Mountaindog.

Die Goldigkeit dieses Oktobers nimmt einfach kein Ende.

So der Papa heut Morgen am Telefon. Und: Dort draußen in den Bergen sei schönstes Wetter.

Echt? Der Blick aus dem Fenster der Münchner Wohnung verlor sich nach wenigen Metern im dichten Nebelgrau!

Wenngleich in post-konzertanter und frauenspezifisch etwas angeschlagener Verfassung gab ich mir um 11 Uhr doch noch einen Ruck, packte die Bergsachen, etwas Verpflegung und natürlich das Dackelfräulein ein – und fuhr los.


Zu einem der Hausberge, der Benediktenwand. Wie oft ich da wohl in meinem Leben schon war? 20x, 25x, noch öfter? Und es wird nie langweilig!

Weil der Berg ja jedesmal anders ist zu dir, und du dich auf ihm auch jedesmal anders bewegst, weil du dich nie gleich fühlst, weil du immer in anderer Verfassung hochsteigst als du hinunterkommst, weil dein Gepäck stets ein anderes ist und weil sowieso nichts im Leben wiederholbar ist (wir gaukeln uns das manchmal nur gern vor).

Heute also von Benediktbeuern aus durchs Lainbachtal hinauf, ein Traumweg zu jeder Jahreszeit. Nicht ganz hoch auf die Wand, versteht sich, weil da muss man schon früher aufstehen und fitter sein, das dauert mit Auf-, Abstieg, Pausen und Grat-Querung mal locker 8 Stunden.

Heute nur auf die Tutzinger Hütte, aber was heißt „nur“? Bei flottem Tempo sind das hoch und runter auch schon gut viereinhalb Stunden, plus Rast auf der Hütte.

Übrigens eine der am schönsten gelegenen Hütten im Voralpenland, sollten Sie mal in der Gegend sein, lassen Sie sich das nicht entgehen. Herrliches Hochplateau am Fuße der Felswand. Wirkt viel höher und alpiner als es ist.

Eine Stunde dort gesessen und geradeaus geguckt. In der Ferne ein paar Steinböcke gehört. Die herbstliche Bergluft inhaliert. Dazu ein Reutberger. Mich sehr heimisch gefühlt dort oben und überhaupt.

Große Harmonie heute auch zwischen Pippa und mir. Perfekte Kommunikation unterwegs, einer achtet auf den anderen. Die Trageübungen klappen auch immer besser. Man muss sowas ja frühzeitig trainieren, damit es dann sitzt, wenn man mal regelmäßiger drauf angewiesen sein wird.

Heut erstmals das klare Gefühl: Sie wird das lernen, mir zu signalisieren, wenn sie nicht mehr kann. Und ich werde lernen, dass ich das Gewicht – hinten Rucksack, vorne Hund – so verteile, dass ich sicheren Schrittes weitergehen kann und sich die Nackenschmerzen anschließend in Grenzen halten.

Noch ein, zwei heftigere Herbststürme und das letzte Laub wird zu Boden gegangen sein. Der Lauf der Dinge: ein ewiges Erblühen und Verblühen. Alles Leben ist letztendlich kompostierbar – mich persönlich beruhigt das.


In der Dämmerung wieder unten im Tal angekommen.

Der Abendnebel wickelt sich gerade um die Türme des Benediktinerklosters. Ich wickle den müden Mountaindog in eine Decke, mich in meine Fleecejacke und fahre zufrieden heimwärts.

Songdog.

Nach dem gestrigen Geburtsdog heute ein Songdog!

Bzw. gleich mehrere, denn im Lindwurmhof rockte vorhin ein ganzes Rudel ab… – Carl Carlton & The Songdogs waren im STROM zu Gast.
(Gucken Sie sich einfach die verlinkte 3:49-Kurzdoku an, dann wissen Sie Bescheid, und hören Sie unbedingt ab 2:34 für 20 Sekunden besonders gut hin, an der Stelle musste ich am meisten schmunzeln. Cool & völlig klar: Familienurlaub hat immer Vorrang, der Boss versteht sowas!)

