Mittenwald (5).

Heute war Männertag.

Das fing schon in der Nacht an: Im Traum saß ich in einer Pizzeria, irgendwo in südlichen Gefilden, zusammen mit Nicholas Ofczarek, der geträumt noch beleibter war als in echt. Und saumäßig sympathisch und charmant; wir sprachen ohne Mundschutz und Mindestabstand miteinander.

Die morgendliche Fortsetzung meiner Duschgeschichte lassen wir mal beiseite, das Telefonat mit dem Vermieter bzgl. der Psocoptera ebenso.

Am Vormittag durch den Ort spaziert, um noch ein paar Aufnahmen für den Urlaubsprospekt der lieben A. aus B. zu machen. Danach Verpflegung eingekauft.

Unterwegs zu dem für heute ausgesuchten Wandergebiet auf einer Infotafel die riesige Karte „Alpenwelt Karwendel“ angeguckt. Hier könnte man sich mühelos zwei Wochen dauervergnügen, vielleicht auch ein Leben lang.

Ein Mann, der Olli-Kahn-artig aus seiner Oberbekleidung zu platzen droht, stellt sich neben mich und studiert ebenfalls die Karte.
Er ist Franzose, denn er fragt mich nach den Öffnungszeiten der Ochland-Ütte, die eigentlich Hochland-Hütte heißt. Franzosen sehen in meiner Vorstellung völlig anders aus als dieser Schrank. Egal.
Er nimmt den linken Abzweig zur Ochland-Ütte, ich den rechten zur Dammkar-Hütte.

Eine Traumtour für diesen letzten Tag meiner Staubl_Auszeit, denn je schroffer der Fels, desto schöner die Szenerie.

Es ist das Raue und Karge, das mich so anspricht, der grauweiße Kalkstein und das so ganz und gar nicht Liebliche und Geschmeidige, das er ausstrahlt. Ruhe und Kraft, Reduktion und Konzentration – das bedeutet das Karwendelgebirge für mich.
Die Beine zwar etwas schwer von den letzten beiden Touren, aber doch noch beweglich genug für eine dritte und letzte.

Unterwegs überholt mich ein deutlich jüngerer und beweglicherer Kerl, der dann allerdings vor lauter Jugend- und Beweglichkeit zwei Serpentinen weiter übel ausrutscht und knapp vor meinen Füßen landet. Ich finde es an sich erfreulich, wenn mir ein junger Kärntner vor die Füße fällt, in meinem Alter passiert mir das nicht mehr allzu oft, aber der Bursche hat sich ordentlich das Schienbein aufgeschürft und blutet ein bisschen. Ich spendiere ihm Taschentücher und eine Verbandsrolle. Anschließend gehen wir ein kleines Stück gemeinsam, zu kurz, um den netten Dialekt auszukosten, zu lang, um nicht ziemlich außer Atem zu geraten, erst recht, als er erzählt, was er heute noch alles vorhat (den Biwaksack hat er dabei und „an Enzian und was zum Rauchen“, na dann…).

Auf der Dammkar-Hütte erlebe ich ein kleines Highlight in Sachen „Datenschutz zu Coronazeiten“. Wie der Hüttenwirt die bereits ausgefüllten Zeilen seiner selbstgebastelten Gästeliste provisorisch abgedeckt hat, ist einfach total putzig: zwei zusammengetackerte Servietten, die er mit Wäscheklammern an dem Papierbogen befestigt hat und mit jeder neuen Zeile ein Stück weiter nach unten auffaltet. Ich quittiere das mit einem Schmunzeln und ernte ein bajuwarisches Grunzen und ein „Mia ham hier koa Zeid für so an Schmarrn“.
(Könnte man glatt eine Serie draus machen: „Gästelisten & Datenschutz auf Berghütten“. Ganz wunderbar, was man da so sieht!)

Tisch 3 habe ich zunächst für mich allein, wenn man von der aufdringlichen Dohle absieht. Dann kommen zwei schwer bepackte Typen daher und fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen. Sie dürfen wohl oder übel, denn es ist der sonnigste der sechs Tische, und der mit der besten Sicht. Man kommt ins Gespräch und ich erfahre: die beiden sind aus Braunschweig, wandern üblicherweise im Harz und sind etwas andere Höhenunterschiede gewohnt.

Sofort aktiviere ich mein rudimentäres Harz-Wissen, das ich A. aus B. zu verdanken habe und kann mit ein paar Ortsnamen protzen, die ich mir aus dem tollen Blog der besagten Freundin gemerkt habe. Der eine kramt sofort sein Stempelheft aus dem Rucksack hervor, klappt es auf und zeigt mir voller Stolz, dass er schon mehr als die Hälfte der für den „Harzer Wanderkaiser“ erforderlichen Stempel (222 an der Zahl!) gesammelt habe.
Woraufhin ich ihm auf meinem Smartphone ein Foto zeige von einem, der bereits Harzer Wanderkaiser ist und mit dem ich schon ein Bett geteilt habe. Da gucken sie aber, die zwei!

Wegen ihres Harzer Wandertempos bleiben sie nicht lange, denn die Gehzeit zur Nachbarhütte, auf der sie übernachten wollen, sitzt ihnen etwas im Nacken.

Ihren Platz übernimmt dann quasi nahtlos der französische Olli-Kahn-Verschnitt. Ich staune nicht schlecht, als ihn auf einmal da heroben erblicke, denn er wollte ja zur Ochland-Ütte und die liegt viel weiter nördlich.
Hatte sich aber verlaufen und berichtet mir nun aufgeregt und ausführlich von seinen Irrwegen. In Rekordzeit kippt er sich dabei zwei Halbe rein und kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Befragt mich nervös zu dem Abstieg nach Mittenwald via Ochsenboden.
Da es drei Abstiegswege gibt, breite ich meine Karte auf dem Tisch aus und zeige ihm, wo er gehen muss. Er wirkt unaufmerksam und in Eile, zieht sich noch eine weitere Wurstpelle über den Leib und springt dann hektisch auf. Völlig unfranzösisch.

