„Der Großteil der Demonstranten kam aus dem bürgerlichen Lager.“

Heute Nachmittag, vor meiner Haustür.

Sehen Sie mir bitte die miserable Bildqualität nach – der Zoom vom Handy ist nicht der beste und mir war wichtig, den Mindestabstand zur dargebotenen Vielfalt der Meinungsfreiheit einzuhalten.

(Überschrift des Blogbeitrags: Zitat aus der“Rundschau“ vom 16. Mai 2020, Bayerisches Fernsehen.)

Another Workout with Waldi.

Ein hundum guter Tag heute.
Stadtferner Stabilisierungs- und Distanzierungs-Marsch ohne Fremd-Aerosole und Zickzacklaufen.
Dafür mit allerlei Equipment auf dem Rücken, was einen zusätzlichen Trainingseffekt beschert: Neben Proviant und Wechselwäsche noch Hundetrage, Decke und Verbandszeug (wir hätten locker biwakieren können), denn die Bergretttung zu rufen, das ist ja – so unwahrscheinlich der Fall der Fälle auch ist bei diesem Gelände – derzeit tabu (so tabu wie es der Zwiesel und der Blomberg zu normalen Zeiten wären).

Unterwegs beschlossen, ab sofort für eine Weile nur noch abends Nachrichten zu konsumieren.
Die Filter sind etwas überstrapaziert, auch diese funktional-technische Rhetorik mit all ihren Anglizismen (Hochfahren, Runterfahren, Exit-Fahrplan, Shutdown, Lockdown) kann ich grad nicht mehr hören.

Es beglückt mich zutiefst, beim Rasten die Umgebung und meine Wanderkarte zu studieren und beim Abstieg das alte Kookaburra-Lied zu singen, das mir der Papa vor langer Zeit mal in den Bergen beibrachte.
Sehr schön ist auch, dass einen grad niemand beim Singen ertappt.

Mit einem weiteren Waldi-Video beenden wir nun diesen Tag und wünschen Ihnen eine gute Nacht!

Himmel der Bayern (74): From a distance.

Dieses Jahr auffallend viele Ostergrüße. Per Post, Email, WhatsApp, Telefon. Und eine klasse CD, voll mit Frauenpower, zusammengestellt von einem Mann, ist auch mit dabei: überfällige Erinnerungen an Cyndi, Cher und v.a. an die einst sehr von mir verehrte Bette Midler, die ja nicht nur dieses zeitlos-großartige Stück über die Nervensägen gesungen hat, sondern auch einen Song für Coronazeiten:

From a distance we are instruments
Marching in a common band
Playing songs of hope
Playing songs of peace
They are the songs of every man

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Der hübsch Bewimperte und ich stellen einander Osternester ins Treppenhaus bzw. vor die Tür. Mit den Nachbarn, mit denen man sich etwas verbundener fühlt, tauscht man Häschen oder Eier aus. Der Papa freut sich über den Karton mit Cresta-Schokoeiern und ruft jeden zweiten Tag an, allmählich fällt ihm die Decke auf den Kopf.

Lolek schicke ich als Ostergruß ein Foto von dem täglich dicker werdenden Kaninchen, das in der Toilettenwand wohnt, und schreibe ihm, dass ich mich auf unser baldiges Wiedersehen freue.

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Dem Wanderführer mit dem Arbeitstitel „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“, an dem ich zu schreiben begonnen habe, seit ich den täglichen Spießrutenlauf mit Hund durch die überfüllten städtischen Grünanlagen leid bin, füge ich heute das Kapitel „Mit dem Vierbeiner über verlassene Golfplätze“ hinzu. Eine der Premiumtouren in dem künftigen Büchlein! Früher, als die Winter noch regelmäßig Schnee auf das Münchner Umland fallen ließen, war das mal meine Langlauf-Hausstrecke, zu allen anderen Jahreszeiten kann man sich dort eigentlich nur als Clubmitglied frei bewegen, heißt: ich kenne das Gelände nur auf Skiern.

Daher hat dieses kurze Golfplatzgassi was von einem heimlichen Hikingabenteuer, wie ja so vieles zur Zeit. Wir kicken ein bisschen herum, spazieren achtsam durchs gepflegte Hügelland, machen ein Imbisspäuschen in einem Strandkorb für Golfer – und das Schönste: hier müssen wir niemandem ausweichen, weil wir niemanden treffen.

