Zwischen Frotteeponchos und Pressefotos: Ein Neustart.

Nach nunmehr drei Freibadbesuchen – 1x bei Nieselregen, 1x bei Sonnenschein, 1x bei Starkregen – wird es Zeit für einen Lagebericht.

Fronleichnamstag 2020.
München, Postillonstraße, Ecke Homerstraße. 9:52 Uhr.

Der Parkplatz des Lieblingsbades ist gut gefüllt, man kann sich beinahe vom Auto aus in die Schlange der Wartenden einreihen, die bei 13 Grad und leichtem Nieselregen vor dem Schwimmbadeingang stehen.

Es ist der erste Besuch in meinem Ganzjahresfreibad seit drei Monaten, eine derart lange Pause gab es in den letzten 20 Jahren nicht.
Sogleich entdecke ich einige bekannte Gesichter, man grüßt einander übertrieben freudig, nach zwölfwöchiger Abstinenz verbindet einen heute scheinbar mehr als je zuvor.
Ansonsten: ein paar Feiertagsväter mit dem Filius (oder der Filia), etliche Hardcore-Schwimmer und ebenfalls einige Pandemie-Polsterträger. Keine Teenager, keine Rentner.
Und alle haben sie zwei Dinge in der Hand: ihre Maske und ihren QR-Code (auf Papier oder auf dem Handydisplay).

Es hätte vermutlich 10 bis 15 Minuten bis zum Eingang gedauert, hätte man ein Ticket gehabt, das erst ab 10 Uhr gültig ist (der Scanner kennt da keine Gnade und lässt niemanden auch nur eine Sekunde eher hinein).
Wie Sie ja wissen, hatte ich dank des schlecht getesteten und zu früh online gestellten Buchungsportals das Glück, das Bad für den gesamten Tag gekauft zu haben, weshalb ich auf den Ruf des Türstehers hin – „Hat irgendwer ein Ticket, das schon vor 10 Uhr gilt?“ – an der Warteschlange vorbeispazieren und in die heiligen Hallen eintreten konnte.

Ab Betreten des Gebäudes herrscht für ca. 25 Meter Maskenpflicht, auf dieser Wegstrecke liegt der Kassentresen, links und rechts der gekennzeichneten Laufzone stehen die altbekannten Bademeister Spalier. Man ist sichtlich gut vorbereitet auf den großen Ansturm.

Fröhliches Gegrüße auch hier, Bruce Willis, wie ich den Lieblingsbademeister zu nennen pflege, weist mir den Weg hinaus ins Freigelände. Auch dort dann idiotensichere Beschilderung, einmal rund ums ganze Gebäude bis hinter zu den Liegewiesen und Schwimmbecken, im Freien natürlich auch wieder unmaskiert.

Re-Opening in den ehemaligen olympischen Gewässern: Noch ist wenig los.

Nur noch ein kleiner Gebäudeteil ist jetzt zugänglich, der scheußlichste leider, muffige, beigegekachelte Schulsportanlagenatmsophäre der frühen 1980er Jahre. Wenn die Sonne nicht vom Himmel lacht, darf man sich hier maskiert und im Stehen umziehen sowie seinen Rucksack ablegen. Toiletten gibt es dort auch und alle fünf Minuten saust eine Reinigungskraft durch den Flur und wischt kurz zwischen den Halbnackerten und all den Rucksäcken durch. Charmant ist anders.

Weil es nieselt und ich noch etwas fremdle mit der neuen Schwimmsportnormalität, kleide ich mich drinnen um. Ohne Haken und Ablagen ist das gar nicht so einfach, nur gut, dass ich unter Jeans und T-Shirt bereits den Badeanzug anhabe und mich daher nur ausziehen muss.
Als ich mir das Shirt über den Kopf ziehe, rutscht der Befestigungsgummi der Maske von den Ohrwaschln und der schöne FCB-MNS verfängt sich in der Kleidung.

Hinter mir schnauft und stöhnt es.
Ich drehe mich um und sehe etwas, das ich zuletzt in meiner Grundschulzeit sah: einen potthässlichen Frottee-Poncho über einer jenen Umhang optisch nur graduell an Ästhetik übertreffenden Schwimmbadbesucherin.
Sofort musste ich an Herrn Spike, einen der unermüdlichsten Kommentatoren auf dem Kraulquappen-Blog denken, der mir bereits einige Tage vor der Freibaderöffnung zur Vorbereitung auf die neuen Hygienemaßnahmen (und einen möglichen Umgang damit) folgendes Filmchen zusandte:

Ja, liebe Leserinnen und Leser, auch das ist nun wieder Teil des Schwimmbadbesuchs! Der Frottee-Poncho ist wieder auferstanden, schlappe 30-40 Jahre nach seinem Ableben, wer, außer Corona oder Bill Gates, hätte das gedacht!

Und überhaupt muss man sich gehörig umstellen, was jetzt im Freibad so alles geboten ist und wird.
Die Bahnen sind anders unterteilt, die Schwimmrichtung ist neu geregelt (zumindest theoretisch, denn praktisch haut das noch überhaupt nicht hin), Rückenschwimmer haben keine eigene Bahn mehr, Sportschwimmer nur noch eine. Guckt man den Schwimmern zu, sieht man allerhand Unsicherheiten und seltsame Überholvorgänge. Ich beobachte die paar Erstschwimmer eine Weile, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen, welche Bahn wohl für mich die beste sein könnte und wage mich in die, in der eine bekannte Badekappe beim Butterfly zu sehen ist – den kenn ich, der passt auf, der kann auch kontaktlos überholen.

Schnell noch eine Sekunden-Berieselung unter der eiskalten Außendusche (freilich hatte ich bereits morgens daheim geduscht – nicht, dass Sie denken…!) und dann geht es unter dem kritischen Blick dreier Bademeister zum Beckenrand.

Flossen an, Brille auf – und ab ins Wasser!

Foto: Catherina Hess.

Ungewohnt ist es.
Ich spüre die lange Pause, aber ebenso spüre ich das Glück des Endlich-wieder-Schwimmen-Könnens.
Nach zwei Bahnen muss ich die Brille justieren. Alles scheint ausgeleiert zu sein, nach drei Monaten Pandemie. Oder ist mein Kopf geschrumpft?

Eine Frau kniet sich hinunter zum Beckenrand, spricht mich an, stellt sich als Pressefotografin vor und fragt, ob sie mich vielleicht fotografieren dürfe. Klar, wieso nicht?
Sie ist erleichtert, weil außer mir bislang nur der Butterfly-Typ sein Einverständnis gab und sonst aber niemand abgelichtet werden will. Nun denn, ich schwimme weiter und sie knipst. Alle paar Bahnen stellt sie Fragen (wie oft schwimmen Sie üblicherweise? wie weit? welchen Stil? warum überhaupt? wie ging’s Ihnen so in den letzten Wochen? und wie isses nun?) und bevor ich mich dann zum ungestörten Weiterschwimmen verabschiede, lädt sie mich im Namen ihres Redakteurs noch auf ein Interview bei den Stadiontreppen ein.
Eine Dreiviertelstunde später – es hat zwischenzeitlich aufgehört zu nieseln und das Schwimmbecken hat seine zulässige Kapazität an Besuchern erreicht – klettere ich aus dem Wasser und begebe mich tropfend zu dem Journalisten, der dann eine Viertelstunde lang alles Mögliche fragt und notiert.

Am Tag drauf liest man sich dann zum Frühstück in der Tageszeitung , die man vor lauter Neugier etwas früher als sonst von der Fußmatte gepickt hat, und staunt ein wenig, dass ausgerechnet der Schenkelsatz zitiert wurde (und sonst nichts) und auch keines der hochdynamischen und -motivierten Fotos, die Mr. Butterfly oder mich beim Kraulen zeigen, verwendet wurde – stattdessen die Startblocks vom Sommerbecken und das Hilfsgeraffel am Beckenrand. Auch die Infos rund um die neuen Baderegeln sind nicht sauber recherchiert oder wiedergegeben. Nun ja.