Beim Zusammenfalten der Karte erteile ich noch den pädagogisch wertvollen Rat, er solle sich bloß nicht wieder verlaufen, zumal das Gelände wirklich steil sei. Der Franzose nickt und sagt „Isch male dir ein Erz“. Isch verstehe nicht, was er meint und frage nach. Da malt er mit dem Finger ein Herz in die Luft und erklärt mir, er würde das als Beweis, dass er auf dem richtigen Weg ist, auf dem Ochsensteig irgendwo am Wegesrand hinterlassen. Aha.
Komischer Kerl. Er verabschiedet sich und ich bin froh, den Tisch nochmal ganz für mich zu haben.

Als ich eine Stunde später auch über den Ochsensteig ins Tal laufe, entdecke ich tatsächlich ein Erz.
Sogar mehrere. Das rührt mich dann doch.

Mit Sonne im Erzen erreiche ich schließlich Mittenwald und verprasse mein verbliebenes Budget für einen Eisbecher.
Ein Tartufo, wie es sein soll: mit gehackter Schokolade rund um den Eisball.
Und einer knusprigen Waffel, die oben in der Kugel steckt.

In Erzform, versteht sich.

Mittenwald (4).

Fake-Beer auf der Dammkarhütte. Aber sonst alles bestens.

Im Kar turnen die Gamsböcke herum, in der Felswand hinter der Hütte die Gebirgsjäger.

Eine Bergdohle versucht seit einer Viertelstunde, einen Krümel von meinem Kuchen zu stibitzen.

Je höher man hinaufkommt, desto einfacher wird alles.

Probieren Sie’s aus!

Mittenwald (3) & Himmel der Bayern (79): Sternweißblau.

7 Uhr. Vorsichtiges, erstes Räkeln im Pensionsbett. Das Sprunggelenk schmerzt.
7:30 Uhr. Es gibt diese beneidenswerten Menschen, die ohne Frühstück schon munter und bewegungsfähig sind. Ich gehöre nicht dazu. Breze mit Butter, eine halbe Semmel mit Käse, dazu ein Ei, zwei Haferl Kaffee.
8 Uhr. Die Dusche funktioniert immer noch nicht vernünftig. Überraschende Temperaturwechsel verbrühen einem entweder die Kopfhaut oder lassen einen vor Kälte kreischen. Beschwere mich zum dritten Mal.
9 Uhr. Mit sonnencremeverklebten Fingern hänge ich das Handy nochmal ans Ladegerät und mache mir Notizen zum 30-minütigen Beratungsgespräch mit dem Juristen vom Mieterverein, das gerade hinter mir liegt. Noch zwei weitere Jahre als Mieter mit Münchner Mieteralltag, und ich kann den netten Herrn in seinem Job beerben. Danach informiere ich den Gatten über die neuesten Erkenntnisse zur Sachlage, erkundige mich nach seinem Befinden und natürlich nach dem des Dackelfräuleins. Alle sind wohlauf. Auch die Psocoptera.
10 Uhr. Rucksack gepackt. Leichteres Schuhwerk als gestern gewählt, auch kürzere Socken. Dick Kühlgel auf das Sprunggelenk geschmiert. Abmarsch. Von Mittenwald zum Lautersee, weiter zum Ferchensee, dann hinauf auf den Franzosensteig.

11 Uhr. Nächste Weggabelung erreicht. Beherzten Bergsteigern mit intakten Sprunggelenken sei hier der kleine, reizvolle, nur ca. 7-stündige Abstecher zur Oberen Wettersteinspitze empfohlen. Ich bleibe schweren Herzens auf dem Franzosensteig und steuere den Grünkopf an. 700 Höhenmeter und eine 17 km-Rundtour mit vier Stunden Gehzeit reichen mir heute ausnahmsweise.

12 Uhr. Der Franzosensteig trägt seinen Namen übrigens völlig zu recht. In weiten Teilen des Bergwalds umgestürzte Bäume, die wie ein Mikado aus Monsterbaguettes anmuten. Das erschwert den Aufstieg hie und da ziemlich. Und auf Buchenlaubschichten, so lockerluftig wie eine Mousse au chocolat, rutscht man die steilen, circonflexeartigen Kehren auch gern mal wieder hinab. Zudem säumen riesige Ameisenhaufen, die es locker mit dem Montmartre aufnehmen können, den gesamten Steig und laden definitiv nicht zum Verweilen ein. Aber wer weiß: der Franzose ist womöglich erfreut über dieses Gekrabbel, weil er das Getier gern frittiert. Ich kenn mich mit der französischen Küche nicht so aus, hab da aber noch irgendwas von bretonischer Kaldaunen im Hinterkopf. Brrrrr!

12:45 Uhr. Erstmals seit Corona unseren Planeten heimgesucht hat, bin ich wieder im Ausland: Servus Österreich, griaß di Tirol!

13 Uhr. Auf dem Gipfel des Grünkopfes ist niemand. Auch keine Schwaben. Das ist rein akustisch schon mal sehr angenehm. Die Fliegenschwärme dort oben sind lästig, aber im Vergleich zu Schwaben natürlich vollkommen harmlos. Phänomenale Aussicht: Ganz rechts das Karwendelgebirge, daneben die Soierngruppe, in der Ferne sogar der Rücken der Benediktenwand samt der Achselköpfe gut erkennbar, weiter links das Estergebirge. Wundervoll. Ich esse 4 französische Aprikosen und 4 Stückchen Schweizer Schokolade. Auch wundervoll. Ein nettes Paar aus Köln keucht kurz nach mir zum Gipfelkreuz hinauf. Das ist ein Dialekt, den ich gern höre.

