Knarzende Scharniere oder: I got my finger on the trigger.

Mit Süßkram hab ich’s nicht so sehr.
Würde sich der gezuckerte Teil der Welt auf Nutella, Pistazieneis und Streuselkuchen beschränken, würde mir nichts Wesentliches fehlen (wenn mir hingegen die Brezen genommen würden – dann gute Nacht!). Letzterer, also der Streuselkuchen, hat jetzt Hochsaison, das erntereife Obst, so wirkt’s, wenn man den Blick über die Kuchenvitrinen schweifen lässt, kann es kaum erwarten, sich dicht aneinander geschmiegt unter die buttrigknusprigen, goldbraunen Streusel zu legen und sein Fruchtfleisch genüsslich auf Hefe- oder Mürbteigböden auszustrecken.

Heute Morgen rief mich überraschend B. an. Ob er kurz vorbeikommen dürfe, er hätte zwei Bleche Streuselkuchen gebacken und das sei eigentlich als kleines kulinarisches Beiwerk für den geplanten Umtrunk im Büro zu viel des Guten. Die Kollegen wüssten das eh nicht zu schätzen. Da habe er an mich gedacht.
Eher Birne oder Zwetschge, habe er sich gefragt, sich dann aber erinnert, dass ich in derlei Gebäck lediglich die Matschigkeit von Äpfeln nicht allzu sehr goutiere. Ob der Gatte da sei, dann brächte er gern die doppelte Menge. Er könne ruhig die doppelte Menge bringen, obwohl der Gatte in Frankfurt sei, entgegnete ich. Bei Streuselkuchen darf man mir ruhig was zutrauen.
Und so fuhr er mittags zu mir, stellte mir vier große Stücke des duftenden Kuchens in die Küche, drückte mich kurz, sah mich an, machte eine Bemerkung zur Müdigkeit, die mir wohl ins Gesicht geschrieben stand sowie zur Herpesinvasion auf meiner Oberlippe, gab damit zu erkennen, dass er in etwa wusste, wie es mir geht, schnürte daraus noch einen anteilnehmenden Schlusssatz und musste leider gleich wieder los, zurück ins Büro.

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Als ich die Tür hinter ihm schloss, war mir nach Heulen zumute.
Weil B. – obwohl sehr sprachgewandt und sicher im Ausdruck – Gefühle kaum je mit schönen Worthülsen ummantelt, sondern überwiegend in Taten ausdrückt.
In den anderthalb Jahrzehnten, die wir uns kennen, hat er mit einer Kontinuität hinhören, sehen und wissen wollen, wie ich sie nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Beständig stellte er Fragen, wenn er nicht verstand, und gab Antworten, wenn ich verstehen wollte. Mit Kritik hielt er ebensowenig hinterm Berg wie mit Zuspruch. Von allergrößter Einigkeit bis hin zu kaum überbrückbaren Differenzen haben wir alle Stadien an Mitteilungslust und -frust durchlaufen. Beide hassen wir Rumsitzen und Rumtrödeln, beide lieben wir es, wenn der andere Ideen hat und die Initiative ergreift, beide freuen wie uns, den anderen mitreißen zu können, beide sind wir bekennende Resonanzjunkies und ekelhafte Korinthenkacker, wenn es um Klippen und Klappen der Kommunikation geht.
Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich behaupten würde, dass sie mich wirklich kennen oder erkannt haben (und umgekehrt), B. gehört jedenfalls zu ihnen.

Dieses Glück ist wie ein Scheck, den man überall und jederzeit einlösen kann, selbst wenn man einander zwischendurch, so wie B. und ich, zweimal zwei Jahre nicht gesehen hat, unterbrochen nur von einer Beerdigung und einem Krankenhausbesuch (absurd eigentlich, aber so ergab es sich).
Man steht sich gegenüber, nimmt den Faden wieder auf als hätte man ihn erst gestern fallen lassen oder sowieso nie aus der Hand gelegt, nichts ist verloren oder vergessen, aber alles verziehen und verwunden.
Ein Glück, dass wir seit ein paar Monaten wieder in Verbindung sind.

