Beg (if it means anything to you).

Woran merkt man eigentlich, dass man älter wird?

Unter anderem daran, dass die Songs, an denen man hängt (und an denen Erinnerungen hängen), plötzlich in den Radiosendern gespielt werden, die man, als man noch jung war, als „unter aller Sau“ klassifiziert hatte und bei denen man keine Minute freiwillig hängengeblieben wäre.

Und daran, dass einem Erinnerungen plötzlich Tränen in die Augen treiben, obwohl das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ganz und gar überflüssig ist, was man freilich damals noch nicht ahnen konnte (dass der ganze Herzschmerz sich tatsächlich mal auflösen würde).

Überhaupt wird ja der persönliche Anrührungsquotient mit steigendem Lebensalter immer größer.

Was soll’s.
Sieht einen ja keiner, wenn man ein bisserl schniefend und mit leicht geröteten Wangen durch das schöne Alpenvorland heimwärts fährt, und falls doch, dann könnte man’s ja auch locker auf den ersten dezenten Sonnenbrand dieses Frühlings schieben.

Das hier ist was für Eingefleischte.
Oder für Neugierige oder Sentimentale oder Ältergewordene.

(Und ich möchte jetzt von niemandem, der dabei war, hören, dass der Sound sch**** war, damals an diesem Wahnsinnsabend in der Red Bull Arena. Das mag ja sein, aber in den vorderen zehn Reihen, da spielte das echt keine Rolle, und erst recht nicht bei diesem Prolog samt Kniefall – und allem, was danach kam.)

In my dream our love was lost, I lived by luck and fate
I carried you inside of me, prayed it wouldn’t be too late
Now I’m standin‘ on this empty road where nothin‘ moves but the wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

Once I was your treasure and I saw your face in every star
But these promises we make at night, oh that’s all they are
Unless we fill them with faith and love they’re empty as the howlin‘ wind
And honey I just wanna be back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again
Back in your arms
Back in your arms again

You came to me with love and kindness
But all my life I’ve been a prisoner of my own blindness
I met you with indifference and I don’t know why
Now I wake from my dream, I wake from my dream to this world
Where all is shadow and darkness and above me a dark sky unfurls
And all the love I’ve thrown away and lost I’m longin‘ for again
Now darlin‘ I just wanna be back in your arms

Leipzig, Sommer 2013, irgendwie noch deutlich jünger.

Sichabsetzen.

Nur ein paar Mark in der Badehose sind wir an einem Samstag zuerst ins Schilf und dann ins Wasser gegangen, um gegen strenges Verbot in die Schweiz zu schwimmen (…).

Beide hatte wir diese Idee einer Flucht, auch wenn M. das Vorhaben anders nannte und damit mehr vorantrieb; er sprach vom Sichabsetzen ins neutrale Ausland, das wir in Angriff nehmen sollten. Immer wieder diese Formulierung, Sichabsetzen, sein Appell an uns, und auf einmal ist es soweit, wir schwimmen einfach los, von einer Bucht im Schilf aus, schwimmen, obwohl das Wasser nicht warm ist, kaum zwanzig Grad, und obwohl wir keine Übung haben, nur uns beide und etwas Mut.
Wir schwimmen nebeneinander, nicht zu hastig, nicht zu langsam, wir reden nicht, wir atmen nur.

(…) Und als das Schilf hinter uns nur noch ein gelber Streif ist, zittrig im Dunst, und unsere Füße plötzlich in kalte Strömungen kommen, da gibt es schon kein Zurück mehr, nur noch ein Weiter, jetzt doch etwas hastig, wie die Vierbeiner, und auch unter Tierlauten, rauen Tönen, um sich Mut zu machen.

(…) Und so schwimmen wir weiter, Seite an Seite bis zum Landungssteg. Und den erklimmen wir, als keiner hinschaut, und lassen uns hinter dem Zollhäuschen trocknen, dann geht’s in Badehosen zum nächsten Kiosk, und M. legt seine Münzen hin. (…) Und das reicht für eine Tafel Sprüngli und vier Maryland-Zigaretten, die es in der Schweiz damals einzeln zu kaufen gab, für eine Cola und ein Päckchen Streichhölzer. Wir gehen mit dem Einkauf ans Wasser, an eine geschützte Stelle, die sich gleich findet, vor der Mauer einer Caféterrasse – der Instinkt für geschützte Stellen begleitet uns beide überall hin. Wir teilen Schokolade und Cola, wir rauchen die vier Zigaretten und sehen den Möwen zu; unser Haar ist schon lange getrocknet, aber wir spüren noch den See an der Kopfhaut.

(…) Wir wollen bleiben, wo wir sind, in der Schweiz, die wir schwimmend erreicht haben – wie die Emigranten, sagt M., nur ohne Mantel; wir wollen uns vorstellen, dass es kein Zurück mehr gibt, dass drüben die Häscher warten und wir uns hier durchschlagen müssen, dass wir unsere letzten Zigaretten rauchen, bevor wir uns weiter absetzen, über die Alpen in den Süden.

Wir hocken da und schöpfen Kraft, nicht aus der Schokolade, nicht aus den Zigaretten oder der Cola, nur aus der gemeinsamen Sicht auf die Dinge.

[Bodo Kirchhoff: Eros und Asche, S.270 f.]

Nach etlichen Jahren wiedergelesen, anlässlich eines Geschenks für eine Freundin in der Schweiz (was ein plötzlicher und so stimmiger Impuls war: dieses Buch, für diese Freundin, jetzt).

