Zurück aus den Blaubergen.

Wie gestern schon angedeutet: Die zweitägige Tour durchs bayrisch-tirolerische Grenzland war ein Stück weit auch eine Wanderung zu meinen eigenen Grenzgebieten. Diese unbekümmerte Leichtigkeit, die ich früher mal hatte, ist perdu, im Gehen genauso wie hinsichtlich Kraft und Kondition.
Es ist zwar alles immer noch gut zu schaffen, aber es macht mir völlig anders zu schaffen als früher: der Osprey-Tourenrucksack sitzt perfekt, wird mir allerdings nach zwei Stunden zunehmend zur Last, die Konzentration, die vor allem das Bergabsteigen in schwierigerem Gelände erfordert, lässt viel schneller nach, die Sorge um Pippa lässt hingegen keine Sekunde nach und das, obwohl sie recht sorglos vorauswetzt. Die Ganzkörpererschöpfung, die solchen Touren folgt, ist mittlerweile auch eine andere, nachhaltigere, immerhin aber (noch) muskelkaterfrei.

Das Ausmaß an Achtsamkeit (im Sinne von Vorsicht und Voraussicht) erfüllt unterwegs meinen Kopf und Körper phasenweise so komplett, dass außer Gehen (nächster Schritt, Tempo, Gleichgewicht, Atmung) und Schauen (Weg, Hund, Aussicht, Landkarte, Schilder) nichts mehr möglich ist.
Wenn ich mal meinen Trott gefunden habe, so in etwa nach 45 Minuten kontinuierlichen Dahinsteigens, bin ich gefühlt nur noch Beine und Augen, in der Zone dazwischen schnauft und scheuert und schwitzt es, und ansonsten stellt sich eine paradiesische Leere ein, besser gesagt: ein Zustand, der ganz und gar Rhythmus ist, eine Komposition aus der umgebenden Natur, dem Dackelfräulein und mir und dem Weg, den wir gerade gehen.
Und ohne irgendein Wort entsteht in diesem gemeinsamen Takt eine Art von (Ver-)Bindung, für die mir schlicht die Worte fehlen, und ein Bezogensein aufeinander, das weit über die zurückgelegte Strecke hinausweist (nennen wir’s einfach den Dog-Owners-Flow oder das Hundehalter-High).

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Gehzeit: 4 Std.
Pausen: 45 Min.
Strecke: 17 km, 550 Hm bergauf, 1.040 Hm bergab
Konsumation: 1 geschmolzenes Duplo, 2 Liter Wasser (vor der Tour: Hüttenfrühstück, nach der Tour: Essen beim Papa)
Ausgaben: 16€ (Frühstück auf der Hütte, Getränke in Siebenhütten)
Blessuren: kleine, geplatzte Ader am rechten großen Zeh (wegen unerklärlicher Druckstelle im Socken), beidseitiger Ausschlag am Schulterblatt (Nobite im Nacken verträgt sich nicht mit Schwitzen und Rucksacktragen), zwei Bremsenstiche an Wade und Knie (so schnell wie die da sind, kannst du dich auf der Almwiese gar nicht mit Nobite einsprühen)

Die Highlights:
1. Der kleine Sohn der Potsdamer Familie, der bei der schweißtreibenden, ellenlangen Querung der östlichen Flanke der Halserspitz fröhlichst hinter mir herhüpfte und sich pausenlos unterhalten wollte („Du, warum bist du allein hier?“ / „Dann musst du das ganze Gepäck ja selbst tragen, oder?“) und alles über das Dackelfräulein wissen wollte („Gehen Hunde allein aufs Klo?“ / „Heißt der Dackel so, weil er so wackelt?“), ein ausgesprochen cleveres, aufgewecktes Bürschchen, kurz vor dem schwindelerregenden Stück mit Absturzgefahr hab‘ ich ihn aber lieber seinen Eltern zurückgegeben, die ein ganzes Stück hinter uns liefen.
2. Meine kleine Gefährtin (mal wieder). Neu ist, dass sie sich offenbar präzise gemerkt hat, an welchen Stellen im alpinen Gelände ich gelegentlich Probleme habe und nun direkt nach solchen Passagen stehenbleibt, sich umdreht und guckt, ob ich gut und sicher hinterherkomme. War zu Tränen gerührt von diesem Verhalten! Und wie sie auf dem Berg plötzlich folgen kann, grenzt auch an ein Wunder: „Warte mal!“ / „Geh hinter mir!“ / „Vorsicht – langsam!“ klappt da heroben so gut, dass man fast schon glauben möchte, so ein Hund würde in der sauberen Bergluft besser hören als zu Tale oder in der Stadt.
3. Das wirklich atemberaubende Panorama bei der Querung des Blaubergkamms: hinter uns die Tiroler Berge, vor uns das Mangfallgebirge, eine dermaßen gelungene Ergänzung der inneren Landkarte, noch dazu eine, die mir echt gefehlt hat, um diese Region endlich mal vollends zu überblicken.

Like a window in your heart.

Drei Tage hab ich gebraucht.

Drei Tage, um den Deckel des Kartons, den mir der Papa am Abend des Vatertagsbesuchs mitgegeben hatte, ein zweites Mal zu lupfen, vorsichtig in das Innere der Kiste zu greifen, erneut eine Handjedervoll Fotos herauszunehmen und sie zu betrachten.

Der Erstversuch mündete nach wenigen Sekunden in einen Sturzbach aus Tränen. Nur ein einziges Foto hatte ich am Freitag einer dieser typischen 70er Jahre Agfa-Fototaschen, derer ungefähr 8 bis 10 in dem Karton schlummern, entnommen:

Und dieses eine Bild, das riss mich dermaßen…
Der Papa und ich bei einer Bergtour, in uralten Zeiten, er noch so schlank und ich vermutlich noch so quengelig, seine Frisur, sein kariertes Hemd und überhaupt: diese Klamotten!, und mein roter Kinderrucksack, den ich völlig vergessen hatte!

Wie ich mich da an ihn klammere, und wie er so dasteht mit der kleinen Tochter, also mit mir, und wie mir in diesem (im wahrsten Wortsinne:) Augen-blick letzte Woche am Freitagmorgen so schlagartig bewusst wird, wieso ich heute so bin wie ich bin (bzw. zumindest ein großer Teil von mir genau so ist wie er eben ist). Quasi ein Donnerschlag der Bewusstwerdung, den dieses eine Bild auslöste.

Und was ich nicht alles von ihm habe, was er mir nicht alles vermittelt und mitgegeben hat. Wie er sich bemüht und abgestrampelt hat, um nicht nur beruflich seine Sache so gut wie möglich zu machen, sondern auch als Vater.
So bewusst wird mir das, dass ich eben nach nur ein paar Sekunden nichts mehr sehen kann vor lauter Tränen und dann schluchzend wie ein Kleinkind im Flur stehe, bis das Dackelfräulein in wilder Sorge angaloppiert kommt und mich so lange und mit so vielen Hundebussis bedrängt (es ist mit diesem Hund beim besten Willen nicht möglich, mal ungestört und ungetröstet zu heulen – wie ist das eigentlich: machen andere Hunde das genauso, sind das auch solche Heul-Hemmer und Trost-Tyrannen?) bis dann auch noch der Gatte etwas irritiert herbeieilt, mir das Foto abnimmt und mich eine Weile festhält, bis ich mich wieder beruhigt habe.

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Drei Tage später schaffe ich ganze drei Bilder, mehr geht nicht.

(Wenn ich mich in dem Tempo weiter durch den Karton wühle, bin ich mit der Sichtung des Inhalts vielleicht gerade noch rechtzeitig fertig, bevor mir eine bis dahin hoffentlich top bezahlte Pflegekraft eine Schnabeltasse in die Hände drückt und ich mit runzligen Lippen meinen vorletzten Schluck Fencheltee daraus nehme.)

Bild Nr. 2.

Der Papa und ich im Ruderboot, auf dem Starnberger See. Bis auf meine flotte Oberbekleidung und das alberne Käppi tragen wir fast die gleichen Sachen wie auf dem Bergfoto. Meine Güte: diese großen Hände, die immer wussten, was zu tun ist (und wie es zu tun ist), neben meinen kleinen, speckigen Kinderfingern.

Er war für mich damals der Größte. Er wusste alles, er konnte alles, nichts schien ihn je umhauen zu können, und ich hatte noch keinen blassen Schimmer, welch naiver Illusion ich da aufsaß.
Kinderglück eben. Selig sind die Ahnungslosen, zumindest manchmal (oder für kurze Zeit).

Allzu viel Glück gab es bei uns ja sowieso nicht, also klammerte ich mich an jedes Stück Glück, das ich finden konnte. Und der Papa, der war diesbezüglich zehn Jahre lang eine prima Fundgrube.

Erst danach dämmerte mir allmählich, wie es um die Eltern und ihr Glück bestellt war, nämlich schlecht, vermutlich sogar schon sehr schlecht, aber bis ihnen ihr Unglück sichtbar aus jeder Pore quoll und in jede Ritze unseres Lebens sickerte, sollte es noch ein Weilchen dauern, ungefähr anderthalb Jahre, bis ich knapp zwölf war und die Mutter in Schladming auf der Planai ihre Unsportkarriere mit einem dramatischen Skiunfall beschloss (ach ja, die Mutter, sie beherrschte die Kunst des Dramas auf wirklich jedem Terrain), womit der Anfang vom Ende besiegelt war, und fortan ging es nur noch bergab (erst mit dem Akia und dem lädierten Bein der Mutter, dann mit unserer Familie).