14 Uhr. Abstieg zur Ederkanzel. Aus Verlegenheit lande ich schon wieder bei Schinkennudeln mit Salat, genau wie gestern auf der Brunnsteinhütte. Ich ersuche um wenig oder keinen Schinken, staune, genau wie gestern, über das Ergebnis meiner Bitte und erspare Ihnen das Bild dazu. Der Berggasthof Ederkanzel liegt zur einen Hälfte in Bayern, zur anderen in Tirol. Wegen des kosmopolitischen Feelings setze ich mich in den österreichischen Teil, allerdings unter einen bayerischen Sonnenschirm. Das wahre Highlight hier oben ist nämlich das echte Himmel-der-Bayern-Weißbier: auf eine Sternweiße von Hacker Pschorr trifft man in freier Wildbahn äußerst selten. Sie rangiert bei mir auf Platz 2 bis 3 meiner persönlichen Weißbier-Top-Five, und teilt sich diesen uneindeutigen Rang mit der Unertl-Weißen. Die Sternweiße ist bernsteinfarben und schmeckt sensationell. So wie fast alles nach gut drei Stunden Marschieren und Schwitzen echt toll schmeckt.
Einen Tisch weiter sitzen – wie könnte es anders sein? – Schwaben, zwei sogenannte rüstige Rentner. Solche, die mit E-Bikes hier raufgekommen sind. Schwaben, so denke ich, während ich ihnen zwangsweise zuhören muss, sind eigentlich genauso wie der Gatte gern die Italiener beschreibt: laut und ohne Unterlass am Labern. E-Bikes haben ja nach meinem Dafürhalten auf dem Berg nichts verloren, es ist eh schon genug los, und schauen Sie sich einfach mal an, wer auf diesen Vehikeln hockt: die, die so unsportlich sind, dass sie per pedes oder mit einem Mountainbike gar nicht mehr hinaufkämen. Das Problem: die meisten können weder lenken noch bremsen und sind auf Schotterstrecken schnell aufgeschmissen. Je nach Wegstück und Frequentierung desselben ist das brandgefährlich. Sollen sie Seilbahn fahren oder Sessellift oder – wenn es denn unbedingt sein muss – einen Kurs besuchen, wie so ein Pedelec zu bedienen ist.

15 Uhr. Es war doch noch etwas früh für ein Hopfengetränk, wie ich beim Aufstehen und Rucksackaufsetzen merke.

Sternweiße vor Brunnsteinspitze.

15:45 Uhr. Erreiche meine Unterkunft. Vor der Tür parkt immer noch der VW Caddy mit der Aufschrift „Toni Auer – Sanitär & Installationen“. Das verheißt nichts Gutes, denn der stand um 10 Uhr auch schon dort. Korrekt, die Dusche kann nach wie vor nur heiß oder kalt. Die Chefin kommt meiner vierten Beschwerde zuvor und bietet mir zur Beschwichtigung einen Gutschein für eine Bootsfahrt an. Nun gut, ich wollte eh noch an den See.

16:15 Uhr. Ich komme am Lautersee an und bin entzückt von dem Bootsverleih. Sie wissen ja, Bootsverleiher wäre einer meiner Traumjobs gewesen, wenn ich nur rechtzeitig und konsequent genug so etwas wie eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, um so richtig Karriere zu machen. Heute ist irgendwie ein gelber Tag, weshalb ich mich für Manu entscheide. Ein gelbes Tretboot, leider ohne Rutsche und Leiter, aber sonst recht flott.

 

16:23 Uhr. In Seemitte ziehe ich Badeanzug und Flossen an und lasse mich ins Wasser gleiten. Huijuijui! Sagen wir’s mal so: knapp 18 Grad sind nicht ganz meine bevorzugte Schwimmtemperatur. Schöner Bergsee hin oder her. Tapfer kraule ich ein Stück von Manu weg, drehe aber bald wieder um. Ich verschone Sie mit der Schilderung des graziösen Erklimmens des Tretboots nach dem Schwumm und bin schon gespannt auf die blauen Flecken. Blöde Bindegewebsschwäche und blöde Ungelenkigkeit. Gottseidank sieht einen keiner, so in Seemitte.
17:15 Uhr. Im Seebiergarten gönne ich mir noch ein Eis und eine Hollerschorle. Dann ist mein Tagesbudget aufgebraucht und die Wirksamkeit der LSF-30-Creme ebenfalls.
19:07 Uhr. Ich trete den Rückweg nach Mittenwald an. Der Installateurs-Caddy ist weg. Die Dusche funktioniert immer noch nicht. Das bringt mir nun mindestens einen weiteren Bootsgutschein ein, vielleicht schlage ich auch noch eine Kutschfahrt zum Schachenhaus raus. Da oben haben sie so guten Kaiserschmarrn.

Mittenwald (2).

…und nach der Rast weiter: hoch zur Brunnsteinspitze, mit Blick auf die Tiroler Alpen.

Alpin-Lyrik? Kann ich auch!