Trotzdem war’s ein besonderer Tag und ein schönes erstes Mal. Und beim zweiten Mal schien sogar die Sonne!

Vom dritten Mal (heute) bei Starkregen und 11 Grad wollen wir lieber nicht reden, immerhin herrschte gähnende Leere im Becken und im beigegefliesten Flur war kein einziger Frottee-Poncho zu sehen.

Foto: Catherina Hess.

Himmel der Bayern (78): Luv & the bright bavarian sun.

Die Samstagsluft vor der Haustür ist wieder rein.
Nachdem die Veranstalter der Corona-Demos auf der Theresienwiese vergangenen Samstag ihren Protest aus Protest abgesagt hatten und Klage beim Bundesverfassungsgericht einreichten, haben sie sich diesen Samstag aus Provaktion auf den Königsplatz verlagert und gehofft, dass genauso viele Teilnehmer kämen wie zu der Anti-Rassismus-Demo, die vor einer Woche dort stattfand.

Nämlich 25.000 statt der angemeldeten 200, was natürlich für derzeitige Verhältnisse und den dort vorhandenen Raum viel zu viel war, und der Münchner Polizei, die sich aus recht nachvollziehbaren Gründen gegen eine Auflösung/Räumung entschied, von mancher Seite Kritik einbrachte, aber für die Initiatoren der Corona-Demo ein gefundenes Fressen war: „Hier wird mit zweierlei Maß gemessen!“ tobten sie, indem sie den Sachverhalt zu „(…) dort waren 25.000 erlaubt, aber uns kürzt man Woche für Woche die 10.000, die wir anmelden, auf 1.000 zusammen!“ verdrehten, was völliger Schmarrn ist, da ja auf dem Königsplatz nur 200 angemeldet und erlaubt waren, von einer Erlaubnis, dass 25.000 da eng gedrängt herumstanden, kann also keine Rede sein, aber Logik ist des verschworenen Geistes Sache nicht und so wurde halt wieder herumgestänkert, dass man auch daran sehen könne, dass wir längst in einem totalitären Staat leben würden.
Nebenbei: Es kamen dann heute nur 500 statt der erlaubten 1.000. Recht so. Einen Trend zur Vernunft wage ich daraus nicht abzulesen, und leider noch nicht mal eine Hoffnung auf einen solchen.

Jedenfalls ist vor der Haustür endlich wieder ein relativer Samstagnachmittagsfrieden zurückgekehrt und damit auch die Gelegenheit, auf einer der Bänke sitzend die letzten Sonnenstrahlen vor den bevorstehenden Regentagen aufzusaugen und dazu die bernsteinfarbende Feierabendfreude zu genießen. Wärmende Rituale.

Heute ist es die Bank mit dem Messingschild geworden, weil hier die allergrößte Ruhe herrscht (die Spielplätze haben ja längst wieder geöffnet, aber keiner fühlte sich bemüßigt, die Geräte nach deren Coronapause zu ölen, und seither ist der Geräuschpegel in Spielplatznähe deutlich nerviger als sonst).

Die Bank mit dem Messingschild steht in der Nähe eines nicht quietschenden Drehtellers, auf dem ein ebenfalls nicht quietschendes Kind steht und von seiner Mutter ein bisschen angeschoben wird (einer der gar nicht so seltenen Fälle übrigens, in denen die Mutter lauter ist als das Kind, weil sie abwechselnd ihr Kind fürs Einfach-so-Dastehen bejubelt und in ihr Smartphone wichtige Dinge wie „Du musst die Erbsen auftauen, das hab ich dir doch vorhin schon gesagt!“ plärrt).

„HEY LUV, MAY THE SUN SHINE BRIGHT ON YOU.“ hat jemand für eine Frau, die ich hier bislang noch nie antraf, auf das golden schimmernde Metallplättchen gravieren lassen.

Ich liebe diese Schilder auf Parkbanklehnen (ich fotografiere sie auch und ich sammle diese Bilder sorgsam), und noch mehr die Geschichten dahinter, die man nie erfahren wird und die man sich also nach Belieben ausdenken kann.

An einem Monatsdreizehnten erscheint es mir einigermaßen passend, mal wieder den Wunsch nach solch einem Messingschild für „meine“ Feierabendbierbank kundzutun.
Einen Satz, einen Vers – eine Strophe gar? – wünschte ich mir, aus einem der Lieblingslieder, möglichst persönlich und parkbankpassend, versteht sich, und natürlich so, dass es allen anderen Banksitzern rätselhaft genug bleibt, um sich ihrerseits Geschichten dazu auszudenken.

Seit zwei Jahren bin ich leider nicht in der Lage, mich auf eine Wunsch-Inschrift festzulegen, also ist’s wohl besser, das zu delegieren. Die alleinige Verantwortung für die Schwarzschraubung übernähme ich freilich, denn wenn man das Anschrauben offiziell beim Gartenbauamt beantragen bzw. anmelden täte, kostete das weit mehr als das Schild selbst (außer vielleicht, es stünde der gesamte Text von „Backstreets“ drauf, aber dann hätte man eh ein ganz anderes Platz- und Montageproblem), das habe ich letzten Sommer bereits recherchiert, als ich mal lange auf derselben Bank saß, auf der auch Luv einst in die Sonne blinzelte.

Instinktiv davon ausgehend, dass es sich bei Luv um eine Frau handelt, stelle ich sie mir mit rotblondem Pagenschnitt und einem grünem Shirt mit bunten Kringeln drauf vor, etwa Anfang 40, knappe 1,60m groß, Gauloises rauchend und in einem zerschlissenen Bändchen Kurzgeschichten von Proust lesend.

Luv hat eine schwedische Mutter aus der Provinz Kalmar und einen Vater aus dem Münsterland, die sich in Dänemark kennenlernten, als Luvs Mutter dort in den Ferien als Kellnerin jobbte und Luvs Vater ein Auslandssemester in Kopenhagen absolvierte.
Lars, der jüngere Bruder von Luv, ist nach der Scheidung der Eltern mit Luvs Mutter zurück nach Schweden gezogen, Luv hingegen blieb in Beckum bei ihrem Vater, der leider viel zu früh einem Pankreaskarzinom zum Opfer fiel.
Nach einem Studium der Literaturwissenschaften verschlug es Luv schließlich nach München, wo sie ein Volontariat bei Burda begann, das sie weit vor Abschluss wegen einer überraschend eingetretenen Schwangerschaft hinschmiss, nicht ahnend, dass ihr nur ein paar Monate später eine Fehlgeburt, eine Trennung und eine Wohnungskündigung wegen Eigenbedarfs bevorstehen würden.

Die zierliche Luv aber kämpfte sich tapfer durch diese Zeit der Schicksalsschläge hindurch, fand bei einer Bekannten Unterschlupf, die – ebenfalls nach einer Trennung – gerade ein Zimmer in ihrer Wohnung zu vermieten hatte und bekam nach einigem Bemühen eine Teilzeitstelle bei einem kleinen Verlag in Schwabing, verliebte sich dort in einen Illustrator namens Oskar und zog bald zu ihm in seine kleine Dachgeschosswohnung in der Beethovenstraße.
Da die Dachterrasse der Wohnung gen Osten ausgerichtet war und Luv ihre Feierabendzigarette aber gern in der Abendsonne rauchte, schnappte sie sich gelegentlich ein Buch, ging hinunter auf die Theresienwiese und suchte sich dort eine freie Parkbank, auf der sie in Ruhe und mit der Sonne im Gesicht rauchen und lesen konnte.

