller Seiten in diesem Buch hängen: eine schwarze Doppelseite, auf der lediglich links oben ein Aufkleber pappt: ein knallroter Kussmund mit herausgestreckter Zunge. Ja genau, der von den Stones. Was auch immer der in dieser Devotionaliensammlung verloren hat. Egal.

B. bleibt bei dieser Seite, zieht die Kappe vom Silberlackstift ab und guckt mich erwartungsvoll an. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich mir ja noch gar nicht überlegt habe, was ich da gern für eine Widmung drinstehen hätte. Am liebsten freie Prosa, aber so läuft das ja nicht, wenn man sich nicht kennt.
Sonst ein wandelndes Songbook und überhaupt ja mit einer gewissen textlichen Spontaneität ausgestattet, ist mein Hirn in dem Augenblick wie leergefegt.

B. lacht mich an und kratzt sich mit der Hinterseite des Lackstifts im Nacken. Der erste Textfetzen, der mir wieder zu Bewusstsein kommt, ist eine eine Zeile aus Badlands. Zufällig auch der Untertitel des Blogs einer Freundin. Den stammle ich dann: It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Er schmunzelt, fragt nach meinem Namen, schüttelt den Stift nochmal, das Kügelchen im Inneren des Stifts scheppert wie wild, und dann schreibt er – in dem Augenblick ganz ernst und konzentriert dreinblickend – diesen Satz quer über die schwarze Doppelseite. It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Drunter noch eine persönliche Widmung, die ich nicht erinnere, weil ich ja wie gelähmt bin von dem Moment selbst, der Atmosphäre, der fehlenden Distanz, der Intimität dieses Augenblicks.

Wir unterhalten uns noch kurz – er spricht sogar ein paar Brocken Deutsch – und danach ziehe ich mit meinem monströsen Album, das ich wie einen Pokal in beiden Händen halte, selig von dannen.

*****

Heute Nacht dann eine andere Szenerie.
My Hometown. Das Fräulein und ich abends auf dem Flauchersteg, große Abendgassirunde am Ende eines heißen Sommertages.
Dort steht ein Mann mit Stadtplan am Geländer und guckt abwechselnd in den aufgefalteten Plan oder gen Süden. In einer eher seltenen Aufwallung von sommerlicher Lockerheit und menschlicher Zugewandtheit gehe ich hin und frage, ob ich helfen könne. Kann ich bestimmt, sagt er, und als er sich zu mir dreht, erkenne ich B. Und er mich.
Wir hätten uns doch erst neulich im Hotel getroffen, meint er. Ich bin perplex, weil mir im Traum bewusst ist, dass diese Hotelbegegnung doch eine geträumte war, aber wie er das so sagt, bin mir dann nicht mehr sicher und nicke zustimmend.

Er suche einen Biergarten, sagt er, in dem er vor über 30 Jahren mal war, den Bruckenfischer. Himmel, der ist in Schäftlarn, antworte ich, da sei er hier aber reichlich falsch. Empfehle ihm den nahegelegenen Flaucherbiergarten. Aber er will unbedingt zum Bruckenfischer. Ob ich ihm den Weg erklären könne. Immer der Isar entgegen, sage ich, und zeige nach Süden. Es wären aber locker 18km, gebe ich zu bedenken.

B. schaut mich von der Seite an, die Abendsonne leuchtet auf seinen Hals und sein Gesicht, ich nehme wahr, wie alt er geworden ist, wie müde er aussieht, dann räuspert er sich und fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. 18km, das sind, wenn wir nicht rennen, knapp vier Stunden, denke ich. Aber vor allem denke ich: das ist eine dieser Chancen, die man nur einmal im Leben bekommt und die man ergreifen muss.
Also sage ich: Ja, sehr gerne. Und wir gehen gemeinsam auf dem schönen Flauchersteg weiter, durch die Isarauen, immer weiter, down to river.