Ich legte mir eines der Kuchenstücke auf den Teller, nahm es mit an den Schreibtisch, begann genussvoll zu essen und riss mir bereits beim zweiten Bissen eines meiner Beulenpestbläschen an einer krustigen Streuselkante auf. Es war nicht das Bläschen, das ich mir morgens beim Abtrocknen mit dem Frotteehandtuch aufgehobelt hatte, sondern ein anderes. Etwas Blut tropfte hinunter und landete recht adrett exakt zwischen zwei Zwetschgenschnitzen.
Man wird also beim Zubeißen in den nächsten Tagen ebenso Acht geben müssen wie beim Lachen oder Schreien oder Zähneputzen.

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Manche Menschen überschütten einen mit Liebesschwüren, man fühlt sich wonnig überzogen von ihrem verbalen Zuckerguss, schleckt mal links, mal rechts an der süßen Schicht, überfrisst sich vielleicht sogar ein bisschen an der köstlichen Klebrigkeit. Und stellt wenig später erstaunt fest: praktisch und faktisch bleibt nicht viel mehr davon übrig außer einem klebrigen Gefühl auf der Zunge.

Den größten Worten folgen oft nicht mal die kleinsten Taten. Eine leise Kritik, ein falsches Wort, ein einziges mitgeteiltes eigenes Bedürfnis kann ausreichen und schon treten sie den Rückzug an, wenden sich gekränkt ab. Flugs verwandelt sich das gerade noch lodernde Feuer ihrer Zuneigung zum kläglich glimmenden Kohleklumpen, der noch ein Weilchen die Temperatur hält und wenig später in stummer Kälte erlischt.

Sie lieben sich in ihrem Liebestaumel und in der Vorstellung ihrer selbst als Liebende so sehr, sonnen sich in ihren Bekundungen, wälzen sich wohlig darin und vergessen darüber völlig, dass sie den anderen, die Zielscheibe ihrer Schwüre, entweder gar nicht oder nicht gut genug kennen, um ihn überhaupt und noch dazu mit diesem Überschwang lieben zu können.

Aber ums Kennen geht es ihnen ja auch nicht, schon gar nicht ums Erkennen, dazu sind sie viel zu verstrickt in sich selbst, verheddert in die ewige Nabelschau ihres von der Welt ach so missachteten oder beschädigten Ichs oder völlig aufgeweicht vom Bad in ihren zerquälten Seelentümpeln, in denen schon seit Jahren keine Rose mehr gedeihen möchte und alles Lebendige mangels Licht und Pflege längst veralgt oder verendet ist.

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Auch die Mutter war so gestrickt.
Sie gefiel sich so sehr in den wenigen Szenen unseres 17 Jahre währenden Theaterstücks, in denen sie als „die Liebende“ auftrat. Dankbarkeit und Applaus waren angesagt, wurden geradezu eingefordert: „Schau her, wie ich dich liebe und was ich dir alles opferte!“ lag in jedem ihrer Schritte, mit denen sie über die Bühne stolzierte, das Haar in den Nacken und mir ein Lächeln zuwerfend.

Dankbar sollte ich sein, wenn sie, die ewig Angeschlagene, trotz allem in der Lage war, mir dieses Lächeln zu schenken.
Einmal im Jahr gab es Streuselkuchen, mit matschigen Äpfeln darin, dankbar sollte ich sein für diese Anstrengung, die sie meinetwegen auf sich genommen hatte.
Hatte sie sich tagelang von allem zurückgezogen und kam für einen Moment wieder hervorgekrochen aus ihrem Elendssumpf, hätte ich besonders dankbar sein müssen, denn schließlich hatte sie diesen Kraftakt nur für mich vollbracht.

Für mich, die ich sie qua meiner Existenz in dieses Jammertal verbannt hatte, weil man als Frau mit Kind am Hals in den 70er Jahren nun mal nicht hätte davonlaufen können aus einer Ehe, die nichts weiter war als die Eintrittskarte in das Tal der Tränen.
Also schickte sie den Mann davon, diesen undankbaren Klotz, dem sie doch ihre besten Jahre geschenkt hatte, die ihr nun niemand mehr zurückgeben konnte. Blieb, wo sie war, behielt das Kind und den Hund, und war fortan noch überforderter.