Da lobt man sich doch mal wieder die Großstadt und den eigenen Standort in derselben: Direkt umme Ecke – was ja stets wichtig ist, damit das Fräulein nicht lang zuhause allein bleiben muss – eine prima Location, die auch dem ostfriesischen Haudegen zu taugen schien.

Ein fetziges Konzert, häufig dachte man wirklich, bei den Stones gelandet zu sein.
Vor allem aber versank ich immer wieder im Gitarrenspiel von Moses Mo, quasi der Nils Lofgren der Songdogs, vor allem, was die Statur angeht (und die Unterlippe und das Grinsen). Überhaupt waren die fünf Jungs auf der Bühne klasse: so perfekt eingespielt auf- und miteinander, so gut drauf, so voller Elan und so weit entfernt von jeglichen Starallüren.

Was rührend und ein bisschen putzig war: Carl Carlton sortiert sich nach jedem Gitarrenwechsel das schüttere Haar, das ellenlange, gezwirbelte Bärtchen von Moses Mo muss auch gelegentlich aus Verhakelungen befreit werden und auch Wyzard, der Bassist, ist immer wieder damit beschäftigt, seine monströse Kopfbedeckung zu richten.

Was mir ab und zu aufstieß: das viele Geschwafel zwischen den Songs. Das waren manchmal durchaus nette Anekdoten, zu oft drifteten sie mir aber Richtung Palaver oder Klamauk ab und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die dialektale Assoziation: denn wenn der wirklich äußerst sympathische Herr Buskohl (wie Carlton mit bürgerlichem Namen heißt) länger in deutscher Sprache was erzählte, erinnerte er mich unweigerlich an Otto Waalkes (beinahe lauerte ich schon auf das glucksende Lachen, auf den Hoppelgang über die Bühne oder ein kleines „Dänen lügen nicht“-Intro).

Und sonst so?
Super Musikclub. Gute Belüftung. Kein Soundbrei. Dafür die falsche Weißbiermarke, zu teuer noch dazu. Links neben mir eine Endfünfzigerin, die es schafft, zwei Stunden am Stück mit dem Kopf Bewegungen wie ein Blässhuhn zu vollführen (nick-nick-nick) und dabei den Unterkiefer vorzuschieben wie ein Granatbarsch auf Beutefang. Rechts neben mir ein leicht abgehalfterter Cowboy (mit echtem Westernhut aus Leder), saunetter Typ aus dem Oberland, regt sich sehr bayerisch über die schräg vor uns ausflippenden Weiber auf („De ham wohl ihre Hormone nimmer beinand!“). Ja, schon krass, wie die sich gebärden, jenseits jedes Takt- und Rhythmusgefühls, aber mei, sie haben Spaß. Übrigens lang nicht mehr so viele Bonnie-Tyler-Mähnen gesehen, alles sehr blond und kaputtgefärbt (und ich bekomme sofort noch mehr Lust, das Haar künftig wieder sehr kurz zu tragen), ansonsten vom Publikum her ein Mix aus Studienräten, Vertretern der Harley-Davidson-Fraktion, Alt-Achtundsechzigern, Rockern, Musikfreaks, Bierliebhabern und anderen Unverwüstlichen. Bassd scho.

Alles in allem bei Weitem nicht diese Mega-Emotionskiste wie neulich in Wien (ertrüge ich vielleicht auch gar nicht, ist ja erst so kurz her und noch so präsent), auch null Winckelmann (im Sinne von „edle Einfalt“/“stille Größe“ und so), der heutige Gitarrengott optisch auch deutlich verlebter als der fesche Grazer (nur 7 Jahre Altersunterschied zwischen denen? -kaum zu glauben!) und rein stimmlich mindestens eine Liga drunter, dennoch ein prima Musikabend, so rockig und animierend, dass man die roten Stiefelchen etwas beansprucht hat und das Shirt anschließend in die Wäsche musste.

