Amilienumkle oder: Nächtliche Notate zur Lage der Situation.

An sich bin ich kein Freund sprachverhunzender Kleinschreiberei, mir persönlich kommt dabei schnell jeder Lesefluss und -genuss abhanden.

Für amilienumkle möchte ich allerdings kurzfristig eine Ausnahme machen. Es ist ein ganz besonderes Wörtchen, zumindest für mich, denn es war die finale Wahrnehmung in meinem geliebten Schwimmbad, als ich vor über zwei Wochen zum letzten Mal in der Umkleide stand.

Da mir bereits schwante, dass es das für 2020 vermutlich gewesen sein dürfte mit meinem Lieblingssport, drehte ich mich vor Verlassen des Raumes noch ein letztes Mal um, so eine Art stummes rundumblickendes Abschiednehmen war das, und dabei fiel mein Blick auf jenes Schild, das mir noch nie zuvor aufgefallen war.
Dem dort aufgedruckten Wort fehlten ein paar Buchstaben, aber es gefiel mir sofort: amilienumkle.

Ich fotografierte es und noch auf dem Weg zum Parkplatz murmelte ich die neue Vokabel gleich ein paarmal vor mich hin: amilienumkle, amilienumkle, amilienumkle – und beschloss, dass sich das Wort eigentlich gut als Name für eine besonders seltene, sonnengelbe Seerosenart eignen würde (weshalb der Begriff ab sofort auch einen vernünftigen, großen Anfangsbuchstaben von mir erhalten wird), die ich mir als ein Symbol der Hoffnung (auf bessere Zeiten, konkret: auf ein möglichst nicht erst zu Ostern stattfindendes Wiedersehen mit dem Lieblingsbad) erschaffen und erhalten könnte.
Immer, wenn es mich künftig bedrücken würde (und mittlerweile tut es das recht oft), dass ich nirgends mehr ins Wasser springen und loskraulen kann (nein, Neoprenanzug im November ist nichts, wonach es mich verlangt!), könnte ich das dann flüstern und an eine seuchenfreie, sonnige Schwimmzukunft denken: Amilienumkle, Amilienumkle, Amilienumkle.

Fast wie ein kleines Gebet fühlt sich das an, und es würde mich nicht wundern, wenn ich in ein paar Wochen noch ein „Amen“ hinzufüge, obwohl ich mich nach wie vor zu den Atheisten zähle.
Man wird ja ein bisschen sonderlich und schrullig in diesen Zeiten.

*****

Apropos „in diesen Zeiten“.
Besser gesagt: Apropos Sprachbetrachtung im Allgemeinen und Besonderen.

Auf (oder in?) einem von mir sehr geschätzten Blog, der mir allwöchentlich am Montagmorgen den Einstieg in die beginnende Woche erleichtert bis kandiert, möchte ich Ihnen, sofern Sie sich für Sprache und deren Aberrationen interessieren, die vom Autor jenes Blogs mit großer Inbrunst (und kleinem Ingrimm) notierte und regelmäßig aktualisierte „Liste des Grauens“ ans Herz legen.
Sie werden staunen, welche Floskeln, Plattitüden und Worthülsen Sie unter den aktuell 452 Einträgen entdecken, die auch Ihren werten Lippen gelegentlich entschlüpfen!

Ein gutes Drittel der dort versammelten Phrasen erinnert mich zwar aufs Schlimmste an die in stundenlangen Meetings zu erduldende Verbaldiarrhoe meiner 17-jährigen Ära als IT-Consultant (zu Beginn der 17 Jahre noch schlichtschnöde Anwendungsberater genannt), dennoch liebe ich es, in dieser Sammlung zu stöbern.
Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in meinem Smartphone eine ganz ähnliche Liste führe: Sprachschrott, den man so hört oder liest und bei dem sich sofort die Nackenhaare aufstellen oder der nächste Herpes sich Bahn bricht.

Vor einigen Wochen glich ich meinen privaten Wortmülleimer erstmals mit dieser Sammlung ab, Anlass war die damals etwas zu oft gehörte Hassphrase „am Ende des Tages“ sowie das grassierende, pseudogeheimniskrämerische (nicht aber pseudoblöde) „aus Gründen“ und ein (hoffentlich nur) pandemiebedingter Zuwachs an „Calls“ allerorten.

Größtenteils fand ich den Inhalt meiner Truismus-Tonne 1:1 im Archiv des Bonner Bloggers wieder, lediglich „Blablablubb“ (gern verwendet, wenn das, was ein anderer abgesondert hat, für zu viel oder zu unwichtig gehalten wird), Tschautschau“ oder „Ciao ciao“ (oder ist das am Ende – nicht des Tages, aber meines Sprachverständnisses – gar ein spezieller Kynologengruß und heißt eigentlich „Chow-Chow„?) und aus mir unerklärlichen Gründen auch das gruselige „aus Gründen“ sind bislang noch nicht mit von der Partie.

Sonst aber wirklich alles.
Chapeau! ( 😉 – siehe „Liste des Grauens“, Nr. 262)

*****

Facebook empfiehlt mir jüngst diesen Artikel aus der „Welt“:

Lektürezeit, die man sich getrost sparen kann – das Foto genügt ja wohl zur Erklärung, wieso man das nicht tun soll.

*****

Wohingegen mir das nachfolgende Foto nicht erklärend genug war – hier hätte ich doch zu gern auch noch gesehen, was mit den beiden abgebildeten Wanderern geschah, als die „Skulptur“ zu Phall Fall kam.

*****

Ansonsten leben wir lockdownlight-konform vor uns hin.

Der Gatte (vor Erhalt seines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich (nach Erhalt meines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich spaziere überwiegend allein oder mit den Angehörigen meines kleinen Hausstandes oder maximal denen eines anderen kleinen Hausstandes durch die Gegend.
Und bin wie so oft sehr dankbar dafür, wie schön wir es hier haben. Nicht auszudenken, wie sich so ein Lockdown in Ennepetal anfühlen mag oder in dem Kaff nahe Jena, in dem ich mal während einer Dienstreise einquartiert wurde, weil ganz Jena wegen einer Messe ausgebucht war.

