Pläne, Petitionen, Plätzchen, Plaque.

Das einzig Bunte im Winterhimmel über München.

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Frühmorgens, der Tag noch gänzlich unverletzt und unbesudelt, den Kalender für 2019 gewälzt, um passende Reisezeiten zu finden für Gotland 2.0. Erster Orientierungspunkt: die über zwei Monate dauernden schwedischen Sommerferien. DA NICHT. Das skandinavische Sylt wollen wir in aller Ruhe aufsuchen, damals war’s September, das war toll und die zahlreichen geschlossenen Lokale eh wurscht, weil die wenigen offenen uns wissen ließen, dass Hunde sowieso überall unerwünscht sind.
Hunde reduzieren die Optionen auf Reisen oft auf ein Minimum, das erleichtert die Planung und die Tagesgestaltung enorm.
Bleibt nach Beachtung anderer Termine und unter Einbeziehen von Klima- und Mückentabellen eigentlich nur Ende Mai bis Anfang Juni oder Ende August bis Anfang September übrig. Irgendwie wird sich der Traum von der Sommerfrische daraus schon zusammenbasteln lassen, ist ja noch ein Weilchen hin.
Mögliche Reisetermine dann gleich der Agentur mitgeteilt, den Namen der dortigen Kontaktperson mühsam reinkopiert (wegen der slawischen Sonderzeichen), dann ein bisserl rumgebastelt an der Antwort auf die Frage, was denn bei der Programmplanung zu beachten wäre – „da Sie ja mit Ihrem Hund anreisen“ – es aber dann doch aufs Wesentliche beschränkt (Beachtung der Gassizeiten, Natur besser als Stadt, Unterkunft mit Wiese vor der Tür, gern auch den Strand vor der Nase).

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Mitten in die Schreibtischarbeit hinein klingelt es und ein Jungspund von der Rolladenfirma, die hier seit August einen „Panzer“ (wie die Jalousie unter Fachleuten genannt wird) samt Zugband austauschen will, steht vor der Tür. Er schickt sich an, in nassen, verdreckten Stiefeln die Wohnung zu betreten. Wir klären das kurz und als der junge Mann sich sodann in die Hocke begibt, um sein triefendes Schuhwerk abzulegen, beschließt das Dackelfräulein, dass es sich um einen neuen Spielgefährten handeln muss, wenn der da schon so einladend kniet und einen halb geöffneten Werkzeugkasten neben sich parkt.
Mit dem neuen Zugband im Schnabel, das sich auf stolze 30 Meter ausrollen lässt, wenn man es nur heftig genug schüttelt und durch den Flur schleift, wird dem Handwerker der Weg ins Wohnzimmer gewiesen.
Nach 35 Minuten ist der Spuk vorbei, mechanisch sauge ich den Dreck weg, der beim Bohren und Montieren entstanden ist. Schon wieder verschwitzt, aber von Gesundheitlichem soll hier und heute nicht weiter die Rede sein.

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Beim Mittagessen mit B. zunächst eine lästige Diskussion mit der ziemlich ahnungslosen, asiatischen Bedienung, die unsere Nachfrage, ob es wirklich sein könne, dass von 16 Gerichten auf der Mittagskarte nur ein einziges vegetarisch sei, mit Dauergrinsen und Kiekslauten beantworten möchte, womit wir sie natürlich nicht davonkommen lassen. Aber es hilft nichts: der lauwarme Linsensalat ist das einzige Angebot und kann uns gestohlen bleiben. Wir bestellen notgedrungen ein sauteures, vegetarisches Gericht von der normalen Karte.
B., der sein Haus gerade abbezahlt hat, meint, das sei jetzt schon drin, und ich freue mich über die Einladung.
Das dampfende Wokgemüse an Basmatireis schmeckt super, beinahe gelingt es uns – konzentriert aufs leckere Essen und unser Gespräch über wichtige Lebensdinge – das proppenvolle Lokal samt seiner ohrenbetäubenden Akustik auszublenden.
Da bläst es plötzlich eine Sequenz an Sätzen vom Nachbartisch herüber. Ein Business-Bürscherl mit Toni-Kroos-Frisur und zu kurzen Anzughosen brüstet sich vor seinen drei Kolleginnen lautstark damit, gestern die Petition für die Umbenennung der Schamlippen in Vulvalippen unterschrieben zu haben (ich habe noch nicht gegoogelt, ob es die wirklich gibt, also die Petition!). Die Kolleginnen gucken verschämt in ihr Gulasch, eine errötet leicht. Mindestens 10 Paar Augen von benachbarten Tischen sind auf das Bürscherl gerichtet, dem man, wenn man ihn sich so ansah, speziell diese Unterschrift definitiv nicht zugetraut hätte.
Fast noch überraschender: des Bürscherls Nachtrag, dass das doch eine gute Sache sei, weil Sprache ja schließlich die Wirklichkeit formen würde, und wie die Damen das denn sähen. Aber die sahen lieber weiterhin in ihre Teller. Das Aufsehen fand drumherum statt, bis dann alle wieder wegsahen.

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Auf unserem grauen und etwas drögen Spaziergang begegnen wir dem Mann mit dem uralten Hund. Die Hinterläufe sind erlahmt und in eine rollstuhlartige Konstruktion hineingeschnallt, die es dem Hund ermöglicht, sich langsam, aber eigenständig fortzubewegen. Der Hund wirkt gebrechlich, aber nicht leidend, nicht mal tapfer oder hadernd, sondern weitgehend mit seinem Schicksal im Einklang.
Mit einer Engelsgeduld begleitet der Mann seinen greisen Gefährten, hetzt diesen nicht, sondern lässt ihm Zeit zu schnuppern und seine Geschäfte zu verrichten. Dreimal am Tag, dreimal diese wenigen Meter, die der Hund noch schafft. Der Anblick der beiden rührt mich jedesmal zu Tränen, zu deren Vergießen es aber nie kommt, weil ich mich schon bei der ersten Aufwallung in Grund und Boden schämen muss: das Dackelfräulein verbellt den altersschwachen Artgenossen nämlich sofort voller Inbrunst. Jedes Mal. Alles, was vom normalen Phänotypus „Hund“ abweicht (Verband, Amputation, Humpeln, Gehhilfen, Leuchthalsbänder etc.), erregt ihren Unmut aufs Heftigste. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich ihr spontan einen dämlichen Satz wie „Pippa, das macht man nicht!“ oder „Spinnst du? Der ist doch nur alt!“ zuzischen. Überhaupt ist es erstaunlich, dass ich mir nach bald 7 Jahren Hundhaben immer noch nicht dieses absurde Kommunikationsverhalten abgewöhnt habe, ihr mehrere Sätze am Stück mit gänzlich unbekanntem Vokabular vorzusetzen, anstatt die Botschaft auf ein schlichtes (und zumindest theoretisch bekanntes) „Nein!“ oder „Schluss!“ zu beschränken.