Zum 40. Geburtstag schenkte Oskar ihr das kleine Messingtäfelchen mit der Inschrift, über der er sehr lange gebrütet hatte, weil er wusste, wie wichtig seiner Luv die Wahl der richtigen Worte war. Nach Luvs Dafürhalten hatte er aber nicht lange genug gebrütet, denn das erste Wort der Gravur, das auf ihre schwedischen Wurzeln gemünzt sein sollte, war leider zu einem „Hey“ verunglückt, statt ein schwedisches „Hej“ zu werden, und da half es auch nichts, dass Oskar standhaft behauptete, dass der Garveur sich verlesen haben musste und es auf seinem Zettel, den er im Geschäft ließ, sehr wohl korrekt notiert gewesen sei.
Aber hey, wen stört das heute noch, nun, da Luv und Oskar schon vor etlichen Jahren die schöne Wohnung in der Beethovenstraße aufgeben mussten, weil der kleine Schwabinger Verlag, in dem beide ihren Lebensunterhalt verdienten, von einem größeren Berliner Verlag aufgekauft worden war und den wenigen Mitarbeitern, die übernommen wurden, die Fortsetzung ihrer Beschäftigungsverhältnisse ausschließlich in Berlin angeboten werden konnten.

Damals, in dem Sommer als Luv 40 wurde und jenes Messingschild von Oskar bekam, stellten sie sich die beiden eines Nachts – ein paar Tage nach Luvs Geburtstag – den Wecker auf 3 Uhr, schlüpften in ihre Klamotten, schlichen sich hinunter zu Luvs Bank und schraubten heimlich im milden Schein des Mondlichts den Sonnenspruch ans grüne Holz und saßen eine Weile gemeinsam dort.
In stiller Eintracht lehnten sie aneinander, bis es Oskar nicht mehr gelang, sein Gähnen zu unterdrücken und Luv alle paar Sekunden nach einer Stechmücke schlug, die sich auf ihrem Unterarm niederlassen wollte.

(Eigentlich wollte ich Ihnen heute von gestern erzählen (Ausflug ins Tölzer Land mit Vortesten des Geburtstagsfeierortes) und auch von vorgestern (Freibaderöffnungserstbesuch), es hat sich jetzt halt bankbedingt anders ergeben und es eilt ja auch nicht.)

Zum Feste der leiblichen Gegenwart…

…empfehle ich Ihnen diese ebenso weltliche wie weise elfminütige Lesung von einem, den ich ausgesprochen schätze, was auch für seinen Heimatort und den dazugehörigen Biergarten mit Seeblick und Unertl-Weiße gilt.

„Das Leben muss bis zum Tod hin gelebt werden können, sonst kann der Tod nicht gestorben werden.“

Den vollen Genuss bieten nur die vollen 11 Minuten und 12 Sekunden, aber wenn’s denn unbedingt die Instant-Version sein muss, weil sie gerade fronleichnamsprozessieren oder sonstwo herummarschieren an diesem Feiertag, dann hören Sie sich in Gottes Namen erstmal nur den Epilog an (ab 8:54).

Für heute will ich’s dabei belassen, der erste Schwimmausflug – so wunderbar er auch war, und so leiblich ich mich durch ihn auch endlich wieder in der Gegenwart verankern konnte – steckt mir noch ein wenig in den Oberarmmuskeln.

Genauere Berichterstattung folgt, sobald ich von der lokalen Pressefotografin das Bildmaterial erhalten habe und sofern ich darauf halbwegs chlorreich aussehe bei meinen ersten Schwimmzügen nach fast drei Monaten.

Scherz! Oder nicht?
Warten Sie’s ab.

Kaufen Sie ein Bad!

Wie Sie ja vielleicht eh schon an dem aktualisierten Dive-In-Day-Countdown auf der Startseite meines Blogs gesehen haben: Das große Re-Opening des Lieblingsbades wurde nochmal um drei Tage verschoben.
Auf Fronleichnam, d.h. auf Donnerstag, den 11. Juni.

Als Grund wurde das Wetter vorgeschoben: von Montag bis Mittwoch sei es im schönen Bayernland leider zu regnerisch, deshalb eröffne man nun lieber erst drei Tage später. Hä?
Alles Mumpitz!
Der wahre Grund, Sie ahnen es eh: Bill Gates, der ja bekanntlich das Wetter unter Kontrolle hat, konnte Markus Söder, der ja bekanntlich Bayern unter Kontrolle hat, nicht rechtzeitig eine geeignete Software zuspielen, die dem schwimmenden Bayernvolke die Online-Reservierung seiner Schwimmbadeintritte erlaubt hätte.

Weil das aber niemand so offen zugeben wollte, schon gar nicht Markus Söder, der ja gerade einen sensationellen Lauf hat (um nicht zu sagen: das Momentum seiner Karriere) und sich das durch keinerlei Schlingern oder Stolpern verhunzen will, schon gar nicht durch etwas so Überflüssiges wie der popligen Freibadsaison im Freistaate, hat Bill kurzerhand seinem Kumpel Markus ein Tief nach Süddeutschland geschickt, das es den Bäderbetrieben ermöglicht hat, die abermals vertagte Wiedereröffnung der Schwimmbäder auf das schlechte Wetter zu schieben.
Speziell im Falle meines Lieblingsbades ist das allerdings ein ausgesprochen schwaches Argument, da das Bad, das ja ein Ganzjahresfreibad ist, seine Pforten in den letzten 20 Jahren kein einziges Mal wegen einer meteorologischen Lächerlichkeit wie „13 Grad & leichte Schauerneigung“ geschlossen hatte.
Das neue Online-Reservierungssystem wurde von den Stadtwerken also für den morgigen Mittwoch, für den Bill Gates der Deutsche Wetterdienst 15 Grad vorhergesagt hat, angekündigt.

Weil ich dem Braten nicht traue und mich in den vergangenen 10 Tagen eh längst dran gewöhnt habe, dreimal täglich auf die entsprechende Seite der Stadtwerke, auf der die News zu den Münchner Bädern veröffentlicht werden, zu gucken, staune ich heute Morgen nicht schlecht, als ich das bereits am heutigen Dienstag freigeschaltete Buchungssystem entdecke.
Sakkradi, da san’s aba flott gwen, die Diwellopper aus Minga!

Ganze Arbeit, das muss man der IT-Abteilung der SWM wirklich lassen!
Und so anwenderfreundlich gestaltet und erklärt! Da haben die echt gut dran getan, dass sie die Regentage noch für letzte Testdurchläufe und Feinschliff an der Anwendung genutzt haben, anstatt das Ding halbfertig auf den Kunden loszulassen, wie das ja leider viel zu oft passiert. Vorbildlich!

Ich zögere keine Sekunde und kaufe sofort das gesamte Bad.
Natürlich nicht für einen alten Tag, sondern für einen neuen, denn das will ich mir nach den drei echt harten Monaten fern der chlorreichen Fluten schon gönnen!

Zwar muss man bei der Reservierung zwingend ein Zeitfenster (im User-Guide „Terminnummer“ genannt) eingeben, aber bei der finalen Bestätigung, die einem das System per Mail zukommen lässt, nachdem man den Buchungsvorgang nur schlappe 3x in Folge abzuschließen versucht hat, ist keine Rede mehr von dem zuvor ausgewählten Zeitfenster, sondern es wird einem – wie ja auch schon im Guide angekündigt – der Kauf des gesamten Bades bestätigt.

Für 15,5 Stunden habe ich übermorgen Zugang – und das für lächerliche 4,50€, da kann man nu wirklich nicht meckern.
Mit zwei bis drei Pipipausen (die WCs haben ja – im Unterschied zu Duschen und Umkleiden – geöffnet) und den Umziehzeiten bringe ich es da locker auf 26 Kilometer, womit in einem Rutsch ca. fünfeinhalb verpasste Schwimmwochen nachgeholt wären, und wenn ich das 3x so praktiziere, was kein Problem sein sollte, da ich das Bad ja nun gekauft habe, hab ich die Pandemie-Pause streckenmäßig und muskulär locker wieder reingeholt.

