Genau das wär’s!

Müde am Ufer entlangspaziert, begleitet von dieser uralten Sehnsucht nach einem kleinen Grundstück direkt am See. Ein schattenspendender Baum, etwas Wiese drumrum, eine winzige Hütte mit einer Bank davor und vielleicht noch ein Steg, an dem sich das tannengrün gestrichene Ruderboot befestigen ließe. Mehr bräucht‘ ich nicht.
Blick nach Westen wäre schön, aber ich nähme auch Nord-, Ost- oder Südblick.

Kaum vier Stunden Schlaf heute Nacht. Erst schlecht eingeschlafen, später aus einem scheußlichen Traum aufgeschreckt: eine stattliche Schlange wollte sich um des Dackelfräuleins schlanken Hals winden, ich riss sie entschlossen fort vom Hundekörper, wollte sie zur Seite schleudern, was nicht gelang, da sie sich fest in meinen Daumen verbissen hatte. Plötzlich fiel sie doch noch zu Boden, nur mit ihr leider auch mein Daumen.

Wir wollen das jetzt bitte nicht interpretieren. Danke!

Wo der Lindwurm tobt.

Sofern Sie zu den Vernünftigen gehören, die sich gerade nicht an den letzten Ladenöffnungsminuten laben, haben Sie ja vielleicht ein wenig Zeit und Muße für ein kleines Filmchen, das Ihnen anschaulicher als jedes Gerede oder Geschreibe meinen Gemütszustand nahebringen wird (bitte drehen Sie für einen möglichst authentischen Eindruck zuvor die Lautstärke an Ihrem PC/Laptop/mobilen Endgerät voll auf):

Nun soll dieser Helikopter-Höllenkrach aber nicht nur eine schnöde Metapher für mein etwas aus den Fugen geratenes inneres Gleichgewicht sein, nein, nein! Sondern aktuell vermag auch nichts unsere häusliche Situation in dieser ohnehin schon an Besinnlichkeit kaum zu überbietenden Vorweihnachtswoche trefflicher zu beschreiben als so eine Bell UH-1 während der Startphase.

Gestern Morgen, ich war noch im Nachtgewand, läutet Lolek bei uns. Vertraut wie wir ja nach diesem intensiven gemeinsamen Jahr längst miteinander sind, öffne ich ihm selbstverständlich trotz dieses Outfits die Tür.
Heute werden ganze Tag sehr laut“ , krächzt er nach einem schnellen Morgensalut (= riesiger Werkzeugkoffer knallt auf Treppenhaussteinboden) unter seinem Schirmmützchen hervor. Ich lächle müde und entgegne ihm mild: „Aber Lolek – es war doch schon die letzten beiden Wochen fast jeden Tag sehr laut!„. Mein Lieblings-Pole senkt den Blick und meint: „Aber heute sehr, sehr laut – mussen fräsen Estrich. Hoffen, fertig in drei Tage.
Ich nicke, weil mir keine andere Reaktion einfällt, wir wünschen uns jeweils einen guten Start in die Woche, ich schließe die Tür und schlurfe in die Küche zurück. Mein Morgenhorizont reicht gerade mal bis zum Toaster und unter „Estrich fräsen“ kann ich mir spontan und um diese Tageszeit noch nichts Konkretes vorstellen.

Keine fünf Minuten später ändert sich das schlagartig. Lolek und Bolek werfen die Höllenmaschinen in der Wohnung über uns an, die Wände unserer Wohnung vibrieren, wir fürchten um die schweren, gerahmten Bilder und plärren uns zu, ob und wie wir das nun ganztags aushalten sollen (geschweige denn bei dem Lärm arbeiten), das Fräulein kreucht verschreckt durch den Flur und guckt uns hilfesuchend an.
Man hätte es ahnen sollen: Spricht der Pole von einem Arbeitstag, ist damit schließlich keine poplige Nine-to-five-Schicht gemeint, sondern ein Einsatz, der sich mühe- und pausenlos von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends hinziehen kann, wenn zwischendurch nicht die Zementsäcke oder die Sobieskis zur Neige gehen. Analog verhält es sich offenbar mit der Ankündigung, es würde „sehr, sehr laut“ werden.

Dem Gatten, dem an diesem Vormittag noch ein Zoom-Meeting und eine Vorlesung bevorstehen, platzt der Kragen und er ruft umgehend und mitten aus dem Hubschrauberlärm den Vermieter an.
Es ist ja in Zeiten von Homeoffice und Lockdown-light schon ärgerlich genug, dass eine mehrwöchige Renovierung mit keiner Silbe vorher bekanntgegeben wird, aber diese Beschallung schlägt dem Fass nun endgültig den Boden aus und die Aussicht auf mindestens drei solcher Hubschraubertage in Folge bringt den Kreislauf binnen Sekunden vermietertelefonattauglich in Schwung.
Ja, das ist blöd, aber da müssen wir halt jetzt durch“ , lautet die Devise des Hauseigentümers – dabei ist der Punkt doch der, wer von uns ganz praktisch betrachtet eigentlich da durch muss und ob dieses Da-durch-Müssen nicht (s)einen Preis hat und wenn ja, wer den zu bezahlen hat.

Nach einigem Hin und Her und etlichen, in und bei brüllender Lautstärke absolvierten Telefonaten, ziehen wir mit Sack und Pack (Laptops, Netzkabeln & Co., Verpflegung bis zum Abend, Hundekörbchen & dazugehörigem Hund etc.) in ein fußläufig entferntes Hotel, das seine Zimmer tagsüber an heimatlose Homeoffiziere vermietet. 30€ pro Zimmer, 10€ für den Hund, gratis Kaffee, Wasser und WLAN.
Kann man nicht meckern, im Gegenteil: ist durchaus ein toller Tipp für all die, denen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, sei es renovierungsbedingt oder weil einem der eigene, energiegeladene Nachwuchs oder die klavierklimpernde, kurzarbeitende Nachbarin auf den Keks geht.

Das Hotel um die Ecke kennen wir schon, da wir hier die letzte Nacht vor dem Ende der großen Wasserschadensanierung zugebracht hatten. Hello again!
Zur Begrüßung gibt’s einen Formularberg (zur Dokumentation, dass sie auch ja nicht zu touristischen Zwecken vermieten), es folgen zwei nebeneinander liegende Zimmer (damit es sich auch ja anfühlt wie zuhause und man den Partner z.B. bei technischen Problemen wie gewohnt fluchen hören kann), zwei nicht auf Anhieb funktionierende Türkärtchen und zwei aus der guten Togobohne frisch aufgebrühte Heißgetränke – und schon geht’s auf in den Tag!

Geschmeidiger könnte eine neue Woche kaum starten!, denke ich ganz kurz bei Betreten meines in erheiterndem Dunkelgrau gestrichenen Zimmers, aber es bleibt gottseidank keine Zeit für weiteres verdrießliches Vertiefen in dieses Zwischenfazit, weil ich schon wieder meinen Rucksack umpacken und mich auf den Weg machen muss. Zum Tierarzt.
Ein Termin, den ich ursprünglich deshalb vereinbart hatte, um mir zu der beim Dackelfräulein diagnostizierten Umfangsvermehrung eine Zweitmeinung einzuholen. Dann aber bekam der Termin am dritten Advenstssonntag eine neue Dimension, als wir feststellten, dass der Umfang der Umfangsvermehrung sich binnen einer Woche spürbar vermehrt hatte – und, was uns einen noch viel größeren Schreck einjagte, auch noch Gesellschaft bekommen hatte von einer zweiten, zwar kleinen, aber ebenfalls merklichen Umfangsvermehrung in der Nähe der ersten (Advent kommt ja bekanntlich von advenire).

Quer durch die Stadt also zu der Praxis, das Fräulein gar nicht begeistert, als es kapiert, wohin die Reise geht und meine Wenigkeit (ein Begriff, den ich selten als passender empfand, u.a. aufgrund der Entdeckung, dass trotz enger geschnalltem Gürtel die Jeans wirklich arg locker sitzt) ebenfalls gar nicht begeistert, als ich kapiere, dass meine Einschätzung erneut korrekt war.
Mit zwei kleinen Tumoren und einer großen Beratung verlassen wir beide reichlich bedrückt die Tierärztin, draußen im Park drückt es die restlichen Tränen, die ich mir im Behandlungszimmer verkniffen hatte, auch noch hinaus und die Stimmung sinkt trotz ein paar erster wärmender Sonnenstrahlen seit Tagen unter den Gefrierpunkt.
Auf dem Nachhauseweg, der nun nicht mehr nachhause, sondern zum Hotel führt, schicke ich dem Gatten eine Nachricht, dass ich vor Hunger sterbe, was den ersten guten Moment dieses Tages zur Folge hat – bei Ankunft im Hotel erwartet mich eine köstliche Pizza, die genau so ist, wie ich Pizza liebe: dicker, krosser, mit ein paar leicht angekokelten und aufgeplatzten Blasen versehener Rand, wenig Belag, schön warm und in verzehrfreundliche, ordentliche Achtel vorgeschnitten.

Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl im neuen Homeoffice des Gatten ziehe ich nach nebenan um, telefoniere in Sachen Mammatumoren mit der Freundin und falle anschließend auf dem Hotelbett in ein Kurzkoma.
Bis Anfang Januar brauche ich Klarheit, wie viel wir da nun operieren lassen werden. Von vier Optionen, die mir die Veterinärin erläutert hat, scheidet für uns lediglich eine ganz klar aus. Das Kopfzerbrechen, das die übrigen drei noch bescheren werden, dürfte die Energie, die noch via Weihnachtsgebäck einverleibt werden wird, deutlich übersteigen.
Ich habe eh noch nie verstanden, wie Menschen in Kummerphasen zunehmen können, mir schnürt es da von jeher den Magen zu.

Was ich auch nicht verstehe und mir seit Monaten immer mal wieder Kopfzerbrechen beschert: Wie kann das eigentlich sein, dass Asien manch einem Deutschen (oder Europäer?) nur dann als Inspirationsquelle taugt, wenn es drum geht, sich ein bisschen Zen-Zauber in den eigenen Garten zu holen, selbstgetuschte Haikus über den Futon zu hängen, Reizdärme in der TCM-Klinik behandeln zu lassen oder daheim auf dem Kapokkissen kauernd das blockierte Wurzelchakra im Dufte der räucherstäbchenbestückten Buddhafiguren wegzuatmen?
Wenn das doch so anregend, beglückend und heilsam ist, wieso dann nicht auch mal nach Asien schauen, wie sie dort mit so einer Pandemie umgehen? Und sich da was abschauen?! Da mault keiner herum, was die Maskentragerei angeht (oder wähnt sich deshalb gar dem Erstickungstode nahe), die sitzen bereits wieder in Großgruppen gemeinsam im Kino und Lokalen (dazu hier ein Lektüre-Tipp).

Und sonst so?
Nicht allzu viel, reicht ja auch so schon.
Der Papa zerbricht sich den Kopf übers Weihnachtsessen und seine Lebensgefährtin weint dem Schäufele nach, das es sonst immer gab, mit uns aber nicht geben wird. Wie früher (fast schon vergessen) ist Weihnachten die Zeit der familiären Kontroversen.
Die Jugendliebe wurde tagelang mit Sauerstoff versorgt, hat das Wiener Spital zwischenzeitlich wieder verlassen, hängt nun daheim in den Seilen und hofft auf baldige Rekonvaleszenz. Mit dem in Aussicht gestellten Erbe wird es also gottseidank nichts.
Der hübsch Bewimperte hat edlen Loden bestellt und möchte unseren Hundedamen was auf den Leib schneidern, im Gegenzug werde ich ihm meinen Fugenhai vorführen, d.h. wir begeben uns wohl an den Feiertagen mal zusammen in Klausur und werkeln ein bisschen.
Der Gatte ist nach nur einem Tag Hotel-Homeoffice aufgrund diverser technischer Imponderabilien, auf die näher einzugehen ich mir und Ihnen erspare, heute Morgen nach Frankfurt gereist, um dort seine letzten Dienstgeschäfte und Vorlesungen für dieses Jahr ohne Störung und in einer mehr oder weniger menschenleeren Universität zu erledigen. Das Bahnticket werden wir, wie alle anderen Sonderausgaben dieser Helikopterwoche, dem Vermieter zur Erstattung weiterreichen.
Vor den beiden Friseurläden in der belebten Lindwurmstraße, in der auch das Homeoffice-Hotel liegt, sind ganztags lange Schlangen zu verzeichnen. Dutzende Männer stehen an, um sich das Haupthaar ein letztes Mal in diesem vertrackten Jahr stutzen zu lassen. Und sie stehen eng beisammen, ratschend und rauchend.

Mein Handy klingelt.
Lolek ruft an und teilt mit, dass für heute Ruhe an der Fräsfront ist und wann morgen Früh der Hubschrauber wieder starten wird.
Das kleine Hündchen und ich spazieren durch die dunkle Lindwurmstraße heimwärts. Von irgendwoher dringt Gehupe und Geschrei in meine Ohren. Als wir uns unserem Wohnhaus nähern, erklärt sich dessen Ursache: Auf der Theresienwiese findet unter Mordsgetöse eine Demo statt.
Es gibt keine Katastrophe, weil es keine Krankheit gibt. Die Krankenhäuser sind genauso belegt wie jeden Herbst und Winter. Wir lassen uns nicht verarschen. Dieser Lockdown ist ein Verbrechen an den Menschen und der Menschheit. Wir lassen uns nicht in Ketten legen.
Ein Großaufgebot der Polizei umkreist das Spektakel und wird die Versammlung in Kürze auflösen, da die meisten ohne Abstand und Maske unterwegs sind.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen guten Abend und mir, in sofortigen, tiefsten Winterschlaf zu fallen, nichts mehr zu hören und zu sehen, und erst dann wieder aufzuwachen, wenn das Dackelchen tumor- und die Theresienwiese dummheitsfrei ist.

Himmel der Bayern (89): See_lenfrieden (mit Lama und Panorama).

Von Umfangsvermehrung und Heiterkeitsreduzierung.

Immer nach vorne blicken!

Freitagabend vor fünf Tagen, am westlichen Rand des Oberhachinger Industriegebiets (für Nicht-Ortskundige: irgendwo in der südlichen Peripherie von München).

Als ich nach einer intensiven Dreiviertelstunde mit Pippa aus der Tierklinik hinausgehe in die Dunkelheit, steht Ludwig schon wieder schwanzwedelnd vor uns. Wir waren ihm zuvor schon im Wartezimmer begegnet. Der 12 Wochen alte Welpe wollte unbedingt mit Pippa spielen, die zitternd unter meinem Stuhl kauerte.

Pippa wird in Kürze 9 Jahre alt und weiß bereits beim Aussteigen aus dem Auto, dass dieser Parkplatz zur Tierklinik gehört und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn ich sie auffordere, mitzukommen. Kurz vor der Eingangstür beginnt dann das Schlottern.
Ludwig hingegen hat noch keine Ahnung von diesem Teil der Welt. Er findet absolut alles toll und spannend, weshalb er letzten Freitag auch in der Tierklinik ist – er hat nämlich einen Kaugummi verschluckt. Herrchen ist sehr nervös, Frauchen sitzt zitternd im Auto (wegen Corona darf seit Monaten nur noch eine Begleitperson pro Tier mit in die Klinik hinein), nur Ludwig hat blendende Laune und will mit dem Dackelfräulein spielen.

Da sie fast alle Welpen mag, stellt sie zumindest kurz ihr Schlottern ein, wendet sich dem kleinen Ludwig zu, bis er ihr dann zu stürmisch wird und sie sich wieder unter meinen Stuhl verzieht. Weil Ludwig daraufhin in schrillsten Tönen jammert und an der Leine zerrt, geht sein Herrchen mit ihm hinaus, so dass im Wartezimmer wieder Ruhe einkehrt. Er hat sowieso noch eine längere Wartezeit vor sich, da er ohne Termin gekommen ist – das mit dem Kaugummi läuft für ihn unter „Notfall“, sie haben sich sofort ins Auto gesetzt und sind zur Klinik geeilt.
So ist das am Anfang des Hund-Habens: man hat keine Ahnung, keine Erfahrung und derlei Notfälle treten äußert schnell und regelmäßig ein.

Für einen Moment bin ich geneigt, den Besitzer von Ludwig um diesen verschluckten Kaugummi zu beneiden, denn was würde ich drum geben, auch aus so einem Grund zur Tierklinik gefahren zu sein. Einen Gedanken später weiß ich aber wieder: das ist Quatsch, denn so ist das halt, es ist der Lauf der Zeit und des Lebens, dass man nach 9 Jahren eher aus anderem Anlass hier sitzt und wartet. Mit vereinbartem Termin bei der Ärztin des Vertrauens, die man bereits seit Jahren kennt. Mittlerweile ist der Hund der nervösere Gast im Wartezimmer, man selbst gibt sich alle Mühe, ruhig und gefasst zu sein, was meist auch gelingt (allein schon, damit der Hund nicht noch mehr zittert).