Mit aufgeschlagenen Kinderknien konnte sie noch umgehen, auch mit Erkältungen, aber als die Wunden und Infekte des Heranwachsens größer und schwieriger wurden, begann ein Wettstreit, bei dem der Sieger bereits feststand. Egal, was ich auch hatte: ihr Leid war größer, wichtiger, langwieriger.
Die wenigen Male, die ich es wagte, trotz ihres schwereren Leidens um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Trost für mich zu bitten, wies sie mich schroff und zutiefst erschüttert von sich.
Ob ich denn nicht sähe, wie schlecht es ihr ginge und dass es ihr nicht möglich sei, sich jetzt auch noch mit mir zu befassen. Es ginge um ihr Überleben, ob ich das denn nicht begreifen würde. Noch ein Mucks und sie verstummte mit einer Dramatik, die einem Angst und Bange werden ließ (von den Strafen soll hier und heute nicht die Rede sein).
Schon Jahre vor dem ersten Krebs gab es dieses gefühlte „Es“, dieses unheimliche Etwas, das größer war als sie und das über sie kam wie eine Heimsuchung, der sich alles zu beugen hatte. Ich beugte mich. So tief ich konnte, aber nur bis zu einem Punkt, von dem aus es immer noch möglich war, hinaufzuschielen zu der Mater dolorosa, um die ich mich zu kümmern hatte und nach deren Befinden alles ausgerichtet werden musste.

Ich verschwand ganz und gar hinter dieser Aufgabe, wurde unsichtbar und zugleich an der Oberfläche zur perfekten Marionette und zur allzeit aufmerksamen Besorgerin, wie die Haushaltshilfen in Österreich so schnöde tituliert werden. Und wetzte des nachts in meinen Träumen die Messer, mit denen ich eines Tages diese Schnüre alle durchtrennen würde.

Ab und an ließ ich eine der noch unfertigen Klingen aufblitzen, wenn ich in Diskussionen merkte, dass meine Argumente die besseren waren und ich sie damit mühelos in die Enge hätte treiben können, was ich freilich niemals gewagt hätte (die drohende Strafe, nicht auszudenken!), ritzte meine Worte damit heimlich unter die Tischplatte, wo ich sie später, in den vielen so hilflosen Momenten, zumindest noch mit den Fingerspitzen ertasten konnte wie ein Blinder die Brailleschrift.
Zur Selbstvergewisserung und zur Ablenkung von dem Unsäglichen, das sich oberhalb der Tischplatte zutrug.

Als der erste Krebs kam, und er kam leider recht früh, hatte sie zeitgleich mit der Diagnose auch ihr ultimatives Totschlagargument erhalten. Sie nutzte es reichlich.
Selbst in den Runden, in denen sie das schlechtere Blatt hatte, zog sie dieses düstere Ass aus ihrem Ärmel und warf es mit versteinerter Miene auf den Tisch. Game over.
Da lag es, glotzte uns mit seinen fahlen Augen drohend an und verdammte uns für die noch folgenden Jahrzehnte ihres Überlebens zum Schweigen.

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I got my finger on the trigger
But I don’t know who to trust
When I look into your eyes
There’s just devils and dust
We’re a long, long way from home
Home’s a long, long way from us
I feel a dirty wind blowing
Devils and dust

Well I dreamed of you last night
In a field of mud and bone
Your blood began to dry
And the smell began to rise

And I’m just trying to survive
What if what you do to survive
Kills the things you love
Fear’s a dangerous thing
It can turn your heart black you can trust
It’ll take your God filled soul
Fill it with devils and dust

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Hier stehe ich nun. Das ist meine Geschichte.
Nun kann ich sie erzählen, die Zeit ist reif dafür.

30 Jahre sind vergangen seit „damals“.
30 Monate, seit sich ein Deckel für immer geschlossen hat. Ihrer.
Und ein anderer sich öffnen konnte. Meiner.