*****

That night we went down to river, denke ich träumend und wache leider zu früh auf.

Sie hat manchmal wollen den Sonnenschein auf ihren Hut stecken und die Abendröte umarmen.

[Blogbeitragsüberschrift frei nach Adalbert Stifter]

Weil die liebe B., die derzeit in N. auf U. weilt, sich schon latent sorgt, ob wir womöglich im See oder Freibad ertrunken sein könnten, weil es hier derzeit etwas ruhig geworden ist, nun ein kleines Lebenszeichen in Bildern, quasi eine Dokumentation so mancher Stationen oder Aktivitäten der letzten Tage:

Ausflug an den Ammersee: Diesmal Westufer, wieder viele Fotos, vor allem von Fräulein Seehund…

…aber auch von den Sehenswürdigkeiten in Dießen.

Erstes Selfie mit dem neuen Handy: Schön schattig, das kaschiert fast alle Falten.

Begleitung hatten wir auch: Meinen großen Freund S. und seine Kamera, die viel besser ist als meine.

Wanderung von Dießen zur Schatzbergalm: Könnte eine sehr schöne Tour sein, wenn wir nicht auf dem Schatzberg von einer Mückeninvasion heimgesucht worden wären.

Szenen auf dem Tisch: Die König-Ludwig-Desinfektion der Mückenstiche von innen.

Szenen unter dem Tisch: „Warum esst ihr was und ich krieg nur einen doofen Napf voll Wasser?“

Der Sommerhitze trotzen: Erfrischung, und zwar für alle (sagt auch die Abendzeitung – ich check nur nicht, was die Gourmets mit Baden zu tun haben).

Absurd: Die längste Hundewurst der Welt, aus ihrem 60cm x 75cm-Korb gerutscht.

Mein erstes Erfolgserlebnis auf Balkonien (von der blauen Hortensie wollen wir lieber schweigen).

Pfingsten in München: Englischer Garten, große Gassirunde, Rast im Aumeister.

Clever Shoppen: Am Tag nach dem Mega-Unwetter im Münchner Westen in einen Pflanzenmarkt im Münchner Westen fahren und die wegen Topf- und Blattschäden stark reduzierte Ware als Ersatz für so manch misslungenes Balkonprojekt mitnehmen.

Unterschlagen wurden in dieser bunten Auflistung:

  • diverse langweilige Büroarbeiten
  • stundenlange Recherchen für den nächsten Magazinbeitrag
  • einige Akquisitonstätigkeiten
  • Matthias Forenbacher in Endlosschleife hören
  • zeitaufwändiges Einbalsamieren der zehn fetten Mückenstiche nach dem Ausflug mit S.
  • alle weiteren Haushaltstätigkeiten der letzten sechs Tage
  • zwei Läufe im benachbarten Park
  • zwei Schwimmbadbesuche, einer davon mit Kampfeinsatz (Pfingstandrang, Beckenquallen, Randspringer)
  • Kauf und Zubereitung eines sündteuren Bio-Rindersteaks zur Aufrechterhaltung des Ferritinwerts
  • kontemplative Stunden mit Sonne und Weißbier auf der Parkbank vorm Haus
  • Installation eines neuen Handys inkl. Datenübertragung vom alten Handy
  • Reiseplanungen für den Spätsommer samt haarsträubender Mailkommunikation mit etlichen Hotels im Ausland, die sich erdreisten, für einen kleinen Dackel pro Nacht 25€ kassieren zu wollen, was jeweils in keiner Relation zum Zimmerpreis für den Menschen steht
  • extensiver Konsum von Huberbuam-DVDs in den späteren Abendstunden, um den nachfolgenden Träumen ein paar neue Impulse zu geben (leider die 3D-Brille nicht vertragen)

Herzliche Grüße an die Leserschaft & der lieben B. noch eine erholsame Zeit an der Ostsee!
Die Kraulquappe.