Frau Dr. G. ruft uns auf, ich erhebe mich, Pippa trottet hinter mir her, steigt unterwegs widerwillig auf die Waage (huch, 300 Gramm leichter als beim letzten Besuch?) und schlurft weiter ins Behandlungszimmer. Dort angekommen trage ich den Grund meines Besuchs vor.
Die Ärztin tastet Pippa ab, findet den Knoten, drückt prüfend ein bisschen hin und her, sieht mich an, sagt „Ein Lipom kann ich ausschließen“ und damit ist die Tendenz eigentlich schon umrissen.
Es ist ein Tumor, ob Adenom oder Karzinom bzw. gut- oder bösartig, werden wir erst wissen, wenn nach der operativen Entfernung der histologische Befund vorliegt.

Wir besprechen ausgiebig, wie es nun konkret weitergeht, die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Auch eine detailliertere Erläuterung der klitzekleinen Restchance, dass es sich um eine seltene, zyklusbedingte Verkapselung an der Milchleiste handeln könne, ist unerheblich und nur insofern relevant, als wir jetzt noch bis zu Beginn des neuen Jahres abwarten, ob das Ding sich nicht wie durch ein Hormonwunder wieder zurückbildet, was wie gesagt leider äußerst unwahrscheinlich ist.
Ein paar Wochen kann man das jetzt gut rausschieben, weil der Knoten noch wirklich klein ist, dann aber muss gehandelt werden.
Das einzig Beruhigende an dem Termin ist die nach gründlicher Untersuchung erfolgte Aussage von Frau Dr. G., dass Pippa „für ihr Alter“ in einem sehr guten Allgemeinzustand sei: schlanke Figur, beste Muskulatur, Gelenke, Herz und Lunge ebenfalls in Ordnung. Immerhin gute Voraussetzungen für eine solche OP und das, was danach kommen kann.

Am Empfangstresen überreicht man mir die Rechnung. „Kleine Umfangsvermehrung kraniales Gesäuge“ steht da in holprigem Arztrechnungsdeutsch als Diagnose, es folgen die einzelnen Positionen.
Der Begriff Umfangsvermehrung fährt mir recht herb in die Eingeweide und erinnert mich an die Raumforderung… (na lassen wir das lieber, wenn Sie mögen, lesen Sie’s hier nach). Mir wird etwas flau, ich bezahle und wanke nach draußen.
Dort springt uns Ludwig aus der Dunkelheit entgegen und freut sich wie bekloppt, Pippa wiederzusehen, allein das Fräulein hat nun gar keinen Nerv mehr für den Jungspund und strebt entschlossen dem Parkplatz zu.
Ich wünsche seinem Herrchen noch viel Glück in der Kaugummisache, eile zum Auto, lasse mich auf den Sitz fallen und nehme erstmal einen großen Schluck aus meinem neuen Thermosbecher, den ich auf ewig Thermosbecher und niemals Travel Mug nennen werde, obwohl er laut Etikett so zu heißen scheint.

Etwas benommen fahre ich heimwärts, esse unterwegs einen Happen und scrolle dabei durch die beruhigend belanglose Bilderwelt auf Instagram, bis ich auf eine Rezeptempfehlung stoße, die von dem schlecht ausprogrammierten Algorithmus dieses (sozialen) Netzwerkes zeugt:

Ich mag weder Mandarinen allzu gern noch hab ich irgendwas mit Overnight Oat geschweige denn Meal-Preps am Hut. Und ich frage mich, ob es allen Ernstes Menschen gibt, die ihr Frühstück so titulieren und tatsächlich am Vorabend des Breakfast ganz hibbelig vor lauter Hipness kunstvoll solche Einweckgläschen mit Haferkörnern befüllen und in den heimischen Fridge bugsieren.

Aber die Welt ist ohnehin reich an Worten, Gestalten, Momenten und Eindrücken, die seltsam fremd anmuten.

Später am Abend spreche ich noch lange mit einer Freundin über den Tierklinik-Termin. Die Freundin war schon mal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert und mir fällt angenehm auf, dass sie sachlich und anteilnehmend mit mir über alles redet, genau wie Frau Dr. G..
Vor allem aber fällt mir auf, dass sie nicht beschönigt oder beschwichtigt oder ins Blaue hinein tröstet. Das hilft mir sehr.
Alles wird gut!“ sagen ja gern die einen, oder „Ich habe ein gutes Gefühl!“ die anderen. Die Freundin sagt keines von beidem, weil wir beide wissen, dass wir nicht wissen können, ob alles gut wird oder nicht und welche Sorte Gefühl jetzt die angemessenste wäre, denn jedem der Gefühle, das man nun haben könnte oder hat, wohnt schließlich ein hoher Spekulationsfaktor inne (um ein Haar hätte ich vor Müdigkeit Spekulatiusfaktor geschrieben).

Das große Geheule sucht mich an den Folgetagen noch mehrfach heim und passt hervorragend zum Wetter. Jawohl, ich habe Angst und ich mache mir Sorgen, das ist nunmal so und ich finde: das darf jetzt auch so sein. Es wird ja nun nicht durchgehend bis Anfang Januar so sein, aber ab und zu wird es halt mal wolkenbruchartig über mich kommen.
Und wenn das mal wieder so ist, dann bin ich äußerst dankbar, wenn man mich nicht tröstet oder abzulenken versucht, wenn man nichts beschwichtigt oder schönredet, sondern wenn man mich einfach ängstlich und sorgenvoll sein lässt – und genaus das mit mir aushält.

Dieses elendige, zeitgeistige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat – ja, nehmen wir das doch bitteschön auch mal in so einer Situation ernst.
Es ist nämlich eine vergleichsweise einfache Übung, bei Sonnenschein auf einen Berg zu steigen (oder sonstwo zu lustwandeln) und dabei nicht an das Tal oder den Gipfel zu denken, sondern an gar nichts oder einfach nur an den nächsten Schritt, damit man nicht danebentappt und stürzt. Gelingt einem das, so war man einen (Berg-)Tag lang mehr oder weniger im Hier und Jetzt, freut sich darüber und fühlt sich leichter oder auch bereichert, das wird bei jedem ja graduell ein wenig anders sein.
Heerscharen von Achtsamkeitsfreunden begeben sich auf Pilgerschaft zu diesem heißersehnten Verweilen im Augenblicke (mit dem ja schon der gute Faust ziemlich haderte), plagen sich teils gräßlich mit den unterschiedlichsten Hilfsmitteln, Techniken, Anleitungen und Atmosphären ab, um diesen gelobten Zustand zu „erreichen“, so als lauerte einzig in ihm das Allheilmittel gegen die Unbilden des Alltags (oder gar die Erlösung von unserer fehlbaren Existenz). Und nicht wenige dieser Hier&Jetzt-Streber sind dabei fast ausschließlich aufs Positive, auf gute, helle, wärmende Gefühle ausgerichtet oder fixiert.

Wie von der Verheißung eines Glückskeksspruches Getriebene gebärden wir uns und suchen immerzu und in allem nach einem Sinn, oder, wo dieses Unterfangen eine Nummer zu groß erscheint, zumindest nach dem Schönen und Guten und Glänzenden oder einem Mix daraus: dem Seelensmoothie.
Was aber ist mit Krisen, Krankheiten, Trennungen und Toden? Da herrscht oftmals das große Wisch-und-Weg-Prinzip, das darf nicht sein, das kann nicht sein, damit wollen wir nicht umgehen, daraus muss sich doch verdammt nochmal ein Sinn schnitzen lassen, und wenn nicht, dann wollen wir es wegradieren oder beiseitestellen, es fortunafarben anpinseln, obwohl es doch pechschwarz ist, oder es mit schnelltrocknendem Lebensfreudelack glattsprühen, obwohl an seiner zerfurchten Oberfläche ja doch nichts haften bleibt außer ein paar Zähren und Kummerkrusten.
Lasst mich bitte nach Herzensfrust leiden!, denke ich, sage es aber nicht und freue mich über die, die es trotzdem hören können.

Um das windige Nervenkostüm vollends zu zerfetzen, hat in der Wohnung über uns eine sechswöchige Generalsanierung begonnen. Zwar führt Lolek dort oben Regie und ist auch selbst zugegen (und ich mag Lolek, nicht nur, weil er zu den Menschen gehört, mit denen ich im Jahr 2020 mehr zu tun hatte als mit den meisten anderen), was den Höllenlärm aber auch nicht erträglicher macht.
Der Vermieter ist sofort beleidigt, als ich moniere, dass es schön gewesen wäre, wegen Homeoffice & Co. vorab über derartige Bauarbeiten informiert worden zu sein und in ein paar alten Themen verheddern wir uns dann auch gleich wieder. In Sachen Ruhe und Behaglichkeit kann die Bilanz dieses Miet-Jahres es beinahe mit Corona aufnehmen – es war 9 Monate lang oft ungemütlich und herausfordernd.