Beim Wiederlesen ans erste Lesen erinnert, vor fast sieben Jahren in Süditrol war es, unterhalb einer verwitterten Festung in einer Hollywoodschaukel sitzend, ab und an von der Lektüre aufblickend und die Augen in den wilden Garten des Hotels versenkend, bis Butz, der entzückende Rauhaardackel eines wellnessurlaubenden Männerpärchens, durchs Bild fegte und mit dem Fallobst spielte (oder den Blick an die Berge auf der anderen Talseite heftend, hinter denen bei klarer Sicht die Spitzen des Rosengartens hervorblitzten).

Und wieder die letzten 20 Seiten mit feuchten Augen gelesen (sogar mehr als das): Freundschaft, Hund, Jugend, Liebe, Alter, Tod…
Dazwischen die passenden Fetzen aus einem Song des so zarten, androgynen Antony: „I find you with red tears in your eyes“ und „I whisper the secret in the ground“.

Damals schließlich den Buchdeckel mit zitternden Händen zugeklappt, eine Stunde lang nicht aufstehen können und in der Schaukel hin und her gewippt, bis die Tränen getrocknet waren.

Diesmal ohne Schaukel, Garten und Berge, dafür nun selbst so einen Butz habend, der einen mit nachdrücklichem Fiepsen darauf hinweist, dass sowohl Gustl, der Geburtstagsgeier, dessen Thorax bereits schlimme Bissverletzungen aufweist, als auch ich justament zu Opfern der heutigen Spiellaune auserkoren wurden.

No time to shed a tear.

It’s dark at night.

Das Panoramahotel in den Bergen empfängt mich eingeschneit, aber panoramalos. Dass das so bleiben würde, war nicht zu erwarten, passt dann aber unerwartet gut zu Allgemeinbefinden und Stimmungslage.

Es lässt sich tagsüber nur erahnen, dass wir von Bergen umgeben sind, das Weiß der Skihänge geht nahtlos über in weißgraue Nebelschleier, die jenseits der 900 Höhenmeter alles verhüllen.
Ein Sessellift, den ich vom Bett aus sehen kann, verschwindet im Nebel, ein seltsam beruhigender Anblick ist das: am rechten Seil verschwindet Sessel um Sessel in dem dichten Dunst und zugleich taucht an der linken Seite der Strippe Sessel um Sessel wieder auf.
Nachts blitzen auch weiter oben an den Berghängen vereinzelt Lichter auf: Hütten, Liftanlagen, Pistenraupen.

Das Zimmer ist wie vor Anreise abgesprochen „puristisch und ohne Schnickschnack“, sieht man mal von dem sehr flauschigen star spangled bathrobe und dem Sinnspruch ab, den sie hier in jedem Zimmer an die Wand über dem Bett gepinselt haben.

Natürlich in jedem Zimmer einen anderen, so dass man leicht geneigt ist, in die vom Zufall zugeteilte Sentenz etwas Schicksalhaftes hineinzudeuten.

Mein Herz fühlt sich bleischwer, folglich ist das wohl nicht mein Zuhause hier, was nicht weiter überrascht, da ich ja auch verreist bin.
An den Sternenmantel gewöhnt man sich, schließlich guckt man nicht dauernd an sich herunter bei den paar Stiegen hinauf zur Sauna.

Aus der Sauna blickt man direkt auf den nachtschwarzen Berghang.

Bei der Nachtrunde mit dem Dackelfräulein ist es so stockdunkel, dass ich mir das Stirnlämpchen über die Mütze ziehen muss, damit wir nicht vom Weg abkommen. Unter dem harschen Schnee ist es eisig geworden, so wie es überhaupt sehr eisig geworden ist (vor drei Wochen erst saß ich mit Hagebuttenkrapfen und offener Jacke auf einer Bank am See und träumte schon vom Frühlingsbeginn).
Nachts drücke ich das Dackelfräulein viel enger als sonst an mich, damit ich morgens durchgewärmt aufwache. Nur gut, dass ihr das eh recht ist.

Tagsüber stapfen wir Stunde um Stunde schlecht gepflegte Winterwanderwege entlang. Gut gepflegt würden sie meine Laune aber auch nur unwesentlich bessern, fürchte ich. Ich friere trotz dicker Vermummung wie eine Irre, bin appetitlos wie nie, Magen und Kehle sind zugeschnürt, vermutlich ein Virus, diesmal wenigstens nicht Noro mit Vornamen. Das mit der Mukiku ist jedenfalls gründlich daneben gegangen.
Man kann halt nicht immer bei blauem Himmel und Sonnenschein glücklich durch die Berge hoppeln, so ist das (L)eben.

Ich schleppe mich in ein Lokal, in dem die Menschen einen Dialekt sprechen, der meine Ekelgefühle nur noch verstärkt, würge mir eine Kinderportion rein (wie sie einen schon ansehen, wenn man ein 4,90€-Gericht aus der Rubrik „Für unsere Kleinen“ bestellt!), denn irgendwas muss man ja zu sich nehmen außer Salzstangen und Orangen (eigentlich das Einzige, das mir schmeckt).
Das Herz schmerzt und der Magen mag nicht mehr.
Beim Essen entwischt mir eine Nudel, flutscht über den Tellerrand und landet mit ihrem roten Saucenhäubchen auf der bis dahin schneeweißen Tischdecke. Ich pieke sie verschämt von dort auf und verursache dadurch einen noch größeren Fleck.