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Das dritte Foto.

Holland, Vrouwenpolder, Sommerferien. Der Papa und ich am Strand.
Auf meinen weißen Haarspangen war ein Schmetterlingsmotiv aufgeklebt und der beige Gummi der Spange riss ständig. Unsere Windjacken rochen in diesen Sommern nach Salzluft und Wattwanderungen.
Es war eh die Ära der Windjacken, so nannte man diese spießigen Blousons mit Strickbund, jeder besaß damals so ein Ding, heute läuft fast niemand mehr in sowas herum.
Mein ockergelbes Exemplar trug ich, bis die Bündchen morsch und ausgeleiert und das Innenfutter mit dem Ankermuster total zerschlissen war. Ich hing so an dieser Jacke, weil an ihr die Erinnerungen an diese wenigen Sommer der Unversehrtheit hingen.

Holland, das waren jene drei oder vier Wochen im Sommer, in denen der Papa jeden Tag Zeit hatte. Zeit, in der wir uns auch mal vor der Mutter davonstahlen und an der Bude hinterm Deich Pommes futterten oder auf der anderen Seite des Deiches Wattwürmer ausgruben, gestrandete Quallen auf einem Spaten ins Meer zurücktrugen oder mit einem Kescher Garnelen fingen, sie in einen Eimer setzten, ein Weilchen beobachteten und wieder freiließen.

Holland, das bedeutete kartonweise Vla (in drei Geschmacksrichtungen) und Schokohagel (in zwei Hagelgrößen) und zum Frühstück diese Labbersemmeln, die Bolletjes hießen und auf die wir ungeachtet des Geschimpfes der Mutter erst dick Sahnequark schmierten und dann noch dicker diese köstliche Sauerkirschmarmelade obendrauf packten, die wir aus dickbauchigen Gläsern mit lustigen Zwergen drauf (die „De Vruchtenplukkers van Hero“ oder so ähnlich hießen) herauslöffelten.

Holland, das waren kleine, khakifarbene Frösche, die in dem sandigen Grundstück rund um das Ferienhaus der Bonner Patentante herumhüpften, unzählige Karnickel, die sich in den Dünen hinterm Haus versteckten und kreischende Möwen, die uns Tag für Tag den gelb-orangefarbenen Windschutz neben unserem Strandhäuschen vollkackten.

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Viertes und letztes Bild.

Mein erstes Stofftier und ich. Dasselbe Baujahr, wir zwei, olympischer Jahrgang 1972.
Auch in diesem Foto bereits ein eindeutiger Bezug zum weiteren Verlauf meines Lebens und zentralen Neigungen erkennbar, manches war mir wohl buchstäblich in die Wiege gelegt worden und hat sich offensichtlich nie verändert.

Gut, ganz so kurze Kleidchen trage ich heutzutage nicht mehr, trotz weniger wulstigen Beinen, deutlich besserer Haltung und meist minimal freundlicherer Miene.

Erst muss ich herzhaft über das Foto lachen, weil mich diese frühkindliche Dackelprägung so erheitert, dann aber kullern mir schon wieder die Tränen übers Gesicht.
Zum einen hat die Mutter meinen Original-Waldi eines Tages einfach konfisziert und nie mehr herausgerückt, und irgendwann wird er kläglich in ihrer Messie-Wohnung verendet sein. Er fehlt mir immer noch, und was gäbe ich drum,… (lassen wir das lieber).
Zum anderen erinnere ich mich auf einmal, dass der Papa nach der Trennung jahrelang drum betteln musste, dass die Mutter die Negative der Familienfotos rausrückte, damit er sich Abzüge machen lassen konnte, und mir wird klar, wie viele Abende oder Nächte er mit zusammengekniffenen Augen über diesen Negativen gesessen haben muss und all die Kreuzerl auf den Nachbestelltäschchen gemacht hat (so wie das damals eben war: man saß da mit einer Lupe und bei möglichst gutem Licht und hat Nummern von Negativstreifen abgeschrieben und dann die entsprechenden Felder angekreuzt), damit er wenigstens einen Teil der bebilderten Erinnerungen an seine 12 Jahre als Ehemann und Familienvater irgendwie retten oder konservieren konnte.

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Wo sind sie nur geblieben, die Jahrzehnte?
Wieso ging das alles nur so verdammt schnell vorbei, es waren doch immerhin über vierzig Jahre?
Wie ging er bloß vonstatten, dieser Übergang vom vermeintlich immerstarken, unverwüstlichen Papa hin zu dem parkinsonkranken, alten Mann?
Was haben wir schon verloren, was ist uns noch geblieben, was können wir weiterhin festhalten – und was werden wir nach und nach loslassen müssen, und vor allem wann und wie?

Als das Coronavirus aufkreuzte, war das für den Papa der Startschuss, um seine Habseligkeiten zu sichten, zu sortieren und gründlich auszumisten. Die Wochen des Lockdowns haben ihm auch gereicht, um dieses Vorhaben abzuschließen.
Die Fotokiste ist nun der erste von drei Kartons, die er mir übergeben möchte. Einen gerahmten Druck von Theuerjahr sollte ich auch gleich mitnehmen, der lehnt jetzt hier an einer Wand und erinnert mich an so vieles, und ich überlege, ihn vorerst in den Keller zu stellen, bis ich ein klares Gefühl dafür habe, ob ich dieses Bild hier bei mir zuhause und in meiner Gegenwart aufhängen kann und will.

Noch zwei solche Übergaben, dann hat er sich von allem befreit. „Mehr zu vererben gibt’s nicht!“, und alles andere sei auch schon geregelt, sagt er. So sehr mir das an die Nieren geht, so klar und gut finde ich es auch. Die Mutter hat einen Mordsverhau hinterlassen als sie abtrat von der Lebensbühne, der Papa würde das nie tun, das war zwar zu erwarten und doch ist’s komisch, wenn er zu einer Zeit „aufräumt“, in der noch schwer vorstellbar ist, dass „es“ bald soweit sein könnte.

Nun ja. Nach diesen beiden ersten Fotokistenerlebnissen bin ich tagelang ein wenig neben der Spur.
Dann fasse ich den Beschluss, mich nun auch vorzubereiten. Auf meine Art: schreibend.

Ich werde anfangen, die Rede aufzusetzen, die eines Tages zu halten sein wird, und die ich – das ist mir nach diesen vier Fotos klar geworden – auf keinen Fall erst dann verfassen kann, wenn dieser Tag schon kurz bevorsteht. Freilich werde ich sie niemals selbst halten, diese Ansprache, diesen Abriss über sein Leben und darüber, was er für mich war, weil ich an dem Tag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als einzelne Worte (oder nicht mal die) werde sprechen können, denn je älter, desto näher am Wasser…, na, Sie wissen schon. (Ich setze drauf, dass der Gatte dann das Vortragen übernimmt, ohnehin der geübtere Redner von uns beiden.)

Während ich die ersten Stichpunkte notiere, verspüre ich das Bedürfnis, dabei Musik zu hören.
Musik, die manch gemeinsames Erlebnis begleitet hat oder die meinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft beim Nachzeichnen dieses langen Weges.

Ich notiere mir, welche Songs und Interpreten das sind, aus denen der Soundtrack zu dieser Vater-Tochter-Geschichte gewoben wurde, deren Anfänge mir nach so langer Zeit wieder (oder überhaupt erstmals?) klar vor Augen stehen und deren Ende (sofern solche Enden denkbar oder gedanklich antizipierbar sind), mir einst ein beängstigend großes Loch ins Herz fräsen wird, mit dem ich etwas schutzlos und staunend und trotzdem weiterleben werde, darauf wartend und hoffend, dass aus dem Loch mit der Zeit ein Fenster wird.

Ein Fenster mit durchsichtigen Flügeln, die ich zu schließen oder zu öffnen vermag, je nach Windstärke da draußen oder Abwehrschwäche da drinnen.

And I see losing love
Is like a window in your heart
Everybody sees you’re blown apart
Everybody feels the wind blow

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Song des Tages (54).

Eine neue, andere Etappe der Selbstquarantäne hat begonnen.
Neben dem obligatorischen MNS möchte man da draußen nun manchmal auch Ohrstöpsel und ein Klappvisier tragen.

Schon nach einer Woche kann ich das Krakeelen an lauen Abenden hier auf der großen Freifläche vor der Haustür nicht mehr hören: „F*** Corona!“ plärren sie – und dazu ein lautstarkes, scherbenklirrendes Prosit der Ungemütlichkeit, weil man ja leider in Scharen und dicht gedrängt auf den Steintreppen zu Füßen der Bavaria herumlungern und sich dort zulöten muss, weil die F***-Politiker die Kneipen nicht aufsperren wollen.
Ja, manches ist durchaus unlogisch in dem sogenannten Lockerungsfahrplan (die Abfahrtszeiten wirken oft ungünstig und wenig abgestimmt, auch die Gleiswechsel und Umstiege holpern ziemlich), manches auch unsinnig, aber beileibe nicht alles.
Und die Demokratie ist genauso wenig abgeschafft worden wie die Grundrechte und auch Bill Gates befindet sich nicht auf der Zielgeraden, um übermorgen die Weltherrschaft zu übernehmen.