Wann immer Witterung und Tagesverfassung es erlauben, kehren wir der Stadt den Rücken und drehen thermosbecherbewaffnet weiter draußen längere Runden, falls das nicht klappt, absolvieren wir in den kurzen Lärmpausen (Lolek ist starker Raucher) kleine Übungseinheiten in der Wohnung (Filmbeweis folgt demnächst) und ziehen uns ansonsten die Decke über den Kopf.
Weil die Inzidenz in München nun wieder über der 200er-Marke liegt, darf ab sofort kein Einzel-Musikunterricht mehr stattfinden, das heißt, ich werde bis Mitte Januar „Jingle Bells“ in Endlosschleife vor mich hinspielen, vielleicht noch ein „Alle Jahre wieder“ dazunehmen, mal sehen.

Der Papa hört sich mittlerweile immer tonloser an, so dass ich mir erstmals seit 20 Jahren einen Ruck gebe und ihn frage, ob wir vielleicht an Weihnachten zu ihm kommen sollen. Er und die Lebensgefährtin wären sonst allein, üblicherweise feiern sie in großer, lauter Runde mit den Kindern und Enkeln der Lebensgefährtin, Zusammenkünfte und Personen, bei denen ich mich fehl am Platz und unwohl fühle, aber dieses Jahr fällt das alles flach, zu viele Generationen und potentielle Infektionssphären würden sich da vermischen, das geht nicht, das wollen glücklicherweise alle gemeinsam vermeiden.
Er reagiert mit fast kindlicher Freude auf mein Angebot und so gewöhne ich mich nun langsam an den Gedanken, doch noch einmal einen 24. Dezember mit Baum und Fondue zu verbringen, womöglich singen wir sogar ein paar Lieder, weil der Papa ja jetzt wieder gern singt, seit seine Logopädin ihn dazu animiert hat.

Offen gestanden weiß ich gar nicht mehr, wie Weihnachten geht, aber da kommt man sicher schnell wieder rein, so wie man ja das Autofahren durch eine mehrjährige Pause wohl auch nicht gänzlich verlernt.
Vorfreude verspüre ich bislang keine, eher so ein kleines, fieses Ziehen in Herzgegend bei dem Gedanken, dass es das letzte Weihnachten in dieser Konstellation sein könnte, was mich nicht etwa wegen des Christfestes an sich schmerzt (von dem ich längst annahm, es letztmals gefeiert zu haben), sondern wegen der heuer daran Teilnehmenden. Wir wollen die gedanklichen Varianten, die diesem Ziehen auf dem Fuße folgen, jetzt aber nicht vertiefen, denn wahrscheinlich kommt ja alles (wie so oft) ganz anders als gedacht und ich bin ab 2021 wieder weihnachtsfrei und wir sind auch Ende nächsten Jahres alle noch am Leben.

Ob ich in den nächsten Wochen einen Jahresrückblick gebloggt bekomme, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht fasse ich es einfach schon heute in ein paar Schlagworten zusammen, dieses kuriose Jahr mit der Doppelzwanzig, das klänge dann in etwa so:
Berge – Wasserschaden – Vermieterzwist – Bauarbeiten – Corona – Schwimmbadschließung – Berge – Corona – Staubläuse – Bauarbeiten – Staubläuse – Berge – Vermieterzwist – Corona – Schwimmbadschließung – (Rückkehr dreier Staubläuse) – Berge – Bauarbeiten – Corona – Vermieterzwist.
Final noch ein kleiner Tumor obendrauf, dazwischen ein paar Akkordeonklänge, und demnächst bellt Jingle nicht mehr durch die Totenstille unserer gelockdownten Stadt, sondern am Tegernsee den Tannenbaum an.

Absurderweise im Sommer 2020 so viel und so günstig gereist wie sonst nie, wenngleich stets nur für ein paar Tage, aber was heißt schon „nur“ in diesen Zeiten, ich bin zutiefst dankbar für all die erlebnisreichen Exkursionen in die DACH-Region, wie die Reiseprofis, zu denen ich mich nicht zähle, dazu sagen würden.
Am Geburtstag sogar mit dem Wunschtrupp auf dem Wunschgipfel gestanden, ohnehin ein Jahr der Freundschaft in vielerlei Hinsicht, der kriselnden & zerbröselnden sowie der neuen & altbewährten, die momentan so zahlreich eintrudelnden Care-Pakete sprechen eindeutig für eine Tendenz zur letztgenannten Kategorie, und ich möchte den wohlmeinenden, spendablen und kreativen Absendern an dieser Stelle erneut meinen innigsten Dank aussprechen.
Ich liebe Geschenke, sogar die mit verkehrtem Apostroph!

(Und wehe, dieser neue Mist-Editor in WordPress verpfuscht mir jetzt wieder die Bildergalerie, falls doch, geben Sie bitte kurz Bescheid.)

 

Song des Tages (63).

Stabiler Stimmungseinbruch mit zeitweisen Zwischenhochs.
So in etwa ließen sich die anderthalb Wochen seit dem letzten längeren Eintrag hier zusammenfassen.

Die Pandemie hat nach neunmonatiger Tragzeit nicht nur einen zweiten Lockdown geboren, sondern auch zu etlichen Zerwürfnissen geführt. Menschen, die einem nahe waren, sind plötzlich fern (und umgekehrt), die einen glauben dies, die anderen das, manche nehmen die Maßnahmen ernst, andere handhaben es eher locker, allzu genau kann man es oft schon gar nicht mehr einschätzen, weil man sich ja seltener oder gar nicht mehr sieht (und Telefonate oder Emails sind auf Dauer nicht dasselbe wie echte Begegnungen).

Ein Teil dieser Differenzen lässt sich nicht mehr mit diesem Mix aus Milde und Leichtigkeit ignorieren, den ich mir als Studentin in den Neunzigern gestattete, als mein damaliger bester Freund sich um ein Stipendium bei der Adenauer-Stiftung beworben und sich politisch entsprechend positioniert hatte, ansonsten aber noch ganz der war, als den ich ihn kennengelernt hatte. Da stichelte man manchmal herum, diskutierte sich die Ohren heiß oder umschiffte elegant ein paar heiklere Themen (oder rettete sich auf das Terrain des Humors), wandte sich aber überwiegend dem zu, was miteinander gut ging und schön war: Konzerte, Theater, Literatur, Kneipenbesuche, Spaziergänge, Weinfeste, Spieleabende mit Freunden.

Und nun?

Nun praktizieren wir Kontaktreduzierung, und das noch dazu in kulturreduzierter Form, d.h. ohne einen Großteil der gewohnten Lokalitäten und Inspirationsquellen. In diesem reduzierten (Er-)Lebensraum (unter dem der eine mehr, der andere weniger leidet) scheiden sich nun die Geister an Corona, und sie tun es heftig, und ich fürchte, es wird noch heftiger werden.
Die Frau eines langjährigen Freundes versinkt immer tiefer im Verschwörungskosmos (und der Freund verzweifelt allmählich), ein anderer Freund teilt polternd mit, er halte von diesem Drosten rein gar nichts (und hüllt sich auf meine Frage nach dem Warum nachhaltig in Schweigen), ein dritter lässt durchblicken, dass er das Buch von Bhakdi quer(! 🙂 !)gelesen habe und da durchaus was dran sein könne (man müsse halt offen sein und nicht immer nur Mainstreammedien… usw. – na, Sie wissen schon).

Im Supermarkt kriegen sich die Leute in die Haare (Gänge zu schmal, Eile zu groß), im Mietshaus verschärft sich das Müllproblem (Tonne zu klein, Amazonkartonmenge zu groß), in der Blognachbarschaft geht das Gekeife los, sobald ein Blogbeitrag klar Position bezieht (Hirn zu klein, Goschn zu groß – was man halt wechselseitig so voneinander behauptet, wenn man intensiver über Corona zu sprechen versucht und die Meinungen diametral auseinander liegen).

Mehr und mehr mache ich die Schotten dicht.
Bin des Diskutierens müde, bin überhaupt ständig müde. Pflege meine beiden Jenseits-des-eigenen-Haushalts-Kontakte, überwiegend im Freien, wenn es denn nicht zu bitterkalt ist da draußen.
Igel mich ein mit dem Gatten und dem Dackelfräulein und meinem neuen Gefährten, dem Akkordeon.

