Song des Tages (36) & Himmel der Bayern (63): Grenzgang.

Gestern und heute einen lang gehegten Traum realisiert: Ins Wettersteingebirge gegangen (eines der zwei heimatlichen Lieblingsgebirge), Übernachtung auf der Meilerhütte und kurz nach Sonnenaufgang hinauf auf die Westliche Törlspitze. Seit Jahren davon geredet und geträumt. Wirklich seit Jahren!

Beim gedanklichen Ausmalen dieser Tour immer das Dackelfräulein als meine treue und erprobte Bergkameradin mit mir dort hochlaufen sehen. Mit etwas Geschick hätte man das Zweierzimmerchen schon bekommen, in dem brave Hunde nach Absprache erlaubt sind.

Schweren Herzens, aber leichten Verstandes nun Abschied genommen von dieser Idee. Zu lang und zu steil der Weg für unsere kleine Hundedame, momentan zumindest, und bei dem Wetter eh völlig undenkbar, da auf der Hälfte des Weges ja nicht mal mehr ein Baum oder Strauch Schatten spendet.
Vor ein, zwei Jahren wär’s wohl noch problemlos gegangen, woraus mal wieder die Lehre zu ziehen ist, dass die paar Lebensträume, die man hat, nicht zu lang aufgeschoben werden sollten.

Catch your dreams before they slip away, wie die Stones schon 1967 sangen – schließlich wird man weder jünger noch beweglicher (wer weiß, wie lang Schulter, Ellbogen und Knie solche Aufstiege noch gut mitmachen und die Trittsicherheit noch in dem Maß vorhanden ist, wie diese Tour es ab und an erfordert).

Besser also nicht weiter vertagen, dachte ich, denn eines Tages kommt evtl. nicht nur Pippa nicht mehr hinauf, sondern auch ich nicht mehr – und damit stand der beste Zeitpunkt fest: jetzt.
Das Wetter ist mir grad recht, denn so weit oben ist es herrlich frisch und luftig, man schwitzt halt ein bisschen, um hinaufzukommen. Auf rutschignasse Felsen kann ich, vor allem abwärts, gut und gern verzichten, da nehm ich lieber das Hochsommerwetter wie’s ist.

Das ist schon eine Wucht da heroben: diese Steinriesen, soweit das Auge reicht, und es reicht bis ins Zugspitzplatt und den Schneeferner hinein und wenn man sich umdreht bis tief ins Karwendelgebirge. Und diese Hütte, die sich wie ein Adlerhorst auf 2.374m Höhe (exakt auf den Landesgrenzen) an den Fels schmiegt, von Dohlen umkreist und von Murmeltieren bepfiffen. Atemberaubend ist das! Zweitausdendreihundertvierundsiebzig Meter, was sagen Sie dazu?!? Und zu dem Panorama?

Mich befiel Sprachlosigkeit und Demut, als ich da gestern am frühen Nachmittag stand und schaute (war eh niemand da, mit dem man ein Wort hätte wechseln können oder müssen, nur ein Steinbock im Kar unter mir).

Nirgends sonst ist Erhabenheit für mich so greif- und spürbar wie auf solchen Gipfeln oder Graten – und ich bin sicher: auch Schiller hätte seine Freude daran gehabt, hier zu stehen, zu schauen und vor sich hin zu fühlen.

Wenn sich der Morgennebel auflöst und den Blick freigibt auf den Wettersteinkamm und die Dreitorspitzen ist das nicht einfach nur eine schöne Aussicht. Es ist ein ernster, ein erhabener Anblick.

Man hat ihn im Visier, den Felskamm, der hinauf zur Törlspitze führt, und von neuen Kräften belebt (nach einer vergleichsweise passablen Nacht im oberen Einzel-Stockbett – merke: wähle immer den Lagerplatz mit dem größtmöglichen Abstand zu den Mitschläfern und dem kleinsten Abstand zum Fenster), steigt man wieder sicheren Schrittes voran. Der Rucksack wartet unten bei der Hütte (nichts irgendwie Belastendes möchte ich mit hinaufnehmen auf diesen letzten Metern), er lehnt windgeschützt neben der eigenen, kleinen Alltagsexistenz an der steinernen Hüttenwand (gestern, bei Ankunft, alles abgelegt).

Das Erhabene ist mehr als Natur – es ist Herausforderung und Übung zugleich. Das Gebirge ist so viel stärker, größer, gewaltiger als wir, und als kleiner Wicht, als der man oft auf Erden umherirrlichtert und dennoch meint, das meiste im Griff zu haben oder zumindest emsig daran zu arbeiten (denn man muss ja heutzutage an allem arbeiten), muss man einsehen, wie ohnmächtig man doch den Gewalten der physischen Welt gegenübersteht, wie sehr man ihnen als Wesen der sinnlichen Welt im Grunde ausgeliefert ist.

Eine Übermacht, gegen die wir uns nur behaupten können, indem wir als Wesen der geistigen Welt, die wir nicht auch, sondern vor allem sind, uns auf unsere eigene Freiheit besinnen (keine Sorge: das hab ich von Schiller, und vor Urzeiten, in meiner Abschlussarbeit, sicher auch mal treffender formulieren können, ich musste nur gestern Abend, durch diese krasse Stille und Steilheit um die Hütte streifend, nach Langem mal wieder dran denken). Der Mensch, sagt Schiller, ist immer schon mehr als Natur: Er ist freier Wille, und das Erhabene fordert ihn gerade in jenen Momenten, in denen es ihn physisch vernichten könnte, dazu heraus, dieses Mehr auch zu sein.

Eine Art vorübergehender Nullpunkt der Existenz und zugleich ihre ganze Möglichkeit und Fülle. Das sag ich jetzt mal so, ganz unschillernd.

Was dieser pathetische Exkurs soll, fragen Sie sich? Hat Frau Kraulquappe einen Sonnenstich? Oder einen Höhenkoller? Oder ticken die Hormone mal wieder aus?
Nein, nichts von alledem, glaube hoffe ich. In den Bergen kann ich machmal einfach freier herumdenken als unten im Tal. Und den Schiller hab ich damals wirklich gern und mit großem Interesse gelesen.

Genug geschwafelt. Nun mal zurück in die Niederungen, die Hälfte des Abstiegs liegt ja noch vor mir.

Und wissen Sie, worauf ich mich jetzt schon am meisten freue? Auf eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung am Leib. Auch das wird sich erhaben anfühlen, für so einen verzärtelten Großstädter. Das Alpspitzbad wartet!

Stood alone on a mountain top
Starin‘ out at the Great Divide
I could go east, I could go west
It was all up to me to decide

Just then I saw a young hawk flyin‘
And my soul began to rise
And pretty soon
My heart was singin‘

Roll, roll me away
I’m gonna roll me away tonight
Gotta keep rollin‘, gotta keep ridin‘
Keep searchin‘ till I find what’s right

And as the sunset faded I spoke
To the faintest first starlight
And I said next time
Next time, we’ll get it right

Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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