Ich wünschte mir Hygieneregeln für die mediale Überschriftengestaltung, denn wenn ich noch einmal irgendwo lesen muss „War’s das mit dem Sommerurlaub 2020?“ oder „10 Überlebensstrategien zwischen Homeoffice und Homeschooling“ oder „Widerstand ist Pflicht!“, dann… – tja, was dann?
Raus zur Gegen-Demo oder doch besser Flucht nach vorn bzw. nach oben, hinauf auf den Berg, wo das ganze Gebrodel und Geschwurbel zu Tale nicht mehr zu hören und zu sehen ist?

Vermutlich Letzteres, und beim Gehen ein bisschen drüber nachdenken, wie das alles wohl weitergeht und wie man sich besser abschotten könnte, wenn man spätabends Gassi geht, und parallel dazu das arme, der häuslichen „Kriegsgefangenschaft“ für ein paar Stunden entfleuchte Volk wahrnimmt, das voller Wut oder Ignoranz oder zu viel Bier auf der Wiesn abhängt und seinen Widerstandswohlstandspartymüll in die ohnehin schon überfüllten Mülleimer schmeißt (oder gleich daneben, so dass die Krähen die Burger- und Pizzakartons nicht erst mühsam zwischen den Pfandflaschen herauspicken müssen aus den Metallkübeln, sondern gleich bequem in der Wiese sitzend die Verpackungen zerhacken können, damit der Niedriglöhner am Tag drauf noch ein paar Stunden mehr niedergebückt niedriglöhnen kann, bis er alles aufgeklaubt hat aus den nassen, erdigen Grünstreifen).
Besser noch, man denkt beim Gehen gar nicht allzu viel über sowas nach, nicht dass es einen zu sehr beschwert, weshalb ich auch a priori ein Freund des Hinaufgehens bin, und zwar des beschwerlichen, schweißtreibenden Emporsteigens, weil das, wie es so schön heißt, den Kopf frei macht, denn auf manch steilem Pfad lässt man besser den Gedanken fallen als dass man sich selbst zu Fall brächte.

Ich beschränke also weiterhin meinen Ausgang auf das Notwendige, ergänze das gelegentlich um das Wohltuende und halte bei all dem Abstand, völlig freiwillig und ein Stück weit auch als emotionale und mentale Hygienemaßnahme.
Verzicht ist blöd, schon klar, jeder vermisst gerade etwas oder jemanden (ich könnte drei Seiten dazu verfassen, was mir momentan fehlt und „was das mit mir macht“, aber wozu soll das gut sein?) und hat mit Entbehrungen (mehr oder weniger) zu kämpfen, aber ist es wirklich ein Problem, wenn jetzt einmal (!) der Sommer- oder gar der Jahresurlaub ausfällt bzw. im eigenen Land verbracht werden muss (!), zumal wir von zwei Meeren über etliche Heidelandschaften, Seenplatten, Mittelgebirge bis hin zu prächtigen Bergen so ziemlich das ganze Spektrum an landschaftlicher Schönheit zur Verfügung haben?
Vertreibt einem das nur die Instagram-Follower, wenn man bloß lauter öde Fotos mit Untertiteln wie „Sonnenuntergang am Sylvensteinsee“ oder „Picknick am Pilsumer Leuchtturm“ oder „Wastl auf dem Watzmann“ posten kann oder macht das ernsthaft unglücklich?
Könnte man nicht einfach mal die Kirche im Dorf lassen – und sich diese vielleicht sogar einmal genauer ansehen, anstatt immer nur das, was weit weg ist, interessiert betrachten zu wollen?

Der winzige Ort Bichl zum Beispiel, der soll eine sehr sehenswerte kleine Dorfkirche haben, St. Georg heißt sie, wie mir der Papa neulich berichtete, als er seine erste kurze Ausfahrt seit drei Monaten wagte, um eben jenes kunsthistorische Kleinod zu besichtigen.
Leider hab ich’s nicht so mit Kirchen, zumindest nicht übers Architektonische und die Orgelmusik hinaus, er ja eigentlich auch nicht, aber da er nunmal nicht mehr gut zu Fuß ist, weil ihn Mr. Parkinson gnadenlos seiner Bewegungsfreiheit beraubt hat, schaut er halt, was noch geht und wofür er nicht zu viel gehen muss, um noch ein bisschen was von der Welt zu sehen, und richtet sein Interesse, was dem Wortstamme nach auch „dabei sein“ bedeutet, eben auf die Dinge, zu denen er noch gut hingelangt – und das sind ja auch gar nicht so wenige.

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Apropos Papa. Ein Besuch am Tegernsee steht nun an, und mir kommt es so vor, als stünde der sogar recht dringend an. Weil am Telefon ging es in letzter Zeit auffallend oft um – wie soll ich’s ausdrücken? – final anmutende Tätigkeiten, mit denen sich der Papa über die Coronawochen hinweg zunehmend zu befassen schien.
Listen hat er sich angelegt, in denen aufgeführt ist, wo er welche Versicherung oder Mitgliedschaft abgeschlossen hat, mit welcher Nummer und wer der Ansprechpartner ist.
Alle seine Ordner hat er ausgemistet und neu beschriftet, „(…) damit du weißt, wo du was findest“.
Aber ich suche doch gar nichts, Papa!
Und da ist sie wieder, seine Formulierung: „Ist ja nur für den Fall der Fälle.“
Auf die Nachfrage hin, von welchem Fall wir denn nun genau reden, meint er schnörkellos: „Ja wenn mich dieses Virus erwischt und vielleicht außer Gefecht setzt oder ganz hinwegrafft, dann hab ich sicher nicht mehr die Zeit, das alles zu ordnen.“ – wo er recht hat, hat er recht, der Herr Vater.

Trotzdem weiß ich nicht, was ich davon halten soll, dass er mir zwei Umzugskartons „mit Sachen“ angekündigt hat, die er ebenfalls aussortiert hat und mir nun gerne zur weiteren Verwendung oder Verräumung übergeben möchte: die Familienfotos, alle Fotos aus seinen 40 Berufsjahren, etliche sogenannte „persönliche Gegenstände“, ein paar Bildbände, Schallplatten und andere Habseligkeiten (was für ein schönes Wort, denke ich gerade, wenn ich das so tippe: Hab_selig_keiten – war der Papa selig, weil er sie hatte?).
„Du musst doch jetzt nicht dein ganzes Leben auflösen wegen eines Konjunktivs bzw. diesem Fall der Fälle“, sage ich zu ihm und weiß schon beim Aussprechen dieser Bemerkung, dass ich darauf keine Antwort erhalten werde, weil… (und diese Antwort, die versage ich mir nun selbst, zumindest heute).

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Ob die Gesellschaft sich nun (noch mehr) spalten wird, und wenn ja, wie und warum und in welche „Lager“, gehört ebenfalls zu den momentan intensiv und kontrovers diskutierten Themen.

Ins Politische möchte ich jetzt nicht abdriften, allein wenn ich die letzten zwei Monate hier in meinem kleinen Orbit so Revue passieren lasse, dann stelle ich fest, dass ich (teils recht erstaunt) feststellen durfte, mit wem ich diese Wochen wirklich geteilt habe und mit wem ich sie nicht teilen konnte oder wollte (oder der/die das mit mir nicht konnte oder wollte).
Zwei Freundschaften, von denen die eine noch im Entstehen und die andere längst schon abgestanden war, fielen Corona zum Opfer. Gar nicht mal so wenig, für nur zwei Monate!
Was natürlich totaler Humbug ist (überall liest man das ja derzeit: was alles „Corona zum Opfer fiel“ und damit sind zumeist nicht die Erkrankten oder Toten gemeint), denn nicht etwa das C-Virus hat diese mitmenschlichen Bande zerfressen, sondern die Infektionen schwelten da jeweils schon länger und sind nun einfach eskaliert-explodiert-erodiert, „dank“ dieses Brennglaseffekts. Eine Verdichtung, ein Aufplatzen von Eiterherden, eine Sezierung, das ist es, was diese C-Krise mit sich bringt.

Es gibt einige Tage, die fühlen sich ein bisschen so an wie sonst die paar Stunden, die ich jährlich am 31.12. mit gewissen „Bilanzen“ und „Überträgen“ zubringe: ich mache eine Bestandsaufnahme dessen, was so war (Berge, Bäder, Begeisterungen, Befreiungen, Begegnungen, Beschlüsse und ihr Scheitern u.v.m.) und ein Fortschreiben dessen, was auch weiterhin sein kann-darf-soll (welche Adressen nehme ich mit ins neue Jahr – und meist steckt ja hinter einer Adresse auch ein Adressat -, welche Vorhaben notiere ich neu oder erneut, was schreibe ich ab, weil es nicht mehr passt oder noch nie gepasst hat…, um nur ein paar Beispiele zu nennen).
Dabei haben wir erst Mitte Mai und normalerweise ist das die Jahreszeit, in der ich mich eher auf meine Wunschliste für den Geburtstag fokussiere, was natürlich arg übertrieben, aber offen gestanden auch nicht völlig untertrieben ist.
Die fällt nun dieses Jahr erstaunlich kurz aus, einzeilig gar, das gab es eigentlich noch nie, aber der Gatte freut sich, weil es die Angelegenheit schließlich sehr vereinfacht und ich sonst ja schon kompliziert genug bin (was jetzt ebenfalls ein klein wenig übertrieben ist).