Auch der hübsch Bewimperte und ich sind mittlerweile perfekt eingespielt, was Tour- und Törtchenplanung sowie vorausschauende Recherche der jeweils tournah geöffneten To-Go-Kioske (ein Begriff, den ich sofort auf meine „Liste des Grauens“ setzen werde) für das frisch gebrühte Tässchen Kaffee…

 

…und überhaupt freut man sich am besten intensiv an den kleinen Dingen.
Dazu passt ganz hervorragend, dass in den Bäckereien die Plätzchensaison begonnen hat.

Nebenher bastle ich an meinem Buchvorhaben (fragen Sie bitte nicht nach, ich möchte noch nicht darüber sprechen, schon gar nicht hier!), übe auf dem Akkordeon (Nackensteife links im Wechsel mit Nackensteife rechts, dazwischen ein paar Töne) und halte mich viel in der Küche auf. Vielleicht sogar zu viel, wie nachfolgende Maismehl-Grafik zeigt, in die sich aus purer Überlastung ein fataler Fehler eingeschlichen hat.

Das mit dem Akkordeon lässt sich gut an und ist eine feine Sache, bedeutet aber nicht nur Musik, sondern auch Sport, wie ich feststellen musste, denn die 8 Kilo (Instrument plus Koffer) müssen ja auch zum Unterricht hin (und zurück) transportiert werden.

Wenigstens bringt einen vor Ort nicht auch noch der Lehrer ins Schwitzen, weil der sieht exakt so aus wie er heißt (und ich behaupte einfach mal, daran würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, wenn er den Mund-Nasen-Schutz abnähme).
Eine Beschreibung, die Sie jetzt leider nicht verstehen können, da ich hier natürlich nicht seinen echten Namen verkünden kann, damit Sie den dann gleich googeln oder so. Sowas macht man nicht.

Stellen Sie sich einfach ersatzweise einen Mann in den Fünfzigern vor, von kugeliger, untersetzter Statur, mit krass bayerischem Dialekt und einem Namen wie Rudi Humpertinger – die Vorstellung, die Sie dann haben, die trifft es in etwa.

Ideale Lernbedingungen also.

*****

Auf dem Land ist Santa Claus schon im Anmarsch…

Die spinnen, die Bayern.

…während es mir hier in der Stadt noch recht unvorweihnachtlich vorkommt.

Deko vor dem Supermarkt.

Soweit für heute.

Kommen Sie gut durch die Woche und halten Sie vorsichtshalber schon mal Ausschau nach einem passenden Corona-Freund, falls am 25. November festgelegt werden sollte, dass jeder Haushalt sich künftig nur noch mit einem anderen, festzulegenden Haushalt (und aus diesem auch nur mit einer Person) treffen darf.

*****

Pandemic Peaks oder: Bedeutungslose Berge in Bayern.

Die Einschläge kommen näher.
Jemand, mit dem der Gatte in einer präsenzerfordernden Besprechung saß (mit großem Abstand zu allen Teilnehmern und mit offenen Fenstern), ruft an und teilt mit, er sei positiv getestet worden und befände sich nun mit leichten Covid-19-Symptomen in Isolation. Öha!
Nach einer Schrecksekunde beschließen wir, die empfohlene Quarantänedauer durch einen Corona-Test (hoffentlich) abzukürzen.

Top organisiert, dieser Test-Termin, null Wartezeit, zumindest wenn man zu Fuß hingeht, ein bisschen spooky zwar, dieses zweckentfremdete Bierzelt, aber mei.

Bis zum Testergebnis werden wir nun niemanden mehr treffen.
Und suchen nur noch Orte auf, an denen auch uns niemand mehr treffen kann.
Das macht uns zum einen nicht viel aus, da wir ja auch sonst mal gern ein paar Tage lang recht abgeschottet leben und arbeiten.
Zum anderen sind wir Anhänger des pandemischen Imperativs, den Herr Drosten in seiner Schillerrede verkündet hat: „Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an„.

Angst haben wir keine. Vermutlich wird einem das in den nächsten Monaten noch öfter so ergehen, dass sich im Umfeld jemand infiziert hat und einen darüber informiert.
Überhaupt ist das mit der Angst ja einer der interessantesten psychologischen Aspekte (und Argumente) in dieser Pandemie. Die Querdenker unterstellen den Geradeausdenkern immerzu Angst (im Sinne eines von der perfiden Regierung und dem teuflischen Drosten angeworfenen Motors, der uns antreibt, ebenso blind wie verschreckt einem diktatorischen Ruf in unseren eigenen Untergang zu folgen, wenn wir nicht endlich – so wie sie – quer statt geradeaus denken und „die Wahrheit“ hinter all dem Raunen hören/sehen/erkennen. Die Geradeausdenker hingegen attestieren den Querdenkern ebenfalls von Angst getrieben zu sein (weshalb sonst würden die den diversen Gurus oder dem Geschwurbel, das auf diesen Gottesdiensten Versammlungen verkündet wird, folgen und diese einfachen „Lösungen“ oder Parolen weiterbeten glauben). Besonders bemerkenswert finde ich, dass beide Lager auf die eine oder andere Weise felsenfest von sich behaupten, keinerlei Ängste zu haben.
Bei Gelegenheit werde ich mich darüber vielleicht mal ausführlicher und differenzierter auslassen, vor allem über den feinen Unterschied zwischen „Panikmache“ und „Information“.

Die Quarantänetage nutze ich, um den Balkon endlich winterfest zu machen, Gugelhupf zu backen und zu essen, die Ablagestapel der letzten Wochen abzutragen und das Forschungsprojekt KoCo19 (unter dem Link finden Sie meinen Blogbeitrag zum Studienbeginn) in seinem Fortgang zu unterstützen.
Sie erinnern sich bestimmt: wir gehören zu den 3.000 zufällig ausgewählten Münchner Haushalten, denen das Tropenmedizinische Institut der LMU (die verlinkte Seite offenbart Ihnen u.a. spannende Einblicke in unser Esszimmer) im Rahmen eines großen Corona-Forschungsprojekts Blut und Informationen abzapft.
Erfreulich ist, dass in Phase II des Projekts das Blut nicht mehr aus der Vene entnommen werden muss, sondern man das nun ganz entspannt und ohne den dreiköpfigen Test-Trupp um einen herum eigenständig erledigen kann, nachdem man das Anleitungsvideo studiert hat (das Filmchen hat mich sprachlich begeistert und mir ein neues Lieblingswort beschert: „die Fingerbeere“).