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Nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung. Ich forste Ordner durch, werfe weg, hefte um, lege ab.
Dezember, das bedeutet Ausmisten, Abschließen, Sortieren, Aufräumen, Vorbereiten, in den Keller gehen (und zwar nicht nur in den des Mietshauses, sondern auch in den Seelenkeller, erst recht, wenn man den ganzen November lang noch nicht dort unten war).
Wenn ich das diesmal flott hinter mich bringe, dann backe ich glatt noch ein paar Bleche Plätzchen. Die von Rischart schmecken zwar phantastisch, sind aber zu teuer. Und der Papa wird dieses Jahr erstmals keine mehr liefern, zu stark zittert nun der rechte Arm und bevor die Vanillekipferl Hufeisengröße annähmen, ließe er es lieber bleiben, sagt er mir heut am Telefon mit müder Stimme.
Ich bin jetzt dran!, denke ich und sehe mich schon, wie ich puderzuckerbestäubte Kipferl Schicht für Schicht, mit zugeschnittener Zellophanfolie dazwischen, genau so wie er es immer tat, in die große, ovale Dose packe, die er mir jedes Jahr übergab. Die mit den Engeln der Sixtina drauf, ein Motiv, das ich eigentlich nie mochte, obwohl es über die Jahre zum Symbol geworden war für die Plätzchen vom Papa und beinahe den Pawlowschen Reflex auszuösen imstande war.

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Limited edition, Farbton „Karies“.

Am frühen Abend raffe ich mich trotz hämmernder Kopfschmerzen auf und gehe hinunter zu Nachbar K., denn sein Name steht auf der DHL-Benachrichtigungskarte, die seit heute Mittag an meiner Tür klebt.
K. ist in der Finanzbranche tätig und normalerweise von frühmorgens bis spätabends außer Haus. Ich lege mir auf dem Weg in den ersten Stock ein Intro-Sprüchlein zurecht („Na, hoffentlich Urlaub und nicht krank?“) und läute.
K. hat weder Urlaub, noch ist er krank, nein, er macht Homeoffice. Weil er gerade an einer Studie arbeiten müsse und dafür Ruhe bräuchte. Außerdem müsse er seine Frau entlasten und den Wocheneinkauf erledigen. Wozu er aber nicht gekommen sei, weil der DHL-Bote 10 Pakete bei ihm abgestellt hätte, die nun den ganzen Nachmittag über von diversen Nachbarn abgeholt worden wären. Mit jedem ein Viertelstündchen geratscht, so ginge der Tag auch rum. Wir erhöhen auf 20 Minuten, dann bekomme ich einen Niesanfall, nehme mein Päckchen und verabschiede mich.
Nebenbei: Amazon ist manchmal der Wahnsinn. Gestern Abend um 23:30 Uhr eine elektrische Zahnbürste bestellt (die alte hörte sich seit Wochen wie ein kaputter Rasenmäher an und gab gestern um 23 Uhr, am Backenzahn unten links angekommen, endgültig den Geist auf), heute ist das Ding schon da. Wie geht das bloß?
Mit im Karton: die einzigen Socken, in denen ich nie kalte Füße habe. Bergsocken von Veith (aus dem Allgäu zwar, aber Wolle ist ja gottseidank schweigsam). Es gibt nichts Besseres fürs klamme Frauenflossen.

Sauber und warm kann der Tag nun enden.
Eine Nacht mit mehr als 5 Stunden Schlaf am Stück wäre auch mal wieder was. Schließlich habe ich dem Dackelfräulein fest versprochen, dass wir morgen – grippaler Infekt hin oder her – nach gefühlten Ewigkeiten endlich mal wieder zusammen ausfliegen.

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Großstadt-Dackel, etwas depressiv.

You better run you little wild heart.

Für Andrea & Pippa.

Vor ein paar Tagen las ich morgens, noch gemütlich mit dem schnarchenden Dackelfräulein im Bett kuschelnd, den neuesten Blogbeitrag meiner Freundin Andrea aus Braunschweig.

Dass Andrea neulich mit Mann und Labradoodle Bobby in Berchtesgaden eine Woche „Hundeurlaub“ gemacht hatte – genauer gesagt: an einem „Antijagdtraining“-Kurs teilgenommen hatte – war mir natürlich nicht mehr neu, denn wir hatten die drei direkt nach Kursende dort besucht und anderthalb schöne Tage miteinander verbracht. Bei einer gemeinsamen Wanderung hatte Andrea mir auch bereits ausgiebig von der Trainingswoche berichtet und wir konnten live zusehen, wie sie die Kursinhalte fleißig unterwegs übten.

Nun reichte sie noch ein Interview zu der Thematik nach, das sie im Anschluss an den Kurs mit der Hundetrainerin geführt hatte.
Beim Lesen blieb mir an einigen Stellen die Spucke weg und die gerade noch so gemütliche Morgenstimmung wandelte sich zu einem Gefühlsmix aus Beschämung und schlechtem Gewissen.

Etwas benommen stand ich auf und wurschtelte mich so durch den Tag, immer wieder mit einem mulmigen Gefühl an diesen Beitrag denkend.

Warum?

Nachdem ich das Ganze ein Weilchen habe sacken lassen, ist es mir klar geworden: Weil mir manche Antworten der Hundetrainerin die Augen für die momentanen Defizite in der Beziehung zu meinem Hund ebenso geöffnet hatten wie für ein paar lang gehegte Fehlinterpretationen (wie z.B. dass Buddeln auch zum jagdlichen Verhaltensrepertoire gehört), für Gedankenlosigkeiten (im Umgang mit dem Hund) und für den üblichen, leider immer wieder mal einreißenden Alltagsschlendrian in unserem Zusammenleben (kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander).

Seit drei Monaten dreht sich hier fast alles nur noch um die neue Wohnung, die Renovierung derselben, etliche berufliche Dinge und das Abhaken von diversen Erledigungslisten. Der Gatte ertrinkt ebenfalls in Arbeit und schleppt sich tapfer und ziemlich überarbeitet durch sein Sommersemester.

Nun bin ich zwar gut im Organisieren und auch ein passabler Stressphasen- und Umzugs-Manager, bekomme daneben sogar noch ein gewisses Maß an Sozialleben und Freundschaftspflege auf die Reihe, dasselbe gilt fürs Schwimmen und etwas Bewegung überhaupt.
Aber vor lauter Gewurschtel und Geplane ist Pippa im Laufe der Wochen ganz unmerklich zu einem Pflichtprogramm geworden, das ich zwar diszipliniert in den Tag einbaue wie alles andere Notwendige oder zu Erledigende auch, nur ließ die Freude an der Zeit miteinander, ein echtes Aufeinander-Bezogensein, die Intensität unserer Bindung mehr und mehr nach.