Dabei fällt mir der Papa ein, den ich neulich, als er für uns gekocht hatte, bei einer neuen Esstechnik beobachtet habe. Der Parkinson versaut ihm schon seit Langem das kleckerfreie Speisen, aber ganz besonders schien es ihn zu ärgern, ja, manchmal beinahe zu quälen, wenn es ihm nicht gelingen wollte, mit seiner Gabel treffsicher in den nächsten Happen zu stechen (vom Hantieren mit dem Messer wollen wir erst gar nicht sprechen).
Nun hat er einen Trick gefunden, dieses deprimierende Harpunieren zu umgehen: Er hält die Gabel jetzt in der linken, nicht zitternden, aber motorisch schon immer ungebildeten Hand, parkt die rechte Hand neben dem Teller, hebt, wenn keiner zu gucken scheint, ein bisschen den Zeigefinger der ruhenden Hand an, so dass dieser knapp über den Tellerrand hervorschaut, und schiebt – sich von links mit dem Besteck nähernd – das aufzugabelnde Häppchen gegen seine Fingerkuppe, so dass es letztlich auf den Zinken landet. Das klappt sehr gut, viel besser als das fahrige Gestocher zuvor. Dennoch kommen mir fast die Tränen, wenn ich daran denken muss (und das muss ich erstaunlich oft) oder das hier so hinschreibe.
Ist etwas erst einmal erzählt, dann existiert es, ist auf bestimmte Weise festgelegt und nicht mehr so leicht veränderbar als wenn es unerzählt geblieben wäre. Das gilt nicht nur für die Gabelgeschichte. Vieles, wenn es erstmal dasteht, in die Worte gegossen, die man eben in jenem Moment des Niederschreibens wählen wollte (oder musste), wird einem dann noch bewusster – oder überhaupt erst bewusst? – in seinem jeweiligen So-sein.

Morgen Früh fahren wir wieder nachhause.
Die Auszeit ist also aus bevor sie an war.
(Cura te ipsum, sag ich mir.)

Von wohlmeinenden Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen (hab‘ mich bereits ausführlich genug selbst bedauert), erheiternde Kommentare oder schräge Berichte von in die Hose gegangenen Kurzurlauben sind hingegen jederzeit willkommen!

Erschlagen.

Ich liege in der Badewanne und versuche, mich ein bisschen mit albernen Cartoons und oberflächlichen Zeitungsartikeln abzulenken, die mir Facebook so in den Reader spült.

Vorhin beim allwöchentlichen Waldlauf war Parkourbegabung gefragt: Überall Sturmschäden, die die kleine oder größere Kraxeleien erforderten.

Auf eine dieser Hürden zulaufend sah ich einen Mann mit seinem Hund vor mir, die sich ebenfalls dem Hindernis näherten. Ein großer Baum lag quer über dem Weg, sein Stammdurchmesser betrug etwa 60cm.

Als ich mich den beiden näherte, waren sie bereits unmittelbar vor dem Baumstamm angelangt. Ich bemerkte die Vibration in den Hinterläufen des schwarzen Hovawarts, als er mich wahrnahm, wandte er mir ein graubebrilltes und fast weißschnäuziges Gesicht zu und blickte mich aus seinen müden Hundeaugen an.

Sein Herr ermahnte ihn mehrfach mit lauter Stimme: „Geh weiter!“, „Los jetzt!“. Der alte Hund wedelte beschämt und verzweifelt – er wollte so gern, was er sollte. Gleichwohl mangelte es ihm an Kraft, an Mut, an Geschick.

Da trat ihn sein Herr mit dem Stiefel fest in den Hintern und schrie ihn an: „Scheißköter!“. Der Hund jaulte, sank fast zu Boden, fing sich aber dann und versuchte, die Vorderläufe auf den Stamm zu hieven. Vergeblich.

Ich bot an, dass wir gemeinsam seinen Hund über das Hindernis heben könnten. Der Herr lehnte ruppig ab – der blöde Hund werde ja wohl noch selbst gehen können und ich solle mich gefälligst um meinen Kram scheren.

„Scheißmensch!“, sagte ich, sprang über den Baumstamm und wagte es leider nicht, noch hinzuzufügen, dass ich wünschte, die Riesenfichte hätte ihn erschlagen.

Für immer 20 Jahre.

Beim heutigen Spaziergang an der Isar kam uns im Schneetreiben ein Jogger entgegen. Ich war gerade viel zu sehr mit Bällchenschießen beschäftigt, um genauer auf den sich nähernden Läufer zu achten und sah erst auf, als mir eine wohlbekannte Stimme „Das gibt’s ja nicht!“ zurief. In winterliche Laufklamotten vermummt hätte ich J. sowieso nicht erkannt, aber seine Stimme ist für mich unverkennbar, ich höre sie schon seit vier Jahrzehnten und es ist eine der wenigen Stimmen, die ich mir jederzeit präzise in Erinnerung rufen könnte.

J. ist ein langjähriger Mitarbeiter meines Vaters gewesen, ausgebildeter Bergführer, alpiner Hobbyfotograf, Sportler durch und durch, ansonsten Griechenland-Fan und ein Freigeist, wie ich wenige kennengelernt habe.
Schon als ich klein war, mochte ich seine Stimme und die John-Lennon-Brille, die er heute noch trägt. Wenn der Papa mich ins Büro mitnahm, so hielt ich mich entweder bei der Telefonistin auf und sortierte begeistert Büroklammern und anderen Kleinkrusch in die dafür vorgesehenen Holzfächer der Schreibtischschubladen ein oder ich wollte zu J., um in dessen riesigen Fundus an Wanderkarten und Fotos herumstöbern.
Bei der alljährlichen Faschingsfeier im Büro durfte ich, wenn mein Job als Utensilienträgerin vom Papa (ging er als Lili Marleen, war ich die Laterne, trat er als Cowboy auf, trug ich den Colt) erledigt war und es den Anwesenden eh längst mehr um Trinken, Tanzen und Tuchfühlung ging als um eine gut sitzende Maskerade, gelegentlich mit J. tanzen. Er wirbelte mich herum, warf mich in die Luft, fing mich auf und ich fand das toll, vor allem weil die anderen sich nie so ungezwungen mir gegenüber benommen hätten, weil ich für sie mindestens bis zur 2. Maß Bier (und für die meisten gottseidank auch darüber hinaus) immer die Tochter des Chefs war und entsprechend befangen und korrekt mit mir umgegangen wurde.
J. war da anders – unverkrampft, unkonventionell, ungeniert.