Kurz nachdem ich meinen ersten QR-Code erhalten habe, ist der Link zum Online-Buchungssystem plötzlich verschwunden. Das stelle ich nur deshalb fest, weil ich mir als frischgebackene Badeigentümerin gleich noch den zweiten Tag reservieren wollte, die wollen sich dort ja schließlich auf meine Besuche einstellen.
Das gibt es doch nicht!
Das Reservierungssystem ist wie vom Erdboden verschluckt!
Ich überprüfe das parallel zur enervierenden Arbeit an der Steuererklärung im Laufe des Vormittags noch mehrfach – aber Tatsache: der Link taucht nicht mehr auf, bis jetzt nicht.

Daraus folgere ich messerscharf, dass das mit dem Kauf des Bades nicht der Hauch von Kundenverarsche war, sondern ich am Donnerstag die einzige Besucherin in meinem (!) frisch rausgeputzten und endlich wiedereröffneten Freibad sein werde.
Dass die Umkleiden zu sind, kann mir dann ja auch wurscht sein.
Traumhaft! Social distancing vom Feinsten!

Mein Tipp für Sie: Falls morgen Früh dann das Schyrenbad, das Prinze und die Georgenschwaige zum Verkauf stehen, womit zu rechnen ist, da der Launch für das Buchungsportal ja offiziell für Mittwoch angekündigt war, seien Sie fix und sichern Sie sich mit nur wenigen Mausklicks diese sensationellen Schnäppchen.

Und wenn Sie das Schyrenbad erwerben sollten, geben Sie doch bitte unbedingt Bescheid.
Denn dann könnten wir mal tauschen: Sie für einen Tag in mein Dantebad, ich in Ihr Schyrenbad.
Ein bisschen Abwechslung schadet ja nicht bei diesen 15-stündigen Schwimmmarathons.

Awesome! oder: Das Wort ist seinem Wesen nach eine Übertreibung.

Aus: Wolf Schneider, „Wörter machen Leute. Magie und Macht der Sprache.“ (Vorwort)

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Huch!? Eine Nominierung!? Awesome Blogger Award? Nie gehört! – so meine Spontanreaktion, als ich von der Nominierung Wind bekam.

Offen gestanden bin ich kein Freund von Blog-Paraden/-Aktionen und dem ganzen Award-Gedöns in der Community. Schon zu Schulzeiten waren mir diese Kettenbriefe verhasst, denn solche Aufforderungen fühlten sich für mich nie nach Gemeinschaft und Kreativität an, sondern nach nutzlosem Sozialgeplemper und Aufblähung irgendeines bedeutungslosen Geseieres.
Wie die Windpocken wurden diese Briefchen damals quer durch die Schule verteilt – bis auch wirklich jeder was von den pennälerhaften Pusteln dieser Prosa-Pest abbekommen hatte.

Aber mittlerweile, mit bald 48 Lenzen und 6 Bloggerjahren auf dem Buckel, geziemt es sich, solche Einladungen und Nominierungen nicht sofort oder pauschal oder aufgrund präpubertärer Aversionen abzulehen, sondern erstmal genau hinzusehen, wer da was von einem will und um was es da konkret geht – ggf. kann man dann ja immer noch „Nein, danke“ sagen.

So bin ich beispielsweise vor einigen Jahren voller Freude Andreas Aufruf zu ihrer Blog-Parade mit dem Thema „Heimatorte“ gefolgt und habe mich auch in der letztjährigen Adventszeit sehr gern am munteren Rauhnachtsreigen der Graugans beteiligt.

Und heute möchte ich ebenso gern die Fragen, die mir Maren im Rahmen des Awesome Blogger Awards gestellt hat, beantworten.
Weil ich Marens bunt bebilderten und wortgewandten Blog „Von Orten und Menschen“ schon lange mit Freude und Interesse verfolge, weil mir ihre Antworten auf die zehn Fragen, die ihr gestellt wurden, gefallen (besonders Nr. 2, 5 und 8)- und weil mir zu den fünf Fragen, die sie sich für ihre fünf Nominierten überlegt hat, sofort etwas einfiel.

In diesem Sinne: Vielen Dank, Maren, für die Nominierung und das willkommene Rausreißen aus dem trostlosen Sumpf der Steuererklärung 2019 sowie aus der unerquicklichen Jagd nach mittlerweile mehreren, in unserem Bad lebenden Staublauspopulationen, beides ja Beschäftigungen, die einen an so einem grauen und verregneten Tag, an dem man leider nicht länger nach draußen flüchten kann, dem Wahnsinn (im Sinne einer Nervenkostümzerrüttung) ein Stück näher bringen als man ihm gelegentlich eh schon ist.

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Hier Marens Fragen und meine Antworten:

(1) Was bedeutet dir das Bloggen?
Mein Blog ist für mich Spielwiese, Ventil, Notizbuch, Therapeutikum, Jukebox, Laufzettel, Sprachschreinerei, Dackologie, Laboratorium, Resonanzraum, Insomnieüberbrücker, Diskussionsforum, Kalenderersatz, Visionsflipchart, Fotoalbum, Klarheitskatalysator, Gummizelle für Gemütszustände aller Art und Unart.

(2) Wenn dein bisheriges Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es?
The private lives of Pippa & me.
(ebenfalls mit Keanu Reeves in einer Nebenrolle, allerdings ohne dieses abtörnende Jesus-Tattoo auf der Brust)

(3) An welchen Ort würdest du gern noch einmal zurückkehren?
Auf den Gipfel des Schlern, einen der schönsten Berge, auf denen ich je stand.
Alternativ täte es auch das Plateau rund um die Lizumer Hütte oder der Kleine Bettelwurf.

(4) Wann hast du zum letzten Mal etwas Neues über dich erfahren? Was war das?
Neulich die jähe Erkenntnis, dass ich erstaunlicherweise (und auch so plötzlich!) nun tatsächlich nicht mehr ganz so jung bin. Und dass ich damit nicht überhaupt so rein gar kein Problem habe, wie ich es mir bis dahin immer unterstellt hätte. (Das Wann dieser Neuigkeit fiel zeitlich übrigens verdächtig in die Nähe jenes Tages, an dem ich mein erstes Hühnerauge entdeckte – welch Insigne des Omatums!)

(5) Gibt es etwas, das du immer tun wolltest, aber bisher nie getan hast?
Klar, da gibt es Einiges! Manches verwehrte oder versaute mir das Schicksal, manches hab ich selbst verbaselt, manches wird vielleicht oder hoffentlich noch kommen.
Vom hier Verratbaren sei genannt: Kurzgeschichtensammlung veröffentlichen, Rock’n’Roll-Tanzen lernen, vom Westufer zum Ostufer des Starnberger Sees schwimmen, auf einem Akkordeon spielen können, live on stage ein Duett mit Springsteen (oder einem seiner Nachfolger) singen und eine mehrwöchige (!) Sommerfrische alleine (!) in Altaussee mit Denken, Schreiben, Musikhören, Bergsteigen, Schwimmen, Knödelessen und Geradeausgucken verbringen.

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Wie geht’s weiter mit dem Awesome Blogger Award?

Die ursprünglichen Regeln für die Awardteilnahme lauteten:

– Danke der Person, die dich nominiert hat.
– Kennzeichne den Beitrag mit #awesomebloggeraward.
– Beantworte die Fragen, die dir gestellt wurden.
– Nominiere mindestens 5 Blogger und informiere diese über ihre Nominierung.
– Gib ihnen 10 neue Fragen zur Beantwortung.

Da auch Maren sich schon erlaubt hat, davon abzuweichen, weil solche Regeln ja schließlich keine unumstößlichen Gesetze sind, möchte ich noch einen drauf setzen und das alles nochmals verkürzen, da ich andernfalls nicht guten Gewissens „das Stöckchen weiterwerfen“ könnte (wie man im Blogawardjargon wohl zu sagen pflegt, wenn man, seinerseits frisch award-infiziert, beschlossen hat, auch noch andere anzustecken).

Ich möchte drei Bloggerinnen nominieren, ihnen drei Fragen stellen und auch nur drei Regeln vorgeben, die da wären:

1. Ihr braucht mir keinesfalls für die Nominierung danken, dürft aber gern auf meinen Blog verlinken, wenn euch danach ist.