Beim Sprinten über nasse Wurzeln
Kommt selbst ein Gämslein mal ins Sturzeln
Muss hinken dann mit dicken Knöcheln
Ertragen plumper Wand’rer Röcheln

Bis endlich erreicht ist die Brunnsteinhütt’n
Um Weißbier auf den Schmerz zu schütt’n
Das ruckzuck seine Dienste tut
Worauf des Gämsleins Übermut

Es drängt, zur fernen Brunnsteinspitz’n
Erneut zu flott hinaufzuflitzen
So dass recht knapp vor der Zweitausend
Das Hirn befiehlt hinab zu sausen(d)

Der Order folgt das Gämslein brav
Wohl zur Belohnung trifft’s ein Schaf
(Mit allerliebstem Unterbiss
Vor Lachen s’Gämslein fast zerriss!)

Und kurz drauf folgt auch noch ein Esel
Mit Vornamen exakt wie der Fesl
Der Tag, so scheint’s, birgt mehr als Wunden
Zwei neue Freund‘ hat’s Gämslein g’funden!

Läuft glücklich ins Tale, zur Brauerei
Doch dort, da erlebt’s a Sauerei
Die Werdenfelser Weiße, die is a Fake-Beer
A Hopfeng’söff that has not been brewed here

Im Mittenwalder Krügerl verkauft
Damit’s da depperte Touri sauft!
Und die Moral von dera G’schicht?
Trau keinem hübschen Glaserl nicht.

Aber nach einundzwanzig Kilometern
Ist’s Gämslein z’miad, um weiter zu zetern
Humpelt jetzt heim in sein Quartier
Um hochzulegen alle Vier

Ins Flachland schick‘ ma liebe Grüße
Wer mag, der nehme sich auch Küsse!

Und morg’n, wann d’Sunn uns wieda lacht
Da fabulier’n ma aufs Neue, bis dass es kracht.

(Tipp der Redaktion: Halten Sie die Maus auf die Fotos, sonst entgehen Ihnen die unglaublich geistreichen Bildunterschriften!)

Mittenwald (1).

Blick aus dem Fenster: Abendliches Alpenglühen.

Nach nur 15 Stunden legt sich bereits ein Friede ums Herz, den ich nur im Wasser oder in den Bergen finde.

Badesee nur 15 Minuten entfernt!

Auf den Wörnerkopf oder durchs Dammkar oder zur Brunnsteinspitze, das frage ich mich, während mir zum Frühstück eine Breze serviert wird, die auch nach Breze schmeckt und nicht nach aufgebackenem Teigling.

Die schwäbelnden Gäste am Nebentisch sind coronabedingt angenehm weit entfernt, freuen sich aber ebenfalls über die Brääätzel und die Morgensonne, die die letzten Nebelschwaden und Wölkchen von der Westlichen Karwendelspitze verscheucht.

Blick aus dem Fenster: Guten Morgen, Karwendel!

Mit diesem und den kommenden Beiträgen grüßen wir ganz besonders die liebe A. aus B., für die und deren Begleiter auf zwei und vier Beinen wir hier schon mal Tipps für gelungene Urlaubstage sammeln werden – Prospekt folgt!

Staubl_auszeit.

Vielleicht haben Sie sich ja schon gefragt, ob der Kammerjäger mich am Freitag zusammen mit den Psocoptera ausgeräuchert hat?

Vielleicht hatten Sie aber auch andere Sorgen oder einfach Wichtigeres zu tun.

Für den Augenblick nur so viel: Der Kammerjäger war ein sympathischer Typ im Holzfällerhemd, mit Vollbart, ein Touch Harleyfahrer, in etwa mein Alter, nettes Münchnerisch.

War eine Stunde zu Besuch, hat viel geguckt und geredet. Die Vertreibung der ungebetenen Mitbewohner wird sich hinziehen. Ausräuchern is nich. Was ja gut ist.

Aber die Perspektive, die Genossen im übelsten Fall noch bis zum Herbst dulden zu müssen, die ist nicht so gut.

Danach noch ein bisschen Vermietergedöns bzw. Kommunizierenmüssen von Sachverhalten, die ähnlich unangenehm sind wie die Psocoptera selbst. Rechtsberatung beim Mieterverein folgt noch. Hurra.

Steuererklärung fertiggestellt und abgegeben. Hurra.

Dazwischen Regen, Regen und nochmal Regen.

Viel Gassigehen im Regen, einmal sogar mit Kuchenessen im Regen. Ausflug mit dem hübsch Bewimperten und seiner Hundedame, im Regen.

Freibadbesuche im Regen mit kalt Duschen im Regen und An- und Ausziehen im Regen. Hurra, hurra, hurra.

Und dann plötzlich beim Aufwachen das glasklare Gefühl, dass es jetzt mal reicht mit den lausigen Themen und Tätigkeiten.

Und auch mit dem Regen.

Der Papa schickt einen Geburtstagsvorschuss, ich schicke eine Mail gen Süden und informiere den aus Frankfurt heimkehrenden Gatten, dass er nun ein paar Tage ganz tapfer und ganz alleine das Dackelfräulein und die Psocoptera beaufsichtigen darf.

Weil die Hausherrin sich jetzt mal eine Staubl_auszeit nimmt.

Die Bergluft wird’s schon wieder richten. Prosit!

(Wie k.o. man ist, merkt man u.a. auch daran, dass man, wenn man auf dem Weg in die Auszeit auf einem Parkplatz anhält, um dort ein WC aufzusuchen, vor dem Verlassen des Autos doch tatsächlich der dackelleeren Rückbank ein „Ich komm gleich wieder!“ zuruft.)

Himmel der Bayern (76): Die Geierwaldi und ich.

