Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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Morgenimpressionen: Die gemeine Stinkmorchel.

Der Gatte soeben nach Frankfurt abgereist, der Allgäuer Handwerksfreund schon auf dem Weg nach München. Die vierte Werkelwoche in Folge steht bevor. Eigentlich die siebte, wenn man die Wochen unmittelbar um den Umzug rum mitrechnet.

Für knappe zwei Stunden genieße ich ein männerfreies Haus, setze mich nochmal an den Frühstückstisch, schenke mir den Zweitkaffee ein, gucke müde und immer noch sehr erschöpft vom Berghütten-Arbeitswochenende auf die weiße, noch bilderfreie Wohnzimmerwand.

Und da fällt mir beinahe das Haferl aus der Hand:

Malt die Morgensonne doch glatt eine Gemeine Stinkmorchel an die Wand!

Das hätt’s jetzt nicht gebraucht, ich mag nämlich keine Pilze.

Hund haben (10).

Woche 1 mit Waldi („Single-Version“).

Montag:
– hundefrei –

Dienstag:
[morgens: der Gatte verzieht sich für die nächsten 10 Tage nach Mainhattan]
Possenhofen bis Tutzing und zurück. Wunsch-Café hat zu (kein Verlass mehr aufs Internet). Verdammt. 16 km.

Mittwoch:
[morgens: kein Mann mehr im Haus => das Dackelfräulein legt los mit der Läufigkeit]
Frieding bis Kloster Andechs und zurück. Bräustüberl hat offen (auf Gott ist eben Verlass). 14 km.

Donnerstag:
[morgens: muss mal allein sein, gönne mir einen Schwimmbadbesuch]
Wald vor der Haustür bis Pullach im Isartal. Tee und Brot im Rucksack (am verlässlichsten). 11 km.

Freitag:
[vormittags: wir besuchen Freundin D. zwecks Maßkonfektion für den Dackelfräulein-Wintermantel und Zweitfrühstück]
Ehemalige Haus- und Hofstrecke durch den Olympiapark. 1 Becher Kaffee auf der Olympiaalm (ansonsten noch satt vom Frühstück). 7 km.

Samstag:
[morgens: zefix nochamal, kaputten Ellenbogen beim Getränkeholen erneut gezerrt => wo ist eigentlich der Gatte?]
Rundwanderweg Murnauer Moos. Ähndl hat offen, Kuchen ist alle (zu spät dran). Mist. 13 km.

Sonntag:
[vormittags: Care&Clean-Programm => vereinzelte Blutspuren auf dem Boden wegputzen, Slipeinlagen fürs Schutzhöschen halbieren, Hund bürsten, Ohren säubern usw.]
Umrundung Staffelsee. Keinen Bock auf Überraschungen, also von unterwegs aus im Ziel-Café Wunschplatz und -kuchen reserviert. 20 km.

Wochenbilanz:
81 km gelatscht (ohne Morgen- und Abendgassi + andere Wege), das ist wie 1x von München nach Garmisch.
2x Schwimmen, 1x Waldlauf (Letzteres grauenhaft und zäh).
4 lästige, lang aufgeschobene Dinge endlich vom Hals geschafft (sogleich besserer Nachtschlaf).
400 Fotos sortiert (ab sofort: Artikel schreiben & verkaufen).

Zufriedenstellendes Pensum an Bewegung, innen & außen.

Diesen Modus noch 4 Tage beibehalten, bis die Verstärkung wieder anrückt.
Überwiegend eine Einstellungs- und Aufstellungssache.
Schön, wenn man’s nach nur 6 Jahren endlich mal raushat.

Lohnt sich ja nicht mehr. Ein Kompensationsversuch.

Um eines mal klarzustellen: So eine allein unternommene Reise ist keine Aneinanderreihung von Highlights, super Ausflügen bei permanentem Sonnenschein und rund um die Uhr empfundener Seligkeit.

Gut, ich will nicht meckern, die meiste Zeit hier ist das meiste im Lot, bislang. Sogar ich. Meist geht es mir gut und ich komme wunderbar zurecht mit mir, der Tagesgestaltung, der Arbeit, dem Kochen, dem Dackel, der Bewegung, der Einsamkeit und Ruhe. Meist empfinde ich große Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass ich mir gerade einen lang gehegten Traum erfüllen kann.

Aber es gibt auch sie, diese dunklen Momente des Alleinreisens und ich will nicht so tun, als würden sie mich nicht heimsuchen. Das soll ein ehrlicher Blog bleiben und kein gekünsteltes Hochglanztagebuch werden.