2. Kennzeichnet euren Beitrag bitte mit #awesomebloggeraward, damit – wenn schon nicht in der Welt da draußen – wenigstens hier in WordPress alles seine Ordnung hat.

3. Wenn ihr euch beteiligen und meine drei Fragen beantworten wollt, dann überlegt euch doch, ob auch ihr weitere Blogger/innen nominieren möchtet, und wenn ja, dann mal los – mit wie vielen Fragen und Regeln auch immer!

 

Für den Awesome Blogger Award nominiere ich…

 

  • Andrea vom Blog anwolf.blog – unterwegs auch mit Hund
    Was gibt es dort zu entdecken? => Geschichten übers Gehen & Ankommen, übers Suchen & Finden, übers Draußenunterwegssein & Daheimbleibenkönnen sowie fantastische Fotos, die all diese Abenteuer begleiten, genau wie Bobby, dem schönsten aller Harzer Wanderkaiser.

 

  • Birgit vom Blog Nix als Töppe – TonTöppe
    Was gibt es dort zu entdecken? => Tolles aus Ton, von Elefanten über Vogelhäuschen, Adventskränze, Karaffen und Weinkelche bis hin zu kompletten, edlen Geschirrserien für Studenten-WGs oder Professorenhaushalte, rundum kunstvoll modelliert und stilvoll bemalt.

 

  • Silvia vom Blog Die Springerin – Immer auf dem Schattensprung
    Was gibt es dort zu entdecken? => Bildsprache & Sprachbilder, wunderbare Impressionen aus Wien & der Welt, gemütvolle Musik & musikalische Gemütsskizzen, festgehalten von einem fühlenden Herz und einem wachen Auge auf dem Sprung von hier nach dort.

 

… und würde mich sehr über die Beteiligung der drei geschätzten Blogkolleginnen freuen, bin aber auch nicht beleidigt, wenn sie lieber awardlos durch das Harzer Wasserregal plantschen, die brandenburgische Töpferwerkstatt aufräumen oder mit Hinkebein & Kamera durch die Gassen meiner zweitliebsten Stadt spazieren möchten.

 

Was ich gern von Euch wüsste:

(1) Wenn dein Blog nicht längst unter seinem Namen bekannt/etabliert wäre und du den Titel nochmal neu wählen könntest: Wie würde er lauten, und warum?

(2) Welches war das prägendste/einschneidenste Erlebnis, das du im Umfeld/Kontext deines bisherigen Bloggerlebens hattest?

(3) Welche drei Songs sind unauslöschlicher Bestandteil des Soundtracks deines Lebens, und weshalb?

 

Noch einen schönen Ausklang des Wochenendes & herzliche Grüße aus München –
Eure Kraulquappe

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Die „neue Normalität“ hat auch ein paar Vorteile…

…zum Beispiel können Sie jetzt an einem sonnigen Mittwochnachmittag (sogar mitten in der Ferienzeit) völlig entspannt und ohne den Schweiß oder Atem anderer Gäste auch nur wahrzunehmen, auf der Sonnenterrasse der Neureuth sitzen, wenn Sie erst am späteren Mittag in Gmund losgehen (wochentags leert sich der Wanderparkplatz da bereits wieder).

Bis Sie oben sind, ist der Großteil der Touristen und Tagesausflügler schon wieder auf dem Weg ins Tal und mit all den Abständen zwischen den Biertischen wirkt die Terrasse dann vergleichsweise leer, was man ja von der Neureuth-Hütte schlicht nicht kennt.

Sogar das sonst oft so lästige, weil lange Anstehen fürs Gehopfte entfällt nun, weil die „neue Normalität“ einen Service am Tisch vorsieht, was hier heroben ebenfalls eine immense Verbesserung ist.

Und überhaupt hat man als Einzelperson mit Dackelfräulein an so einem Tisch sitzend nicht mehr das Problem, dass man drauf achten müsste, dass die Tischnachbarn nicht aus Versehen auf den dösenden Hund treten, während man sich das Getränk holt oder zur Toilette geht, weil man ja nur noch mit maximal einem Haushalt bzw. ein paar Kumpels den Tisch teilen muss.

Ebenfalls klasse ist, dass sich der Rekordmeister-Mundschutz spontan umfunktionieren lässt zu einem schicken After-Mountain-Lake-Jump-Suit.

Weil man ja jetzt in jedem Rucksack so ein Fetzchen mitführt, ist der Ad-hoc-Bikini aus zwei Teilen schnell zusammengebastelt, die neidischen Blicke der Uferkiesel sind einem sicher und verfolgen einen, bis man gänzlich ins Wasser eingetaucht ist!

Jetzt noch auf ein Feierabendbier zum Papa in den Garten, dort sitzen, bis die Sonne hinter dem Wallberg versinkt (und der Wetterbericht Recht bekommt) und danach durch die Regennacht zurück nach München.

Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

Song des Tages (55).

Es müsste eigentlich „Song von gestern“ heißen, aber wie klänge das denn?!

Zumal die Musik von gestern ja auch heute wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem CD-Player ertönen wird, wenigstens für zehn Minuten oder wie lange es halt dauert, zum Wertstoffhof zu fahren, den man nun wieder kennzeichenunabhängig an allen Wochentagen aufsuchen darf, falls es mir zuvor gelingt, trotz des kleinen Muskelkaters und einer gewissen Ganzkörpermüdigkeit vom gestrigen Ausfliegen ins sonnige Oberland die paar auszusortierenden Trümmer aus dem Keller hochzuschleppen und in den Kombi zu verfrachten, was eine gute und auch überfällige Sache wäre, die ich nun zweieinhalb Monate lang vermieden habe, weil ja ständig in der Tagespresse zu lesen war, dass gerade coronabedingt ganz München seine Keller ausmistet, was zu regelrechten Staus vor den Entsorgungsstätten führte (absurde Geschichten: manch ein Münchner fuhr schon um 8 Uhr vors Tor und wartete dort schlappe 2 Stunden, um zur Öffnung um 10 Uhr der Erste zu sein, der dann staufrei seinen Sperrmüll abliefert – fast schon bewundernswert, dieser Langmut und diese Disziplin), aller Voraussicht nach dürften die Keller nun leer und die Schlangen wieder kürzer sein, auch unabhängig von dieser Entsorgungsfahrt heute großer Schreibtisch- und Werkeltag in der Wohnung, ideal, denn draußen eher grau, kühl und regnerisch.

Gestern milde Temperaturen, Sonne satt und kein Wölkchen am Bayernhimmel, allein die Fahrt hinaus schon ein solcher Genuss, potenziert noch durch eine der CDs, die ein Freund dieser Tage im weltschönsten, weil dackelsilhouettenselbstbemalten Kuvert geschickt hatte, beim Anhören wieder nah am Wasser gewesen (dem körpereigenen Salzwasser), dann mit Dauergänsehaut über die Autobahn (die A95 ist ja ab Seeshaupt wie das Blättern in einem Hochglanz-Bayern-Bildband, erst recht an so einem Bilderbuchtag), dazu diese unerwartet glasklare Springsteen-Stimme von 1990 (als sein Organ eigentlich noch nicht die Tiefe und Reife hatte, die es in späteren Jahren zunehmend erreichte) und so schöne Versionen mancher Lieblingslieder (allein die Betonung einzelner Worte oder plötzliche Pausen an Stellen, an denen er sonst nie innehält oder einfach mal Klavier spielt statt Gitarre), dass das in Summe fast schwer zu ertragen war und mich bereits in emotional recht aufgeweichter Verfassung den Kochelsee erreichen ließ.

Am Zielort wartete schon der hübsch Bewimperte mit seiner federleichten Gefährtin, allmählich nervt das Umarmungsverbot wirklich kolossal, vor allem wenn man dann noch zugucken darf, wie die beiden Hundefräuleins sich total distanzlos und liebevoll aufeinander stürzen und später, auf einem Vorgipfel aus einem Napf trinken und sich dann erschöpft nebeneinander ins halbschattige Gras kuscheln und ein kleines Nickerchen machen.