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Beim Laufen im Park (an dieser Stelle und bei dem Thema muss ich mir mein Gejammere über das nach wie vor geschlossene Schwimmbad übrigens am meisten verkneifen, weil ich es beim Laufen seltsamerweise am meisten spüre, wie sehr mir das Schwimmen fehlt) treffe ich mittlerweile nicht mehr gelegentlich J. (der wird längst wieder durch die Berge laufen, wo uns der Zufall eher nicht regelmäßig zusammenführen wird), dafür jedesmal den alten, einäugigen Hund.

Manchmal sitzt er vor einem Baum und guckt mit mildem Interesse den Eichhörnchen zu. Völlig entspannt ist er dabei, weil er weiß, dass es sich mit der Jagd für ihn erledigt hat und er schon froh sein kann, dass sie ihm nach dem üblen Unfall nur ein Lid zugenäht haben und er deshalb neben seiner guten Nase noch ein winziges Restaugenlicht hat, um sich zu orientieren in seinem kleinen Ausschnitt der Welt, in dem er zuhause ist und wo er gelernt hat, mit dem zufrieden zu sein, was er hat: Seinem Menschen, seinem Auslauf, seiner Wiese und ein paar munter umherflitzenden, unerreichbaren Eichhörnchen hoch droben in den Wipfeln der schönen, grünen Kastanien. Ein Stoiker ist er, und ein Epikureist.

Bewundernswert, wie er das macht.
Und wie er einfach unerschütterlich ist.

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Nothing unusual, nothing strange
Close to nothing at all
The same old scenario, the same old rain
And there’s no explosions here

Then something unusual, something strange
Comes from nothing at all
I saw a spaceship fly by your window
Did you see it disappear?

Amie come sit on my wall
And read me the story of O

And tell it like you still believe
That the end of the century
Brings a change for you and me

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About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

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G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

*****

Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

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Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

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Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

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Marode oder: Ein Plädoyer für die Ruhe.

Ein kurzer, kräftiger Atemstoß von Sturmtief Yulia genügte, um eine der morschen Garagentüren dieser Tage endgültig aus ihrer Verankerung in der nicht minder morschen Wand zu reißen.

Jetzt muss man zu zweit sein, wenn man das Auto in die Garage oder aus ihr heraus fahren möchte. Einer bewegt die Karre, der andere hält die Tür fest. Der Hausmeister ist im Fasching verschollen und kümmert sich danach um eine Lösung, wahrscheinlich wird’s ein Provisorium, das bis zum Frühsommer irgendwie halten wird. Denn ab Mai möchte der Vermieter die Garagen im Hinterhof, eine baufälliger als die andere, sanieren lassen, was auch immer das heißt (wenn Münchner Vermieter von „Sanierung“ sprechen, bedeutet das manchmal kaum mehr als einen neuen Anstrich, der die vorhandenen Risse kaschieren soll, so dass man getrost noch ein paar Jahre warten kann, bis die Mauer endgültig zerbröselt).

Manchmal kann ich all das Marode, all das Provisorische, die Notlösungen und das Sanierungsstückwerk, das so ein Durchschnittsaltbau bietet, nicht mehr sehen. Was nicht heißen soll, dass ich mich wieder in den Neubau am Stadtrand zurücksehe, wirklich nicht. Es soll eigentlich nur heißen, dass ich es toll fände, wenn man für seinen saftigen Mietzins einfach mal etwas bekäme, das rundum intakt ist. Eine Utopie in dieser Stadt, ich weiß, und daher stelle ich das unnütze Mietergejammere auch gleich wieder ein.

Was ich auch nicht mehr sehen kann, ist das zu häufige Grau und Geniesel draußen vor dem Fenster. Die Gemütslage ist derzeit nur durch regelmäßigen (!) Sonnenschein und möglichst täglichen (!) Hagebuttenkrapfenkonsum stabilisierbar und beides scheint Mangelware zu sein.

Kaum je mehr als zwei sonnige Tage am Stück, und bei Kustermann, der Münchner Traditionskonditorei hier ums Eck, die wirklich den mit Abstand besten, luftigsten, unfettigsten Hagebuttenkrapfen der Stadt täglich dutzendfach und liebevoll per Hand formt und in ihren Vitrinen zum Verkauf drapiert, ist jeden zweiten Tag bereits vor (!) 12 Uhr das gesamte (!) Krapfensortiment ausverkauft.

Dankenswerterweise saust der Gatte heute extra vor 9 Uhr aus dem Haus, um an der Krapfenmangelfront verlässlich Abhilfe zu schaffen, denn morgen (Aschermittwoch!) ist ja das köstliche Gekrapfe leider schon wieder vorbei und die in Kürze in den Bäckereien Einzug haltenden Osterbackwaren sind bis auf den klassischen Hefezopf (ohne klebrige Rosinen und anderes Beiwerk) allesamt nicht so mein Ding.

Oder man greift zur dritten, verlässlich stimmungsfestigenden Maßnahme: 2.000 Meter durchs Lieblingsbad pflügen. Aber selbst das wird einem bisweilen vergällt. Grad noch schön und friedlich die 40 Bahnen gezogen und wie neugeboren dem Wasser entstiegen, wird man schon wieder ungut beschallt.

In der Dusche plärren zwei mitduschende Frauen in meinem Alter einander Banalitäten zu („Nein, zu dem Shampoo gibt’s leider keinen Conditioner“ / „Ich hatte von gestern noch Quinoasalat übrig, den hab ich mir für nach dem Schwimmen gleich mitgenommen“). In dem gekachelten Raum hallt ja alles dreimal so laut wie draußen oder in der Umkleide, aber nein, man muss überall labern und auch die Umwelt an dem Gelabere teilhaben lassen. Noch dazu erzeugen ja bereits die Duschen einen nicht unerheblichen Dauerlärmpegel.

Ich gebe mir einen Ruck (und Mühe, nicht zu gucken wie ein Kojote kurz vor dem Erlegen seiner Beute), bitte die beiden höflich um etwas mehr Ruhe, werde dann aber angepöbelt: Ja man müsse hier in der Dusche doch lauter sprechen, weil man sich ja sonst bei dem lauten Geplätschere nicht verstünde. Themaverfehlung!, denke ich, gebe den Kampf um Ruhe aber sofort auf, verzichte spontan auf die Haarwäsche und suche das Weite bzw. die Umkleide auf.

Momentan muss ich jeden nicht zwingend nötigen sozialen Aufruhr und Kraftakt meiden, um Energie zu sparen für den Kontakt mit der Firma, die den Wasserschaden saniert und mit anderen Unbilden, die im Kontext der heimischen Misere daherkommen.

[Und die Erfahrung sagt: da kommen schon noch welche daher, wenn es nächste Woche am Montag mit all den Handwerkereien erstmal so richtig losgeht für mehr als zwei Wochen. Leider ist ja Lolek nicht für alles zuständig, schade auch, denn mit dem läuft es weiterhin wie am Schnürchen – wir schicken uns mittlerweile sogar kleine, selbstgedrehte Videos von Duschtüren mit Hebe-Senk-Mechanismus in Aktion. Alles Zubehör ist nun bestellt-besprochen-bereitgestellt, auch ein großer Vorrat an Vinzenz-Murr-Gutscheinen ist schon besorgt, den wir Lolek zu Beginn der Bauphase überreichen werden, damit er für sich und Bolek täglich eine Krakauer kaufen kann. Das wird ihn sicher ebenso freuen wie die Tatsache, dass ich ihm zwei tolle, haargenaue Skizzen zum neuen Badezimmer angefertigt habe („Was kommt wo hin“) und ihm schon am Nachmittag von Tag 1 den Hausschlüssel anvertrauen werde, um ihm hier nicht weiter auf den Wecker zu gehen…]

Auch in der Umkleide ist nicht das zu finden, was ich mir unter Ruhe vorstelle. Einen Gang weiter kreischen vier aufgekratzte Teenager herum, weil der einen das iPhone auf den gefliesten Boden gefallen ist und das Display nun ein Spinnennetzmuster hat (wie konnte ich nur vergessen, dass dieser Tage ja schulfrei ist?).
Neben meinem Spind sitzt eine ältere Frau auf der Bank und ölt sich mit schmatzenden Glitschgeräuschen und unter permanentem Stöhnen eine gruselige, 30 cm lange, blutrote, halbverkrustete Narbe auf ihrem Schienbein ein. Vor dem Spiegel verrenkt sich eine Amazone, um sich ihre Achselhöhlen zu rasieren und daneben verteilt ein Mauerblümchen die Ladung einer ganzen (FCKW-)Haarspraydose auf ihrer Frisur, die durch die betonartige Fixierung kein bisschen schöner wird, im Gegenteil.