Von Schuld, Campingplatzleben und Mollusken. Ein nächtliches Purgatorium.

Seit einiger Zeit beobachte ich morgens beim Zähneputzen ein abstruses Phänomen an meinem Körper. Wenn mir der Ausschnitt meines Schlafshirts durch die Putzbewegung ein Stück über die Schulter rutscht, sehe ich im Spiegel mein Schlüsselbein. Direkt unter dem Knochen ist eine längliche Wölbung erkennbar. Von Größe und Form her in etwa so, als säße unter meiner Haut eine halbierte Nacktschnecke.

Manchmal lege ich die Zahnbürste beiseite und ziehe mir das Shirt noch weiter über die Schulter, um dieses skurrile Spektakel genauer anzusehen. Spektakel, weil: das wulstartige Etwas bewegt sich ein bisschen. Ich betaste es vorsichtig. Es fühlt sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft an, es lässt sich verschieben und eindellen. Vielleicht bewegt es sich auch nur, weil ich zuvor den Arm bewegt habe?
Ich berühre die Stelle noch ein paarmal, versuche mich an einer kleinen sensorischen Testreihe (sogar unter Zeugen, damit es nicht irgendwann in einer Notambulanz heißt: Die spinnt doch!), aber jedesmal macht sich die halbierte Nacktschnecke mittendrin vom Acker und taucht erst am nächsten Morgen wieder auf.

[Ein Filmausschnitt fällt mir dazu ein. Als ich ca. acht Jahre alt war, tappte ich spätnachts, aus einem unruhigen Kindertraum erwacht, ins Wohnzimmer, weil ich den Fernseher hörte und wusste: da ist der Papa, da bin ich sicher. Er saß dort manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte und guckte sich Weltraumsendungen oder irgendwelche schrägen Filme an. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und mein Blick fiel unweigerlich auf den Fernseher. In der Szene, die gerade lief, war ein Mensch zu sehen, in dessen Rücken ein Wurm hauste, ein Riesenwurm, der gerade dabei war, sich von innen durch die Haut zu fressen. Ich kreischte vor Ekel und der Papa schaltete natürlich sofort den Fernseher aus.]

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Campingplatzleben.

Mit diesem gänzlich neuen Wort – nie zuvor gedacht/gesagt/geschrieben – frühmorgens aus einem Traum aufgeschreckt.
Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, so mein letzter erinnerter Satz, aus dem Alptraum erwachend. Ich schrie ihm diesen Satz ins Gesicht und fuhr davon.

Zuvor hatte ich mich von ihm überreden lassen, ihn zu seinen Eltern zu begleiten. Obwohl er gar nicht mehr mein Freund war, genau genommen ist er das wohl nie gewesen (und was auch immer wir waren: Freunde jedenfalls nicht).
Er jammerte wochenlang, dass er dort nicht alleine aufkreuzen könne, im Elternhaus, nach all den Jahren. Seine Freundin sei als Begleitung ungeeignet, die könne sich nicht benehmen und sei zu laut für die schwachen Nerven seiner Mutter. Und sein Vater dürfe sie nicht sehen, diese Freundin, denn der wäre schockiert über eine solch ungehobelte Person.

Deshalb ICH. Bitte, nur noch dieses eine Mal. Es würde ihm bestimmt sehr helfen. Ich könne das doch locker. Er könne das nun mal gar nicht. Diese ganze Herkunftsfamilie, alle so schrecklich. So viele Rechnungen offen mit denen, dass ein läppisches Leben sowieso nicht ausreiche, um die alle zu begleichen. Gut, das Erbe nahe ja nun, das würde vielleicht was heilen, eines Tages. Eine Art Schmerzensgeld, das stünde ihm doch zu, nach all dem Erlittenen seien sie ihm das schuldig.