Nicht dass ich mit dem hübsch Bewimperten kuscheln müsste, aber ein bisschen mehr Tuchfühlung wäre manchmal schon stimmiger als immer diese zwei Meter breiten Abstände – so viel Platz ist auf manchen Gipfelwiesen ja gar nicht.

Umso näher dafür die Gespräche, die wir führen, und auch schweigend baden wir in Glück an diesem Tag, weil wir uns so freuen, dass wir am Berg ähnliche Steige bevorzugen und dasselbe Tempo haben, und beim Gipfelbier, das der hübsch Bewimperte für uns aus seinem Rucksack holt, erzählt er mir von einem Hundehotel in Tirol und den dortigen Wiedereröffnungsangeboten und fragt, ob wir da nicht mal zusammen hinreisen wollen mit unseren beiden Hundemädels, und ich freu mich über diesen Vorschlag und willige ganz spontan ein, obwohl ich ja sonst übervorsichtig bin, was das Verreisen mit anderen Menschen betrifft, weil ich a) nicht allzu unkompliziert und b) auch nicht allzu kompromissbereit bin beim reisenden Unterwegssein, weshalb das für mich nur mit manchen entspannt machbar ist, denn es soll sich ja niemand meinetwegen verbiegen müssen (und ich bin eh nur schwer verbiegbar, genau das ist ja das Problem).

Die heißgelaufenen Füße anschließend in den See getunkt, zu kalt noch, um drin zu schwimmen, die Bergluft und die Sonne ausgekostet, bis letztere im See versank, anschließend wieder mit einer der „Springsteen, L.A., Shrine Auditorium, 1990“-CDs im Ohr gemütlich heimwärts gefahren, ein so reicher Tag, innen wie außen.

Tiefe Dankbarkeit, große Zufriedenheit, schwere Beine, wohligwarme Badewanne und schließlich Seit‘ an Seit‘ mit dem Dackelfräulein, das sich in ganz ähnlichem Zustand zu befinden schien, ins Reich der Träume verabschiedet.

Als ich die Augen schließe kurz der Gedanke: Wozu eigentlich in Urlaub fahren, wenn ab und an so ein Tag drin ist?

Like a window in your heart.

Drei Tage hab ich gebraucht.

Drei Tage, um den Deckel des Kartons, den mir der Papa am Abend des Vatertagsbesuchs mitgegeben hatte, ein zweites Mal zu lupfen, vorsichtig in das Innere der Kiste zu greifen, erneut eine Handjedervoll Fotos herauszunehmen und sie zu betrachten.

Der Erstversuch mündete nach wenigen Sekunden in einen Sturzbach aus Tränen. Nur ein einziges Foto hatte ich am Freitag einer dieser typischen 70er Jahre Agfa-Fototaschen, derer ungefähr 8 bis 10 in dem Karton schlummern, entnommen:

Und dieses eine Bild, das riss mich dermaßen…
Der Papa und ich bei einer Bergtour, in uralten Zeiten, er noch so schlank und ich vermutlich noch so quengelig, seine Frisur, sein kariertes Hemd und überhaupt: diese Klamotten!, und mein roter Kinderrucksack, den ich völlig vergessen hatte!

Wie ich mich da an ihn klammere, und wie er so dasteht mit der kleinen Tochter, also mit mir, und wie mir in diesem (im wahrsten Wortsinne:) Augen-blick letzte Woche am Freitagmorgen so schlagartig bewusst wird, wieso ich heute so bin wie ich bin (bzw. zumindest ein großer Teil von mir genau so ist wie er eben ist). Quasi ein Donnerschlag der Bewusstwerdung, den dieses eine Bild auslöste.

Und was ich nicht alles von ihm habe, was er mir nicht alles vermittelt und mitgegeben hat. Wie er sich bemüht und abgestrampelt hat, um nicht nur beruflich seine Sache so gut wie möglich zu machen, sondern auch als Vater.
So bewusst wird mir das, dass ich eben nach nur ein paar Sekunden nichts mehr sehen kann vor lauter Tränen und dann schluchzend wie ein Kleinkind im Flur stehe, bis das Dackelfräulein in wilder Sorge angaloppiert kommt und mich so lange und mit so vielen Hundebussis bedrängt (es ist mit diesem Hund beim besten Willen nicht möglich, mal ungestört und ungetröstet zu heulen – wie ist das eigentlich: machen andere Hunde das genauso, sind das auch solche Heul-Hemmer und Trost-Tyrannen?) bis dann auch noch der Gatte etwas irritiert herbeieilt, mir das Foto abnimmt und mich eine Weile festhält, bis ich mich wieder beruhigt habe.

*****

Drei Tage später schaffe ich ganze drei Bilder, mehr geht nicht.

(Wenn ich mich in dem Tempo weiter durch den Karton wühle, bin ich mit der Sichtung des Inhalts vielleicht gerade noch rechtzeitig fertig, bevor mir eine bis dahin hoffentlich top bezahlte Pflegekraft eine Schnabeltasse in die Hände drückt und ich mit runzligen Lippen meinen vorletzten Schluck Fencheltee daraus nehme.)

Bild Nr. 2.

Der Papa und ich im Ruderboot, auf dem Starnberger See. Bis auf meine flotte Oberbekleidung und das alberne Käppi tragen wir fast die gleichen Sachen wie auf dem Bergfoto. Meine Güte: diese großen Hände, die immer wussten, was zu tun ist (und wie es zu tun ist), neben meinen kleinen, speckigen Kinderfingern.

Er war für mich damals der Größte. Er wusste alles, er konnte alles, nichts schien ihn je umhauen zu können, und ich hatte noch keinen blassen Schimmer, welch naiver Illusion ich da aufsaß.
Kinderglück eben. Selig sind die Ahnungslosen, zumindest manchmal (oder für kurze Zeit).

Allzu viel Glück gab es bei uns ja sowieso nicht, also klammerte ich mich an jedes Stück Glück, das ich finden konnte. Und der Papa, der war diesbezüglich zehn Jahre lang eine prima Fundgrube.

Erst danach dämmerte mir allmählich, wie es um die Eltern und ihr Glück bestellt war, nämlich schlecht, vermutlich sogar schon sehr schlecht, aber bis ihnen ihr Unglück sichtbar aus jeder Pore quoll und in jede Ritze unseres Lebens sickerte, sollte es noch ein Weilchen dauern, ungefähr anderthalb Jahre, bis ich knapp zwölf war und die Mutter in Schladming auf der Planai ihre Unsportkarriere mit einem dramatischen Skiunfall beschloss (ach ja, die Mutter, sie beherrschte die Kunst des Dramas auf wirklich jedem Terrain), womit der Anfang vom Ende besiegelt war, und fortan ging es nur noch bergab (erst mit dem Akia und dem lädierten Bein der Mutter, dann mit unserer Familie).

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Das dritte Foto.

Holland, Vrouwenpolder, Sommerferien. Der Papa und ich am Strand.
Auf meinen weißen Haarspangen war ein Schmetterlingsmotiv aufgeklebt und der beige Gummi der Spange riss ständig. Unsere Windjacken rochen in diesen Sommern nach Salzluft und Wattwanderungen.
Es war eh die Ära der Windjacken, so nannte man diese spießigen Blousons mit Strickbund, jeder besaß damals so ein Ding, heute läuft fast niemand mehr in sowas herum.
Mein ockergelbes Exemplar trug ich, bis die Bündchen morsch und ausgeleiert und das Innenfutter mit dem Ankermuster total zerschlissen war. Ich hing so an dieser Jacke, weil an ihr die Erinnerungen an diese wenigen Sommer der Unversehrtheit hingen.