Danach weiter zu den Weihern und den Wäldern, eine Gegend, in der man Thoreau lesen und „Walden Pond“ hören sollte.

Stattdessen umrunden wir auf schmalen Trampelpfaden die vielen kleinen Weiher (einzige Chance, den Radfahrern zu entgehen), rasten auf einem einsamen Steg und lassen uns ungestört die Sonne auf die Nase scheinen.

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Gestern vor 50 Jahren haben meine Eltern geheiratet. Und unser Freund Bobby aus dem fernen B. feierte sein sechstes WiegenWurfkistenfest.

Heute hat einer der wenigen Geburtstag, die je tollkühn genug waren, mir einen Heiratsantrag zu machen und als Erstehemann wäre er vielleicht eine bessere Wahl gewesen als der Gymnasiallehrer, aber was soll’s.

Morgen ist Ostern und ein bisschen Auferstehung täte langsam wirklich not, das werden sich wohl grad fast alle wünschen.

Bis es soweit ist, wünsche ich Ihnen und Ihren ones and onlys sonniges Herumeiern und frohe Feiertage!

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!

Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.

Schon der Hammer.

Um 9:35 Uhr kurvt die erste Polizei-Patrouille durch die menschenleere Allee vor der Haustür. Mit Durchsage, versteht sich. Megalaut. Wacht mit Sicherheit auch die letzte Schnarchnase davon auf.
Bitte nicht noch früher!, denkt man da kurz, denn wenn man schon nicht hinausdarf ohne triftigen Grund, dann möchte man wenigstens auch ohne triftigen Krach da draußen sein Frühstücksei löffeln und die Zeitung lesen können.
Meine diesbezügliche Empfehlung heute: der Artikel „Die gehorsame Gesellschaft“ aus der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Am besten noch nicht vor dem Erstkaffee und auch erst, wenn die schlafverklebten Augen schon etwas klarer in den Tag blinzeln, da sonst womgölich intellektuell noch zu herausfordernd, zumindest ging es mir so.

Beim Morgengassi entdecke ich, dass jemand auf jede vierte Windschutzscheibe in der Reihe der parkenden Autos „Wir lieben Demokratie“ geschrieben hat. Nein, nein, nicht etwa mit einer Spraydose! Sondern einfach mit dem Finger in den Schnee gekratzt. Über Nacht hat es nämlich wieder geschneit. Vorgestern noch mit hochgekrempelten Ärmeln und Hosen (und sogar barfuß) auf einer Bank gesessen, heute wieder Mütze und Handschuhe, aber allmählich wundert man sich ja über gar nichts mehr.

Der Schwimmbadentzug macht sich langsam bemerkbar, und das offenbar nicht nur bei mir.
Der Gatte, der ja neben seinem Zweitjob als häuslicher Serienbeauftragter (ein nicht zu unterschätzendes Amt in Corona-Zeiten) ja noch einen Drittjob als Pressespiegelbeauftragter hat (damit ich nicht ständig mit dem großformatigen Papier hantieren muss), legt mir kichernd eine Zeitungsmeldung neben mein Quittengeleebrot.

Da es in meinem Ganzjahresfreibad keine Scheiben gibt, die man einschlagen könnte, behelfe ich mir erstmal anderweitig, schnüre nun wieder meine Asics und sprinte springsteenbeschallt und selbstverständlich schön sozialdistanziert ein paar Runden durch den nahegelegenen Park.
Fürs Immunsystem, fürs Abschalten, fürs Frischlufttanken. Und mittlerweile scheint sogar die Sonne.
Das sollten genug der triftigen Gründe sein.

Ihnen allen einen schönen Sonntag!

PS: Weiß zufällig jemand, wieso der angeratene Abstand zum Mitmenschen hier in Deutschland mindestens 1,5 Meter betragen soll, man in Österreich aber nur 1 Meter empfiehlt? Husten unsere Nachbarn etwa anders, haben sie eine geringere Tröpfchendichte im Ausgehusteten oder fliegen die Aerosole dort einfach langsamer durch die Luft, quasi eine österreichische Variante des Virus, die sich dem nationalen, so angenehm unhektischen Tempo dort angepasst hat?