[Kinder sitzen diesem Trugschluss ja gar nicht so selten auf: zu meinen, die schrecklichen Eltern seien ihnen ja wenigstens eines Tages ihren gesamten Besitz schuldig, wenn sie ihnen schon sonst nichts Gutes gegeben hätten. Ein Schuldschein, der nicht einlösbar ist. Vielleicht eh bloß die Rückseite des genauso wertlosen elterlichen Schuldscheins, auf dem in großen Lettern „Dafür, dass wir dir das Leben schenkten, schuldest du uns Dankbarkeit“ prangt. Meist stehen beide Seiten knietief im selben Moralmorast des Familiengeweses, gleichwohl denkt jede der Seiten, nur die andere stünde drin und sie selbst sei erhaben über diese Niederungen menschlicher Gesinnung.]

Er müsse diesen Besuch jetzt machen, damit ihm das nicht durch die Lappen ginge, man wisse ja nie. Ich müsse ihn unbedingt begleiten.
Und ich? Natürlich. Ich mach‘ das. Weil ich gefall‘ mir ja in dieser vertrauten Rolle der Retterin der Unrettbaren. Damit kenn‘ ich mich aus, das kann ich. Mit dem ewig gleichen Misserfolg am Ende, versteht sich. Denn man kann das Seelenleben der anderen nicht retten, was man zwar von Anfang an weiß, aber nicht ernst nehmen möchte, weil: das lenkt so prima ab von potentiell schöneren, neueren, bunteren Rollenkleidern, in die zu schlüpfen ich mich ziere oder ängstige (weil ich dabei womöglich den eigenen familiären Moralmorast betrachten oder gar betreten müsste: die Mutter, die Mutter, die Mutter).

Ich sitze also am Steuer einer überdimensionierten, schwarzen Limousine und kutschiere ihn zum Elternhaus. Unterwegs erzählt er mir unaufhörlich von seiner Kindheit und von seinen Eltern, die ich noch nie gesehen habe und eigentlich auch lieber nie sehen wollte, weil das, was er erzählt, wahrhaft gruselig und traurig klingt.

Dort angekommen öffnet uns niemand. Die tun nur so!, sagt er zu mir: das konnten sie schon immer am besten – nur so tun als ob.
Er weiß offenbar, dass sie zuhause sind. Wir schleichen uns durch einen verwachsenen Garten zu einer Terrassentür, die einen Spalt breit offensteht. Er greift nach innen, legt den Griff um und schiebt die Tür ganz auf. Seine Eltern liegen auf einer riesigen Eckcouch und schlafen und sehen aus wie tot, so friedlich.
Durch das Quietschen der Schiebetür erwacht die Mutter. Erkennt ihn, den Sohn, setzt sich auf und will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Kehle. In dem Moment wacht auch der Vater auf, blickt uns an und poltert sofort los: Wieso der Sohn erst jetzt komme, so kurz vor ihrem Tode, wieso er sich all die Jahre nicht habe erinnern wollen an sie, seine Eltern, wieso erst jetzt?

Dieser Sohn, den ich begleite, steht hinter mir und ringt nach Luft, will auch etwas sagen und kann nicht. Der Moment meines Einsatzes ist gekommen, denke ich noch, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie der Sohn wortlos ein großes Ölgemälde von der Wohnzimmerwand nimmt und damit auf die Mutter zugeht, mit sehr entschlossener Mine. Sie will noch schützend die Hände über den Kopf heben , aber es ist zu spät. Der Sohn erschlägt sie mit dem Bild, mit mehreren Hieben. Ein Stück Bilderrahmen ragt ihr schließlich aus der Brust (nirgends Blut, ich träume fast ausnahmslos blutfrei, in diesen seltenen Horrorträumen).

Der Vater ist fassungslos und beginnt zu weinen. Ich setze mich zu ihm und sage mit zitternder Stimme: Es tut mir leid, aber genau DAS habe ich kommen sehen. Dass es so eskaliert. Ich habe es kommen sehen. Dann lege ich ihm tröstend die Hand auf seinen runzligen, von Altersflecken übersäten Arm.
Warum haben Sie es dann nicht verhindert?, will der schluchzende Vater von mir wissen.
Weil Ihr Sohn es sowieso getan hätte, irgendwann, irgendwie, entgegne ich.