Bei Spaziergängen warf ich ein paarmal pflichtschuldig den Ball, ließ sie buddeln oder das Ufergebüsch durchstöbern, weil ich dann nicht weiter gefordert war, sie zu beschäftigen. Stand unbeteiligt daneben. War froh, einfach mal eine Weile irgendwo rumzustehen und irgendeinen Punkt zu fixieren: das Loch, das sie grub, die Stelle auf der Wiese, in der sie sich wälzte, ihr wackelndes Hinterteil, wenn sie vor mir her lief. Viel mehr ist zwischen uns in den letzten Wochen nicht passiert. Ich war einfach zu erschöpft – von den Wohnungsdingen, von manch zwischenmenschlichen Strapazen, von viel Arbeit mit einem kaputten Ellenbogen.

Es reicht, merkte ich plötzlich. Und zwar reicht’s mit Einigem (wovon heute nicht die Rede sein soll und vielleicht auch überhaupt nicht hier).
Manchmal braucht’s ja diesen Schubs von außen, damit man kapiert: Zeit wird’s, wieder in ein anderes Fahrwasser zu kommen. Höchste Zeit! Und genau diesen Impuls gab mir Andreas Beitrag.

Noch bevor nächste Woche das Bad renoviert wird und man wieder vor lauter Sägespänedunst, der den Handwerksfreund und mich hier Woche für Woche umgibt, kaum noch erkennen kann, welcher Wochentag eigentlich ist, habe ich beschlossen, ab sofort mein Dackelmädchen nicht mehr wie einen Programmpunkt zu behandeln und draußen überwiegend ermüdende Pflichtrunden abzuspulen, sondern schleunigst wieder zu der Beziehung zurückzukehren, die wir den Großteil unserer sechseinhalb gemeinsamen Jahre über hatten und die mich immer so froh gemacht hat (beinahe hätte ich gesagt: auf die ich immer so stolz war, aber mit Stolz und so Sachen hab‘ ich’s nicht so).
Zwei, die nacheinander gucken, die aufeinander achten, die miteinander durch die Welt und durchs Leben gehen – und sich dabei aneinander freuen.

Es gibt so viele Gelegenheiten dazu, man muss sie nur ergreifen und zulassen – und genau damit habe ich heute wieder begonnen.

Die Tour:
Traubling – Golfplatz Tutzing – Deixlfurter Weiher – Ilkahöhe – Forsthaus – und über Obertraubling und Monatshausen zurück. 12 Kilometer. Passables Wetter. Nicht überlaufen, kaum störende Mountainbiker, keine Wildschweine oder Rehe.
Schöne Einkehr mit Weitblick aufs Alpenvorland und auf der Terrasse sogar herrlich Ruhe gehabt, weil das lärmende Sonntags-Familienvolk von einer dichten Hecke abgeschirmt nebenan im Biergarten tobt. Kostet nicht mal 2€ mehr, den Imbiss im Bedienbereich einzunehmen, das war’s wert.

Unterwegs kein stumpfsinniges Bällchenschießen, kein gedankenloses Buddelnlassen, stattdessen gemeinsam durchs mannshohe Schilf gekämpft, unwegsamste Wege ausprobiert, zweimal verlaufen, Schlangen bestaunt, auf wackligen Stegen herumgeturnt, Seerosen beschnuppert, im Moorsee gebadet, auf urwaldähnlichen Sumpfpfaden im Morast versunken (der Dackelpopo danach wie in Tonerde eingebacken, im nächsten Weiher gleich abgewaschen), über Bachläufe gesprungen, einen toten Fuchs gefunden, auf umgefallenen Riesenbäumen herumgeklettert, von Golfspielern angepöbelt worden und zusammen zurückgemotzt – und nach vielen Stunden müde und zufrieden wieder am Auto angekommen.

Auf der Heimfahrt wählt die Shuffle-Funktion des CD-Players aus der Musiksammlung das hier aus:

You make up your mind, you choose the chance you take
You ride to where the highway ends and the desert breaks
Out on to an open road you ride until the day
You learn to sleep at night with the price you pay
(…)
Now they’d come so far and they’d waited so long
Just to end up caught in a dream where everything goes wrong
Where the dark of night holds back the light of the day
And you’ve gotta stand and fight for the price you pay
(…)

Als Springsteen bei der Zeile „So let the games start, you better run you little wild heart“ angekommen ist, halte ich gerade an einer Ampel in Starnberg. Nutze die Gelegenheit, drehe mich um und gucke zu Pippa, die friedlich auf der Rückbank schläft. Ihre Pfötchen zucken ein bisschen, vermutlich träumt sie.

Ich verrenke mir den Arm, greife nach hinten und streiche über ihren kleinen Kopf.
My little wild heart, sage ich zu ihr – let the games start again!

(Dies, liebe Andrea, als Antwort auf deine Frage aus der Mail von heute Mittag.)

Hund haben (5).

Das Dackelfräulein hat neben seiner rassetypischen Anfälligkeit für Bandscheibenprobleme (landläufig bekannt unter „Dackellähme“) von klein auf mit einer Patella baja zu tun (kein Teckeltanzstil, sondern ein sog. Kniescheibentiefstand). Hinten rechts zog sie den Hinterlauf seltsam hüpfend hoch oder setzte hinkend einen Schritt aus. Seitdem wir täglich Grünlippmuschelpulver unters Futter rühren, hat sich die Symptomatik gebessert bzw. fast völlig gelegt.

Wie alle Dackel soll sie keine Treppen gehen, wird also immer getragen (was bei knapp 7 kg kein großer Aufwand ist), rauf und runter. Auch beim Sprung aufs Sofa sind wir behilflich und selbstverständlich wird sie abends auch ins Bett gehoben (zumindest in jene, die für Menschen sehr rückenfreundlich sind, aber für Dackel bereits zu hoch).

Gelegentlich springt die Madame aber nachts eigenständig aus dem Bett (manchmal stupst sie einen kurz an, aber meist reagiert man zu langsam) – weil es ihr zu warm wird, weil einer von uns in der Wohnung herumgeistert, selten auch mal, weil sie raus muss und einmal jährlich, so wie momentan wieder, weil ihr einfällt, dass sie nach ihren Kindern sehen will. Die imaginäre Welpenbande wird dann überall gesucht, nicht gefunden und irgendwann kehrt sie unter Gejammere ob der erfolglosen Suche zur Bettkante zurück und jammert noch lauter, weil sie wieder hoch ins Bett möchte.

Der Parkettboden in der neuen Wohnung ist frisch versiegelt. Heißt, er ist besonders glatt. Verlässt die Dackeldame also nachts das Bett, ist seit Neuestem nicht nur der Sprung an sich ein Gesundheitsrisiko, sondern auch noch das anschließende Ausrutschen auf dem Holzboden.

Der Gatte konnte das nicht mit ansehen und hat rasend schnell für Abhilfe gesorgt (eine für haushaltsnahe Dienstleistungen eher untypische Reaktionsgeschwindigkeit).

Kurz darauf lieferte Amazon einen Karton, in dem ich rein größenmäßig spontan ein Denkmal für mein Engagement beim Umzug vermutete oder ein ungewöhnlich rechtzeitig bestelltes Geburtstagspräsent, das meiner früher stets verkündeten, aber eigentlich überholten Devise „groß & teuer“ gerecht würde.