In meinen Teenager-Sommerferien, die ich jobbend in der Jugendherberge Lenggries verbrachte, überschnitten sich unsere Aufenthalte dort meist für ein paar Wochen. Täglich sah ich ihn mit seiner Truppe in die Berge aufbrechen, an meinen freien Tagen durfte ich mich anschließen und ich war jedes Jahr aufs Neue ein wenig verliebt in ihn. Er war immer umschwärmt, die Frauen in den von ihm geführten Bergsteigergruppen hingen wie gebannt an seinen Lippen, wenn er morgens im Frühstückssaal, in dem ich die Semmelkörbe auf den Tischen verteilte, Kaffee servierte und 240 Käsescheiben auf Platten drapierte, seinen Schäfchen die Tour des Tages erklärte und abends, wenn man gemeinsam am Lagerfeuer sitzend dem Bergtag nachsann, waren die beiden Plätze neben ihm die begehrtesten in der ganzen Runde.

Viele Jahre später, als ich in den Semesterferien regelmäßig im väterlichen Büro arbeitete, bemerkte ich, dass J. nun endlich zu bemerken schien, dass ich nicht mehr die Kleine oder die Tochter vom Chef war. Was war das für ein Gefühl!
Wir gingen in den Mittagspausen plötzlich zusammen Eis essen, er stellte mir interessierte Fragen und schnippte vorsichtig einen Marienkäfer von meiner nackten Schulter, ich lauschte seiner Stimme und träumte den restlichen Bürotag über von Bergabenteuern, Alpenglühen, einem sportlichen Mann wie J. an meiner Seite und Marienkäfern auf meinen Schultern. Mit Semesterbeginn klinkte ich mich jedesmal wieder in mein Leben in der unterfränkischen Studienstadt ein und die Schwärmerei für J. verblasste bis zu den nächsten Semesterferien.

Ferien kamen und gingen, bis der Uniabschluss unweigerlich das Ende des sommerlichen Jobbens und Flirtens einläutete. J. hatte sich mit Mitte 40 dann doch noch fest gebunden, ich mich mit Mitte 20 ebenso. Als ich für meinen ersten Job zurück nach München zog, kreuzten sich unsere Wege nicht mehr im Büro des Papas, sondern wir begegneten uns nun zufällig im Schlosspark beim Laufen, an der Isar, in der U-Bahn, beim Schwimmen und einmal sogar im Gebirge (er runter, ich rauf, wir beide in Begleitung, schade eigentlich).
Seit 20 Jahren laufen wir einander also im Schnitt alle zwei Jahre unerwartet irgendwo über den Weg.

Wenn uns diese ebenso schöne wie überraschende Regelmäßigkeit heimsucht, drücken wir uns zur Begrüßung und zum Abschied, tauschen die aktuellen Eckdaten aus, und finden, dass wir uns unbedingt mal verabreden sollten, weil wir jedes Mal feststellen, dass wir uns nach wie vor prima verstehen und es noch so viel zu fragen und zu sagen gäbe.

Heute umarmen wir uns im Schneegestöber, J. begleitet das Dackelfräulein und mich ein Stück, so dass wir uns eine Weile unterhalten können. Diesmal erfahre ich, dass sein kleines Häuschen auf Kreta letzten Sommer abgebrannt ist, er es jetzt neu aufbaut und daher vor allem im Winter mehr Zeit in Griechenland verbringt als in München. Im Gegenzug erfährt er, dass ich umgezogen bin und den Job in Starnberg schon längst wieder an den Nagel gehängt habe. Ihm fällt auf, dass ich schmaler geworden bin seit dem letzten Mal, mir ist nicht entgangen, dass seine sonnengegerbte Haut mittlerweile von vielen Falten durchzogen ist.
Er sei jetzt in Frührente, erklärt er, und könne endlich wochentags zum Bergsteigen gehen. Ich sei auch in Rente, entgegne ich, so eine Art befristete Ultrafrührente, die ebenfalls Bergtouren unter der Woche ermöglichen würde. Wir lachen über unsere ähnlichen und doch so ungleichen Rentnerexistenzen.

Heute vor 20 Jahren hast Du bei meiner Hochzeit vor dem Standesamt gestanden und Konfetti und Reis geworfen, sage ich, weißt Du noch? Klar, er weiß es noch. Einige der Mitarbeiter des Papas waren als Überraschungsgäste erschienen, hatten den Dienst-Mercedes direkt vor dem Standesamt geparkt, hübsch dekoriert und zur Champagner-Bar umfunktioniert. Aus dem CD-Player des Wagens dröhnte Musik, die ich vergessen oder verdrängt habe.

12.12.1997, Standesamt München-Nymphenburg.

Umtrunk vor dem Standesamt.

Die hässlichste Karte von allen, leider sehr verblichen (Text: Freie Fahrt ins Eheglück).

20 Jahre soll das her sein? Ja, sage ich, exakt 20 Jahre. Heute wäre die sogenannte „Porzellanhochzeit“ gewesen. Aber da die Mutter dieser Porzellankiste nicht Vorsicht, sondern Einsicht hieß, hat sich das schon weit vor dem heutigen Jubiläum zerschlagen. Der Mann von damals lebt und lehrert längst wieder in Unterfranken und das schöne, alte Gebäude des Nymphenburger Standesamts hat sich irgendeine schicke Investmentfondsgesellschaft unter den Nagel gerissen. So ändern sich die Zeiten.