Da das Dackelfräulein auch in Quarantänezeiten hinausmuss, schleichen wir uns maskiert zum Auto und fahren unmaskiert in das schöne und dank Herbstferienende nun endlich wieder halbwegs leere Voralpenland.

Alle bekannten Wanderparkplätze, Wege und Berge werden gemieden, und dabei kommt dann halt auch mal so ein schräges Vorhaben wie das heutige raus.
Als bekennender Zahlenfetischist (nein, nicht von Fallzahlen, sondern von Jubiläen, Geburtstagen und anderen wichtigen Daten) bin ich schon länger auf der Suche nach einem Berg, zu dessen Gipfel ich entweder genau 1.307m hinaufsteigen kann oder der exakt 1.307m hoch ist. Und heute Morgen, beim Studium des Kartenmaterials, entdeckte ich ihn. Sogar in der Gegend, in die ich sowieso gern fahren wollte. Er heißt der oder das Schwarzbergel und befindet sich im Tölzer Land.

Ich (= blauer GPS-Signalpunkt) auf dem 1.307m hohen Schwarzbergel.

Betrachten Sie dieses alpine Ziel übrigens ausnahmsweise einmal explizit nicht als Wanderempfehlung, außer Sie sind Förster, Fährtensucher oder warten auch gerade auf Ihr Testergebnis und müssen dennoch mit dem Hund raus.
Denn das Schwarzbergel lohnt sich nicht. Keine Aussicht, kein Rastplatz, kein Gipfelkreuz, nur ein schnöder Stein markiert den höchsten Punkt.

Der 6,5 km lange und immerhin 640 Höhenmeter überwindende Aufstieg ist zur Hälfte weder ausgeschildert noch instinktiv auffindbar. Ohne GPS-Signal finden Sie den Gipfel garantiert nicht und selbst mit Signal ist er des Gefundenwerdens nicht wert.
Nicht einmal Einheimsiche kennen ihn, wie ich bei der einzigen Begegnung des Tages feststellen durfte („Gehst aufn Geierstein auffi?“ – „Nein, ich gehe aufs Schwarzbergel.“ – „So an Berg gibts hier ned.“ – „Doch, in meiner Karte gibt’s den.“).

Als wir nach einigem schweißtreibenden Hin und Her das Schwarzbergel samt Gipfel schließlich gefunden haben, blinzle ich an einen halb abgeknickten Baum gelehnt ich in die Sonne, esse meine Semmel, trinke meinen Tee und klemme dem Fräulein ihren heiß ersehnten Futternapf in eine Lücke zwischen zwei Tannenstümpfen.
Das ist also ein Lieblingszahl-Berg. Tja. Dass er gar so unscheinbar sein würde, hätte ich nicht gedacht.

Macht nichts, die Bewegung tut trotzdem gut und Ruhe hat man hier auch und beim nächsten Versuch mit einem 1307er probiere ich wohl besser die Variante aus, bei der die Zahl sich auf die zurückzulegenden Höhenmeter bezieht und nicht auf die Höhe des Berges.

Beim Abstieg machen wir noch einen Schlenker hinüber zum Geierstein, auf richtigen Wegen und sogar von Schildern und neugierigen Blicken begleitet.

Die Entschädigung für all das Unspektakuläre kommt ganz zum Schluss – und dann aber knüppeldick.

Was für eine Stimmung, was für ein Panorama, was für ein Sonnenuntergang!

Freuen Sie sich schon heute auf eine weitere Folge der neuen Serie „Pandemic Peaks – bedeutungslose Berge in Bayern“, wir werden solche Unternehmungen in nächster Zeit nämlich fortsetzen und uns lockdowngemäß weitgehend von den Mitmenschen fernhalten, obwohl soeben das negative Testergebnis eingetrudelt ist und man ja nun wieder auf normalen Wegen wandeln dürfte.

Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

Song des Tages (52).

Mittwochmorgen, 7:35 Uhr in München, Ludwigsvorstadt. Links: Die bergpfadstaubigen Flossen von Frau Kraulquappe. Rechts: Die baustellenstaubigen Treter von Herrn Lolek. Er deutet auf unsere Schuhpaare, sagt augenzwinkernd „Wir passe gut zusamme!“ und betritt voller Tatendrang die Wohnung.

Sie brauchen also nicht denken, wir würden hier nur noch durchs sonnige, erblühende Voralpenland hüpfen und uns auf versteckten, einsamen Nebenpfaden einen Lenz machen.

Bereits frühmorgens ging es heute meinem Osterhäschen an den Kragen.
Kaum mit anzusehen, dieses Massaker!

Der Osterhase dankt ab – und macht Platz für den Heiligen Geist!

Es verging keine Stunde und Lolek hatte ihm das Fell über die Ohren gezogen, aber so richtig!

Erst ein brutaler Kopfschuss…

…und kurz drauf liegen sie frei, die Eingeweide 😦

Wir tragen das Unsrige zum Gelingen bei:
Ich verklebe Malervlies im Flur und assistiere Lolek beim Testlauf der Waschmaschine.
Das Dackelfräulein steckt seine Nase sachkundig in jedes neue Loch und hilft beim Aufspüren des Lecks.
Und dem Gatten gelingt es, trotz längst beendeter Faschingssaison, immer noch in irgendeiner Bäckerei einen Krapfen für Lolek aufzutreiben.

Eine Stunde später: Haarriss im Rohr gefunden. Fehler behoben. Alles dicht. Hoffentlich.

Natürlich war’s das jetzt noch nicht.
Das Mauerwerk muss nun trocknen, eine gute Woche lang. Morgen bringt Lolek einen Heizlüfter vorbei. Nächste Woche kommt er insgesamt 3x vorbei: zum Verputzen, zum Streichen und den dritten Anlass hab ich vergessen.
Ich erwäge, ihm einen Hausschlüssel nachmachen zu lassen und zum Du überzugehen, schließlich habe ich mittlerweile in 2020 mehr Zeit mit Lolek als mit irgendwem sonst verbracht.