Diesmal wagte ich es nicht, den Karton zu öffnen, sondern ich wartete auf die Heimkehr des Gatten. Der bestaunte dann auch das Pappmonstrum und fragte sich, was er da wohl bestellt haben könnte.

Nach dem Herausschaufeln von unendlich viel Füllmaterial (wenigstens aus Papier) kam schließlich der Inhalt zum Vorschein: Petwalk!

Ich habe mich totgelacht über das Foto und die Beschriftungen auf der Schachtel. Da hat ein Hersteller mal absolut den Nagel auf den Kopf getroffen („Friends on tour“) und die Realität abgebildet (der Blick! die Vorderpfoten!): Eine total authentische Szene, mitten aus dem ganz normalen Alltag eines Dackels. Ohne digitale, schönheitschirurgische Eingriffe am Model vorzunehmen oder den Faltenwurfs des billigen IKEA-Dreisitzers zu retuschieren.

Das nenne ich Stil und Anstand – endlich mal nicht so eine Kundenverarsche wie bei manchen TK-Gerichten, auf denen die Abbildung stets viel appetitlicher aussieht als das, was man nach 25 Minuten bei 180°C dem Ofen entnimmt oder diese Blenderei in Autoprospekten, in denen der quarz-grau-metallicfarbene Skoda Octavia Kombi auf patagonischen Passstraßen dem Sonnenuntergang entgegen schwebt und dort irgendwie viel besser und sportlicher wirkt als im Stau auf dem Münchner Feinstaub-Highway namens Donnersbergerbrücke.

Petwalk, auf dem sich Pippa nach nur 2x Üben (der neue Befehl lautet: „Rampe!“) bereits bewegte wie auf dem Catwalk, hält jedenfalls, was es/er verspricht. Des nächtens kann die Hundedame nun frei entscheiden, wann sie die Schlafstatt verlassen und wieder in selbige zurückkehren möchte. Sie rutscht beim Ausstieg nicht mehr mit allen Vieren auf dem Parkettboden aus, wodurch sie auch nicht mehr wacher wird als ihr vielleicht lieb ist, ihr Rücken und ihre Gelenke werden geschont und dank der beschichteten Rampe geht das Ganze auch für den schlafenden Menschen nahezu geräuschlos von statten.

Nur das Gejammere, das bleibt uns wohl noch ein Weilchen, bis die „Kinder“ aus dem Gröbsten raus sind und die Hormonlage wieder bei Normalnull angekommen ist.

Ein wunderbares Teil, ich kann es allen Kleinhundhaltern, bei denen es die Töle auch bis ins Bett geschafft hat und die auf Rücken/Gelenke achten müssen, wärmstens empfehlen. 

Sie können nun sorglos weiterschlummern, während Ihr Liebling mal kurz sein von Ihrer viel zu warmen Bettdecke aufgeheiztes Bäuchlein auf dem Badezimmerboden abkühlen lässt und danach wieder erfrischt zu Ihnen unter die Decke schlüpft. Den eigenen Rücken schonen Sie nebenbei auch, da Sie nicht mehr abrupt aus dem Tiefschlaf gerissen binnen einer Sekunde den Hund aus dem Bett heben müssen.

Aber Vorsicht: Sie bekommen nun auch nichts mehr davon mit, wenn sich Ihr Vierbeiner nachts zum Kühlschrank schleicht, weil es tagsüber wie immer zu wenig zu essen gab oder er sich nochmal auf die Couch verkrümelt, um heimlich nach Mitternacht die „Aristocats“-DVD zu gucken und seine nicht ausgelebten Aggressionen in die Sofakissen zu knurren.

Einen schönen Abend wünscht
Die Kraulquappe.

Ins Licht.

Nach fünf zähen, ziemlich anstrengenden und überwiegend verregneten, grauen, trüben und von diversen Ängsten, Ärgernissen und Beinahe-Amokläufen (Vodafone!) geprägten Tagen, kommt langsam das Licht zurück.

Das Internet funktioniert nach tagelangen Kämpfen mit der Hotline nun endlich, als Entschädigung für den ganzen Ärger fällt die Grundgebühr für die ersten drei Monate des Anschlusses weg und die Fritzbox bleibt ab sofort vertragslang gebührenfrei. Dafür habe ich ein paar Falten und graue Haare mehr. Hauptsache, online. 

Jetzt muss nur noch die Versicherung der Umzugsfirma die hinterlassenen Schäden regulieren, der Obertürschließer der Wohnungstür fachmännisch ausgehängt werden, das Rausfahren aus der viel zu steilen Tiefgaragenausfahrt und die Bedienung des Trockners geübt und wieder sowas wie ein normaler Alltag jenseits von Handwerker- und Lieferterminen in Betrieb genommen werden.

Ach ja, und Licht in der Wohnung, so ab 20 Uhr und in der Form von Lampen, die über einen Lichtschalter bedient werden können, das wäre auch noch eine feine Sache.

Müde in der Sonne sitzend grüßt 

Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (11): Noch da.

Da bin ich wieder.
Halten wir in aller Kürze einfach Folgendes fest: Es gibt angekündigte Blog-Pausen und unfreiwillige Blog-Pausen. Letztere habe ich gerade hinter mich gebracht, glaube ich – und sehe mir jeden Irrtum hierüber bereits im Voraus nach.

Das Leben, die Gesundheit, der Alltag und die Perspektiven fühlten sich in etwa so an:

Naja, es war nicht permanent alles so novembergrau gestrickt, verwackelt und verregnet, aber eben überwiegend.

Diese letzten Wochen des Jahres waren noch nie meine beste Phase: Hochkonjunktur für Infekte, zu früh dunkel, zu oft kalt, Weihnachtsgedöns aller Orten, familiäre Erwartungen, Eintrudeln der Jahresbeitragsrechnungen für alles Mögliche und Räsonieren über persönliche Jahresbilanzen für ebenfalls alles Mögliche (die man in der verbleibenden Zeit kaum noch frisieren kann).

Seit ein paar Tagen steigt mein Stimmungsbarometer ganz langsam wieder – analog zu den Außentemperaturen: Ein Isarspaziergang mit einer Freundin (plus Brezen und Einkehr im Café), ein Saunabesuch mit guter Lektüre (vorher Schwimmen: krieg ich die 100 Mal doch noch voll, trotz Schulterpause?), ein höchst erfreulicher Beratungstermin bei einem Juristen des Mieterbunds (der Typ: äußerst kompetent, nett und lässige Rocker-Optik), ein paar sich abzeichnende Pfade und Pläne für 2017 (müssen noch reifen, bis sie mitteilbar werden).