Ich drücke ihn nach oben, stemme mich gegen den Widerstand seiner knarzenden Scharniere, hebe ihn schließlich ganz hoch, bis er einrastet und ohne mein Zutun geöffnet bleibt, recke meinen Kopf empor und sehe den Himmel.

So rein die Luft – und so weit der Raum.

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Unter Fischen oder: Herbstangebote.

Plötzlich purzelt eine Postkarte aufs Parkett…

…etwas zerknittert und angegriffen wirkt sie (was ja recht gut passt) und man betrachtet ihr Motiv (fragt sich, wer eigentlich der Haifisch ist oder war und was der Schlawiner zu grinsen hat), dreht sie um, liest den Text (ist ein bisserl gerührt und ein bisserl nachdenklich zugleich) und denkt fortan nach über zweite Chancen in Freundschaften (oder ist’s schon die dritte oder vierte?) und entschließt sich dann zu einer Antwort.

Hier ist sie:

Versuchen wir’s also, die alten Baustellen zu beseitigen und zu schließen, bevor das Herbstlaub in die Baugruben rieselt und man da mit der Harke gar nicht mehr durchkäme.

Und wie das konkret vonstatten gehen könnte, sollte vielleicht alsbald bei einem gepflegten Glas Gerstensaft besprochen werden…

…zu dem ich hiermit einfach mal einlade.

Sollte man dabei (nüchtern betrachtet, versteht sich) übereinkommen, dass man gemeinsam eine neue Runde in verlässlicheren Gewässern unternehmen könnte… -, nun denn, warum nicht, man wird’s ja sehen, ob das unter Menschen so klappt wie unter (Hai-)Fischen und vielleicht wird ja doch nochmal ein nettes Filmchen draus.

Potenzial hätt‘ die Story mittlerweile allemal.

Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.

Song des Tages (17).

Neue Woche, neue Wege.

Eine Schreibarbeit voranbringen, die OP hinter uns bringen. Und manches mehr.
Hoffentlich wirft’s einen nicht aus der Spur.

Im Küchenradio spuin’s an Hubert, lang‘ nicht mehr gehört!

Ein Open-Air-Konzert in Coburg fällt mir ein, kurz nach dem Independence Day muss es gewesen sein, eine Ameisenstraße unter einer Wolldecke im Wald, irgendwo zwischen Würzburg und Coburg, heiß war es, der Honda von P. ohne Klimaanlage. Die Stimmung schwierig, aber nicht aussichtslos, was man damals vor 24 Jahren zu gern geahnt hätte, aber erst viel später wissen durfte. Immerhin.

An dieser Stelle herzliche Grüße nach Berlin an P., den Läufer mit der feschen Russenmütze (frohes Zehennägelschneiden!) – und allen anderen einen guten Start in die Woche!

De Fiass de gengan wia von selber und de Strass’n
de fangt an vor meiner Tür
nur wo’s aufheat woass ma nie
und wo’s hiführt woass ma nie
und ob ma‘ z’ruckkommt woass ma nie

Hund haben (9).

Fast hätt‘ ich’s ja nicht gemerkt, was sich da in meinen Koffer geschmuggelt hat!

Ein freundliches „Raus da!“ bringt gar nichts außer einem vorwurfsvollen Blick.

Ein strenger Tonfall bringt das ganze Hundeelend zum Vorschein.

(Bilder der nachfolgenden Szenen können aus ethischen Gründen nicht veröffentlicht werden.)

Früher bin ich gerne allein verreist. Mittlerweile schleiche ich mich mit schlechtem Gewissen aus dem Haus.

Wer hat hier eigentlich wen (v)erzogen und wie war das doch gleich mit dem „allzeit souveränen Rudelchef“?

Verflixt nochmal.

Blau in der Au.

Mit dem neuen Monat hat gewissermaßen eine neue Ära hat begonnen.

Am Friedensdenkmal (München-Bogenhausen).

Bei ein paar sehr persönlichen Themen haben sich die Knoten, die seit Wochen/Monaten festgezurrt waren, gelöst. Leider nicht überall in der Weise, wie ich es mir gewünscht hätte, aber dennoch: die gefühlte Enge ist verschwunden, die störende Blockade ist weg, die Energie fließt wieder.