Was von dem Mann von damals denn geblieben sei, fragt J. mich. Ich zögere erst (wozu diese bilanzierenden Nachforschungen?), denke dann aber doch nach und antworte schließlich, drei Dinge wären mir wohl von ihm geblieben: die seither endgültig festsitzende Abneigung gegen Zuspätkommen, sechs sehr formschöne Bierkrüge, und dass er mir beigebracht hat, wie man effizient Orangen schält.
Drei, wie ich finde, nicht zu unterschätzende Errungenschaften, die einem das Leben enorm erleichtern können (für einen kurzen Moment versetzt mich diese spontane Erkenntnis in aberwitzige Heiterkeit).

Als J. in seinen Laufklamotten zu frösteln beginnt und das Dackelfräulein ungeduldig quengelt, weil das Ballspiel für ihren Geschmack nun zu oft ins Stocken geraten ist, finden wir wie immer, dass wir uns wirklich mal verabreden sollten, verabschieden uns aufs Herzlichste und gehen unserer Wege (nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um, sehe J. sportlich wie eh und je davonsprinten, dann befördere ich Pippas Ball mit einem für meine Verhältnisse passablen Schuss in die verschneiten Isarauen).

Es ist über die Jahrzehnte ein ungeschriebenes Gesetz geworden, dass es nicht dazu kommen wird und wir uns einfach aufs nächste Mal freuen. Vermutlich also irgendwann im jubiläumslosen 2019, er dann 67, ich 47, und wenn alles gut geht, haben wir noch weitere 10 Begegnungen in den nächsten 20 Jahren vor uns. Eine beruhigende Perspektive.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis, wie es gelingen kann, sich ein Leben lang gekannt und gemocht zu haben.

Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

Heast, des is makaber…

…singt der Wolfgang Ambros in seinem uralten Song „Da Hofa“.

Der Großteil des gestern Abend im Münchner Prinzregententheater dargebotenen Repertoires kam zwar (noch) nicht makaber, aber doch reichlich morbid daher. Es war allerdings weit mehr als die erwartbare, typisch wienerische Morbidität.
Verzweiflung, Vergänglichkeit, Verfall waren spürbar – in Text, Ton und – worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war – auch in personam. Das Gitarrenspiel oft wacklig, die Stimme manchmal brüchig und dünn, das Betreten und Verlassen der Bühne ein sichtlicher Kraftakt. Nur momenthaft waren der Ambros meiner Jugendjahre und der, den ich vor über zehn Jahren auf der überaus gelungenen „Ambros singt Waits“-Tour erlebt hatte, noch wiederzuerkennen.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar, ein bestuhltes Konzert zu besuchen, andernfalls hätt‘ ich mich erstmal setzen müssen.

Schlecht sieht er aus. Zaundürr, sehr geschwächt, immens gealtert, eigentlich schwer krank. Die erste halbe Stunde des Konzerts bin ich fast ausschließlich damit beschäftigt, den ebenso unerwarteten wie schockierenden Anblick des Austropop-Altmeisters zu verdauen und im Schutz der Rückenlehne vor mir zu googeln: Seit wann geht’s dem so mies und warum isser so beinand? Operationen, Alkohol, Tabletten, Depressionen, Trennungen? (Nächstens, wenn ich wieder zu Konzerten von Vertretern der Ü60-Generation gehen sollte, werde ich das vorher googeln – um vorbereitet zu sein.)

Etwa eine Stunde hat’s gebraucht, bis Auge und Ohr sich an die fahrigen, ungelenken Bewegungen, die langsamen und oft vernuschelten Zwischenmoderationen, die die Darbietung der Songs umrahmen, einigermaßen gewöhnt haben. Die zwei exzellenten Musiker an seiner Seite fangen die diversen Holprigkeiten auf so gut sie können  (und das können sie gut!), und holen ihren Chef auch zurück in die Spur, wenn er sich gelegentlich in langatmigen Monologen verliert, die ihren Reiz deutlich mehr aus dem sympathischen Wienerisch ziehen als aus ihrem Inhalt.
„So gsehn muass ma des betrachdn!“ meint der Bandleader in einer dieser Plaudereien zwischen den Liedern. Und das war kein Fazit des vorausgegangenen Schwanks, nein, es war das ambros’sche Pendant zu „von demher“, das mein kroatischer Friseur immer von sich gibt, und das sowohl nichts als auch alles bedeuten kann. Au weia.

Blauer Nebel kriecht über die Bühne als der Barde Lieder wie „Tendenz zur Demenz“ und „Gezeichnet fürs Leben“ anstimmt oder über alte Zeiten oder die Zeit an sich sinniert. Schwer auszumachen, wann und wo hier Schmäh, Galgenhumor, Melancholie oder tiefe Verzweiflung Regie führen. Düster ist’s jedenfalls.

Lediglich der unvermeidbare „Zentralfriedhof“ fällt schlussendlich völlig aus der Reihe dieses Endzeitszenarios: da hätte ich eher den finalen Hieb des Sensenmannes erwartet als einen Gastauftritt des wie eh und je bubihaft wirkenden Michael Mittermeiers, der vital in die Saiten haut und mit kräftiger Stimme „Wann’s Nochd wird über Simmering, kummt Leben in die Toten“ rausschmettert.
Na sowas.

Ein teils beklemmendes und zugleich sehr anrührendes Herbstkonzert, vor allem, wenn einen die Gegebenheiten so unvorbereitet erwischen.

Als wir das Theater nach drei Stunden verlassen, nieselt es. Auf dem Weg zur U-Bahn höre ich Satzfetzen anderer Konzertbesucher. Manch einer meckert, weil es ja nimmer der Ambros von früher ist, den er da gehört und gesehen hat. Warum hört der nicht früher auf und bleibt seinen Fans so in Erinnerung wie er war als er noch funktioniert hat. An sauber’n Schlussstrich hätt‘ er zieh’n soll’n, bevor’s peinlich wird. Die meisten aber wirken auf die eine oder andere Weise ergriffen, gucken andächtig und sind still.