Dann frage ich mich, wo er eigentlich ist, der Sohn.
Stehe auf und gehe durchs Wohnzimmer, schaue hinüber in den Flur und ins Esszimmer. Dort ist er nicht. Ich trete durch die Terrassentür hinaus in den Garten – und da sehe ich ihn: er kauert in einer Ecke, hat sich in eine Decke gehüllt und nimmt große Schlucke aus einer Weinflasche. Als ich auf ihn zugehe und ihn ansprechen möchte, schreit er mich an. Ich solle stehenbleiben, sonst würde er auch mich erschlagen, so wie er überhaupt alle erschlagen möchte, die ihn nicht gesehen und ernst genommen hätten. Mit einem beherzten Sprung nähere ich mich ihm, wische mit einer schnellen Bewegung des rechten Armes die Flasche aus seiner Hand und schreie zurück: Er müsse jetzt zu dem stehen, was er getan habe, einmal in seinem Leben müsse er das hinbekommen, denn nicht an jedem Drama seien immer nur die anderen schuld!

Mein Mut verlässt mich schnell wieder, ich bekomme Angst und renne weg. Warum auch immer ich ins Haus zurückeile, kann ich nicht sagen, aber als nächstes stehe ich wieder in diesem hässlichen Eiche-rustikal-Wohnzimmer.
Der Vater sitzt immer noch starr vor Schreck und weinend auf dem Sofa. Ich sehe zur anderen Couchseite hinüber, wo die tote Mutter liegt. Auf einmal reißt sie die Augen weit auf und sagt in einem Tonfall, in dem Fürbitten verlesen werden: Jetzt wird er wieder jahrelang in unserem Garten campen! Oh helfen Sie uns doch!

[Und mitten in dieser Traumszene denke ich: Ja, so ist er. Ein Camper. Schlägt irgendwo sein Zelt auf, behilft sich mit dem Nötigsten, harrt aus, bis alles um ihn herum sich dieser Campingszenerie angeglichen hat: die Freundin, die Nahrung, die Wohnung, die Gegend, die Vegetation. Alles wird zum Zubehör, alles ist im Notfall schnell zurückzulassen. Er lebt auf dem Boden, er schläft im Schlafsack, kein Wetter kann ihm etwas anhaben. Er befindet sich in seinem Survival-Camp und sitzt dort und hält Mahnwache. Schon jahrelang. Ein Outlaw, der sich am Feuer wärmt, sich von Wurzeln ernährt, sich kaum mehr pflegt, sich den Menschen entfremdet, sich in seinem selbstgewählten Exil eingerichtet hat. Ab und an stößt er einen Hilferuf aus, manchmal ertönt ein Echo, letztlich aber verhallt alles in der Dunkelheit und Wildnis.]

Ich wende mich von der Mutter ab, drehe mich um, trete ganz nah an die Scheibenfront des Wohnzimmers heran und schaue in den Garten hinaus, wo er noch immer in der hintersten Ecke sitzt. Sehe, dass er schon eine neue Flasche Wein in der Hand hält. Ausdruckslos und passiv starrt er die Hecke gegenüber an, so als ginge ihn all das, was hier drüben, im Wohnzimmer seiner Eltern, geschehen ist, nichts mehr an.