Holland, das waren jene drei oder vier Wochen im Sommer, in denen der Papa jeden Tag Zeit hatte. Zeit, in der wir uns auch mal vor der Mutter davonstahlen und an der Bude hinterm Deich Pommes futterten oder auf der anderen Seite des Deiches Wattwürmer ausgruben, gestrandete Quallen auf einem Spaten ins Meer zurücktrugen oder mit einem Kescher Garnelen fingen, sie in einen Eimer setzten, ein Weilchen beobachteten und wieder freiließen.

Holland, das bedeutete kartonweise Vla (in drei Geschmacksrichtungen) und Schokohagel (in zwei Hagelgrößen) und zum Frühstück diese Labbersemmeln, die Bolletjes hießen und auf die wir ungeachtet des Geschimpfes der Mutter erst dick Sahnequark schmierten und dann noch dicker diese köstliche Sauerkirschmarmelade obendrauf packten, die wir aus dickbauchigen Gläsern mit lustigen Zwergen drauf (die „De Vruchtenplukkers van Hero“ oder so ähnlich hießen) herauslöffelten.

Holland, das waren kleine, khakifarbene Frösche, die in dem sandigen Grundstück rund um das Ferienhaus der Bonner Patentante herumhüpften, unzählige Karnickel, die sich in den Dünen hinterm Haus versteckten und kreischende Möwen, die uns Tag für Tag den gelb-orangefarbenen Windschutz neben unserem Strandhäuschen vollkackten.

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Viertes und letztes Bild.

Mein erstes Stofftier und ich. Dasselbe Baujahr, wir zwei, olympischer Jahrgang 1972.
Auch in diesem Foto bereits ein eindeutiger Bezug zum weiteren Verlauf meines Lebens und zentralen Neigungen erkennbar, manches war mir wohl buchstäblich in die Wiege gelegt worden und hat sich offensichtlich nie verändert.

Gut, ganz so kurze Kleidchen trage ich heutzutage nicht mehr, trotz weniger wulstigen Beinen, deutlich besserer Haltung und meist minimal freundlicherer Miene.

Erst muss ich herzhaft über das Foto lachen, weil mich diese frühkindliche Dackelprägung so erheitert, dann aber kullern mir schon wieder die Tränen übers Gesicht.
Zum einen hat die Mutter meinen Original-Waldi eines Tages einfach konfisziert und nie mehr herausgerückt, und irgendwann wird er kläglich in ihrer Messie-Wohnung verendet sein. Er fehlt mir immer noch, und was gäbe ich drum,… (lassen wir das lieber).
Zum anderen erinnere ich mich auf einmal, dass der Papa nach der Trennung jahrelang drum betteln musste, dass die Mutter die Negative der Familienfotos rausrückte, damit er sich Abzüge machen lassen konnte, und mir wird klar, wie viele Abende oder Nächte er mit zusammengekniffenen Augen über diesen Negativen gesessen haben muss und all die Kreuzerl auf den Nachbestelltäschchen gemacht hat (so wie das damals eben war: man saß da mit einer Lupe und bei möglichst gutem Licht und hat Nummern von Negativstreifen abgeschrieben und dann die entsprechenden Felder angekreuzt), damit er wenigstens einen Teil der bebilderten Erinnerungen an seine 12 Jahre als Ehemann und Familienvater irgendwie retten oder konservieren konnte.

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Wo sind sie nur geblieben, die Jahrzehnte?
Wieso ging das alles nur so verdammt schnell vorbei, es waren doch immerhin über vierzig Jahre?
Wie ging er bloß vonstatten, dieser Übergang vom vermeintlich immerstarken, unverwüstlichen Papa hin zu dem parkinsonkranken, alten Mann?
Was haben wir schon verloren, was ist uns noch geblieben, was können wir weiterhin festhalten – und was werden wir nach und nach loslassen müssen, und vor allem wann und wie?

Als das Coronavirus aufkreuzte, war das für den Papa der Startschuss, um seine Habseligkeiten zu sichten, zu sortieren und gründlich auszumisten. Die Wochen des Lockdowns haben ihm auch gereicht, um dieses Vorhaben abzuschließen.
Die Fotokiste ist nun der erste von drei Kartons, die er mir übergeben möchte. Einen gerahmten Druck von Theuerjahr sollte ich auch gleich mitnehmen, der lehnt jetzt hier an einer Wand und erinnert mich an so vieles, und ich überlege, ihn vorerst in den Keller zu stellen, bis ich ein klares Gefühl dafür habe, ob ich dieses Bild hier bei mir zuhause und in meiner Gegenwart aufhängen kann und will.

Noch zwei solche Übergaben, dann hat er sich von allem befreit. „Mehr zu vererben gibt’s nicht!“, und alles andere sei auch schon geregelt, sagt er. So sehr mir das an die Nieren geht, so klar und gut finde ich es auch. Die Mutter hat einen Mordsverhau hinterlassen als sie abtrat von der Lebensbühne, der Papa würde das nie tun, das war zwar zu erwarten und doch ist’s komisch, wenn er zu einer Zeit „aufräumt“, in der noch schwer vorstellbar ist, dass „es“ bald soweit sein könnte.

Nun ja. Nach diesen beiden ersten Fotokistenerlebnissen bin ich tagelang ein wenig neben der Spur.
Dann fasse ich den Beschluss, mich nun auch vorzubereiten. Auf meine Art: schreibend.

Ich werde anfangen, die Rede aufzusetzen, die eines Tages zu halten sein wird, und die ich – das ist mir nach diesen vier Fotos klar geworden – auf keinen Fall erst dann verfassen kann, wenn dieser Tag schon kurz bevorsteht. Freilich werde ich sie niemals selbst halten, diese Ansprache, diesen Abriss über sein Leben und darüber, was er für mich war, weil ich an dem Tag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als einzelne Worte (oder nicht mal die) werde sprechen können, denn je älter, desto näher am Wasser…, na, Sie wissen schon. (Ich setze drauf, dass der Gatte dann das Vortragen übernimmt, ohnehin der geübtere Redner von uns beiden.)

Während ich die ersten Stichpunkte notiere, verspüre ich das Bedürfnis, dabei Musik zu hören.
Musik, die manch gemeinsames Erlebnis begleitet hat oder die meinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft beim Nachzeichnen dieses langen Weges.

Ich notiere mir, welche Songs und Interpreten das sind, aus denen der Soundtrack zu dieser Vater-Tochter-Geschichte gewoben wurde, deren Anfänge mir nach so langer Zeit wieder (oder überhaupt erstmals?) klar vor Augen stehen und deren Ende (sofern solche Enden denkbar oder gedanklich antizipierbar sind), mir einst ein beängstigend großes Loch ins Herz fräsen wird, mit dem ich etwas schutzlos und staunend und trotzdem weiterleben werde, darauf wartend und hoffend, dass aus dem Loch mit der Zeit ein Fenster wird.

Ein Fenster mit durchsichtigen Flügeln, die ich zu schließen oder zu öffnen vermag, je nach Windstärke da draußen oder Abwehrschwäche da drinnen.

And I see losing love
Is like a window in your heart
Everybody sees you’re blown apart
Everybody feels the wind blow

*****

Himmel der Bayern (77): Ruhe vor dem Sturm.

Zamperl vor Zugspitze: Entwurf für das Cover meines nächsten Wanderbüchleins.

Bzw. Ruhe vor dem großen Ansturm.

Denn an sonnigen Wochenenden vor der Ferienzeit oder Hauptsaison schwappt ja aktuell die große Wir-holen-alles-nach-Welle über das schöne Alpenvorland. Allerorten überfüllte Parkplätze, die Hölle los auf den wiedereröffneten Hüttenterrassen, die ersten Gemeinden schicken Hilferufe an die Regierung des Freistaats, weil die Einwohner ja teils kaum noch rauskommen aus ihren Tälern und Ortschaften, wenn überall Blechlawinen die Straßen blockieren und Tagesausflügler und Touristen ameisenartig Wanderwege und Seeufer bevölkern.