„Ambros pur“ lautet der Titel der Tour – und in der Tat war es eine Veranstaltung „on the rocks“, ohne Zusatzstoffe, künstliche Aromen und realitätsverschleiernde Hilfsmittel.
Ja, so sieht ein Mann aus, der stramm auf die 70 zugeht und trotz mancher Gebrechen immer noch das tun will und vor allem auch tut, was er immer gern getan hat: Musik machen.

Er zeigt sich so wie er jetzt eben ist, versteckt sich nicht, steht zum Nachlassen seiner Kräfte, singt und spielt weiter, um den Motor am Laufen zu halten, winkt mit zittrigem Arm ins Publikum, humpelt müde und gebückt wie ein 90-Jähriger von der Bühne. Ja, es schmerzt, das mitanzusehen. Als Zumutung empfinde ich es aber nicht, schließlich kann jeder, der das nicht ertragen kann oder will, einfach heimgehen (oder gar nicht erst hingehen).

Entscheidend war für mich, zu erleben, wie er übers ganze Gesicht strahlt, der Wolfgang Ambros, als der Saal geschlossen aufsteht und minutenlang applaudiert.

Der Respekt, die Präsenz und die Liebe der Mitmenschen können einen schon am und im Leben halten.

That ragged, jagged melody still clings to me like a leech. Zum 13. Juli 2017.

Jetzt hab‘ ich’s doch weitestgehend so gemacht, wie ich’s oft mache, am 13. Juli.

Nach dem Aufstehen erstmal das Telefonkabel wieder eingesteckt: Der Papa ruft sonst um 7 Uhr an, um der Erste zu sein. So ist er um 8 Uhr immer noch der Erste, sofern man den Hund nicht mitzählt, aber der begrüßt einen ja sowieso jeden Tag als wär’s ein Feiertag.

Morgengassi: Die Münchner Boulevardpresse begegnet meinem Altern mit Zuckerbrot und Peitsche.

Hurra – auch in 5 Jahren besteht noch Hoffnung.

Öha! Wie gut, dass ich mich aktuell etwas schone.

Frühstück: Kaffee und Müsli mit Quark und Heidelbeeren, das erinnert an Schweden. Dabei Päckchen ausgepackt und Post gelesen. Jedes Jahr ein Mix aus Überraschungen und Vertrautem, das finde ich gut.

Wer hat hier eigentlich Geburtstag?

Mit den Danksagungen dauert’s diesmal etwas. Dass da bitte niemand beleidigt ist. Ich darf nämlich übers Wochenende verreisen. Zumindest hat der Gatte das so durchklingen lassen.

Das Geschenk (Hotelgutschein? Bahnticket? Kreuzfahrt?) sollte ich suchen, er hatte es vor seiner Abreise in der Wohnung versteckt, aber der einzige Tipp, der mich zum Versteck hätte lotsen können, war dieses lausige Foto, das er mir frühmorgens whatsappte.

Galvanisierter Fahrradsattel auf Bernsteinbrei.

Dieser Ort liegt angeblich innerhalb unserer Wohnung! Mir war nicht klar, was für scheußliche Winkel es bei uns daheim gibt. Offenbar übersehe ich die selbst beim Putzen.

Nach 1 Stunde mühseliger Detektivarbeit unter Zuhilfenahme des Werkzeugkastens habe ich frustriert aufgegeben. Die Bude liegt jetzt in Schutt und Asche, schließlich hab ich gründlich gesucht. Soll er dann aufräumen. Schließlich hat mich diese Aktion um das Weißwurstfrühstück gebracht, das ich mir eigentlich gegen 11 Uhr gönnen wollte.

Zum Trost ins geliebte Schwimmbad: Ausweis vorgezeigt, freier Eintritt, wie immer mit diesem Kindheitsgefühl. Spind 137 war auch frei, nix los an so ’nem Donnerstag. 2.000m geschwommen, bei Sonnenschein.

Mittags das geliebte Dackeltier eingepackt und mit Lieblingsmusik rausgefahren an den Lieblingsort im Umland.

Odel und Jodel zwischen Jägersbrunn und Maising.

Anderthalb Stunden Seeumrundung, 2x Anti-Brumm nachgesprüht, dann im Seehof eingekehrt, auch hier nix los. Den tollen Streuselkuchen und eine leichte Weiße bestellt, mit mir selbst angestoßen und mir das Allerbeste gewünscht. Man muss gut sein zu sich. Ist besser als drauf zu warten, dass die anderen einem das abnehmen. Erkenntnisse aus dem therapeutischen Begleitprozess zu der Zeit als ich den Dienst zu quittieren wagte.

Same procedure as every year.

Freunde tauchen auf, bleiben, tauchen ab, verschwinden, kommen wieder oder auch nicht, manchmal versteh‘ ich’s, manchmal auch nicht. Ich glaube weniger als früher an diese Konstanten, obwohl’s doch ein paar davon gibt, um die ich froh bin. Immerhin ich bleibe mir erhalten, aller Voraussicht nach.

Jetzt noch ein bisschen geradeaus gucken, die Madame darf derweil im Schilf herumkruscheln, irgendwann dann heimwärts fahren, unter die Dusche und danach – mal sehen.

Der Gatte kommt heute extra früher aus Frankfurt heim. Entweder koche ich selbst ein Lieblingsessen, weil das eh besser schmeckt als im Lokal oder ich fahre über Zwischenstopp Hauptbahnhof in die alte Gegend zum Lieblingsitaliener (@Gatte im ICE: jawoll, ich weiß es immer noch nicht, aber irgendwo werden wir was essen).

Danke, liebe D., da ist wirklich alles drauf!

Ich mag diesen Tag, so mitten im Sommer. Sogar mich mag ich an diesem Tag, meistens.
Das allein kann man durchaus ein bisschen feiern – und nebenbei auch das Ende dieser Geburtstagsserie.

