Der Große Heiner oder: Panta rhei.

Zum mexikanischen „Tag der Toten“, der zugleich der „Schnitze-einen-Kürbis-Tag“ sowie der „Wolfgangstag“ und nebenbei auch noch der Reformationstag war, besuchten wir nach Langem mal wieder den Großen Heiner.

Das Dackelfräulein liebt den Weg zum Großen Heiner. Von Grünwald im Isartal geht’s durch raschelndes Laub am Hochufer entlang, dann auf verschlungenen Pfaden durch schönste Wälder hinab zum Fluss.
Dort unten hat man die Wahl zwischen Trampelpfaden, die durch urwald- und sumpfgebietsähnliche Vegetation führen, normalen Waldspazierwegen, Pfaden am Rande der Isarkiesbänke entlang und diversen kleinen Nebenwegen.
Die kleine Hundemadame wetzt immer vorneweg – es ist genau ihr Terrain: Zwischendurch ein vermooster Hügel mit freiliegendem Wurzelwerk, an dem man herumnagen und -zerren kann oder sandige Löcher, wie gemacht für die Dackelschnauze und die grabefreudigen Vorderläufe. Bächlein und Rinnsale, über oder durch die man beherzt hindurchhüpfen kann, während der Zweibeiner wie ein zittriger Idiot über den Baumstamm stelzt, der von einem Bachufer zum anderen führt und bei jedem Schritt leicht wippt.

Flussaufwärts marschieren wir gute 5 Kilometer, bis wir ihn aus der Isar hervorlugen sehen: den Georgenstein, früher mal „Großer Heiner“ genannt, was uns besser gefällt als die Benennung nach Sankt Georg, weil wir’s nicht so mit den Heiligen haben und mit Drachentötern schon gar nicht.

Ein Seelenort, dieser Felsblock mit seinem Blechheiligen darauf, nur über den steinernen Damm zu erreichen.

Wir setzen uns auf einen der großen Steine und lauschen dem heimatlichen Fluss, der hier nicht wild tost, sondern ruhig dahingleitet.
Alle 10 Sekunden ein tiefes, sanft murmelndes Gluckern, das durch eine klitzekleine Stromschnelle dank der Vertiefung neben einem den Damm begrenzenden Felsen entsteht.

Ein guter Ort, um den Arztbesuch vom Vortag sacken zu lassen und sich zu sammeln für den grauesten aller Monate, in dessen Mitte aber wenigstens unsere Türen in neuem Glanz erstrahlen werden.

Alles ist im Fluss (aber manches geht halt auch den Bach runter, wie’s scheint).

Die nächsten beiden Wochen betreue ich hier in erster Linie Handwerker, unterwerfe mich einem strengen Zeitplan, sauge Schleifstaub und anderen Dreck weg, erteile Anweisungen, lobe hier und meckere dort, koche Kaffee, trage Eimer und Folien zum Wertstoffhof, flüchte mit dem Dackelfräulein vor den Lackdämpfen in den Novembernebel, rücke höchstselbst den ersten Vorboten des Fugenschimmels im Bad mit einem Ghostbuster-ähnlichen Equipment zuleibe und erstelle – vermutlich mit Atemmaske am Schreibtisch sitzend – die längst überfällige Steuererklärung.

Selten zuvor ist es mir derart geglückt, alles Grauen in einen Monat zu packen und ausgerechnet auch noch in den, der sich dafür am allerbesten eignet!
Je nach Stimmungslage werde ich Sie ein bisschen daran teilhaben lassen.

Auch Ihnen einen wunderschönen November & lassen Sie doch mal hören, wie Sie diesen Monat so gestalten.

Herzlich grüßt Sie –
Die Kraulquappe.

It’s only our bodies that betray us in the end.

(Für Niklas.)

Sie pflegen dein Grab so gut wie gar nicht.
Obwohl das zu erwarten war, schnürt es mir kurz die Kehle zu, als ich mit Pippa heute dort ankomme.

Dann lege ich die weiße Calla nieder, die dritte, seit du dich nach dem Abendlauf im Januar 2016 zum Sterben in den Schnee gelegt hast.

Ich komme nicht mehr dazu, mir die Kopfhörer aufzusetzen und das Lied anzuhören, weil uns eine keifende Alte vertreibt: „Hunde verboten!“ (als würden Hunde per se auf Friedhöfen rumbellen, Grabsteine anpinkeln oder Besucher anfallen).

Let your mind rest easy, sleep well, my friend
It’s only our bodies that betray us in the end

I awoke last night in the dark and dreamy deep
From my head to my feet, my body’d gone stone cold

There were worms crawling all around me
My fingers scratching at an earth black and six foot low
And alone in the blackness of my grave
Alone I’d been left to die

Then I heard voices calling all around me
The earth rose above me, my eyes filled with sky
We are alive
And though our bodies lie alone here in the dark
Our souls and spirits rise
To carry the fire and light the spark
To fight shoulder to shoulder and heart to heart
To stand shoulder to shoulder and heart to heart
We are alive

 

Himmel der Bayern (10): Inmitten der Lebenden.

Hätte man gestern der Toten gedacht, so wie es sich für Allerheiligen geziemt, wäre man nicht Teil dieser Völkerwanderung gewesen!

Ungläubig und fern jeder Feiertagsfeierei, hatte ich gestern zusammen mit Freundin D. einen Bergtag ins Auge gefasst. Diese absurde Idee hatten außer uns noch Hunderte weitere Ungläubige und Nicht-Grabgänger. Die Kombination „Sonne & Feiertag & Herbstferien in Bayern & Aufbruch in München nach 7 Uhr“ ist fatal. Optimismus ist hier kein guter Berater, sondern schlicht irrational und naiv.