Als ich dem morgendlichen Spektakel so beiwohne, drängt sich mir der Song des Tages geradezu auf, denn beim Blick auf die häsischen Innereien singt es in mir:

Well, lights out today
Trouble in the bathland
Got a hare on collision
Smashin‘ in his guts, man
I’m caught in a Polish fire
That I don’t understand

(….)

Talk about a drain
Try to make it sane
You wake up in the night
With a fear so tight
You might spend your life waiting
For a moment that just don’t come
Well, don’t waste your time waiting

Bathlands, you gotta bear it everyday
Let the broken walls stand
As the price you’ve gotta pay
Keep pluggin‘ ‚til it’s understood
And these bathlands start treating us good!

In dem Song ist aber gottseidank auch noch von einem Leben jenseits der Badsanierungen und Wasserschäden die Rede, zumindest für diejenigen, die tief in sich drin eine Ahnung davon vernehmen können:

For the ones who had a notion, a notion deep inside
That it ain’t no sin to be glad you’re alive

Fahren wir also morgen am besten gleich wieder hinaus ins Oberland, wo wir uns so glad und so alive fühlen und die zersmashten guts und all den Schutt der Bad-lands nicht mehr sehen müssen.

Ihnen auch noch eine schöne Woche!

Matrjoschka (4).

Halbzeit: Die Figur in der Mitte ist heute dran, Matrjoschka Nr. 4. Sie stottert ein bisschen und ihre Finger sind etwas klamm und ihre Bäckchen leuchten so rot.

*****

Heute vor vier Jahren, die Tochter saß gerade in ihrem neuen Büro, von wo aus sie als administrative Leitung den ihr anvertrauten kleinen Verband zu leiten versuchte, was eine ziemliche Herausforderung war, weil die Chefin des ganzen Unternehmens zwar sehr nett, aber ein kreativer Chaot war, womit die Tochter zwar menschlich, aber nicht beruflich zurechtkam, außerdem noch ganz unter dem Schock der Beerdigung des viel zu jung und unerwartet gestorbenen Freundes stand, dessen Urne vor drei Tagen recht sang- und klanglos in die Erde eines Waldfriedhofs südlich von München versenkt worden war, klingelte ihr Telefon. Nicht das Bürotelefon, sondern das Handy.
Es war kurz vor 10 Uhr. Eine unbekannte Münchner Nummer stand im Display. Die Tochter nahm den Anruf entgegen („nahm ab“ kann man ja in Zeiten, in denen eine Gesprächsannahme via Smartphone ein seltsamer Wischvorgang ist, der dem einfingrigen Wegwischen eines verendeten Mini-Insekts auf dem Gartentisch ähnelt, nicht mehr guten Gewissens sagen).

*****

„Ihre Mutter ist heute Nacht verstorben, Ihre Telefonnummer hat uns die Betreuerin gegeben“, meldet sich mit Dialektunterdrückung eine bayrische Frauenstimme und fügte sogleich pflichtschuldigst ein „Mein herzliches Beileid zu diesem Verlust“ an.
Nach kurzem anfänglichen Holpern und Stottern und zwei, drei Rückfragen meinerseits, klärte man mich darüber auf, dass die Betreuerin der Mutter ab sofort nicht mehr zuständig sei (eine Sozialpädagogin, mit der ich nicht konnte: bei jedem Kommunikationsversuch verhedderten wir uns ungut, weil sie keine Gelegenheit ausließ, mir ihr Unverständnis darüber um die Ohren zu hauen, dass ich mich nicht selbst um die kranke Mutter kümmerte und regelrecht entsetzt war, als ich eine ihrer ungebührlichsten moralischen Nebenbemerkungen mit einem „Möchten Sie ernsthaft mal die Geschichte hören? Die ganze Geschichte von meiner Mutter und mir? Nein? Na dann verkneifen Sie sich bitte künftig Ihr unqualifiziertes Geunke!“).
Die Sozialpädagogin hätte „den Vorgang“ bereits abgeschlossen, hieß es seitens des Pflegeheims, sie stünde aber telefonisch noch für Rückfragen zur Verfügung.

Desweiteren erfuhr ich, dass der Leichnam der Mutter innerhalb von 24h aus dem Pflegeheim abgeholt werden müsse. Hui, dachte ich da, wie soll das denn so rasend schnell gehen?
Vorbereitet war ich auf diesen Moment oder Tag nicht, denn die Mutter starb schon seit über anderthalb Jahren mit kurzen Unterbrechungen vor sich hin, der Hirntumor wuchs viel langsamer als gedacht und die Mutter war viel zäher als angenommen.
Da hatte man es sich nach den ersten paar Alarmen wieder abgewöhnt, jedes Mal gleich völlig aus dem Häuschen zu sein, den Stift fallen zu lassen und in wilden Aktionismus zu verfallen, wohl wissend, dass es, also die Todesnachricht, einen dann eines Tages wie aus heiterem Himmel treffen würde.

Und in der Tat: der Himmel war heiter an diesem 1. Februar 2016. Die Sonne schien unaufhörlich, der Himmel war blau, der See, von dem mein Büro keine 250 Meter entfernt war, funkelte im Morgenlicht der gerade beginnenden Woche.
Als das Telefonat beendet war und ich zugesagt hatte, dass man alle Rechnungen an meine Adresse senden dürfe und entschieden hatte, dass ich die tote Mutter nicht mehr sehen wolle, was dem Pflegeheim sehr recht war, da man sie sonst noch länger in ihrem Zimmer hätte belassen müssen, so aber konnte sie gleich in den Keller verlegt werden (in dem es keine Kühlung gäbe, wie man mir mitteilte, deswegen ja die Eile mit der Abholung). Auch ihre paar persönlichen Dinge wollte ich weder sehen noch an mich nehmen, ich wusste, was da neben ihrem Bett stand, und es erinnerte mich nur an Zeiten und Geschehnisse, an die ich nicht mehr erinnert werden wollte.