…und im Traum sprach der bemooste Baum zu ihr:

Sobald dich morgens der Dackelbleschl im Ohr die Sonne im Gesicht kitzelt, springst du aus dem Bett, bewegst dich mit der Kaffeetasse an den Schreibtisch, arbeitest dort bis zur Mittagszeit, setzt danach dein Hündchen und deinen Pandemie-Popo ins Auto, fährst in die Berge und gönnst euch einen Nachmittag voller Sonne und Bewegung und guter Aussichten, fern der bellizistischen Sprachdeformationen in den Medien und fern der Texte, an denen du selbst gerade herumwürgst – das wird dir den Kopf wieder freipusten!“

*****

Erste Maiwoche in Bayern.

Die Ausgangsbeschränkungen wurden aufgehoben und durch eine neue Variante der Kontaktbeschränkungen ersetzt. Das erschwert sogleich die Arbeit an meinem akutellen (Neben-)Projekt, dem Wanderführer „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“ (wir berichteten HIER und auch DORT).

Denn: es wandern und bergsporteln jetzt wieder alle. Es herrscht nämlich Nachholbedarf. Sehr großer Nachholbedarf. Die Wanderparkplätze sind voll. Sehr voll. Und das sogar mitten unter der Woche.
Das bedeutet: die Zielkoordinaten für weitgehend kontaktlose Bergausflüge müssen erneut gründlich angepasst werden.

Weil die Tour erst um 14 Uhr beginnt (bis der halbe Arbeitstag absolviert und die Anfahrt erfolgt ist), daher nicht zu weit/hoch/lang.

Wir parken auf einem coronaleeren Schwimmbadparkplatz ( 😦  ) und schleichen uns über einsame Frühlingswiesenpfade bis zum Einstiegspunkt in den Wanderweg…

… Fräulein Pippa immer glücklich voraus, weil sie von der Tourleitung genau die Wege serviert bekommt, die sie liebt: dackelbreite, halbschattige Trampelpfade, katzen- und fliegenfrei, links das Bächlein, rechts die Kuhfladen – ja, so muss es sein, das Hundeleben!

Wir begegnen auf dem Bergsteig niemandem, machen auf einer friedlichen Waldlichtung Brotzeit, und ich bilde mir ein, am Rande dieser Lichtung jene Stelle wiederzuerkennen, an der vor einer gefühlten Ewigkeit der Kanadier, der mich während meiner damaligen Sommerferienarbeitswochen hier im Ort besuchte (was für sich genommen ja bereits der Höhepunkt des Sommers war, weil dieser Kanadier aus dem Isartal nämlich nicht nur eine Gitarre und ein Motorrad besaß, sondern auch noch aussah wie einer, der Gitarrespielen und Motorradfahren kann – und es auch tatsächlich konnte, Freundin H. aus der Schweiz wird es noch wissen und beim lesenden Erinnern, so sie denn trotz Homeoffice und ihrer Jungs dazukommt, ein schmachtendes Stöhnen von sich geben) und mich an einem verregneten Nachmittag überredete, auf genau diesen Berg zu steigen, was nicht gelang, weil es regnete und weil ich damals noch dermaßen aus Zucker war, was sich aber als strategisch äußerst sinnvoll erwies, da der Kanadier sodann zu meinem Schutz vor den Unbilden des Lenggrieser Landregens ein kleines Zelt aus seinem Rucksack kramte und es am Waldrand aufschlug und – jetzt halten Sie sich fest! – mir im Inneren dieser kleinen, dunkelgrünen Polyesterburg ein Yes-Torty kredenzte (ich hoffe schwer, Sie erinnern sich noch an diesen legendären Werbespot?), also nicht, dass mir die labbersüßen, luftigen Dinger je wirklich geschmeckt hätten, es ging da mehr so ums (sagen wir mal:) Atmosphärische und das hätte besser nicht sein können, nur eine Ukulele hätte er noch mitnehmen können, denke ich nun, Jahrzehnte später, die hätte locker noch in seinen Rucksack gepasst, aber auch nichts dran geändert, dass wir nach dem Törtchenverzehr triefnass wieder unten in der Jugendherberge ankamen, weil das blöde Zelt nämlich (anders als in der Werbung) undicht war, und der Hammer-Tag dann leider im Keller an der Tischtennisplatte endete (weil wieder mal irgendein Depp den Ballauswurfhebel am Kicker verkeilt hatte, => kein Ball = kein Kickern), und das auch noch mit diesem unerträglichen Rundlauf, bei dem ich erst recht nie einen Ball erwischte, und wie der Besuch des Kanadiers dann zu Ende ging, das habe ich komplett vergessen, meine Erinnerung hat sich irgendwo in diesem unseligen, zerrupften Jugendherbergskellertischtennisplattennetz verfangen und verheddert.

Wo waren wir noch gleich stehen- bzw. sitzengeblieben?
Ach ja, auf einem Baumstumpf auf der Waldlichtung an der Nordwestflanke des Geiersteins, auf der das Dackelfräulein und ich gestern Nachmittag einen Imbiss einnahmen.

Und es war klug, sich dort ordentlich zu stärken, denn im Anschluss stellte sich bald heraus, dass der Maßstab der topografischen Wanderkarte für eine Tourplanung ohne Brille dann wohl doch etwas zu klein war.

Was nach Rundtour über den Geiersteingipfel aussah, war zwar auch eine Rundtour, aber die winzige Kletterpassage war in echt nicht ganz so winzig, und fast wäre ich umgekehrt als wir da plötzlich vor einer Felspassage standen, an der der weitere Weg nicht mehr erkennbar war, außer, er würde direkt und recht weglos über diese Gesteinsbrocken verlaufen, die sich vor uns auftürmten, was aber nicht zu hoffen und zudem eben uneindeutig war.