Denn ein Jahr ist rum bzw. vor dem Geburtstag von meinem großen Freund S. , mit dem die Serie begann, gibt’s niemanden mehr, den ich beehren könnte oder wollte, daher bilde ich nun selbst das Schlusslicht.

 

That ragged, jagged melody still clings to me like a leech.

In diesem Sinne: Ein Prosit auf das Leben, den Streuselkuchen, den Sommer und die Musik!
Die Kraulquappe.

PS: Und eines schwör‘ ich, spätestens im nächsten Leben treff‘ ich die richtige Berufswahl: erst Byzantinistik und dann…

We busted out of class, had to get away from those fools. Zum 4. März 2017.

Liebe H.,

als ich dich vor über 35 Jahren zum ersten Mal sah – in einem braunen Strickpulli (aus venezulanischer Alpakawolle?) mit deinen Eltern in der Aula unserer Schule und direkt neben mir sitzend -, hat wohl keine von uns geahnt, dass das der Anfang einer Freundschaft sein würde, die uns ein Leben lang begleitet.
Nachdem wir jetzt so viele Jahre hinter uns haben, in denen wir uns trotz noch so viel räumlicher Distanz und unterschiedlicher Lebenswege nicht aus den Augen verloren haben, gehe ich davon aus, dass wir uns auch in der Zeit, die wir noch vor uns haben, weiterhin erhalten bleiben.

Du & ich, du & meine Penny, wir & unsere Partys.

Apropos Zeit.
Neulich erschrak ich ziemlich, als ein Geschenk von dir plötzlich und unerwartet den Geist aufzugeben drohte. Ich tendiere blöderweise gelegentlich dazu, sowas für „ein Zeichen“ zu halten…
Das Handrührgerät, das du mir 1992 geschenkt hast – du erinnerst dich hoffentlich: es war das Jahr, in dem wir in meiner Würzburger Studentenbude gemeinsam Anti-Familien-Weihnachten feierten, uns erst an Nudeln überfraßen und danach im „Zauberberg“ Tanzen gingen -, schien nach 25 Jahren Einsatz allmählich seinen Dienst quittieren zu wollen. Es läuft nicht mehr so quirlig wie gewohnt und macht neuartige Geräusche, die nichts Gutes verheißen. Seine Tage sind, fürchte ich, gezählt. Die Trennung wird mir schwerfallen, wenn es dann mal soweit ist.

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Ich will nicht meckern, denn was hält heutzutage überhaupt noch 25 Jahre?! Und, ganz ehrlich, dieses Handrührgerät ist ein Stück weit auch zum Sinnbild für unsere Freundschaft geworden: Solide und robuste Markenware, auf die man sich jahrzehntelang verlassen kann, selbst wenn sie zwischendurch mal seltener in Gebrauch war.

Geschätzte 3.017 Mal ist das gute Stück im Einsatz gewesen für Teige und Füllungen aller Art, und wenn ich einen Wunsch äußern dürfte (obwohl heute der Tag ist, an dem nicht ich, sondern du Wünsche erfüllt bekommst), wäre es dieser: Möchtest du nicht eines Tages den Nachfolger von Bosch-Spot besorgen, dann könnte der uns weitere 25 Jahre als Sinnbild dienen, und wir hätten schon fast die Zeit bis zum Heim überbrückt (dort püriert und quirlt ja dann die Heimküche für uns).

Verzeih‘ den kleinen Exkurs. Dein Geburtstag ist natürlich kein geeigneter Anlass, um über die ferne Zukunft im Altenheim zu philosophieren (davor passiert ja schließlich noch viel anderes im Leben wie z.B. unsere bereits als Teenager beschlossene gemeinsame Krampfader-OP). Zwar erinnert jeder Geburtstag zwangsläufig auch ein bisschen ans Älterwerden, aber mit unserem Jahrgang muss einen das ja noch nicht allzu nachdenklich stimmen oder gar bestürzen.

Sofern du die bisherigen Beiträge dieser Geburtstagsserie auf meinem Blog verfolgt hast, weißt du ja, dass das Highlight des Beitrags stets ein fürs Geburtstagskind maßgeschneiderter Song ist – nach Möglichkeit einer aus dem schier unerschöpflichen Bruce-for-birthday-Fundus (wenn schon leider nicht „for president“).

Bei niemandem fällt mir das leichter als bei dir!

Denn ohne dich gäbe es diese Art der Gratulation womöglich gar nicht. Wären wir nicht 1985 dicke Freundinnen gewesen, hättest du vielleicht eine andere mit ins Münchner Olympiastadion genommen, als deine Mutter von ihrem Chef diese Freikarten für Bruce Springsteen bekommen hat.
Für mich war das der Beginn einer lebenslangen Liebe, bestimmt auch, weil es (im zarten Alter von 12 bzw. 13) unser allererstes Konzert war – quasi ein Initiationserlebnis.

Und kein Song passt besser zu unserer Geschichte als dieser hier:

Well, we busted out of class
had to get away from those fools

We learned more from a three minute record
than we ever learned in school

Tonight I hear the neighborhood drummer sound
I can feel my heart begin to pound
You say you’re tired and you just want to close your eyes
and follow your dreams down

We made a promise
We swore we’d always remember

No retreat, baby, no surrender
Like soldiers in the winter’s night with a vow to defend
No retreat, baby, no surrender

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, liebe H.
Und hör‘ genau hin, es ist eine leicht abgewandelte Version, mit einer tollen weiteren Zeile drin (außerdem ist die verwackelte, aber rührende Aufnahme aus den 1980er Jahren, von einem Konzert in Kanada, wohin es dich ja mal kurz verschlagen hatte).

Happy birthday & alles Liebe & no retreat, baby, no surrender!
Deine Kraulquappe.