*****

Ich starrte aus dem Bürofenster in den großen Garten hinaus. In der Eisschicht auf dem Fischteich war ein Sprung zu erkennen, es taute wohl. Die Katze der Chefin saß im Schilf und linste neugierig ins Wasser rein. Was machen so Teichfische eigentlich im Winter? – schoss es mir durch den Kopf.
Drumherum, auf der geschlossenen Schneedecke im Garten, waren diverse Hüpfspuren des Dackelfräuleins zu sehen. Pippa begleitete mich an den meisten Arbeitstagen nach Starnberg, mittags gingen wir immer am See spazieren, manchmal über eine Stunde lang, denn die Arbeitszeit war frei einteilbar, die kreative Chaotin hatte selbst keinen festen Rhythmus und gestand Selbiges auch ihren paar Angestellten zu.

Nachdem ich ausreichend lange aus dem Fenster gestarrt hatte, sagte ich halblaut zu mir selbst: Nun gut, jetzt bist du nochmal dran, du musst das jetzt auf die Reihe kriegen!
Ich rief die Sozialpädagogin an, die mir kondolierte und danach meinte, sie hätte jetzt leider keine Zeit, den Kontostand der Mutter nachzusehen, der läge in irgendeinem Ordner und sie müsse die Sachen eh in den nächsten Tagen in die Hand nehmen, um alle Unterlagen zum Betreuungsgericht zu schicken, aber leider, leider könne sie das jetzt nicht vorziehen.

Meine Befürchtung war die, dass die Mutter Schulden hinterlassen haben könnte oder aber nur so wenig Guthaben auf ihrem Konto vorhanden wäre, dass die Kosten für die Beerdigung davon nicht getragen werden könnten.
Auf meinem Konto sah es zu der Zeit ohnehin nicht rosig aus: es war die fünfte Woche im neuen Job, das erste Gehalt war noch nicht eingegangen und in den Monaten davor gab es sowieso keine Geldeingänge zu verzeichnen, und den Gatten wollte ich aus der Sache raushalten, wenn es denn irgendwie ging, er hatte die Mutter schließlich nie kennengelernt.
Aber keine Chance, aus der Betreuerin eine Zahl (und ihr Vorzeichen) herauszubekommen. Dann musste es eben ein Blindflug werden.

*****

Bis der Leichnam der Mutter das Pflegeheim zu verlassen hatte, waren es jetzt nur noch 22 Stunden. Ich musste heulen, weil ich überfordert war. Kniete mich neben den Hundekorb und drückte das Dackelmädchen an mich (nebenbei bemerkt: Heulen ist mit diesem Hund absolut unmöglich, weil die Trostbemühungen so extrem und so zudringlich sind, dass man meist lieber ganz schnell aufhört mit dem Tränenvergießen, nur damit der Hund sich endlich wieder beruhigt).

Dann rief ich den Gatten an. Keine Erinnerung mehr an das, worüber wir gesprochen haben oder auch nicht, ich habe vermutlich wieder geheult.
Irgendwann betrat die Chefin mein Büro, sah mich am Schreibtisch sitzen, kein einziges Fenster einer Anwendung auf dem Monitor zu sehen, nur Springsteen als Bildschirmschoner (ich erinnere noch: als sie den zum ersten Mal sah, fragte sie allen Ernstes „Ist das Ihr Mann?“, und ich sagte „Dann säße ich jetzt nicht hier, sondern auf einer Ranch in New Jersey und würde edle Pferde striegeln!“, naja, die Gute war 72, da konnte man ihr so einen Faux pas schon nachsehen) und daher guckte sie mich verdutzt an und als sie fragen wollte, was denn los sei, sah sie gerade noch rechtzeitig mein rotfleckiges, verquollenes Gesicht und fragte nichts mehr, sondern sagte sehr anteilnehmend: „Oh je, Sie Arme, das ist wegen dem verstorbenen Freund, nehme ich mal an!?“.

„Nein, meine Mutter ist heute gestorben.“, antwortete ich.
Das muss man sich ja auch mal vorstellen: Da stellt man jemanden neu ein, betraut ihn mit einer Leitungsfunktion und in den ersten fünf Wochen hat der/die Neue gleich zwei Todesfälle an der Backe und kommt aus dem Heulen nicht mehr raus (Randnotiz: bevor es aber im Herbst 2016 den nächsten Toten zu beweinen gegeben hätte, hatte ich schon über ein halbes Jahr den Dienst quittiert, Ende März kündigte ich, löschte den schönen Bildschirmschoner, packte das Hundekörbchen und meine Siebensachen wieder ein, und nun weinten die Chefin und ich zur Abwechslung mal beide, weil wir zwar wussten, dass es von den Arbeitsweisen her nicht zusammenpasste, aber uns eben wirklich mochten, so dass es neben aller Notwendigkeit, auch ein trauriger Abschied war, es war wirklich ein nervenaufreibendes erstes Quartal, damals in 2016).

*****

Der restliche 1. Februar des Jahres 2016 verging damit, dass ich nachhause fuhr, eine Breze aß, die der Gatte für mich geholt hatte, weil er weiß, dass mich frische Brezen immer aufbauen und zu den konstant guten und lebensfroh stimmenden Dingen in meinem Leben gehören, mich zwei Stunden an den Schreibtisch setzte und eine sogenannte Discount-Beerdigung organisierte. Nie zuvor gehört, diesen Begriff – Sie etwa?
Ein Euphemismus zudem, denn trotz Discount geht sowas nicht unter 1.800€, wie ich dann bald bemerkte.
Fragen über Fragen waren zu beantworten und zig Entscheidungen zu treffen: Leichenhemd ja/nein?, Holzart des Sarges? (- Hä, wieso Holz, die Mutter soll doch verbrannt werden und ihre Asche in einer Urne beigesetzt werden? – Ja schon, aber sie wird vor der Einäscherung in einen Sarg gelegt und samt Sarg verbrannt. – Achso, wusste ich nicht.) Sammelgrab oder Einzelgrab? Anonymes Grab oder mit Schild? Traueranzeige ja/nein, Benachrichtigung von Verwandten gewünscht?