Im Fluss (Luitpoldbrücke, München).

Zeit wurde es, denn seit August stand ich innerlich auf der Bremse oder wurde von außen gebremst (was beides anstrengend war und mich erschöpft hat).

An der Grantkugel vorbei (München, Maximiliansanlagen).

Der November ist von jeher der Monat, den ich am wenigsten mag, umso wohltuender ist es, dass er auf diese Weise beginnt: Gelöst.

Ich beschließe, statt der wöchentlichen Bergausflüge nun einmal pro Woche einen Stadtausflug zu machen.
Um durch Viertel zu wandern, in denen ich zu selten bin, um neue Wege zu erkunden und Neues zu entdecken.
Das wirkt auf Mensch & Hund gleichermaßen beflügelnd.

Auf dem Steg zwischen Isar und Auer Mühlbach.

Heute sind das Dackelfräulein und ich von der Münchner Freiheit durch den Englischen Garten über die Maximiliansanlagen bis zum Mariahilfplatz spaziert, mit kleiner Kaffeepause in Münchens einzigem isländischen Café.
Das war ehrlich gesagt auch der Grund für die Wahl der Route. Wegen des isländischen Skyr-Kuchens.

Das Café Blá in der Au.

 

Ödes, bleiches Outfit, aber ein Fest für den „Skyrgámur“ (isl. für Skyr-Gierschlund).

Ein guter Einstieg in die graue und kalte Jahreszeit, so dürfte es gern weitergehen.

Ich wünsche allseits mehr Licht als Dunkel sowie mehr Süßes als Saures & schicke ein Dankeschön nach Paderborn für die wertvollen Impulse.
Die Kraulquappe.

Kehraus.

Ausräumen auch. 
Erschöpft grüßt – die Kraulquappe.

Aufbruch oder: Against the wind.

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Olympiapark bei Herbstunwetter.

Jetzt ist er doch gekommen, der Herbst. Zeitgleich mit Beginn der 5. Münchner Jahreszeit, auf deren Turbulenzen ich seit Jahren keinen Wert mehr lege, aus vielerlei Gründen. Hauptsächlich dem, dass ich mein Bier anderswo gemütlicher, ohne Verkleidung und aus Gläsern trinken kann, von denen ich kein Herpes bekomme.

Parallel zum „O’zapt is!“ habe ich gestern den ganzen verregneten Samstag lang Kisten gepackt, Listen abgehakt, Kisten wieder umgepackt, neue Listen geschrieben. Am späten Abend war dann alles fertig und unser Kombi so voll beladen, als würde ich auswandern. Was nicht der Fall ist. Ehrlich nicht.

Dennoch: Ich bin dann mal weg. Richtung Norden, Meer und Kanelbullar. Ziemlich kurzfristig habe ich beschlossen, dass das jetzt wichtig und richtig ist. Genaueres dann von unterwegs.

Wann ich wiederkomme? Irgendwann im Oktober, Rückreise ist noch nicht terminiert (zum ersten Mal in meinem Leben 🙂 ).

Begleitet von einem meiner Lieblingssongs für innere und äußere Aufbrüche sowie lange Autobahnfahrten geht es nun los:

 

And the years rolled slowly past
And I found myself alone
Surrounded by strangers I thought were my friends
Found myself further and further from my home and I
Guess I lost my way
There were oh so many roads
I was livin‘ to run and runnin‘ to live
Never worried about payin‘ or even how much I owe

Against the wind
I’m still runnin‘ against the wind
I’m older now but still runnin‘ against the wind

 

Mit einer aufgeregten Pippa und massenweise Musik an Bord grüßt euch
Die Kraulquappe.

PS: Mit an Bord natürlich auch (Auflösung zum gestrigen Samstagsrätsel):
– die Futtervorräte (der Dackel ist zwar nicht heikel, „funktioniert“ aber magendarmtechnisch am besten bei gewohnter Kost)
– die Hagebuttenmarmeladengläser (die Schweden kippen überall gräßliche Unmengen an Zucker rein, da will ich sichergehen…)
– das heimische Bier (Alkohol ist in Schweden teuer und nur im „Sytembolaget“ erhältlich)