Die Rede soll sein von jenen Momenten, in denen alles aus den Fugen gerät. Augenblicke oder Stunden, gar Tage!, in denen der Alleinreisende in Abgründe blickt (und zwar in die eigenen, denn sonst ist da ja niemand), ihm die soziale Kontrolle abgeht, mindestens aber der Partner, der einem mittags dezent zu verstehen gibt, dass man jetzt doch mal duschen könne oder bei gemeinsamen Mahlzeiten darauf bedacht ist, dass gerecht halbiert wird. Oder das bloße Zuzweitsein schon dafür sorgt, dass man einander gegenseitig davon abhält, dann, wenn man gerade gut gesättigt ist, sinnlos Schokoladentafeln oder andere Dickmacher zu mampfen, ja sogar komplett zu vernichten, weil es sich irgendwann ja angeblich nicht mehr lohnt, den Rest aufzuheben.

Gestern Abend geriet meine heile Ferienwelt in eine solche Mampf-Schieflage, dass ich heute unbedingt dafür sorgen wollte, alles wieder in Balance zu bringen. Aber der Reihe nach!

Es begann damit, dass meine Vermieterin mir ein Willkommenskörbchen auf den Tisch gestellt hatte. An sich eine nette Geste. Bei näherer Betrachtung aber ein Affront, zumindest für Menschen wie mich. Das Körbchen war bestückt mit: Blaubeerkeksen, Schokolade, einer Nussmischung, einem Tetrapack Himbeersaft und einer Tüte Tortillachips, Geschmacksrichtung Nacho-Cheese.

Ich freute mich still und artig ob der Geste, bedankte mich umgehend per WhatsApp und räumte alles beiseite, damit es mir weder im Weg herumläge, noch irgendwelchen abendlichen Gierattacken zum Opfer fiele.

Das funktionierte 24 Std lang im Großen und Ganzen gut. Die Kekse sind nämlich nicht mein Ding, weil dieser ins Mittelloch des Kekses reingepresste Beerenklumpen eklig in den Zähnen klebt. Die Schokolade enthielt neben Haselnüssen, auf die ich wenig Wert lege, auch noch Rosinen, die ich hasse wie die Pest. Die Nussmischung ebenso, und aus solchen Mischungen picke ich mir allerhöchstens die Cashews und Walnüsse raus, da es aber nach Billigmarke aussah, war eh klar, dass sich nicht mehr als 2-3 Cashews und Walnüsse da hineinverirrt haben. Der Saft ist mir zu süß, ich trinke kaum Säfte und wenn, nur als Direktsaft oder zur Schorle verdünnt.

So blieben noch die blöden, fettigen, unnützen Maischips als Fressoption übrig. Mais ist mir zwar auch wurscht, aber in Form von Popcorn oder Tortillachips mag ich ihn ganz gern. Also landete diese Tüte besonders weit hinten im Küchenschrank. Ich wollte bei keinem Handgriff über sie stolpern, ich wollte sie ignorieren oder am besten ganz vergessen. Schließlich ist mein Kühlschrank voll mit Dingen, die ich mag und die keine 900kcal pro Packung haben. Und ich mag Reisen und Urlaube, nach denen man keine Diät machen muss, um wieder in all seine Sachen zu passen. Als Selbstversorger sollte das spielend leicht einzurichten sein.

Aber die blöde Tüte knisterte und flüsterte vor sich hin. Unaufhörlich. Seit sie da nach ganz hinten in den Schrank verbannt worden war, gab sie permanent Geräusche von sich. Ich wette, der eine oder andere von euch kennt das und weiß genau, wie sich das anhört! Umso besser, wenn man fast den ganzen Tag draußen ist, dann ist man auf der sicheren Seite.

Gestern Abend, ich saß gerade drinnen und an meiner Arbeit und hatte nebenbei Musik laufen (an Geburtstagen des Lieblingssängers gehört das zum Fan-Pflichtprogramm), fing die blöde Tüte an, lauter zu werden, aufdringlichder, impertinent geradezu, wohl um die Musik zu übertönen oder um nachhaltiger auf ihr verwaistes Dasein aufmerksam zu machen. Was auch immer. Ich blieb zunächst hart. Irgendwann schrie sie. Es klang wie „Hilfe, hol mich hier raus!“ und „Nimm mich zu dir!“. An konzentriertes Arbeiten und Genießen der Musik war beim besten Willen nicht mehr zu denken.

Und irgendwann, bevor mir das Geplärr den gesamten Abend vergällt hätte, erbarmte ich mich ihrer, und das, obwohl ich pappsatt, wirklich absolut pappsatt von meinem üppigen Abendessen war.

Erst war es nur ein gesittetes Schälchen voll, und die Tüte gleich wieder im Schrank verstaut. Dann nochmal nachgefüllt. Und nochmal. Und danach war nur noch so wenig übrig, dass es sich nicht mehr lohnte… Um 22:30 war die Schlacht geschlagen, die Tüte trug ihren Sieg davon und lag leer, erschöpft und verrunzelt auf der Küchenablage, während ich meine Kapitulation in Rotwein ertränkte.

Wäre ich nicht alleine hier, hätte mich jemand abhalten können oder ich hätte mich als die Disziplinierte aufführen können und den anderen abgehalten. Oder wir hätten die Tüte gemeinsam, mit vereinten Kräften, zum Schweigen gebracht. Und wenn auch das nicht geglückt wäre, hätten wir sie zumindest teilen können! Aber als Alleinreisender hat man keine Chance, wenn so eine Tüte sich erstmal ins Feriendomizil eingeschlichen hat.