Mir zitterten die Hände, als ich den Bestattungsvertrag inklusive Vollmacht für die Abwicklung von nahezu allem unterzeichnete, einscannte und nach Leipzig schickte, wo sich der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens emsig um mich kümmerte. Er hieß Thomas Mann, irgendwie hatte das was, und es passte prima zu der Absurdität all dieser im Hauruckverfahren zu erledigenden Dinge.

Thomas Mann und ich telefonierten etliche Male in diesen Stunden. Dazwischen musste ich den Papa, den ich natürlich auch schon über das plötzliche und endgültige Sterben der Mutter informiert hatte, darum bitten, eine Leiter aus seinem Keller zu holen, um trotz seines Parkinsons, der ihm solche Klettereien eigentlich nicht mehr erlaubte, im obersten Regal seines Arbeitszimmers den Scheidungsordner hervorzukramen, da Thomas Mann für das Ausstellen der Sterbeurkunde für die Mutter eine beglaubigte Abschrift des Scheidungsurteils (aus dem Jahre 1989!) benötigte. Formalitäten und Anforderungen, die man ja kaum glauben mag, aber so waren die amtlichen Vorschriften. Ordentlich wie der Papa ist, hatte er das Dokument nach fünf Minuten zur Hand, steckte es in ein Kuvert und schickte es direkt per Einschreiben nach Leipzig, vertraulich und zu Händen von Herrn Thomas Mann.

Um 15 Uhr informierte ich das Pflegeheim, dass die Mutter heute noch abgeholt werden würde. Man war zufrieden. Und ich war fertig mit der Welt für diesen Montag und überhaupt. Vor lauter Formalkrempel alles Emotionale ebenso stumm und tot wie die Mutter.
Der Gatte bot jedwede Unterstützung an, ich wusste aber nicht, wobei ich nun akut hätte unterstützt werden müssen. Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Alle Blätter waren unterschrieben, alles ging seinen Gang. Auf Thomas Mann, so sagte mir mein Gefühl, wäre Verlass. Der klang kompetent und professionell und so, als hätte er die Sache im Griff.
Was also sollte ich nun tun, was wollte ich tun, was konnte ich tun, an einem solchen Tag?

Gegen 16 Uhr sprang ich in das golden glitzernde Wasser des Winterfreibades und schwamm um mein Leben und als ich wieder aus dem Becken kletterte, ging die Sonne bereits langsam unter und tauchte das Schwimmbadgelände in ein wunderschönes, tiefrotes Licht.

Rot wie die Liebe, die wir vor langer Zeit schon beigesetzt hatten.
Rot wie jenes vom Neurochirurgen bei der OP zugeschaltete Licht die Tumorzellen im Kopf der Mutter fluoreszieren ließ.
Rot wie das lodernde Feuer, in dem die Mutter, von schlichtem Birkenholz und einem Leinenhemd umgeben, in einem sächsischen Ofen verbrennen würde.

Rot wie das Blut, das in unseren Adern fließt, und das die Herrschaft hat über Leben und Tod.

*****

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Suburbia (4): Ein Traktat über Flüssigseife und Freundlichkeit.

Damals, im Frühherbst 2017, als man sich hier in Suburbia zähneknirschend eingestehen musste, dass man am neuen Wohnort im Süden der Stadt weder Fuß fassen, noch Wurzeln schlagen würde und erst recht nicht alt werden wollte, und daher nach nur einem halben Jahr Pause in Sachen Wohnungssuche (eine „Pause“, die man mit viel Stress rund um einen großen Umzug und seine Nachwehen verbrachte) erneut einen beherzten Sprung in das Haifischbecken „Mietmarkt München“ machte bzw. machen musste, weil Selbstbetrug nun mal mittelfristig nicht als tragfähiges Lebens- und Wohnkonzept taugt, damals also versuchte ich, mir irgendeinen imaginären Strohhalm zu konstruieren, nach dem ich greifen könnte, wenn die Wohnungssuche uns wieder so zermürben würde wie beim ersten Mal, das uns noch spürbar in den Knochen steckte (vor allem in den ramponierten Ellenbogen).

„Weißt du was?“, sagte ich daher eines trüben Tages in einem Anfall von Pseudo-Optimismus zum Gatten, der hinter der Süddeutschen verschanzt auf dem Sofa lümmelte während ich das Abendmahl zubereitete und mir nach dem Zwiebelschneiden die Hände überm Spülbecken wusch, „Noch bevor diese Flüssigseife hier alle ist, werden wir eine neue Wohnung gefunden haben und wieder in der Stadt leben!“.

Der Gatte quittierte meine waghalsige Prognose mit einem kurzen, eher tonlosen „Hm, na hoffentlich“ und las weiter. Trotzig beschloss ich, auch ohne seinen aktiven Zuspruch an meinem soeben zum rettenden Strohhalm auserkorenen Seifenspender-Konstrukt festzuhalten: Wir hatten den zum Einzug gekauft und bis er leer wäre, würden wir hier wieder ausgezogen sein, jawohl!

An irgendwas muss man sich ja klammern, wenn die Hoffnung von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung schwindet, weil einem in etlichen Monaten zähen Suchens auf professionellstem und zeitintensivstem Niveau noch keine einzige Bude untergekommen war, die ihren horrenden Mietzins auch nur annähernd wert gewesen wäre, geschweige denn uns gefallen hätte oder nicht mit irgendwelchen baulichen oder vertraglichen Zumutungen oder Absurditäten behaftet gewesen wäre.

Und ob Sie’s nun glauben oder nicht: Meine Rechnung ist aufgegangen! Sogar quasi tropfengenau!

Der Seifenspender gab seit etwa einer Woche ein knorzendes Röcheln von sich, wenn die kleine Pumpvorrichtung in seinem Inneren versuchen musste, noch ausreichend Seife nach oben zu befördern. Ich nahm das Geräusch des Behälters zwar zur Kenntnis und dachte natürlich auch an meinen diesbezüglich mit dem Schicksal abgeschlossenen Deal, war aber ehrlich gesagt frustriert vom Nahen des Augenblicks, in dem ich mir würde eingestehen müssen, dass der Deal geplatzt war und auf dem Friedhof meiner Imaginationen beigesetzt werden musste. Denn die letzten paar Wohnungsbesichtigungen waren allesamt dermaßen deprimierend gewesen, so dass ich mir allmählich kaum noch vorstellen konnte, mir jemals in irgendeiner Küche irgendeiner neuen Wohnung mit irgendeiner Flüssigseife meine Hände zu waschen. Mir schwante, dass ich den leeren Flüssigseifebehälter bald stumm in den Mülleimer werfen und ihn desillusioniert durch einen neuen ersetzen würde.