Respekt vor der Intimsphäre anderer Menschen und/oder Hemmungen (gar Scham?!), was die Präsentation der eigenen Intimverrichtungen angeht, verkommen im öffentlichen Raum mehr und mehr zu Fremdworten und zu verblassten Phänomenen aus einer anderen, leider fernen und ziemlich vergangenen Zeit. Einer, in der die Menschen noch nicht dauerdämlich, laut und indiskret vor sich hinlabernd mit diesen weißen Pfriemeln im Ohr durch die Stadt stolperten (oder, wie eine Nachbarin: sogar durchs Treppenhaus des Mietshauses) und in der nach den allwöchentlichen Unwettern und Stürmen die Bürgersteige noch nicht zuhagelt waren von diesen blödsinnigen Vehikeln für „die letzte Meile“, die seit letztem Sommer den bis dahin angenehm geringen Unratsfaktor in dieser schönen Stadt verzehnfacht haben.

[Woran man merkt, dass man selbst marode älter wird? Unter anderem daran, dass einen neue Trends und Moden seltener begeistern und die Alltagstoleranz ungefähr im selben Maße abnimmt, in dem die Alltagsdünnhäutigkeit zunimmt. Ich tippe diese Zeilen übrigens in einem der Lieblingscafés sitzend, zwei Tische weiter zwei italienische Pärchen, die so laut sind, dass man von der schönen Musik, die hier üblicherweise läuft, nicht mehr das Geringste hört. Auch deshalb sind mir Skandinavier die angenehmeren Zeitgenossen.)

Verzehnfacht haben wird sich auch unser Stromverbrauch für den Monat Februar. Die Corroventen pusten nach wie vor 24/7 vor sich hin, Ende der Woche werden die Dinger endlich abgeholt. Dank des Geräuschpegels in unserer Wohnung geht uns allerdings die sechsstündige Faschingsparty der Familie unter uns weniger auf den Keks als sie es täte, wenn wir hier ohne Trocknungsgeräte wohnen würden. Eigentlich muss die Bausubstanz dieses Hauses doch eine recht robuste sein: dass das 4. OG und das 1. OG, wo die jeweils zwei kinderreichsten Mitbewohner leben, noch nicht eingestürzt ist bei den vielen Feiern und Familienbesuchen, grenzt an ein Wunder.

Was hingegen an eine Zumutung grenzt: dass in Staffel 2 von „Big little lies“ ausgerechnet Meryl Streep , die ich früher mal so gern mochte, frappierend an die Mutter erinnert. Dasselbe Geschau, wenn man Kritik an ihr übt, derselbe Opferblick, wenn man sich von ihr abwendet, dasselbe Lächeln und derselbe Zuckertonfall, wenn sie einem gleich die nächste Gemeinheit reinreiben wird. Ich schlafe unruhig nach allen drei Serienabenden, was aber wurscht ist, da ich sonst (halt aus anderen Gründen) bestimmt ähnlich unruhig geschlafen hätte.

Zum Beispiel, weil seit zehn Tagen die linke Niere schmerzt, sogar in Ruheposition. Ich bin ja kein Freund von diesen pseudopsychologischen Pathogenesen, dennoch passt das grad hervorragend zusammen: diese Redewendung „etwas geht einem an die Nieren“ und eben genau dieser Schmerz. Also setze ich darauf, dass die Niere sich auch wieder beruhigt, wenn ich mich erstmal im Tegernseer Exil befinden und hier die Bauarbeiten im Gange sein werden (und ein Ende dieser Unbehaustheit absehbar wird).
Wenn sie dort weiterhin piekt, die Niere, kann ich’s für die Dauer des Exils ja auch noch auf die Lebensgefährtin des Papas schieben oder auf den Schwimmbadentzug (zumindest was das 50m-Becken angeht).
Sicherheitshalber habe ich mir dennoch eine nephrologische Praxis am Tegernsee rausgesucht, die Gegend dort ist ja gesegnet mit einer hohen Arztpraxendichte, und gegebenenfalls möchte man ja schnell handeln können.
Spätestens, wenn Lolek mir den Hausschlüssel zurückgibt und die Wohnung wieder ein Ort ist, an dem man gerne wohnt, wird die Niere jeden Schmerz eingestellt haben.

Und bis dahin müsste auch das Dackelfräulein wieder in eine normale mentale und körperliche Spur zurückgefunden haben. Seit zwei Wochen brütet Madame permanent in einem Filzkorb, in dem wir unsere zwei Sofadecken aufbewahren, ihre Nachkommen aus, und vor wenigen Tagen wurde (während einer unserer kurzen Abwesenheiten) der Schaumstoff ihrer Liegeunterlage zu 10.000 Flöckchen zerrupft, mit denen das Nest für den Nachwuchs ausgepolstert werden sollte, damit es die Welpenschar auch gemütlich hat.

Praktischerweise musste ich eh in den Baumarkt, um für Lolek die rauchblaue Farbe anmischen zu lassen (nett: das freundliche Männeken an der Farbenmischstation erinnert sich an einen, „Ist ja erst anderthalb Jahre her!“ sagt er und stellt den Farbkübel fröhlich in die Rüttelmaschine), mit der die Diele zu streichen ist, also dort gleich noch neue Schaumstoffplatten besorgt und zuschneiden lassen.

Und als Konsequenz dieser sonst nie auftretenden Zerstörungswut kommt die Hundedame nun einfach überallhin mit. Natürlich nicht mit mir zum heutigen Konzertabend, dafür darf sie aber nachher den Gatten in die lauschige Lokalität begleiten, wo dieser zum Fußballgucken in größtmöglicher Ruhe hinzugehen pflegt.

Die vier Italiener haben das Café soeben verlassen, man hört die Musik wieder. Ein Aufatmen ist das! Der Cafébesitzer nickt mir zu und dreht die Lautstärke hoch. Manchmal liegen die gesamte Ruhe und das ganze Glück des Universums in einem richtig laut gehörten „You Angel You“.

Was mich auch glücklich machen würde: eine Ruhebank unter den alten Linden an der Theresienwiese mit einem eigens für mich und dieses Mußeplätzchen angefertigten Messingschildchen (ich bastle gedanklich schon seit Jahren an der ultimativen Inschrift, wenn ich bei Regen durch den Englischen Garten oder die Isarauen spaziere).

Ein Gesicht wie eine topografische Karte vom Steinernen Meer…

Foto: Stefan Kümmritz

…und eine Stimme, knarzig und verschrammelt wie ein alter Bauernschrank, eher: wie eine alte Bauernkommode, denn das richtig Tiefe und das ganz große Volumen, das hatte er ja stimmlich nie.

Wurscht. Toller Typ, klasse Konzert!
Ein unverwüstlicher Haudegen, dieser Söllner, phantastische Präsenz, wunderbarer Dialekt (oana, der wo goa ned anders ko, selbst wenn er woin dad!), nach wie vor gradraus in Sachen Meinungsäußerung, so abgründig und charmant im Humor – möge es seiner Kandidatur zum OB von Bad Reichenhall zuträglich sein.

Schaut auch immer noch fesch aus, seit er seine Dreads für 800 Öcken bei eBay verscherbelt hat, eigentlich noch viel fescher als früher, finde ich, oder ist’s etwa wieder mal dieser weibliche Blick, irgendwo zwischen Verklärung und Verblendung oszillierend, mit dem man früher, als man bzw. frau noch keine Ahnung hatte von der Realität längeren Zusammenlebens und der wahren Bedeutung des Wortes Alltag, sich solche Burschen nicht nur betrachtet, sondern sich manchmal auch so einen gewünscht hat: gelernter Koch und Kfz-Mechaniker (fehlt ja nur noch die Drittausbildung zum Physio) und zugleich Musiker, eine saftige Prise Wilderer und Rebell obendrauf, bodenständig, heimatverbunden, clever, engagiert, gewitzt, furchtlos, lange Haare, kerniger Bart, halt ein Kerl, der am Ufer vom Thumsee, die Fluppe lässig im Mundwinkel hängend und mit hochgekrempelten Ärmeln, beim Holzhacken, der Bootsreparatur oder dem Gitarrenspiel anzutreffen ist, bevor er sich dann die Arbeiterhände kurz an der abgewetzten Jeans abklopft und einen die paar Stufen auf die Veranda der kleinen Hütte am See hinaufträgt und dort in eine jamaikafarbene Hängematte hineingleiten lässt, die bei jeder Schaukelbewegung leicht gegen den großen Terracottatopf dotzt, Sie wissen schon, den mit dem Marihuana-Bäumchen drin, im Hintergrund leuchtet die Abendsonne oder die Bergkulisse oder beides – und fertig war das Traumbild von einem Leben, wie man dachte, dass es doch unbedingt sein sollte oder könnte: einfach, authentisch, unkompliziert, pur, geerdet, wild, romantisch, naturnah.
Vieles davon rosarote Jungmädchenträume und naiver Schmarrn aus Teenietagen, nicht alles, schon klar, aber halt doch das Meiste, zumindest wenn man – so wie ich – im Laufe der Jahrzehnte erkennen musste, dass man doch eher der Typ Frau geworden ist, der eine regelmäßig staubbefreite Wohnung, einen Toaster mit integrierter Krümelschublade und ein Auto mit Sitzheizung zu schätzen weiß – alles nicht wirklich Inbegriffe der Simplizität, Naturnähe oder Wildheit.

