Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

3x kurz, 3x lang, 3x kurz

S.O.S.! Ich bin völlig zerwartet. Vom vielen Warten auf mindestens zwei Handvoll für mich wichtiger Reaktionen, Antworten, Bescheide aus den verschiedensten Lebensbereichen. Fristen sind mehrfach verstrichen, Terminnennungen entpuppten sich als Schall und Rauch oder Psychotest, Nachfragen laufen ins Leere oder direkt in die nächste Warteschleife.

Dabei hasse ich Warten wie die Pest. Wahrscheinlich zerwartet mich das Warten auch deshalb schneller als andere. Ich kenne etliche gelassene, geduldige Menschen. Und noch mehr Menschen, die sich recht glaubhaft so geben, als würden sie entspannt zwischen „Gut Ding will Weile haben“ und „Kommt Zeit, kommt Rat“ durchs Leben schippern. Die vorgeben, alles so annehmen zu können, wie es eben gerade ist und wenn es mal besonders unannehmbar ist, so tun, als wüssten sie die Kunst des Loslassens in der Praxis so anzuwenden, um sich nicht länger vom Gewarte drangsalieren zu lassen. Lebenskünstler oder -(vor)gaukler, die nach dem Motto „Ungeduld ist ein schnelles Pferd, aber ein schlechter Reiter“ dahintraben und keinesfalls von ein bisschen Warten aus dem Sattel gehoben werden. Vielleicht sind das auch bloß die Unterstellungen eines Neidhammels, weil es womöglich mehr geduldige Menschen gibt, als dieser es sich vorzustellen vermag.

Ich kann das jedenfalls nicht, das mit dem Warten und der Geduld, ich möchte lieber den flinken Gaul haben und kenne viele Dinge, die auch ganz ohne Weile verdammt gut waren und ebenso viele, bei denen auch nach sehr viel Zeit guter Rat genauso unerschwinglich war wie zu Beginn. Um nicht sozial auffällig zu werden, gebe ich mich bisweilen aber auch so, als könne, was nicht ist, ja noch werden und als beherrsche ich das ausatmende Om nicht nur beim Yoga. Was aber gelogen ist. Warten blockiert mich, Warten zermürbt mich, Warten macht mich sauer und fast krank. Warten auf Antworten, die überfällig sind und noch dazu versprochen waren, ist für mich eine Qual, ich fühle mich ohnmächtig, verunsichert und verarscht.

Den drohenden inneren Amoklauf halte ich mit erhöhter Dosis Schwimmen und größeren Nudelportionen in Schach. Das haut derzeit noch hin. Aber ich muss gestehen, dass mein Blick momentan häufiger als sonst auf die Postkarte fällt, die schon seit Ewigkeiten neben meiner Zimmertür hängt…

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(Da sehe ich gerade: ich könnte mir glatt etwas Wartezeit mit dem Streichen der Wand vertreiben oder zumindest den Lichtschalter mal feucht abwischen.)

Beim Abendessen ohne Gesellschaft (der Gatte ist in Frankfurt) und einer Nudelmenge wie mit Gesellschaft, whatsappe ich mit einer Freundin und stöbere in Youtube. Das Musikvideo, das ich ansehen möchte, lädt nicht, wieder warte ich, öffne ein zweites Browserfenster und gebe bei Google „Warten“ ein. Aus Versehen bei der Video-Suche.

Nach einer kurzen Wartezeit erscheint in den Suchergebnissen dann dieses Kleinod polizeilicher Alltagshilfe für Bürgerinnen und Bürger, die des Wartens überdrüssig sind:

Das übertrifft meine Erwartungen, die ich an diesen Tag noch hatte, bei Weitem. Endlich weiß ich, wie das da draußen geht, im Leben. Wie man dem Warten entkommt und jederzeit die Sprint-Taste drücken kann, wann immer man die Schnauze voll hat vom Warten.

3x kurz, 3x lang, 3x kurz. Das ist der Rhythmus des Überlebens, der Takt, in dem alle Ungeduldigen dieser Welt wieder befreit tanzen können anstatt warten zu müssen. Niemals hätte ich gedacht, dass ausgerechnet ein Trick der Polizei mich aus dieser misslichen Lage befreien würde.

Wie der Sprecher so passend sagt: Das Leben ist viel zu kurz, um auf grünes Licht zu warten. Einfach den Morsecode eingeben – und weiter geht’s. Panta rhei. Yeah!

In diesem Sinne – wir probieren das jetzt sofort beim Abendgassi aus.
Bin schon ganz ungeduldig, daher nur noch ein schnelles Tschüss!

Eure Kraulquappe