Doch dann zog das Schicksal alle Register.
Völlig überraschend erhielten wir letzten Montag eine Reaktion auf eine Wohnungsbewerbungsmail, die wir längst abgehakt hatten, weil mal wieder tagelang jegliche Antwort ausblieb. Wir erfuhren, dass der Vermieter sich durch Dutzende solcher Mails hatte kämpfen müssen (was eben seine Zeit dauerte) und schließlich 12 Kandidaten ausgewählt hatte, die er nun ins Heiligste vorlassen wollte. Wir schnappten uns den ersten der 12 Termine und standen noch am selben Abend gebügelt und gestriegelt vor dem Haus in der Ludwigsvorstadt, in dem sich die Wohnung befand.

20 Minuten später verließen wir das Haus wieder, sahen uns kurz an, nickten uns zu und sagten: „Das wär‘ die Wohnung, nach der wir gesucht haben!“. Der Konjunktiv hier weniger als Ausdruck einer Möglichkeit, sondern vielmehr im Übergang zum Irrealis begriffen, sich bereits darauf einstimmend, dass man schon in ein paar Tagen wohl sagen würde „Das wäre unsere Wohnung gewesen“, weil der Vermieter unter den 12 Ja-Sagern halt einen anderen erwählt hatte (die dackelfreien Kandidaten oder die dynamischen Doppelverdiener oder das solide Beamtenpaar). Der Gatte schickte dem Vermieter gleich am nächsten Morgen, im flackernden Schein seiner Geburtstagskerze, eine Interesse-Bekräftigungs-Mail hinterher, anschließend wandten wir uns der geburtstäglichen Tagesordnung zu.

Abends wartete ich als Shuttleservice vor dem Schwimmbad, in dem sich der Geburtstägler einen Saunabesuch gegönnt hatte. Recht aufgeräumt und erholt stieg er ins Auto und ließ sich zum Lokal chauffieren. Vor dem Anstoßen hielt er inne und meinte zu mir, er wolle zu Beginn seines neuen Lebensjahres einen Beschluss verkünden und sich durchs sofortige Mitteilen desselben auf verbindlichere Weise zu dessen Umsetzung bekennen. Man kennt das ja: hat man’s erstmal rausposaunt, verwirft sich’s die Sache nicht mehr so leicht als hätte man’s nur im stillen Kämmerlein beschlossen.
Gespannt wartete ich also, was da nun käme. Er raucht nicht, er trinkt nicht, er hat kein Übergewicht und auch sonst keine erkennbaren Baustellen, Laster oder Leiden vorzuweisen, die einer dringenden Änderung oder Abschaffung bedurften.
„Ich möchte ab sofort ein freundlicherer Mensch sein!“, meinte er nach einer kleinen Kunstpause und mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, von dem ich nicht wusste, ob es seinem Beschluss galt oder der von mir zu erwartenden Reaktion auf diesen Beschluss. Ich musste jedenfalls lauthals lachen, denn mit einem Vorhaben aus der Rubrik „Charakterglättung“ hätte ich defintiv nicht gerechnet. Zumal – und das muss an dieser Stelle wirklich klipp und klar gesagt werden! – ich dem Gatten niemals Unfreundlichkeit attestiert hätte, weder Menschen, noch Tieren gegenüber, ja vor allem keinesfalls Letzteren gegenüber. Am ehesten noch Gegenständen oder „der Technik“ gegenüber – allen voran zum Beispiel dem Drucker, diesem heimtückischen Arschloch („Drecksglump, verreckts!“) – aber hier würde das Vornehmen von mehr Freundlichkeit ja am allerwenigsten zu einer Beziehungsverbesserung führen, da es sich um leblose Materie handelt, die sich weder über Freundlichlichkeit freuen, noch gegen Jähzorn wehren kann.
Im weiteren Gesprächsverlauf erhellte sich mir alsbald, wie er es meinte. Die Details spare ich hier aus Diskretionsgründen natürlich aus, grob gesagt bezog es sich vor allem auf das berufliche Schlachtfeld Terrain, das ja leider nicht frei von Gemenschel ist und wo man je nach Druck und Arbeitsbelastung mal mehr oder weniger beherrscht/geschickt/sozialverträglich reagiert und somit ja immer irgendwie Luft nach oben ist, was die Geschmeidigkeit des eigenen Verhaltens angeht.

Nur 13 Stunden nach diesem Beschluss (auch diese Anzahl an Stunden mit Sicherheit kein Zufall, denn die 13 ist meine GlücksZahl) – es war Mittwochvormittag, ich saß gerade unmotiviert an einer Schreibarbeit und guckte hinaus in das Suburbia-Grau – klingelte mein Handy und der Vermieter war dran und sagte etwas hemdsärmelig: „Wir haben uns für euch entschieden, also falls ihr halt nach wie vor noch Interesse an der Wohnung hättet.“.
Mich hätt’s fast vom Stuhl geschmissen als der Satz vom Ohr bis ins Hirn gekrochen war und dort seine Wirkung entfaltete.
Do legst di nieda!!! Nach einem halben Jahr des intensiven Suchens und bei der ersten wirklich brauchbaren Wohnung sollte es nun geklappt haben (wo ist der Haken? wer verarscht einen da jetzt schon wieder?, schießt’s einem durch den Kopf).
Man kann das einfach nicht glauben. Selbst wenn der Mietvertrag einen Tag später schon im Postkasten liegt – man glaubt’s immer noch nicht. Erst wenn man mit dem besten Juristenfreund von allen stundenlang am Telefon die einzelnen Paragraphen und Formulierungen durchfieselt, da dämmert’s einem so langsam, dass da jetzt echt ein Mietvertrag für eine Wohnung in München vor einem liegt. Nicht der perfekte Vertrag, selbstredend mehr zu Gunsten des Vermieters als des Mieters („Es ist nun mal ein Angebotsmarkt, Natascha!“, sagte mir der Juristenfreund wiederholt, um mir den Sehnsucht-nach-Fairness-Zahn ein für allemal zu ziehen), aber summa summarum für hiesige Verhältnisse doch einer, den man unterschreiben kann, ohne damit den ersten Spatenstich zum Ausheben des eigenen Grabes gesetzt zu haben oder sich die Telefonnummer des Mietervereins schon wieder einprägen zu müssen, um vermieterseitige Pflichtverweigerungen oder Schikanen entsprechend parieren zu können.