Ein so wunderbares Instrument! Und es liegt genau dort auf, wo ich wohne, am Solarplexus, der einzigen Körperstelle, an der ich das, was man gemeinhin das „Ich“ nennt, am deutlichsten ehesten spüre (andere Ichs wohnen wohl eher im Kopf oder im Bauch, wie man so hört) und ich bin sicher, dass das mit ein Grund war, der mich genau zu diesem Instrument greifen ließ.
Mein erstes Etappenziel – bis Weihnachten das Mietshaus mit „Jingle Bells“ zu beschallen (Süßer die Rächer nie klingen!)- ist bereits in greifbare Nähe gerückt und überhaupt empfinde ich oft reinste, kindliche Freude beim Üben dieser schlichten Lieder, die man rauf und runter spielen muss, um etwas Übung zu bekommen (nur manchmal nörgelt eine innere Stimme herum, schimpft mich einen kläglichen, unsäglichen Anfänger und lästert über meine langsamen Fortschritte).

Arme und Schulterpartie haben sich zwischenzeitlich einigermaßen an das Gewicht der Quetschn gewöhnt.
Dafür seit Neuestem seltsame Nierenschmerzen (so neu, dass es aktuell gut gelingt, noch nicht danach zu googeln, sondern auf plötzliches Verschwinden zu hoffen), übles nächtliches Ziehen in den Gelenken (ein Phänomen, das ich, neben anderem kleinen Körperkram, der Prämenopause zuordne, ein Begriff, der in meiner Wortwelt die unterste Sprosse einer Vokabelleiter markiert, deren letzte Sprossen dann mit Oberlippenfalten oder gar Oberlippenbart beschriftet sein werden), ein zunehmend verspannter Nacken (in Woche 5 ohne den geliebten Schwimmsport kein Wunder, und zu alternativen HWS-Lockerungsmaßnahmen hab ich mich noch nicht aufraffen können bzw. erhoffe hierzu Anleitung durch den hübsch Bewimperten) sowie eine Lippenherpesserie vom Feinsten (die kommt eindeutig vom regelmäßigen, längeren Maske-Tragen, eine Sache, deren Ausgang ich noch nicht weiter zu durchdenken wage, nachdem bislang bereits festzustellen ist: je mehr Maske, desto mehr Herpes, und je mehr Herpes, desto mehr Maske – ziemlich absurd, denn das pustelproduzierende und daher eigentlich negativ konnotierte Objekt erlangt schließlich eine positive Umdeutung insofern, als es das, was es lästigerweise hervorruft zugleich praktischerweise zu verbergen hilft -, bestimmt gibt’s auch schon ein kluges Fremdwort für dieses Paradoxon, leider kenn‘ ich es nicht, sollten Sie es kennen, lassen Sie’s mich unbedingt wissen!).

Im Internet hat der Aerosolrechner längst den Gehaltsrechner abgelöst, an den Rückspiegeln der Autos, in denen früher eklige Duftbäumchen baumelten, flattern nun speckige Mund-Nasen-Schutzmasken im Sichtfeld des Fahrers herum, es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht irgendwann im Hintergrund der überdimensionierte, rot-gelb-orange-pink-violett (je nach Sender) gefärbte 3D-Kugelfisch seine Runden durchs Seuchengeschehen zieht.
Die eigene Tagesplanung orientiert sich an dem, was noch geht und daran, wie es derzeit zu gehen hat und wie es am besten (= am begegnungsfreiesten und sichersten) geht, plus all dem, was gehen muss, egal wie.

Die Fixierung der Corona-Politik auf die Weihnachtsfeiertage geht mir total auf den Senkel (vortrefflich zusammengefasst wurde mein Genervtsein in diesem Essay von Boris Herrmann).
Das mag ein Stück weit an meiner generellen Haltung zu Weihnachten liegen, aber wirklich nur ein Stück weit.
Vor allem habe ich wenig Lust, im Januar dafür zu büßen, dass andere die Festtage damit zugebracht haben, sich im täglichen Wechsel mit bis zu zehn anderen Haushalten zu umgeben (was freilich drinnen und ohne Abstände und Masken stattfinden wird, und dauerndes Lüften ist auch nicht, weil dem Christbaume sonst die Lichter ausgehen, sofern es nicht schnöde Elektrokerzen sind, die ihn zieren). An die zuvor empfohlene, mehrtägige Selbstquarantäne wird sich ohnehin kaum einer halten (können oder wollen, das sei mal dahingestellt), und vorgezogene Ferien befördern diese familiäre Klausur nach meinem Dafürhalten auch eher nicht.

So wird es wohl mit Sicherheit ein langer, unangenehmer Winter werden, an dessen Ende man froh sein kann, wenn ihn unbeschadet überstanden hat.

Um mich der Omnipräsenz des Virus zu entziehen, flüchte ich mich in die Natur, in die Bewegung, in Sprach-, Film- und Musikwelten, in die räumliche, akustische oder gedankliche Nähe zu vertrauten Menschen, in die Weihnachtsgeschenkbasteleien – und unter die Bettdecke.

Dort drücke ich den kleinen, warmen, ruhig atmenden Hund an mich und weine ein bisschen vor mich hin.
Vorgestern haben wir der Dackeldame mal wieder das allseits verhasste Körperpflegeprogramm angedeihen lassen: Augen, Ohren, Zähne, Haut, Fell und, weil sich’s anbietet, das bei der Gelegenheit gleich mit zu erledigen, auch ein kurzes Abtasten des Bauchraums.
Nicht, dass ich en detail wüsste, was ich da abtaste, was ich jedoch haargenau weiß, ist, was ich dort noch nicht ertastet habe, weil ja stets der Vergleich zur vorigen Untersuchung in den Fingerspitzen gespeichert ist (so ein Teckeltorso ist ja überschaubar).
Ein erbsengroßer, harter Knoten an der Milchleiste war da bisher jedenfalls noch nie. Der ist neu und auch der Gatte hat ihn sofort ertasten können (da deutlich größer als eine Staublaus, d.h. auch für ihn ohne Neonlicht, Lupe und viel gutes Zureden mühelos auffindbar).

In mancher Hinsicht bin ich ja durchaus ein zäher Knochen und auch psychisch halbwegs robust, was mir aber sofort den Boden unter den Füßen wegzieht, ist jedwede ernsthaftere Sorge um Pippa.

Drücken Sie uns daher gerne in stummer Anteilnahme die Daumen für Freitag, wenn wir den Knoten in der Tierklinik „abklären“ lassen, wie ich es mal ganz abgeklärt ausdrücken möchte, um mich schon ein wenig für diesen Termin zu präparieren, bei dem es sich nicht geziemt, tränenüberströmt ins Behandlungszimmer zu taumeln, weil ja schließlich ein Arztgespräch zu führen und das Dackelchen während der Untersuchung festzuhalten ist (und das Ergebnis auch nicht zwangsläufig existenzbedrohlich sein muss).

You’re a big girl now, ermahnt mich Sir Bob, während ich im Dunkeln durch den ersten Schnee in unserer Stadt nachhause fahre und mich so verwundbar fühle, und so klein.

With a pain that stops and starts
L
ike a corkscrew to my heart.

Bird on the horizon sitting on the fence
He’s singing his song for me at his own expense
And I’m just like that bird oh oh
Singing just for you
I hope that you can hear
Hear me singing through these tears.

Time is a jet plane it moves so fast
Oh but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change I swear oh oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too.

Die Donau so blau.

 

Zur Wochenmitte ein wahrscheinlich letzter Spätherbsttag mit Temperaturen um die 15 Grad (zu Tale). Schnell nochmal den Berg hinauf, bevor diese hässlichen Übergangswochen beginnen: Matsch hier, Schlamm dort, kahle Wälder, karge Natur, eisige Gipfelwinde, noch eisigere Finger, nirgends mehr ein gemütliches Rastplätzchen, Trosttee in Thermoskannen, hastig im Stehen getrunken.

Schon auf der Autobahn merke ich: ein Großteil der urbanen Corona-Homeoffiziere ist ebenfalls auf diese Idee gekommen. In Windeseile ein anderes Ziel überlegt, ich will schließlich einen sozial distanzierten Tag verbringen. Klappt dann auch.

Herrlicher Rastplatz auf einem Zwischengipfel mit Blick auf den vor vier Monaten mit den Freunden in der Morgensonne erklommenen Geburtstagsberg, es gibt einen Mittagsimbiss, dann sonnt das Fräulein sich zu meinen Füßen in der Almwiese und ich gucke weitgehend gedankenfrei geradeaus.