Katharsistag.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Schwindeln und Lügen? Nein?!? Na, dann lassen Sie sich’s kurz erklären. Ist auch gar nicht kompliziert.

Als ich klein war und die Mutter mich ständig mit ihrem strikten Moralsystem traktierte und jeden Verstoß dagegen hart sanktionierte („Pass bloß auf, sonst fällt der Watschnbaum um!“), nahm der Papa mich eines Tages beiseite und erklärte mir, dass es nicht immer ein Verbrechen sei, wenn man nicht die Wahrheit sagen würde.

Dass es nämlich unterschiedliche Kategorien von Unwahrheiten gäbe: schlimme Lügen und harmlose Schwindeleien. Erstere seien dadurch gekennzeichnet, dass anderen durch die Lüge etwas genommen würde oder sie dadurch, dass man ihnen die Wahrheit vorenthielte, einen Schaden erlitten – das müsse ich unbedingt vermeiden, das sei unfair und feige. Die andere Kategorie seien Schwindeleien, die streng genommen zwar auch nicht der Wahrheit entsprächen, aber unterm Strich niemandem schaden oder um etwas betrügen würden.

Schwindeln, so sagte er mir, sei ab und zu erlaubt, weil es nun mal Situationen gäbe, in denen es mehr Unruhe oder Verwirrung stiften würde, wenn man reinen und aufrichtigen Klartext spräche, als wenn man sein Gegenüber ein klein wenig anschwindeln würde. Niemand wäre verletzt, niemand um irgendetwas gebracht. Manchmal sei Schwindeln ein soziales Schmiermittel, das unnötige Reibereien, Streitereien oder Eskalationen zu vermeiden helfe (und z.B. auch den Watschnbaum in Ruhe dort stehen ließe, wo er eben stand). Gelegentlich sei es also in Ordnung, sich in heiklen, aber letztlich harmlosen Gemengelagen einer Schwindelei zu bedienen.

*****

Heute Morgen erwache ich mit einer seltenen Klarheit: Am heutigen Mittwoch, meinem letzten, ganzen Tag hier im Wasserschadensanierungsexil, würde ich mir nur Gutes tun und mir nichts zumuten, das mir nicht gut täte.

Eine Art Katharsis ist nötig. Um mich zu befreien und zu reinigen von den unguten Einflüssen und Erlebnissen der letzten zwei Wochen. Um morgen einigermaßen aufgeräumt heimwärts zu fahren, in die Corona-Hauptstadt. Um gewappnet zu sein für die nächste Etappe der heimischen Baustelle, die da hoffentlich Fertigstellung (und Großputz) lauten würde.

Diese Klarheit verstärkt sich noch, als G., die Lebensgefährtin des Papas, zum 9. Mal in Folge bemeckert, dass ich mir morgens schon wieder eine Breze und für den Papa seine beiden Lieblingssemmeln vom Bäcker geholt habe. Jeden Abend fragte ich G., ob sie am nächsten Morgen auch eine frische Semmel möchte, jedesmal lehnte sie ab: „Ich kann genauso gut ein Brot essen!“.

Ja gut, dann halt nicht, aber dann motz‘ auch nicht, wenn andere sich mit Genuss auf die frischen Backwaren stürzen.

Nach einem eher kurzen Arbeitsvormittag packe ich den Rucksack und das Dackelfräulein und fahre rüber nach Wiessee.

Durchs Söllbachtal wandern wir hoch zur Aueralm. Frühlingshafte Temperaturen zunächst, weiter oben plötzlich dunkle Wolken und wüste Föhnwinde – und zu des Fräuleins Freude noch etwas Restschnee (die weiße Pracht vom vergangenen Wochenende hat es gestern und vorgestern weitgehend zerregnet).

Die 500 Höhenmeter zur Aueralm hinauf empfinde ich ja sonst eher als eine wenig alpine und sportliche Herausforderung, nicht so heute. Die Oberschenkel noch immer dermaßen schwer von den beiden Tiefschneetouren – öha! Aber ging dann schon, halt etwas geruhsamer.

Die herzogliche Hopfenflagge vor der Hütte hat unter den Stürmen der letzten Wochen offensichtlich etwas gelitten (ich fühle mich eigentlich genau wie diese zerfledderte Fahne, schießt es mir durch den Kopf):

Unser Stammplätzchen in der Almstube ist gottseidank frei, die Eckbank am Kachelofen…

…und die Wirtin hat grad frische Dampfnudeln gemacht. Dampfnudeln können so eine Katharsis ja enorm befördern.