Karte raus, Rucksack runter, Hund angeleint. Brille aufgesetzt und in die Karte geguckt. Doch, da gibt es einen Weg!
Karte wieder eingepackt, Stöcke an den Rucksack geschnallt, Hund samt Rucksack an einer Wurzel festgebunden. „Sitz und bleib!“ und „Ich komm gleich wieder!“.

Nun erstmal alleine gucken gegangen, d.h. einmal über diese unwegsame Passage geklettert, um zu sehen, ob ich da auch mit Hund rüberkäme. Ja, das würde schon klappen, aber nur ohne Rucksack, weil eine Hand am Fels und die andere am Dackel, das reicht an Konzentrations- und Balanceübung völlig, da kann ich nicht noch ein Glumpp am Rücken brauchen, das mich womöglich nach hinten zieht oder sich irgendwo verhakt.

Schlussendlich dieses Stück dreimal gegangen, 1x zur Erkundung, 1x mit Pippa auf dem Arm und 1x um den Rucksack zu holen.
Wenn ich nicht genau wüsste, dass es Außenstehende langweilt, würde ich über diese Momente mit Hund glatt ein eigenes Büchlein schreiben!
Das ist nämlich der Wahnsinn, wie man da all die Beziehungsjahre und all das, was man in ihnen an Bindung, Vertrauen und Verständigung aufgebaut und erreicht hat, so intensiv spürt! Wie der Hund das weiß, was in solchen Momenten „dran“ ist (totales Vertrauen, totale Folgsamkeit, totale Ruhe), und was man als Mensch für eine Kraft entwickelt, um die kleine Seilschaft sicher über so eine Stelle zu geleiten!

Nach diesem Abenteuer sind es nur noch wenige, felsige Minuten bis zum Gipfel. Spitzenmäßige Aussicht von dort oben, obwohl nur knapp 1.500m hoch, im Osten die Tegernseer Berge und das Mangfallgebirge, im Süden das Karwendel, weiter westlich Wetterstein und Zugspitze und 800 Meter unter uns funkelt die Isar in ihrem Flussbett und zieht ihre Schleifen durch das saftiggrüne Lieblingstal.

Ich küsse das Dackelfräulein auf ihre schwarzglänzende Nase und sage ihr, was für eine unglaublich geländeclevere, mutige und großartige kleine Gefährtin sie doch ist und gebe ihr ein Viertel von meinem Käsebrot ab, woraufhin sie mir sagt, dass sie mich ebenfalls liebt, aber es ruhig die Hälfte des Käsebrotes hätte sein dürfen, weil das dieser extrem großen Sache zwischen uns angemessener gewesen wäre als dieser knausrige Happen.

Ein weiterer Mensch kommt von der anderen Bergseite zu uns hinaufgestiegen, ein kurzes Gespräch ergibt, dass auch er den Plan verfolgte, die beliebteren Ziele der Region zu meiden und es bestätigt desweiteren meine Befürchtung Annahme, dass auch der Abstieg nochmal mit ähnlichen Herausforderungen gewürzt sein würde wie der Anstieg, aber das kann uns jetzt auch nicht mehr erschüttern.

Denn es ist ein guter Tag und wir sind in guter Verfassung.

Beim Hinabsteigen fällt mir einer der Filme ein, die der heimische Serienbeauftragte mir eines Abends während der ersten Corona-Wochen angedeihen ließ: „Nordwand“ (aber auch „Gott des Gemetzels“ und „Shining“ waren durchaus pandemiepassend, vor allem nach „Shining“ wusste man endlich mal, wieso man so schlecht schlief und so mies träumte). Wirklich der krasseste Bergfilm, den ich je gesehen habe und der mich darin bestärkte, auch fortan mit meinen Mikroabenteuern vollauf zufrieden zu sein und vermeintlich verpassten Chancen im Alpinsport keine Träne mehr nachzuweinen.

Unterwegs noch eine kleine Rast auf einer Bank, für eher schwindelfreie Spaziergänger, und unten im Tal angekommen dann fürs Fräulein noch ein Sprung ins kühle Nass des Schlossweihers.

Am Ufer einen Hundegassigänger nach dem schönsten Weg zum Schwimmbadparkplatz gefragt. Der Einheimische entpuppt sich als jemand, mit dem ich damals, in der Zeit jener Yes-Torty-Sommer und Ferienarbeitswochen, also vor rund 30 Jahren, stets unter einem Dach wohnte, weil er der Sohn der hiesigen Herbergseltern war.
Wir tauschen im Schnelldurchlauf die Eckdaten von drei Jahrzehnten aus (Ehen, Kinder, Ausbildungen, Berufe, Eltern, Hunde, Krankheiten, Wohnorte), er lässt den Papa grüßen, ich seine Mutter. Zum Abschied ruft R. mir noch zu, dass wir uns ja in 30 Jahren wieder mal hier am Schlossweiher mit unseren Hunden über den Weg laufen könnten.

Die Welt ist so klein.
Und je älter ich werde, desto mehr wächst das Bedürfnis, sie mir in gewisser Hinsicht auch so klein und überschaubar zu (er)halten, und es stimmt mich überaus froh und zuversichtlich, dass mir das meist auch gut gelingt, denn ich brauch‘ ja nicht viel zu meinem Glück und über die Jahre wird sogar das noch immer weniger (nicht das Glück, sondern die nötigen Zutaten dafür).

Jetzt nochmal 4 Tage Arbeitsklausur – und dann schauen wir mal, wo wir als nächstes unser Glück finden!

In vier Schritten zum perfekten „Homeoffice“.

Schritt 1: Suchen Sie sich in Ihrer Wohnung einen angenehm ruhigen und aufgeräumten Ort aus, der sich gut zum Denken und Arbeiten eignet und Ihrer Tätigkeit auch unter ergonomischen Gesichtspunkten dienlich ist.