Auf dem Gipfel ist Sense mit der Beschaulichkeit, der Zwiesel ist einfach von zu vielen Seiten aus erreichbar, nur gut, dass wir weder hungrig noch pausenbedürftig dort oben eintreffen.

Beim Abstieg meldet sich nicht nur ein Freund aus Berlin mit ein paar erschütternden Sätzen zum Verhalten der Demonstranten, sondern auch die linke Achillessehne. Ich wundere mich, dass ich bergaufgehend rein gar nichts spürte und es nun aber brennt wie die Hölle. Das steile Wegstück ist daher nur im Schneckentempo zu bewältigen, ich suche in der Karte nach einer Alternative und finde einen Forstweg. Dort geht es sich deutlich besser, nahezu schmerzfrei. Leider aber auch deutlich länger, so dass es gegen Ende hin noch ein Mit-Mütze-und-Handschuh-Tagesausklang wird und wir im Licht der Stirnlampe zum Auto hecheln.

*****

Später, in der heimischen Badewanne liegend, die druckfrische Kolumne von Kurt Kister gelesen und erfreut zur Kenntnis genommen, dass wir im selben Park spazierengehen, und das sogar mit ähnlichen Beobachtungen und Gedanken, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich die meinen, was das Historische angeht, nicht ganz so spontan und gewandt aus dem Ärmel schütteln könnte:

(…) Was also soll man dieser Tage anderes tun, als an die frische Luft zu gehen?

Jüngst tat ich das und gelangte so nach Berg am Starnberger See. In Berg wohnen manche Menschen hinter hohen Zäunen, vielleicht auch, das ist jetzt polemisch, weil die Höhe der Zäune irgendwie damit korreliert, wie viel Vorteil einer, der hinter so einem Zaun lebt, vom hierzulande relativ niedrigen Spitzensteuersatz für wirklich Reiche hat.

In Berg gibt es auch ein Schloss. Es ist dadurch bekannt geworden, dass am Abend des Pfingstsonntags 1886 König Ludwig II. mit dem Psychiater Bernhard von Gudden im Schlosspark am See einen Spaziergang machte, den beide nicht überlebten. Ihre Leichen wurden vor Mitternacht des 13. Juni nahe dem Seeufer im Wasser treibend gefunden. Kurz zuvor war der unter anderem vom Psychiater Gudden für unzurechnungsfähig (damals hieß das irre) erklärte Monarch zwangsweise von Füssen (Neuschwanstein, Hohenschwangau) nach Berg verbracht worden.

Im See steht in der Nähe der nämlichen Stelle ein großes Kreuz, und im Wald darüber gibt es eine romanisierende Kapelle aus den Zeiten des Prinzregenten Luitpold, den man kennt, wenn man als Kind die Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma gelesen hat, was heute wahrscheinlich kein Kind mehr tut. Kinder bekommen – so nicht weit vom Todesort König Ludwigs auf dem Spazierweg gesehen – heute ein Telefon in den Kinderwagen gehalten, das eine lustige Melodie spielt, während sich irgendwas Buntes auf dem Schirm bewegt. Kind schreit, Telefon macht lalala, Kind glotzt. Man sollte ein Smartphone entwickeln, das einen Kinderwagen schieben kann. Oder noch besser: ein Smartphone, das Kinder zeugen und gebären kann. (…)

[Kurt Kister, Kolumne „Deutscher Alltag“ vom 18.11.2020]

*****

Der hübsch Bewimperte und ich schicken einander gelegentlich Fotos von unterwegs.
Der jeweils Nicht-Unterwegs-Seiende muss dann erraten, wo genau das Foto entstanden ist, außerdem muss mindestens einer der im Hintergrund sichtbaren Berge korrekt benannt werden, manchmal auch ein See oder ein Kircherl oder die Herkunft einer To-go-Ausbeute („Erkenne den Konditor am Kuchenstück!“).
Eine kleine Schulung in Heimatkunde, die uns großen Spaß macht.

Mein Volltreffer diese Woche: Ort und Berg exakt erraten!

*****

Beim letzten Fensterputz des Jahres ausnahmsweise mal Radio gehört, weil der CD-Player zu laut aufgedreht werden müsste, um auch den Südflügel der Wohnung adäquat beschallen zu können.
Festgestellt, dass es noch genauso wie vor 35 Jahren nervt, wenn der Moderator in den Schluss eines Songs hineinquatscht. Wenn sie sich bei Bayern 1 schon dazu entschließen, die heilige Bohemian Rhapsody in voller Länge zu spielen, kommt es auf die 5 Sekunden ja wohl auch nicht mehr an.
Damals hat einem diese Moderatorenunart ganze mühsam zusammengebastelte Kassetten versaut, heute würgt es das eigene Mitsingen unsanft ab, aber schon das ist ärgerlich genug.

Umso wichtiger, dass ich mein dieser Tage begonnenes Projekt – die Generalüberholung der SD-Karte im Auto – zügig abschließe, damit ich auch dort weitgehend radiofrei über die Runden komme.
In dem Kontext eine lebenswichtige Frage an Mr. Spike: Wie krieg ich das blöde iTunes dazu, die Titel der knapp 20 CDs, die du mir gebrannt hast, a) zu erkennen und b) zu importieren?

*****

Mit den Wochenendeinkäufen auf dem Rücken und einem großen Paket Klopapier unterm Arm an der Ampel wartend, sucht mein Blick Halt in der näheren Umgebung, um nicht in einem fremden Augenpaar zu landen und dort womöglich die Klopapierfrage zu erspähen.

Was ich stattdessen erspähe: Links ein irritierendes Inserat am Laternenpfahl (soll man sowas melden oder entfernen oder nicht weiter ernstnehmen?), rechts eine verstörende Schlagzeile an einem Zeitungskasten (dürstet es derzeit irgendwen nach Ausflügen zu Skeletten oder anderem Spukzeugs?).

*****

Die verflossene Jugendliebe aus Wien schickt aus heiterem Himmel eine Mail.
Nach ein paar Jahren Funkstille schreibt mir K., dass etliche seiner Kollegen in der Klinik und auch er diese Woche an COVID-19 erkrankt seien. Er selbst zwar „nur“ mittelschwer, aber da er nicht wisse, wie sich das alles weiterentwickeln würde, hätte er sich eben nochmal melden wollen.

Außerdem solle ich mich im Fall des Falles nicht wundern: er habe mich in seinem Testament mit einer Kleinigkeit bedacht, da würde sich also ggf. ein Wiener Notar mit mir in Verbindung setzen. Konkret: Das Stück Donau, das er sich vor einigen Jahren gekauft habe (kein Scherz! die Östereicher halt…), wolle er mir gern vermachen, da weder Frau noch Sohn etwas mit Wasser am Hut hätten. Sollte ich die Liegenschaft veräußern wollen, würde ich nicht reich werden, ein paar Wien-Reisen sollten davon aber finanzierbar sein. Was soll man da antworten?

Ich schicke umgehend eine WhatsApp an die Handynummer, die er der Mail beigefügt hat, bestätige bestürzt den Erhalt der Mail und schlage ein Telefonat vor.
Danach schaue ich mir in YouTube ein Video von der Gegend hinter Klosterneuburg an, irgendwo dort liegt das Stück Donau von K..
Eine Übersprungshandlung, nichts weiter.

*****

Der Strohhalm, den ich in den selbstgebrauten Smoothie stecke, sinkt nicht, wie man das eigentlich erwarten würde, zum Glasrand hin, sondern behält seine Position verdächtig lange bei – wie einzementiert steht er da.

Ich betrachte das als ein gutes Zeichen in diesen unsicheren Zeiten, in denen so vieles ins Wanken geraten ist und noch geraten wird und benenne das Getränk ab sofort in Strongie um.

Ihnen noch ein schönes Wochenende & bleiben Sie gesund!

Amilienumkle oder: Nächtliche Notate zur Lage der Situation.

An sich bin ich kein Freund sprachverhunzender Kleinschreiberei, mir persönlich kommt dabei schnell jeder Lesefluss und -genuss abhanden.

Für amilienumkle möchte ich allerdings kurzfristig eine Ausnahme machen. Es ist ein ganz besonderes Wörtchen, zumindest für mich, denn es war die finale Wahrnehmung in meinem geliebten Schwimmbad, als ich vor über zwei Wochen zum letzten Mal in der Umkleide stand.