In the wink of an eye oder: Notfälle.

Es muss in den Sommerferien 1989 gewesen sein, ich war also 17. Unterwegs auf einer Interrailreise hatten meine Freundin und ich zwei Jungs aus Hamburg kennengelernt, man schlenderte zu viert durch Paris, tauschte Adressen aus, nahm überschwänglich Abschied. Ich erwischte den Schreibfreudigeren der beiden (und auch den, der Motorrad fuhr) und nach einigen Briefwechseln erstritt ich mir zuhause die Erlaubnis, ihn noch kurz vor Ferienende besuchen zu dürfen.
Damals hatte ich vom Leben noch eine Vorstellung wie sie mir aus den Sha-la-la-la-Songs von Bruce Springsteen oder Van Morrison entgegenschwappte. Unternehmungslustige Kerle mit Chopper, Tiefgang, schöner Handschrift, einer Prise Poesie und den richtigen Schallplatten im Regal standen bei mir verdammt hoch im Kurs.

Für den Papa standen zeitgleich meine Sicherheit und Unversehrtheit umso höher im Kurs. Es war ebenfalls der Sommer 1989, in dem er mir zum Geburtstag meine erste Kreditkarte schenkte. Eine Zweitkarte auf sein Konto. „Für den Notfall!“ – mit diesen Worten überreichte er sie mir. Ich fühlte mich unglaublich erwachsen und frei wie der Wind als ich gemeinsam mit der neuen VISA-Card (damaliger Slogan: „Die Freiheit nehm‘ ich mir!“) im Intercity nach Hamburg zu P. reiste.

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Mein neuer Brieffreund holte mich am Bahnhof ab, ich wurde den Eltern vorgestellt und bezog deren winziges Gästezimmer im Souterrain des Hauses in einem Hamburger Vorort. Noch am selben Abend brausten wir mit der Yamaha nach Hamburg. Ein laues Sommerlüftchen wehte uns um die Nasen, bis sich ein unangenehmer Geruch hinzumischte, den ich sogleich ebenso unwirsch wie naiv als Abgasgeruch abtat, um mir ja von nichts den perfekten Ausritt verderben zu lassen.

Bis ich vom Soziussitz abstieg. Und nicht mehr vernünftig laufen konnte, weil die dicke Sohle meines Turnschuhs an der Ferse halbmondartig ausgefräst war. Mein rechter Stiefel hatte die Spritztour nicht auf der Fußraste verbracht, sondern auf dem Auspuffrohr, dessen Chrom nun nicht mehr glänzte, sondern gummiverschmiert stank.

So humpelte ich dann recht unerwachsen über den Jungfernstieg, mit meinem kaputten Turnschuh. Mein schmales Reisebudget erlaubte definitiv keinen Schuhkauf. Da erinnerte ich mich der VISA-Card in meinem Portemonnaie und beschloss: Es handelte sich ganz klar um einen Notfall. Wir gingen ins nächstbeste Sportgeschäft und ich kaufte mit der Kreditkarte des Papas neue Schuhe. Sogar gleich noch robustere und motorradtauglichere Stiefel – wenn schon, denn schon!

Wieder zurück in München gab es natürlich Ärger und eine längere Diskussion über die Definition von „Notfall“. Die väterliche Auslegung dieses Begriffs unterschied sich fundamental von der meinen (durch Unachtsamkeit auf dem Auspuff „irgendeines Knilches“ verschmorte Sohlen gehörten seiner Ansicht nach z.B. ganz klar nicht in diese Rubrik). Derartige Differenzen sollten fast bis zum Ende meines Studiums – so lange besaß ich diese Zweitkarte – bestehen bleiben. Genauso wie ihr ewig gleiches Ergebnis: Wir debattierten pro Jahr 1-2x über „Notfälle“, aber jedes Mal ziemlich konsequenzenlos.

Das Leben mündete damals unaufhaltsam in eine Phase, in der ich mein eigenes Geld verdienen und meine Notfälle weitestgehend selbst ausbaden musste. Die Sha-la-la-la-Zeiten waren mehr oder weniger vorbei. Parallel dazu reduzierten sich auch die Diskrepanzen zwischen meiner Notfalldefinition und der des Papas auf ein Minimum.

Überhaupt waren das damals die Jahre, in denen wir am allermeisten teilten: nahezu jede Feier zu Geburtstagen und Silvester, die Freundeskreise, viele Bergtouren und Konzerte, Unmengen an Zigaretten und Bier, ein paar Reisen und in den Semesterferien sogar sein Büro und seine Wohnung.

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Gestern habe ich den Papa am Tegernsee besucht. Nach fast zweijährigem Drängen und Anschieben haben wir jetzt seine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung unter Dach und Fach gebracht. Alles ist unterschrieben, kopiert und abgeheftet. Anschließend noch ein gemeinsamer Gang zur Bank, um eine Vollmacht für mich ausstellen zu lassen: Für den Notfall.

So froh ich bin, dass nun alles geregelt ist, so sehr spüre ich bei alldem auch einen Kloß im Hals. Auf dem Heimweg – endlich allein im Auto – musste ich weinen beim Nachdenken darüber, was für eine Wandlung das Wort „Notfall“ in knapp drei Jahrzehnten vollzogen hat. Gestern wagte es keiner von uns beiden, das genauer zu definieren, denn eine neue Dimension von „Notfällen“ würde sich auftun, von der wir beide nichts wissen wollen und bei der begriffliche Einigkeit keine Rolle mehr spielt.

Dabei fühlt es sich an, als läge nur ein Wimpernschlag zwischen dem Sommer ’89 mit dem Streit über den hanseatischen Teenager-Turnschuh-Notfall und dem gestrigen Unterzeichnen der Bankvollmacht, während der Dauerregen das Tegernseer Tal unter einem grauen Schleier begrub.