Mich ergreift eine unsagbare Wut, wie ich ihn da so hocken sehe. Dieser unerträgliche Trauminet. Dieser Blutegel-Habitus hinter der Opfer-Maske, wenngleich wohl unbewusst. Nach Jahren des Mitleids packt mich nun die blanke Wut.
Die aber richtet sich nur teilweise gegen ihn, dieses dort im Rasen hockende, trotzige, verletzte Häuflein Elend, das mir so viel Energie für die Bekümmerung um sein Elend abgezogen hat, so dass diese Energie nun für mich fehlt.
Im Kern und in letzter Konsequenz richtet sich diese Wut gegen mich. Gegen mich, dieses dort hinter der Glastür stehende, grollende und ebenfalls verletzte Häuflein Elend, das sich ohne jeden Zwang diesen Blutegel aus dem Sumpf fischte, ihn sich anlegte und ihn saugen ließ.
Kaum zu glauben, wie ähnlich man einander in manchen Aspekten doch ist, trotz größter Verschiedenheit!

Er starrt die Hecke an, ich starre ihn an. Wut und Selbsterkenntnis pochen hinter meinen Schläfen, die Scheibe beschlägt von meinem Schnauben. So sehr, dass seine Konturen dort draußen im Garten mit jedem Ausatmen mehr und mehr verschwimmen. Kurz bevor er hinter dieser Kondenswasserschicht völlig verschwindet, ruft er nach mir: Was stehst du da so herum, kommst du jetzt bitte?

Kaum ist der Ruf ertönt, setze ich mich langsam in Bewegung. Jeder Schritt wie in Zeitlupe. Ein paar Meter vor ihm bleibe ich auf dem Rasen stehen und schaue ihn an. Ja, siehst du denn nicht, wie es mir geht?, wimmert er.
Ich versuche, meine Wut wegzudrücken, mich zu sammeln und zu sagen: Nein, weil ich jetzt endlich wieder sehe, wie es MIR geht!

Sage es dann tatsächlich, drehe mich um und gehe aus dem Garten hinaus, der nun noch zugewachsener wirkt als beim Betreten. Ein paar dornige Zweige schnalzen mir schmerzhaft ins Gesicht.
Schließe das Auto auf, lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Bin fix und fertig.

Dann klopft es am Fenster. Draußen steht er, mit hochrotem Gesicht. Zorn? Tränen? der Wein? – die Röte ist nicht zuzuordnen, es ist mir auch egal, denn ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken.
Drehe den Zündschlüssel um, lege den Gang ein, öffne das Fenster – das Blut kocht nun in meinen Adern – und brülle: Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, und trete mit dem Fuß aufs Gaspedal, so fest ich kann.

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Beim Zähneputzen suchen die Augen bereits automatisch das morgendliche Spiegelbild nach der halbierten Nacktschnecke unter dem Schlüsselbein ab.
Sie wulstet heute nicht an der üblichen Stelle herum. Seltsam. Ich lege die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und streife das Shirt über meine Schulter. Nirgends ist es zu sehen, das kleine Monster. Irritiert ziehe ich das Shirt ganz aus. Taste das Gewebe rund ums Schlüsselbein gründlich ab. Inspiziere den gesamten Oberkörper. Nichts, nirgends.

Die Molluske ist über Nacht verschwunden.

Der Wunschzettel.

Einfach mal durch die rosarote Brille geschaut.

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Gestern Abend kam der Physiker zu Besuch.
Ab und an lade ich ihn zu mir ein und bekoche ihn, um mich dafür zu revanchieren, dass er mich sonst immer einlädt.
Er isst gern italienisch und trinkt gern reichlich Weißwein, auf Desserts legt er keinen Wert und auf Espresso hat er zu verzichten gelernt, da wir hier keine Siebträger-Espressomaschine haben und zu den wenigen Menschen mittleren Alters und Einkommens gehören, die tatsächlich noch mit einer normalen Kaffeemaschine weit unter 500€ zufrieden sind.

Beim Befüllen der Cannelloni, einer der Küchentätigkeiten mit angenehm meditativem Charakter, ist stets Zeit, die Gedanken einfach mal schweifen zu lassen, während die Finger gleichermaßen routiniert wie vorsichtig die Spinat-Ricotta-Masse in die Röllchen stopfen (nein, ich nehme dafür keinen Löffel, es geht viel besser mit den bloßen Fingern, die selbstverständlich vorher und zwischendrin gewaschen werden).