Da mir bereits schwante, dass es das für 2020 vermutlich gewesen sein dürfte mit meinem Lieblingssport, drehte ich mich vor Verlassen des Raumes noch ein letztes Mal um, so eine Art stummes rundumblickendes Abschiednehmen war das, und dabei fiel mein Blick auf jenes Schild, das mir noch nie zuvor aufgefallen war.
Dem dort aufgedruckten Wort fehlten ein paar Buchstaben, aber es gefiel mir sofort: amilienumkle.

Ich fotografierte es und noch auf dem Weg zum Parkplatz murmelte ich die neue Vokabel gleich ein paarmal vor mich hin: amilienumkle, amilienumkle, amilienumkle – und beschloss, dass sich das Wort eigentlich gut als Name für eine besonders seltene, sonnengelbe Seerosenart eignen würde (weshalb der Begriff ab sofort auch einen vernünftigen, großen Anfangsbuchstaben von mir erhalten wird), die ich mir als ein Symbol der Hoffnung (auf bessere Zeiten, konkret: auf ein möglichst nicht erst zu Ostern stattfindendes Wiedersehen mit dem Lieblingsbad) erschaffen und erhalten könnte.
Immer, wenn es mich künftig bedrücken würde (und mittlerweile tut es das recht oft), dass ich nirgends mehr ins Wasser springen und loskraulen kann (nein, Neoprenanzug im November ist nichts, wonach es mich verlangt!), könnte ich das dann flüstern und an eine seuchenfreie, sonnige Schwimmzukunft denken: Amilienumkle, Amilienumkle, Amilienumkle.

Fast wie ein kleines Gebet fühlt sich das an, und es würde mich nicht wundern, wenn ich in ein paar Wochen noch ein „Amen“ hinzufüge, obwohl ich mich nach wie vor zu den Atheisten zähle.
Man wird ja ein bisschen sonderlich und schrullig in diesen Zeiten.

*****

Apropos „in diesen Zeiten“.
Besser gesagt: Apropos Sprachbetrachtung im Allgemeinen und Besonderen.

Auf (oder in?) einem von mir sehr geschätzten Blog, der mir allwöchentlich am Montagmorgen den Einstieg in die beginnende Woche erleichtert bis kandiert, möchte ich Ihnen, sofern Sie sich für Sprache und deren Aberrationen interessieren, die vom Autor jenes Blogs mit großer Inbrunst (und kleinem Ingrimm) notierte und regelmäßig aktualisierte „Liste des Grauens“ ans Herz legen.
Sie werden staunen, welche Floskeln, Plattitüden und Worthülsen Sie unter den aktuell 452 Einträgen entdecken, die auch Ihren werten Lippen gelegentlich entschlüpfen!

Ein gutes Drittel der dort versammelten Phrasen erinnert mich zwar aufs Schlimmste an die in stundenlangen Meetings zu erduldende Verbaldiarrhoe meiner 17-jährigen Ära als IT-Consultant (zu Beginn der 17 Jahre noch schlichtschnöde Anwendungsberater genannt), dennoch liebe ich es, in dieser Sammlung zu stöbern.
Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich in meinem Smartphone eine ganz ähnliche Liste führe: Sprachschrott, den man so hört oder liest und bei dem sich sofort die Nackenhaare aufstellen oder der nächste Herpes sich Bahn bricht.

Vor einigen Wochen glich ich meinen privaten Wortmülleimer erstmals mit dieser Sammlung ab, Anlass war die damals etwas zu oft gehörte Hassphrase „am Ende des Tages“ sowie das grassierende, pseudogeheimniskrämerische (nicht aber pseudoblöde) „aus Gründen“ und ein (hoffentlich nur) pandemiebedingter Zuwachs an „Calls“ allerorten.

Größtenteils fand ich den Inhalt meiner Truismus-Tonne 1:1 im Archiv des Bonner Bloggers wieder, lediglich „Blablablubb“ (gern verwendet, wenn das, was ein anderer abgesondert hat, für zu viel oder zu unwichtig gehalten wird), Tschautschau“ oder „Ciao ciao“ (oder ist das am Ende – nicht des Tages, aber meines Sprachverständnisses – gar ein spezieller Kynologengruß und heißt eigentlich „Chow-Chow„?) und aus mir unerklärlichen Gründen auch das gruselige „aus Gründen“ sind bislang noch nicht mit von der Partie.

Sonst aber wirklich alles.
Chapeau! ( 😉 – siehe „Liste des Grauens“, Nr. 262)

*****

Facebook empfiehlt mir jüngst diesen Artikel aus der „Welt“:

Lektürezeit, die man sich getrost sparen kann – das Foto genügt ja wohl zur Erklärung, wieso man das nicht tun soll.

*****

Wohingegen mir das nachfolgende Foto nicht erklärend genug war – hier hätte ich doch zu gern auch noch gesehen, was mit den beiden abgebildeten Wanderern geschah, als die „Skulptur“ zu Phall Fall kam.

*****

Ansonsten leben wir lockdownlight-konform vor uns hin.

Der Gatte (vor Erhalt seines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich (nach Erhalt meines Coronatestergebnisses), bei einem Ausflug an den See.

Ich spaziere überwiegend allein oder mit den Angehörigen meines kleinen Hausstandes oder maximal denen eines anderen kleinen Hausstandes durch die Gegend.
Und bin wie so oft sehr dankbar dafür, wie schön wir es hier haben. Nicht auszudenken, wie sich so ein Lockdown in Ennepetal anfühlen mag oder in dem Kaff nahe Jena, in dem ich mal während einer Dienstreise einquartiert wurde, weil ganz Jena wegen einer Messe ausgebucht war.

Auch der hübsch Bewimperte und ich sind mittlerweile perfekt eingespielt, was Tour- und Törtchenplanung sowie vorausschauende Recherche der jeweils tournah geöffneten To-Go-Kioske (ein Begriff, den ich sofort auf meine „Liste des Grauens“ setzen werde) für das frisch gebrühte Tässchen Kaffee…

 

…und überhaupt freut man sich am besten intensiv an den kleinen Dingen.
Dazu passt ganz hervorragend, dass in den Bäckereien die Plätzchensaison begonnen hat.

Nebenher bastle ich an meinem Buchvorhaben (fragen Sie bitte nicht nach, ich möchte noch nicht darüber sprechen, schon gar nicht hier!), übe auf dem Akkordeon (Nackensteife links im Wechsel mit Nackensteife rechts, dazwischen ein paar Töne) und halte mich viel in der Küche auf. Vielleicht sogar zu viel, wie nachfolgende Maismehl-Grafik zeigt, in die sich aus purer Überlastung ein fataler Fehler eingeschlichen hat.

Das mit dem Akkordeon lässt sich gut an und ist eine feine Sache, bedeutet aber nicht nur Musik, sondern auch Sport, wie ich feststellen musste, denn die 8 Kilo (Instrument plus Koffer) müssen ja auch zum Unterricht hin (und zurück) transportiert werden.

Wenigstens bringt einen vor Ort nicht auch noch der Lehrer ins Schwitzen, weil der sieht exakt so aus wie er heißt (und ich behaupte einfach mal, daran würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, wenn er den Mund-Nasen-Schutz abnähme).
Eine Beschreibung, die Sie jetzt leider nicht verstehen können, da ich hier natürlich nicht seinen echten Namen verkünden kann, damit Sie den dann gleich googeln oder so. Sowas macht man nicht.

Stellen Sie sich einfach ersatzweise einen Mann in den Fünfzigern vor, von kugeliger, untersetzter Statur, mit krass bayerischem Dialekt und einem Namen wie Rudi Humpertinger – die Vorstellung, die Sie dann haben, die trifft es in etwa.

Ideale Lernbedingungen also.

*****

Auf dem Land ist Santa Claus schon im Anmarsch…

Die spinnen, die Bayern.

…während es mir hier in der Stadt noch recht unvorweihnachtlich vorkommt.

Deko vor dem Supermarkt.

Soweit für heute.

Kommen Sie gut durch die Woche und halten Sie vorsichtshalber schon mal Ausschau nach einem passenden Corona-Freund, falls am 25. November festgelegt werden sollte, dass jeder Haushalt sich künftig nur noch mit einem anderen, festzulegenden Haushalt (und aus diesem auch nur mit einer Person) treffen darf.

*****

Himmel der Bayern (88): Mit der Lütten zu den Bütten.

Große Hunderunde bei Gmund: Weil das Dackelfräulein ausgeführt werden muss und weil vor dem Besuch beim Papa ein paar erfreuliche Eindrücke getankt werden sollen, um für die, die einen dann dort ereilen werden, besser gewappnet zu sein. Der zweite Lockdown (und überhaupt dieses ganze Jahr) hinterlässt so seine Spuren im Leben eines Parkinsonkranken.