Und – nicht zu vergessen – der neue Jim-Jarmusch-Film „Paterson“, der die beunruhigende Frage aufwirft, ob man lieber ein Fisch oder ein Busfahrer wäre (oder was Menschsein überhaupt ist oder sein kann) sowie die beruhigende, nicht ganz überraschende Botschaft übermittelt, dass der Alltag zu einem Großteil aus Wiederholungen und Banalitäten besteht (einzig das Schreiben bzw. Dichten verschafft dem Protagnonisten Fluchtoptionen aus diesem Trott).
Das hat in seiner Monotonie und dem daraus entstehenden Rhythmus fast etwas Meditatives. Aus dem Kinosaal nach draußen tretend ist man sogleich heilfroh, nicht in Paterson, dieser bedrückenden Kleinstadt New Jerseys, zu stehen, sondern in der weitläufigen Großstadt – und nicht minder beglückt darüber, dass der eigene Hund ein so viel erfreulicherer Anblick ist als die Film-Bulldogge Marvin („Paterson“ besticht visuell eher durch Innenansichten, vor allem die des Häuschens, in dem der Busfahrer mit seiner Freundin und Marvin lebt – selten wirkte schwarz-weiß so fröhlich wie hier!).

Sogar der Himmel über Bayern ist noch da. Wenn man nicht ständig nur nach unten guckt, kann man ihn auch gleich wieder besser sehen.

Am besten sieht man ihn, wenn ihm entgegenläuft. 

Was wir heute getan haben, das Dackelfräulein und ich…

… so zwischen Weißwurstfrühstück und Abendessen beim Papa am Tegernsee.

Wieder in etwas bunterer Launenfärbung grüßt euch
Die Kraulquappe.

Weit, weit weg. (Und wieder da.)

Da bin ich wieder.

Nach der langen Zeit des Unterwegsseins war es kein so leichter Einstieg hier. Oder sagen wir es wie im Radio: Durchwachsen mit sonnigen Abschnitten. Immerhin hatte ich damit gerechnet, so dass es mich nicht wie aus dem Hinterhalt angesprungen hat.

Sonniges:
Das Zuhause, der Gatte, der liebevoll gefüllte Kühlschrank, die im Hotelstil gefaltete Bettwäsche mit Kokoskugel auf dem Kissen, das Willkommenskärtchen vom Gatten und von Freundin D., die Resonanz im Blog.
Der umgehende Anruf vom Papa, der sich dann doch irgendwie gesorgt hatte (die Tochter, allein und so).
Die Brezen vom Neulinger am ersten Morgen. Drei sind eigentlich zu viel, aber trotzdem so lecker.
Der nächste Artikel kurz vor der Veröffentlichung – ein echtes Herzensthema: das Karwendelgebirge.
Die Wochenendspazierrunde bei Weßling inklusive Streuselkuchen beim Sepperlwirt und buntem Herbstlaub überall.
Das ersehnte Schwimmbad steht noch und hat das beste, weichste Wasser und die beste, klarste Luft und auf dem Rücken schwimmend bietet es Aussicht auf den Olympiaturm. Auch das ist Heimat.
Und nicht zu vergessen: die vielen Erlebnisse der Reisewochen in mir.

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Steg. Nun wieder in Bayern.

Durchwachsenes:
Die Heizung einschalten, das Winterbett rausholen. Nebenbei 8 Maschinen Wäsche waschen.
Wieder Ärger mit der Hausverwaltung, ein unendliches Thema, kein Ende in Sicht.
Wieder Ärger mit der Schulter, ich dachte, das sei ausgestanden.
Versuch, Zukunftsüberlegungen anzustellen ohne sich im Kreis zu drehen oder gegen Wände zu laufen.
Lauter Kleinkram, der Alltag eben. Von Reifenwechsel über Zahnarzt und Speicherausmisten bis hin zur Beseitigung der seit Monaten bestehenden massiven WLAN-Probleme. So prickelnd, dass man gar nicht weiß, was man zuerst tun soll.
Derweil wirft der Ginkgo alle Blätter ab und verlangt nach einem milden Eckchen für den Winter.
Ein gewisser Großstadt-Schock. So viele Menschen, so viel Verkehr, so viel Trubel.
Der Papa hat Geburtstag und hat Parkinson, immer wieder ein Erschrecken bei mir, wenn sich mit dem einen auch das andere jährt. Aber nach drei Todesfällen in einem Jahr bin ich für die nächsten Jahre von sowas verschont, so meine persönliche Kalkulation, die ich per Einschreiben an das Schicksal geschickt habe (ohne Rückschein, ich will dieses Jahr nix mehr zu tun haben mit dem Genossen Schicksal).

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Dieses Baums Blatt, der, von Osten… – ach, lassen wir’s einfach.  Jedenfalls nicht so erbaulich wie bei Goethe.

Trübes (fast schon Schwarzes):
Die für immer verwaiste Tür gegenüber. Leere, Stille, Endgültigkeit. Nie mehr Opern hinter dieser Tür, nie mehr der kluge Peter, nie mehr hängen wir sonntags die Semmeltüte an diese Tür. Schwer vorstellbar.
20 Nachrichten auf dem Anrufbeantworter eines Gestorbenen, der ein Freund war, abgehört. Von der Fußpflegerin über dreifache Geburtstagsgratulanten bis hin zur Klinik, die wissen will, was mit dem Restguthaben auf der Telefonkarte passieren soll.

Heute Abend zum Ausbalancieren und Abschalten eine Dosis Musik, die jetzt und hier an damals und dort erinnert.
An Wien und K., an Studium und P., an Sommer. Und das mitten im Münchner Spätherbstgrau.

(Bitte bis mindestens nach dem Gitarrensolo anhören. Oder halt gar nicht, wer’s nicht Alpenländisch ertragen kann.)

Jedenfalls: hier ein erster Gruß „back home“ von
der Kraulquappe.

Two lost souls swimming in a fish bowl…

Nein, das wird kein Beitrag zu Pink Floyd. Sondern ich dachte mir beim Morgenlauf am Strand, dass zur Abrundung der gestrigen Ereignisse noch ein Nachtrag ausstünde, um der Intention eines „Schwimm-Blogs“ auch mal wieder nachzukommen. Hier ist er.

Der gestrige Mittwoch war, genau wie letzte Woche in Höör, mein allwöchentlicher Schwimm-Tag. Aufgrund der Entfernungen zur jeweils nächsten Schwimmgelegenheit kann ich derzeit meiner Leidenschaft ja leider nur einmal pro Woche nachgehen. Alleine mit Hund zu reisen bedeutet eben unter anderem, die Aktivitäten ohne Hund so zu optimieren, dass das längere Alleinlassen im Auto oder der Hütte auf ein Minimum beschränkt bleibt.

Also: Öffnungszeiten des Schwimmbads in Bromölla recherchiert, gefreut, dass Mittwochnachmittag zufällig kinderfreie Schwimmzeit ist, den Weg zum Hallenbad gut eingeprägt, ins Auto gesprungen, fehlerfrei nach Bromölla gefunden.