Auch der Vatertagsausflug an den Tegernsee bedurfte diesmal einer Detailplanung wie nie zuvor: Bloß nicht in den kilometerlangen Stau vor dem Tegernsser Tal geraten, womit aber bis 13 Uhr in jedem Fall zu rechnen gewesen wäre, was sogleich die Frage aufwarf, wo man denn dann vor dem Besuch des Papas an diesem Feiertag wohl einigermaßen in Ruhe mit dem Dackelfräulein ein Stück in die Höhe würde gehen können, und dies ohne wiederum auf dem Weg dorthin anderswo im Stau zu stehen und auch im Anschluss schnellstmöglich zum Tegernsee zu gelangen…
Wir haben das dann recht brauchbar gelöst: erst spät los, zu einem unbedeutenden Berg im Oberland, dort halbwegs ungestört eine Tour gemacht, anschließend nur 20 Minuten Weiterfahrt zum Tegernsee, spätnachmittags fährt da ja keiner mehr hin, sondern die meisten schon wieder zurück.
Dann Duschen-Essengehen-Terrassesitzen und erst um 22 Uhr heim nach München.

Ein Tag ohne Stau und Kolonne-Laufen und Fremd-Arosolwolken – die wochenlange Arbeit am Wanderführer „Panoramawege durch die Pandemie“ hat sich also in jeder Hinsicht gelohnt (und nun werkeln wir schon eifrig an dessen Nachfolgebändchen „Antizyklische Ausflüge ins Alpenvorland“).

Der Vater am Vatertag: Erstes Draußensitzen in einem Restaurant!

Wie mag das nur erst in den Pfingstferien werden? Und überhaupt in der danach beginnenden drohenden Urlaubssaison?

Kleine Vorausschau gefällig, auf Urlaub in Zeiten der „Postpandemie“?
Dann gucken Sie mal hier: der österreichische Zukunftsforscher Andreas Reiter hat schon erste Szenarien skizziert!

Künftig muss der „urbane Performer“ aus der Weltstadt mit Herz seinen Feierabendtrip ins Herzogliche Bräustüberl zu Tegernsee womöglich mit drei Tagen Vorlauf online reservieren, denn sonst gibt’s weder Parkplatz (bzw. Sitzplatz im Zug) noch Zugang zur Terrasse, geschweige denn eine frisch gezapfte Maß Bier mit einer Bezugsperson oder einem Kumpel.
Und wenn’s regnet – ja mei, Pech gehabt, dann kann man ja immer noch gucken, ob man nicht auf einem der neuen Online-Portale für Freizeitaktivitäten spontan ein Platzerl im Kino oder Theater ergattert. Weil das bei Regenwetter aber bald richtig teuer sein wird, da die Nachfrage nach Indoor-Genüssen in solchen Fällen schlagartig explodieren wird und die Sitzreihen seit der Pandemie nur noch 5 Personen aufnehmen können statt vormals 20, kostet die Kinokarte zwischenzeitlich 30€ (regulär) und drei Stunden vor Filmbeginn an einem Regentag in der Online-Börse auch mal locker um die 60€, je nach Abzockfaktor der jeweiligen Plattform eben. Was sich dann richtig lohnt: die Anschaffung hochwertiger Regenkleidung. Das spart man nämlich ganz fix wieder rein, wenn man an verregneten Abenden im Bräustüberl hockt und dort eine preiswerte Maß zischt anstatt für das Fünffache in einem trockenen, schlecht belüfteten Kinosaal herumzulungern und mit Latexhandschuhen im Popcorn herumzufingern (oder an dem Kumpel im Sessel nebenan).

Wir wollen aber nicht zu sehr schwarzmalen an einem so schönen und überwiegend sonnigen Dienstag im Mai, an dem wir noch voller Freude dem gestrigen Familientag nachspüren: ein so herrlicher, grauer Tag mit überwiegend düsterem Himmel und großer Schauerneigung war das! Das sind die Ausflugstage der Zukunft, liebe Leserinnen und Leser!

Der Gatte nahm sich sofort frei, als er frühmorgens den wolkenverhangenen Himmel sah, denn eins war klar: die Straßen würden leer sein, und der Eibsee am Fuße Ihrer Majestät, der Zugspitze, würde ausnahmsweise nicht nur zum Umrunden, sondern sogar zum Verweilen (!) einladen, weil kaum jemand unterwegs sein würde (und wer je an einem halbwegs sonnigen Tag vor Corona dort war, weiß, dass man am Eibsee nie alleine ist, höchstens an einem kalten Novembermittwoch bei dezenter Novembersonne, und selbst dann hoppeln da noch ein paar knipsende Japaner oder bepelzte Russinnen am Ufer herum, bevor oder nachdem sie „The Top of Germany“ in ihren Turnschühchen oder Stiefelettchen besucht haben und dort oben ganz überrascht waren, weil da ja Schnee liegt).

Szenen mit Seltenheitswert: Leerer Parkplatz vor der Zugspitzbahn.

Ein ideales Ziel war der Eibsee gestern auch deshalb, weil das potthässliche Seehotel mit seiner hundeunfreundlichen, überteuerten Biergartenterrasse noch geschlossen hat, und die übrige Gastronomie rund um diesen traumhaften Bergsee ebenfalls erst zusammen mit dem Hotel und der Zugspitzbahn wieder ihre Pforten öffnet, was wohl bereits Ende dieser Woche der Fall sein dürfte, sofern das Infektionsgeschehen bis dahin stabil bleibt.

Corona-Candys: Einsam. Einsamer. Eibsee.

Traumhafte Tour!
Nur ein paar Tröpfchen abbekommen (Regen, nix Virales), Gugelhupf auch am dritten Tag immer noch saftig und lecker (könnte glatt zur neuen Normalität werden), Thermoskanne nicht im Rucksack ausgelaufen (ein Wunder), das Dackelfräulein total happy (wegen unerwarteter Rudelkomplettheit), und am Schluss kam sogar noch kurz die Sonne zwischen den Wolken durch – was will man mehr?

Heute wieder Alltag.
Dem Vermieter von Loleks Abschlussarbeiten in der Wohnung berichten (seit 6 Tagen sind wir lolek-frei, nach nur 4 Monaten), die Steuererklärung vorbereiten (mit den ach so vertrauten, alljährlichen Widerständen), die morgige Tour mit dem hübsch Bewimperten planen (wir sind nun wieder regelmäßig gemeinsam mit unseren Hundemädels unterwegs), den Haushalt auf Vordermann bringen (freie Bahn, da der Gatte erneut an seinen Dienstort reisen musste), die demnächst anstehende Geburtstagssause organisieren (ein anderer Hausstand – und zwar nicht nur Kumpels! – kommt anlässlich meines Alterns zu Besuch, das wird also die fett krasse Party, so zu viert und wir alle maskiert in einem Schlafgemach), die Staubläuse im Bad einsprühen (ich sag Ihnen aber nicht, womit) – und lauter so Sachen eben.

Nebenbei: es sind gar keine Staubläuse. Mit Brille und Stirnlampe betrachtet konnte nämlich dieser Tage festgestellt werden, dass ihnen zum wahren Staublaussein die kleinen Fühler und die muntere Sprunghaftigkeit fehlen. Um wen es sich nun stattdessen bei dem Viecherltrupp in unserem neu verfliesten Bad handelt, ist jetzt leider wieder völlig unklar.
Ich halte Sie natürlich in unregelmäßigen Abständen weiterhin auf dem Lausenden Laufenden, was das Krabbeln auf den Kacheln angeht.

Beizeiten dann noch ein Bericht über etwas, das mich in den letzten Tagen weitaus mehr beschäftigt hat als antizyklische Ausflüge, simulierende Staubläuse und helle Aufregung über die Bekanntgabe des Wiedereröffnungstermins für die bayerischen Schwimmbäder.

Bis dahin wünsche ich Ihnen eine erfreuliche Woche & ein geschicktes Händchen bei der Urlaubsplanung oder weiterhin entspanntes Daheimbleiben!