Ein großes Dankeschön an den geschätzten Mr. Spike für diesen grandiosen Hinweis zur Erweiterung meines (live-)musikalischen Horizonts – und meinerseits an dieser Stelle noch ein Hinweis retour: bitte zum nächsten Geburtstag vielleicht den eventim-Gutschein gleich ein bisserl höher ansetzen (es finden sich bestimmt noch weitere Sponsoren, die mit einsteigen), damit ich solche Fortbildungen demnächst noch unkomplizierter und zahlreicher besuchen kann.

Keep on rockin‘ & gute Nacht zusammen!

Geburtsdog.

Zur Spätnachmittagsstund‘ in Gmund: Das Fräulein erfreut sich am Hundestrand, ich mich am menschenleeren Nachsaison-See.

Nun weiter zum Papa, wieder einer dieser Wer-weiß-wie-viele-noch-Geburtstage.

Ein Geburtsdogstänzchen für den Opi (und eine Gedenkminute für P., der uns seinerzeit Hauptmanns „Und Pippa tanzt“ schenkte, zum Einzug des Dackelfräuleins).

Vergessene Berge.

Treffpunkt: Kochel am See. 16 Grad, Nebel, ein feuchtkühler Herbstsamstag.

Mit seiner alten BMW biegt B. auf den Parkplatz ein, steigt ab und hält mir die Wanderkarte unter die Nase. Sein erster Vorschlag ist die Sonnenspitz, ich studiere kurz die Karte und willige ein. Denn das sieht exakt nach der Art von Tour aus, die das Dackelfräulein am meisten liebt: null Forststraße, null Asphalt, ausschließlich schmale Bergpfade.

Wir gehen die 700 Höhenmeter auf die Sonnenspitz (die sich heute Mittag leider überwiegend in Wolken hüllt) sehr flott hoch. Und das nicht etwa, weil wir Lust auf einen Bergsprint haben (ganz im Gegenteil: B. steht kurz vor seiner zweiten Hüft-OP und ich spüre noch die Tour vom Donnerstag in den Waden, außerdem ist es das erste Wiedersehen seit Wochen, so dass es viel zu erzählen gäbe).

Nein! Wir gehen so zügig da hinauf, weil Pippa so freudig und vital vorauswieselt wie seit Monaten nicht mehr. Den Spaß will ich ihr unbedingt lassen, also hecheln wir hurtig hinter ihr her und staunen, wie sie in dem wild zugewachsenen Bergwald überall sofort den richtigen Pfad findet – was gar nicht so einfach ist, denn die Zustiege auf die Sonnenspitz werden seit ein paar Jahren nicht mehr gepflegt, weil die Berge drumrum (Herzogstand, Heimgarten, Jochberg) allesamt beliebter sind als die etwas schroffe, steile Sonnenspitz. Man ist x-mal an ihr vorbeigefahren und hat ihr nie Beachtung geschenkt, geschweige denn, dass man auf sie hinaufgestiegen wäre. Zu Unrecht!

Der Reiz solch vergessener Berge besteht nämlich genau darin, dass sie vergessen wurden. Dass sie nicht gut genug waren für die Top Ten im Blauen Land, nicht spektakulär/hoch/aussichtsreich genug. Das hat zur Folge, dass sie nie überlaufen sind und ihre Wege unberührt wirken. Trifft man doch mal auf andere Bergsteiger, sind es Einheimische, Mountainbiker verirren sich gar keine hierher.

Das Beste: es herrscht völlige Ruhe auf einem vergessenen Berg. Und für die Hundenase herrschen paradiesische Zustände. Hier gibt es bereits mitten auf den Wegen die pure Natur (fast schon: Wildnis!) zu entdecken (anstatt von Bergstiefeln und Fahrradreifen zermalmte Böden). Wunderbare Tour, da waren wir sicher nicht zum letzten Mal!