Äh, wo waren wir gleich nochmal stehengeblieben? Richtig. Beim heutigen Abend. In Bad Tölz. Im Kurhaus. Etwas ungewohnte Location zwar, aber altersmäßig kein Schaden (was für den Künstler und den Großteil der Besucher gleichermaßen galt), so ein Sitzabend im Kursaal des hübschen Isarstädtchens (ich sag’s ungern, aber mir steckt der Abstieg von letzter Woche immer noch ein wenig in den Knochen, auch 1x Schwimmen und 1x Genusswandern konnten das nicht ganz wegzaubern).

Jetzt aber mal fix des Noagerl austrinken und los hier. Gemütlich (und mit eingeschalteter Sitzheizung!) über die nächtlichen Hügel und Dörfer des nebligen Oberlands heimwärts fahren, bzw. zum Papa an den Tegernsee, wo das Dackelfräulein heute Abend be- und gehütet wurde, was mittlerweile so ausschaut, dass die beiden einfach vier Stunden gemeinsam im Sessel fläzen und fernsehen und zwischendurch allenfalls mal in die Küche schlurfen.

Dort, beim Papa, schon vor der Fahrt zum Söllner-Konzert einen recht schönen Nachmittag und Abend verbracht.

Als das Fräulein und ich von der verschneiten Schwarztennalm runterkamen, war seine Lebensgefährtin bereits zum Tennis und dann zur Canastarunde ausgeflogen, also herrliche Ruhe im Salon, und nicht, wie beim letzten Mal, solch haarsträubende Dispute, wieso man keine Eier aus Bodenhaltung kaufen sollte und was industrielle Milchproduktion für die Kuh bedeutet (und was das wiederum für den Verbraucher bedeuten sollte, wenn er denn nicht wegschauen möchte).
Diese Stunden zu zweit mit ihm, die sind ebenso selten wie kostbar geworden.

Mit einem Liebeslied, das heut Abend Teil des Programms war, verabschiede ich mich aus dem zapfigen Tölzer Land von Euch…

…wünsche allseits eine gute Nacht und, denkt’s dran: liebt euch!

Und wenn’s grad nix von Liebe hören wollt’s, dann pfeift’s euch doch diesen Klassiker hier rein, noch im ursprünglichen Look dargeboten:

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Gegrüßet seist du, November!

Zeitgleich mit dem November hält dieses Jahr winterliche Kälte Einzug, und mit den Temperaturen beginnt auch das Stimmungsbarometer zu sinken.
Auf den langen Märschen durch die Isarauen oder städtische Parks trage ich nun meist eine Mütze und immer Handschuhe, kehre ich unterwegs ein, löst die heiße Schokolade allmählich das kühle Weißbier ab.

Die erste dieser wärmenden Winterschokoladen an einem Ort getrunken, den ich nicht mehr aufsuchte, seit ich mit demjenigen dort war, den ich eine Weile für einen Freund hielt, der sich aber urplötzlich, kommentarlos und ganz ohne jede Wärme vom Acker machte und nichts hinterlassen hat außer ein paar gut eingebauten Regalbrettern und einer beachtlichen Menge Schutt aller Art.
Den Großteil davon habe ich längst beseitigt, erst gestern aber fand ich auf dem Boden einer Schublade – eigentlich auf der Suche nach einem Geschenkbändchen für die liebe K. – nochmal so ein Überbleibsel dieser hoffentlich letzten Blutegelepisode in meinem Leben: ein nett beschriebenes Kärtchen, einen hübsch glänzenden Talisman dazu. Schöne Worte und Symbole, nichts dahinter. Also weg damit, denn sich solche Andenken noch zu bewahren, das hieße auch weiterhin an denjenigen zu denken und sei es nur, wenn man grad ein Geschenkbändchen sucht.
Immerhin barg sie eine nachträgliche Lernchance, diese Geschichte (was beileibe nicht all solche Geschichten tun oder was ich, als bekennender Gegner der „Alles im Leben hat seinen tieferen Sinn“-Ideologie, eben nicht zu sehen imstande bin): Künftig noch genauer hingucken, denn mancher Blutegel kommt als Salamander verkleidet daher, bei den ersten Zweifeln gilt es, ordentlich an der Fassade zu rütteln, spätestens nach dem ersten Biss ist sofort das Weite zu suchen.

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Musikalisch geht’s jetzt auch hinüber in andere Gefilde, wieder mehr Tom Joad und Hattie Carroll (von Letzterem krieg ich den Hals grad gar nicht voll), garniert von gelegentlichen Versuchen, den grauen Himmel mit mehrminütigen Videoclips von Lofgrens Gitarrensoli wegzupeitschen.
Literarisch ist die Zeit nun reif für Walden, das schon viel zu lange von A nach B (und wieder zurück) geräumt wird und als blinder Passagier sogar quer durch ganz Gotland und halb Schweden gereist ist.

Das Dackelfräulein ist pünktlich läufig geworden (immer wieder faszinierend: ein so kleiner Körper und alles drin an Abläufen und Funktionen, an Möglichkeiten und Risiken), verbellt draußen eifrig die ersten interessierten Rüden, trägt drinnen ihr kesses Höschen mit routinierter Gelassenheit und schmiegt sich nachts noch enger an einen ran, was zu der Jahreszeit recht angenehm ist.

Der Ellenbogen schmerzt wieder, dafür kann man durch unsere Fenster die Eichhörnchen im Baum gegenüber nun viel besser beobachten. Ein Stück oberhalb dieser altbekannten Schmerzzone noch eine weitere, dort ächzt die Schulter vor sich hin, auch nichts Neues mehr. Und seit Wochen ein Stechen und Druckgefühl im Solarplexus, also exakt dort, wo gefühlt schon immer mein Ich hauste (merke: zu sowas niemals mehr Dr. Google befragen, sonst läuft man Gefahr, gleich aus sich selbst ausziehen zu wollen).
Der lästigen kleinen Oktober-Arztterminserie wird vermutlich bald eine weitere folgen, denn schließlich muss man in 9 bis 10 Monaten fit sein und beide Arme gen Himmel oder Bühne recken können, wenn Mr. Springsteen im Herbst seines Lebens dem selbigem des Jahres 2020 die Ehre erweisen wird (so die Gerüchte, die seit heute Mittag kursieren, sich bewahrheiten mögen).

Wenigstens beim Schwimmen macht der Arm noch gut mit, zwingt einen sogar zu technischer Gründlichkeit.
Das Experiment „Schwimmen mit Musik“ hingegen wurde heute Morgen endgültig für abgesoffen erklärt. Der Geburtstags-Sony-Sport-Walkman ist zwar federleicht, simpel zu bedienen und klingt über Wasser auch 1a, aber aus mir wird kein Mit-Musik-Schwimmer mehr.
Fast alles stört meinen Rhythmus, gerade mal drei Songs der langen Playlist konnten für kraultauglich erklärt werden, zur Rückenlage passt kein einziger und beim Brustschwimmen kommt nach ein paar Hundert Metern jedesmal Wasser in die Ohrstöpsel und verzerrt den Klang. Außerdem höre ich meine Blubberatmung nicht mehr, die ich aber gern höre, so als einziges Geräusch in dieser schönen Stille, die unter Wasser herrscht.

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Nach dem Fest ist vor dem Fest: die Reste der Wiesn sind noch nicht mal ganz abgebaut, da stellen sie direkt daneben bereits die Zelte fürs Winter-Tollwood auf. Immer was zu gucken, wenn man vor die Tür tritt. Ich empfinde das immer noch als belebend, erst recht, wenn ich an die Ödnis unseres kurzen Wohnexperiments am Stadtrand zurückdenke.

Und analog dazu: nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung.
Noch keine 14 Tage befreit von dieser Zumutung, schon trudelt ein Schreiben vom Finanzamt ein. Mit Nachfragen, die Nachfragen aufwerfen und auf die alleine keine Antwort zu finden sein wird (auch das eine Zumutung: die müssten einem doch so schreiben, dass man versteht, was sie von einem wissen wollen). Erst im August den letzten Schikanemarathon vom Fiskus überstanden, schon steht eine neue Beschäftigungstherapie ins Haus, der man sich nur entziehen könnte, wenn man entspannt ein paar Tausender zu verschenken hätte. Haben wir nicht, also werten wir’s einfach mal als belebend, dass da jetzt wieder action ansteht.