Erst denkt man zwar „Boah, das schaff ich nie!“, aber dann passt’s doch prima rein in den hungrigen Wanst und macht noch dazu richtig glücklich (also mich: weil ich liebe warme, fluffige Hefeteigteile, pur und ohne was drin) und hinab kann man sich ja eh fast kullern lassen.

*****

Die Sonne lässt sich nachmittags auch noch blicken und auf der Rückfahrt halte ich deshalb kurz am Bootsanleger an, gucke einfach ein paar Minuten aufs Wasser hinaus, denke an H., die hier einst im Brautkleid an Land ging, und fasse den Beschluss, sie diesen Frühsommer nun endlich mal am Zürichsee zu besuchen.

Das Fräulein kruschelt derweil am Ufer herum, verpasst mir aber bald einen Stupser an die Wade, denn es geht auf 16 Uhr zu, und da ist Wanderwaldifütterungszeit!

Beim Papa angekommen höre ich G. schon lautstark im Wohnzimmer lamentieren, als ich von der Tiefgarage aus das Haus betrete.

Sie hält sich weder mit Begrüßungen noch Nachfragen zu meiner Tour auf, sondern trötet unmittelbar ihren Ärger heraus: Einer ihrer Söhne hat gerade kundgetan, dass sie von der für demnächst vereinbarten Enkelbetreuung coronabedingt entbunden sei, im Kindergarten gäbe es da wen…, und überhaupt.

In der Küche brodelt Billigbrühe in einem großen Topf und verpestet das ganze Erdgeschoss und daneben liegt ein großer Brocken Fleisch, über dessen Herkunft ich keine Fragen stellen werde.

Ob ich nicht doch zum Abendessen bliebe? Ob ich nicht doch was von ihrem Tafelspitz wolle? Ob ich nicht den letzten Abend besser hier verbringen würde? Ob ich dem Freund nicht absagen könne? Es sei so ein großes Stück Rind, das der Papa und sie kaum zu zweit schaffen würden, es war halt bei Lidl im Angebot, da habe sie zuschlagen müssen.

„Nein“, antworte ich, „ich werde nicht hier zu Abend essen, der Freund erwartet mich in Tölz im Brauhaus.“

Ich verkünde diese Schwindelei ohne rot zu werden und ohne zu stammeln, sondern mit völlig ruhiger, fester Stimme.

*****

Der Freund, mit dem ich heute angeblich in Tölz zum Essen verabredet bin, bin ich selbst. Das Tölzer Brauhaus, das 30 Minuten Fahrzeit bedeutet hätte, ist in Wirklichkeit das Gut Kaltenbrunn, zu dem ich nur halb so lang brauche.

So gönne ich mir nun auch noch abends drei Stunden Auszeit, komplett erschwindelt zwar, aber es schadet niemandem, nicht mal dem Rind im Kochtopf, das ja eh schon tot ist, aber ich, ich brauche das heute, um zu leben, um mit mir das Ende dieses Exils zu feiern, um mich zu belohnen, dass ich das durchgehalten habe, dass ich, vor allem dem Papa zuliebe, den großen Krach samt Abreise vermieden habe (und ein ehrlicher Satz wie „Ich muss mich heute dringend nochmal ganztags von G. und ihrem Geplärre erholen und stundenlang alleine in einem schönen Lokal sitzen und mich an der Ruhe freuen!“ hätte diesen eh so labilen Burgfrieden mit Sicherheit gehörig gefährdet).

Der heutige Abend gehört mir. Ich esse in Ruhe, ich sitze in Ruhe, ich habe meine Ruhe. Ich gucke aus dem Fenster auf den See, am gegenüberliegenden Ufer funkeln die Lichter von Rottach-Egern.

So aus gebührendem Abstand betrachtet sieht das ja alles so friedlich aus, so idyllisch, so pittoresk.

Und nach einem Mondino Amaro meint man ja beinahe, man wäre als Urlauberin hier gewesen, in diesem voralpenländischen Paradies.

Stadtflucht.