Sollte sich die Sache nun auch weiterhin nicht als Neuauflage der Truman Show oder ausgebuffte Verschwörung von Münchner Miethaien entpuppen, werden Sie hier demnächst also wieder von allerhand gruseligen Umzugsvorbereitungen und -erlebnissen lesen, gratis die besten Tipps und Tricks im Umgang mit dem nicht minder gruseligen Kundendienst von Vodafone abstauben können oder auf den neuesten Stand bzgl. orthopädischer Therapeutika für Umzugskrüppel (Rücken, Schulter, Ellenbogen, Handgelenk) gebracht werden.

Darüberhinaus dürfen Sie beizeiten mit neuen Stadtviertelstories rechnen, wir werden uns auf jeden Fall ausführlich über Freud‘ und Leid des dann wieder urbanen Lebens verbreiten und mit Sicherheit auch wieder was zum Granteln finden – spontan fallen mir da schon mal die zu erwartenden Parkplatznöte, vollgekackte Grünstreifen und zu lange Schlangen am Sonntagnachmittag bei Café Kustermann ein – aber das mit größtmöglicher Demut, ich versprech’s Ihnen, denn wir sind wirklich außerordentlich froh, dass wir dem Puls der Stadt wieder ein Stückerl näher kommen.

Und das schon in wenigen Wochen, mitten im Sommersemester vom Gatten, was zeitlich und organisatorisch alles andere als ein Spaß werden wird, aber auch hier verneigen wir uns demütig vor dem Schicksal und sind einfach nur dankbar, uns vom täglichen Mietmarkt-App-Checken ebenso verabschieden zu dürfen wie von all den haarsträubenden Entblößungen im Bewerbungsprozess um ein Stück Wohnraum und den vielen stimmungsversauenden Abend- und Wochenendterminen auf den geschüsselten Parkettböden unserer schönen, geliebten und überteuerten Isarmetropole.

In diesem Sinne: Stay tuned – wie ein geschätzter Bloggerfreund von mir an solchen Punkten des Geschehens zu sagen pflegt!

Überschwängliche Gratulationen, Hopfengetränke zum Anstoßen auf das Neue oder für die bessere Bewältigung des Bevorstehenden sowie Hilfsangebote aller Art (und nicht zu vergessen: kleine und große Spenden für die doppelte Mietbelastung und einen ellenbogenschonenden Umzug) nehmen wir jederzeit dankend entgegen.

Was lernen wir jetzt aus dem Ganzen?

1.) Nie mehr an den Stadtrand ziehen. Das ist nix Halbes und nix Ganzes. Alle Vorteile der Stadt sind weg oder nur noch durch eingepferchtes Ausharren in Staus bzw. U-Bahnen zu erreichen, was du dir angesichts der aufzuwendenden Zeit stets zweimal überlegst und dann (zu) oft bleiben lässt, wodurch du dann aber bald Gefahr läufst, provinzielle Patina anzusetzen. Die Vorteile, die das Landleben bieten könnte, findest du am Stadtrand nicht, denn dort bist du ja eben nicht auf dem Land, sondern in einer Grauzone dazwischen, die tagsüber von Pendlern zugeparkt wird, abends an einen Friedhof erinnert und nicht mal eine vernünftige Kneipe bietet, die du als Zufluchtsort aufsuchen könntest (von netten Cafés, in denen du dich mit Kuchenstücken trösten könntest, ganz zu schweigen).

2.) Falls du 1.) jemals wieder versemmeln solltest, wähle wenigstens eine deutlich geschicktere Verknüpfung zwischen gewünschtem Ziel (=Auszug) und dem für den Zeithorizont zur Zielerreichung maßgeblichen Bezugsrahmen als einen Pott Flüssigseife neben dem Küchenspülbecken, der dann, wenn nur eine Person in deinem Haushalt kocht und sich dort die Hände wäscht, vergleichsweise verbrauchsträge und langlebig ist. Clever wäre z.B. ein Schälchen Quark gewesen, das hat üblicherweise ein MHD von 7-14 Tagen, oder meinetwegen auch ein Glas Nutella, das ja gerade in Phasen seelischer Belastung zu extremer Kurzlebigkeit tendiert. Oder, wenn es denn unbedingt wieder Seife sein müsste, nimm ein kleines, aus irgendeinem Hotel mitgenommenes Handseifenstück, das schnell aufgebraucht ist.

3.) Falls 2.) auch zu nix führt (oder du dich kein zweites Mal an so einen abstrusen Pakt ranwagen möchtest), beschließe einfach, ein freundlicherer Mensch zu werden. Bei Paaren genügt es auch, wenn einer von beiden das tut. Und beschließe das besser heute als morgen. Denn wenn es dich erstmal an den Stadtrand verschlagen hat, wo es weder so idyllisch noch so ruhig noch so wohnlich noch so preiswert und auch nicht so verkehrsarm ist wie du’s dir erhofft hast in deinen naiven Träumen, und dich nicht mal ein Deal mit Flüssigseifenspendern aus den Klauen der Suburbia befreit, dann geht’s ans Eingemachte und du musst selbst ran. An dir arbeiten, dich ändern, dich anpassen, dich fordern, dich quälen, dich optimieren. Halt all das, womit sie dich in diesen durchgestylten Persönlichkeitsentwicklungsseminaren bombardieren, damit das Miteinander flutscht und du deinen Beitrag zum Human Capital leistest. Als Mensch, als Mitarbeiter oder eben auch als Mieter in München.