Schritt 2: Gestalten Sie sich Ihren Arbeitsplatz so, dass Sie es dort bequem haben und bis zur Mittagspause nicht mehr aufstehen müssen können wollen.

Schritt 3: Platzieren Sie nun Ihre Arbeitsutensilien. Seien Sie dabei achtsam und spüren Sie genau hin, ob alles harmoniert und atmosphärisch stimmig ist. Sie sollen sich ja schließlich gern an Ihrem Arbeitsplatz aufhalten.

Schritt 4: Wenn sich für alles die passende Position und Betriebstemperatur gefunden hat, beginnen Sie mit der Arbeit. Lassen Sie sich in Denkpausen nicht von den plötzlich erscheinenden Fotos auf Ihrem Bildschirmschoner ablenken und ignorieren Sie auch die Hüftstarre, die sich nach ungefähr zwei Stunden unweigerlich einstellt. Genießen Sie stattdessen die wohlige Beheizung Ihrer Innenmenisken und Waden sowie das sanfte Beben Ihrer Laptoptastatur, das davon kündet, dass soeben in einem maximal weit von Ihrem Arbeitsplatz entfernten Sektor der Wohnung vom Briefträger ein Bußgeldbescheid und eine Südtirol-Wanderurlaub-Werbung eingeworfen wurden.

Song des Tages (53).

Nach einigen Lebenswochen mit den Ausgangsbeschränkungen bzw. der veränderten neuen Normalität, die sich immer noch ziemlich unnormal anfühlt, stellt sich allmählich eine seltsame Gleichförmigkeit des Alltags ein, die einhergeht mit einem zunehmenden Verlust des subjektiven Zeitempfindens und einer vormals konstant vorhandenen Zukunftsorientierung.

Vorausplanung findet kaum noch oder nur noch für Unabdingbares statt, Retrospektiven haben sich in Wohlgefallen aufgelöst, was zählt, ist vor allem das Hier und Heute.
Der tägliche Fragen-Kanon: Wann gehe ich zum Einkaufen (dauert ja alles länger), was koche ich in den nächsten zwei, drei Tagen (das zu häufige Hinausgehen wegen der Einkäufe soll ja reduziert werden), wann erledige ich den Haushalt (fällt ja schon deutlich mehr an, wenn immer alle daheim sind), wie lege ich meine Arbeitsstunden (auf morgens/mittags/abends? oder gleich auf morgen?), welche Telefonate/Mails sind zu führen/schreiben (Freunde, Papa, Handwerker, Kundenservices, Versicherungen?), wann kommt Lolek wieder (bzw. wie trocken ist das Loch in der Wand?), wo findet die nächste Sporteinheit statt (Park? Wald? Isar? See? Berge?), wohin fliege ich heute mit dem Dackelfräulein aus (Park? Wald? Isar? See? Berge?), welche Runde wählen wir für den allwöchentlich stattfindenden, nun offiziell erlaubten Ausflug mit D. (Park? Wald? Isar? See? Berge?).

Viel mehr ist da derzeit nicht. Und doch ist das völlig genug, sind die Tage ausgefüllt und ein ganz neuer Trott ist entstanden und entsteht noch. Oder besser: sowas wie ein Rhythmus schleicht sich ein, es ist der Rhythmus dieses so speziellen Frühsommers, dessen Pulsschlag wir mittlerweile wohl verinnerlicht haben, mehr und und mehr stülpt er unserem Leben, wie es jetzt nun mal ist oder sich gerade neu formiert, seinen Takt über.

Das ist keine frühlingsleichte Sonatine, an deren Live-Aufführung wir gerade teilhaben, so viel ist längst klar, eher wird das eine wuchtige Symphonie. In welchem Satz befinden wir uns gerade? – frage ich mich manchmal, hoffe insgeheim, wir näherten uns bereits dem Scherzo, spüre aber, dass wir grad mal im Adagio angelangt sind, höchstens. Da folgt also noch Einiges, niemand überblickt es genau, und weil das jetzt so ist, ist der Radius unseres üblichen Blickes (vor, zurück, rechts, links, oben, unten) nun auch ein anderer. Fokussierter. Weniger unstet. Vielleicht auch geduldiger.

Sind wir etwa allmählich im Hier und Jetzt angekommen?
Also dort, wo z.B. das Dackelfräulein schon immer lebte?

Gääääähn! Gibt’s hier im Blog auch mal wieder was Neues? Nö?!? Können wir dann nicht auch mal wieder ohne Fotosessions zum Wandern gehen?

*****

Wenn es nach meiner vierbeinigen Gefährtin ginge, dürfte diese Pandemie ruhig noch fortdauern: das Rudel ist täglich vollständig, der „Papi“ hat das Pendeln eingestellt und nun viel mehr Zeit zum Spielen, die Stadtspaziergänge haben sich auf ein Minimum reduziert, man hund wird nicht mehr wegen des Besuchs kultureller Veranstaltungen oder wegen zweistündiger Ausflüge ins Schwimmbad alleingelassen und dank des täglichen Gewerkels in der Küche fällt auch viel mehr zwischendurch ab – so könnte es gut und gerne bleiben!

(Sonntag. Weit südlich der Stadtgrenze. Im Sauseschritt zur Isar. Sonne, Sandboden, Wind im Fell, den Geruch des Wildflusses in der Nase. Was für ein Hundeleben!)

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Die Münchner üben nun Masketragen. Man zurrt das Ding ums Kinn, gern auch ums Doppelkinn (Nase und Mund liegen frei), spaziert herum und schaut grimmig. Ab morgen gilt’s – und man darf gespannt sein, ob und wie das hinhaut.