Danke an D. für die schöne Wanderung durch den Wildbach, das gemeinsame Radeln zum See und all die guten Gespräche – und an den Papa fürs mehrtägige Hitzeasyl am bergnahen See, wo all das und mehr stattfinden konnte. An einem Ort sein zu dürfen, wo man einfach sein kann, wo man sich auskennt, wo man gekannt wird, wo es nach Heimat riecht, obwohl man dort nicht Zuhause ist.

Morgens frische Brezen, jeden Tag 2x zum Schwimmen und große Eisbecher mit Waffelröllchen drin: das fühlte sich vorübergehend so sorglos und leicht an wie Sommerferien zu Schulzeiten (dass man erwachsen ist, merkt man dann unangenehm plötzlich daran, dass einem während des Gassigehens irgendein Depp den Stoßfänger anfährt, übel verschrammt, sich einfach aus dem Staub macht und es einem leider niemand mehr abnimmt, sich mit so einem Sch*** rumzuschlagen).

Dennoch: Gut gewässert (ich) und mit allen Wassern gewaschen (das Dackelfräulein) sind wir wieder in die Stadt zurückgekehrt.

Du sollst nicht Gipfel fressen. Ein Tourbericht.

Die Überschrift ist gemopst und entstammt Luis Trenkers 1. Bergsteigergebot.

Weiter heißt es in jenem Gebot:

„Du sollst keine Bergfahrt unternehmen, der du nicht gewachsen bist.
Du musst dem Berg überlegen sein und nicht der Berg dir!
Du sollst dir Zeit lassen und nicht mit dem Minutenzeiger um die Wette laufen.“

Ganz ehrlich: Ich war der Tour auf den höchsten Gipfel des Bayrischen Voralpenlandes grad so gewachsen – weder hab‘ ich den Krottenkopf gefressen, noch er mich. Dennoch: Es hätt‘ kein Meter mehr sein dürfen, vorgestern, an diesem sonnigen, heißen Dienstag.
Aber der Reihe nach!

Überpünktlich brachen Mr. Speedhiking und ich am Eschenloher Parkplatz bei bestem Bergwetter zum langen Anstieg auf den 2.086m hohen Krottenkopf auf. Die Tourenrucksäcke wurden geschultert, ein letzter Blick in die Karte und eine kleine Stärkung in den Rachen geworfen – und los ging’s.

Nach kurzem Warmmarschieren auf der Forststraße wählten wir – voller Tatendrang, ja fast schon Übermut – den Hahnbichlsteig mit dem verlockenden, das Sportler-Ego streichelnden Zusatz „nur für Geübte“.

Schließlich trug ich an dem Tag ein Shirt, das der Verkäufer im Sportgeschäft seinerzeit mit dem Kommentar „für die ambitionierte Hikerin“ mühelos an den Mann bzw. die Frau hat bringen können. Und auch Herr Speed (im Weiteren leserfreundlich mit „S.“ abgekürzt) wollte seiner frisch genähten Berghose mehr bieten als läppische Forststraßen. In flottem Tempo ging es also auf schmalem Pfad den bewaldeten Hang knackig steil hinauf.

Bis der Steig auf einmal endete und die Bedeutung der Redewendung „Ich glaub, ich steh im Wald“ erlebbar werden ließ. Vom Abenteuer Hörnle-Abstieg der letzten Woche noch immer recht beseelt, wurde schnell beschlossen, meinem Orientierungssinn und meiner Erinnerung an die letzte Krottenkopf-Tour zu folgen („der Sonne entgegen“ / „gefühlsmäßig müssen wir weiter nach links“) und so schlugen wir uns in einem Linksbogen weiter bergauf durch den Wald. Zunächst wurde dabei noch fröhlich blödelnd ein gemeinsames Buchprojekt aus der Taufe gehoben (Arbeitstitel: „Weglos durch die Münchner Hausberge“), bis nach einem extrem anstrengenden Viertelstündchen das Gescherze jäh endete und der Einsicht wich: Mit solch schwerem Gepäck auf dem Rücken stapft man nicht einfach so den Steilhang irgendwo unterhalb des Elferköpfls hinauf und vertraut auf Sonne und Gefühl (wobei ich zu meiner Ehrenrettung sagen muss: es war korrekt erinnert). Also umgedreht, durch wegloses Gelände wieder bergab geeiert, bis man auf den Hahnbichlsteig traf, den man nie bewusst verlassen hatte. Kräftezehrende Sequenz.