Zwischenbemerkung: 300 Meter vor dem Schwimmbad ein „Systembolaget“ entdeckt – das sind diese schwedischen Alkohol-Shops, in denen ich bislang noch nie war, da aber mein heimischer Biervorrat trotz strenger Rationierung allmählich zur Neige geht, habe ich spontan angehalten und bin da mal reingegangen. Nachmittags um 16:00 Uhr in einem reinen Spirituosengeschäft durch die Regalreihen zu gehen, beschert einem irgendwie ein komisches Gefühl. Dabei guckt einen gar keiner komisch an, denn die paar Kleinstadt-Alkoholiker sind eh mit sich und den harten Sachen beschäftigt, und sonst treibt sich da um die Uhrzeit niemand rum. Zu meinem Entzücken finde ich im Bierregal auße der 8 Meter breiten Auswahl an Lagerbier doch tatsächlich auch die gute Schneider Weiße in einem Eckchen stehen. Mit vier Pullen bewaffnet sause ich zur Kasse, bezahle, verstaue die Flaschen im Kofferraum – nicht dass mir auf dem Schwimmbadparkplatz noch jemand das Auto aufbricht, wenn das teure und exotische Gesöff da so offen sichtbar auf der Rückbank liegt.

Bromölla macht nämlich nicht gerade einen soliden Eindruck, sondern hat in etwa den Charme von Waldkraiburg (falls das zufällig jemand kennen sollte). Das Schwimmbad liegt am Rande des Industriegebiets.

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Eigentlich könnte ich den Bericht an dieser Stelle beenden. Denn was es von außen versprach, dieses Hallenbad von Bromölla, das hielt es auch von innen. Und zwar zu 100%.

Daher lasse ich die atmosphärischen Details zu Umkleide, Dusche und Schwimmhalle unerwähnt. Vuxen 50 Kronen (echt teuer für die Bude), Geld hingeblättert, Vorhängeschloss bereits in der Hand (von daheim mitgebracht, ist in fast jedem Schwimmbad Schwedens Pflicht), in die Umkleide gestürmt (die hübschen Schwedinnen, die sind ein Gerücht, zumindest in der Provinz), geduscht und ab in die Schwimmhalle.
Dort: Schummerlicht. Von 8 Neonröhren sind 6 defekt. Dafür dudelt Kleinstadtmusik eines Kleinstadtsenders aus den Lautsprechern. Ein 25-Meter-Becken, 8 Bahnen, in der Mitte durch Schwimmleine unterteilt, also 2×4 Bahnen. Kein Schild „snabb simma“ oder „motionsim“, so dass alles für alle zu sein scheint. Ich entscheide mich für die noch komplett leere Hälfte. Nach 10 Bahnen seh‘ ich den Bademeister am Rand rumfuchteln und unterbreche. Er deutet mir an, in die andere Hälfte zu wechseln – und durch die leicht beschlagene Schwimmbrille sehe ich den Grund dafür bereits ins Becken klettern: ein Hausfrauen-Wassergymnastik-Trupp. So ein Mist, denn in der anderen Beckenhälfte schwimmen schon ein paar Leute, aber nur wenige, also begebe ich mich rüber.

Ich wähle die Bahn gleich neben der Leine, denn die brauch‘ ich später zur Orientierung beim Rückenschwimmen. Schwimme 3 Bahnen und plötzlich: Gegenverkehr. Zwei quallenartig ausufernde Wesen kommen mir entgegen, zwischen sich einen riesigen Abstand, damit ihre voluminösen Tentakel sich nicht verheddern, während sie im Schneckentempo durchs Wasser strudeln, Tendenz: vorwärts. Sie belegen aufgrund ihres absurden Radius‘ beinahe die Hälfte der vier Bahnen. Es handelt sich übrigens um Frauen, deren Hauptgrund für den Schwimmbadbesuch ausgiebiges Ratschen ist. Da die Köpfe einander zugewandt sind, weil man sich ja beim Ratschen angucken möchte, schauen sie nicht nach vorn. Es kommt fast zum Zusammenprall. Sie bemerken mich in allerletzter Sekunde und sehen mich völlig erstaunt an, nach dem Motto: Huch, da schwimmt ja jemand!

Außer ihnen sind noch zwei Rentner in dieser Nicht-Wassergymnastik-Beckenhälfte, die aber am Rand hängend mit Denken, Dämmern oder Dösen beschäftigt sind und daher nicht weiter stören. Bei der nächsten Bahn bemerke ich erfreut, dass mir die beiden Quallen nicht mehr entgegenkommen. Man sollte ja auch meinen, dass sich 3-5 Personen vier 25m lange Bahnen wirklich entspannt teilen können.

Plötzlich, einige Bahnen später, wabern sie mir aber schon wieder entgegen, die beiden Weiber, und wieder mitten auf meiner Bahn.
Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Sie schwimmen im Rechteck! Also 3x am Beckenrand entlang, 1x an der Schwimmleine, immer schön links herum. Im extrabreiten Zweier-Pflug durchkämmen sie also das Becken bis auf den Mittelbereich der beiden inneren Bahnen.
Vorteil: Sie können durchratschen, weil sie nicht am Beckenrand wenden müssen, sondern schwimmend abbiegen. Nachteil: Ich bin auch im Becken.

Als wir ein paar Bahnen später erneut beinahe zusammenstoßen, kommt es zu einem kurzen Dialog. Sie quaken irgendwas auf Schwedisch, ich pruste ihnen kurz auf Englisch zu, dass man in einem Schwimmbad die Bahnen üblicherweise vor und zurück schwimmt. Fragt die eine doch glatt, wieso.
– Ja, weil wir hier nicht Goldfisch im Glas spielen, sondern beim Schwimmen sind!

Bei der übernächsten Bahn greife ich prophylaktisch zu einem altbewährten Schwimmertrick, wenn es trotz ausreichend Platz im Becken zu Ärger mit Mitschwimmern kommt: Ich wechsle in die Rückenlage und gebe Gas. Da sehe ich nichts mehr und bin schuldlos, wenn es zur Kollision kommt. Was dann auch geschieht. Patsch, und schon trifft meine nach hinten geworfene Flosse auf ein Quallen-Ektoderm.

Bingo. Danach herrscht endlich Ruhe, ich habe die eine Bahn für die restlichen ca. 23 Bahnen für mich allein (dummerweise haben sie mich aus dem Zählen rausgebracht, die zwei verlorenen Seelen mit Linksdrall).
Ich hab ja schon viel erlebt in Schwimmbädern, aber Rechteckschwimmen echt noch nie. Seht euch also vor, wenn ihr mal in schwedische Provinzhallenbäder kommt und beginnt am besten gleich in Rückenlage!

Liebes, schönes, sauberes, trainingsfreundliches Münchner Dantebad mit deinen vielen 50m-Bahnen, du fehlst mir!

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Auch deshalb ist Reisen eine gute Sache: Durch konkret erlebte Unterschiede wird einfach mal deutlich, was man daheim alles hat, das so selbstverständlich geworden ist, dass man es im Alltag manchmal kaum mehr zu schätzen weiß.