Viel zu vollgefuttert und mit einem Hauch von Selbstekel wegen dieses elenden Völlegefühls (und auch noch selbst schuld daran zu sein!) kroch ich ins Bett, lag noch eine Weile wach und sinnierte über Phänomene wie Willensschwäche und Genussfähigkeit, und wo da wohl die verträgliche Mitte sei. Über derlei ergebnislosem Grübeln sank ich schwerer und schwerer in die Matratze – und schlief irgendwann ein.

Beim Aufstehen heute Morgen, die Erinnerung an das Geschehene wollte sich gerade wieder meiner bemächtigen, beschloss ich sofort, gnädig zu mir zu sein und mir diese Orgie zu verzeihen. Was soll’s. Darf ja mal sein. Bikinisaison ist eh vorbei. Und man sprengt ja nicht wegen einer albernen Chipstüte bereits am Tag danach alle Hosen. Schwamm drüber. Nicht der Rede wert. Neuer Tag, andere Ernährung. Die Sonne scheint, ich bin in Schweden, das Meer glitzert, die Gegend will entdeckt werden. Carpe diem.

Himbeermüsli zum Frühstück. Gepressten Orangensaft später. Hach ja, bahnt sich da vielleicht ein kompletter Obst-Gemüse-Tag an!?
Vormittags plötzlich Lust auf Laufen, also rein in die Joggingsachen und fast eine Stunde losgedüst. Strandlauf wohlgemerkt, das ist anstrengender als Asphalt oder Waldboden. Mit jedem Kilometer fühlte ich mich besser: Ha, von wegen Schwere und Völllegefühl, die Erinnerung an gestern verblasste bis zur Unkenntlichkeit, leicht wie eine Feder fühlte ich mich, als ich wieder bei meiner Hütte ankam, mich im Garten noch dehnte und bei einem Glas Wasser auf der Terrasse ausdampfte.
Alles wieder im Lot. Totale Katharsis, mental, physisch und überhaupt – dem Sport sei dank.

Beim Duschen überlegte ich mir bereits die Route für den langen Marsch mit Pippa sowie eine Gemüsekreation fürs Abendessen. Als ich anschließend meine Handtücher im hinteren Teil des Gartens zum Trocknen aufhängte, fielen mir erstmals die üppigen Beerensträucher auf.

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Was für eine Pracht. Voll von reifen Himbeeren. Ein Wink des Schicksals musste das sein – an meinem Obst-Gemüse-Tag!

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Ich erntete sie ab, auf dem Weg durch den Garten sprangen mir dann noch die reifen Äpfel ins Auge, ich pflückte sie beherzt ab – Her zu mir, ihr gesunden Gefährten! – und vollbeladen mit Gartenobst stand ich anschließend in der Küche, legte meine Beute in die Spüle, um sie abzubrausen und zuzubereiten.

Tja, die Zubereitung. Plötzlich war da der ernüchternde Gedanke: Äpfel mag ich eigentlich gar nicht sooo sehr und Himbeeren pur sind auch irgendwie seltsam. Ja, und nun? Es ist Quark noch im Kühlschrank, das wäre eine Option. Aber Apfelquark? Geht gar nicht.

Um es abzukürzen: die Lösung hieß Apfel-Himbeer-Crumble.

Butter, Haferflocken und Zucker waren im Haus. Der Ausflug wurde verschoben. Erstens, weil die Zubereitung des Crumbles nun mal seine Zeit braucht, zweitens, weil ich wenigstens eine ofenwarme Portion kosten wollte, und zu guter Letzt, weil ich natürlich wieder die Lohnt-sich-ja-nicht-mehr-Grenze überschritt und mich danach nicht mehr in der Lage zu einem dreistündigen Ausflug fühlte.

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Der Apfel-Himbeer-Crumble-Obst-Tag.

Schuld ist: die Vermieterin. Mit ihrem verdammten Fresskorb hat sie den Anfang gemacht, mit dem dämlichen reifen Obst in ihrem Garten perfide den zweiten Anschlag vorbereitet und dann hat sie nicht mal eine kleine 1-Personen-Backform in ihrer Hütte, stattdessen aber Zucker und Haferflocken en masse.

Vielleicht geh ich morgen wieder Laufen. Das macht den Kopf ja so schön frei.

Aus dem Sommerhaus, in dem nun nichts mehr außer dem Ofen knistert, grüßt euch satt für 3 und immerhin doch noch nach einem Spaziergang in den Nachbarort,

die Kraulquappe.

PS: Die Bilderserie des Tages will ich euch nicht vorenthalten (Hunde-Desinteressierte können nun wegklicken):

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Oh, island in the sun, willed to me by my father’s hand …

 

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… all my days I will sing in praise of your forest, waters, …

 

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… your shining sand!