Ziemlich verschwitzt und geschafft erreichten wir zur Mittagszeit die wunderschöne Wiese bei der Pustertal-Jagdhütte, die sich für eine Pause und einen ersten Kistenblick anbot (Hohe Kiste, 1.922m, an der man beim Aufstieg vorbeikommt). Die vielen Bremsen, die hier noch durch meine Erinnerung schwirrten, blieben fern – vermutlich war es ihnen zu heiß. Schweigend verzehrte jeder seine Würstchen mit oder ohne Brot, triefende T-Shirts wurden gewechselt, geschundene Bandscheiben auf der Liegebank wieder zurechtgerückt.

Bevor wir aufbrachen, durfte ich Bekanntschaft mit dem 2. Trenkerschen Berggebot machen, das da lautet:

„Du sollst jede Bergfahrt sorgfältig vorbereiten.
Dein geistiges Rüstzeug sei ebenso vollkommen wie deine alpine Ausrüstung.
Du sollst nicht vergessen, dass die Berge voll Gefahren sind.“

 

Speedsches Alpin-Equipment: Notapotheke und Nähset immer dabei.

S. befestigte den mich seit Tourstart im Nacken kratzenden Haltegurt meines Rucksacks mit Hilfe einer Sicherheitsnadel so, dass er sich die nächsten zwei Tage nicht mehr vom Fleck rührte. (Im Gegenzug kam S. gut zwei Stunden später ebenfalls in den Genuss von Gebot Nr. 2, als er auf der Zielgeraden zur Weilheimer Hütte eine winzige Performanceschwäche zeigte und ich die von ihm kurz zur Belüftung abgelegte Schirmmütze vor dem Vergessen bewahrte.)

Nach der Rast im Pustertal stiegen wir durch latschenkieferngesäumte Serpentinen südlich in einen Karboden ein und schließlich in großen Kehren über zunehmend steiles Geröll bis unter die Gipfelfelsen der Hohen Kiste.

Blick von der Pustertal-Hütte hinauf zum Kamm des Estergebirges.

In Bildmitte oben: Die Hohe Kiste. In Falllinie darunter: Dr. Schmitt spielt Wegweiser.

Querung des Geröllfelds unterhalb der Hohen Kiste.

Ein Segen, dass just zu der Zeit, als wir in den Karboden einstiegen, das einzige Wölkchen des Tages etwas Schatten spendete, da ich mir ziemlich unsicher war, ob die 50er-Sonnencreme sich nicht längst rausgeschwitzt hatte.
Ebenfalls ein Segen, dass das Ausbüxen und Wiedereinfangen des Schneehasens mir immer wieder kleine Verschnaufpausen verschaffte.

Mountain hare on tour.

Letzter Blick gen Norden zu Heimgarten/Herzogstand, Walchensee und Simmetsberg (sic!).

Endlich war der Kamm erreicht! Vor uns lag nun – als Belohnung für all die Mühsal – der Bergkessel des Estergebirges in seiner ganzen Weite und Pracht, mit einer Fernsicht bis weit ins Karwendelgebirge hinein.
Rechts zweigte der Weg zur Weilheimer Hütte und dem Krottenkopf ab – die letzte Etappe brach an.

Panorama unterhalb der Hohen Kiste nach Osten.

Im Moment noch ein winziger Punkt am Horizont (sh. roter Pfeil): Die Weilheimer Hütte.

Die letzten Wasservorräte waren aufgebraucht, der Tourenrucksack schmerzte die eh schon lädierte Schulter, die Trittsicherheit war auch nicht mehr ganz die gewohnte, die Sonne brannte wieder vom Himmel und allmählich begann man sich wirklich nach einer Sitzgelegenheit und einem Kaltgetränk zu sehnen. So muss es sein auf den letzten Metern vor der Hütte.

In greifbare Nähe gerückt!

Ziel erreicht!

Weilheimer Hütte auf 1.956 Metern.

Idyllisch schmiegt sich das auch als Krottenkopfhütte bekannte Alpenvereinshaus in einen Wiesensattel zwischen Krottenkopf und Bischof. Rundherum hört man nichts außer dem Glockengebimmel der Schafe, die hier oben weiden. Ein kleines Paradies, vor allem, wenn man länger bleibt als die Tagesgäste und gegen Abend in den vollen Genuss des Bergfriedens kommt.