So staunten wir bereits an der Kesselbergstraße von Kochel nach Urfeld nicht schlecht, dass außer den Wanderparkplätzen bereits die Straßenränder dicht zugeparkt waren. Nah am Abgrund stellten wir das Auto ab und liefen im Tross zur Einstiegsstelle des Aufstiegs auf den Jochberg. Auf dem Weg dorthin trennte sich der Menschenstrom in die, die hinauf zum Herzogstand wollten (erkennbar an kleinen Rucksäcken und kleinen Kindern, da oben die Hütte bewirtschaftet ist und eine Bahn nach unten führt) und die, die sich den Jochberg vorgenommen hatten (erkennbar an größeren Rucksäcken und größeren Kindern, da oben keine Hütte mehr offen hat und der Abstieg zum Walchensee sich bahnlos doch etwas hinzieht).

Es ging zu wie am Stachus: Horden überholten uns, wir überholten Horden, man traf einander mehrfach beim Aufstieg wieder dank versetzter Trink-, Pipi- und Aussichtspausen, selbst die Dackelmadame war etwas genervt wegen des Trubels und weil sie nicht ungehindert vorauspreschen konnte. Bis wir oben ankamen, hatten sowohl D. als auch ich um die 25x den Satz „Ja, auch mit kurzen Beinchen kommt man da prima hoch!“ oder „Die ist fitter als wir!“ ausgesprochen (siehe mein Beitrag „Mei, da Waki!“).

Wir suchten uns einen Brotzeitplatz, bei dem wir die Menschenmassen im Rücken und die exzellente Fernsicht vor uns hatten. Wenn man einfach durchratscht, bekommt man die vielen Menschen dann auch gar nicht mehr so mit. Bis tief hinter ins Karwendel konnte man gucken!

Ein Traumtag, trotz des alptraumhaften Andrangs. Wobei wir dort oben noch gar nicht ahnten, was uns unten erwarten würde.

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Für den Abstieg wählten wir die Variante über Sachenbach und das Walchenseeufer, allein schon wegen der Ausblicke und der bunten Herbstwälkder. So ein bisserl verlief es sich dann auch im Wald, es gab glatt mal Viertelstunden, in denen man sich der Illusion „Bergfrieden“ hingeben konnte. Erst unten am See traf sich alles wieder.

Beim Fotoshooting am Ufer muss mir dann die Leine aus dem Rucksack gerutscht sein. Pippa läuft ja bei solchen Touren komplett leinenfrei, bis auf die wenigen Kuh- oder Mountainbiker-Gefahrenmomente. Auf der Uferstraße gingen wir zurück Richtung Urfeld und kurz vor der Fahrstraße zum Kesselberg, auf der man bereits den dichten Rückreiseverkehr erahnen konnte, wollte ich den Hund anleinen… und stellte fest: Leine weg!

Undenkbar, auf der stark befahrenen Kesselbergstraße noch 20 Minuten hochzugehen zum Auto, da läuft der beste Hund nicht bei Fuß und 7 kg da hochzutragen war auch keine schöne Vorstellung. Also Hund auf den Arm genommen, an den Straßenrand gestellt und D. hielt den Daumen raus. Bereits das zweite Fahrzeug stoppte (Hund auf dem Arm wirkt fast immer!) – ein vermüllter Audi, drinnen eine gerührte Hundefreundin. Pippa sei Dank waren wir 5 Minuten später bei unserem Auto.

Mittlerweile: Stau auf der gesamten Kesselbergstraße bis runter nach Kochel und von dort bis zur Autobahn und von der Autobahnauffahrt bis nach München (und sicher auch noch vom Luise-Kiesselbach-Platz bis zur Donnersberger Brücke und von dort bis nachhause).
Du allerheiliger Strohsack! Die Novemberbergbräune wich sogleich wieder aus unseren Gesichtern und uns graute vor dem Heimweg.

Da dachten wir: Lass uns doch nach der Leine schauen, unten am See. So fuhren wir in die entgegengesetzte Richtung, nochmal zum Walchensee runter, die Leine lag friedlich in der Abenddämmerung im Kies des menschenleeren Ufers und hatte schon auf uns gewartet.

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Danach einfach weiter in die „falsche“ Richtung, weg vom Stau, weg von München. Über Wallgau, Krün und Klais störungsfrei bis nach Garmisch gelangt. Dort der nächste Stau, 10km lang.

Google Maps nach einem Lokal am nördlichen Ortsrand befragt – denn Garmisch-Ortsmitte ist mindestens so ein Alptraum wie ein Stau: hässlich, verbaut, eng, keine Parkplätze. In Burgrain bei einem Italiener eingekehrt, der toll bewertet war – und entsprechend gut besucht. Immerhin keine Stau-Flüchtlinge, sondern lauter Einheimische. Wegen Platzmangels blieb uns nur ein Eckchen am Stammtisch, das uns der Wirt sehr freundlich zuwies, samt Nische für Pippa und ihr Körbchen.
Aber dank D., die perfekt Bayrisch spricht, wurden wir sofort von den Stammtischbrüdern akzeptiert. Super Nudelgericht gegessen, bestes Weißbier getrunken. Alle 20 Minuten den Routenplaner die Heimfahrt neu berechnen lassen. Als die errechnete Fahrzeit von gut 2 Stunden wieder auf 56 Minuten gesunken war, zahlten wir und fuhren satt und zufrieden über eine freie Autobahn nachhause.

Fazit 1: Öfter mal was verschusseln oder liegenlassen, deshalb einen Umweg machen und den Ausflug so lange ausdehnen, bis alle anderen längst wieder daheim sind.

Fazit 2: Nächstes Mal trotzdem lieber wieder an einem Werktag in die Berge und an Allerheiligen ins Dachauer Hinterland und dort in Ruhe über die Felder laufen.

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