13 Nudelröllchen-Füll-Prozeduren führten gestern zu 13 Gedanken, konkret: zu einem Füllhorn von 13 Wünschen. Auslöser dafür war das auf der Cannelloni-Schachtel aufgedruckte Haltbarkeitsdatum, auf das mein Blick fiel, als ich sie öffnete.

Was wird bis dahin sein? – fragte ich mich.
Was wünsch‘ mir von diesem Jahr? Und von diesem Leben? Und überhaupt?

Aber fangen wir einfach mal klein an.

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  1. Einen München-Olymipa-1972-Waldi als Stofftier.
    Im Zwergteckelmaß (nicht kleiner bitte) und lieber den mit dem groben Stoffbezug als den plüschigen.
    Man legte mir im Juli ’72 einen in die Wiege, 17 Jahre später rückte ihn die Mutter nicht raus, als ich sie verließ, vor 3 Jahren ist mein Waldi dann, sofern es ihn da überhaupt noch gab, zusammen mit 3.000kg undurchdringbarem, unsortierbarem Messie-Wohnungsinhalt in der Schrottpresse gelandet.
    Wie mir kürzlich klar wurde, ist das eine Wunde, die in diesem Leben noch geheilt werden muss und zwar nicht erst auf dem Totenbett.
    (Und: Nein, ich möchte als Alternative nicht den Holzdackel von Bojesen und auch keinen Wackeldackel für die Hutablage im Auto. Ich wünsch‘ mir den echten Waldi zurück!)
  2. Mehr Mut.
    Auf nix Spezielles bezogen, sondern so insgesamt.
  3. Eine Tretbootfahrt auf dem Starnberger See. Wahlweise auf dem Ammersee.
    Für mindestens 2 Stunden, möglichst in einem roten Tretboot, wenn’s geht hinten mit Rutsche (so wie das auf der Startseite dieses Blogs), gern mit Sonnendach/-schirmchen, so dass das Fräulein geschützter mitfahren kann. An sich finde ich Ruderboote schöner, aber ich bin jetzt aus dem Alter raus, in dem man die blauen Flecken, die man sich zuzieht, wenn man nach dem Schwimmen über den harten Holzrand ins Boot zurückklettert, noch locker verschmerzen könnte, sofern man mit dem ruinierten Ellenbogen überhaupt noch fähig wäre, sich aus eigener Kraft über den Bootsrand hochzuhieven.
  4. Einen Reiseführer zu Gotland in englischer Sprache.
    Halbwegs aktuell, nix Gehobenes (Kunstreiseführer o.ä.), im rucksacktauglichen Format.
  5. Einmal noch beim Brandauer in einer der vordersten Reihen sitzen.
    In einer Lesung, denn mit dem Theater war’s das jetzt wohl. So wie damals im Porsche-Salon oder in der Nürnberger Oper. Thema der Lesung ist völlig egal. Gedichte von Brecht, Faust-Szenen, Bowie – meinetwegen liest er auch das Altausseer Telefonbuch vor. Hauptsache, diese Stimme.
  6. Dass der russische Zupfkuchen im „Isarfräulein“ nicht ständig ausverkauft ist, wenn ich dort gegen 15 Uhr aufkreuze. Alternativ tät’s auch der normale Käsekuchen, aber dann bitte endlich ohne diese ekligen Dosenmandarinen.
  7. Einen Schlafsack fürs Dackelfräulein.
    Innen kuschlig, außen robust. In adäquatem Wursthundformat. Keine Püppchenfarben, keine affigen Pfötchen- oder Sternchenmuster. Waschbar bei 40°C. Leicht, gut zusammenrollbar und gern mit Hülle, so dass einem die Schmutzbrösel der Nacht dann nicht im Rucksack herumpurzeln.
  8. Ein Rezept für einen Hefeteig, das (s)ich einfach und unkompliziert auf Anhieb zu einem erfolgreichen Hefeteig umsetzen lässt.