Außerdem gibt es ja so Wünsche, die durchaus ein Geld kosten.
Gestern an einer Galerie vorbeigekommen, die sonst immer zu hatte, wenn ich da entlangspazierte, was ich jedes Mal bedauerte, weil in dem kleinen Raum eine exzellente Auswahl an Plakaten aus meinem Geburtsjahr hing, die Olympischen Spiele in München in allen Disziplinen, Farben und Formaten. Und gestern stand plötzlich der Galerist drinnen und winkte mich hinein. Das gesamte Sortiment durchgepflügt, das Schwimmerplakat ganz wunderbar, auch das der Kanuten, aber dann stieß ich auf das hier:

Limitierte Auflage, daher ein Sammlerstück, natürlich mit weiter steigendem Wiederverkaufswert, sofern man jetzt den Zeitwert berappen könnte und sich das Ding für nur 600€ (*schluck* – dafür bekommt man ja schon fast einen echten Waldi!) unter den Nagel reißen würde.

Sie müssen wissen: der Waldi ’72 ist mir sehr bedeutsam. Er wurde mir als mein allererstes Stofftier in die Wiege gelegt und mir 18 Jahre später gegen meinen Willen wieder genommen, die Mutter rückte ihn einfach nicht raus als ich von ihr ging, ich musste also den Waldi zurücklassen und den mit uns lebenden Dackel ja sowieso, es war ein einziger Graus (ein Grauen vielmehr!), die Mutter hat ihn irgendwann verkauft oder weggegeben, in fremde Hände, in ein Stofftierheim gar, ich hab’s verdrängt, denn verloren ist verloren.
Dementsprechend muss hier noch eine uralte Wunde genäht und geheilt werden, wie Sie nun sicher verstehen werden. Es war der wadlgroße bzw. -lange Waldi, der mit dem groben Stoffbezug, nicht die flauschige Plüschvariante. Ich weiß noch genau, wie ich ihm immer ganz sacht mit dem Zeigefinger auf die Nase tippte, wie er sich anfühlte, wie er roch, wie er guckte, wie er über meine Spielsachen und Hausaufgaben wachte, sogar die ersten Springsteenplatten haben wir noch gemeinsam gehört und den ersten Liebeskummer zusammen durchgestanden, kurz: es ist einer dieser Verluste, über die man nie wirklich hinwegkommt.

*****

Bei manchen der noch neueren Kontakte und Bekanntschaften zeichnen sich erste Grenzen ab (oder zumindest zeitweise Statuszementierungen), bedingt durch die eigentlich recht banale Erkenntnis, wie anders andere doch sind.
Steh ich neulich bei einem in der Wohnung herum, der mir mit Handy am Ohr die Tür öffnet, weswegen ich dann eben ein Weilchen dort herumstehe und warte, bis er fertig ist mit seinem Telefonat.
Nachdem er aufgelegt hat, begrüßt er mich auf eine Weise, die mir zutiefst sympathisch ist, weil er einen nicht so verhuscht umarmt, wie das viele tun (dieses eher angedeutete Innigkeitsgeste, ein Hauch von Berührung, vielmehr: ein Hauch von nichts, kaum ein Bartstoppel oder Brustkorb oder Geruch wahrnehmbar, wozu auch immer eine solche Pseudoumarmung gut sein soll oder was sie ausdrücken bzw. wovor sie sich drücken möchte), sondern weil er richtig „zulangt“, das hat was Verbindliches, das strahlt Präsenz aus, und Vitalität. Sehr schön!

Nach der Begrüßung saust er in sein Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft (es ist ca. 15 Uhr und ich gebe zu: ich bin grundsätzlich erstaunt darüber, dass es Menschen gibt, die um diese Zeit fernsehen), auf dem Weg dorthin ruft er mir zu, er wolle den unbedingt mal schnell ausschalten. Ebenfalls sehr schön, denn bei privaten Unterhaltungen kann ich im Hintergrund Laufendes ebenso wenig leiden wie unnütze, ziellose Beschallung jeder Art im öffentlichen Raum.
Auf dem Rückweg zu mir fügt er seinem Tun noch erläuternd hinzu: „Ich mach‘ den manchmal an, wenn es mir in der Wohnung zu still ist!“.
Öha!?! – Innerlich zucke ich heftig zusammen bei diesem Satz, äußerlich bin ich bemüht, so zu gucken wie ich zuvor geguckt habe (ankommend, freundlich, zugewandt, frisch umarmt). Die Sprache verschlägt’s mir dennoch kurz, was nicht weiter auffällt, da er ohnehin der Plauderpart von uns beiden ist (er erinnert mich auch hierin an meinen ehemals besten Freund M., mit dem ich mich nach fast 15 intensiven Jahren auseinandergelebt habe, u.a. wg. eines massiven Überplauderungsgefühls, dessen ich mich nicht anders zu erwehren wusste als durch Distanz und Bennenung der Gründe dafür).

Als ich wieder gehe, denke ich darüber nach, ob das wohl je eine Freundschaft werden könnte oder ob mir ein Mensch, der die nachmittägliche Stille in den eigenen vier Wänden mit dem Einschalten der Glotze zum Verstummen bringen muss, mir nicht zu wesensfremd ist für das, was ich unter Freundschaft verstehe. Diese Grübelei mündet in eine Grübelei darüber, ob es unter sozialen Aspekten sinnvoll ist, mit zunehmendem Alter immer kritischer zu werden oder ob nicht doch eher das Gegenteil ratsam wäre.

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Apropos sozial.

Was mir nicht nur aus der Seele sprach, sondern mir auch das Herz erwärmte, ist dieser vorgestern erschienene Artikel von Juli Zeh, in dem es um Sozialakrobaten geht (und diese einmal mehr aufs Trefflichste von Untermietern unterschieden werden).
Wenn Sie ein Tierfreund und einigermaßen novemberfest sind, dann lesen Sie den mal.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen kuschligen Abend, mit einem Gefährten oder mit der Sofadecke, und verabschiede mich hiermit in meine allabendliche Streichelmeditation!

Geburtsdog.

Zur Spätnachmittagsstund‘ in Gmund: Das Fräulein erfreut sich am Hundestrand, ich mich am menschenleeren Nachsaison-See.

Nun weiter zum Papa, wieder einer dieser Wer-weiß-wie-viele-noch-Geburtstage.

Ein Geburtsdogstänzchen für den Opi (und eine Gedenkminute für P., der uns seinerzeit Hauptmanns „Und Pippa tanzt“ schenkte, zum Einzug des Dackelfräuleins).

Shirley Jean hat kein Halsweh oder: Die Turbo-Woche.

Wochen gibt’s, in denen gefühlt ein Monats- oder gar Quartalspensum an Ereignissen, Emotionen, Terminen und Arbeiten abgefackelt wird, ohne dass man das zuvor hat kommen sehen.

Eigentlich wollte ich die verregneten letzten Wiesntage nutzen, um mich hier mit der Steuererklärung 2018 einzuigeln und danach mit dem Sortieren der 3.000 Schwedenfotos und den Vorarbeiten für die Reportage zu beginnen sowie mit dem Abarbeiten meiner „Herbstliste“ loszulegen, die ich klugerweise noch im Gemütszustand sommerlicher Leichtigkeit und Beschwingtheit angefertigt hatte (um nach den Reisewochen weder in ein Loch zu fallen, noch lang nachdenken zu müssen, was denn nun anstünde: man ist ja schon irgendwie komplett aus dem Takt und der Zeit gefallen nach solchen Unternehmungen, die einen so voll und ganz absorbieren).

Steuererklärung, das heißt: Drei Tage Suchen, Tippen, Abheften, Rechnen, Recherchieren in juristischen Datenbanken, Fluchen, Studieren diverser Steuerratgeber, Herumärgern mit Zertifikaten und anderem Technikmüll- dann war die Quälerei überstanden und wie jedes Jahr nach dieser zermürbenden Arbeit befielen mich immense Erleichterung und absurde Heiterkeit.
Nicht etwa, weil in Folge dieser Arbeit ein Geldsegen ins Haus stünde, nein, einfach nur, weil „es“ vollbracht ist. Es ist eine Art Arbeit, die ich Jahr um Jahr als zermürbender und nervtötender empfinde und um die ich mich herumdrücke, so lange es nur irgendwie geht – und es geht oft sogar länger als gut für mich ist (Stichwort: Fristverlängerung).

Die neue Woche beginnt also steuer- und wiesnbefreit, es kehrt wieder Ruhe ein im Viertel, die Aufräumarbeiten auf dem Festgelände gehen schneller vonstatten als man gucken kann, draußen darf wieder geparkt werden und beim Abendgassi leuchtet wieder die Bavaria herüber, das Lichtermeer der Fahrgeschäfte ist erloschen.

Die Linden werfen ihre Blätter munter ab, die Grünstreifen atmen auf, weil das Getrampel der Besucherscharen ein Ende hat und es sich als Grashalm nun wieder lohnt, sich mal aufzurichten.
Man trifft beim Gassigehen wieder die vertrauten Menschen und Hunde, die sich alle ein wenig verschanzt hatten während des Oktoberfesttrubels vor ihren Türen oder – wie wir ja auch – auf weniger frequentierte Gassirouten ausgewichen sind.