Mit weiteren Schwimmausflügen warte ich nun erstmal ab, bis ich meinen Standort wieder in die Nähe eines modernen, städtischen Hallenbads verlegt haben werde.

Am Samstag verabschieden wir uns nach 9 Tagen aus der paradiesischen Einsamkeit zwischen Västra Näs und Västra Torsö und ziehen weiter, in westliche Richtung.

Es grüßt euch gut durchgeweht –
Die Kraulquappe.

Von der Versmoothieierung des Lebens.

Dank Villeroy und Boch hatte ich vor einigen Wochen eine Erkenntnis. Ihre Vorläufer schlummerten wohl schon seit Längerem unsortiert und nicht zu Ende gedacht in mir. Im Bad meines Hotelzimmers in Wien kam sie mir schließlich durch ein zufälliges Erlebnis zu Bewusstsein. So ist das ja oft mit Erkenntnissen, sie kommen nicht immer dann, wenn man nach ihnen sucht, sondern nebenbei.

Ich war auf dem Weg unter die Dusche, benutzte vorher noch die Toilette und wollte – da es neben der Dusche keinen Haken oder Handtuchhalter gab – mein Duschhandtuch auf dem Toilettendeckel ablegen, so dass ich nach der Dusche nicht tropfnass durchs Bad zum Handtuchhalter tappen musste, sondern das Handtuch in Griffweite läge. Ich wollte also den Toilettendeckel schließen, aber der Deckel war einer dieser hochmodernen Edel-Klodeckel, die nur nach einem kleinen Stupser verlangen, um sich dann sanft der Klobrille entgegen zu senken. Ein Vorgang, der ein wenig dauert (ich glaube, ich hatte zudem ein Wiener Modell erwischt, also ein besonders gemächliches). Und mich in dem Moment auch nervte, da ich einfach nur fix mein Duschtuch auf dem geschlossenen Deckel platzieren wollte, dann aber mit dieser Zeitlupenaktion konfrontiert wurde.

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Ich versuchte, das Ganze zu beschleunigen, indem ich den Deckel nach unten drückte, aber der Deckel leistete Widerstand! Um nicht am Ende diesen teuren Slow-Motion-WC-Sitz zu beschädigen, wartete ich lieber ab, bis er völlig geräuschlos seine Parkposition erreicht hatte.

Warum ich das erzähle? Weshalb mir ein Klodeckel ein Aha-Erlebnis bescherte?

Ganz einfach. Weil mir in dem Moment klar wurde, dass das Phänomen, dessen ich durch diesen modernen Klodeckel gewahr wurde, sich mittlerweile in alle möglichen und unmöglichen Nischen und Räume unseres Alltagslebens eingeschlichen hat. Ich taufe es jetzt einfach mal „Versmoothieierung“.

Was hat es auf sich mit der Versmoothieierung?

Moderne, gut verdienende Menschen, die ihre IKEA-Küche irgendwann gegen ein neues, womöglich vom Fachmann geplantes und durchgestyltes Modell eintauschen, gönnen sich neben hochwertigen Markengeräten und der Granit-Arbeitsplatte in jedem Fall auch Schubladen mit „Soft closing“. Das ist dieser gedämpfte Selbsteinzug, bei dem man die Schublade nur kurz antippen muss und den Rest erledigt die Schublade von alleine, untertänig und diskret.
Feine Sache, wenn man nicht mehr selbst darauf achten muss, die Schublade nicht aus Versehen zu heftig zuzuhauen, so dass das Besteck im Inneren lärmt und zittert. Vorbei die Zeiten, in denen man die Dämpfung in Form von kleinen Anschlagpuffer-Punkten selbst aufkleben musste, um zumindest die Geräusche der Schublade gering zu halten.

Dasselbe begegnet uns beim Neuwagen (oder bei neueren Gebrauchten), den man sich – entsprechende Solvenz vorausgesetzt – mit „Zusatzpaket Comfort“ bestellt: Die Heckklappe muss nur noch angestupst werden oder erhält per Fernbedienung den Befehl, sich zu schließen. Kein lästiges Herumfingern mehr nach der Griffmulde in der Kofferraumklappe, die man dann mit einem gekonnten Schwung nach unten ziehen muss (und rechtzeitig vorher die Hand rausziehen). Sitze und Spiegel huschen per Knopfdruck und bestenfalls begleitet von einem dezenten Surren in die einprogrammierte Position für den jeweiligen Fahrer.
Und wo der Cabriofahrer früher die Persenning noch von Hand aufgezogen hat, schnurrt heute – während der Fahrt! – eine automatische Abdeckung herunter, und – schwupps! –  hat sich das Autodach ohne Aussteigen, Schimpfen oder Scheppern von selbst verstaut.
Von der Servolenkung will ich hier gar nicht mehr reden – seit Jahrzehnten gehört die ja zum Standard. Ich würde auch einen Teufel tun und sie kritisieren, speziell jetzt, da mir meine Schulter viele Bewegungen zur Hölle macht, bin ich wirklich froh, dank einer butterweichen Lenkung völlig kräfteschonend mit dem Auto rangieren zu können.

Das Phänomen zieht seine Kreise, wohin man nur schaut.
Wo es früher in Schwimmbädern Sprungtürme gab, stehen nun Wasserrutschen, damit wir ins Wasser gleiten, ohne Bauchplatscher.
In anderen sportlichen Kontexten ist es ähnlich. Als ich mit dem Laufen begann, irgendwann zu Studentenzeiten, tat ich das in dem einen Paar Turnschuhe, das ich für jede Art von Sport im Schrank hatte. Heute habe ich gedämpfte High-Tech-Asics, welche für Asphalt und ein Zweitpaar für Waldböden, in denen ich fast schweben kann (naja, wirklich nur „fast“, oft genug fühle ich mich trotz der Asics wie ein Betonklotz).

Alles gleitet, huscht, surrt geschmeidig und nahezu geräuschlos vor sich hin. Wie schön. Weniger Lärm, weniger Mühe, Aufprallschutz an allen Ecken und Enden. Der Alltag und das Leben wird optimiert und versmoothieiert.

Als ich klein war, stellte mir meine Mutter immer Obstteller hin, mundgerecht portioniert, alle zwei Obstschnitze ein Stückchen Schokolade dazwischen – irgendwie musste man ja das Kind zu den Vitaminen locken. Sie wusch das Obst, schälte, schnitt und entkernte es. Smoothie-Maker waren noch nicht erfunden. Man musste noch selbst ran. Gab es Spargel, stand sich mein Vater beim Schälen die Beine in den Bauch, es war mühsam, und daher blieb Spargel nicht nur aus Kostengründen ein besonderes und seltenes Essen.

Heute können wir den Spargel geschält und das Obst in pürierter, trinkfertiger Form kaufen.
Quasi „to go“. Ist praktisch, geht schneller.