    Ich bin eine gute Köchin, aber keine geübte Kuchenbäckerin. Ich liebe Zwetschgendatschi, aber der Teig wird bei mir stets brettähnlich, weil die depperte Hefe einfach nicht… oder der blöde Ofen…
    Egal – helfen Sie mir!
  9. Nochmal im Cabrio durchs hochsommerliche Oberland fahren, einen ganzen Tag lang.
    Das erste und letzte Mal ist nun 20 Jahre her und ich fand das damals – Umwelt hin oder her – tatsächlich großartig. Muss kein nobler Schlitten sein, aber bitte auch kein Smart Roadster oder Ford Streetka. Inklusive Sylvensteinbrücke, Eisdielen-Stopp in Lenggries (3 Kugeln: Zitrone, Pistazie, Straciatella), Füßekühlen oder Baden im Walchensee (je nach Wassertemperatur) und krönendem Abschluss-Weißbier z.B. im Biergarten von Kloster Reutberg oder auf Gut Kaltenbrunn.
  10. Jemanden, der mir zeigt, wie man Make-up so aufträgt, dass das Ergebnis nicht aussieht wie ein wächsernes Puppengesicht aus Madame Tussauds Kabinett.
    Ich bin nun exakt 46 Jahre und 8 Monate alt und habe keinerlei Erfahrung mit dem Zeugs, bin seit einigen Tagen aber der Ansicht, dass es nun gelegentlich ratsam wäre, sowas zu verwenden. Nach langwieriger Beratung (wegen Spezialhaut und diverser Allergien – ich erspar‘ Ihnen die Details) bereits ein Produkt erworben und mich 1x dran versucht und sofort alles wieder abgewaschen und dann mit gruselig rot gerubbeltem Gesicht das Haus verlassen. Nicht gut.
  11. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie vom Wettersteinmassiv.
    Hochglanz, Querformat, mindestens 120x40cm, lieber größer. Bitte nicht den Tiroler Part des Gebirges, sondern den in Bayern liegenden. Ohne pseudo-dramatische Effekte und ohne störende Menschen drauf, die Gipfel keinesfalls in zu viele Wolken gehüllt. Gern auch bereits gerahmt, dezenter, schmaler Alurahmen (matt), hinten mit vernüftiger Aufhängung versehen.
  12. Eine Liste mit allen Hallen- und Freibädern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, den Niederlanden, Schweden, Dänemark, Finnland, Island und auf den Färöer Inseln, die über ein solides 50m-Becken verfügen. Mit Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Hinweisen zu Parkmöglichkeiten. Bitte keine Ozon- oder Meerwasserbäder, kein FKK-Kram, keine Familien- oder Spaßbäder.
  13. Einen Verleger für mein erstes Buch.
    Männlich, grau-meliert, bebrillt (Kunststoff, nicht Metall), lässig gekleidet, klug, zuverlässig, humorvoll, tierlieb, sonore Stimme, natürliche Ausstrahlung, gern Bayer oder Österreicher (ein Norddeutscher oder ein Rheinländer ginge auch), großzügig, lebenserfahren, kein Angeber, keine Labertasche, kein Macho, gute Tischmanieren, mindestens 50, gern älter, Figur unerheblich, beruflich gesettelt, gut vernetzt und mit den richtigen Kontakten an der Hand sowie mit aufrichtigem Interesse an einer intensiven (für ihn) und lukrativen (für mich) Zusammenarbeit.

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Bitte sprechen Sie sich nach Möglichkeit untereinander ab.
Machen Sie sich aber keinen Kopf, falls das unpraktikabel oder unmöglich sein sollte: die Doppel- oder gar Dreifach-Erfüllung wäre bei allen Wünschen außer dem Dackelschlafsack wirklich überhaupt kein Problem für mich.