Der Arzttermin, vor dem es einem schon seit Wochen graut, rückt immer näher, aber bevor man nachts ins Grübeln kommen könnte, hat der Hund Magen-Darm und erbricht sich so oft, dass man vor lauter Hinterherputzen und Hundtrösten und Karottenkochen gar nicht zum Schlafen und erfreulicherweise auch nicht zum Grübeln kommt. Parallel dazu geht die Badewannenarmatur kaputt, so dass man sich mit Hausmeister, Vermieter und Installateur rumschlagen darf, um möglichst bald wieder störungsfrei Duschen zu können, zwischendrin bringt man den Wagen in die Werkstatt, wo sich das Geräusch, das außer mir im August niemand wahrnehmen wollte, auch in der Werkstatt nicht, nun doch (mittlerweile auch für jeden unüberhörbar) als kaputtes Radlager entpuppt, woraufhin ich den Serviceheini der Werkstatt runder mache als es das Rad und sein Lager je waren und einen ordentlichen Nachlass nebst Leihwagen rausschlage für die Missachtung meines Hörvermögens und meiner Vorahnungen (metaphorisch natürlich, das „schlagen“), damit das Fräulein und ich bei diesem Mistwetter trocken zum Rentnertreffen ans andere Ende der Stadt reisen können.

Ja, Sie lesen richtig: ich gehe bereits zu Rentnertreffen!
Die ehemalige Sekretärin des Papas organisiert das zweimal jährlich für ein gutes Dutzend der jahrzehntelangen, beruflichen Weggefährten des Papas, die in den 1970er Jahren alle in etwa gleichalt waren und in ihren Job ein- und somit in etwa auch zeitgleich aus diesem ausstiegen. Das ist ja noch die Generation, in der die Menschen ihr Berufsleben lang ein und dieselbe Anstellung hatten, das kennt man heute in dieser globalisierten, schnelllebigen, veränderungsanfälligen, effizienzterrorisierenden und mega-verdichteten Arbeitswelt ja gar nicht mehr.
Zweimal im Jahr trifft sich diese Truppe also zum Essen, Trinken und Ratschen. Jedesmal fehlen ein paar, ab und an fehlt nun sogar schon einer für immer.
Mich laden sie ein, weil ich meine gesamte Kindheit, Jugend und Studentenzeit viel mit von der Partie war: töchternd, feiernd und jobbend.
Gelegentlich gehe ich hin, zu diesen Treffen, weil ich die Menschen mag und lange kenne, und mich vom einen oder anderen dort auch gekannt fühle.

Übrigens ein Phänomen, dieses Sich-gekannt-Fühlen, über das ich in den letzten Monaten oft nachgedacht habe: Wer sind oder waren eigentlich die Menschen, mit denen ich mich in etwa so fühle, wie ich mich selbst empfinde? Es gab Freundschaften, da fühlte ich mich permanent wie die Ältere oder die Anführerin, und selten umgekehrt mal mitgezogen, aufgefangen oder gar getragen (warum hat man das jahrelang mitgemacht? was sollte das?), und es gab Beziehungen zu Menschen, in denen ich mich bei nahezu jeder Begegnung irgendwie falsch, klein, unfähig oder fehl am Platz fühlte (warum ist man dennoch ein Stück des Weges gemeinsam gegangen? was sollte das?), manche dieser Verbindungen existieren immer noch.
Und ein paar ganz wenige, bei denen ich mich redend, schweigend, lachend, weinend, und überhaupt in so gut wie allen Seinszuständen identisch mit mir und harmonisch mit der anderen Person fühl(t)e.
Anderes Thema und zudem ein weites Feld, demnächst vielleicht mal mehr dazu. Im Herbst packt mich jedenfalls immer so ein Ausmistbedürfnis auf mehreren Ebenen. Damit der erste Schnee nichts zudeckt, das man vorher noch hätte wegfegen können? Ich weiß es nicht genau.

Wo war ich stehengeblieben?!
Ach ja, beim Rentnertreffen. Der Papa heut in schlechter Verfassung und nach zwei Stunden so müde, dass er geht (früher war er immer der Letzte bei solchen Runden). Seine erste Sekretärin (84) weint, als sie sich von ihm verabschiedet, weil sie am Wochenende in ein Seniorenwohnheim einziehen wird und der Ansicht ist, dass sie dann nicht mehr zu diesen Treffen wird kommen können, ihn also nie wiedersieht. Die andere Sekretärin (68) ist gottseidank noch fröhlich wie eh und je (wie selten ist es geworden, denke ich mir so, als ich mit ihr spreche, mal jemandem zu begegnen, auch außerhalb solcher Rentnerkreise, der einem putzmunter erzählt, es ginge ihm „echt richtig gut“), auch der Rest der Runde hält sich mehr oder weniger wacker.
Der ehemalige Bilanzbuchhalter hat nun auch Parkinson, der Papa berät ihn ein wenig zum Umgang mit der Krankheit und fast blitzt dabei etwas von seiner früheren Chefmentalität durch („Jetzt machen Sie das erstmal so und so, und dann geht das schon wieder, alles klar?“).
Auch J. ist heute da, leider mit Rezidiv und zaundürr, aber er ist da und wir wollen dran glauben, dass er weiterhin der zähe Knochen ist, der er immer war und es auch bleiben wird.

Nach drei Stunden löst sich die Runde auf und ich fahre nachdenklich, müde und etwas bedrückt durch den Regen nachhause.
Das Automatikgetriebe des Leihwagens ist dermaßen ungewohnt und weil ich deshalb das linke Bein vorsorglich komplett weggepackt habe, um nicht womöglich doch vor lauter Müdikgeit mit dem Kupplungsfuß reflexartig auf der Bremse zu landen, komme ich mit einem Krampf in der Wade zuhause an.

Dabei schmerzt das Gestell eh noch von gestern Abend.
Kiefer Sutherland was in town und nach drei Stunden Stehen, Rumhopsen und Klatschen spüre ich ebenso wie bei manch anderer Aktivität, dass ich auf die 50 zugehe und noch weniger belastbar werde als ich es eh schon immer war. Immerhin lag man gestern mal genau im Altersdurchschnitt des Konzertpublikums und so gab’s auch drumrum etliche andere, die mal in die Hocke gingen oder sich dezent an Rückenentlastungsübungen versuchten.

Vor wenigen Tagen bespielte Kiefer Sutherland das Wiener Publikum, gestern war München dran. Und 24 Stunden später muss ich sagen: ja, es war schon ganz gut, dieses Konzert, aber die ersten zwanzig Minuten haben das Gesamterlebnis doch etwas eingetrübt.
Stimmlich arg dünn, die Eröffnungssongs, das geliebte „Shirley Jean“ fiel dummerweise genau in diese Phase (ein Jammer, wenn die Studioversion um Welten besser ist als die Live-Version!), die Aussprache verwaschen, die Augen verquollen, die Bewegungen fahrig, und ich wollte dieses so ungewohnt flache, volumenlose Gekrächze schon auf eine Halsentzündung schieben und mitleiden mit dem guten Kiefer, da bekam er auf einmal doch noch die Kurve, bemerkenswerterweise nach einigen Gläsern karamellfarbener Flüssigkeit.

Man soll nichts unterstellen, was man nicht wirklich weiß oder wissen kann, dennoch meine ich in Mimik und Gestik Züge eines Trinkers zu entdecken, mindestens aber die Spuren von zu viel Alkohol, und vielleicht ist die Performance nur dann eine gute, wenn der passende Pegel erreicht ist?
Oder war er einfach nur müde oder sein Hund, den er im Tourbus dabei hat, hatte in der Nacht vorher Magen-Darm oder hatte er Streit mit seiner Freundin oder ist ihm sein Steak misslungen und war schon medium well statt English und hat ihm den Abend verdorben? Wer weiß das schon!

So wichtig ist das alles aber auch nicht, denn zwei Drittel des Auftritts hat der ehemalige Mr. Jack Bauer ja ordentlich hinbekommen, ich wünschte halt nur, er sähe auch noch ein bisschen mehr aus wie jener, und der hübsche Bursche aus „Flatliners“ würde nicht nur in den wenigen Momenten durchschimmern, wenn die Bühne in blaudunstiges Licht getaucht ist und er den Kopf tief zur Gitarre hinabsenkt (man muss das mal sagen: Springsteen sieht in egal welcher Beleuchtung/Pose mit 70 weit weniger verlebt aus und das ist nicht nur guten Genen oder guten Fotografen oder guten Therapeuten geschuldet).

Womöglicht war auch ich beim gestrigen Konzertabend noch zu benebelt von einer morgendlichen Aufregung und deren Folgen: denn eine viel mehr ans Herz gehende Musik lädt völlig überraschend dazu ein, tatsächlich live gehört zu werden – und das sogar noch in dieser Woche!

Zuvor geht’s wohl oder übel zum Arzt und hinaus zu einem weiteren Regenspaziergang und die radlagererneuerte Karre abholen – und noch allerhand anderes ist zu tun bis zu diesem so unverhofften Klang-Ereignis, auf das ich ja insgeheim warte und hoffe, seit diese Musik in mein Leben trat, was zwar erst ein paar Monate her ist, aber ich war halt noch nie besonders gut im Warten, erst recht nicht, wenn es um was Wichtiges und Emotionales geht – und dass das mit dieser Musik für mich was Großes ist, das war sehr schnell klar.

Nun aber eins nach dem anderen.
Bleiben Sie dran – wir berichten, wenn’s soweit ist!