Ausgiebige Trinkpause auf der schattigen Hüttenterrasse.

Nach 6 Stunden Gehen und Schwitzen war erstmal Ausruhen angesagt. Beim kühlen Gehopften wurden die verbleibenden Programmpunkte des Tages – Mahlzeiten, Gipfelaufstieg, Zimmerbeziehen, Katzenwäsche, Fotowünsche – abgestimmt und priorisiert.

Vom Hüttenwirt ließen wir uns unsere Lagerplätze zuweisen, stellten die Rucksäcke vor den Stockbetten ab und machten uns auf zum Krottenkopf.

Anstieg zum Krottenkopf.

Herrliche 20 Minuten Bergaufgehen ohne jede Beschwernis, das war mindestens ebenso traumhaft wie das Gipfelpanorama.

Unten im Isartal die Ortschaft Krün, daneben der Barmsee, rechts die Ausläufer der Buckelwiesen vor Mittenwald – und all das vor der Kulisse des imposanten Karwendelgebirges.

Dort oben in über 2.000m Höhe ereignete sich einer der wenigen Sozialkontakte der ganzen Tour (ausgerechnet mit Schwaben!), zu dem man sich nur aufraffte, um der Nachwelt ein gemeinsames Gipfelfoto präsentieren zu können (ansonsten herrschte Einigkeit über das Abstandhalten zu jedweder Berghütten-Kumpanei à la „Und, wo kimmt’s ihr her?“).

Mr. Speedhiking & Mrs. Kraulquappe on top.

Wieder bei der Hütte angekommen stand der Gang in den Waschraum an (Waschbecken mit einem Rinnsal eiskalten Wassers), anschließend wurde die Hütten-Auszeichnung – das Gütesiegel „So schmecken die Berge“ – einer gründlichen Prüfung unterzogen.

DAV-Bergsteigeressen und -trinken.

Nach dem letzten Bissen und Schluck konnte das 6. Gebot Luis Trenkers getrost für überholt erklärt werden:

„Du sollst dich bescheiden. Du sollst die Schutzhütte würdigen, als wäre es dein Haus
und keine Ansprüche stellen, die nur ein Hotel befriedigen kann.“

Satt, zufrieden und wieder passabel bei Kräften wollte ich den Sonnenuntergang noch zu einem kleinen Fotoshooting nutzen (Zugspitzblick wird hier oben auch geboten!) und einen kleinen Abstecher ein paar Meter westwärts der Hütte machen.
S. hingegen plädierte dafür, sich doch „mal kurz hinzulegen“, nur mal einen Moment die Beine auszustrecken und danach nochmal loszuziehen. Nun gut, stiegen wir also ins Hüttenobergeschoss, packten die Schlafsäcke auf die Matratzen und legten uns mal kurz hin.

An dieser Stelle komme ich um einen kleinen Exkurs nicht umhin.
Eines muss man nämlich mal klipp und klar sagen: Der Romantikfaktor alpiner Nächtigungen gehört zu den von Bergsteigern und ihren im Tal gebliebenen Angehörigen am meisten und gnadenlosesten überschätzten Phänomenen. Bis zu 16 mehr oder weniger stinkende, schnarchende, herumkruschelnde, sich im raschelnden Schlafsack umdrehende und bei jedem Klogang die Holzdielen zum Knarzen bringende Wanderer beiderlei Geschlechts in einem Raum mit nur zwei kleinen Luken zur Frischluftzufuhr und etlichen an Bettpfosten baumelnden Mobiles aus getragenen Socken, Shirts etc., das ist die Realität dort oben… – noch Fragen?!

Man kann bei so einer Hüttenübernachtung schon froh sein, wenn man Ohrstöpsel dabei hat, nicht unmittelbar neben dem übelsten Schnarcher des Saales liegt und wenigstens für ein paar Stunden ein Auge zutun kann. Bis vorgestern dachte ich, es ginge den meisten so wie mir. Aber ich lernte, dass andere in dieser Atmosphäre bestens schlafen, besser als daheim sogar, und ich lernte des Weiteren, dass „mal kurz hinlegen“ glatt ein Zeitfenster von 10 Stunden am Stück umfassen kann.