Und als wir zufrieden und erschöpft wieder im Tal ankommen, trollt sich dann auch das letzte Wölkchen gen Osten, in die Jachenau oder ins Karwendel, so dass der Tag am Seeufer ausklingen kann, weil die Spätnachmittagssonne glatt noch die durchgeschwitzen Klamotten zu trocknen vermag.

Was für eine Woche, was für ein schöner Oktober!

3 Jahre, 2 Hunde, 1 Freundschaft.

Es gibt nichts Verbindenderes als so intensiv und gut verbrachte gemeinsame Zeit.

Danke Euch dreien für diesen wunderbaren Bergtag in Garmisch!

(Für nähere touristische oder persönliche Hinweise halten Sie bitte einfach den Mauszeiger auf das Bild Ihres Interesses – oder klicken Sie’s direkt an.)

Himmel der Bayern (66): Im Moos nix los.

Mittwochsmeditationsmarsch bei Murnau. Kein Mensch unterwegs.

Ein heimatliches Paradies, diese Gegend hier. Das Licht, die Herbstfarben! Und ein zufriedener Ende-der-Saison-Rundumblick auf all die Berge, auf denen man so war, und auch auf die, die man in diesem Jahr nicht bestiegen hat. Kommt ja hoffentlich wieder eine neue Saison, dann wird das nachgeholt.

Lästigen Schreibtischvormittag hinter mir, lustigen Abend mit befreundetem Rudel vor mir.

Stimmige Tagesbilanz.

(Wenn ich nur die Bergschuhe für morgen nicht daheim vergessen hätte. Kruzifix, muss man sich allmählich echt jeden Handgriff notieren? Na wird schon trotzdem gehen…)

Anything else?

Für Andrea & Wolfgang.

Das Equipment für die Jubiläumsfeier steht bereit! Mehr braucht’s nicht, oder?

Räumt schon mal ein Platzerl im Kühlschrank frei, bürstet den großen Braunen, legt den Forenbacher ein und lüftet das Gästezimmer durch – Pippa und ich sind bald im Anmarsch 😎🐕💕

Saisonende verpasst.

Kommt man heut an den Lieblingsort, hat doch glatt der Biergarten die Saison schon vor uns beendet…

Auch das Fräulein spürt’s: exakt hier fehlt unser Tisch!

…was wir natürlich wussten und weshalb wir selbst Proviant dabeihatten, ein bisserl fehlte die Jakobs-Weiße dann halt doch, aber man kann nicht alles haben: Konzert in Wien UND letztes Seebiergartenwochende mit Streuselkuchen und Weißbier und Sonnenschein, und so rascheln wir zufrieden durchs bunte Laub und freuen uns des Lebens und an dem, was wir haben und was vor unserer Nase ist – ohnehin mehr als genug, das alles.

Seeblick mit Zugspitze (wenn man genau hinguckt).

Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

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Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: Sori, überzeugte Wahl-Wienerin und meine Blogfreundin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

Auf ein oberösterreichisches Bier im Front-of-stage-Bereich…

…während der Musiker sich am Tresen seine Setlist zusammenbastelt.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf Soris Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, sie ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke auch hierfür, Sori!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

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Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

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Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke, Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke, Sori, für den herrlichen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

Nachträglich…

…alles Gute zum gestrigen Welthundetag, meine geliebte Pippa, und ich hoffe, es ist mir gelungen, die gestern buchstäblich ins Wasser gefallene Würdigung dieses wichtigen Feiertages wie versprochen heute angemessen nachgeholt zu haben.

Endlich wieder Sonnenschein, dazu eine kleine Bergtour ganz nach deinem Geschmack, also ohne Forststraßen und mit vielen schmalen Steigen sowie Pfotenkühlen im Schwarzenbach. Auf der Tegernseer Hütte dann eine Extraportion Futter für dich und anschließend noch ein ausgiebiger Besuch bei deinem Opi.

Zwei Täler weiter ist heute dein großer Freund Bobby angereist, damit du ihn endlich wiedersehen kannst. Und morgen darfst du zum Mantrailing-Schnupperkurs.

Zufrieden? Es sah zumindest ganz danach aus!