Von Gmund-Seeglas den Uferweg entlang, inklusive Hundestrandbesuch, dann hinauf nach Elend, weiter über Niemandsbichl und von dort via Louisenthal zurück nach Gmund.

Muss ja nicht immer ein Berg sein, See und Hügelland sind auch mal schön. Und die Büttenpapierfabrik erst!

Abends dann Formularausfüllhilfe, Krankengeschichtsupdate, Haushaltsprobleme, Coronathemen und die unvermeidliche Weihnachtsfrage mit der altbekannten Antwort.

Das Fräulein guckt derweil genüsslich Hundefernsehen – so einen fetten Martinibraten bekommt sie daheim schließlich nie zu sehen.

Nach fünf Stunden dröhnt mein Kopf von all dem Besprochenen und der immer lauter werdenden Lebensgefährtin des Papas. Wie hält er das nur den ganzen Tag aus?

Als ich aufbreche, trete ich im dunklen Garten auf einen toten Igel und muss heulen.

Pandemic Peaks oder: Bedeutungslose Berge in Bayern.

Die Einschläge kommen näher.
Jemand, mit dem der Gatte in einer präsenzerfordernden Besprechung saß (mit großem Abstand zu allen Teilnehmern und mit offenen Fenstern), ruft an und teilt mit, er sei positiv getestet worden und befände sich nun mit leichten Covid-19-Symptomen in Isolation. Öha!
Nach einer Schrecksekunde beschließen wir, die empfohlene Quarantänedauer durch einen Corona-Test (hoffentlich) abzukürzen.

Top organisiert, dieser Test-Termin, null Wartezeit, zumindest wenn man zu Fuß hingeht, ein bisschen spooky zwar, dieses zweckentfremdete Bierzelt, aber mei.

Bis zum Testergebnis werden wir nun niemanden mehr treffen.
Und suchen nur noch Orte auf, an denen auch uns niemand mehr treffen kann.
Das macht uns zum einen nicht viel aus, da wir ja auch sonst mal gern ein paar Tage lang recht abgeschottet leben und arbeiten.
Zum anderen sind wir Anhänger des pandemischen Imperativs, den Herr Drosten in seiner Schillerrede verkündet hat: „Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an„.

Angst haben wir keine. Vermutlich wird einem das in den nächsten Monaten noch öfter so ergehen, dass sich im Umfeld jemand infiziert hat und einen darüber informiert.
Überhaupt ist das mit der Angst ja einer der interessantesten psychologischen Aspekte (und Argumente) in dieser Pandemie. Die Querdenker unterstellen den Geradeausdenkern immerzu Angst (im Sinne eines von der perfiden Regierung und dem teuflischen Drosten angeworfenen Motors, der uns antreibt, ebenso blind wie verschreckt einem diktatorischen Ruf in unseren eigenen Untergang zu folgen, wenn wir nicht endlich – so wie sie – quer statt geradeaus denken und „die Wahrheit“ hinter all dem Raunen hören/sehen/erkennen. Die Geradeausdenker hingegen attestieren den Querdenkern ebenfalls von Angst getrieben zu sein (weshalb sonst würden die den diversen Gurus oder dem Geschwurbel, das auf diesen Gottesdiensten Versammlungen verkündet wird, folgen und diese einfachen „Lösungen“ oder Parolen weiterbeten glauben). Besonders bemerkenswert finde ich, dass beide Lager auf die eine oder andere Weise felsenfest von sich behaupten, keinerlei Ängste zu haben.
Bei Gelegenheit werde ich mich darüber vielleicht mal ausführlicher und differenzierter auslassen, vor allem über den feinen Unterschied zwischen „Panikmache“ und „Information“.

Die Quarantänetage nutze ich, um den Balkon endlich winterfest zu machen, Gugelhupf zu backen und zu essen, die Ablagestapel der letzten Wochen abzutragen und das Forschungsprojekt KoCo19 (unter dem Link finden Sie meinen Blogbeitrag zum Studienbeginn) in seinem Fortgang zu unterstützen.
Sie erinnern sich bestimmt: wir gehören zu den 3.000 zufällig ausgewählten Münchner Haushalten, denen das Tropenmedizinische Institut der LMU (die verlinkte Seite offenbart Ihnen u.a. spannende Einblicke in unser Esszimmer) im Rahmen eines großen Corona-Forschungsprojekts Blut und Informationen abzapft.
Erfreulich ist, dass in Phase II des Projekts das Blut nicht mehr aus der Vene entnommen werden muss, sondern man das nun ganz entspannt und ohne den dreiköpfigen Test-Trupp um einen herum eigenständig erledigen kann, nachdem man das Anleitungsvideo studiert hat (das Filmchen hat mich sprachlich begeistert und mir ein neues Lieblingswort beschert: „die Fingerbeere“).

Da das Dackelfräulein auch in Quarantänezeiten hinausmuss, schleichen wir uns maskiert zum Auto und fahren unmaskiert in das schöne und dank Herbstferienende nun endlich wieder halbwegs leere Voralpenland.

Alle bekannten Wanderparkplätze, Wege und Berge werden gemieden, und dabei kommt dann halt auch mal so ein schräges Vorhaben wie das heutige raus.
Als bekennender Zahlenfetischist (nein, nicht von Fallzahlen, sondern von Jubiläen, Geburtstagen und anderen wichtigen Daten) bin ich schon länger auf der Suche nach einem Berg, zu dessen Gipfel ich entweder genau 1.307m hinaufsteigen kann oder der exakt 1.307m hoch ist. Und heute Morgen, beim Studium des Kartenmaterials, entdeckte ich ihn. Sogar in der Gegend, in die ich sowieso gern fahren wollte. Er heißt der oder das Schwarzbergel und befindet sich im Tölzer Land.

Ich (= blauer GPS-Signalpunkt) auf dem 1.307m hohen Schwarzbergel.

Betrachten Sie dieses alpine Ziel übrigens ausnahmsweise einmal explizit nicht als Wanderempfehlung, außer Sie sind Förster, Fährtensucher oder warten auch gerade auf Ihr Testergebnis und müssen dennoch mit dem Hund raus.
Denn das Schwarzbergel lohnt sich nicht. Keine Aussicht, kein Rastplatz, kein Gipfelkreuz, nur ein schnöder Stein markiert den höchsten Punkt.

Der 6,5 km lange und immerhin 640 Höhenmeter überwindende Aufstieg ist zur Hälfte weder ausgeschildert noch instinktiv auffindbar. Ohne GPS-Signal finden Sie den Gipfel garantiert nicht und selbst mit Signal ist er des Gefundenwerdens nicht wert.
Nicht einmal Einheimsiche kennen ihn, wie ich bei der einzigen Begegnung des Tages feststellen durfte („Gehst aufn Geierstein auffi?“ – „Nein, ich gehe aufs Schwarzbergel.“ – „So an Berg gibts hier ned.“ – „Doch, in meiner Karte gibt’s den.“).

Als wir nach einigem schweißtreibenden Hin und Her das Schwarzbergel samt Gipfel schließlich gefunden haben, blinzle ich an einen halb abgeknickten Baum gelehnt ich in die Sonne, esse meine Semmel, trinke meinen Tee und klemme dem Fräulein ihren heiß ersehnten Futternapf in eine Lücke zwischen zwei Tannenstümpfen.
Das ist also ein Lieblingszahl-Berg. Tja. Dass er gar so unscheinbar sein würde, hätte ich nicht gedacht.

Macht nichts, die Bewegung tut trotzdem gut und Ruhe hat man hier auch und beim nächsten Versuch mit einem 1307er probiere ich wohl besser die Variante aus, bei der die Zahl sich auf die zurückzulegenden Höhenmeter bezieht und nicht auf die Höhe des Berges.

Beim Abstieg machen wir noch einen Schlenker hinüber zum Geierstein, auf richtigen Wegen und sogar von Schildern und neugierigen Blicken begleitet.

Die Entschädigung für all das Unspektakuläre kommt ganz zum Schluss – und dann aber knüppeldick.

Was für eine Stimmung, was für ein Panorama, was für ein Sonnenuntergang!

Freuen Sie sich schon heute auf eine weitere Folge der neuen Serie „Pandemic Peaks – bedeutungslose Berge in Bayern“, wir werden solche Unternehmungen in nächster Zeit nämlich fortsetzen und uns lockdowngemäß weitgehend von den Mitmenschen fernhalten, obwohl soeben das negative Testergebnis eingetrudelt ist und man ja nun wieder auf normalen Wegen wandeln dürfte.