Den Sonnenuntergang habe ich mir dann alleine angeschaut, die vielen nächtlichen Störungen mit mir alleine ausgemacht und als ich um 6:30 Uhr schon wieder wach war, konnte ich mich einer leichten Beunruhigung nicht erwehren, weil S. immer noch schlief.
[Mein Tipp: Sollten Sie je mit Mr. Speedhiking persönlich zu tun haben, achten Sie genau auf seine Wortwahl. Wenn er Ihnen zuruft, er ginge mal kurz Rauchwaren holen (oder sich Hinlegen), seien Sie nicht irritiert, ihn erst einen halben Tag später wieder in personam (oder wach) anzutreffen. Gestalten Sie die freie Zeit nach eigenem Gutdünken und machen Sie sich derweil bloß keine Sorgen.]

Zum auf der Terrasse serviertem Morgenkaffee und Müsli mit frischem Obst (besser als in manchem Hotel!) traf man einander gegen 7:45 Uhr dann doch mal wieder.
S. munter und bestens erholt, ich noch reichlich dramhappad.

Morgenstimmung in den Bergen.

Auch die Schwaben vom Vorabend waren noch da, ebenfalls schon putzmunter, und boten mittlerweile sogar ungefragt ihre Fotografierkünste an.

Sonnenbank vor der Weilheimer Hütte.

Als auch ich einigermaßen in den Tag hineingefunden hatte, starteten wir den Abstieg in südlicher Richtung. Ein paar Gemsen turnten durch den morgendlich feuchten Hang und hielten genauso wie wir inne als man einander bemerkte, ein strahlend blauer Himmel versprach einen weiteren grandiosen Spätsommertag.

Mit Blick auf den Wank, den Garmischer Hausberg, und das hinter dem Hohen Fricken hervorlugende Wettersteingebirge ging es in gut 3 Stunden recht flott (von hinten drohte Gesellschaft, man musste sich also sputen) und ohne Pause (Proviant hatten wir ja keinen mehr) ins Tal zurück.

In Farchant fielen wir in sengender Mittagshitze in den schattigen Gastgarten der ersten Pizzeria am Ort ein, die eigentlich ganz hübsch am Loisachufer läge, wäre sie nicht aktuell umgeben von einer großen Baugrube.

Mittagsimbiss in Farchant – Idylle geht anders.

Hernach mit der Regionalbahn noch die zwei Stationen zurück nach Eschenlohe gefahren und auf dem Weg zum Parkplatz über die dritte gemeinsame Tour räsoniert.

Eschenlohe am Fuße des Estergebirges.

Fazit:
– Bergbegleitung war tadellos. Bis auf Schlafrhythmus und -dauer sowie die Haltung zu Butterbroten und Biersorten äußerst tourentaugliche Harmonie.
– Mit schwerem Tourenrucksack keine Albereien mehr in weglosem, steilen Gelände. Sich außerdem weiter in der Kunst des Kartenlesens üben.
– Keine überflüssigen Käsestücke mitschleppen, die am nächsten Tag geschmolzen sind und entsorgt werden müssen, stattdessen lieber einen Liter Flüssigkeit mehr einpacken, um unterwegs nicht zu delirieren (Wege sehen, wo keine sind usw.).
– Drei Flaschen Anti-Mücken-, Bremsen- und Zeckenspray sind zu viel des Guten für zwei Bergtage.
– Hässliche, alte Skiunterwäsche als Nachtdress ist völlig unproblematisch, sieht eh keiner.
– Ersatzakku oder Ladekabel fürs Handy mitnehmen, damit man auch am nächsten Tag den Angehörigen daheim noch einen guten Morgen wünschen kann oder Google Maps zur Wegsuche in fremden Talorten bemühen kann.
– Zusätzlichen Geldschein einstecken, um den Hüttenwirt zwecks Schlafstatt in Fensternähe bestechen zu können, falls man nicht der Erstankömmling im Zimmer ist.
– Zwei stabile Schönwettertage in Folge umgehend nutzen. Ehe man sich’s versieht, regnet’s schon wieder.
– Wem das hier noch nicht reicht: Die Allgäuer Betrachtungen zu dieser Tour werden über kurz oder lang mit Sicherheit hier nachzulesen sein.

Gute Nacht und einen passablen Septemberauftakt wünscht
Die Kraulquappe.