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Vor der Versmoothieierung unseres Alltags enthielt Erdbeer- oder Himbeermarmelade grundsätzlich diese kleinen Kernchen, die sich zwischen den Zähnen verhakten und an denen man, war man unterwegs und die Zahnbürste daheim, den ganzen Tag mit der Zunge rumpopelte, um sie zu entfernen (was meist nicht gelang). Heute gibt es die Smooth-Version (heißt wirklich so) dieser Fruchtaufstriche. Hurra, wieder sind wir eine lästige Komponente losgeworden und können unsere Zungen schonen. Kommt bald das Essen in Breiform, so wie zu Beginn unseres Lebens und oft auch am Lebensende?

Wir entledigen uns des Zupacken-Müssens, des Anpackens, des Hinfassens, des Aufpralls, der Geräusche. Wir tippen nur noch an, geben kleine Initialschubser, wischen von „on“ nach „off“, tändeln und tindern auf unseren Smartphones herum, so halten wir Distanz, machen uns die Finger nicht weiter schmutzig und schonen unsere Kräfte, Nerven und Zeit. Wir müssen manche Arbeiten nicht mehr alleine vollenden, denn sie geschehen von selbst, im gefälligen, leisen Smooth-Modus. Outsourcing der Fährnisse des Alltags, wo immer möglich und finanzierbar. Härte unerwünscht. Das Leben, der Job, die Familie, der Alltag – alles hart genug. Also Dämpfen und Abfedern, Pürieren und Versmoothen, wo immer es geht.

Manches davon spart Zeit, vieles spart Kraft und Mühe. Mit der gewonnenen Zeit und Energie können wir uns Wichtigerem zuwenden. Was auch immer dieses Wichtigere sein mag. Quality time mit der Familie und Freunden? Selbstfindung oder Selbstverwirklichung? Oder einfach noch mehr Arbeit, noch eine Sprosse auf der Karriereleiter?

Nein, auch ich gebiete der Versmoothieierung nicht konsequent Einhalt. Gelegentlich – eigentlich nur an Bahnhöfen, wenn ich mich für die Zugfahrt rüste – kaufe ich einen Smoothie. Ich möchte auch nicht mehr ohne mein Smartphone sein. Oder ohne meinen iPod. Meine Laufschuhe schätze ich ebenfalls sehr. Unser Auto genauso, obwohl es kein Soft-Closing der Heckklappe beherrscht. Vieles davon ist angenehm und praktisch.
Ich bin daher keinesfalls der Ansicht, früher sei alles besser gewesen oder Technisierung sei Gift oder jeder solle sich immerzu seine Orangen selbst pressen (was ich zwischen 15. November und 15. März allerdings täglich tue) oder dürfe keinen Spargel essen, wenn er ihn nicht selbst zu schälen gewillt ist.

Trotzdem denke ich, die Versmoothieierung könnte uns auf lange Sicht, und wenn sie noch mehr um sich greift, ein bisschen „verderben“.
Weil sie teilweise eine Weichzeichner-Wirklichkeit konstruiert, die mit den originären Tatsachen nicht mehr viel gemein hat. Weil sie uns vielerorts vor Spelzen, Geräuschen, Anstrengungen und Widrigkeiten verschont, die aber zu den Gegenständen, Tätigeiten, Situationen, Elementen und Phänomenen dazugehören. Weil sie uns so mancher Erfahrung berauben könnte, wenn sie uns immer mehr abnimmt. Weil sie Konturen verwischt, den Alltag und das Leben womöglich an zu vielen Stellen in Watte packt, die uns Weichheit vorgaukeln, wo eigentlich Härte ist. Weil sie uns in manchen Bereichen die Entlastung nur um den Preis der Entfremdung beschert.

Die Versmoothiierung sollte eigentlich all denen vorbehalten sein und dienen, denen es an Fertigkeiten, Kraft, Eigenständigkeit oder Zeit mangelt: Säuglingen, Kleinkindern, alten Menschen, Menschen mit Behinderung oder kranken Menschen.
Alle anderen profitieren meiner Ansicht nur bedingt von dem Smooth-Modus. Es ist nämlich stinknormal, dass es im Alltag nicht flutscht wie püriert. Das ist, wie ich finde, nicht nur lästig, sondern schult einen auch. In Vorsicht, Rücksicht, Umsicht und Einsicht. Ein paar Mal den Finger an der Schublade eingeklemmt und schon ist man aufmerksamer (ich kann „achtsam“ nicht mehr hören), wenn man das nächste Mal mit diesem Möbelteil zu tun hat. Das Leben ist oft genug so gestrickt, dass es kein Soft-Closing und keinen Aufprallschutz beeinhaltet. Schon gar nicht, wenn es dem Ende entgegengeht.

Heute Nacht, ziemlich genau zur jetzigen Stunde, ist es ein halbes Jahr her, dass ein Freund von mir gestorben ist. Der Tag, an dessen Ende er starb, war grau und trüb, es war der Tag, an dem es keinen Radiosender gab, in dem nicht „Ashes to ashes“ mit „Heroes“ um die Wette lief.

Er war noch nicht mal Mitte 50, er war gesund, sportlich, geistig und körperlich fit. Nach dem abendlichen Laufen in den Isarauen ist er umgefallen, einfach so. Zack, bumm, aus und vorbei. Ungedämpft, knallhart.

Die einzig smoothe Komponente bei seinem Sterben war bestenfalls die, dass er auf eine dünne Schneedecke fiel, die der Winter in jener Nacht erstmals ausgebreitet hatte.

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Sommer an den Isarauen bei Großhesselohe.

Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Tod eines Menschen. Und sie machte mir klar, dass es noch wesentlich härter kommen kann, wenn es mal Menschen trifft, die mir noch näher stehen.
Darauf kann man sich nicht vorbereiten, schon klar. Ich vermute aber, ich versuche es dennoch ein bisschen. Vielleicht, indem ich bewusst formuliere, dass er „gestorben“ und nun „tot“ ist (dieses „er ging von uns“ oder „er ist verstorben“ fühlt sich für mich zu abgefedert an). Vielleicht auch, indem ich bemüht bin, den Pakt mit der Versmoothieierung nicht zu eng werden zu lassen. Zu riskieren, mich beim Spargelschälen auch mal in den Finger zu schneiden. Zu ertragen, dass es nun mal einen Knall tut, wenn einem Klodeckel oder Schublade auskommen. Es ist einfach näher dran an der Realität.

Heute, ein halbes Jahr nach diesem Ereignis, kommt mir sein Tod langsam etwas vertrauter vor. Zumindest soweit vertraut, dass ich dir, lieber N., diesen Beitrag widme, der ganz in deinem Sinne gewesen wäre. Du, der du jeden Abend deinen Apfel samt Kernen gegessen hast und der du noch vor kurzem in deinem alten Nissan ohne Servolenkung um die Ecke gebogen kamst.

Das hier ist für dich, falls es im Jenseits, an das ich nicht glaube, Youtube geben sollte.