Ansonsten befindet sich die gesamte Stadt im Sportwahn. Überall wird gehechelt, geschwitzt, geackert. Aktuell (ich sitze gerade beim Weißbiersport auf meiner Parkbank) 8 Surfer auf der Theresienwiese, 5 Federball-Teams, mindestens 20 Skateboarder und ebensoviele Inlineskater. Walker, Jogger und Radler sind „durchlaufende Posten“, die zähl ich nicht.

Die Parkbänke am Rande der Wiesn: alle belegt. Mit je 2 Personen, dazwischen Abstand, der mit Büchern, Getränken, Smartphones und Zigarettenschachteln gefüllt wird. Eine Bank weiter erspähe ich aus dem Augenwinkel Nachbar M., der sich in den letzten Wochen als Verschwörungstheoretiker entpuppte. Wann immer man sich nun über den Weg läuft, versucht er einen ins Gespräch zu verwickeln und darzulegen, wieso Bill Gates und die Pharmaindustrie an allem schuld und wir nur naive Idioten sind, die der großangelegten Manipulation auf den Leim gehen. Der Gatte hat sich die Tage schon mit ihm angelegt, mir steht das noch bevor, fürchte ich. Nur gut, dass es mit anderen Nachbarn grad umso netter und angenehmer ist.

Mit manchen Freunden (oder Bekannten?) zur Zeit völlige Sendepause, ein paar dabei, von denen ich das nicht gedacht hätte. Mit anderen dafür engerer Kontakt als zuvor. An manchen Tagen beinahe eine Standleitung nach Köln, man prostet einander virtuell zu und erzählt sich alles, wozu sonst nie so richtig Zeit war. Homeoffice offeriert auch Freiheiten, sofern keine Kleinkinder in der Wohnung herumspringen und bespaßt werden wollen oder der Arbeitgeber ständig zu Zoom-Konferenzen einlädt.

Nebenbei bin ich tatsächlich Fan von Live-Streams geworden. Diese Woche mit Glen Hansard auf seinen 50. angestoßen. Und mir in der Wanne liegend und meinen Rücken schrubbend von Cammy Black ein gecovertes „Born to run“ gewünscht, um den Bergtag würdig zu beschließen. Spielt er dann auch und sendet Grüße aus Schottland nach Bayern. Feine Sache. Möge bitte das Handtuch am Wannenrand, auf dem das Smartphone platziert ist, niemals auf die Idee kommen, zu verrutschen.

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Überhaupt auf einmal wieder mehr Zeit für Musik. Oder ein größeres Bedürfnis danach.

Der Shuffle-Modus der SD-Card im Auto gräbt momentan vermehrt die seltenen Titel aus. Beispielsweise die „Tracks“, an denen ich mich vor langer Zeit wundgehört hatte. Fast vergessene Perlen sind dabei, heute diese hier, ein Song, den ich jahrelang nicht mehr gehört habe, aber sofort wieder so schön fand, und auch so wohnzimmerkonzertgeeignet:

It’s one for the money and one for the show
I got one kiss for you honey so come on let’s go
I didn’t see it coming but girl now I know
It takes one for the running but two for the road

One thousand dreams whispered in the dark
But a dream’s just a dream in one empty heart
It takes more than one to rev it up and go
So let’s get it running, we’re two for the road

Two one-way tickets and a diamond ring
Hell it don’t matter what the rain might bring
Whoa, when this world treats you hard and cold
I’ll stand beside you, we’re two for the road

When you’re alone my love’ll shine the light
Through the dark and starless night
I’ll hold you close and never let you go
C’mon now girl ‚cause we’re two for the road
Well it’s two to get ready, babe, c’mon let’s go
Me and you, girl, we’re two for the road

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Das Dackelfräulein und ich verabschieden uns hiermit für ein Weilchen – eine Woche oder auch zwei?, es wird sich zeigen! – und wünschen der Leserschaft derweil gutes Durchatmen (trotz der morgen beginnenden Maskenpflicht), guten Durchblick (trotz der teils strapaziösen Nachrichtenlage) und natürlich weiterhin gute Gesundheit (trotz…, na, Sie wissen schon!).

Herzliche Grüße & bis bald wieder!
Ihre Kraulquappe.

Another Workout with Waldi.

Ein hundum guter Tag heute.
Stadtferner Stabilisierungs- und Distanzierungs-Marsch ohne Fremd-Aerosole und Zickzacklaufen.
Dafür mit allerlei Equipment auf dem Rücken, was einen zusätzlichen Trainingseffekt beschert: Neben Proviant und Wechselwäsche noch Hundetrage, Decke und Verbandszeug (wir hätten locker biwakieren können), denn die Bergretttung zu rufen, das ist ja – so unwahrscheinlich der Fall der Fälle auch ist bei diesem Gelände – derzeit tabu (so tabu wie es der Zwiesel und der Blomberg zu normalen Zeiten wären).

Unterwegs beschlossen, ab sofort für eine Weile nur noch abends Nachrichten zu konsumieren.
Die Filter sind etwas überstrapaziert, auch diese funktional-technische Rhetorik mit all ihren Anglizismen (Hochfahren, Runterfahren, Exit-Fahrplan, Shutdown, Lockdown) kann ich grad nicht mehr hören.

Es beglückt mich zutiefst, beim Rasten die Umgebung und meine Wanderkarte zu studieren und beim Abstieg das alte Kookaburra-Lied zu singen, das mir der Papa vor langer Zeit mal in den Bergen beibrachte.
Sehr schön ist auch, dass einen grad niemand beim Singen ertappt.

Mit einem weiteren Waldi-Video beenden wir nun diesen Tag und wünschen Ihnen eine gute Nacht!